Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England Nach eigenen Anschauungen und authentischen Quellen, Leipzig 1845

Bei Die Lage der arbeitenden Klasse in England von Friedrich Engels (1820-1895), 1845 erschienen, handelt es sich um eine mehrere hundert Seiten lange Schrift, in welchem die Arbeits- und Lebensbedingungen des britischen Proletariats von Manchester über London bis nach Edinburgh beschrieben werden. Seine Bilanz der Notlage umfasst neben der Schilderung der städtischen Armut und der irischen Einwanderung auch die »Stellung der Bourgeoisie zum Proletariat«, so der Titel des letzten Kapitels. Von dem Kommunisten Wlademir Lenin (1870-1924) als ein »hinreißend geschriebene[s] Buch« bezeichnet, das die »überzeugendsten und erschütterndsten Bilder vom Elend des englischen Proletariats« entwerfe, kann Engels‘ Schrift zu Recht als ein Klassiker der Arbeiterliteratur gelten.[...]

Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. Nach eigner Anschauung und authentischen Quellen, Leipzig 1845[1]

von Alexandra Przyrembel

Bei Die Lage der arbeitenden Klasse in England von Friedrich Engels (1820-1895), 1845 erschienen, handelt es sich um eine mehrere hundert Seiten lange Schrift, in welchem die Arbeits- und Lebensbedingungen des britischen Proletariats von Manchester über London bis nach Edinburgh beschrieben werden.[2] Seine Bilanz der Notlage umfasst neben der Schilderung der städtischen Armut und der irischen Einwanderung auch die »Stellung der Bourgeoisie zum Proletariat«, so der Titel des letzten Kapitels. Von dem Kommunisten Wlademir Lenin (1870-1924) als ein »hinreißend geschriebene[s] Buch« bezeichnet, das die »überzeugendsten und erschütterndsten Bilder vom Elend des englischen Proletariats« entwerfe, kann Engels‘ Schrift zu Recht als ein Klassiker der Arbeiterliteratur gelten.[3] Das Buch wurde mehrfach wiederaufgelegt und ebenso – wenn auch mit erheblicher Zeitverzögerung – in zahlreiche Sprachen übersetzt.[4]

Zwei Interpretationen haben sich in der historischen Forschung über Die Lage der arbeitenden Klasse in England etabliert. Nicht nur Lenin sah in dem zweihundert Seiten langen Text eine »antibürgerliche Emanzipationsschrift«, wobei das Frühwerk von vielen Biographen auch als ›Emanzipation‹ von seinem elterlichen Hintergrund wie als Reaktion auf die verheerenden Lebensumstände von Arbeitern im Wuppertal, in den Städten Barmen und Elberfeld, gesehen wird. Die zweite Lesart des Textes, wie sie beispielsweise Judith Walkowitz in ihrer bahnbrechenden Studie The City of Dreadful Delight (1992) vorschlägt, setzt sich mit der Frage auseinander, inwieweit die Studie von Friedrich Engels einen spezifischen Beitrag zur Stadterfahrung in der Moderne leistet. Ein Charakteristikum dieser modernen Stadtliteratur sind die Bezüge zur Kolonialgeschichte, in denen der in der Regel bürgerliche Erzähler immer wieder betont, dass in den europäischen Metropolen Räume existieren, die so fremd und unwirtlich seien wie der Dschungel Afrikas.

In seinem Erstlingswerk verarbeitet der Industriellensohn Engels auch Eindrücke, die er selbst während seines Aufenthaltes in Manchester gewonnen hatte. Nach Manchester war Friedrich Engels von seinem Vater, von Friedrich Engels sen., zu Beginn der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts entsandt worden, um in dem Familienunternehmen Engels & Ermen zu arbeiten. Manchester war zu diesem Zeitpunkt die führende Industriestadt Europas. Die kaufmännische Ausbildung, die Friedrich Engels durchlaufen hatte, gehörte wie der Auslandsaufenthalt zu den Bildungsstationen, die ein männliches Mitglied der Barmer Honoratiorenschaft zu absolvieren hatte.

