Russland, Europa und Eurasien. Nikolaj S. Trubeckoj über Russlands "Sonderweg"[1]
Von Eva-Maria Stolberg
Gehört Russland zu Europa? Diese Frage wurde und wird inner- und außerhalb Russlands immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Oft wird dabei Europa mit dem Westen gleichgesetzt. Deutsche Historiker wie z.B. Hans-Ulrich Wehler haben die Nichtzugehörigkeit Russlands zu Europa mit seiner Orthodoxie begründet[2], davon ausgehend wird eine transatlantische Gemeinschaft zwischen den USA und Europa abgeleitet. Liegt es da nicht nahe, dass in Russland auch heute wieder ein "Eurasien" als Gegenmodell konstruiert wird? "Eurasien" ist seit dem Ende der Sowjetunion wieder im Gespräch. Die heutige Attraktivität des eurasischen Konzeptes liegt darin, dass sich das Russland Putins gern als Großmacht in den GUS-Staaten, einer Art "russischen Commonwealth" sieht. Ob aber tatsächlich der Rückgriff auf methodische Konzepte aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts der Globalisierung gerecht wird, ist angesichts der zunehmenden Verflechtung moderner Kommunikations- und Wirtschaftsnetze und der damit verbundenen Auflösung von Grenzen zwischen West und Ost eher fraglich. Ein russischer Hegemonieanspruch in Asien würde in eine "wirtschaftspolitische Sackgasse" führen.[3]
Die Öffnung der Grenzen des postsowjetischen Russland und der GUS-Staaten in den letzten Jahren ermöglicht einen erneuten Zugang zur „Kontinentalbrücke“ der eurasischen Landmasse, allerdings anders als von den "Eurasiern" und anderen geopolitischen Strömungen des 20. Jahrhunderts gedacht. Die beiden wirtschaftlichen Wachstumspole eines erweiterten Europa und Ostasien können zum Nutzen Russlands und Zentralasiens neu verknüpft werden. Nach Ansicht von Politikwissenschaftlern hat die Entwicklung erst begonnen, manche sprechen sogar von einer neuen "Seidenstraße". Der Fernhandel läuft von Westeuropa über Russland, den zentralasiatischen Staaten bis zur Türkei, dem Iran, und China. Die Bedeutung Eurasiens für den kulturhistorischen Diskurs hebt der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer mit den Worten hervor: "Heute wissen wir, dass Europa nicht nur den Mittelmeerraum, sondern ebenso Zentralasien zu seiner Identitätsfindung benötigte (...)".[4] Es war gerade diese Identitätsfindung, der Nikolaj S. Trubeckoj für das Beispiel Russland nachspürte.
Nikolaj S. Trubeckoj[5] ist unter Russlandhistorikern und -historikerinnen als Vertreter der "Eurasischen Schule" bekannt. Obwohl in der russischen Emigration der 1920er Jahre entstanden,[6] ist diese Denkschule, die bis heute in Russland äußerst populär ist, auf die klassische russische Geschichtsphilosophie um Konstantin Leontjev zurückzuführen.[7] Im Diskurs über die Rückkehr "Europas" in die Geschichte bzw. die Stellung Europas in der Globalgeschichte sind die Werke der "Eurasischen Schule" kaum rezipiert worden, abgesehen von einschlägigen Arbeiten im Fach "Osteuropäische Geschichte".[8] Die geschichtsphilosophischen Thesen der "Eurasier", wie sie u.a. in Trubeckojs "Ausgewählten Schriften zur Kulturwissenschaft" vertreten werden, sind ungeachtet ihrer Eigenartigkeit in den Kontext der europäischen Geschichtsphilosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Oswald Spengler, Arnold Toynbee) einzuordnen.[9] Kennzeichnend für diese historische Epoche war die Kulturtypentheorie, die angesichts des gegenwärtigen "cultural turn" in der Geschichtswissenschaft neu überdacht werden müsste. Während der kulturdeterministische Ansatz (Aufstieg, Fortschritt, Verfall von Kulturen)[10], aufgeladen mit einer biologischen Terminologie, abzulehnen ist, erweist sich die Kritik am Eurozentrismus der europäischen Geschichtswissenschaft als innovativ.
