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Siemsen-Vollenweider, Anna: Die Frau im neuen Europa (1945)[1]

Europa ist schon heute namenlos geschwächt, ausgeplündert und verwüstet. Der Tod geht um in seiner grausamsten Gestalt. Nicht nur als Schlachtentod. Er sucht seine Opfer in Konzentrationslagern, im neugeschaffenen Ghetto, auf dem Massenschafott, im erbitterten Partisanen- und Sabotagekampf, als Hunger und als Seuche und bei der Bombardierung von Städten und Dörfern. Wann immer dieser Krieg enden wird, er wird die europäischen Völker in namenlosem Jammer lassen, und in unsäglichem Hasse.

Das erste, was wir dann brauchen werden, ist eine umfassende Hilfe, die jeder Einzelnot sich annimmt, die aber planvoll und organisiert alle europäischen Länder umfaßt. Die Mittel werden vorhanden sein. Das wissen wir. Sie sind nicht nur versprochen. Sie werden schon jetzt bereitgestellt. Aber es wird ungemeine Anstrengungen erfordern, sie rasch, gerecht und verständig so zu verteilen, daß sie die höchste Wirksamkeit bei weisester Sparsamkeit erreichen. Wer soll die Aufgabe übernehmen? Wer anders als wir Frauen?

Freilich sind auf dem Kontinent in allen kriegführenden, besetzten und unterworfenen Ländern die Frauenorganisationen zerstört oder gleichgeschaltet worden. Um so größere Verantwortung und um so größere Aufgaben erwachsen den wenigen Ländern, wo die Frauenorganisationen noch bestehen. In Schweden, dem Lande der Gleichberechtigung der Frauen und einer sehr alten und sehr lebendigen politischen Frauenbewegung, kann und wird sich die Tätigkeit der Frauenorganisationen auf alle Gebiete des politischen und wirtschaftlichen Lebens erstrecken. In der Schweiz sind die Frauen beschränkt auf soziale Hilfe und Fürsorge. Um so mehr können sie sich auf diese Aufgaben konzentrieren. Die Schweizer Frauenvereine haben eine große Vergangenheit sozialer und gemeinnütziger Tätigkeit. Sie haben sich in diesem Kriege der Vergangenheit würdig erwiesen und nicht nur Hilfsbereitschaft und ausharrende Geduld, sondern auch eine sehr große Organisationserfahrung und -tüchtigkeit gezeigt. Ich rede hier nicht vom Roten Kreuz, das seine bedeutende Wirksamkeit ausschließlich auf die Hilfe an den Kriegführenden beschränkt und deswegen für die europäischen Zukunftsaufgaben, die Friedensaufgaben sind, wohl kaum – wir sagen es mit Bedauern – bereitstellen wird. Wir sprechen von der stillen und tapferen Hilfe, die gegen ungeheure Schwierigkeiten vor allem von Schweizerfrauen an den Flüchtlingen, den kriegsgeschädigten Kindern, den Heimatlosen erwiesen wurde. Dadurch sind Erfahrungen gesammelt, Verbindungen geknüpft, Menschen ausgebildet, in verantwortlicher und schwieriger Hilfsarbeit, die unschätzbar sein werden für die Aufgaben der Nachkriegszeit. Es gilt nur, sie bereitzuhalten, damit sie im gegebenen Augenblick eingesetzt werden können.

Es gilt aber noch mehr. Hilfs- und Aufbauarbeit, um nur die ärgste Verwüstung zu beseitigen, die schlimmste Not zu beheben, wird lange währen müssen. Und wesentlich wird dabei sein, was ja ohnehin Anfang und Ende jeder wirklichen Hilfe ist, die eigene Tätigkeit der betroffenen Menschen und Völker so zu wecken und zu organisieren, daß sie sehr rasch sich selber helfen können. Das ist deswegen aussichtsreich, weil wir schon heute sehen, wie die Kriegsnot die meisten dieser Völker in einer erstaunlichen und bewußten Einheit zusammengeführt hat, daß gerade unter stärkstem Drucke sie eine überraschende Erfindungsgabe, eine erschütternde Solidarität entwickeln. Sicher ist das nicht überall gleich. Norweger und Holländer, Serben und Tschechen werden sicher rascher sich organisieren und ihr Land wieder aufbauen als die Franzosen, die Italiener oder die unglücklichen Spanier. Überall aber wird eine große Gefahr bestehen. Alle diese Völker und Staaten sind abgeschnitten vom internationalen Leben. Sie können sich nur behaupten, indem sie einen kompromißlosen nationalen Lebenswillen entfalten. Sagen wir es offen: Heute besteht in ihnen allen kein europäisches Bewußtsein mehr. Sie mußten sich zurückziehen auf die nationale Solidarität und gerade bei den Besten und Verantwortungsbewußten muß der Wille zur Freiheit und Selbständigkeit die ausschließlichste Form annehmen.

