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Eurovision: Europäischer Fernsehprogrammaustausch in seinen Anfangsjahren[1]

Von Christian Henrich-Franke

Einleitung

Der Bericht des Spiegel über das ‚Europa-Programm’ erschien am 2. Juni 1954 unmittelbar vor dem Auftakt zu der ‘Summer Season of European Television Programme Exchanges’, welche den Startschuss für den (west-) europäischen Austausch von Fernsehprogrammen über das Sendenetz der Eurovision gab. Wie viele andere Presseberichte auch äußerte sich der Spiegel kritisch hinsichtlich des europäischen Fernsehprogrammaustauschs. Der Bericht spiegelt die Skepsis wieder, die dem neuen Medium Fernsehen generell und in besonderem Maße dem internationalen Austausch im Rahmen der Eurovision entgegengebracht wurde. Gleichzeitig wird in ihm eine Reihe von rechtlichen, programmatischen und wirtschaftlichen Aspekten angesprochen, die die Eurovision in ihrer Entwicklung entscheidend prägen sollten.

Der Eurovision lag die Idee zugrunde, den europäischen Kontinent mit einem Netz aus technischen Sende- und Empfangsstationen zu überziehen, welches alle europäischen Fernsehanstalten mit Programm versorgen sollte. Jedes Mitglied der Eurovision sollte frei sein, seine besten (nationalen) Produktionen in das Eurovisionsangebot einzuspeisen und gleichzeitig die jeweils für sich selber attraktivsten Beiträge aus dem europäischen Angebot entnehmen zu dürfen. Die Auftaktsendung der ‘Summer Season of European Television Programme Exchanges’ bestand in einem knapp einstündigen Report über das Narzissenfest in Montreux. Den Höhepunkt stellten dann die Übertragungen der Spiele der Fußball Weltmeisterschaft von 1954 in der Schweiz dar. Erstmals konnten die nationalen Teams in ihrem Wettstreit um die Krone des Fußballs nicht nur von einem kleinen Kreis der Zuschauer in den jeweiligen Stadien mit eigenen Augen verfolgt werden, sondern von einer großen Zuschauerschaft in allen Teilnehmerländern der Eurovision. Die Eurovision transportierte die Spiele quer durch Europa und machte die Fußball Weltmeisterschaft zu einem transnationalen europäischen Event.

Schon im Jahr zuvor hatten sich sechs europäische Fernsehanstalten zusammengeschlossen, um im Testbetrieb ein erstes transnationales Netz aus Übertragungsantennen zu errichten, welches dafür sorgen sollte, dass ein und dasselbe Fernsehprogramm gleichzeitig in allen beteiligten Ländern empfangen werden konnte. Die Krönung Queen Elisabeths II. am 2. Juni 1953 hatte sich dabei als erstes transnationales Event des neuen Mediums Fernsehen erwiesen und den Verkauf von Fernsehgeräten und -Lizenzen in ganz Europa enorm angekurbelt.

Die ‚Summer Season of European Television Programme Exchanges’ wurde unter der Ägide der Europäischen Rundfunkunion durchgeführt, innerhalb derer sich die westeuropäischen Rundfunk- und Fernsehanstalten zusammengeschlossen hatten. Allerdings war man innerhalb der Europäischen Rundfunkunion der Zusammenarbeit in Programmfragen gegenüber eher skeptisch eingestellt. Freilich hatte man schon in der Zwischenkriegszeit praktische Erfahrungen mit gemeinsamen Programmübertragungen im Radio – den so genannten Europäischen Konzerten – gesammelt, doch war die Europäische Rundfunkunion in den frühen 1950er Jahren in erster Linie ein Zusammenschluss aus Juristen und Technikern. Eine administrative Einheit für Programmproduktion und -distribution war nicht einmal vorhanden.

Im Gegensatz zur eher negativen Erwartung der Autoren des Spiegelartikel, die zwischen den Zeilen klar erkennen lassen, dass sie eher „ein Programm von … Dürftigkeit“ befürchteten, erwies sich die ‚Summer Season of European Television Programme Exchanges’ als ein Riesenerfolg für die Verantwortlichen der Europäischen Rundfunkunion. Sogar der Verwaltungsrat der Union, der die Skepsis der Spiegelautoren hinsichtlich der Möglichkeiten eines internationalen Austauschs von Fernsehprogrammen geteilt hatte, zeigte sich nun gewillt, die Eurovision zu einer festen Größe im Rahmen der Aktivitäten der Europäischen Rundfunkunion auszubauen. Nichtsdestotrotz betrachtet man die Eurovision vornehmlich als ein pragmatisches Instrument, welches den Mitgliedsorganisationen dabei helfen sollte, ausreichend und kostengünstig Sendungen für das nationale Fernsehprogramm zu erhalten.

