Oegstgeest 1920. First meeting with Germans after the war (16. bis 18. April 1920).


Oegstgeest 1920. First meeting with Germans after the war (16. bis 18. April 1920)[1]



© New College Library Edinburgh, Mound Pl, Edinburgh EH1 2LX, <http://www.ed.ac.uk/information-services/library-museum-gallery/using-library/lib-locate/newcoll-lib>.

Der Rückseitentext lautet:[2]


Oegstgeest 1920

First meeting with Germans after the war.

Miss Gibson

Lütz     Lindenbom     Lenwood     Fokkema     Würz     Maclennan     Schlunk     Gunning Jr.

(Basel)                                                                                              ? Head o[f] School,

                                                                                                                      B?

                                                                                                                      Rauws

Gunning     Hennig     BDG [= Betty D. Gibson]     JsO [=Joseph Oldham]

                                                                                                                 B D. Gibson

                                                                                                                   Beechcroft

                                                                                                       Cramond Rd. North

                                                                                                                  Edinburgh 4



[1] New College Library Edinburgh, GB 238 MS OLD 24.2.

[2] Transkription durch Matthäus Feigk.


Die transnationalen Netzwerke protestantischer Missionsgesellschaften nach dem Ersten Weltkrieg und das Missionstreffen von Oegstgeest 1920[1]

Von Matthäus Feigk

Auf der Fotografie[2] von 1920 hat sich im Vordergrund eine Personengruppe in zwei Reihen − die vordere auf Holzstühlen sitzend, die hintere stehend − arrangiert. Im Hintergrund erkennt man die mit Efeu bewachsene Hausecke eines Backsteingebäudes. Links von der Gruppe sind ein Durchgang mit dreistufiger Treppe, direkt dahinter und am rechten Bildrand zwei Fenster zu sehen. Die Personen rechts der Bildmitte stehen bzw. sitzen mit ihren Stühlen im Gras eines Vorgartens. Die zwölf Männer und eine Frau nehmen größtenteils eine steife Haltung ein. Die meisten schauen ernst, einige verhalten lächelnd, in Richtung der Kamera. Ein Mann hält einen Papierbogen in seiner Hand. Der durch die Haltung und Mimik der Fotografierten entstehende Eindruck konzentrierter Anspannung lässt auf einen formalen Anlass schließen, in dessen Rahmen das Bild entstand. Tatsächlich dürften die ernsten Mienen der Teilnehmer nicht ausschließlich auf die intensive Arbeitsatmosphäre einer Sitzung zurückzuführen sein.

Die meisten der hier zu sehenden Teilnehmer gehörten als Briten und Deutsche Nationen an, die sich anderthalb Jahre zuvor noch als Feinde im Ersten Weltkrieg gegenübergestanden hatten. Gleichzeitig blickten sie auf eine weit in die Vorkriegszeit reichende Phase gemeinsamer Arbeit zurück. Grundlage dieser internationalen Kooperation hatte das aus den pietistischen Wurzeln vieler protestantischer Missionsgesellschaften übernommene Prinzip der sogenannten „Reich-Gottes-Arbeit“ gebildet, also die Vorstellung, durch das Bekehren möglichst vieler Nicht-Christen auf die baldige Wiederkehr Christi hinzuarbeiten. In der Konsequenz galt das kommende Reich Gottes vielen überzeugten Christen als ihr eigentliches Vaterland, was weltliche Staatsgrenzen und ethnische Unterschiede verblassen ließ.[3] Während des nun hier dokumentierten Treffens kamen auf Einladung der Niederländischen Missionsgesellschaft vom 16. bis 18. April 1920 im Missionshaus von Oegstgeest nahe Leiden zum ersten Mal nach Kriegsende Vertreter protestantischer Missionsgesellschaften aus Deutschland und Großbritannien wieder zusammen. Die in Folge des Krieges aufgeheizte Stimmung wie auch Handlungen einzelner Akteure hatten zum Bruch zwischen den Missionsgemeinden in beiden Ländern geführt. In Oegstgeest versuchte man nun, Möglichkeiten zu finden, um die einstmals guten Kontakte neu zu knüpfen. Das Treffen von Oegstgeest bietet so einen Ausgangspunkt, schlaglichtartig die von protestantischen Missionsgesellschaften, etwa durch regelmäßig stattfindende Konferenzen, geschaffenen transnationalen Kommunikationsräume zur Zeit des Ersten Weltkrieges abzubilden und die dort dominanten Themenkomplexe zu analysieren.[4]

