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Machiavelli, Niccolò: Von den Heeresarten und vom Söldnerwesen (1513)[1]

Nachdem ich im einzelnen alle Eigenschaften jener Fürstenherrschaften erörtert habe, über die zu sprechen ich mir eingangs vorgenommen hatte, und ein gut Teil der Gründe für ihr Wohlergehen und ihren Verfall dargestellt sowie die Mittel aufgewiesen habe, mit denen viele sie zu erwerben und zu behaupten suchten, bleibt mir nur noch übrig, im allgemeinen über Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten zu sprechen, in die jede der vorgenannten Fürstenherrschaften geraten kann. Wir haben oben gesagt, daß ein Fürst gute Grundlagen haben muß; sonst geht er notwendig unter. Die hauptsächlichen Grundlagen, die alle Staaten brauchen – sowohl die neugegründeten wie die altererbten oder die aus diesem gemischten – sind gute Gesetze und ein gutes Heer. Und da es keine gute Gesetze geben kann, wo es kein gutes Heer gibt, aber dort, wo ein gutes Heer ist, auch gute Gesetze sein müssen, will ich die Erörterung der Gesetze übergehen und nur vom Heerwesen sprechen.

Ich behaupte also, daß das Herr, mit dem ein Fürst seinen Staat verteidigt, entweder aus seinen eigenen Leuten besteht oder aus Söldnern oder Hilfstruppen, oder aus den letzteren gemischt. Söldner und Hilfstruppen sind nutzlos und gefährlich. Wer nämlich seine Herrschaft auf Söldner stützt, wird niemals einen festen und sicheren Stand haben; denn sie sind uneinig, herrschsüchtig, undiszipliniert und treulos; mutig unter Freunden und feige vor dem Feind; ohne Furcht vor Gott und ohne Treue gegenüber den Menschen; du schiebst deinen Untergang nur so lange auf, wie du den Angriff aufschiebst; im Frieden wird du von ihnen ausgeplündert und im Krieg vom Feind. Die Ursache dafür ist, daß sie kein anderes Verlangen und keinen anderen Grund haben, der sie im Felde hielte, als das bißchen Sold, das nicht ausreicht, um sie für dich den Tod suchen zu lassen. Sie wollen zwar deine Soldaten sein, solange du keinen Krieg führst; wenn aber der Krieg kommt, möchten sie fliehen oder sich absetzen. Dies zu beweisen, dürfte kaum Mühe kosten, denn der jetzige Niedergang Italiens hat keine andere Ursache, als daß es sich viele Jahre lang auf Söldnerheere verlassen hat. Sie haben wohl dem einen oder anderen zu einigem Erfolg verholfen und schienen tapfer, solange sie gegeneinander antraten; als jedoch fremde Truppen kamen, zeigten sie, was sie tatsächlich wert waren; so konnte König Karl von Frankreich Italien mit einem Stück Kreide erobern. Und wenn einer gesagt hat, unsere Sünden seien daran schuld gewesen, so hat er die Wahrheit gesagt; bloß waren es nicht die Sünden, die er meinte, sondern diejenigen, welche ich aufgezählt habe; und da es die Sünden der Fürsten waren, haben diese auch die Strafe dafür erlitten.

Ich will noch deutlicher zeigen, welches Unheil diese Heeresart mit sich bringt. Die Führer der Söldnerheere sind entweder hervorragende Männer der Kriegskunst oder sie sind es nicht: wenn sie es sind, so kannst du ihnen nicht trauen, denn sie werden immer nach eigener Macht streben, indem sie dich, ihren Herrn, bezwingen oder andere gegen deine Absicht unterwerfen; ist ein Heerführer aber nicht tüchtig, so richtet er dich auf die übliche Weise zugrunde. Hielte man mir entgegen, daß jeder so handeln würde, der Truppen unter sich hat, ob Söldner oder nicht, so würde ich erwidern, wie Truppen entweder im Dienst eines Fürsten oder im Dienst einer Republik einzusetzen sind: der Fürst muß persönlich auftreten und die Stelle des Heerführers einnehmen; die Republik muß eigene Bürger entsenden; und wenn sie einen entsendet, der sich nicht als tüchtig erweist, muß sie ihn austauschen; ist er aber tüchtig, so muß sie ihm mit Gesetzen im Zaum halten, damit er seine Befugnisse nicht überschreitet. Auch weiß man aus Erfahrung, daß Fürsten als alleinige Befehlshaber und bewaffnete Republiken überragenden Erfolge erzielen, während die Söldnerheere immer nur Schaden anrichten; zudem gerät eine mit eigenem Heer ausgestattete Republik viel schwerer in die Gewalt eines ihrer Mitbürger als eine mit fremden Truppen ausgestattete Republik.

