„Es sind zwei Welten gewesen“. Eine Informatikerin in der DDR und in der Bundesrepublik [1]
Von Dolores L. Augustine
Die Koexistenz zweier Gesellschaftssysteme war für die europäische Geschichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zweifellos ebenso prägend wie der Zusammenbruch des sozialistischen Systems 1989/90 und die damit einhergehenden Transformationen. In Deutschland sollte die Konkurrenz der beiden politischen Systeme das Leben mehrer Generationen bestimmen. Die Systemkonkurrenz spiegelt sich hier in den Brüchen individueller Biografien wider. Im Rahmen einer größeren Studie zur Sozialgeschichte der technischen Eliten in der DDR wurden im Jahr 1999 Interviews mit zwanzig Software-Ingenieurinnen und -Ingenieuren durchgeführt.[2] Ziel des Oral-History-Projekts war es zum einen, mehr über das Arbeits- und Privatleben von Informatikerinnen und Informatikern im SED-Staat herauszufinden. Gleichzeitig sollten im Gefolge der Wiedervereinigung aber auch die unerwarteten Rückschläge und Verlustgefühle ehemaliger DDR-Bürger in den 1990er Jahren, und hier speziell die Angehörigen einer technischen Elite, genauer untersucht werden. In allen Interviews waren in erster Linie Fragen zur Motivation bei der Berufswahl, zu Karrierestrategien, Bildungs- und Berufswegen genauso wie Fragen zu den damit verbundenen Chancen, zur Lebensplanung sowie zum Selbstverständnis von Bedeutung. Bemerkenswert ist, dass unter den Befragten kaum Arbeitslose, sondern vor allem beruflich erfolgreiche Personen zu finden waren, was allerdings wohl hauptsächlich auf den Umstand zurückzuführen ist, dass die Befragten jeweils vorrangig über berufliche Netzwerke und weniger über Bekanntenkreise gewonnen werden sollten.
In dem hier in Auszügen wiedergegegeben Interview berichtet die Ingenieurin Frau Müller von ihren Versuchen, sich beruflich und persönlich zu entfalten.[3] Gleichzeitig spricht sie aber auch von den Hindernissen, mit denen sie auf ihrem Lebensweg in der DDR und der Bundesrepublik konfrontiert war. Eine Reihe von geschlechtsspezifischen Schwierigkeiten von Akademikerinnen werden daraus ersichtlich, insbesondere das Problem, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Als Frau, Arbeiterkind und Facharbeiterin genoss Frau Müller Anfang der 1970er Jahre eine „Bilderbuchkarriere“, wie sie von der SED propagiert wurde. Ein Studium der Informatik ebnete ihr den Weg in die „neue technische Intelligenz“. Ungewöhnlich früh kam die Beförderung zur Abteilungsleiterin, eine Position, die nur wenige Frauen erreichten. Für diese Erfolge waren in erster Linie ihr großes Engagement, gute Planung sowie berufliches Können verantwortlich. Nur durch hohen persönlichen Einsatz konnte Frau Müller ihre Aufgaben als Abteilungsleiterin bewältigen. Zu dieser Zeit war sie auch Mutter eines kleinen Kindes. Positiv wirkte sich im Familienleben dabei aus, dass ihr Partner sehr verständnisvoll auf ihre beruflichen Anforderungen reagierte und beide sich die anfallenden elterlichen Pflichten teilten. Leider konnte sie im Berufsleben aber nicht mit der Solidarität von Seiten ihrer Mitarbeiterinnen rechnen, die ihr teilweise missgünstig begegneten und alles daran setzten, ihre Autorität zu unterminieren. In ihren Arbeiten zu Akademikerinnen hat Gunilla-Friedericke Budde die These vertreten, dass beruflich erfolgreiche Frauen in der DDR oft als „Vorzeigefrauen“ angesehen wurden, die ihren Aufstieg nicht selbst erbrachten Leistungen, sondern vielmehr staatlicher Bevorzugung verdankten.[4] Mit ähnlichen Urteilen, ja möglicherweise sogar Vorurteilen, hatte Frau Müller zweifelsohne zu kämpfen, gleichzeitig aber auch mit radikal egalitären Vorstellungen der Arbeiterschaft. Wie andere DDR-Frauen in Führungspositionen musste auch Frau Müller ihre politische Zuverlässigkeit unter Beweis stellen, und wie viele DDR-Frauen war sie dazu wenig geneigt. Interessanterweise beurteilt Frau Müller aber ihre damaligen Probleme kaum unter dem Aspekt einer Diskriminierung von Frauen. Im Gegenteil vertritt sie die Auffassung, dass die Frauenemanzipation sich in der DDR sowohl institutionell wie auch privat durchgesetzt habe, wobei dahingestellt bleiben muss, ob andere Frauen auch so aufgeklärte Partner wie Frau Müller hatten.[5] Auf echte Diskriminierung meint Frau Müller erst in der Bundesrepublik gestoßen zu sein. Hier vergingen einige Jahre, bevor sie die für die westdeutsche Kleinstadt typischen Barrieren gegen die Berufstätigkeit von Müttern überwinden konnte.