Bei Nikolaj S. Trubeckoj verbindet sich jedoch die Kritik am Eurozentrismus mit der slavophilen Grundanschauung, die um eine neue Komponente angereichert wurde: der Ablehnung des Bol'ševismus als westlichen Import. Die Kritik der "Eurasier" ging dahin, alle Modernisierungsversuche in Russland seit Peter dem Großen als negativ anzusehen, weil sie eine europäische Vorherrschaft bedeuteten. Stattdessen konstruierten sie ein "orthodox-eurasisches Imperium", das auf dem byzantinischen wie auch auf dem tatarischen Modell beruhen sollte. Auf diese Weise entstand ein bizarres altrussisch-tatarisches Amalgam. Das Verhältnis Russlands zu Europa wird nach den Eurasiern folgendermaßen bewertet: Die moskovitischen Zaren haben die staatliche Organisation vom mongolischen Reich als "Erbe Čingis Khans" übernommen, das orthodoxe Christentum als fermentierende Reichsideologie von Byzanz entlehnt. Durch diese Vermischung sei der besondere Charakter Russlands als "eurasisches Imperium" entstanden, das sich maßgeblich durch seine byzantinisch-tatarischen Wurzeln von Europa unterscheide. Dies entspricht in der Kulturtypentheorie der Phase des Aufstiegs. Mit Peter dem Großen und seinen aus Europa entlehnten Reformen habe jedoch der Zerfall Russlands eingesetzt, der mit dem Bol'ševismus auf eine nationale Katastrophe zusteuere.[11]
So schrieb Nikolaj S. Trubeckoj in einem Brief an seinen Kollegen Petr N. Savickij vom 8.-10. Dezember 1930, zu einem Zeitpunkt, als sich in dem Eurasierkreis bereits Auflösungstendenzen bemerkbar machten: "Solange ich mich an der eurasischen Arbeit beteiligte, mußte ich davon überzeugt sein, daß ich für die russische Kultur arbeite und daß dies meine Pflicht sei. Aber ist dem wirklich so? Gibt es denn jene russische Kultur, für die wir zu arbeiten beabsichtigen? Und wer ist ihr Träger? Jede gedruckte Seite, die uns 'von da drüben' (die Sowjetunion, E.S) erreicht, überzeugt uns, daß dort bereits eine neue Kultur entstanden ist, die mit uns nichts gemein hat. Dasselbe bezeugen Treffen mit dortigen Leuten neuerer Generationen sowie Berichte ausländischer Beobachter. (...) Beim besten Willen können wir uns nicht der neuen proletarisch-russischen (...) Kultur anschließen, und jene Werte, die wir schaffen, werden in sie nicht eingehen. Diese Werte gehörten zur vorrevolutionären europäisch-russischen Kultur, die noch als Überbleibsel ihr Leben fristet, aber insgesamt jedoch schon mangels Fortsetzern offenkundig dem Untergang geweiht ist, und sie sind deren Schwanengesang. (...)"[12]
Durch die Hinwendung der Eurasier nach Osten (Byzanz, Tataren) wird ganz bewusst ein Gegensatz zu Europa geschaffen, dieser ergibt sich aus der mittelalterlichen Geschichte Russlands und erweist sich nach Meinung der Eurasier als unüberbrückbar. In diesem Zusammenhang rechnete Trubeckoj die Russen zu den nichteuropäischen Völkern, weil sie sich mit den Turkvölkern Eurasiens vermischt hätten. Trubeckojs besonderes Interesse an den Turkvölkern ist auf den Einfluss seines Lehrers Vsevolod F. Miller (1848-1913) zurückzuführen. Miller war ein auf den Kaukasus spezialisierter Ethnograph und Linguist, der sich für die indoeuropäische Sprachwissenschaft, vor allem für die Indoiranistik interessierte.[13] Trubeckoj lernte Miller im Jahr 1904 kennen und nahm über ihn seine Feldforschungen im Kaukasus auf.[14] Nach seiner Flucht vor dem Bürgerkrieg in Sowjetrussland wurde Trubeckoj 1920 Mitglied des eurasischen Kreises, der im bulgarischen Exil in Sofia um den Geographen und Historiker Petr N. Savickij (1895-1968), den Musikwissenschaftler Petr P. Suvčinskij (1892-1985) sowie den Theologen Georgij V. Florovskij (1893-1979) entstand. [15] Noch im gleichen Jahr erschien das grundlegende Buch Trubeckojs "Evropa i čelovečestvo" (Europa und die Menschheit). Fedor Poljakov, Herausgeber der Schriften Trubeckojs, spricht zu Recht, dass es sich um einen heterogenen Kreis gehandelt habe, der sich durch seine "Leidenschaft für das Exzentrische" ausgezeichnet habe. Diese Exzentrik findet sich auch in Trubeckojs Werken. Es fehlte eine gegossene Ideologie.
