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Rousseau, Jean-Jacques: Emile (1762) [1]

1. Buch

[…]

Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des Menschen. Er zwingt einen Boden, die Erzeugnisse eines anderen zu züchten, einen Baum, die Früchte eines anderen zu tragen. Er vermischt und verwirrt Klima, Elemente und Jahreszeiten. Er verstümmelt seinen Hund, sein Pferd, seinen Sklaven. Er erschüttert alles, entstellt alles – er liebt die Mißbildung, die Monstren. Nichts will er so, wie es die Natur gemacht hat, nicht einmal den Menschen. Er muß ihn dressieren wie ein Zirkuspferd. Er muß ihn seiner Methode anpassen und umbiegen wie einen Baum in seinem Garten.

Ohne das wäre alles noch schlimmer, und unsere Gattung will nicht halb geformt existieren. So, wie es im Augenblick steht, würde ein nach seiner Geburt völlig sich selbst überlassener Mensch das verbildetste aller Wesen sein. Vorurteile, Autorität, Vorschriften, Beispiel – alle die Einrichtungen der Gesellschaft, in denen wir ertrinken, würden seine Natur ersticken und ihm kein Äquivalent dafür geben. Sie müßte, wie ein Bäumchen, das der Zufall mitten auf einem Weg hat wachsen lassen, alsbald zugrunde gehen, weil die Vorübergehenden es von allen Seiten stoßen und in alle Richtungen biegen würden.

An dich wende ich mich, zärtliche und klarblickende Mutter [2], die du abseits von der großen Straße zu gehen und das heranwachsende Bäumchen vor dem Schock der menschlichen Irrtümer zu schützen wußtest! Pflege und tränke das junge Gewächs, bevor es stirbt; eines Tages werden seine Früchte deine Wonne sein. Friede beizeiten die Seele deines Kindes ein; ein anderer mag den Umkreis abstecken wollen, aber du allein mußt die Schranken setzen [3] .

Die Pflanze wird durch Pflege aufgezogen, der Mensch durch die Erziehung. Würde der Mensch groß und stark geboren, so wären Körperwuchs und Kraft ihm völlig unnütz, bis er gelernt hätte, sich ihrer zu bedienen. Sie gerieten ihm sogar zum Nachteil, da die anderen nicht auf die Idee kämen, ihm beizustehen [4] , und, ganz sich selbst überlassen, müßte er vor Elend sterben, ohne je kennengelernt zu haben, was er braucht. Man klagt über den Zustand der Kindheit, aber man sieht nicht, daß die menschliche Rasse zugrunde ginge, wenn nicht jeder Mensch zuerst Kind gewesen wäre.

Wir werden schwach geboren und bedürfen der Kräfte; wir werden hilflos geboren und bedürfen des Beistands; wir werden dumm geboren und bedürfen des Verstandes. All das, was uns bei der Geburt noch fehlt und dessen wir als Erwachsene bedürfen, wird uns durch die Erziehung zuteil.

Diese Erziehung kommt uns von der Natur oder den Menschen oder den Dingen. Die innere Entwicklung unserer Fähigkeiten und unserer Organe ist die Erziehung durch die Natur. Der Gebrauch, den man uns von dieser Entwicklung zu machen lehrt, ist die Erziehung durch die Menschen, und der Gewinn unserer eigenen Erfahrung mit den Gegenständen, die uns affizieren, ist die Erziehung durch die Dinge.

[...]

Sobald also die Erziehung zur Kunst wird, ist es nahezu unmöglich, daß sie gelingt, da das zu ihrem Gelingen notwendige Zusammenwirken nicht in der Hand eines Menschen liegt. Das einzige, was man durch Bemühungen erreichen kann, ist, dem Ziel mehr oder weniger nahe zu kommen, aber man muß Glück haben, um es zu erreichen.

Was ist denn dieses Ziel? Es ist die Natur selbst; wir haben es bewiesen.

[...]

2. Buch

[...]

