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Rousseaus „Emile“ – oder der Beginn moderner Erziehungsreflexion [1]

Von Heinz-Elmar Tenorth

Im Sommer 1762 erschien kurz vor dem „Contrat Social“ Rousseaus „Emile oder über die Erziehung“.[2] Der Roman löste einen europaweiten Skandal aus. In Paris wurde der Emile sogleich verboten und selbst in Genf wurde das Werk kurz danach, am 19. Juni 1762, auf den Index gesetzt und öffentlich verbrannt. Sein Autor, der sich auf dem Titelblatt stolz als „citoyen de Genève“ bezeichnet hatte, war hier wie in Frankreich mit Verhaftung bedroht, der er nur durch rasche Flucht in die Schweiz entgehen konnte. Sicherheit fand er schließlich in der preußischen Enklave Neuchâtel. Gegen den zentralen Vorwurf, der Emile, vor allem sein IV. Buch mit dem „Glaubensbekenntnis des savoyischen Vikars“ und dem Plädoyer für natürliche Religion, versündige sich gegen Religion und Kirche, verteidigte sich Rousseau 1763 in dem ausführlichen und rhetorisch meisterhaften „Brief an Herrn von Beaumont“, den Erzbischof von Paris, Christoph de Beaumont, der ihn 1762 öffentlich verurteilt hatte. Das blieb zunächst ohne Erfolg, auch in Genf galt er weiterhin als gefährlicher Denker, so dass Rousseau, tief enttäuscht, auf sein Bürgerrecht verzichtete.

Die Zensur hat den überwältigenden Erfolg des Emile nicht verhindern können, aber früh deutet sich auch schon an, dass dieses epochemachende Buch über die moderne Erziehung nicht allein wegen seiner Ideen, sondern zumindest in gleicher Weise durch die Kritik und aus der sich verselbständigenden Rezeption der Zeitgenossen und Nachgeborenen lebt. Obwohl bis heute international erfolgreich und in allen westlich beeinflussten Kulturen einen Standardplatz unter den Klassikern der Pädagogik einnehmend, wurde die Rezeption in Deutschland, seit 1762 und kontinuierlich bis heute, ein Phänomen besonderer Intensität, für die Wahrnehmung Rousseaus und die Interpretation des Emile auch international eigentümlich folgenreich. Erziehungsphilosophisch ist es eher der „deutsche Rousseau“ als der authentische Text, von dem die Debatte bestimmt war und ist.

Die deutschsprachigen Pädagogen der Aufklärung, die so genannten Philanthropen, sind die ersten emphatischen Leser Rousseaus. Sie veröffentlichten zwischen 1789 und 1791 in vier Bänden, zugleich der 12. bis 15. Teil ihres Standardwerkes „Allgemeine Revision des gesammten Erziehungswesens“ [3] , nicht nur eine vollständige Übersetzung des Emile, sie kommentierten und kritisierten ihn auch intensiv. Darin spiegelt sich nicht allein ihre Überzeugung, dass hier das „wichtigste Buch, das je über Erziehung geschrieben wurde“ vorgelegt worden sei [4] , mit ihrem Kommentar wollten die Philanthropen, die sich stolz als „Adepten“ Rousseaus bezeichneten, zugleich dafür sorgen, dass die Ideen des Meisters in der angemessenen Weise rezipiert wurden. Angemessen, das hieß für sie, dass die Erziehungstheorie Rousseaus pragmatisch, politisch und pädagogisch kontrolliert und entschärft werden musste. Dieser „pädagogische Rousseau“ bleibt bis heute ein eigentümliches Phänomen, auch dann, wenn er die Erziehungskritik reformpädagogischer oder gesellschaftskritischer Bewegungen, wie etwa um 1900 oder nach 1968, munitionieren half.[5]

