Zweck und Ziele des Alldeutschen Verbandes (1908)

Die Bestimmung dieses Handbuches, das unsere Mitglieder nicht nur über die inneren Verhältnisse des Verbandes, seine Satzungen, seine Gliederung, seine Verbreitung unterrichten soll, sondern das ihnen zugleich ein Mittel zu wirksamer Werbetätigkeit in die Hand geben will, verlangt es, in kurzen Sätzen hier einen Überblick über die Aufgaben, Ziele und Bestrebungen des Alldeutschen Verbandes zu geben.

Indem dies in den nachstehenden Zeilen versucht wird, bitten wir unsere Mitglieder von dem Inhalt Kenntnis zu nehmen und überall da, wo ihnen Unkenntnis oder falsches Urteil über den Verband entgegentreten, hiervon Gebrauch zu machen. [...]

Claß, Heinrich: Zweck und Ziele des Alldeutschen Verbandes (1908)[1]

Die Bestimmung dieses Handbuches, das unsere Mitglieder nicht nur über die inneren Verhältnisse des Verbandes, seine Satzungen, seine Gliederung, seine Verbreitung unterrichten soll, sondern das ihnen zugleich ein Mittel zu wirksamer Werbetätigkeit in die Hand geben will, verlangt es, in kurzen Sätzen hier einen Überblick über die Aufgaben, Ziele und Bestrebungen des Alldeutschen Verbandes zu geben.

Indem dies in den nachstehenden Zeilen versucht wird, bitten wir unsere Mitglieder von dem Inhalt Kenntnis zu nehmen und überall da, wo ihnen Unkenntnis oder falsches Urteil über den Verband entgegentreten, hiervon Gebrauch zu machen.

Daran schließen wir die dringende Bitte, bei der Arbeit, die der Alldeutsche Verband zum Wohle unseres Volkstums sich vorgesetzt hat, werktätig mitzuhelfen und insbesondere uns durch die Werbung neuer Mitglieder zu unterstützen.

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Die Grundlage der für unser Volk zu erstrebenden Weltmachtstellung bildet das glücklich geschaffene Reich: in ihm muß das deutsche Volk wirklich Herr sein. Es muß vor allem seine Grenzen sauber und sicher halten: deshalb muß eine zielbewußte, kräftige und vor allem stetige Grenzmarkpolitik dafür sorgen, daß die Feinde unseres Volkstums in den Grenzmarken zurückgedrängt werden. Dies gilt in gleicher Weise für Polen, Dänen und Französlinge.

Von wesentlicher Bedeutung ist weiter die Lage des deutschen Volkes auf dem europäischen Festlande, wo der Sitz unserer Kraft ist: es kann uns nicht gleichgültig sein, was aus den Deutschen Österreichs wird, ob die Sachsen und Schwaben Ungarns magyarisiert werden, ob das Deutschtum in Rußland vernichtet wird, ob die Deutschen in der Schweiz und die Alamannen Belgiens verwelscht werden. Ohne uns in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten einzumischen, werden wir, was in unserer Kraft steht, tun, um in jenen Ländern alle Bestrebungen, die auf Erhaltung des Deutschtums gerichtet sind, nachdrücklich zu unterstützen.

Auch das überseeische Deutschtum gilt es zu erhalten. So begrüßen wir mit Freuden das Erwachen der Deutschen in den Vereinigten Staaten Nordamerikas, so hoffen wir, daß die Buren ihr Volkstum behaupten werden, wenn sie auch, im Felde unbesiegt, durch Hunger und eine brutale Kriegführung des Gegners zu einem Friedensschlusse gezwungen wurden, der die beiden früheren Burenrepubliken von der Landkarte tilgte. Die bisherige Entwickelung in Südafrika hat gezeigt, daß das Burenvolk mitnichten dem Untergang geweiht ist; mit Zähigkeit und Besonnenheit verteidigt es sein Daseinsrecht und hat es durchgesetzt, in der Transvaalkolonie eine maßgebende Rolle zu spielen. Wie unser Eintreten für die Buren nicht allein der Bewunderung des Mannesmutes, der Tapferkeit und der Freiheitsliebe entsprungen war, die diese Bauern niederdeutschen Stammes in dem zähen Ringen um ihre Unabhängigkeit bewiesen, sondern auch sehr kühlen realpolitischen Erwägungen, so gilt dasselbe jetzt von der Genugtuung, die wir darüber empfinden, daß die Buren sich politisch durchgesetzt haben. Denn durch die Vernichtung der Burenrepubliken ist das politische Gleichgewicht Südafrikas, das uns den ruhigen Besitz unserer südwestafrikanischen Kolonie sicherte, gestört worden und es ist für uns von Belang, daß durch die Erhaltung der Buren als Volk und ihrer Sprache die nationalen Gegensätze in Südafrika bestehen bleiben und die Bildung eines einheitlich britisch-südafrikanischen Reiches verhindert wird.

Unser Wirtschaftsleben braucht gegenüber den sich bildenden ungeheuren fremden Wirtschaftsgebieten eine räumliche Ausbreitung, die die Möglichkeit gewährt, sich selbständig neben jenen zu erhalten: Deshalb erstreben wir die Schaffung eines mitteleuropäischen Zollbundes.

Die Auswandernden dürfen unserem Volke nicht verloren gehen: deshalb müssen wir über See Gebiete gewinnen suchen, in denen der Deutsche leben und sich fortpflanzen kann, wir müssen zu den wenigen Kapitalisten-Kolonien wirkliche Volkskolonien erwerben.

Zunächst ist zu erstreben, daß unser jetziger Kolonialbesitz durch Bauten und andere der Erschließung dienende Maßregeln in den Stand gesetzt wird, eine größere Zahl Deutscher aufzunehmen und zu ernähren. Wir begrüßen die darauf gerichteten Bemühungen der Regierung mit um so größerer Freude, als wir seit dem Bestehen des Verbandes solche Maßregeln verlangt haben.

Es ist anerkannt, von welcher Bedeutung für das Deutschtum im Ausland das Schul- und Konsulatswesen ist; beide stecken noch in ihren Anfängen, weshalb wir eine kräftige Ausgestaltung fordern.

Seit den ersten Versuchen des deutschen Volkes, sich wirtschaftlich und politisch auf der Weltbühne zu betätigen, begegnete es dem ständig steigenden Übelwollen Englands, das durch uns seinen Handel und den anmaßenden Anspruch, Alleinherrscher der Meere zu sein, bedroht sieht. Wir können nur Weltpolitik treiben, wenn wir sie mit unseren Machtmitteln zu vertreten imstande sind.