Behandelt euren Zögling seinem Alter gemäß. Weist ihm sofort seinen richtigen Platz an und haltet ihn dort so fest, daß er sich nicht von ihm zu entfernen sucht. Dann wird er, noch bevor er weiß, was Vernunft überhaupt ist, die beste Schulung durchmachen, die ihn zu ihr hinführt. Befehlt ihm nie etwas, was immer es auch sein mag – absolut nichts. Suggeriert ihm nicht einmal die Vorstellung, daß ihr die geringste Autorität über ihn haben könntet. Er soll nur wissen, daß ihr stark seid und er schwach ist und daß er euch durch diese Tatsache notwendigerweise ausgeliefert ist. Er soll es wissen, erfahren und spüren, rechtzeitig spüren, das harte Joch auf seinem stolzen Haupt, das die Natur dem Menschen auferlegt, das schwere Joch der Notwendigkeit, unter das sich jedes endliche Wesen beugen muß. Er soll diese Notwendigkeit in den Dingen sehen, niemals in der Laune der Menschen [5] *. Der Zügel, der ihn im Zaum hält, sei die Stärke und nicht die Autorität. Verbietet ihm nicht das, was er nicht tun soll, sondern hindert ihn daran, und zwar ohne Erklärungen und vernünftige Begründungen. Gesteht ihm bei seinem ersten Wort alles zu, wozu ihr bereit seid, ohne ihn bitten und flehen zu lassen, und vor allem bedingungslos. Bewilligt mit Freude und verweigert es nur mit Bedauern, jedoch unwiderruflich. Laßt euch nicht aus Bequemlichkeit zum Nachgeben verführen, euer Nein muß wie eine eherne Mauer sein; ist das Kind fünf- oder sechsmal vergeblich dagegen angerannt, wird es nicht mehr versuchen, sie umzustürzen.

So nur erzieht ihr es zur Geduld, zur Ausgeglichenheit, zum friedfertigen Sich-Abfinden, sogar dann, wenn es das Gewünschte nicht erreicht hat. Denn es liegt in der Natur des Menschen, geduldig die Notwendigkeit der Dinge zu ertragen, aber nicht den bösen Willen der Menschen. [...]

Es ist sehr seltsam, daß man, seit man sich mit der Erziehung der Kinder beschäftigt hat, auf keine anderen Mittel, sie zu leiten, verfallen ist als auf Wetteifer, Eifersucht, Neid, Eitelkeit, Habgier, Feigheit, also gerade die gefährlichsten Leidenschaften, die am schnellsten emporschießen und am geeignetsten sind, die Seele zu verderben, noch ehe der Körper gereift ist. Mit allem, was man vorzeitig ihrem Kopf eintrichtern will, pflanzt man die Wurzel eines Lasters in den Grund ihres Herzens. Hirnlose Lehrer glauben Wunder zu vollbringen, wenn sie die Kinder zum Bösen anleiten, um ihnen beizubringen, was Gutsein ist. Und dann sagen sie uns in tiefem Ernst: so ist der Mensch. Ja, so ist der Mensch, den ihr herangebildet habt.

Alle Mittel hat man ausprobiert, außer einem, dem einzigen, das Erfolg verspricht: die kluggeregelte Freiheit. Man soll sich nicht mit der Erziehung eines Kindes befassen, wenn man es nicht dahin zu führen versteht, wohin man es bringen will, durch die Gesetze des Möglichen und des Unmöglichen. Da der Bereich des einen sowie des anderen ihm unbekannt ist, erweitert man ihn oder schränkt ihn nach Gutdünken ein. Man zügelt, treibt oder hält es zurück nur durch die Bande der Notwendigkeit, ohne daß es murrt. Nur durch die Macht der Dinge macht man es sanft und gefügig, ohne daß auch nur irgendein Laster in ihm zum Aufkeimen käme; denn niemals erwachen die Leidenschaften, wenn sie ohne jede Wirkung sind.

Haltet eurem Zögling keine weisen Reden, er muß durch Erfahrung klug werden. Züchtigt ihn nicht, denn er weiß nicht, was unrecht tun ist. Laßt ihn niemals um Verzeihung bitten, denn er kann euch nicht beleidigen. Da er seinen Handlungen keinerlei Moralbegriffe unterlegen kann, kann er auch nichts moralisch Unrechtes tun, das eine Züchtigung oder einen Verweis verdienen würde.

[...]