Viele der Teilnehmer kannten sich zumindest seit der 1910 in Edinburgh abgehaltenen Weltmissionskonferenz, die zum damaligen Zeitpunkt die größte jemals stattgefundene Versammlung protestantischer Kirchen- und Missionsleute darstellte und heute als Startpunkt der ökumenischen Bewegung gilt.[5] Joseph H. Oldham[6], Sekretär der Weltmissionskonferenz und deren Hauptorganisator, war zum damaligen Zeitpunkt wohl einer der einflussreichsten und am besten vernetzten Akteure in der protestantischen Welt. Er verfügte über exzellente Kontakte zu den britischen, nordamerikanischen und kontinentaleuropäischen Missionsgesellschaften, wie auch zur anglikanischen Kirche und den britischen Regierungsstellen.[7] Unterstützt wurde Oldham bei der Organisation der Konferenz von 1910 von seinem Assistant Secretary Kenneth MacLennan.[8] Auch Friedrich Würz[9], einer der Missionsinspektoren der Basler Missionsgesellschaft, Paul Otto Hennig[10], Bischof und Missionsdirektor der Herrnhuter Brüdergemeine sowie zu dieser Zeit des Deutschen Evangelischen Missionsausschusses, der gastgebende Missionsdirektor der Niederländischen Missionsgesellschaft Jan Willem Gunning[11] und Johannes Rauws[12], Missionsdirektor der Utrechtsche Zendingsvereeniging, waren 1910 in Edinburgh zugegen.[13] Bis auf Letzteren wurden darüber hinaus alle hier Genannten in das sogenannte Fortführungskomitee der Weltmissionskonferenz berufen, das den Kontakt zwischen den in Edinburgh anwesenden Missionsgesellschaften aufrechterhalten sollte.[14] Das Fortführungskomitee bildet somit auch grob den institutionellen Rahmen, in welchem das Treffen von Oegstgeest stattfand und die hier thematisierte Bildquelle entstand.

Tatsächlich kam es mit Ausbruch des Krieges zu keinem völligen Kommunikationsabbruch zwischen den deutschen und britischen Mitgliedern des Fortführungskomitees. Zwar war seit August 1914 eine direkte Korrespondenz zwischen den deutschen und britischen Missionskreisen über den von der Frontlinie unterbrochenen und von der Kriegszensur eingeschränkten Postweg nicht mehr möglich. Doch wurden im Rahmen des Fortführungskomitees mit Hilfe der in neutralen Staaten ansässigen Mitglieder weiterhin Korrespondenzen aufrechterhalten. Beispielsweise leitete Friedrich Würz offiziell an ihn selbst ins Basler Missionshaus adressierte Briefe der deutschen Missionsdirektoren – wie etwa der auf der Fotografie abgebildeten Hennig und Schlunk – nach London weiter.[15]

Ebenso führte der Kriegsbeginn nicht in sofortiger Konsequenz zum Zerwürfnis zwischen beiden Gruppen. Im Gegensatz zur häufig anzutreffenden Kriegsbegeisterung in den verschiedenen Landeskirchen nahmen die Missionsgesellschaften beider Länder trotz Loyalitätsbekundungen gegenüber den jeweiligen Regierungen die Nachricht vom Kriegsausbruch mit Sorge auf.[16] Dass sich der Konflikt der Kolonialmächte destruktiv auf die Arbeit der Missionen und ihr optimistisches Ziel der „Bekehrung der Welt in dieser Generation“[17] auswirken würde, schien wahrscheinlich. Geschockt von den politischen Ereignissen Ende Juli und Anfang August 1914 rief Joseph Oldham in einem Rundschreiben an alle Mitglieder des Fortführungskomitees dazu auf „to maintain and renew our fellowship in prayer.“[18] Da sich auf britischer Seite sehr schnell die Überzeugung durchsetzte, dass die deutschen Missionen durch den Kriegsverlauf von ihren Arbeitsgebieten in Übersee abgeschnitten werden würden, äußerte sich noch im August 1914 diese Solidarität in einem konkreten Angebot zur logistischen und finanziellen Unterstützung aller kontinentalen Missionen durch die britischen Gesellschaften.[19] Die internationale Klammer des Fortführungskomitees, die durch die jahrelange gemeinsame Arbeit entstanden war, schien der Belastung durch den Krieg also zunächst standzuhalten.[20]

