Voigt, F. W.: Ueber die Nothwendigkeit und den zweckmäßigsten Betrieb der Akklimatisation (1859)[1]
Wie wichtig es für die Entwicklung nicht nur unserer industriellen und ökonomischen Verhältnisse, sondern unseres gesamten Kulturlebens ist, Erzeugnisse aus fremden Zonen und Welttheilen, sie mögen der Pflanzen- oder Thierwelt angehören, auf den heimischen Boden überzusiedeln, bedarf hier wohl keiner näheren Auseinandersetzung, da es schon anderweitig oft genug überzeugend nachgewiesen worden ist. Man denke nur daran, daß z.B. die Kartoffel jetzt das Hauptnahrungsmittel von Millionen Menschen, erst aus der neuen Welt bei uns eingeführt worden ist, daß sie Heimath der meisten unserer Getreidearten und Obstbäume in weiten Fernen liegt und auch unsere Hausthiere ursprünglich ganz andere Länder bewohnt haben! Mit jeder Pflanze, mit jeder Frucht, mit jedem nutzbaren Thiere, dessen Einführung uns gelingt, ist ein Schritt weiter zur Emanzipation des Vaterlandes von der Fremde gethan. Jeder neue Same, den wir dem Schoße der Erde mit der Hoffnung anvertrauen, daß er uns Früchte bringen werde, hilft uns bei Lösung der schweren aber unabweisbaren Aufgabe, das vaterländische, materielle und geistige Leben von allen hemmenden und bedingenden Schranken, von aller fremden Abhängigkeit zu befreien. Die Mannigfaltigkeit der Bodenerzeugnisse und der in den Dienst der Menschen eingeführten Thiere kann niemals zu groß werden; welche Mühe und Arbeit, welche Opfer und Kosten, wie viele getäuschte Hoffnungen wir auch daran setzen müssen, diese Mannigfaltigkeit herbeizuführen: der unermeßliche Vortheil, den wir endlich daraus erzielen, überwiegt doch bei Weitem alle noch so großen anfänglichen Schwierigkeiten und Nachtheile. Wie entziehen uns immer mehr den zufälligen Einflüssen der Witterung, der Mißernten und Unglücksfälle aller Art. Je größer der Kreis der Produkte ist, die in einem Lande gezogen werden können, und je billiger die Herstellung derselben bewirkt wird, desto sicherer, sorgenfreier und bildungstüchtiger wird das Gesammtleben des Volkes sein.
Von einem so ernsten Gebote der Sorge für das Wohl der Mit- und Nachwelt geleitet, ist zunächst in Paris ein Verein unter dem Namen Société impériale zoologique d’acclimatisation zusammengetreten, welcher sich die Verwirklichung dieser Besprechungen zur Aufgabe gestellt hat. Aus diesem heraus und als dessen Filiale ist darauf der Akklimatisations-Verein für die königl. Preußischen Staaten in Berlin ins Leben gerufen worden. Daneben hat sich endlich in neuester Zeit unser Central-Institut für Akklimatisation in Deutschland in Berlin gebildet. Die Erreichung des gleichen Zieles mit den vorher genannten Vereinen, aber die Absicht, dasselbe auf einem anderen ihrer Ueberzeugung nach erfolgreicheren Weg zu verwirklichen, hat eine kleine Anzahl Männer bewogen am 20.März d.J. zusammenzutreten und die selbstständige Gründung des Central-Instituts für Akklimatisation zu beschließen. Schon durch den für die neue Stiftung gewählten Namen wollten sie andeuten, daß die Thätigkeit derselben eine vorzugsweise praktische sein solle, daß sie somit thatsächlich die Akklimatisation betreibe und Nichts dem guten Willen oder den Händen Anderer (welchen es nur gar zu oft an andauerndem Interesse, an Zeit oder an gehöriger Sachkenntnis mangelt) überlassen werden dürfe, was das Institut selbst ins Werk zu setzen im Stande ist.
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Eine für unser gemeinnütziges werkthätiges Unternehmen kleine Anzahl von Männern; die von dem nicht zu verkennenden Zeitgemäßen und Nützlichen unseres Beginnens durchdrungen war, begründete diese Anstalt, „in der Pflanzen und Thiere, die nicht unserm Vaterlande angehören, heimisch gemacht werden sollen, wenn es dem unzertrennlichen Schwesterpaare, Theorie und Praxis, Wissenschaft und Kunst gelingt, allmäßig die Ungunst von Klima und Ernährung für die erste Generation weniger fühlbar zu machen, durch Erreichung möglichst annähernder Zustände und durch allmäßige Gewöhnung an diejenigen Zustände, die zu beseitigen außer unserer Macht liegt.“
Es drängen sich uns hierbei unwillkürlich folgende Fragen auf:
Liegt ein Bedürfnis überhaupt vor, in unserer Heimath noch fremde Pflanzen und Thiere einzuführen?
Für den bejahenden Fall; auf welche Art und Weist ist der Zweck am schnellsten und sichersten für das Wohl des allgemeinen Ganzen, so wie für die speziellen Zwecke des Vereins zu erreichen?
Welche Mittel und Wege giebt es, das Gelingen von Pflanzenkulturen so wie die Anzucht und Eingewöhnung von Thieren möglichst zu sichern?
Wie erreichen wir für ein solches Unternehmen, daß nach allen Seiten hin beleuchtet, sich als zweckmäßig und segenbringend erweisen wird, allgemeine Theilnahme und warum finden wir so oft Gegner in Männern, in denen man nur Beförderer vermuthen sollte?