Nach der Rückkehr in seine Heimatstadt Barmen schrieb Engels den Text im Winter 1844/45 nieder. In seiner Vorrede zur Die Lage der arbeitenden Klasse in England aus dem Jahr 1845 wendet er sich explizit als Fremder an die Arbeiter Großbritanniens, der die zivilisierte Welt über die erniedrigenden Lebensumstände des britischen Proletariats informiert.

»Working Men!«, so der Appell Engels, »To you I dedicate a work, in which I have tried to lay before my German Countrymen a faithful picture of your condition, of your sufferings and struggles, of your hopes and prospects. I have lived long enough amidst you to know something about your circumstances; I have devoted to their knowledge my most serious attention, I have studied the various official and non-official documents as far as I was able to get hold of them – I have not been satisfied with this, I wanted more than a mere abstract knowledge of my subject, I wanted to see you in your homes, to observe you in your every-day life, to chat with you on your condition and grievances, to witness your struggles against the social and political power of your oppressors.« (Engels, Lage, 3)

Bereits auf diesen wenigen Zeilen beschreibt Friedrich Engels die Techniken und Verfahren, die er zum Erwerb von Wissen über die Lage der arbeitenden Klasse in England anwendet. Die spezifische Wissensproduktion ist neben der plastischen Darstellung des Elends einer der Gründe, weshalb die Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England für Jahrzehnte im Kontext der Arbeitergeschichte als Pionierarbeit galt. Diese beiden Aspekte – die Strategien des Wissenserwerbs einerseits, die spezifische Darstellung des Elends andererseits – sollen im Folgenden näher ausgeführt werden.

Engels begnügt sich in seiner Schrift nicht mit der Generierung eines »abstrakten« Wissens über die Lage des britischen Proletariats, dessen Notlage er vor allem auf die industrielle Revolution und die sich in ihrem Gefolge zuspitzenden Besitzverhältnisse zurückführt. Er verfolgt vielmehr den Anspruch, authentisches Wissen über das Elend der unteren Schichten herzustellen. Dieser Authentizitätsdiskurs hat folgende vier Komponenten: Die ›Authentizität‹ wird erstens dadurch erreicht, dass Engels Zeitzeugen – also Angehörige der unteren Schichten – selbst zu Wort kommen lässt. Dabei haben diese authentischen Stimmen durchaus etwas Groteskes. So überträgt Engels beispielsweise den Brief des Arbeiters Robert Pounder ins Deutsche und bemüht sich um eine Imitation des Dialekts, was den Text vermutlich im Jahr 1845 genauso verständlich machte wie heute. Über den armen Jack heißt es unter anderem: »Er Sas und Stoppfte seiner frau Ire strümfe mit der Stopf Natel und sobalt Er Sein alten Freund an den TürPosten Sahe, Versugte Er es zu Verberrgen […].« (Engels, Lage, 180)