Die Waffe der Weltpolitik ist aber die Flotte: deshalb fordern wir den steten Ausbau, bis jene Stärke erreicht ist, die den Interessen des deutschen Volkes entspricht. Um aber die Flotte mit Erzen verwenden zu können, müssen wir genügende Kohlenstationen und eigene Kabelnetze besitzen: deshalb dringen wir auf die Erwerbung und Schaffung beider.

Seit seiner Gründung arbeitet der Alldeutsche Verband an der Verwirklichung dieser Ziele; vieles hat er schon erreicht, das im einzelnen hier anzuführen nicht angeht.

Das Wichtigste aber was erreicht ist, dünkt uns die zum guten Teile auf unsere Arbeit zurückzuführende Vertiefung des nationalen Gedankens, die Ausbreitung einer nationalen Weltanschauung, die beginnende politische Selbstbestimmung unseres Volkes und die daraus erwachsende Bildung einer gesunden nationalen Selbstsucht, vor allem aber die Erkenntnis, daß jeder vor der Zukunft mitverantwortlich ist für das Schicksal seines Volkstums.

Die Reichstagswahlen dieses Frühjahres haben gezeigt, daß unsere Arbeit nicht vergebens war: sie haben eine Volksvertretung gebracht, die erfreuliches Verständnis für die nächsten nationalen Aufgaben zeigt und sie – unter Zurücksetzung der beengenden Parteianschauungen – hoffentlich auch erfüllen wird.

Leider zeigt sich im deutschen Bürgertum die Neigung, nach der Leistung jener Wahlen wieder in die alte Ruhe und Gleichgültigkeit zu verfallen: das wäre ein verhängnisvoller Fehler und ein Verkennen der Lage unseres Volkes. Diese Wahl bedeutet erst den Anfang der politischen Gesundung – noch nicht die Gesundung selbst.

Deshalb halten wir es gerade jetzt für unsere Pflicht, dahin zu wirken, daß die politisch führenden Schichten unseres Volkes vorn bleiben.

Auf dem beschrittenen Wege werden wir fortschreiten, wie wir ihn gegangen sind, unbekümmert um den Spott und Hohn unserer Gegner.

Jeder Tag bringt neue Aufgaben. Gewaltige Anstrengung wird es das deutsche Volk kosten, bis es die Stellung unter den großen Mächten erworben hat, die seinen Bedürfnissen und Ansprüchen genügt.

Das aber wird nur gelingen, wen jeder im Volke sich seiner Pflicht bewußt ist und mitarbeitet!

Dazu rufen wir unsere Volksgenossen auf!

Wer mit aller Kraft seiner Seele als Sohn der deutschen Gaue sich fühlt, wer mit aller Glut seines Herzens sein Volkstum liebt, wer mit Stolz sich einen Deutschen nennt, wer mit Zuversicht an eine große Zukunft unseres Volkes glaubt, und wer mit Hand anlegen will, daß diese große, schöne Zukunft erreicht werde, der gehört zu uns.

Der bekenne sich aber auch zu uns und werde ein Glied unserer Gemeinschaft, die strebt und kämpft nach des Großen Kurfürsten Mahnwort, das sie zu ihrem Wahlspruch erkoren:

Gedenke, daß du ein Deutscher bist!


[1] Handbuch des Alldeutschen Verbandes Jg. 1908, S. 42–44, Hervorhebungen im Original, bearbeitet von Andreas C. Hofmann.


Die Europakonzeptionen des Alldeutschen Verbandes. Anspruch und Wirklichkeit einer nationalistischen 'pressure group' im Wilhelminischen Zeitalter[1]

Von Andreas C. Hofmann

1. Einführung

„Gedenke, daß Du ein Deutscher bist!“ — dieser Aufruf des Großen Kurfürsten von Brandenburg Friedrich Wilhelm war zugleich der Wahlspruch des Alldeutschen Verbandes, also jener 1891 gegründeten Organisation, die sich im Deutschen Kaiserreich für eine aggressive Vertretung der deutschen Nationalinteressen einsetzte.[2] Der Alldeutsche Verband selbst existierte zwar bis 1939, verlor allerdings in der Weimarer Republik und vor allem während des Nationalsozialismus rapide an Bedeutung. Als grundlegend ist noch immer die umfassende Darstellung des Washingtoner Neuzeithistorikers Roger Chickerings zu betrachten, während die Dissertation Michael Peters insbesondere die Jahre unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg in den Blick nimmt.[3] Die Agitation des Alldeutschen Verbandes nahm hierbei teils derart massive Züge an, dass die Forschung ihn teilweise als „nationale Opposition“ (M. Peters) oder „Opposition von rechts“ (A. Hofmann) bezeichnet, wobei diese Deutungen die Perspektive einer Steuerung des Alldeutschen Verbandes von oben aus dem Blick lassen.[4]

Bislang unbeleuchtet blieb die Frage, welches Europabild der Alldeutsche Verband als Pan-Bewegung verfolgte. Musste es doch sein – mit Blick auf Österreich-Ungarn, Russland und die Deutschen auf Übersee schwer umsetzbares – Ziel gewesen sein, alle deutschen Volksgruppen im Deutschen Kaiserreich zu vereinen.[5] War es ein streng germanozentrisches Europabild und wo hatte die Germanozentrik ihre Grenzen? Wie wird das Verhältnis zu anderen Ländern und Volksgruppen charakterisiert? Welches Bild von Deutschland in Europa wird gezeichnet und welche Rolle spielen deutsche Volksgruppen außerhalb des Reiches? Und schließlich: Welchen Erfolg hatte der Alldeutsche Verband bei der Umsetzung seiner Ziele in der Politik? Als schillerndste Persönlichkeit des Alldeutschen Verbandes erschien hierbei der 1908 zum Vorsitzenden gewählte Justizrat Heinrich Claß, der insbesondere in den unmittelbaren Vorkriegsjahren im Verhältnis zur jeweiligen Reichsleitung Einfluss auf die Außenpolitik zu nehmen versuchte. Claß wurde 1868 im heute rheinland-pfälzischen Alzey als Sohn eines Notars geboren. Nach dem Jurastudium und Rechtsreferendariat arbeitete er seit 1895 selbst als Notar und trat 1897 dem Alldeutschen Verband bei. Er stieg bereits 1901 in die Hauptleitung des Alldeutschen Verbandes auf, wurde 1904 dessen stellvertretender Vorsitzender und 1908 schließlich Vorsitzender des Verbandes.[6]