Erst im weiteren Verlauf des Krieges begann sich die Tonlage zwischen den Missionsgemeinden in Deutschland und Großbritannien entsprechend der aufgeheizten Stimmung in beiden Ländern zu verschärfen.[21] Befeuert wurde der sich anbahnende Konflikt durch die sukzessive Ausweisung der deutschen Missionen aus allen von der Entente kontrollierten Gebieten.[22] Zum endgültigen Bruch zwischen beiden Missionsgemeinden kam es aber erst 1917, nachdem John R. Mott, Vorsitzender des Fortführungskomitees, als Mitglied einer US-amerikanischen Delegation nach Russland gereist war, deren Auftrag es war, die dortige provisorische Regierung von einer Fortsetzung des Krieges gegen die Mittelmächte zu überzeugen.[23] Daraufhin verabschiedete der Deutsche Evangelische Missionsausschuss als Dachorganisation der deutschen Missionen im August 1917 eine Erklärung, nach welcher sie Mott fortan nicht mehr als Vorsitzenden des Fortführungskomitees anerkannten und dessen Rücktritt forderten. Damit kam die bisherige Kooperation zwischen deutschen und anglophonen Missionen zu einem vorläufigen Ende.[24]

Wie kam es nun zum Treffen von Oegstgeest?Nach Ende des Krieges versuchte das Fortführungskomitee, die internationale Zusammenarbeit möglichst rasch neu zu beleben und nach Möglichkeit über das Vorkriegsniveau hinaus fortzuentwickeln. Zu diesem Zweck plante man für Juni 1920 eine Konferenz aller wichtigen europäischen und nordamerikanischen Missionsvertreter, die in Crans-près-Céligny am Genfer See stattfinden sollte.Gegenstand der Konferenz sollte das Verhältnis zwischen Regierungen und Missionsgesellschaften sowie die den Missionen von staatlicher Seite eingeräumten Freiheiten und Einschränkungen sein.[25] Tatsächlich sollte die Konferenz von Crans zusammen mit der 1921 folgenden von Lake Mohonk entscheidend zu einer Aussöhnung zwischen den deutschen und angloamerikanischen Missionsgesellschaften beitragen und zur Gründung der ersten internationalen Interessenvertretung protestantischer Missionen, des International Missionary Council (IMC), führen. Die Idee eines Crans noch vorausgehenden Sondierungstreffens ging auf die grundlegende Skepsis der Deutschen Missionsführer gegenüber der geplanten Konferenz zurück. Ein offizielles Treffen mit Missionsvertretern der Entente-Länder machte aus ihrer Sicht so bald nach Kriegsende aufgrund der eigenen Verbitterung über den Versailler Friedensschluss keinen Sinn.[26]

Auf die Einladung Direktor Gunnings hin einigten sich Friedrich Würz und Joseph Oldham rasch auf Oegstgeest als Ort der Zusammenkunft. Die Einladung Gunnings zeigt anschaulich, dass gerade auch die „neutralen“ Akteure dazu beitrugen, die durch den Ersten Weltkrieg strapazierten Netzwerke der europäischen Missionsgemeinde neu zu knüpfen. Ebenso wie die deutschen Missionen waren sie in Folge der Kriegspolitik der Entente-Mächte von starken Einschränkungen ihrer Arbeit betroffen. Durch eine Aussöhnung der europäischen Missionen und Bündelung von deren politischen Ressourcen erhofften sie sich eine zügige Rückkehr zu den Arbeitsbedingungen der Vorkriegszeit.[27]