In Frau Müllers erzählter Lebensgeschichte ist die persönliche Suche nach Identität und Authentizität von großer Bedeutung.[6] Die Arbeit ist für sie ein wichtiger Teil ihres eigenen Selbstfindungsprozesses und stellt ein wichtiges Stück Identität dar, was für die DDR als „Arbeitsgesellschaft“ indes bestimmt nicht untypisch war. [7] Während Frau Müller stolz über die Errungenschaften der ersten Jahre berichtet, und dabei die Schwierigkeiten wie den „Stress“ und die Doppelbelastung genauso wenig unerwähnt lässt wie die großen Hindernisse, die es ihr zu überwinden gelang, so wird gleichzeitig deutlich, dass sie den Verlust ihres Postens als Abteilungsleiterin und ihre Versetzung auf eine Stelle, bei der sie „primitivste Arbeiten“ verrichten musste, als eine unerträgliche Erniedrigung erlebte. Sie und ihr Partner sahen sich durch die beruflichen Benachteiligungen, denen sie fortan ausgesetzt waren, dazu veranlasst, einen Ausreiseantrag zu stellen. Als „Horror“ bezeichnet Frau Müller die Jahre vor und nach ihrer Ausreise, da sie während dieser Zeit nicht arbeiten konnte und ihr damit ein wichtiger Lebensinhalt verloren ging. Eine wesentliche Besserung ihres Lebens trat erst ein, als sie schließlich wieder eine Stelle bekam, die ihrer Ausbildung und ihren Interessen entsprach, obwohl dieser berufliche Aufstieg zeitlich mit der Trennung von ihrem Mann zusammenfiel.
Rückblickend ist Frau Müller besonders glücklich darüber, ihre Fähigkeiten im Umgang mit Menschen weiterentwickelt zu haben, wobei sie es für den beruflichen Bereich als besonders befriedigend bezeichnet, im Kontakt mit Menschen zu sein, Schulungen durchzuführen und die Anerkennung ihres Chefs wie auch ihrer Kolleginnen und Kollegen gewinnen zu können. Da für sie ihr Leben aber ein unvollendetes Projekt darstellt, könnte sie sich auch vorstellen, eine eigene Firma zu gründen und zu leiten, auch wenn sie manchmal über sich enttäuscht ist, wenn sie sich noch nicht traut, Herausforderungen, denen sie sich eigentlich gewachsen fühlt, anzunehmen. Gleichzeitig scheut sie aber auch die größeren beruflichen Belastungen, die mit einer leitenden Stelle oder dem Schritt in die Selbständigkeit auf sie zukommen würden, da sie dem Privatleben inzwischen mehr Platz einräumt und manchmal mühsam versucht, ein Gleichgewicht zwischen dem beruflichen und privaten Lebensbereich aufrechtzuerhalten. Bei einer stärkeren beruflichen Einbindung hätte Frau Müller auch kaum noch Zeit für ihren Sohn.