Er publizierte in den Handbüchern des Alldeutschen Verbandes einen Aufruf an seine Mitglieder, der geeignet scheint, das Europabild der Alldeutschen vor dem Hintergrund der Ereignisgeschichte der Zeit nachzuzeichnen.[7] Die vorliegende Quelle stammt aus dem Jahre 1908 und somit unmittelbar aus der Zeit des Antritts von Heinrich Claß als Verbandsvorsitzender. Es liegt nahe, dass Claß’ Appell über „Zweck und Ziele des Alldeutschen Verbandes“ seine Gesinnungen am authentischsten darstellt, da sie noch nicht durch realpolitische Zwänge des Amtes beschränkt werden konnten. Das Handbuch des Alldeutschen Verbandes soll nach Claß den Mitgliedern als „Mittel zu wirksamer Werbetätigkeit“ dienen, worunter sowohl propagierende als auch korrigierende Elemente verstanden werden. Es ist auf der einen Seite das erklärte Ziel, die Mission des Alldeutschen Verbandes vor allem durch Werbung neuer Mitglieder zu verbreiten. Auf der anderen Seite soll das Handbuch auch eine Richtschnur für die Verbandsaktivitäten darstellen, um ‚falschen Urteilen‘ wirksam entgegentreten zu können. Aus diesen Feststellungen lässt sich schließen, dass die Alldeutschen sich mitunter in der Defensive befunden haben mussten.

Das radikalnationalistische Denken der Zeit und die Europakonzeptionen der Alldeutschen selbst waren von einer Dichotomie von Rasse und Staat bzw. Volk und Nation geprägt. Als Synthese von „Homogenität und Konformität“ zielte es klar auf eine rassische Gesinnung ab. Das bedeutete, dass die Bismarck’sche Reichsgründung zwar als Vollendung der Gründung eines deutschen Staates erachtet worden war. Eine Einigung des deutschen Volkes schien damit nicht verbunden, wie die Unterscheidung von Volksdeutschen als Personen deutscher Abstammung (einschließlich der Volksgruppen außerhalb des Reiches) und Reichsdeutschen als allen Bürgern des Deutschen Reiches (auch nicht Deutschstämmigen) exemplarisch zeigt.[8]

2. Das zeitgenössische Europabild und die Europakonzeptionen der Alldeutschen


Abb. 1: Hadol, Paul, Carte drôlatique d’Europe pour 1870, in: Wikipedia.org, URL: <http://fr.wikipedia.org/wiki/Paul_Hadol#mediaviewer/File:Satirical_Europe_in_1870.jpg> (19.09.2014).

Die vorstehende Abbildung zeigt deutlich, dass von einem ideologisch einheitlichen oder gar organisatorisch geeinten Europa wie wir es heute kennen nicht die Rede sein konnte.[9] Die Karte zeigt als ‚dicken Preußen‘ das saturierte Deutsche Reich, das sich auf anderen vor allem ostmitteleuropäischen Völkern ‚ausruht‘, während Österreich zunehmend in Bedrängnis gerät und beinahe sprichwörtlich unter die Räder kommt. Das aufstrebende Italien erscheint im Westen beinahe als Stütze des gesamten Ensembles, während im Osten in Griechenland das osmanische Reich als der ‚kranke Mann am Bosporus‘ die Last nicht mehr ertragen kann. Frankreich richtet sich aggressiv in Richtung Deutschland, Britannien wendet sich von Europa ab und führt Irland als Hund an der Leine, während Russland mit klischeehaft-bösartigen Gesichtszügen sich gegen Westen wendet und als Bedrohung Mitteleuropas erscheint. Dieses zeitgenössische Europabild ist von einem Axiom geprägt: Konfrontation statt Kooperation!

2.1 Eingrenzung und Entgrenzung des Deutschtums in Europa und der Welt

Was aber war nun das Selbstverständnis der Alldeutschen innerhalb Europas? Lässt sich hierdurch ein Europakonzept ableiten, wie es einleitend als Fragestellung formuliert worden war? Entscheidend sei „die Lage des deutschen Volkes auf dem europäischen Festlande“, woraus zum einen eine klare „Grenzmarkpolitik“ abgeleitet wurde. Dies bedeutete das Zurückdrängen nicht-deutscher Volksgruppen wie der Polen, Dänen und Franzosen aus den Grenzgebieten des Reiches oder gar eine Ausweitung zum Schutze bestehender Grenzen[10] – und es zeugte von einem klaren germanozentrischen Weltbild: Die Interessen anderer Völker wurden klar und deutlich denjenigen des ‚Deutschen Volkes‘ untergeordnet. Das „glücklich geschaffene Reich“ war in der alldeutschen Ideologie zudem noch lange nicht ‚saturiert‘, wie die weitere Betrachtung aufzeigt. Diesem germanozentrischen Weltbild war es dann auch geschuldet, wenn der Alldeutsche Verband sich zur Interessensvertretung aller ‚Deutschstämmigen‘ im Ausland erklärt. Denn es könne nicht gleichgültig sein, „was aus den Deutschen Österreichs wird, ob die Sachsen und Schwaben Ungarns magyarisiert werden, ob das Deutschtum in Rußland vernichtet wird, ob die Deutschen in der Schweiz und die Alamannen Belgiens verwelscht werden.“

An diesem Zitat sind mehrere Punkte einer besonderen Analyse wert: Erstens erklärte sich der Alldeutsche Verband zum Bewahrer des ‚Deutschtums‘ in Europa, ohne auf die Frage einzugehen, inwiefern die deutschen Volksgruppen außerhalb der Kaiserreichs von ihm überhaupt vertreten werden möchten.[11] Zweitens sollten auch die „Alamannen Belgiens“ bewahrt werden und dies offensichtlich ungeachtet der Frage, ob diese sich zur Volksgruppe der Deutschen zählten. Der Alldeutsche Verband erhob somit einen Vertretungsanspruch gegenüber Volksgruppen, deren selbst empfundene Identität unter Umständen gar nicht mehr als deutsch hätte erachtet werden können.[12] Es ist somit bei den Alldeutschen von einer ‚nationalantagonistischen Variante‘ des Nationalismus auszugehen, die anders als die ‚nationaldemokratische Variante‘ sich durch die Abwertung anderer Völker definiert.[13]

Aber waren die Alldeutschen somit Verfechter eines von Deutschland dominierten oder gar protektorierten Europas, in welchem sich die anderen Staaten klar unterzuordnen hatten? „Ohne uns in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten einzumischen, werden wir, was in unserer Kraft steht, tun, um in jenen Ländern alle Bestrebungen, die auf Erhaltung des Deutschtums gerichtet sind, nachdrücklich zu unterstützen.“