Was wurde in Oegstgeest nun besprochen? Laut dem Gedächtnisprotokoll, das von Oldhams Sekretärin Betty Gibson[28] nach dem Treffen angefertigt wurde[29], zogen sich die holländischen Gastgeber zunächst zurück, um Deutschen und Briten die Gelegenheit zu geben, die momentane Situation der deutschen Missionen und die Differenzen der Kriegszeit offen zu diskutieren. Die englische Seite versuchte zunächst die Perspektive der britischen Regierung darzulegen, um deren gegen die deutschen Missionen gerichteten Maßnahmen während des Krieges, wie die Inhaftierung von Missionaren und deren Rückführung nach Europa, verständlich zu machen. Hennig betonte seinerseits, wie enttäuscht und verletzt die deutschen Missionen von den Briten seien. Während man für die Notwendigkeit harter Entscheidungen im rein militärischen Bereich Verständnis aufbringen könne, seien die Vorwürfe mangelnder Loyalität oder gar Feindschaft gegenüber der britischen Kolonialmacht völlig unbewiesen. Insbesondere von den britischen Missionen habe man sich größere Hilfe erhofft. Um den deutschen Standpunkt zu untermauern, schilderte der Basler Missionar Lütz[30] seine Erlebnisse während der Eroberung Kameruns und verwies darauf noch bei der Nachricht von den sich nähernden britischen Truppen geglaubt zu haben, in Ruhe unter den Briten weiterarbeiten zu können. Die beiden Positionen spiegeln in nuce eine Debatte um das Selbstverständnis von Missionsgesellschaften wieder, die den aufkeimenden Konflikt zwischen den britischen und deutschen Gesellschaften während der gesamten Kriegszeit begleitete: Sollten die Missionen die eigene nationale Identität dem gemeinsamen christlichen Ideal der Weltbekehrung unterordnen oder hatte dieses in internationalen Konfliktsituationen immer noch Vorrang? Während die Deutschen als Leittragende der restriktiven britischen Kolonialpolitik auf die Solidarität der englischen Glaubensbrüder und deren Parteinahme zu ihren Gunsten pochten, bedauerten diese zwar die Situation, sahen sich aber doch in erster Linie zu Loyalität gegenüber Großbritannien verpflichtet.[31] Ein Kompromiss in dieser Auseinandersetzung sollte erst 1921 auf der IMC-Konferenz in Lake Mohonk gefunden werden. Hier sollten sich die Delegierten darauf einigen, die deutschen Missionen gegenüber den alliierten Regierungen vom Vorwurf der Illoyalität frei zu sprechen, womit der Weg zu einer erneuten institutionellen Zusammenarbeit freigeräumt wurde.[32]

Eine baldige Rückkehr der deutschen Gesellschaften hielt die britische Delegation in Oegstgeest für unwahrscheinlich. Aufgrund der gegenüber Deutschland immer noch ablehnenden Haltung in der britischen Öffentlichkeit könne man laut Oldham nur langsam und vorsichtig vorgehen: „If the matter was raised now in the House of Commons it would raise Cain.“[33] Als aussichtsreichsten Weg zu einer möglichst raschen Rückkehr der Deutschen erschien Oldham die Heranziehung sogenannter „liaison-officers or sponsors“[34], das heißt britischer Missionare, die vor Ort als Vermittler zwischen den deutschen Missionen und den alliierten Kolonialbehörden auftreten sollten. Die deutsche Delegation in Oegstgeest stand diesem Vorschlag äußerst skeptisch gegenüber. Tatsächlich sollten dann aber ab Mitte der 1920er-Jahre deutsche Missionare im Rahmen eines von den britischen Behörden eingeführten Lizenzsystems zunächst nur unter der Ägide britischer bzw. französischer Missionare wieder zugelassen werden.[35]

Im zweiten thematischen Block des Treffens am 18. April diskutierten beide Seiten mit den Niederländern die Frage einer Teilnahme der deutschen Missionen an der geplanten Konferenz in Crans. Die Briten sahen durch eine mögliche Absage der Deutschen die gesamte Konferenz bedroht. Lenwood verwies darauf, dass ein Nichterscheinen der Deutschen von einigen Missionsvertretern der Entente-Länder als unversöhnliche Position missverstanden werden könne. Bischof Hennig lehnte die Teilnahme deutscher Repräsentanten jedoch ab, da dies seiner Meinung nach als Einwilligung in die alliierte Politik gegenüber den deutschen Missionen verstanden werden konnte. Ebenso hielten Direktor Schlunk von der Norddeutschen Missionsgesellschaft[36] und Friedrich Würz eine offizielle Teilnahme deutscher Vertreter für völlig unmöglich, da sie eine Spaltung der religiösen Kreise in Deutschland und eine Entfremdung der deutschen Missionen von der eigenen Bevölkerung befürchteten. Die deutschen Mitglieder des Fortführungskomitees könnten nur als Privatpersonen, keinesfalls aber als offizielle Repräsentanten der deutschen Missionen erscheinen. Zudem dürfe es keine allgemein bindenden Entscheidungen und keine offiziellen Veröffentlichungen hierzu in Crans geben. Die Niederländischen Gesprächspartner versuchten, eine vermittelnde Rolle einzunehmen. Johannes Rauws mahnte, dass die Chance, die Crans darstelle, nicht vertan werden dürfe, da sich möglicherweise keine zweite ergebe. Die Befürchtungen der Deutschen aufgreifend wies Direktor Gunning von der Niederländischen Missionsgesellschaft darauf hin, dass ihm der Begriff „Konferenz“ zu steif klinge und man daher besser von einem „Treffen“ sprechen sollte. Tatsächlich wurde dieser Vorschlag so umgesetzt.[37] Bestärkt durch Gunnings Vorschlag konnten sich alle in Oegstgeest Anwesenden darauf verständigen, dem Treffen von Crans so wenig öffentliche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen wie nur möglich, womit der Weg für eine inoffizielle Teilnahme der deutschen Vertreter freigeräumt war.[38] Die Diskretion, die sich insbesondere die Deutschen in Oegstgeest erbaten, aber auch die Sorge der Briten um die öffentliche Resonanz im Vereinigten Königreich auf eine eventuelle Rückkehr der deutschen Missionen verweisen hier deutlich auf die vielschichtigen Beziehungsgefüge, in denen sich Missionsgesellschaften bewegten. Diese umfassten bekanntermaßen nicht nur andere Missionen, sondern auch die Regierungsbehörden der Kolonien und Mutterländer sowie die stark in den europäischen Bevölkerungen verwurzelten Missionsvereine.[39] Durch die hiermit verbundenen administrativen bzw. finanziellen Abhängigkeiten waren die Missionen trotz ihrer erwähnten internationalistischen Tradition zur Rücksicht auf die öffentliche Meinung in ihren Heimatländern gezwungen.