Der ›Authentizitätsdiskurs‹ wird zweitens hergestellt, indem Belege für die Neudefinition von Arbeit durch die Maschine, für die Erfahrung von Entfremdung erbracht werden. Sie war im Übrigen auch in Barmen schon lange vor Engels’ Lage der arbeitenden Klasse in England Gegenstand des öffentlichen Interesses. Wie ein antiker Reisebericht vermittelt der Text drittens Authentizität dadurch, dass Engels die Elendsviertel Manchester selbst durchschritt und hierüber seine Eindrücke niederlegte. Auch eigene Skizzen der Topographie Manchesters – ja selbst der engen Hinterhöfe – dienen der topographischen Veranschaulichung des Elends (Engels, Lage, 67, 74, 76). Und schließlich viertens: Zur Dokumentation der von ihm skizzierten Missstände zitiert Engels eine Vielzahl unterschiedlicher Stimmen, vor allem aber die von Experten wie einzelne Ärzte oder auch die Statistical Societies. Maßgeblich wurde Engels beispielsweise von dem Arzt James Philipp Kay (1804-1877) beeinflusst, dessen Schrift The Moral and Physical Condition of the Working Classes (1832) die zentrale Materialgrundlage von Engels eigenem Text war. Hier polemisiert Kay gegen die Unmoral der unteren Schichten. Kay war an der Gründung der Manchester Statistical Society beteiligt, die 1833 – noch vor der bedeutenderen Gesellschaft in London – als erste Statistische Gesellschaft gegründet worden war, um mit Hilfe von quantitativen Erhebungen die Lebensumstände der arbeitenden Bevölkerung zu erkunden. Dabei interessierten sich die bürgerlichen Mitglieder der statistischen Gesellschaften in ihren Umfragen gleichermaßen für die Anzahl der Bücher oder Betten als auch für die Beschaffenheit der Möbelstücke.

Die Materialgrundlage, auf deren Grundlage Engels sich um ein scheinbar ›authentisches‹ Bild der Lebensumstände der verelendeten Arbeiterschaft bemüht, ist maßgeblich von einer Moraltopographie geprägt. Diese Moraltopographie stellt mit ihrer Forderung nach Reinheit im Sinne von Reinlichkeit Bezüge zum hygienischen Diskurs her, wie er seit Ende des 18. Jahrhunderts maßgeblich von den bürgerlichen Schichten, und hier vor allem von Ärzten, propagiert worden war. Darüber hinaus stellt Engels in seiner Schrift ebenso Bezüge zur Kolonialliteratur her, indem er scheinbare Parallelen zwischen dem Schicksal der verelendeten Arbeiterschicht und dem der »Wilden Australiens oder der Südsee-Inseln« (Engels, Lage, 43) nachweist und hierüber die Notwendigkeit der Abhilfe im Sinne der von ihm avisierten Selbstbefreiung des Proletariats unterstreicht. Die Moraltopographie kommt in der Schrift Die Lage der arbeitenden Klasse in England allerdings noch in einem weiteren Aspekt zum Ausdruck, nämlich in der geradezu sakralen Beschwörung des Elends. Aufgrund der letztlich religiösen Interpretation des Elends bleibt die große Mehrheit der Arbeiterschaft von der Option der Veränderung ausgeschlossen.

Doch in welchem Kontext bewegt sich die Schrift Engels‘, und wie konkretisiert sich die Elendstopographie genauer in seinem Text? Die Beschwörung des Elends in Die Lage der arbeitenden Klasse in England steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den pietistischen Vorstellungen, wie sie unter den Engels‘ und anderen Familien im Wuppertal existierten. Zwei Dinge waren es, die die Familien des Patriziats im Wuppertal über die Stadtgrenzen hinaus bekannt gemacht haben: die frühe Industrialisierung und der Pietismus. Das ›Soli deo Gloria‹, das auf den Geschäftsbüchern stand, macht deutlich, dass modernes Wirtschaften und religiöse Disziplin hier einander nicht ausschlossen, sondern sich vielmehr gegenseitig bedingten. Der berufliche Erfolg konstituierte die Gewissheit zu einer besonderen Elite zu gehören. Die religiös begründete Neigung zur »innerweltlichen Askese« (Max Weber) wirkte auch auf das familiäre Zusammenleben zurück.[5] Die Briefe, die Friedrich Engels senior (1796–1860) mit seinen engsten Vertrauten führte, belegen diese Geisteshaltung: Der Glaube erscheint ihm als das »rechte Präservatif gegen Melancholie«.[6] Engels jun. sagte sich früh von dem pietistischen Hintergrund seines Elternhauses los. Genau von diesem Erklärungs- und Wahrnehmungsmuster ist sein Erstlingswerk in entscheidender Weise geprägt.