Dieses Zitat zeigt die bei den Alldeutschen immer wieder auftretende Mischung aus Aggression und Defensive. Ein Aufruf zu aggressiven Handlungen gegenüber anderen Staaten klingt trotzdem anders! Auch wenn es weitergehender Recherchen bedürfte, um die klare Intention dieser Aussage herauszuarbeiten: Die Alldeutschen schienen das Existenzrecht (!) anderer Staaten – auch solcher mit deutschen Minderheiten – nicht grundsätzlich angezweifelt zu haben. Denn das Gebot sich selbst nicht in die inneren Angelegenheiten solcher Staaten einzumischen, setzte dem faktischen Aktionsradius der Alldeutschen doch sehr enge Grenzen. Trotzdem forderten die Alldeutschen weitgehende Grenzkorrekturen zugunsten des Deutschen Reiches. Die nationalantagonistische Denkweise brachte es natürlich auch mit sich, dass die Alldeutschen die für ihre Landsleute geforderten Minderheitenrechte anderen Volksgruppen nicht zugestehen wollten.[14]

Die Alldeutschen beschränkten ihr antizipiertes Einflussgebiet allerdings nicht auf Europa. Zum einen begrüßten sie „das Erwachen der Deutschen in den Vereinigten Staaten Nordamerikas“, fieberten allerdings auch mit den Buren als „Bauern niederdeutschen Stammes“ in ihrem Konflikt mit Großbritannien mit. Diese niederländischen Siedler fürchteten nach der Abtretung Südafrikas an Großbritannien um ihre Unabhängigkeit. Während sie diese im Ersten Burenkrieg (1880 bis 1881) verteidigen konnten, wurden sie nach dem Zweiten Burenkrieg (1899 bis 1902) in das British Empire eingegliedert. Vor dem Hintergrund der anglophoben und zugleich pangermanischen Grundstimmung der Zeit, war den Buren die propagandistische Unterstützung großer Teile der Gesellschaft sicher.[15] In diesem Zusammenhang wird die alldeutsche Politik eines ‚divide et impera‘ deutlich, wenn der Verbandsvorsitzende Claß weiter schreibt, „daß durch die Erhaltung der Buren als Volk und ihrer Sprache die nationalen Gegensätze in Südafrika bestehen bleiben und die Bildung eines einheitlich britisch-südafrikanischen Reiches verhindert wird.“

Es wird hierbei deutlich, dass die Buren den Alldeutschen auch als Mittel zum Zweck dienten, um eine Ausweitung des englischen Einflusses in Südafrika zu verhindern.[16] Inwiefern dies eigenen Erwägungen entsprang oder einem Einfluss der Reichsleitung geschuldet war, wie er in der Zweiten Marokkokrise zweifelsfrei ausgeübt wurde, muss an dieser Stelle unbeantwortet bleiben.[17] Es wird allerdings deutlich, dass Europa für den Alldeutschen Verband nicht den konstitutiven Rahmen seines Handelns darstellte, sondern er vielmehr eine weltweite Agitation anstrebte, wie auch die Diskussion um ein deutsches Einflussgebiet in Lateinamerika zeigt.[18]

2.3 Die Forderung nach einem mitteleuropäischen Zollbund. Alldeutsches Hegemonialstreben durch die Hintertür?

Bedeutet dies allerdings, dass der Alldeutsche Verband keine eigene Europakonzeption verfolgte? War Europa für Heinrich Claß und die weiteren Verbandsmitglieder nur ein geografischer Handlungsrahmen wie jeder andere? Liest man in den Erläuterungen des ADV-Vorsitzenden weiter, ist von der Forderung nach der „Schaffung eines mitteleuropäischen Zollbundes“ die Rede. Was hatte es mit diesem mitteleuropäischen Zollbund auf sich? Da Claß selbst diese Forderung nicht weiter präzisiert, ist man bei der Beantwortung dieser Frage auf weiterführende Literatur angewiesen. Die in dieser Zeit obwaltenden unterschiedlichen Mitteleuropakonzeptionen liefen alle – teils aus politisch, teils wirtschaftlich begründeten Motiven – auf die Etablierung einer mal mehr mal weniger versteckten deutschen Vorherrschaft im mitteleuropäischen Raum hinaus.[19] Es war dies der vorläufige Höhepunkt deutscher Großraumwirtschaftskonzeptionen, denen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Forderung nach wirtschaftlich-infrastruktureller Durchdringung südosteuropäischer Länder der dezidiert aggressive Charakter noch gefehlt hatte.[20] Nun war der Alldeutsche Verband die Speerspitze der völkisch-offensiven Forderung nach einer deutschen Großraumwirtschaft, forderte im Jahre 1895 die Bildung eines unter deutscher Vorherrschaft stehenden mitteleuropäischen Wirtschaftsgebietes und es wird in den folgenden Jahren vor allem der langjährige Verbandsvorsitzende Ernst Hasse gewesen sein, der diese Ideen weiterentwickelte. Bereits 1897 wurde „die ‚Schaffung eines mitteleuropäischen Zollvereins‘ als die vordringliche Aufgabe der deutschen ‚Weltpolitik‘“ auserkoren.[21] Hasse beschrieb unter anderem in seiner 1895 anonym veröffentlichten und zweifach aufgelegten Flugschrift „Großdeutschland und Mitteleuropa um das Jahr 1950“ seine Mitteleuropakonzeptionen näher:[22] „Daraus ergibt sich für uns Deutsche ohne Weiteres die Notwendigkeit der Übereinstimmung zwischen Sprachgebiet und Staatsgebiet, zunächst die Verwandelung des Deutschen Reiches in ein Nationalgebiet durch Germanisierung aller innerhalb desselben lebenden Sprachfremden und Rassenfremden – und für später die Verwandelung des jetzigen deutschen Sprachgebietes innerhalb und außerhalb der Reichsgrenzen in ein deutschvölkisches Staatsgebilde.“[23] Für Hasse war das Deutsche Reich weder ‚ein Deutsches Reich‘, da es auch Nicht-Deutsche Volksgruppen umfasste, noch ‚das Deutsche Reich‘, da es nicht alle Deutschen beheimatete.[24]