Bezeichnend für die Tatsache, wie sehr sich die Vorstellungen britischer und deutscher Missionsgesellschaften durch den Kriegsverlauf voneinander entfernt hatten, war die das Treffen von Oegstgeest abschließende Debatte um zukünftige Herausforderungen für das protestantische Missionswesen. Oldham begriff das seit Ende des Krieges insbesondere in den britischen Kolonien zunehmende Engagement staatlicher und somit säkularer Institutionen im Bildungssektor, der zuvor weitestgehend den Missionen überlassen war, als größtes Problem. In den folgenden Jahren sollte der Ausbau des Bildungsangebotes speziell in den afrikanischen Kolonien durch die Missionen zu einem seiner wichtigsten Anliegen werden.[40] Oldhams Frage nach den Vorstellungen der Deutschen zur Zukunft des missionarischen Schulwesens löste bei der deutschen Delegation hingegen Verwirrung aus. Insbesondere Hennig maß dem Thema keine Relevanz zu und sprach sich sogar für einen Rückzug der Missionen auf die Vermittlung von reinem Bibelwissen aus.[41] Wesentlicher relevanter und gefährlicher für die protestantische Mission erschien der deutschen Delegation die Konkurrenz katholischer und islamischer Bekehrungsarbeit in Afrika. Damit knüpfte man erneut an Debatten aus der Vorkriegszeit an, die auch insbesondere innerhalb der deutschen Missionen geführt worden waren[42], nach dem Krieg aber mehr und mehr an Relevanz verlieren sollten. Ohne das Beispiel überinterpretieren zu wollen zeigt sich hier, dass sich die Vorstellungen darüber, welche Art von Kenntnissen sich zukünftig für die Missionsgesellschaften als wertvoll erweisen würden – ein breiteres pädagogisches Angebot mit dem entsprechenden didaktischen Wissen oder eine rein missionsorientierte Expertise –, zwischen den britischen und neutralen Gesellschaften auf der einen und den deutschen Missionsvertretern auf der anderen Seite während der Krieges deutlich auseinanderentwickelt hatten. Tatsächlich erlangten im Verlauf der 1920er-Jahre Debatten über ein notwendiges stärkeres Verantwortungsbewusstsein der Missionsgesellschaften für die ökonomischen und sozialen Belange der außereuropäischen Bevölkerungen – neben dem Bildungssektor beispielsweise die Frauenarbeit – eine immer stärkere Prominenz innerhalb der protestantischen Missionsszene. Ursächlich hierfür war einerseits der Einfluss der seit Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden christlich-sozialaktivistischen Bewegung des „social gospel“, deren Protagonisten in engem Austausch mit den Wortführern der internationalen protestantischen Missionskreise, wie etwa John Mott, standen.[43] Andererseits war das patriarchalische Überlegenheitsgefühl der Missionare gegenüber ihren Konvertiten durch den Krieg zwar nicht beseitigt, aber dennoch zeitweilig erschüttert worden. Durch die Verbannung der deutschen Missionen aus den europäischen Kolonien und die damit verbundene, vorübergehende Autonomie hatten die einheimischen Gemeinden an Selbstbewusstsein gewonnen. Wollten die Missionsgesellschaften den in den Kolonien aufkeimenden Nationalismus in ihren eigenen Arbeitsfeldern nicht noch zusätzlich anstacheln, mussten sie Zugeständnisse machen und sich stärker an die Bedürfnisse der Missionsgemeinden anpassen.[44] Das Treffen von Oegstgeest steht somit am Beginn eines Umwandlungsprozesses weg von der reinen Bekehrungsabsicht der Missionen während des 19. Jahrhunderts hin zu einer Vorform christlicher Entwicklungshilfe.[45]