Den Vorzug, noch europäisch denken und fühlen zu können, haben die Nichtkriegführenden, mit dem Vorzug auch die Verpflichtung. Nun steht freilich zu erwarten, daß bei Kriegsende das gemeinsame Schicksal, selbst wenn es nicht gemeinsam erlebt wurde, die Völker einander annähern wird. Dennoch wird es dringend notwendig sein, die Aufgaben eines gemeinsamen föderativen Aufbaues den jetzt isoliert Leidenden und Kämpfenden sogleich lebhaft und praktisch ins Bewußtsein zu rufen. Wie aber könnte das besser geschehen als durch jene Menschen und Organisationen, welche hilfebringend als erste in die verwüsteten und desorganisierten Gebiete kommen? Man wende nicht ein, das sei Politik, die man doch nicht in humanitäre Handlungen mengen dürfe. Es geht hier nicht um Macht- oder Interessenfragen, sondern um reine menschliche Solidarität. Derselbe Impuls, der uns antreibt, dem vom Krieg Betroffenen beizustehen, muß uns folgerichtig dahin führen, die Ursachen des Kriegsunheils zu beseitigen. Wer das nicht täte, würde handeln, wie ein Arzt, der zwar Cholerakranken zu Hilfe käme, aber es ablehnen wollte, sich um die schlechte Kanalisation zu kümmern, die Ursache der Seuche war, mit der Begründung, dies sei eine Angelegenheit der öffentlichen Finanzierung, daher eine politische Frage und jedenfalls keine humanitäre Angelegenheit.

Wir glauben zu wissen, welches die Ursachen sind, die in Europa immer neue Kriege gebären. Wir sind überzeugt, die Abhilfe ebenso genau zu kennen, wie ein moderner Hygieniker die Mittel gegen Epidemiegefahren kennt. Was könnte und dürfte uns hindern, den Betroffenen von ihnen zu erzählen in dem Augenblick, wo noch die Erinnerung an die Todesgefahr lebendig in ihnen nachzittert, wo noch keine falschen Schritte unternommen sind, welche der europäischen Verständigung gefährlich werden können?

Wir Frauen dürfen hoffen und erwarten, daß eine solche Arbeit, die sich aufbaut auf dem Vertrauen wegen geleisteter Hilfe, wirksam werden wird und über die Grenzen der einzelnen Länder hinaus eine Atmosphäre des Vertrauens, eine Gewohnheit der Zusammenarbeit wird entstehen lassen, die unentbehrlich ist für die Friedensarbeit. Ganz offenkundig besteht heute bereits die Überzeugung in allen verantwortlichen Kreisen, daß auf das Kriegsende eine lange Zwischenzeit folgen wird, in welcher die Grundlagen eines Dauerfriedens geschaffen werden sollen. Es wird dazu der verschiedenartigsten Vorkehrungen bedürfen. In einigen Fällen wird man schon vorhandene Institutionen benutzen können, wie beispielsweise die internationalen Verkehrsinstitutionen, in anderen werden vorhandene Ansätze auszubauen sein wie beim Internationalen Arbeitsamt oder der Bank für Internationale Zahlungen. In den meisten Fällen, so vor allem beim politischen, Sicherheits- und kulturellen Sektor, wird es um Neuschöpfungen gehen. Soll bei dieser umfassenden Arbeit etwas herausschauen, das menschenwürdig und zukunftsbeständig ist, so dürfen die Völker keinesfalls den Regierungen und ihren Diplomaten und Politikern die Angelegenheit überlassen, wie das nach dem letzten Kriegsende der Fall war, wo schließlich drei Männer als Repräsentanten der drei größten Siegermächte das Schicksal Europas und damit der Erde unter sich entschieden. Das Resultat reizt nicht zur Wiederholung, wird sich aber wiederholen, falls nach diesem Kriege nicht unter den Völkern ein klarer, zielsicherer und organisierter Wille die Unzulänglichkeiten solcher Zufallspolitik hindert. Die Atlantikcharta ist ein Versprechen, aber sie ist nur allgemeine Zielsetzung, ohne Wegweisung, ohne Grundlage, ohne Plan. Das ist keine Kritik an ihr. Es ist nur eine Warnung, daß wir nicht glauben dürfen, es sei schon irgend etwas geschehen, oder wir dürften uns auf andere verlassen, damit es geschehe. In dem entscheidenden Augenblick des Kriegsendes wird es vielmehr gelten, bereit zu sein, um die vom Kriege aufgeschreckten Völker zum vereinten Handeln zu bestimmen, den Sehnsuchtsschrei: „Nie wieder Krieg“, der nach dem letzten Kriege wirkungslos verhallte und nichts hinterließ als achselzuckende Enttäuschung und bitteren Unglauben, zu festen und unabdingbaren Forderungen zu verdichten.