Die Europäische Rundfunkunion errichtete die Eurovision mit zwei Intentionen: Sie sollte den Austausch von nationalen Fernsehprogrammen koordinieren sowie Koproduktionen zwischen den Mitgliedern der Europäischen Rundfunkunion initiieren und fördern. Eigene Produktionen gestanden die europäischen Fernsehanstalten der Europäischen Rundfunkunion jedoch nicht zu. Diese sollte auf die Rolle eines technisch-administrativen Assistenten begrenzt bleiben, ohne in Eigenverantwortung ‚Europäisches Programm’ zu produzieren. Letzteres konnte folglich nur die Folge von Koproduktionen zwischen den Rundfunkanstalten Europas sein.

Der Austausch von Fernsehprogrammen über die Eurovision baute von Beginn an auf den Prinzipien der Solidarität und Gleichheit der europäischen Fernsehanstalten auf. Die Fernsehsendungen sollten möglichst kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Größe und finanzielle Ausstattung der europäischen Fernsehanstalten waren insofern entscheidende Faktoren, als finanzstarke Organisationen wie die britische BBC aus Prestigegründen ihre besten Produktionen den europäischen Partnern kostenfrei zur Verfügung stellen sollten. Lediglich die Kosten für die technische Übertragung und eventuelle Rechtezahlungen an Dritte (Künstlerverbände, Sportverbände etc.) mussten getragen werden. Der schwedische Fernsehpionier, Henrik Hahr, vermerkte hierzu, dass die Eurovision auf der „Generosität“ der großen, finanzstarken Rundfunkanstalten in Europa aufbaute.

Im Jahr 1954 konnte freilich niemand die Relevanz und gesellschaftliche Bedeutung abschätzen, welche die Eurovision bis heute für die internationale Fernsehzusammenarbeit entwickeln würde. Noch zwei Jahre später zeigten sich viele Mitgliedsorganisationen der europäischen Rundfunkunion davon überzeugt, dass die Eurovision nur eine vorübergehende administrative Einrichtung sei, bevor die europäischen Fernsehanstalten die Übertragung der Fernsehprogramme in eigener Regie übernehmen würden. Auch die Befürchtung des Spiegels, die Eurovision würde in finanzieller Hinsicht „das deutsche Fernsehen so … belasten“, dass es von „Konserven“ leben müsse, erwiesen sich als gänzlich falsch.

Ausgehend von dem Artikel des Spiegel im unmittelbaren Vorfeld der ‚Summer Season of European Television Programme Exchanges’ sollen in diesem Essay die Visionen und Ziele beleuchtet werden, die mit der Errichtung der Eurovision verbunden waren, um diese dann an der tatsächlichen Entwicklung des Programmaustauschs zwischen den 1950er und den 1970er Jahren zu spiegeln. Schaffte es die Eurovision, wie der Spiegel schreibt, „Europa auf dem Bildschirm Wirklichkeit werden zu lassen“ und die Völker Europas friedlich vor dem Fernsehschirm zu vereinen, um so einen Beitrag zur Herausbildung einer transnationalen europäischen Gemeinschaft zu leisten?

Fragmentierte Rundfunkräume: Die Rahmenbedingungen der internationalen Zusammenarbeit

Entgegen der potentiell völkerverständigenden Wirkung der Eurovision sah die Realität des internationalen europäischen Rundfunks in vielerlei Hinsicht weniger friedlich aus. Im Gegenteil, der Äther präsentierte sich als ein Schlachtfeld um Meinungsführerschaft, Programmprinzipien und Weltanschauungen. Nicht nur zwischen Ost- und Westeuropa sondern auch innerhalb Westeuropas prägten Konflikte das Bild des Rundfunks in Europa.

Den breitesten Graben riss die Propagandaschlacht über den Eisernen Vorhang zwischen den Hörfunkanbietern. Sender wie Radio Free Europe, Radio Liberty, Radio Moskau, BBC World Service, der Deutschlandsender und der Deutschlandfunk lieferten sich hier einen erbitterten Schlagabtausch. Der Konflikt zwischen Ost und West riss auch in institutioneller Hinsicht einen breiten Graben quer durch Europa. So war die im Februar 1950 von 23 (west-) europäischen Rundfunkanstalten gegründete Europäische Rundfunkunion selber das Produkt eines zähen Ringens um die Art und Weise der innereuropäischen Zusammenarbeit, die in einer Spaltung entlang des Eisernen Vorhangs mündete. In Osteuropa regelte die ‘Organisation Internationale de Radiodiffusion’ die grenzübergreifende Zusammenarbeit. An jegliche Form der Zusammenarbeit zwischen beiden Organisationen war in der ersten Hälfte der 1950er Jahre nicht zu denken. Vielmehr lehnten die Staaten des Ostblocks zunächst jegliche Zusammenarbeit mit der Europäischen Rundfunkunion ab und klagten deren Mitglieder wegen antisozialistischer Propaganda an.