Der Emile liefert aber auch allen Grund für eine im Zeitverlauf wechselnde Rezeption und Instrumentalisierung zwischen Zensur und einer pädagogisierenden Aneignung, zwischen der Umdeutung ad usum delphini und der radikalisierenden Aneignung zum Zwecke der Kritik aller Erziehung in der bürgerlichen Gesellschaft. Denn bis heute sind vielleicht die Elemente unstrittig, aus denen Rousseau dieses grandiose Gedankenexperiment einer Erziehung außerhalb der negativen Einflüsse einer verdorbenen Kultur konstruiert, in Fortsetzung seiner kulturkritischen Preisschriften und als pädagogische Antwort, neben der politischen, die der Contrat Social auf die kulturkritische Diagnose liefert. Höchst kontrovers ist dagegen bis heute, ob der Emile in sich konsistent ist oder ob hier im Fortgang des Lebenslaufs letztlich zwei Erziehungssysteme konstruiert wurden, wonach der Heranwachsende in der Kindheit anders, nämlich über Erfahrung, als im Jugendalter gesteuert wird, wenn der Lehrer und die Belehrung regieren. Rousseaus Emile gilt ferner insofern als widersprüchlich, als der Propagandist des natürlichen Menschen für den weiblichen Teil der Menschheit ganz andere, sehr konventionelle und geschlechtsspezifische Erziehungsziele und -praktiken empfiehlt. Höchst kontrovers ist schließlich auch, welchen Status diese Erziehungsschrift im Kontext der gesamten pädagogisch-politischen Argumente Rousseaus hat.

Blickt man zunächst auf die Elemente der Konstruktion, die leitenden Begriffe und Ideen, dann stößt man unschwer auf seinen Begriff der Natur. Sie sorgt bei Rousseau im Widerstreit von Eigenliebe und Selbstliebe für die Dynamik des Aufwachsens und fundiert auch die Differenz von Mensch und Bürger. Letztlich unterscheidet Rousseau idealtypisch drei „Erzieher“, also die Natur, die Menschen und die Dinge, die in Harmonie zueinander zu bringen die wesentliche pädagogische Erwartung und Erfolgsbedingung ist. Rousseau setzt auf die Kindheit als Lebensphase eigenen Rechts und auf den Lebenslauf als den Prozess der moralischen Konstruktion des Menschen. Bezogen auf die Formtypik der Erziehung wird der paradoxe Begriff „negativer Erziehung“ bedeutsam, samt den ungewöhnlichen und unseren pädagogischen Alltagsverstand irritierenden Empfehlungen, dass es besser sei, nichts zu tun als irgendetwas zu tun, Zeit zu verlieren als zu gewinnen. Ungewöhnlich ist auch die Kritik an John Locke, in der Rousseau vor dem „Räsonnieren“ mit den Kindern ebenso abrät wie vor zu früher Belehrung aus Büchern. Ein Plädoyer für die Erziehung ist aus der Erfahrung und aus dem Umgang mit den Dingen begründet.