Wie aber sollte die Vorherrschaft Deutschlands in Mitteleuropa aussehen? In welchem Verhältnis würde ein deutsch-dominierter mitteleuropäischer Zollbund zu anderen Staaten und Völkern stehen? Um die zweite Frage vorab zu beantworten: Ernst Hasse wollte das deutsche Volk zu einer ‚Herrenrasse‘ über andere ‚nieder stehende‘ europäische Völker machen. Darüber hinaus hatte er konkrete staatsrechtliche Vorstellungen für seine großdeutschen Pläne. Das zukünftige Mitteleuropa sollte aus einem engeren ‚großdeutschen Staatenbund‘ aus Deutschland, Österreich-Ungarn, Holland, Belgien und der deutschsprachigen Schweiz bestehen sowie einem ‚großdeutschen Zollverein‘, der auch die Königreiche Polen, Ruthenien, Rumänien, Großserbien und balkanische Fürstentümer umfassen sollte.[25] Interessant ist, dass Hasse bei seinen Vorstellungen von einer Neuordnung Europas ausgeht. Denn um das Jahr 1895 – zum Zeitpunkt der Veröffentlichung seiner Flugschrift – existierte das Königreich Polen nur als russische Provinz, ein Königreich Ruthenien suchte man auf der Landkarte der Zeit vergebens, Rumänien und Serbien bildeten nur kleine Königreiche und die balkanischen Fürstentümer drohten zwischen dem osmanischen Reich und Österreich-Ungarn zerrieben zu werden.[26] Es scheint, als wollte Hasse alle deutschsprachigen Staaten zu einem Staatenbund zusammenfassen, der um Territorien mit deutschsprachigen Minderheiten zu einem Zollverein erweitert werden sollte. Das Ergebnis wäre ganz im Sinne der pangermanisch-alldeutschen Denkweise eine Vereinigung der meisten deutschsprachigen Bevölkerungsteile Europas unter einer deutschen Vorherrschaft gewesen.[27] Ein solcher Zollverein hätte auch eine wirtschaftspolitische Dimension als Gegengewicht zur amerikanischen Wirtschaft mit sich gebracht, die seitens Deutschlands durchaus als Konkurrenz erachtet worden war.[28] Es darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass der deutsche Einfluss hauptsächlich nach Osten expandiert hätte und die gängige Sicht auf Südosteuropa als Lieferant für Rohstoffe, Nahrungsmittel und billige Arbeitskräfte ‚natürlich‘ auch von den Alldeutschen verinnerlicht worden war.[29] Aber auch in der Zukunft wurde dieses germanozentrische Europabild verfolgt, wie Überlegungen aus 1914/15 zur Gründung eines Mitteleuropäischen Wirtschaftsbundes zeigen.[30] Als Exponent eines offensiven deutschen Großwirtschaftsraumes sah der Alldeutsche Verband in einer indirekten wirtschaftlichen Kontrolle anderer Staaten nur ein nachrangiges Mittel zur Etablierung einer deutschen Vorherrschaft.

2.4 Deutschland in Europa – Deutschland in der Welt

Trotz dieser konkreten Europakonzeptionen der Alldeutschen geht ihr antizipierter Wirkungsradius weit darüber hinaus. Heinrich Claß fordert in seinem Aufruf Mechanismen zu etablieren, damit deutsche Auswanderer „unserem Volke nicht verloren gehen“. Wie aber sollte die Auswanderung gestaltet werden? Wollten die Alldeutschen die Freizügigkeit ihrer ‚deutschen Volksgenossen‘ beschränken, um dieses Ziel zu erreichen?[31] Natürlich nicht! Vielmehr sollte durch die Errichtung von „Volkskolonien“ Raum geschaffen werden, um die Auswanderer ‚dem Deutschen Volk zu erhalten‘. Hierbei war ein ‚Lebensraum im Osten‘, vor allem in Polen anvisiert, den der Alldeutsche Verband bereits 1894 gefordert hatte.[32] Es sollten nicht nur diejenigen Gebiete unter deutsche Vorherrschaft gestellt werden, in denen sich bereits Deutsche befinden, sondern auch solche in welche Deutsche erst in Zukunft ausgewandert wären.[33] Oberstes Prinzip war die Deckungsgleichheit von deutschem Siedlungsgebiet und deutschem Staats- bzw. Einflussgebiet! Welche Grundsätze alldeutschen Denkens lassen sich für die jeweilige Europakonzeption ableiten? Es wird deutlich, dass Europa für die Alldeutschen nicht den konstitutiven Rahmen ihrer Handlungen darstellte, sondern dieser Rahmen sich variabel auf diejenigen Gebiete mit deutschsprachiger Bevölkerung erstreckte. Ob inner- oder außereuropäische deutsche Siedlungsgebiete war zweitrangig. Was zählte, war die Etablierung einer Einflusssphäre, die alle skizzierten Gebiete umfasst und somit ein ‚wirkliches‘ Deutsches Reich dargestellt hätte. Von besonderer Bedeutung waren den Alldeutschen „für das Deutschtum im Ausland das Schul- und Konsulatswesen“, die – wahrscheinlich vor dem Hintergrund des Föderalismus auf beiden Gebieten – noch weiter hätten entwickelt werden müssen.[34] Die Alldeutschen verfolgten eine zweifache Stoßrichtung: Zum einen die Ausweitung des Konsulatswesens zum Schutze der Deutschen im Ausland und zum anderen die Etablierung eines Schulwesens zur Aufrechterhaltung von ‚deutscher Bildung und Kultur‘.

Aber wie werden die Europakonzeptionen der Alldeutschen im Text des Verbandsvorsitzenden Claß erkenntlich? Es wurde deutlich, dass die Alldeutschen ein Mitteleuropa unter deutscher Herrschaft anstrebten und einen Hegemonialanspruch nach Ostmittel- und Südosteuropa geltend machten. Wie aber verhielt sich die alldeutsche Ideologie zu den Staaten Westeuropas? Erfreute sich Frankreich – wie zu erwarten wäre – einer besonderen Abneigung durch den Alldeutschen Verband?[35] Dies ist im vorliegenden Text nicht der Fall, da dieser ‚nur‘ im Zusammenhang mit der Sicherung der deutschen Grenzen von einer Bedrohung durch „Französlinge“ spricht. Aber wie verhielt sich die alldeutsche Ideologie gegenüber England, das nach pangermanischer Ideologie – um hier eine Übertragung des englischen Wortes für alldeutsch „pangerman“ zu verwenden – ja als ein ‚Brudervolk‘ hätte gesehen werden können? Den Engländern wurde die besondere Abneigung des Verbandsvorsitzenden zuteil; waren sie es doch, die in den Augen der Alldeutschen in Südafrika mit den Buren „Bauern niederdeutschen Stammes“ unterdrückten: „Seit den ersten Versuchen des deutschen Volkes, sich wirtschaftlich und politisch auf der Weltbühne zu betätigen, begegnete es dem ständig steigenden Übelwollen Englands, das durch uns seinen Handel und den anmaßenden Anspruch, Alleinherrscher der Meere zu sein, bedroht sieht. Wir können nur Weltpolitik treiben, wenn wir sie mit unseren Machtmitteln zu vertreten imstande sind.“