Diese religiösen Bezüge werden in Die Lage der arbeitenden Klasse in England vor allem in der Thematisierung des Elends deutlich – die Elendstopographie strukturiert Engels‘ Beschreibungen von London und Manchester, von Edinburgh und Dublin auf eine sehr spezifische Weise: Die Lage der arbeitenden Klasse in England erscheint dem Beobachter Engels als Dante’sches Inferno – als ein »scheußliche[r] Zustande dieser Hölle auf Erden« (Engels, Lage, 72). Engels bedient sich in seiner Schrift somit also durchaus explizit einer religiösen Metaphorik. Schließlich schöpfte er sein Wissen über die Not der Arbeiterschaft nicht nur aus den scheinbar objektiven und nüchternen Analysen der bereits erwähnten Statistical Societies, sondern ebenso aus Berichten von Kirchenleuten, die beispielsweise das Laster der Trunksucht beklagten. Außerdem verwendet er die christliche Metaphorik auch in der polemischen Überspitzung, um die »Sünde[n]« der Bourgeoisie zu brandmarken (Engels, Lage, 187). Kurz: Gleichwohl Die Lage der arbeitenden Klasse in England immer wieder auch mit einer christlichen Metaphorik operiert, offenbart sich die Schrift nicht allein auf der semantischen Ebene als religiöser Text, sondern vor allem in der spezifischen Beschreibung des Elends. Die Lage der arbeitenden Klasse ist, dieser Interpretation zufolge, letztlich unabänderlich. Hiermit nimmt Engels wiederum eine Annäherung an pietistische Deutungen des Elends vor, die persönliche und gesellschaftliche Not als Prüfung Gottes und somit in letzter Konsequenz als selbstverschuldet betrachten.

In der modernen Stadt herrsche, so die Beobachtung von Engels, überall »barbarische Gleichgültigkeit, egoistische Härte« und »namenloses Elend« (Engels, Lage, 32). Drei miteinander verknüpfte Elemente bedingen das Elend in den ärmsten Gegenden der Stadt: der Schmutz, die Gefahr der Kontamination und die Figur des Wilden. Mit dem Schmutz und der räumlichen Nähe gehe die moralische Verwahrlosung des Arbeiters einher: »Die Wohnungen der ärmeren Klasse sind«, so lässt Engels seine Leserinnen und Leser wissen, »im allgemeinen sehr schmutzig und augenscheinlich nie auf irgend eine Weise gereinigt; sie bestehen in den meisten Fällen aus einem einzigen Zimmer, das, bei der schlechtesten Ventilation, dennoch wegen zerbrochener, schlecht passender Fenster kalt ist – zuweilen feucht und teilweise unter der Erde, immer schlechter möbliert und durchaus unwohnlich, so daß ein Strohhaufen oft einer ganzen Familie zum Bette dient, auf dem Männer und Weiber, Junge und Alte in empörender Verwirrung durcheinander liegen.« (Engels, Lage, 51)

Wohndichte, Promiskuität und der Genuss von Branntwein scheinen die nahe liegende Folgerung. In besonderer Weise aber wird der »Irländer« als unverbesserliche Spezies unter den Ärmsten der Armen markiert. Vor allem die »abnorme Art von Viehzucht in den großen Städten ist«, so die Beobachtung Engels, »ganz irischen Ursprungs; der Irländer hängt an seinem Schwein wie der Araber an seinem Pferd, nur daß er’s verkauft, wenn es zum Schlachten fett genug ist – sonst aber ißt er mit ihm und schläft mit ihm, seine Kinder spielen mit ihm, und reiten darauf und wälzen sich mit ihm im Koth, wie man das in allen großen Städten Englands Tausende von Malen sehen kann.« (Engels, Lage, 117f.). Diese Herstellung von »metaphorischen Verhältnissen«, wie sie in diesem Zitat deutlich werden, lassen die »Iren wie Tiere« und die »Tiere wie Iren« erscheinen. Engels, und hierauf haben Peter Stallybrass und Allon White in ihrer Studie The Politics and Poetics of Transgression (1986) bereits vor einigen Jahren hingewiesen, bewegt sich hier innerhalb des Diskurses über die Iren als Rasse, dessen Wurzeln bereits im späten 16. und im frühen 17. Jahrhundert herausgebildet wurden (ebd., 132f).