Sicherlich ist an Trubeckojs Geschichtsbild vieles überzeichnet, manches auch falsch, doch redet er gegen die Verabsolutierung einer Kultur, spricht stattdessen von einer Gleichwertigkeit aller Kulturen. Trubeckoj lehnte es ab, die europäische Kultur zum Wertmaßstab einer Globalgeschichte zu machen. Er wehrte sich - zu Recht - gegen eine Marginalisierung Russlands durch die europäische Geschichtswissenschaft, die die russische Kultur und Geschichte am äußersten Rand Europas verortete. Vor diesem Hintergrund schuf Trubeckoj eine "Schicksalsgemeinschaft" zwischen den Russen und den orientalischen Völkern. Mehr noch, der Osten, d.h. der Orient, erscheint bei ihm als bessere Alternative zu Europa, der "romano-germanischen Kultur".[16] Der Orient ist bei Trubeckoj mit den positiven Eigenschaften Religiosität, Emotionalität und Kollektivismus belegt, Europa dagegen mit den negativen Attributen Säkularität, Rationalität und Individualismus. Trubeckoj redet damit einer positiven "Orientalisierung" Russlands das Wort, während Europa mit Russland und dem Orient Rückständigkeit verbindet. Mit der Hinwendung Russlands nach Osten, wird dieses gleichsam aufgewertet.
Die Erschütterungen des Ersten Weltkrieges und der Oktoberrevolution empfand Trubeckoj als zivilisatorische Krise, deren Ursache er im Nationalismus sieht. Dabei macht Trubeckoj eine chauvinistische und eine kosmopolitische Seite aus. Beides lehnt er ab, den Chauvinismus, weil er für eine Hierarchie unter den Völkern plädiert, den Kosmopolitismus, weil dieser sich für eine einheitliche menschliche Kultur ausspricht, in der alle Unterschiede zwischen den Kulturen nivelliert werden. Dagegen befürwortet Trubeckoj eine Gleichwertigkeit aller Kulturen, er kritisiert eine Idealisierung der europäischen Kultur. Allerdings wirft Trubeckoj den nichteuropäischen Kulturen (darunter auch der russischen) vor, sie hätten sich ständig nach dem Westen ausgerichtet und dabei die freie Entwicklung der eigenen Kultur vernachlässigt.
