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Ritter, Carl: Europa, ein geographisch-historisch-statistisches Gemälde (1804) [1]

An den Leser. Gebildeteren Jünglingen, Lehrern und allen Freunden der Erdbeschreibung übergebe ich diesen ersten Theil des Gemäldes von Europa, in der Hoffnung, daß dessen Inhalt sie belehren und für eine Wissenschaft immer mehr gewinnen wird, der wir so viele wichtige Kenntnisse von der Erde und ihren Bewohnern verdanken. Ich lege Ihnen die Bearbeitung eines Theiles von Europa vor, und ich fühle mich verpflichtet, über den Zweck, die Art der Bearbeitung und die benutzten Hülfsmittel, einiges zu sagen, um zu zeigen, daß es mir nicht darum zu tun war, die große Zahl schon vorhandener Bücher mit einem ähnlichen ohne weitern Zweck zu vermehren.

Meine Arbeit war für das gebildetere Publicum bestimmt, bey dem ich die ersten geographischen Kenntnisse voraussetzen konnte, oder dem es leicht seyn würde, sich mit dem Detail und der Topographie eines Landes aus jedem gewöhnlichen Handbuche ein wenig bekannt zu machen. Mein Zweck war, den Leser zu einer lebendigen Ansicht des ganzen Landes, seiner Natur und Kunstproducte, der Menschen und Naturwelt zu erheben, und dies alles als ein zusammenhängendes Ganzes so vorzustellen, daß sich die wichtigsten Resultate über die Natur und die Menschen von selbst zumahl durch gegenseitige Vergleichungen, entwickelten. Dies konnte nur dadurch geschehen, daß ich in einer ernsten, soviel möglich gedrängten Sprache, das Einzelne immer in Hinsicht auf das Ganze vorführte, und so nicht bloß allgemeine Bemerkungen, sondern eine Reihe von Thatsachen und Schilderungen in einer geistigen Verbindung lieferte, denen ich immer das Charakteristische Gepräge ihres Gegenstandes zu geben suchte. Dadurch schmeichle ich mir dem Lehrer der Geographie vielen Stoff beim Unterricht in dieser Wissenschaft gegeben zu haben, und dem Dilettanten einen gedrängten Auszug über das Wesentlichste aus vielen der besten und neuesten einzelnen naturhistorischen oder geographischen Werke und Reisebeschreibungen, deren Anschaffung teils zu kostbar oder deren Lesung ihm zu sehr zeitraubend gewesen seyn würde. Daher ist die Sprache kurz und oft abgebrochen, der Druck sehr gedrängt, um alles Weitschweifige zu vermeiden. So mir das Buch zu bearbeiten, war mir beym Unterricht selbst Bedürfniß geworden.

Da meine Hauptabsicht Veredelung des Geistes und nicht bloße Sammlung für das Gedächtnis war: so suchte ich alles so viel als möglich in Zusammenhang zu bringen und als Ursache und Folge darzustellen; ich suchte die Geographie, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, pragmatisch zu machen. Die Erde und ihre Bewohner stehen in der genauesten Wechselverbindung und ein Theil läßt sich ohne den andern nicht in allen seinen Verhältnissen getreu darstellen. Daher werden Geschichte und Geographie immer unzertrennliche Gefährtinnen bleiben müssen. Das Land wirkt auf die Bewohner, und die Bewohner auf das Land. Zuerst folgt daher in die Geographie jedes Reiches eine historische Einleitung, die uns ganz kurz zeigt, wie sich nach und nach das Volk und der Staat, unter den jedesmaligen Verhältnissen entwickelte und bildete. Sie gibt uns allenfalls den Maßstab zu dem, was wir von dem gegenwärtigen Zustande der Menschen und des Landes zu erwarten berechtigt sind, sie soll zeigen, was das Land dem Menschen verdankt. Daher stellt sie nur die Culturgeschichte dar, und behandelt die politische Geschichte, nur in so fern als sie Einfluß auf die Bildung des Staats und der Regierungsform hat, von welcher wiederum so vieles abhängt. Billig ist es nun auch zu zeigen, was die Natur für den Menschen hat. – Leider ist unsere Culturgeschichte noch zu keinem hohen Grade der Vollendung gediehen, und nur fragmentarisch bearbeitet worden. Daher wurde auch meine Bearbeitung hier und da mager; aber desto trefflicher sind viele Zweige der Naturgeschichte und der physikalischen Geographie aufgeklärt. Es schien mir, als wenn man bisher den wichtigen Einfluß der Naturbeschaffenheit in den Geographien zu leicht und oberflächlich behandelt hätte, und ich machte es mir zum besonderen Augenmerk, ihren Einfluß zu zeigen. So wie Chronologie die Basis der Geschichte ist, ohne deren Hülfe alle Facta verwirrt sind, eben so nothwendig schien mit die physikalische Beschaffenheit, die Basis der Geographie (im Raume so wie jene in der Zeit) zu seyn. Sie ist das Skelett, um welches alles andere nur Fleisch und Muskel ist; sie gibt dem ganzen Zusammenhang und jedem Theile seinen eigentümlichen Character und sein Leben.