Resümierend lässt sich feststellen, dass das auf der Bildquelle dokumentierte Treffen von Oegstgeest einen guten Ausgangspunkt zur Darstellung und Analyse der transnationalen religiösen, respektive protestantisch-missionarischen, Netzwerke Europas und deren Situation am Ende des Ersten Weltkrieges darstellt. Dass bereits allein die Existenz solcher grenzüberschreitenden Kontakte sich in der verbitterten öffentlichen Atmosphäre während und unmittelbar nach dem Krieg als problematisch für die Missionsgesellschaften gestaltete, zeigt sich deutlich in der in Oegstgeest geäußerten Sorge um eine mögliche öffentliche Resonanz und der daraus abgeleiteten Diskretion bezüglich des Treffens wie auch der anstehenden Konferenz in Crans. Die Gastgeberschaft der niederländischen Missionen und ihre vermittelnde Position während der Debatten in Oegstgeest verdeutlicht hingegen das Interesse der neutralen Gesellschaften an einer Aussöhnung der ehemaligen Konfliktparteien.

Wenig überraschend dominierten thematisch der Krieg und die aus ihm erwachsenden Konsequenzen für die protestantische Missionsgemeinde die in Oegstgeest geführten Diskussionen. Hierbei bleibt festzustellen, dass das Treffen auf den ersten Blick wenig dazu beitragen konnte, die entstandenen Gräben zwischen Deutschen und Briten wieder zu schließen. Keiner der strittigen Punkte konnte anschließend geklärt werden. Einig war man sich nur darin, die gesamte Angelegenheit möglichst nicht an eine breite Öffentlichkeit dringen zu lassen. Diese Zwischenbilanz verweist ebenso wie auch die in Oegstgeest wieder aufgenommene Diskussion um die „Supranationalität der Mission“ auf eine Grundproblematik des damaligen religiösen Internationalismus. Trotz des, laut eigenen Aussagen, von religiösen Idealen motivierten Interesses an grenzüberschreitender Kooperation agierten die Missionsdirektionen nicht unabhängig von den sie umgebenden Beziehungsgeflechten, die sie mit den staatlichen Administrationen sowie der Zivilgesellschaft verbanden und waren so von den Zwängen realpolitischer Tatsachen beeinflusst. Womit die Vielschichtigkeit, die den Motivationen der hier vorgestellten Akteure zugrunde liegt, deutlich wird.

Entgegen der erwähnten, vordergründig dürftigen, Bilanz von Oegstgeest kann der Zusammenkunft eine gewisse Relevanz jedoch nicht abgesprochen werden. Aus den dortigen Verhandlungen lassen sich, trotz des damals noch mangelnden Konsenses darüber, bereits spätere Lösungswege zu einer erneuerten Form der Kooperation zwischen den Missionsgesellschaften sowie eine Neuausrichtung der protestantischen Mission insgesamt herauslesen. Dass alle Parteien sich darüber einig waren, ihre erneute Annäherung mit größtmöglicher Diskretion zu behandeln, ermöglichte den Deutschen Missionsgesellschaften erst die aus ihrer Sicht gesichtswahrende inoffizielle Teilnahme an der Konferenz in Crans im Juni 1920. Oldhams in Oegstgeest formulierte Vorstellung der „liaison-officers“ wurde ab Mitte der 1920er-Jahre in Form der Zusammenarbeit zwischen deutschen Missionaren und den Angehörigen der treuhänderisch auftretenden britischen Missionen realisiert, womit nebenbei auch eine bisher nicht dagewesene Form der direkten Zusammenarbeit erreicht wurde.

Die Diskussion über die Bedeutung der Bildungsarbeit markiert in doppelter Weise einen Bruch. Einerseits lässt sich an ihr erkennen, wie sehr sich die Vorstellungen der deutschen und britischen Missionen während der Zeit des Krieges auseinanderentwickelt hatten. Andererseits wird bereits hier eine Problematik aufgegriffen, die im Verlauf der 1920er-Jahre innerhalb der insbesondere im Rahmen internationaler Konferenzen geführten missiologischen Debatten immer prominenter werden sollte. Das Treffen von Oegstgeest liegt somit zusammen mit dem Treffen von Crans und der Konferenz von Lake Mohonk an der Gelenkstelle zwischen dem stärker patriarchalisch geprägten und auf reine Bekehrung ausgelegten Selbstverständnis der Missionen des 19. Jahrhunderts und einer mit dem Begriff „social gospel“bezeichneten Sichtweise, die sich stärker als zuvor auf die ökonomischen und sozialen Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerungen Afrikas und Asiens konzentrierte und später in der christlichen Entwicklungshilfe mündete.