Warum wir Frauen dazu besonders fähig sind?

Gewiß fehlt den Schweizerinnen noch das politische Mitbestimmungsrecht, fehlt ihnen daher auch die direkte Erfahrung der Gesetzgebung und der Verwaltungspraxis. Das ist ein Nachteil, der sich ausgleicht, sobald eine wirkliche enge Zusammenarbeit mit den Frauen der andern europäischen Länder zustande kommt. In einem Teil derselben haben starke Frauenorganisationen seit langem die Erfahrung der öffentlichen Verantwortung und haben bereits während dieses Krieges durch ausgearbeitete Friedensplanungen bewiesen, wie sehr sie sich der kommenden Aufgaben bewußt sind. Mit ihnen in rasche und enge Fühlung zu kommen, ist daher für die Schweizerfrauen wünschenswert, ja notwendig.

In anderer Hinsicht gibt die Stellung der Schweizerinnen ihnen sogar günstige Möglichkeiten. Sie sind nicht gebunden an Parteirücksichten, nicht festgelegt auf bestehende Programme, nicht gehindert durch die Opportunitätsrücksichten vorsichtiger Regierungsvertreter. Sie können, falls sie nur wollen, frei nach ihrem menschlichen Gefühl, nach ihrer inneren Überzeugung reden und handeln, und es ist zu hoffen, daß sie vor wahrhaft großen und zukunftsentscheidenden Aufgaben auch über parteimäßige oder historische Vorurteile hinweg die Verbindung zueinander finden werde. – Von Weltanschauungsgegensätzen rede ich nicht, denn der Wille zu einem geeinten, freien und friedlichen Europa setzt gleiche sittliche Überzeugungen und einen starken Glauben voraus, mag dieser sich auch in verschiedene Bekenntnisse kleiden oder ein äußeres Glaubensbekenntnis ablehnen.

Vor allem aber wird man uns brauchen, falls wir bereit sind. Die solidarische Selbsthilfe, welche Europas Völker aufzubauen haben, falls sie sich aus der Not dieses Krieges wieder erheben wollen, die Umgestaltung der Kriegswirtschaft zu einer europäischen Friedenswirtschaft, die Planung, die notwendig wird, der Aufbau der Organisationen, welche in einer demokratisch geordneten Wirtschaft und Gesellschaft notwendig sind, vor allem aber die Erziehungsarbeit, die zu leisten ist, falls solch ein neues Europa bestehen soll: das alles setzt sehr viel kluge, geschulte, hingebende Arbeit von Menschen voraus, welche von ihrer Aufgabe durchdrungen, von deren Bedeutung überzeugt sind. Das Ausmaß dessen, was wir zusammenfassen als „gesellschaftliche Dienste“ wird sehr steigen. Und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich meine, daß Frauenarbeit hier unentbehrlich sein wird. Die Schweizerinnen sind nicht verwöhnt worden im eigenen Lande. Im Gegensatz zu allen anderen Staaten hat die Schweiz allein in dieser Kriegszeit ihre Frauen nirgends an verantwortlicher Stelle zu verwenden gewußt. Es wäre aber ein Irrtum, zu glauben, daß sie deswegen gegen die Frauen anderer Länder zurückständen. Nicht in öffentlichen Ämtern, aber in stiller und ungeehrter Arbeit leisten sie täglich Großes und Vorbildliches. Die Nachkriegszeit wird ihnen da weitere, dankbare Aufgaben stellen, für die sie sich jetzt vorbereiten, zumeist wohl ohne es selber zu denken.

Und zu erwarten steht etwas weiteres.