Nun können wir sehen, was beide gemeinschaftlich Natur und Kunst oder Menschenmühe hervorbringen – Producte. Ihr Erwerb ist die Quelle aller Tätigkeit und ihr Besitz fast das einzige Ziel alles Strebens; darum verdienen sie eine genauere Beschreibung. Sie setzen Manufacturen, alle Arten von Gewerbe und den Handel in Bewegung. So mannigfaltig das Detail aller dieser Gegenstände ist: so läßt es sich doch wieder durch Zahlen unter gewisse Hauptansichten bringen, welche allein das Resultat zu fixieren im Stande sind. Die Darstellung aller Gewerbe und des Handels leiten uns nun wieder auf den Menschen, den Hauptgegenstand unserer Anschauungen zurück. Wir betrachten ihn zuerst in seinen physicalischen, dann in seinen moralischen und intellectuellen Verhältnissen – Religion, Erziehung, Regierung. Zuletzt kehren wir zu seiner geselligen Vereinigung, als Bürger oder Knecht eines Staates, dann zum Staat selbst zurück und beschließen dieses zusammenhängende Ganze mit der Macht, welche der Staat besitzt, sich auch in den widrigsten Verhältnissen seine Existenz und seine Dauer zu erhalten. Zur leichteren Uebersicht des Culturzustandes jedes Reiches, sind Städtetabellen beygefügt, die ganz neu und so vollständig bearbeitet sind, als es mir für diesen Zweck nothwendig zu seyn schien.

Da wo ich von diesem Gange abwich, da vermochten mich andere Umstände dazu, oder Mangel an den gehörigen Materialien und die Scheu, ein gewagtes Urtheil hinzusetzen. Wo ich gegen diesen Plan ganz fehlte, da geschah es gegen meinen Willen, denn dieser Anordnung und Darstellung wegen gab ich dem Buch vielleicht etwas zu anmaßend, den Titel: Gemälde, da es bescheidener nur „Schilderung“ heißen sollte, aber dieser Titel wiederum meinem Zwecke nicht entsprach.



[1] Ritter, Carl, Europa, ein geographisch-historisch-statistisches Gemälde für Freunde und Lehrer der Geographie, für Jünglinge, die ihren Cursus vollendeten, bei jedem Lehrbuche zu gebrauchen. Nach den neuesten Quellen bearbeitet von C. Ritter, 2 Bde, Bd. 1: Frankfurt am Main 1804; Bd. 2: Frankfurt am Main 1807, Auszug: Bd. 1: S. V-VIII. Kursive Textpassagen in der Quelle sind im Original gesperrt gesetzt.

 


Die Druckversion des Essays findet sich in Hohls, Rüdiger; Schröder, Iris; Siegrist, Hannes (Hg.), Europa und die Europäer. Quellen und Essays zur modernen europäischen Geschichte, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2005.

Zitationsempfehlung:
Ritter, Carl: Europa, ein geographisch-historisch-statistisches Gemälde. 1804. In: Themenportal Europäische Geschichte (2006),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2006/Article=50.

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