Das systematische Problem beginnt erst dann, wenn aus den Elementen ein System konstruiert wird, weil sich dann die Frage stellt, ob möglich und wünschenswert ist, was Rousseau konstruiert. Für die Prüfung dieser Frage ist der Hinweis auf Rousseaus eigene Erziehungspraxis und das Abschieben der eigenen fünf Kinder ins Findelhaus zwar alt, aber nicht sinnvoll. Denn ein Gedankenexperiment, und genau das ist der Status des Emile, soll allein die Bedingungen und Möglichkeiten alternativer Erziehung konstruieren, nicht ihre Empirie schon zeigen oder gar Rezepte liefern, auch wenn Tenor und Duktus vieler Abschnitte dies nahe zu legen scheinen. Es soll die pädagogische Kritik und Selbstkritik stimulieren und nicht ein Modell unabhängig von Zeit und Raum präsentieren, sondern eine Option für eine Gesellschaft, der die sozialen, politischen und institutionellen Voraussetzungen für eine Erziehung fehlen, die der Natur des Menschen zu ihren Möglichkeiten verhilft. Wenn Rousseau dagegen in seinen Schriften über die Republik, ob in Genf oder für Polen, nicht über Erziehung in einer anderen Welt nachdenkt, dann konstruiert er keine emilischen Systeme fernab der Welt, sondern folgt dem Modell der platonischen Staatserziehung durch eine kontrolliert-kontrollierende Öffentlichkeit. Hier wie auch im Emile ist die Erziehung deshalb alles anders als ‚rousseauis­tisch’, wie man später eine zügellos-anarchische Erziehung fälschlich nannte; schon sein Freiheitsbegriff sieht das Kind als Objekt des Erziehers, ausgesetzt den Notwendigkeiten, die sein Lernen ordnen. „Wohlgeordnete Freiheit“ ist Rousseaus pädagogisches Weltmodell, nicht laisser-faire oder antiautoritäre Erziehung. Auch von einem unaufhebbaren Konflikt von Mensch und Bürger, die als disjunkte Wege der Orientierung legitime oder illegitime Erziehung trennen, wie es eine jüngere Lesart Rousseaus in Deutschland tradiert, ist Rousseau weit entfernt. Vergesellschaftung als Form und Chance der Individualisierung, das ist seine Herausforderung. Dafür eine angemessene Welt zu konstruieren, ist die pädagogische Aufgabe, und dabei die Natur des Kindes so wenig zu ignorieren wie die Möglichkeiten oder Hindernisse in der jeweiligen Gesellschaft. Diese Kriterien bestimmen den Referenzraum, in dem man die Angemessenheit der jeweiligen Konstruktion einer Erziehungswelt prüfen kann.



[1] Essay zur Quelle Nr. 2.1, Jean-Jacques Rousseau: Emile (1762).

[2] Rousseau, Jean Jacques, Emile ou de l’éducation, Paris 1762 bei Duchesne (mit dem fiktiven Verlagsort Amsterdam) und beim Verlag Néaulme. Vgl. Quelle Nr. 2.1 mit Auszügen aus dem 1. und 2. Buch der aktuellen Edition von Martin Rang.

[3] Herausgegeben v. Joachim Heinrich Campe zusammen mit der „Gesellschaft practischer Erzieher“, so die Selbstbeschreibung der Philanthropen, erschienen die Bände in Wien und Braunschweig (ND Vaduz 1979).

[4] So der Philanthrop und kantianisch beeinflusste Erziehungstheoretiker Johann Heinrich Gottlieb Heusinger 1828 in der Einleitung zu seiner Übersetzung des Emile.

[5] Exemplarisch: Mollenhauer, Klaus, Erziehung und Emanzipation. Polemische Skizzen, München 1968, besonders S. 65ff.

 


Literaturhinweise:
  • Buck, Günther, Über die systematische Stellung des „Emile“ im Werk Rousseaus, in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 5 (1980), S. 1-40 (auch in: Ders., Rückwege aus der Entfremdung. Studien zur Entwicklung der deutschen humanistischen Bildungsphilosophie, Paderborn 1984, S. 91-134)
  • Fetscher, Iring, Rousseaus politische Philosophie. Zur Geschichte des demokratischen Freiheitsbegriffs, 3. überarb. Aufl., Frankfurt am Main 1975 (sowie neuere Aufl.)
  • Hansmann, Otto (Hg.), Seminar: Der pädagogische Rousseau, Bd. 2: Kommentare, Interpretationen, Wirkungsgeschichte, Weinheim 1996
  • Israel, Jonathan Irvine, Radical enlightenment. Philosophy and the making of modernity 1650-1750, Oxford 2001
  • Talmon, Yaakov Leib, Die Ursprünge der totalitären Demokratie, Köln 1961

Zitationsempfehlung:
Tenorth, Heinz-Elmar: Rousseaus "Emile" - oder der Beginn moderner Erziehungsreflexion. In: Themenportal Europäische Geschichte (2006),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2006/Article=152.

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