In allen vom Krieg betroffenen Ländern kämpfen und leiden Frauen wie die Männer. Sie ertragen die tägliche Gefahr, und der Tod trifft sie genau, wie diese. Es ist völlig ausgeschlossen, daß man ihnen nach dem Kriege nicht die vollen Bürgerrechte gibt, nicht nur formal gesetzlich, sondern auch, indem man sie heranzieht zur Verantwortung. Die Europa-Union hat in ihren Leitsätzen keine Forderungen aufgestellt für die einzelnen Länder. Aber es ist undenkbar, daß in einem Europa, welches den Frauen das volle Föderativ-Bürgerrecht gibt, ein einzelnes Land seine Frauen von jeder einzelstaatlichen Mitarbeit ausschließt. Kommt das geeinte und freie Europa, so kommt mit ihm – des bin ich sicher – auch das volle Bürgerrecht aller Europäerinnen.

Nicht deswegen aber setzen wir uns ein für ein Europa der Zukunft. Es ist durchaus irreführend, wenn in Diskussionen die Forderung nach den bürgerlichen Rechten für die Frau nur allzu häufig abgewiesen wird mit der Begründung, daß es viel edler sei, Pflichten zu erfüllen, statt Rechte zu fordern. Man kann keine Pflichten erfüllen, sofern und so lange man rechtlos ist. Der völlig Rechtlose, der Sklave, ist willenloses Werkzeug eines fremden Willens. Gerade das ist es, was seine Lage unerträglich macht, und was notwendig zur Entartung führt, daß seine Rechtlosigkeit ihm die Pflichterfüllung verwehrt, welche das Kennzeichen des freien Menschen ist. Die Frauen Asiens, die bis vor kurzem in lebenslänglicher Unmündigkeit lebten, wurden eben dadurch unfähig, große Aufgaben zu erfüllen, Pflichten zu übernehmen. Heute sehen wir, wie die Notwendigkeit, welche ihnen schwere Pflichten auferlegt, sie gleichzeitig zur Rechtsgleichheit mit dem Manne befreit.

So und nicht anders wird es in Europa werden. Wir werden frei sein zum Dienste, zu einem Dienste, dessen Europas Menschen und Völker mehr als je bedürfen. Täuschen wir uns nicht: Hinter uns liegt ein Menschenalter der Verwirrung, des Hasses, der Gewalt. Auch vor uns liegen vielleicht noch Zeiten, in denen dieses Chaos der Vernichtung ansteigen wird zu einer furchtbaren Katastrophe, um dann in äußerster Ermattung zusammenzubrechen. Die Wirkung auf die Menschen war schon bisher fürchterlich. Nicht der Tod, nicht die körperliche Verstümmelung oder Verkümmerung sind die schlimmste Wirkung dieser Zeit, sondern die sittliche Verwilderung, die Abstumpfung des Gewissens, die Verhärtung der Herzen. In diesem Untergang aller Menschlichkeit haben wir Frauen einen großen Vorzug vor den Männern. Als die körperlich Schwächeren erleiden wir die Gewalt und Brutalität. Nur in seltenen Fällen können wir selber sie ausüben. Das bewahrt nicht alle – mit bitterem Schmerze sei es gesagt – aber es bewahrt viele, die meisten sogar davor, zu jener bestialischen Grausamkeit zu verwildern, die wir in der Kriegsführung erleben. Unsere Natur, die uns zu Trägerinnen, Bewahrerinnen und Pflegerinnen des Lebens bestimmt, die uns immer vorzugsweise hinweist auf den Dienst am Menschen, gibt uns heute im Krieg selber das schöne Vorrecht des Heilens und Helfens. In der Zukunft aber öffnen sich uns Aufgaben und Aussichten, wie sie die Geschichte uns noch nie gab. Falls wir sie begreifen und ergreifen. […]


[1] Siemsen-Vollenweider, Anna, Die Frau im neuen Europa, in: Bauer, Hans; Ritzel, Heinrich G. (Hgg.): Kampf um Europa. Von der Schweiz aus gesehen, Zürich 1945, S. 189-207 (Auszug S. 201-207).



Zitationsempfehlung:
Siemsen-Vollenweider, Anna: Die Frau im neuen Europa (1945). Veröffentlicht im Rahmen des Themenschwerpunkts „Europäische Geschichte – Geschlechtergeschichte“. In: Themenportal Europäische Geschichte (2009),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2009/Article=396.

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