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Der größte Segen, der uns durch die Intelligenz unserer Landwirthe geworden ist, beruht ja eben darin, daß dieselben von jeher bemüht waren, sei es im eigenen, sei es im allgemeinen Interesse, ihre Produkte zu vervielfältigen und zu vervollkommnen. Es fand daher seit dem Beginn des Ackerbaues eine stete Akklimatisation, also eine Heimischmachung, ein Angewöhnen an Klima und sonstige natürliche Verhältnisse der Heimath für die meisten unserer Kulturpflanzen und Hausthiere statt. Wir würden keinen Weizen, Gerste, Roggen, Hafer, Kartoffeln haben, wenn dieselben nicht aus andern Ländern eingeführt worden wären; der Nutzen, den wir hierdurch für die Ernährung von Menschen und Thieren erlang haben, ist wohl so groß, daß wir es jetzt für eine Unmöglichkeit halten würden, ohne dieselben sein zu können. Wer kann noch den Erfolgen, die die Einführung nur dieser angeführten Getreidearten und der Kartoffeln gehabt hat, gegen fernere Versuche in dieser Hinsicht sein? Können erneute Versuche dieser Art nicht noch möglicherweise überraschendere Resultate zur Folge haben, deren Tragweite noch großartiger sein kann? Haben die Jahre 1857 und 1858, in denen die meisten unserer Gras- und Futterpflanzen wegen zu großer Hitze und Dürre theils gar nicht aufgingen, theils nach dem Aufgehen vertrockneten oder nur einen sehr spärlichen Ertrag lieferten, nicht ernstlich genug gemacht, uns nach solchen Gras- und Futterpflanzen umzusehen, die mehr Wärme und größere Dürre ertragen können, als unsere, bis dahin gebräuchlichsten Pflanzen dieser Art es im Stande waren?
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Es hat die Einführung von Pflanzen und Thieren schon seit den ältesten Zeiten bei allen Völkern, die Ackerbau trieben und feste Wohnsitze hatten, stets mehr oder weniger stattgefunden; die größtmöglichste Ausbildung derselben ist bedingt durch die Intelligenz eines Volkes, ist für dasselbe das beredteste Zeugnis seiner innern Macht und seiner geistigen Größe.
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Will man ferner irgend eine Sache zum guten Fortgang bringen, so muß man die Arbeit, die man selbst noch thun kann, nie von Anderen erwarten.
Die Wahrheit dieses Satzes bestimmte uns, die Versuche mit Pflanzen und die Erfahrungen dabei selbst zu machen und zu sammeln, um so die dadurch erhaltenen Resultate zum allgemeinen Besten bekannt zu machen; wir hielten uns daher auch Alle für überzeugt, durch die Errichtung eines eigenen Feldes das vorgesteckte Ziel am sichersten, schnellsten und besten zu erreichen. Für dieses Frühjahr bestellten wir Felder von über 6 Morgen Flächeninhalt mit einigen 60 verschiedenen fremdländischen landwirthschaftlichen Garten- und Handelspflanzen. Wir haben die große Freude, daß fast alle jeden an sie gemachten Ansprüchen entsprechen dürften.
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Dieses werkthätige Handeln des Vereins wird wohl das wirksamste Mittel sein, das vorgesteckte Ziel zu erreichen, denn wir warten nicht auf Arbeit und die Beobachtung Anderer allein, sondern arbeiten und beobachten selbst und benutzen die Erfahrungen Anderer, um uns dieselben zur Bestätigung und zur Richtschnur dienen zu lassen, so wie wir auch den der Wahrheit nicht angemessenen Mittheilungen entgegen treten werden, um dadurch vor Nachtheil zu warnen.
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Die Klasse der einseitig Gebildeten endlich weist mit einem sehr klug sein wollenden Lächeln eine Betheiligung deswegen zurück, weil sie selbst Mangel leiden an gediegenem eigenen Wissen, von sich auf Andere schließend, fremdem Wissen und Urtheil daher mißtrauend und in der Furcht den bis jetzt ängstlich gewahrten äußern Schein von Klugheit für den Fall, daß irgend etwas, bei dem sie sich betheiligen, nicht so einschlagen könnte, einzubüßen, bezeichnen sie es als ein thöricht eitles Beginnen und weisen ihre Betheiligung daran zurück.
Wie haben für das beste und wirksamste Mittel gegen diese Uebelstände den thatsächlichen Beweis und die einem Jeden zugängliche Gelegenheit, sich durch eigene Anschauung ein eigenes Urtheil bilden zu können, gehalten; daher wählten wir zu unserem Akklimatisationsfelde ein Feld, das zwar in Hinsicht der Güte des Bodens zu den schlechteren gehört, durch seine Lage aber nur durch eine Omnibuslinie bequem zu erreichen ist, das durch ein unmittelbar dabei sich befindendes Kaffeehaus den Besuchenden jede Bequemlichkeit, Annehmlichkeit und Erholung durch schattige, anmuthige Promenaden gewährt; wir vertrauen daher dem gesunden, guten Sinn und dem durch Beobachtung geschaffenen Urtheile unseres deutsches Volkes, und sind von seiner regen Theilnahme und wirksamsten Unterstützung eines solchen gemeinnützigen Unternehmens überzeugt.
[1] Einleitende Betrachtungen. Gründung des Central-Instituts. Sitzung vom 31. Mai 1859. Herr F. W. Voigt, Ueber die Nothwendigkeit und den zweckmäßigsten Betrieb der Akklimatisation, in: Mittheilungen des Central-Instituts für Akklimatisation in Deutschland zu Berlin, Redigiert von Dr. L. Buvry, No.1, Juli 1859, S. 1-4.