Hier bietet Trubeckoj nun ein alternatives Geschichtsbild an. Das Russländische Reich steht für ihn in der Tradition der mongolischen Imperiumsbildung. Den Abfall Finnlands, Polens und des Baltikums nach der Oktoberrevolution sieht er als "natürlichen" Prozess an, denn diese Gebiete hätten nie zum Reich des Čingis Khan gehört, seien also nicht eurasisch. "Eurasien" definiert Trubeckoj als "System der Steppe". Auch spricht er von einem anthropologischen Menschentyp, d.h. dem "Eurasier", einem Übergangstyp von Russen zu Tataren bzw. Mongolen, der durch das Zusammenleben in der Steppe geprägt worden sei. Auf diesen geografisch-anthropologischen Prämissen (Steppenraum, eurasische Übergangsrasse) beruhe die Einheit Eurasiens, die erst Čingis Khan auch in politischer Hinsicht hergestellt habe. Die These von der "politischen Einheit" wie auch "wirtschaftlichen Autarkie" ist jedoch m.E. zu verneinen: ob Čingis Khan eine imperiale Strategie bei seinen Eroberungen verfolgt hat, ist eher zu bezweifeln. Stattdessen etablierten sich unter seinen Nachfolgern Teilkhanate, die jeweils in Außen- wie auch Innenpolitik eigenständig agierten.[17] Die kulturellen Unterschiede in den von den Mongolen besetzten Gebieten (Russland, Iran, China) waren zudem viel zu groß und unüberbrückbar, um ein einheitliches Reich herzustellen. Außerdem standen sich Steppennomadismus und sesshafte Ackerkulturen diametral gegenüber, so dass man ebenso wenig von einer "wirtschaftlichen Autarkie" sprechen kann. Einem historischen Determinismus verfallen, sieht Trubeckoj den russischen Staat als "instinktiven" Nachfolger Čingis Khans. Den Tatareneinfall in Altrussland bewertet Trubeckoj insofern als positiv, als dadurch eine tiefe Religiosität ausgelöst worden sei. Durch die Zusammenarbeit mit den Tataren hätten die Moskauer Großfürsten Einblick in die imperiale Ideologie des mongolischen Imperiums gewonnen und diese zu ihrem eigenen machtpolitischen Vorteil genutzt. Zwar trat Ivan IV. nach der Zerschlagung der Khanate von Kazan', Astrachan' und Sibir' die territoriale Nachfolge der Tataren an, zu einer Ausformung einer imperialen Ideologie kam es jedoch erst unter Zar Peter dem Großen, was auch in der offiziellen Bezeichnung Russlands als "Rossijskaja imperija" (Russländisches Imperium) zum Ausdruck kam.
Die eurasische Debatte wirft Licht auf die langlebigen Vorstellungen von "Europa" in Russland auf, mit Trubeckoj übt ein russischer Gelehrter Kritik am Eurozentrismus. Zugleich bietet diese Kontroverse Einblick auf die Paradoxien der russischen Geschichte zwischen Europäisierung und Orientalisierung - oder anders ausgedrückt zwischen "europäischer Moderne" und "orientalischer Despotie". Trubeckoj verkörperte als maßgeblicher Gestalter der "eurasischen Idee" in seinem Wirken die intellektuellen Spannungen der russischen Gesellschaft zwischen der untergegangenen Autokratie und der noch ungeklärten Zukunft des sowjetischen Staates. In diesem geistigen Vakuum entstand die "eurasische Idee", die mit ihren geografischen Parametern den "spatial turn" in das russische Geschichtsdenken brachte. Interessant sind aber auch Trubeckojs Aussagen zur "Völkerpsychologie", im Unterschied zur deutschen und französischen Anthropologie, die von einer Hierarchie menschlicher Rassen ausging, nivelliert der von ihm entworfene eurasisch-turanische Menschentyp die Unterschiede. Ausgehend hiervon erklärt Trubeckoj die Gleichheit zwischen Ethnien und Rassen. Trubeckojs ethnische Kategorien und das Leitbild einer "eurasischen", supranationalen Identität des Russländischen Imperiums dürften auch für deutsche und russische Historiker, die sich mit der "Novaja Imperskaja Istorija" (Neuen Imperialgeschichte) beschäftigen,[18] von Interesse sein. Bisher ist das Konzept der Eurasier geistesgeschichtlich, weniger imperialgeschichtlich aufgearbeitet worden.[19] Trubeckojs kulturgeschichtliche Sichtweise wirft die Frage auf, wann und wie das moskovitische Russland den Schritt zur Imperiumsbildung vollzogen hat. Trubeckoj setzt den Übergang in die Zeit Ivans IV., als fermentierende imperiale Ideologie sieht er die russische Orthodoxie, die durch die Zeit der Tatarenherrschaft an Stärke gewonnen habe. Dem gegenüber stellt Trubeckoj die imperiale Ideologie, die seit Peter dem Großen entwickelt worden und insgesamt für Russland schädlich gewesen sei: die Europäisierung. Dem Europäisierungsgedanken Peters des Großen und seiner Nachfolger ist ein imperialer Duktus nicht abzusprechen. Eine imperiale Ideologie setzt ein territoriales Bewusstsein voraus. Zwar kann man darauf hinweisen, dass Ivan IV. mit der Annahme des Zarentitels im Jahr 1547 nach der Eroberung des Khanats von Kazan', das Erbe des Mongolenreiches beanspruchte,[20] doch ob ein territoriales Bewusstsein für die weiten Gebieten im Osten bestand, ist eher zu bezweifeln.[21] Dieses setzt erst unter Peter dem Großen mit der systematischen Kartographierung Sibiriens im Zuge der wissenschaftlichen Expeditionen ein.