[1] Essay zur Quelle: Oegstgeest 1920. First meeting with Germans after the war (16. bis 18. April 1920).

[2] Vgl. die zu diesem Essay veröffentlichte Quelle Unbekannter Fotograf: „Oegstgeest 1920. First meeting with Germans after the war (16. bis 18. April 1920).“ New College Library Edinburgh, GB 238 MS OLD 24.2.

[3] Vgl. Lehmann, Hartmut, Horizonte pietistischer Lebenswelten, in: ders. (Hg.), Protestantische Weltsichten. Transformationen seit dem 17. Jahrhundert, Göttingen 1998, S. 11–28, hier S. 11–19.

[4] Vgl. Habermas, Rebekka, Mission im 19. Jahrhundert. Globale Netze des Religiösen, in: HZ 287 (2008), S. 629–679, hier S. 656f.

[5] Vgl. Koschorke, Klaus, Die Weltmissionskonferenz Edinburgh 1910 und die Globalisierung des Christentums, in: Pastoraltheologie. Wissenschaft und Praxis in Kirche und Gesellschaft 100 (2011), S. 215–226, hier S. 208.

[6] Sitzend, ganz links, mit übereinandergeschlagenen Beinen.

[7] Vgl. Clements, Keith, Faith on the Frontier. A Life of J. H. Oldham, Edinburgh 1999.

[8] New College Library Edinburgh, NCL MSS OLD 24.2: Stehend, vierter von links. Vgl. Stanley, Brian, The World Missionary Conference, Edinburgh 1910, Grand Rapids 2009, S. 42.

[9] New College Library Edinburgh, NCL MSS OLD 24.2: Stehend, Zentrum.

[10] Ebd.: Sitzend, zweiter von rechts.

[11] Ebd.: Sitzend, erster von rechts.

[12] Ebd.: Stehend, erster von links.

[13] Vgl. hierzu die im „Official Handbook“, einem für die Konferenzteilnehmer herausgegebenen Wegweiser, enthaltene Liste aller Delegierten: SOAS London, CBMS 510.

[14] Vgl. Stanley, The World Missionary Conference, S. 34, 249 und S. 297–303.

[15] Vgl. Clements, Keith, Faith on the Frontier. A Life of J.H. Oldham, Edinburgh 1999, S. 136. Vgl. hierzu auch den entsprechenden Bestand des Basler Missionsarchives BMA QK-4,3.

[16] Vgl. ebd. und Clements, Faith on the Frontier, S. 121–129.

[17] Vgl. Mott, John R., The Evangelization of the World in this Generation, New York 1900.

[18] Ebd. Oldham an die Mitglieder des Continuation Committee, Edinburgh, 05.08.1914.

[19] Vgl. ebd. und Würz an Oldham, Riehen b. Basel, 12.09.1914.

[20] Zu erwähnen bleibt, dass die Deutschen das britische Angebot jedoch nicht annahmen, da es die wahrscheinliche militärische Niederlage Deutschlands implizierte. Vgl. ebd. und Prempeh, Samuel, The Basel and Bremen Missions and their Successors in the Gold Coast and Togoland, 1914–1926; a study in Protestant Missions and the First World War. Phil. Diss. [masch.], Aberdeen 1977, S. 143f.

[21] Die im Folgenden von beiden Seiten veröffentlichten Erklärungen und Pamphlete lassen sich hierbei im Kontext des von Jörn Leonhard konstatierten Wettbewerbes intellektueller Kriegsdeutungen und -rechtfertigungen verorten, in welchem beispielsweise auch der von deutschen Hochschullehrern am 4. Oktober 1914 publizierte Aufruf an die Kulturwelt zu sehen ist. Vgl. Leonhard, Jörn, Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkrieges, München 2014, S. 236–250.

[22] Vgl. Clements, Faith on the Frontier, S. 121–163.

[23] Die sogenannte Root Mission. Vgl. ebd., S. 141–147.

[24] Die Basler Mission, die als teils schweizerische, teils deutsche Organisation eine Sonderrolle innerhalb der deutschsprachigen protestantischen Missionen einnahm, bildet hier eine Ausnahme. So stand die Missionsleitung weiterhin im regelmäßigen Kontakt mit beispielsweise Joseph Oldham. Vgl. BMA QK-4,3.