In der Lebensgeschichte von Frau Müller spielt Freundschaft eine große Rolle. Als ihr in der DDR unter Androhung schwerwiegender beruflicher Konsequenzen nahegelegt wurde, eine Freundin, die in die Bundesrepublik ausgereist war, zu verleugnen, reagierte sie uneinsichtig und dezidiert: „...ich hab’s einfach nicht eingesehen, dass so ein einfach lieber Mensch, dass ich den aus meinem Leben streichen soll.“ In dieser Äußerung wird die authentische Stimme des „selbstreflexiven Individuums“ deutlich, dessen höchstes Ziel es ist, die Integrität des eigenen Lebens und der eigenen Lebensgeschichte aufrechtzuerhalten. Nach Anthony Giddens ist dies typisch für den Menschen in der spätmodernen Welt. [8]
Frau Müller gelang der Sprung von der einen Welt in die andere. Nach anfänglichen Schwierigkeiten identifizierte sie sich als Einheimische in der westdeutschen Region, in der sie gelandet war und eignete sich sogar manch sprachliche Eigenart ihrer neuen Heimat an. Letztlich war es ihr möglich, ihr Leben in der Bundesrepublik viel besser zu gestalten als in der DDR, weil sie es verstand, persönliche Freiräume auszunutzen. Das meritokratische System im Westen verursachte ihr dabei keine großen Schwierigkeiten, da sie die geforderten Leistungen problemlos erbringen konnte. Überdies schaffte sie es, ihre persönliche Entwicklung mit dem beruflichen Fortkommen zu verknüpfen, so etwa, wenn es darum ging, zu lernen, selbstbewusst aufzutreten.
Nach 1989 haben bekanntlich viele ehemalige DDR-Bürgerinnen und -Bürger ganz andere Erfahrungen gemacht. Frau Müller kam in eine Welt, in der es größere Unsicherheiten, aber auch größeren Raum für Selbstbefragung und Selbstzweifel gab. Inwieweit ihre „postmoderne“ Suche nach Identität und Authentizität typisch oder untypisch für eine DDR-Biografie war, inwieweit ihre Zugehörigkeit zur technischen Elite eine Rolle spielte und welche Umstände letztlich die Ausreise als durchaus individueller „Wechsel der Welten“ spielte, muss an dieser Stelle offen bleiben. Allerdings besitzen die Identitätssuche und die Deutung der Arbeit als sinnstiftender Lebensbereich seit Reformation und Aufklärung zentrale Bedeutung bei der Herausbildung des Individuums. Obwohl zunächst allein vom aufsteigenden Bürgertum getragen, sind diese Werthaltungen inzwischen zu einem wichtigen Bestandteil einer gesamteuropäischen Kultur geworden.
[1] Essay zur Quelle Nr. 1.14, Interview mit einer aus der DDR geflohenen Software-Ingenieurin (1999).
[2] Vgl. Augustine, Dolores L., Berufliches Selbstbild, Arbeitshabitus und Mentalitätsstrukturen von Software-Experten der DDR, in: Hübner, Peter (Hg.), Eliten im Sozialismus, Köln 1999, S. 405-433.
[3] Vgl. Quelle Nr. 1.14 in diesem Band; der Name ist aus Datenschutzgründen geändert.
[4] Vgl. Budde, Gunilla-Friederike, Frauen der Intelligenz. Akademikerinnen in der DDR 1945 bis 1975, Göttingen 2003, bes. S. 308-364.
[5] Budde würde dies verneinen, vgl. ebd., S. 344-345. Vgl. ferner Trappe, Heike, Emanzipation oder Zwang? Frauen in der DDR zwischen Beruf, Familie und Sozialpolitik, Berlin 1995, bes. S. 212-213.
[6] Zur Konstruktion erzählter Lebensgeschichte vgl. Fischer-Rosenthal, Wolfram, Schweigen – Rechtfertigen – Umschreiben. Biografische Arbeit im Umgang mit deutschen Vergangenheiten, in: Ders.; Alheit, Peter; Hoerning, Erika (Hg.), Biografien in Deutschland, Opladen 1995, S. 43-86.
[7] Vgl. Kohli, Martin, Die DDR als Arbeitsgesellschaft?, in: Kaelble, Hartmut; Kocka, Jürgen; Zwahr, Hartmut (Hg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 31-61.
[8] Vgl. Giddens, Anthony, Modernity and self-identity, Stanford 1991.
Literaturhinweise:
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