Das Elend ist somit eine der Schlüsselkategorien Engels’ in Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Sie tritt in dieser säkularen Schrift an die Stelle der Sünde. Das Elend bestimmt die Straße, die Höfe, die Cottages und auch das Innere der Wohnungen der unteren Schichten. Ohne explizit auf das Bild der Hölle zu verweisen, kommt seine Schilderung des Flusses Irk, der die Industriestadt Manchester teilt, einem Inferno gleich. Der Fluss schäumt und tost: »In der Tiefe fließt oder vielmehr stagniert der Irk, ein schmaler, pechschwarzer, stinkender Fluß, voll Unrat und Abfall, den er ans rechte, flachere Ufer anspült; bei trocknem Wetter bleibt an diesem Ufer eine lange Reihe der ekelhaftesten schwarz-grünen Schlammpfützen stehen, aus deren Tiefe fortwährend Blasen miasmatischer Gase aufsteigen und einen Geruch entwickeln, der selbst oben auf der Brücke, vierzig oder fünfzig Fuß über dem Wasserspiegel, noch unerträglich ist. […] Man kann sich also denken, welcher Beschaffenheit die Residuen sind, die der Fluß hinterläßt.« (Engels, Lage, 68).

»Much remains to be undergone; be firm, be undaunted – your success is certain, and no step you will have to take in your onward march, will be lost to our common cause, the cause of Humanity« – mit diesem Fazit beschließt Engels seine hier abgedruckte Vorrede (Engels, Lage, 5). Der von ihm auf diesen letzten Zeilen vorgeschlagene Weg, der letztlich zu einer Durchsetzung der Menschlichkeit führen möge, wird durch die Unabänderlichkeit konterkariert, mit der das Elend in der Gestalt von Trunksucht, Promiskuität und vor allem dem Schmutz in Die Lage der arbeitenden Klasse in England gekennzeichnet wird. Einige gehen auf diesem von Engels avisierten Weg unwiederbringlich verloren: Neben den wilden »Irländern« bleibt auch den Frauen die Möglichkeit der Selbstbefreiung verwehrt. Sie tauchen in seinem Text vor allem als kranker, gar toter Leib auf oder als Synonym für die Verkehrung der Geschlechterordnung, als Arbeiterin, die ihre Familie versorgt und ihrem Ehemann dadurch Schamgefühle entlockt. Die Idee, dass der gemeinsame Weg erst nach einer individuellen Läuterung beschritten werden kann, macht Engels‘ Schrift zu einem religiösen Text wie die gelegentlichen Verweise auf eine christliche Metaphorik. Der Elendsdiskurs, wie er den Engels’schen Text beherrscht, wirkte in einem gleichermaßen berühmten Buch nach, das Friedrich Engels gemeinsam mit Karl Marx einige Jahre später vorlegte. Im Kommunistischen Manifest (1848) bewegt sich das Lumpenproletariat – darin durchaus den »Irländern« vergleichbar – am unteren Ende der sozialen Leiter: »Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft«, so prognostizieren die Autoren, wird »seiner ganzen Lebenslage nach« bereitwilliger sein, »sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen.«[7] Letztlich ist es also dieser Elendsdiskurs, der die unabänderliche Differenz der unteren Schichten angesichts ihrer »ganzen Lebenslage « bis weit in das 20. Jahrhundert hinein festschreibt.


[1] Essay zur Quelle: Engels, Friedrich: To the Working Classes of Great-Britain (1845).