Es stellt sich hier die weitergehende Frage, ob das Russländische Reich ein europäisches Imperium wie z.B. das British Empire oder Spanien darstellt, oder ob es nicht Besonderheiten aufweist. Das "eurasische" Imperialkonzept Trubeckojs wird insofern der russischen Geschichte gerecht, als es ein Kontinentalimperium ist, das durch fließende Übergänge zwischen russischem Kernland und asiatischen Peripherien charakterisiert ist. Diese fließenden Übergänge macht ja gerade der Begriff "Eur-asien" deutlich. Dass Fehlen natürlicher Grenzen bewirkte eine stärkere Interaktion zwischen dem Kernland und den Peripherien einerseits, den Peripherien (z.B. Sibirien - Mittelasien, Volga-Region-Kaukasus-Mittelasien) andererseits. Mark Bassin hat einmal davon gesprochen, dass die russischen Intellektuellen des 19. und 20. Jahrhunderts im Zuge der Europäisierung ein Gegenüber in Asien schufen,[22] bei Trubeckoj jedoch ist es eher ein Miteinander. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Blüte kulturgeschichtlicher Arbeiten, der Debatte um Hybridität und Multikulturalität spricht vieles für dieses "Miteinander der Kulturen". Doch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der russische Kolonisationsprozess mit Eingriffen in die soziale Struktur und in das Wirtschaftsleben der Nomaden verbunden war, was euphemistisch als "Zivilisierungsmission" tituliert wurde und in dieser Hinsicht den "Zivilisierungsmissionen" anderer europäischer Imperium in Übersee ähnelt. Bei aller Kritik an der "Europäisierung" fremder Kulturen (u.a. auch der russischen) blendet Trubeckojs Konzept des kulturellen Miteinanders im "eur-asischen" melting pot die "europäische Zivilisierungsmission" der Russen an den asiatischen Peripherien aus.
[1] Essay zur Quelle: Trubeckoj, Nikolaj S.: Ausgewählte Schriften zur Kulturwissenschaft (1920-1927). Zur Problematik des Begriffes "Sonderweg" siehe (bezogen auf Deutschland) Kalz, Wolf, Die Ideologie des 'deutschen Sonderwegs', Künzell 2004; Winkler, Heinrich August, Der lange Weg nach Westen, 6. Auflage, München 2005; Sheehan, James J., Paradigm Lost? The 'Sonderweg' Revised, in: Budde, Gunilla-Friederike (Hg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006. Der Osteuropahistoriker Hans Hecker plädiert für die Legitimität verschiedener "Sonderwege" in der europäischen Geschichte. Siehe Hans Hecker, Gehört Russland zu Europa?, http://www.uni-duesseldorf.de/home/Jahrbuch/2003/PDF/Hecker.pdf, 23.02.2008.
[2] Wehler, Hans-Ulrich, Amerikanischer Nationalismus, Europa, der Islam und der 11. September 2001. Vortrag Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie der Universität Bielefeld am 14. Juni 2002 http://www.uni-bielefeld.de/Universität/Einrichtungen/Pressestelle/dokumente/Reden/Jahresempfang_Rede_Wehler.html, 23.02.2008; Replik dazu von Hans Hecker, Gehört Russland zu Europa?, http://www.uni-duesseldorf.de/home/Jahrbuch/2003/PDF/Hecker.pdf, 23.02.2008.