Historische Kategorien wie die ‚Erbfeindschaft‘ zu Frankreich spielten eine untergeordnete Rolle, obwohl im Nationalismus ‚Hass gegen Franzosen‘ und ‚Liebe zum Vaterland‘ zwei Seiten derselben Medaille waren[36] – da Elsass-Lothringen zu diesem Zeitpunkt zum Deutschen Reich gehörte, bestanden aber keine Gebietsforderungen an Frankreich. Dass die alldeutsche nationalantagonistische Stoßrichtung nun gegen England ging, hatte machtpolitische Gründe. Denn es war Englands „anmaßende[r] Anspruch, Alleinherrscher der Meere zu sein“, den die Alldeutschen als Hindernis auf dem Weg zu einer „Weltpolitik“ sahen. Als Folgerung greift Claß mit dem ständigen Ausbau der Flotte ein altes alldeutsches Thema auf, für welches sich der Verband bereits in der Vergangenheit vor den propagandistischen Karren der Regierung hat spannen lassen. Damals hatte die Regierung dem Alldeutschen Verband die Aufgabe übertragen, die deutsche Bevölkerung über die Flottenrüstung aufzuklären.[37]

3. Die Europakonzeptionen des Alldeutschen Verbandes. Anspruch und Wirklichkeit
einer nationalistischen „pressure group“ im Wilhelminischen Zeitalter

Auch wenn Europa für den Alldeutschen Verband keinen konstitutiven Rahmen für seinen Handlungsradius darstellte, war eine konkrete Vorstellung eines pangermanisch-nationalantagonistisch dominierten Europas bereits seit den 1890er-Jahren Teil des alldeutschen Programms. Hierbei konnten sie auf die Trendwelle der Etablierung eines deutsch-dominierten Mitteleuropäischen Zollvereins aufspringen und entwickelten diese Idee weiter. Demnach sollte das deutschsprachige Siedlungsgebiet mit dem deutschen Einflussgebiet deckungsgleich gemacht werden: Ein engerer Staatenbund sollte alle deutschsprachigen Länder einschließlich Belgiens und Hollands umfassen sowie ein weiterer Zollbund ostmittel- und südosteuropäische Staaten mit deutschen Siedlungsgebieten unter deutsche Hegemonie bringen. Das Hegemonialstreben machte nicht an den Grenzen Europas halt, da deutsche Auswanderer durch die Errichtung entsprechender ‚Volkskolonien‘ wieder an das Reich gebunden werden sollten. Der alldeutsche Handlungsrahmen war somit ein dezidiert imperialistisch-globaler. Auf der anderen Seite war es aus vermutlich außenpolitischen Rücksichtnahmen das erklärte Ziel, sich bei der Stärkung des ‚Deutschtums‘ im Ausland nicht in die inneren Angelegenheiten der jeweiligen Staaten einzumischen. Anspruch und Wirklichkeit drifteten also auseinander. Wie ein roter Faden zieht sich durch den gesamten Text der Aufruf, das Deutsche Reich zu unterstützen und zu mehren sowie im Ausland sich seiner Zugehörigkeit zum Deutschen Volk zu erinnern. Nach Art eines Labels eignet sich für diesen roten Faden im alldeutschen Denken am besten der eingangs vorgestellte, auf den Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm zurückgehende Wahlspruch des Alldeutschen Verbandes:

„Gedenke, dass Du ein Deutscher bist!“



[1] Essay zur Quelle: Claß, Heinrich: Zweck und Ziele des Alldeutschen Verbandes (1908). Dieser Beitrag basiert auf Hofmann, Andreas C., Das Verhältnis des Alldeutschen Verbandes zur kaiserlichen Regierung (1891–1914/18), aktual. und völlig. überarbeitete Studienarbeit [masch.] München 2001.

[2] Hüttl, Ludwig, Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der Große Kurfürst 1620–1688. Eine politische Biographie, München 1981, S. 238–242.

[3] Chickering, Roger, We Men Who Feel Most German. A Cultural Study of the Pan-German League 1886–1914, Boston u.a. 1984; Peters, Michael, Der Alldeutsche Verband am Vorabend des Ersten Weltkrieges (1908–1914). Ein Beitrag zur Geschichte des Nationalismus im spätwilhelminischen Deutschland (=Europäische Hochschulschriften Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften Bd. 501), Frankfurt am Main u.a. 21996. Vgl. auch die Neubewertung von Hering, Rainer, Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939, Hamburg 2003 sowie ferner zahlreiche Kurzbeiträge der genannten Autoren wie Peters, Michael, Alldeutscher Verband (ADV), 1891–1939, in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44184> (19.09.2014); Chickering, Roger, Die Alldeutschen erwarten den Krieg, in Dülfer, Jost; Holl, Karl (Hgg.), Bereit zum Krieg. Kriegsmentalität im wilhelminischen Deutschland 1890–1914, Göttingen 1986, S. 20–32, oder Peters, Michael, Der „Alldeutsche Verband“, in: Puschner, Uwe; Schmitz, Walter; Ulbricht, Justus H. (Hgg.), Handbuch zur „Völkischen Bewegung“ 1871–1918, München 1999, S. 302–315. An Spezialstudien vgl. Freisel, Ludwig, Das Bismarckbild der Alldeutschen. Bismarck im Bewußtsein und in der Politik des Alldeutschen Verbandes von 1890 bis 1933. Ein Beitrag zum Bismarckverständnis des deutschen Nationalismus, Würzburg 1964; Walther, Martina, Ärzte und Zahnärzte im Alldeutschen Verband und in dessen Tochterorganisationen (1890–1939), [Mikrof.] Mainz 1988; Jackisch, Barry Andrew, Not a Large, but a Strong Right. The Pan-German-League, Radical Nationalism, and rightest Party Politics in Weimar Germany. 1918–1939, [Mikrof.] Buffalo 2000.

[4] Zur Debatte vgl. grundsätzlich Mock, Wolfgang, „Manipulation von oben“ oder Selbstorganisation an der Basis? Einige neuere Ansätze in der englischen Historiographie zur Geschichte des Kaiserreiches, in: Historische Zeitschrift 232 (1981), S. 358–375.

[5] Lüdke, Tilman, Pan-Ideologien, in: Europäische Geschichte Online (EGO), hg. vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz 2012-08-30, URL: <http://www.ieg-ego.eu/luedket-2012-de> (19.09.2014).

[6] Zu Claß neuerdings Leicht, Johannes, Heinrich Claß 1868–1953. Die politische Biographie eines Alldeutschen, Paderborn 2012.