[2] Dieser Beitrag bezieht sich sowohl auf die hier abgedruckte Vorrede, als auch auf einige ausgewählte Abschnitte, die sich mit den Arbeits- und Lebensbedingungen der arbeitenden Klasse beschäftigen. Die Ausgabe von Die Lage der arbeitenden Klasse in England (1845) steht auch online als Gesamtwerk zur Verfügung, u.a. bei google.books (URL: http://books.google.de/books?id=0H4IAAAAQAAJ&printsec=frontcover&dq=Die+Lage+der+arbeitenden+Klasse&hl=de&ei=YQRpTevSOcn3sgbBqMH5DA& amp;sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1&ved=0CCoQ6AEwAA#v=onepage&q&f=false (26.02.2011)). Für die Bestimmung der semantischen Felder, wie sie sich in der Schrift nachweisen lassen, ist die online-Ausgabe ausgesprochen nützlich. So lässt sich beispielsweise feststellen, dass die Schlüsselkategorie Elend einige Dutzend Male auftaucht.

[3] Der Herausgeber der Schriften Engels, Vladimir Adorastkij, bezieht sich hier auf einen Nachruf Lenins aus dem Jahr 1895 (vgl. Vladimir Adoratskij, Einleitung, in: Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klassen in England. Karl Marx/Friedrich Engels: Kritische Gesamtausgabe, Erste Abt., Bd. 4, Glashütten (1970), IX-XX, X).

[4] Der Text erschien 1887 erstmals in den USA auf Englisch; 1892 wurde die britische Ausgabe der Schrift verbreitet. Die deutsche Fassung wurde mehrfach wieder aufgelegt. Eine Übersetzung ins Französische erfolgte, versehen mit einer Einleitung des britischen Historikers Eric Hobsbawm, allerdings erst zu Beginn der 1960er Jahre.

[5] Vgl. Wolfgang Köllmann, Sozialgeschichte der Stadt Barmen im 19. Jahrhundert, Tübingen 1960, 110. Bei der sozialhistorischen Studie von Köllmann handelt es sich nach wie vor um eine vorbildliche Studie zur Frühindustrialisierung.

[6] Brief 130, Schreiben von Friedrich Engels senior an seine Braut Elise van Haar 21.9.1816, zit. nach: Michael Knierim (Hg.), Die Herkunft des Friedrich Engels. Briefe aus der Verwandtschaft 1791-1847, Trier 1991, 264f.

[7] Friedrich Engels/Karl Marx, Manifest der Kommunistischen Partei (1848), in: Friedrich Engels/Karl Marx, Werke, Bd. 4, Berlin (Ost) 61972, 495-493, 471.




Literaturhinweise
  • Fabian, Johannes, Time and the Other. How Anthropology Makes its Object, New York 1983.
  • Frey, Manuel, Der reinliche Bürger. Entstehung und Verbreitung bürgerlicher Tugenden, 1760-1860, Göttingen 1997.
  • Lindner, Rolf, Walks on the Wild Side. Eine Geschichte der Stadtforschung, Frankfurt am Main/New York 2004.
  • Przyrembel, Alexandra, Verbote und Geheimnisse. Das Tabu und die Genese der europäischen Moderne, Frankfurt/Main 2011.
  • Sarasin, Philipp, Reizbare Maschinen. Eine Geschichte des Körpers 1765-1914, Frankfurt am Main 2001.
  • Stallybrass, Peter; White, Allon, The Politics and Poetics of Transgression, Ithaca 1986.
  • Walkowitz, Judith, City of Dreadful Delight. Narratives of Sexual Danger in Late-Victorian London, London 1992.

Engels, Friedrich: To the Working Classes of Great-Britain[1]

Working Men!