[3] Helmut Klüters provokante These ist auch nach über zehn Jahren immer noch aktuell. Siehe Klüter, Helmut, Rußland - Faktor der Entwicklung im Osten, in: Heinritz, G.; Wießner, R., Der Weg der deutschen Geographie. Rückblick und Ausblick. 50. Deutscher Geographentag, Band 4, Potsdam 1995, S.51. Vesa Oittinen spricht vom Eurasismus als einer "imperialen Ideologie". Zit. nach Kochanek, Hildegard, Die russische nationale Rechte von 1968 bis zum Ende der Sowjetunion. Eine Diskursanalyse, Stuttgart 1999, S.183.
[4] Poljakov, Fedor B., Nikolaj S. Trubetskoy. Russland - Europa - Eurasien. Ausgewählte Schriften zur Kulturwissenschaft, Wien 2005, S. 350.
[5] Fürst Nikolaj S. Trubeckoj (1890-1938) war seit 1923 Professor für Slavische Philologie an der Universität Wien. 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet. Siehe Utechin, S.V., Geschichte der politischen Ideen in Rußland, Stuttgart 1966, S.421.
[6] Geistige Vorläufer der Eurasischen Denkschule der 1920er Jahre waren russische Schriftsteller der Jahrhundertwende, des sog. "Silbernen Zeitalters", Symbolisten wie z.B. Aleksandr Blok, die in ihrer Dichtung einem Panmongolismus bzw. Turanismus das Wort redeten. Siehe dazu insbesondere Nivat, G., Du "panmongolisme" au "Mouvement eurasien": histoire d'un thème littéraire, in: Cahiers du monde russe et soviétique, vol. 7, Nr. 3, 1966, S.460-478. Fedor B. Poljakov, der jüngst die Werke N.S. Trubeckojs neu herausgab, stellt fest, dass der Einfluss der Eurasier innerhalb russischer Emigrantenkreise eher marginal war. Auch an der Universität zu Wien blieb Trubeckoj mit seinen eurasischen Schriften isoliert. Siehe Poljakov, Nikolaj S. Trubetskoy, S. 315f.
[7] Trubeckoj hatte in seinem Elternhaus eine orthodoxe Erziehung erfahren, was sein späteres Weltbild prägte. Für ihn war die altrussische Epoche eine Zeit tiefer russischer Religiosität, die er seit Peter dem Großen verloren sah.
[8] Flamm, Stefanie, Oswald Spengler, Nikolaj A. Berdjaev und die sogenannten Eurasier: ein Beitrag zur Geschichte der deutschen und russischen Konservativen Revolution, Berlin 1996 (Magisterarbeit Freie Universität); Nitsche, Peter, Auszug nach Osten: Die Eurasier und die Geschichte Rußlands, in: Studia Eurasiatica: Kieler Festschrift für Hermann Kulke zum 65. Geburtstag, Hamburg 2003, S.287-316; Wiederkehr, Stefan, Die eurasische Bewegung: Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland, Köln 2007.
[9] Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, München 1997; Toynbee, Arnold, Der Gang der Weltgeschichte, 2 Bände, Zürich 1949 und 1958 (übersetzt von Jürgen von Kempski). Vor allem in der westlichen Geopolitik wurde der Begriff "Eurasien" benutzt. Er wurde von dem österreichischen Geologen Eduard Suess (1831-1914) geprägt. Der britische Geopolitiker Halford Mackinder sah in Eurasien das "heartland" der Geopolitik, das die Ansprüche der britischen Seemacht bedrohe. Zur zeitgeschichtlichen Einordnung siehe auch Luks, Leonid, Die Ideologie der Eurasier im zeitgeschichtlichen Zusammenhang, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, vol. 34, 1986, S.374-395.
[10] Spengler spricht z.B. vom Frühling, Sommer, Herbst und Winter einer jeden Kultur bzw. von Kulturen, die "mit urweltlicher Kraft aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft" entstanden seien. Siehe Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes, S.9. An anderer Stelle bezeichnet Spengler Kulturen als "Organismen". Ebenda, S.140. Siehe auch Kratochvil, A., Die russische Rezeption von Oswald Spenglers "Der Untergang des Abendlandes", in: Germanoslavica V (X), Nr. 2 (1998), S.177-198.