[25] Vgl. Clements, Faith on the Frontier, S. 170f.

[26] Vgl. Hogg, William Richey, Ecumenical Foundations. A history of the International Missionary Council and its Nineteenth-Century Background, Eugene 2002, S. 194f.

[27] Vgl. hierzu den Briefwechsel zwischen Joseph Oldham und Friedrich Würz im Bestand der Basler Mission, BMA QK-4,3, sowie die Korrespondenz zwischen Oldham und Frederik Törm vom Dansk Missionsraad im Archiv des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf: WCC Archives 26.0015/1. Zu dem von der britischen Regierung installierten Lizenzsystem für neutrale Missionen vgl. Clements, Faith on the Frontier, S.152f.

[28] New College Library Edinburgh, NCL MSS OLD 24.2: Sitzend, zweite von links.

[29] Dieses befindet sich heute in den Archivbeständen des Centre for the Study of World Christianity, Edinburgh: CSWC Oldham, Box 1, Folder 1.

[30] New College Library Edinburgh, , GB 238 MS OLD 24.2: Stehend, erster von rechts.

[31] Vgl. Clements, Faith on the Frontier, S. 145–147, 151f. und S. 168f.

[32] Vgl. ebd., S. 178.

[33] Gedächtnisprotokoll Betty Gibson. CSWC, Oldham, Box 1, Folder 1.

[34] Ebd.

[35] Vgl. Prempeh, The Basel and Bremen Missions, S. 470–474.

[36] Stehend, dritter von links.

[37] Vgl. Clements, Faith on the Frontier, S. 172–175 und Hogg, Ecumenical Foundations, S. 195.

[38] Ebd.

[39] Vgl. Habermas, Mission im 19. Jahrhundert, S. 656f.

[40] Vgl. Clements, Faith on the Frontier, S. 212–214.

[41] Vgl. Gedächtnisprotokoll Betty Gibson. CSWC, Oldham, Box 1, Folder 1.

[42] Vgl. ebd.

[43] Vgl. hierzu Fishburn, Janet F., The Social Gospel as Missionary Ideology, in: Shenk, Wilbert R. (Hg.), North American Foreign Missions, 1810–1914. Theology, Theory, and Policy. Grand Rapids, Cambridge 2004, S. 218–242.

[44] Vgl. Barnes, Jonathan S., Power and Partnership. A History of the Protestant Mission Movement, Eugene 2013, S. 148–162 und Ludwig, Frieder, Die Südwärtsbewegung der Weltmissionskonferenzen des frühen 20. Jahrhunderts: Afrikanische und asiatische Akteure in Edinburgh (1910), Jerusalem (1928) und Tambaram (1938), in: Koschorke, Klaus (Hg.), Etappen der Globalisierung in christentumsgeschichtlicher Perspektive, Wiesbaden 2012, S. 337–360, hier S. 347–349.

[45] Vgl. Erlank, Natascha: Strange Bedfellows: The International Missionary Council, the International African Institute, and Research into African Marriage and Family, in: Patrick Harries and David Maxwell (Hg.): The Spiritual in the Secular. Missionaries and Knowledge about Africa, Grand Rapids, 2012, S. 267-292, hier: S. 270f.



Literaturhinweise

  • Clements, Keith, Faith on the Frontier. A Life of J. H. Oldham, Edinburgh 1999.
  • Erlank, Natascha, Strange Bedfellows: The International Missionary Council, the International African Institute, and Research into African Marriage and Family, in: Harries, Patrick; Maxwell, David (Hgg.), The Spiritual in the Secular. Missionaries and Knowledge about Africa, Grand Rapids 2012.
  • Habermas, Rebekka, Mission im 19. Jahrhundert. Globale Netze des Religiösen, in: HZ 287 (2008).
  • Stanley, Brian, The World Missionary Conference, Edinburgh 1910, Grand Rapids 2009.

Zitation
Oegstgeest 1920. First meeting with Germans after the war (16. bis 18. April 1920). , in: Themenportal Europäische Geschichte, 28.06.2017, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-4200>.
Quelle zum Essay
Die transnationalen Netzwerke protestantischer Missionsgesellschaften nach dem Ersten Weltkrieg und das Missionstreffen von Oegstgeest 1920
( 2017 )
Zitation

Oegstgeest 1920. First meeting with Germans after the war (16. bis 18. April 1920), in: Themenportal Europäische Geschichte, 2017, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-4200>.
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