[7] Claß, Heinrich, Zweck und Ziele des Alldeutschen Verbandes, in: Handbuch des Alldeutschen Verbandes Jg. 1908, S. 42–44. Die folgenden Zitate stammen, sofern nicht anders ausgewiesen, aus der hier mit veröffentlichten Quelle.

[8] Walkenhorst, Peter: Nation – Volk – Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890–1914 (=Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 178), Göttingen 2007, S. 81–90, hier S. 89; zu diesen Erwägungen entsprechenden rassisch-völkisch innenpolitischen Konzeptionen vgl. Frymann, Daniel [=Heinrich Claß], Wenn ich der Kaiser wär’. Politische Wahrheiten und Notwendigkeiten, Leipzig 41913 [11912].

[9] Eher europakritisch beleuchtet die Genese der Begriffsgeschichte Bideleux, Robert, Europakonzeptionen, in: Kaser, Karl; Gramshammer-Hohl, Dagmar; Pichler, Robert (Hgg.), Europa und die Grenzen im Kopf, Klagenfurt 2004, S. 89–111.

[10] Zu den alldeutschen Vorstellungen und der Entwicklung in der Geschichte vgl. Weger, Tobias, Vom „Alldeutschen Atlas“ zu den „Erzwungenen Wegen“. Der „Deutsche Osten“ im Kartenbild 1905–2008, in: Happel, Jörn (Hgg.), Osteuropa kartiert. Mapping Eastern Europe (=Osteuropa Bd. 3), Wien u.a. 2010, S. 241–264; ferner Hartwig, Edgar, Der Alldeutsche Verband und Polen, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Gesellschaftswissenschaftliche Reihe 19 (1970), S. 251–276.

[11] Für die Diskussion aus der gegenwärtigen Perspektive vgl. die Beiträge in Bergner, Christoph; Weber, Matthias (Hgg.), Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland. Bilanz und Perspektiven (=Schriften des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa Bd. 38), München 2009.

[12] Anders als in der Gegenwart gehörte zum Untersuchungszeitpunkt das Gebiet der heutigen deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens zum Deutschen Kaiserreich und bedurfte somit keines besonderen Schutzes. Der Alldeutsche Verband erhob somit Anspruch auf die Vertretung der niederländisch sprechenden Bevölkerung Belgiens. Koll, Johannes, Geschichtlicher Überblick, in: ders. (Hg.), Belgien. Geschichte – Politik – Kultur – Wirtschaft, Münster 2007, S. 5–44; Erbe, Michael, Belgien, Niederlande, Luxemburg. Geschichte des niederländischen Raumes, Stuttgart u.a. 1993.

[13] Zur Einführung dieser u.a. auf Ernst Rudolf Huber und Wolfram Siemann zurückgehenden Differenzierung vgl. Hofmann, Andreas C., Von der ›Sozialistischen Arbeiterpartei‹ zur ›Sozialdemokratischen Partei Deutschlands‹. Zur Geschichte der politischen Arbeiterbewegung im Kaiserreich (1871 bis 1918), Vortrag Oberschleißheim 2012, in: Open-Access-LMU. Dokumentenserver der Universitätsbibliothek München, URL: <http://epub.ub.uni-muenchen.de/18084> (19.09.2014).

[14] Zu den Agitationen gegen Minderheiten vgl. etwa Kolditz, Gerald, Der Alldeutsche Verband in Dresden. Antitschechische Aktivitäten zwischen 1895 und 1914, in: Aurig, Rainer (Hg.), Landesgeschichte in Sachsen. Tradition und Innovation (=Studien zur Regionalgeschichte Bd. 10), Dresden 1997, S. 235–248; zu den Grenzvorstellungen vgl. auch Claß, Heinrich, Denkschrift betreffend die national-, wirtschafts- und sozialpolitischen Ziele des deutschen Volkes im gegenwärtigen Kriege, S. l [11914].

[15] Bender, Steffen, Der Burenkrieg und die deutschsprachige Presse. Wahrnehmung und Deutung zwischen Bureneuphorie und Anglophobie 1899–1902 (=Krieg in der Geschichte Bd. 52), Paderborn u.a. 2009.

[16] Laufer, Jochen, Die deutsche Südafrikapolitik 1890–1898 im Spannungsfeld zwischen deutsch-englischen Beziehungen, Wirtschaftsinteressen und Expansionsforderungen in der bürgerlichen Öffentlichkeit, Berlin 1986.

[17] Hofmann, Verhältnis, S. 10–12.

[18] Herwig, Holger H., Germany’s Vision of Empire in Venezuela 1871–1914, Princeton 1986, hier S. 198f., der sich auf umfangreiche Quellenstudien in Deutschland stützt.

[19] Überblickshaft vgl. Theiner, Peter, „Mitteleuropa“-Pläne im Wilhelminischen Deutschland, in: Berding, Helmut (Hg.), Wirtschaftliche und politische Integration in Europa im 19. und 20. Jahrhundert (=Geschichte und Gesellschaft Sonderh. 10), Göttingen 1984, S. 128–148.

[20] List, Friedrich, Das nationale System der politischen Ökonomie, Stuttgart u.a. 1841.

[21] Walkenhorst, Nation, S. 206.

[22] [Hasse, Ernst], Großdeutschland und Mitteleuropa um das Jahr 1950. Von einem Alldeutschen. 2., vielfach veränderte Auflage Berlin 1895. Für den Nachweis von Hasses Urheberschaft vgl. Schilling, Konrad, Beiträge zu einer Geschichte des radikalen Nationalismus in der Wilhelminischen Ära 1890–1909. Die Entstehung des radikalen Nationalismus, seine Einflußnahme auf die innere und äußere Politik des Deutschen Reiches und die Stellung von Regierung und Reichstag zu seiner politischen und publizistischen Aktivität, Köln 1968, S. 48.

[23] [Hasse], Großdeutschland, S. 5f.

[24] Koralka, Jirí, Georg Ritter von Schönerer und die alldeutsche Bewegung in den böhmischen Ländern, in: Hahn, Hans-Henning (Hg.), Hundert Jahre sudetendeutsche Geschichte. Eine völkische Bewegung in drei Staaten (=Die Deutschen und das östliche Europa. Studien und Quellen Bd. 1), Frankfurt am Main 2007, S. 61–90, hier S. 73.

[25] Walkenhorst, Nation, S. 207.

[26] Europa 1885, bearb. v. Kunz, Andreas; Röss, Wolf, in: IEG-Maps. Server für digitale historische Karten [Mainz 2003], URL: <http://www.ieg-maps.uni-mainz.de/mapsp/mappEu885Serie1.htm> (19.09.2014).