[11] Vgl. auch Poljakov, S.390. Andere Eurasier wie vor allem der Religionswissenschaftler und Kulturhistoriker Lev Karsavin lehnten den sowjetischen Staat nicht vollkommen ab, sondern waren der Ansicht, dass durch Übernahme der eurasischen Ideologie das System des Sozialismus in der Sowjetunion korrigiert werden könnte. Karsavin sprach hier von einem "Eurasianismus als Revision des Sozialismus". Siehe Frank, S., Eurasianismus: Projekt eines russischen "dritten Weges" 1921 bis heute, http://www. uni-klu.ac.at/eeo/Frank_Eurasianismus.pdf, S.200, 14.02. 2008. Zur Unterwanderung der Eurasier durch den sowjetischen Geheimdienst Ende der zwanziger Jahre siehe Poljakov, Nikolaj S. Trubetskoy, S.394. Der sowjetische Geheimdienst bezeichnete Nikolaj S. Trubeckoj als "Anführer eines weißgardistisch-faschistischen Zentrums in Wien". Ebenda, S.397.
[12] Zit. nach Poljakov, S.396.
[13] Bogdanov, V.V., Vsevolod F. Miller. K stoletiju so dnja roždenija (1848-1948). Očerk iz istorii russkoj intelligencija i russkoj nauki, in: Očerki istorii russkoj ėtnografii, fol'kloristiki i antropologii. Vypusk 10, Moskva 1988, S.110-174.
[14] Poljakov, Nikolaj S. Trubetskoy, S.343.
[15] Ebenda, S.347.
[16] Dieser Begriff in Abgrenzung zur slavischen Kultur ist bereits von Nikolaj Danilevskij, Protagonist des Panslavismus, geprägt worden. Siehe Frank, Eurasianismus, S. 205. Im 19. Jahrhundert ging man allgemein davon aus, dass weite Teile der Bevölkerung Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands kelto-germanischen Ursprungs sei. Siehe dazu auch Schäbler, Birgit, Religion, Rasse und Wissenschaft: Ernest Renan im Disput mit Jamal Al-din Al-Afghani, Themenportal "Europäische Geschichte", http://www.europa.clio-online.de, 28.11.2007, S. 3.
[17] Siehe dazu Weiers, Michael, (Hg.), Die Mongolen. Beiträge zu ihrer Geschichte und Kultur, Darmstadt 1986.
[18] Hier angeregt durch die Diskussion im angelsächsischen Raum. Siehe auch Vulpius, Ricarda, Das Imperium als Thema der Russischen Geschichte. Tendenzen und Perspektiven der jüngeren Forschung, in: Zeitenblicke. Online Journal für die Geschichtswissenschaften, 6 (2007), Nr. 2, S.1, 06.03.2008.
[19] Siehe die Arbeiten von Leonid Luks, Susi K. Frank und Stefan Wiederkehr.
[20] Siehe Kappeler, Andreas, Formirovanie Rossijskoj imperii v XV - načale XVIII veka: nasledstvo Rusi, Vizantii i Ordy, in: Aleksej I. Miller (Hg.), Rossijskaja Imperija v Sravnitel'noj Perspektive. Sbornik Statej, Moskva 2004, S.94-112.
[21] Siehe Stolberg, Eva-Maria, Entdeckung und Eroberung Sibiriens im 16. und 17. Jahrhundert, in: Themenheft "Sibirische Völker" (Hg. Eva-Maria Stolberg), Periplus. Jahrbuch für Außereuropäische Geschichte, 2007, S.20-47.
[22] Bassin, Mark, Russia between Europe and Asia: The Ideological Construction of Geographical Space, in: Slavic Review 50 (1991), no. 3, S.763-794.
Literaturhinweise
Ignatow, Assen (Hg.), Aspects of the Evrazijstvo Movement, Dordrecht 2000.
Laruelle, Marlène, The Two Faces of Contemporary Eurasianism: An Imperial Version, in: Nationalities Papers, Vol. 32 (März 2004), Nr. 1, S.115-136.
Shlapentokh, Dmitry, Russia between East and West: Scholarly Debates on Eurasianism, Leiden 2007.
Wiederkehr, Stefan, Die eurasische Bewegung: Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration und im postsowjetischen Russland, Köln 2007.