Ob ich es wage, hier die größte, wichtigste und nützlichste Regel jeglicher Erziehung darzulegen? Sie heißt: Zeit verlieren und nicht gewinnen. Der Durchschnittsleser verzeihe mir meine Paradoxa – man braucht sie, wenn man nachdenkt. Und was man mir auch entgegenhalten mag – ich bin lieber der Mann der Paradoxa als der der Vorurteile. Die gefährlichste Zeit des Lebens ist die zwischen der Geburt und dem zwölften Lebensjahr. Das ist die Zeit, in der Irrtümer und Laster keimen, ohne daß man schon die Mittel hätte, sie zu zerstören. Und hat man endlich die Mittel, so ist es zu spät; die Wurzeln sitzen zu tief, um sie auszureißen. [...]

Die erste Erziehung muß also rein negativ sein. Sie besteht keineswegs darin, Tugend und Wahrheit zu lehren, sondern darin, das Herz vor dem Laster und den Geist vor dem Irrtum zu bewahren. Wenn es euch gelänge, nichts zu tun und nichts geschehen zu lassen, wenn es euch gelänge, euren Zögling gesund und kräftig bis zu seinem zwölften Lebensjahr zu bringen, ohne daß er seine rechte von seiner linken Hand zu unterscheiden vermöchte, so würden sich die Augen seines Verständnisses vom ersten Augenblick an unter eurer Obhut der Vernunft öffnen. Ohne Vorurteile, ohne Gewohnheiten wäre nichts in ihm, was euren Bemühungen entgegenwirken könnte. Bald würde er unter euren Händen der weiseste aller Menschen, und indem ihr zu Anfang gar nichts getan hättet, hättet ihr ein Wunder an Erziehung vollbracht.

Tut das Gegenteil dessen, was der Brauch ist, und ihr werdet fast immer das Richtige tun.

[…]

Ich predige euch eine schwere Kunst, ihr jungen Lehrer, nämlich beherrschen ohne Vorschriften zu geben und durch Nichtstun alles zu tun. Ich gebe zu, daß diese Kunst nicht eures Alters ist, ihr könnt dabei nicht sofort mit euren Talenten brillieren und den Vätern Eindruck machen. Aber sie ist die einzige, die Erfolg verspricht. Nie wird es euch gelingen, einen Weisen zu schaffen, wenn ihr nicht zunächst einen Gassenjungen geschaffen habt. Das war die Erziehung der Spartaner; anstatt die Kinder hinter die Bücher zu setzen, brachte man ihnen zunächst bei, wie sie sich ihr Mittagessen stehlen konnten. Waren deshalb die Spartaner roh, wenn sie erwachsen waren? Wer kennt nicht die Treffsicherheit und Würze ihrer Entgegnungen? Immer zum Sieger bestimmt, vernichteten sie ihre Feinde in jeglicher Art von Krieg, und die geschwätzigen Athener fürchteten ebensosehr ihre Worte wie ihre Streiche.

In der gepflegten Erziehung befiehlt der Lehrer und glaubt dadurch zu herrschen. In Wirklichkeit ist es das Kind, das herrscht. Es bedient sich dessen, was ihr von ihm fordert, um von euch zu erlangen, was ihm gefällt. Eine Stunde Fleiß müßt ihr ihm mit acht Tagen Nachgiebigkeit bezahlen. Jeden Augenblick müßt ihr mit ihm unterhandeln. Und die Verträge, die ihr in eurem Sinne machen wollt, die es aber in seinem Sinne durchführt, dienen immer nur seinen Wünschen, besonders dann, wenn man so ungeschickt ist, zu seinem Vorteil eine Bedingung daran zu knüpfen, die ihm sowieso nichts ausmacht. Im allgemeinen versteht das Kind viel besser in der Seele des Lehrers zu lesen als dieser im Herzen des Kindes. Und das ist klar: denn den ganzen Spürsinn, den ein unabhängiges Kind für seine Selbsterhaltung aufwenden müßte, gebraucht es, um seine natürliche Freiheit aus den Fesseln seines Tyrannen zu retten, während dieser Tyrann, der gar kein so dringendes Interesse daran hat, den anderen voll und ganz zu verstehen, manchmal besser auf seine Kosten kommt, wenn er ihn bei seiner Faulheit oder Eitelkeit läßt.

Folgt mit eurem Zögling dem umgekehrten Weg. Laßt ihn immer im Glauben, er sei der Meister, seid es in Wirklichkeit aber selbst. Es gibt keine vollkommenere Unterwerfung als die, der man den Schein der Freiheit zugesteht. So bezwingt man sogar seinen Willen. [...]