To you I dedicate a work, in which I have tried to lay before my German Countrymen a faithful picture of your condition, of your sufferings and struggles, of your hopes and prospects. I have lived long enough amidst you to know something about your circumstances; I have devoted to their knowledge my most serious attention, I have studied the various official and non-official documents as far as I was able to get hold of them - I have not been satisfied with this, I wanted more than a mere abstract knowledge of my subject, I wanted to see you in your own homes, to observe you in your every-day life, to chat with you on your condition and grievances, to witness your struggles against the social and political power of your oppressors. I have done so: I forsook the company and the dinner parties, the port-wine and champaign of the middle-classes, and devoted my leisure-hours almost exclusively to the intercourse with plain Working Men; I am both gladand proud of having done so. Glad, because thus I was induced to spend many a happy hour in obtaining a knowledge of the realities of life - many an hour, which else would have been wasted in fashionable talk and tiresome etiquette; proud, because thus I got an opportunity of doing justice to an oppressed and calumniated class of men who with all their faults and under all the disadvantages of their situation, yet command the respect of every one but an English money-monger; proud, too, because thus I was placed in a position to save the English people from the growing contempt which on the Continent has been the necessary consequence of the brutally selfish policy and general behaviour of your ruling middle-class.

Having, at the same time, ample opportunity to watch the middle-classes, your opponents, I soon came to the conclusion that you are right, perfectly right in expecting no support whatever from them. Their interest is diametrically opposed to yours, though they always will try to maintain the contrary and to make you be1ieve in their most hearty sympathy with your fates. Their doings give them the lie. I hope to have collected more than sufficient evidence of the fact, that - be their words what they please – the middle-classes intend in reality nothing else but to enrich themselves by your labour while they can sell its produce, and to abandon you to starvation as soon as they cannot make a profit by this indirect trade in human flesh. What have they done to prove their professed good-will towards you? Have they ever paid any serious attention to your grievances? Have they done more than paying the expenses of half-a-dozen commissions of inquiry, whose voluminous reports are damned to everlasting slumber among heaps of waste paper on the shelves of the Home-office? Have they even done as much as to compile from those rotting bluebooks a single readable book from which every body might easily get some information on the condition of the great majority of "free-born Britons"? Not they indeed, those are things they do not like to speak of - they have left it to a foreigner to inform the civilized world of the degrading situation you have to live in.

A Foreigner to them, not to you, I hope. Though my English may not be pure, yet, I hope, you will find it plain English. No working man in England - nor in France either, by-the-bye ever treated me as a foreigner. With the greatest pleasure I observed you to be free from that blasting curse, national prejudice and national pride, which after all means nothing hut wholesale selfishness - I observed you to sympathize with every one who earnestly applies his powers to human progress - may he be an Englishman or not - to admire every thing great and good, whether nursed on your native soil or not - I found you to be more than mere Englishmen, members of a single, isolated nation, I found you to be MEN, members of the great and universal family of Mankind, who know their interest and that of all the human race to be the same. And as such, as members of this Family of "One and Indivisible" Mankind, as Human Beings in the most emphatical meaning of the word, as such I, and many others on the Continent, hail your progress in every direction and wish you speedy success. - Go on then, as you have done hitherto. Much remains to be undergone; be firm, be undaunted - your success in certain, and no step you will have to take in your onward march, will be lost to our common cause, the cause of Humanity!

Barmen (Rhenan Prussia) March 15th, 1845.

FRIEDRICH ENGELS


[1] Diese Quelle stellt eine Vorrede von Friedrich Engels dar, die in folgendem Band abgedruckt ist: Engels, Friedrich, Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigenen Anschauungen und authentischen Quellen, Leipzig 1845, in: Marx/Engles Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Band 4, Glashütten 1970, S. 5-6. Transkript angefertigt durch Anne Lammers (Themenportal Europäische Geschichte).


Zugehöriger Essay:
Zitation
Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England Nach eigenen Anschauungen und authentischen Quellen, Leipzig 1845, in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2011, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3590>.
Für das Themenportal verfasst von

Alexandra Przyrembel

( 2011 )
Zitation
Alexandra Przyrembel , Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England Nach eigenen Anschauungen und authentischen Quellen, Leipzig 1845, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2011, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3590>.
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