So waren Rom und Sparta viele Jahrhunderte lang bewaffnet und blieben frei. Und die Schweizer sind besonders wehrhaft und in höchstem Maße frei. Ein Beispiel für das antike Söldnerwesen liefern die Karthager; diese waren nach dem ersten Krieg gegen die Römer nahe daran, von ihren Söldnern überwältigt zu werden, obwohl sie zu deren Führern eigene Mitbürger ernannt hatten. Philipp von Mazedonien wurde von den Thebanern nach dem Tod des Epaminondas zum Führer ihrer Truppen bestellt, und nach dem Sieg raubte er ihnen die Freiheit. Die Mailänder nahmen, nachdem Herzog Philipp gestorben war, Francesco Sforza gegen die Venezianer in Sold; nachdem dieser die Feinde bei Caravaggio besiegt hatte, verbündete er sich mit ihnen, um die Mailänder, seine Herren, zu überwältigen. Sein Vater Sforza, der im Sold der Königin Johanna von Neapel stand, ließ diese auf einmal wehrlos zurück; um ihr Königreich nicht zu verlieren, war sie gezwungen, sich in die Obhut des Königs von Aragon zu begeben. Wenn hingegen die Venezianer und die Florentiner bisher ihre Herrschaft mit solchen Heeren ausgedehnt haben und ihre Feldherren sich dennoch nicht zu Fürsten aufgeworfen, sondern sie verteidigt haben, so halte ich dem entgegen, daß die Florentiner in diesem Fall vom Schicksal begünstigt worden sind; denn von den tüchtigen Feldherren, die sie Grund gehabt hatten zu fürchten, habe einige nicht gesiegt, andere sind auf Widerstand gestoßen und wieder andere haben ihren Ehrgeiz neuen Zielen zugewandt. Einer, der keinen Sieg erfochten hat, war Johann Aucut, dessen Treue man daher auch nicht erproben konnte; aber jeder wird zugeben, daß die Florentiner, wenn er gesiegt hätte, in seiner Gewalt gewesen wären. Sforza hatte immer die Truppen des Braccio zu Gegnern, so daß beide sich wechselseitig in Schach hielten. Francesco richtete seinen Ehrgeiz auf die Lombardei, Braccio auf den Kirchenstaat und das Königreich Neapel. Aber kommen wir zu den Begebenheiten, die sich erst vor kurzem zugetragen haben. Die Florentiner machten Paolo Vitelli zu ihrem Feldherrn, einen äußerst klugen Mann, der aus einfachen Verhältnissen zu besonders hohen Ansehen gelangt war. Wenn dieser Pisa bezwungen hätte, könnte niemand leugnen, daß die Florentiner ihn hätten behalten müssen; wäre er nämlich bei ihren Feinden in Sold getreten, so hätte es für sie keine Rettung mehr gegeben; hätten sie ihn aber behalten, so hätten sie ihn auch gehorchen müssen. Wenn man die Erfolge der Venezianer betrachtet, so bemerkt man, daß ihr Vorgehen sicher und glorreich war, solange sie selbst im Krieg gekämpft haben (dies war der Fall, bevor sie ihre Unternehmungen gegen das Festland richteten); damals schlugen sich ihre Edelleute und das bewaffnete Volk mit außergewöhnlicher Tapferkeit. Als sie aber begannen, auf dem Festland Krieg zu führen, gaben sie diese Tugend auf und folgten den italienischen Kriegsgewohnheiten. Zu Beginn ihrer Expansion auf dem Festland hatten sie aufgrund ihres geringen Besitzes dort und ihres hohen Ansehens nicht viel von ihren Söldnerführern zu befürchten; als sie sich aber weiter ausdehnten, was unter Carmagnola geschah, bekamen sie ihren Fehler zu spüren; wie sie nämlich einerseits seine außergewöhnliche Tüchtigkeit kannten – hatten sie unter seiner Führung den Herzog von Mailand besiegt –, so erfuhren sie andererseits, daß sein Kampfesmut nun abgekühlt war; daraus zogen sie den Schluß, weder mit ihm weiter siegen zu können, da er es nicht wollte, noch ihn entlassen zu können, um nicht wieder zu verlieren, was sie erobert hatten; so waren sie gezwungen, sich dadurch gegen ihn zu sichern, daß sie ihn umbrachten. Danach ernannten sie zu ihren Söldnerführern Bartolomeo von Bergamo, Ruberto von San Severino, den Grafen von Pitigliano und ähnliche mehr; bei diesen hatten sie nur Niederlagen und keine Siege zu fürchten, wie es dann bei Vailà geschah, wo sie an einem Tag all das verloren, was sie in achthundert Jahren unter so großen Mühen erobert hatten. Denn solche Truppen verdanken sich nur langsame, späte und kraftlose Eroberungen, aber plötzliche und außerordentliche Verluste. Da ich mit diesen Beispielen in Italien angelangt bin, das seit so vielen Jahren vom Söldnerwesen beherrscht wird, will ich meine Betrachtungen darüber von einem erhöhten Standpunkt aus anstellen, damit man seinen Ursprung und seine Entwicklung überblickt und dadurch um so bessere Abhilfe schaffen kann.