[1] Auszüge aus: Rousseau, Jean-Jacques, Emile oder Über die Erziehung, dt. Fassung nach der Edition von Martin Rang, aus dem Französischen unter Mitarbeit des Herausgebers übertragen von Eleonore Sckommodau, Stuttgart 1998, S. 107-110, 208-210, 212-213, 264-266. Die mit * versehenen Anmerkungen stammen von Rousseau, die übrigen von M. Rang. Zusätze in runden Klammern von H.-E. Tenorth.

[2] *Die erste Erziehung ist die wichtigste, und diese erste Erziehung ist unbestreitbar Sache der Frauen: wenn der Schöpfer der Natur gewollt hätte, daß es Sache der Männer sei, so hätte er ihnen Milch zum Nähren der Kinder gegeben. Wendet euch also vorzugsweise an die Frauen in euren Abhandlungen über Erziehung, denn abgesehen davon, daß sie die Erziehung unmittelbarer überwachen können als die Männer und ihr Einfluß darauf immer größer wird, ist ihr Erfolg für sie auch viel wichtiger, da die meisten aller Witwen ihren Kindern nahezu ausgeliefert sind und dann heftig zu spüren bekommen, ob sie ihre Kinder schlecht oder gut erzogen haben. Die Gesetze, immer so sehr mit den Gütern des Lebens und so wenig mit den Menschen beschäftigt, da sie in ihren Zielen den Frieden und nicht die Tugend verfolgen, gestehen den Müttern zu wenig Autorität zu. Sie befinden sich dennoch in einer viel sichereren Lage als die Väter, und ihre Aufgaben sind viel mühevoller. Ihre Sorgfalt ist für ein gut geregeltes Familienleben viel wichtiger, und im allgemeinen sind sie es, die am meisten an den Kindern hängen. Es gibt Fälle, wo ein Sohn, dem es irgendwie an Respekt vor dem Vater fehlt, zu entschuldigen ist. Wenn aber ein Kind, gleichgültig um was es geht, so entmenscht ist, seiner Mutter den Respekt zu verweigern, der, die es in ihrem Schoß getragen hat, die es mit ihrer Milch genährt hat, die sich in jahrelanger Selbstentäußerung nur um es allein gekümmert hat, so müßte man dieses Kind schleunigst strangulieren wie ein Ungeheuer, das nicht würdig ist, das Licht der Welt zu erblicken. Es wird immer gesagt, daß Mütter ihre Kinder verwöhnen. Damit tun sie sicher unrecht, doch vielleicht weniger als ihr, die ihr sie herabwürdigt. Die Mutter will, daß ihr Kind glücklich ist, und zwar sofort. Hierin hat sie recht: täuscht sie sich über die Mittel, muß man sie aufklären. Ehrgeiz, Geiz, Tyrannei, die mißverstandene Vorsorge der Väter, ihre Nachlässigkeit und ihre harte Empfindungslosigkeit sind hundertmal verhängnisvoller für die Kinder als die blinde Zärtlichkeit der Mütter. Es bleibt nur noch der Sinn dessen zu erklären, was ich Mutter nenne, und das wird in der Folge geschehen.

[3] *Man hat mich versichert, daß M. Formey meinte, ich wolle hier von meiner Mutter sprechen, und daß er das auch in irgendeinem Buch ausgesprochen habe. Entweder macht man sich damit auf grausame Weise über M. Formey lustig oder über mich. (M. Formey [1711-1797], protestantischer Geistlicher in Berlin, hatte einen „Anti-Emile“ verfasst.)

[4] *Äußerlich ihnen ähnlich ohne die Gabe der Sprache und des Denkens, das sie zum Ausdruck bringt, wäre er nicht in der Lage, ihnen sein Hilfsbedürfnis verständlich zu machen, und nichts an ihm würde es ihnen kundtun.

[5] *Es ist sicher, daß das Kind jeden Willen, der sich dem seinen widersetzt, als unbegründete Laune empfinden wird. So wird es auch das, was sich seinen eigenen Launen widersetzt, als unbegründet empfinden.

 


Die Druckversion des Essays findet sich in Hohls, Rüdiger; Schröder, Iris; Siegrist, Hannes (Hg.), Europa und die Europäer. Quellen und Essays zur modernen europäischen Geschichte, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005.

Zitationsempfehlung:
Rousseau, Jean-Jacques: Emile. 1762. In: Themenportal Europäische Geschichte (2006),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2006/Article=45.

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