[27] Zu den Siedlungsgebieten deutschsprachiger Bevölkerungsteile in Ostmitteleuropa vgl. die Karten und weiterführenden Materialien des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa unter der URL: <http://www.bkge.de/> (19.09.2014).

[28] Von Hase, Ragnhild Fiebig, Die Rolle Kaiser Wilhelms II. in den deutsch-amerikanischen Beziehungen 1890–1914, in: Röhl, John C. G. (Hg.), Der Ort Kaiser Wilhelms II. in der deutschen Geschichte (=Schriften des Historischen Kollegs. Kolloquien Bd. 17), München 1991, S. 223–257, hier vor allem S. 230, S. 232.

[29] Thörner, Klaus, ‚Der ganze Südosten ist unser Hinterland‘. Deutsche Südosteuropapläne von 1840 bis 1945, Diss. phil. [online] Oldenburg, URL: <http://oops.uni-oldenburg.de/409> (19.09.2014).

[30] Zum Mitteleuropäischen Wirtschaftsbund im Gesamtkontext der Weltkriegsforschung vgl. Ackermann, Volker, Literaturbericht Erster Weltkrieg, in: Historisches Forum 3 (2004), Wirkungen und Wahrnehmungen des Ersten Weltkrieges, hrsg. für Zeitgeschichte-online und H-Soz-u-Kult von Große Kracht, Klaus u. Vera, S. 129–160. Ferner zur Bedeutung der deutschen Mitteleuropakonzeptionen für die europäische Einigung vgl. Neitzel, Sönke, Was wäre wenn …? Gedanken zur kontrafaktischen Geschichtsschreibung, in: Stamm-Kuhlmann, Thomas et al. (Hgg.), Geschichtsbilder. Festschrift für Michael Salewski zum 65. Geburtstag (=Historische Mitteilungen der Ranke-Gesellschaft Beih. 47), Wiesbaden 2003, S. 312–322, hier S. 321; ferner Peschel, Andreas, Friedrich Naumanns und Max Webers „Mitteleuropa“. Eine Betrachtung ihrer Konzeptionen im Kontext mit den „Ideen von 1914“ und dem Alldeutschen Verband, Dresden 2005.

[31] Von der Straten, Axel, Die Rechtsordnung des Zweiten Kaiserreiches und die deutsche Auswanderung nach Übersee 1871–1914 (=Berliner juristische Universitätsschriften. Grundlagen des Rechts Bd. 3), Berlin 1997. Zu den transnationalen und globalgeschichtlichen Perspektiven vgl. Conrad, Sebastian, Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich, München 22010 sowie die einschlägigen Beiträge in ders.; Osterhammel, Jürgen (Hgg.), Das Kaiserreich transnational. Deutschland in der Welt 1871–1914, Göttingen 2006, sowie zahlreiche Einzelstudien wie Kamphoefner, Walter D., Westfalen in der Neuen Welt. Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert (=Studien zur Historischen Migrationsforschung Bd. 15), Göttingen 2006.

[32] [G. K.], Deutschlands Weltstellung und der Weiterbau am Nationalstaate, in Alldeutsche Blätter Nr. 2 v. 7.1.1894, S. 5–7.

[33] Zur Interdependenz zwischen ‚rassischem Denken‘ sowie dem Ansinnen einer „ethnischen Einigung“ sowohl nach innen als auch nach außen vgl. etwa Leicht, Johannes, Biopolitik, Germanisierung und Kolonisation. Alldeutsche Ordnungsutopien einer ethnisch homogenen „Volksgemeinschaft“, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 19 (2010), S. 151–177.

[34] Berwinkel, Holger; Kröger, Martin (Red.), Die Außenpolitik der deutschen Länder im Kaiserreich. Geschichte, Akteure und archivische Überlieferung (1871–1918) (= Beiträge des wissenschaftlichen Kolloquiums zum 90. Gründungstag des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts am 3. August 2010), hrsg. v. Auswärtigen Amt unter Mitarbeit von Janne Preuß, München 2012.

[35] Das deutsch-französische Verhältnis ist hier nicht ausführlich zu beleuchten. Eine frühere Verbindung des Wortstammes ‚alldeutsch‘ im Kontext mit Frankreich findet man in der Kriegsberichterstattung zum deutsch-französischen Krieg 1871. Strodtmann, Adolf, „Alldeutschland in Frankreich hinein!“ Kriegserinnerungen. 2 Teile, Berlin 1871.

[36] Karen Hagemann: Aus Liebe zum Vaterland. Liebe und Hass im frühen deutschen Nationalismus: Franzosenhass, in: Birgit Aschmann (Hrsg.): Gefühl und Kalkül. Der Einfluss von Emotionen auf die Politik des 19. und 20. Jahrhunderts, Stuttgart 2005, S. 101-123.

[37] Gerafft bei Hofmann: Verhältnis, S. 6-8 auf Grundlage von Peters: Verband, S. 49f., sowie Chickering: „Men“, S. 57f. Die Regierung sollte allerdings schnell erkannt haben, dass der Alldeutsche Verband kein verlässlicher Partner ist.



Literaturhinweise

  • Chickering, Roger, We Men Who Feel Most German. A Cultural Study of the Pan-German League 1886–1914, Boston u.a. 1984.
  • Hering, Rainer, Konstruierte Nation. Der Alldeutsche Verband 1890 bis 1939, Hamburg 2003.
  • Leicht, Johannes, Heinrich Claß 1868–1953. Die politische Biographie eines Alldeutschen, Paderborn 2012.
  • Peters, Michael, Der Alldeutsche Verband am Vorabend des Ersten Weltkrieges (1908–1914). Ein Beitrag zur Geschichte des Nationalismus im spätwilhelminischen Deutschland (=Europäische Hochschulschriften Reihe III: Geschichte und ihre Hilfswissenschaften Bd. 501), Frankfurt am Main u.a. 21996.
  • Walkenhorst, Peter, Nation — Volk — Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserreich 1890-1914 (=Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft Bd. 176), Göttingen 2007.

Zitation
Zweck und Ziele des Alldeutschen Verbandes (1908) , in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2014, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-3695>.
Quelle zum Essay
Die Europakonzeptionen des Alldeutschen Verbandes Anspruch und Wirklichkeit einer nationalistischen "Pressure Group" im Wilhelminischen Zeitalter
( 2014 )
Zitation
Heinrich Claß , Zweck und Ziele des Alldeutschen Verbandes (1908), in: Themenportal Europäische Geschichte, 2014, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-3695>.
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