Ihr müßt euch also bewußt machen, daß Italien in vielerlei Staaten zerfiel, als in jüngerer Zeit die Herrschaft des Kaisers aus Italien verdrängt zu werden begann, und die weltliche Macht des Papstes dort größeres Ansehen gewann; denn viele wohlhabende Städte ergriffen die Waffen gegen ihren adligen Herrn, der sie zuvor, vom Kaiser begünstigt, unterdrückt hatte; und die Kirche unterstützte sie dabei, um ihrer weltlichen Macht zu Ansehen zu verhelfen; in vielen anderen Städten sind Bürger zu deren Fürsten geworden. Da somit Italien fast ganz in die Hände der Kirche und einiger Republiken übergegangen war und weder die Priester noch die Bürger mit der Kriegskunst vertraut waren, fingen sie an, Fremde in Sold zu nehmen. Der erste, der dieser Heeresart Ansehen verlieh, war Albergio von Cunio aus Romagna. Aus seiner Schule gingen unter anderen Braccio und Sforza hervor, die zu ihrer Zeit die Machtverhältnisse Italiens entschieden. Nach diesem kamen alle anderen, die bis in unsere Zeit solche Heere geführt haben. Und das Ergebnis all ihrer Tüchtigkeit war es schließlich, daß Italien von Karl durchquert, von Ludwig geplündert, von Ferdinand überwältigt und von den Schweizern entehrt worden ist. Ihre Vorgehensweise bestand zunächst darin, daß sie der Infanterie ihr Ansehen nahmen, um sich selbst Ansehen zu verschaffen. Sie taten dies, weil sie, ohne Grundherrschaft und allein von ihren Waffenhandwerk lebend, mit wenigen Infanteristen kein Ansehen hätten gewinnen, eine größere Anzahl aber nicht hätte ernähren können; darum beschränkten sie sich auf Reiter, mit denen sie auch bei leidlicher Zahl Unterhalt und Ansehen erlangten. Schließlich war es dahin gekommen, daß es in einem Heer von zwanzigtausend Mann nicht einmal zweitausend Infanteristen gab. Außerdem hatten sie allen Fleiß darauf verwandt, sich und ihren Soldaten Mühe und Furcht zu ersparen, indem sie im Kampf einander nicht töteten, sondern sich gegenseitig gefangennahmen und ohne Lösegeld wieder freiließen; nachts unternahmen sie als Belagerer keine Angriffe und als Belagerte keine Ausfälle; sie umgaben ihr Lager nicht mit Pfahl und Graben, und im Winter blieben sie nicht im Feld. All dies war nach ihren militärischen Regeln erlaubt und war von ihnen ersonnen worden, um – wie gesagt – sich den Mühen und Gefahren zu entziehen: so haben sie Italien in Knechtschaft und Schande gebracht.


[1] Machiavelli, Niccolò, Il Principe / Der Fürst. Italienisch / Deutsch, hg. und übersetzt von Rippel, Philipp, Stuttgart 1986, Kapitel XII, S. 92-103.



Zitationsempfehlung:
Machiavelli, Niccolò: Von den Heeresarten und vom Söldnerwesen (1513). In: Themenportal Europäische Geschichte (2009),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2009/Article=383.

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