Doch auch innerhalb Westeuropas spalteten kleinere Gräben den europäischen Rundfunkraum. An der Spitze stand Radio Luxemburg, das mit seinem werbefinanzierten Populärprogramm, welches extra für ein ausländisches Publikum konzipiert war, den Unmut der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender auf sich zog. Letztlich trennten auch technische Gräben die Staaten Westeuropas, denn die technischen Standards der Fernsehgeräte wichen voneinander ab und erschwerten so den gegenseitigen Empfang. Diese Art Gräben konnte die Europäische Rundfunkunion derweil nach und nach überwinden.

Visionen und Ziele innerhalb der Europäischen Rundfunkunion

Hinter der Idee der Eurovision versteckte sich eine Reihe von Visionen und Zielen, die nicht immer scharf voneinander zu trennen waren. Dass in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Idee der Völkerverständigung in den Hinterköpfen der Funktionäre und Akteure der Europäischen Rundfunkunion eine Rolle spielte, versteht sich dabei von selbst. Noch bevor der Generaldirektor des Schweizer Fernsehens, Marcel Bezençon, die Idee des internationalen Fernsehprogrammaustausch innerhalb der Europäischen Rundfunkunion lancierte, hatte er bereits im Jahr 1947 der UNESCO ein Memorandum zukommen lassen, in dem ebenfalls ein internationaler Austausch von Programmen vorgeschlagen wurde, seinerzeit noch mit Blick auf das Radio. Interessanterweise prägte diesen Vorschlag aber noch eine kulturelle Argumentation und unterstrich nachdrücklich die völkerverbindende Wirkung des kulturellen Austauschs. Bemerkenswerterweise griff der Spiegelartikel diesen Aspekt nicht auf.

Der Fernsehprogrammaustausch wurde innerhalb der Europäischen Rundfunkunion zunächst mit ökonomischen Motiven propagiert: Nicht die ‚Wirklichkeitswerdung Europas’ sondern pragmatische Gründe wurden genannt. Der Austausch von Fernsehprogrammen zwischen den Mitgliedsorganisationen sollte die Kosten des Fernsehprogramms insgesamt reduzieren und den europäischen Fernsehanstalten dabei helfen, attraktive Vollprogramme aufzubauen. Diese wiederum waren notwendige Voraussetzungen, um den Absatz von Fernsehgeräten und –Lizenzen anzukurbeln und damit dem neuen Medium zum Durchbruch zu verhelfen. Schon im Jahr 1949, also bereits vier Jahre bevor das Schweizer Fernsehen überhaupt einen regelmäßigen Fernsehbetrieb startete, setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein regelmäßiger Fernsehbetrieb aufgrund der hohen Eigenproduktionskosten ganz maßgeblich vom (kostengünstigen) Import ausländischen Programms abhängen würde. Die Schweizer Fernsehpioniere antizipierten ein Dilemma: Die kleineren Fernsehanstalten in Europa würden auf absehbare Zukunft kaum die finanziellen Mittel zur Verfügung haben, um ein umfangreiches und attraktives Fernsehprogramm zu senden. Schon im Mai 1950 brachte Bezençon deshalb die Idee eines Fernsehprogrammaustauschs zwischen den Mitgliedern der Europäischen Rundfunkunion ins Gespräch. Er dachte dabei an eine Art Marktplatz für Filme, Programmaufzeichnungen und Livesendungen. Das Fernsehen steckte in den frühen 1950er Jahren noch in seinen technischen Kinderschuhen und so waren Fernsehprogramme zumeist Direktsendungen, die nicht auf Band oder Film aufgezeichnet wurden. Sie konnten folglich nur zwischen europäischen Fernsehanstalten getauscht werden, wenn sie direkt in alle Staaten übertragen wurden.

Allerdings spielten technische Visionen eine entscheidende Rolle. Für die Fernsehtechniker der Europäischen Rundfunkunion stellte die Errichtung eines europaweiten Sende- und Empfangsnetzes für Fernsehprogramme eine technologische Herausforderung dar. Insbesondere die Überbrückung des Ärmelkanals faszinierte die Fernsehtechniker. Sogar der ansonsten skeptische Spiegelartikel hob die Realisierung der technischen Vision positiv hervor und lobte das Netz als ein „Optimum …, das Europas sehr verschiedenartig organisierte Fernsehländer“ aus dem Boden stampfen konnten. In den technikeuphorischen 1950er Jahren wurde der technische Erfolg der Eurovision selbstverständlich nicht hinterfragt. Politische oder kulturelle Visionen äußerte man innerhalb der Europäischen Rundfunkunion derweil nicht. Im Gegenteil, der britische Präsident der Europäischen Rundfunkunion, Sir Ian Jacobs, wurde nicht Müde darin zu betonen, dass die Eurovision eine “solely functionalistic institution“ sein sollte. Unter keinen Umständen wollte er die Eurovision als „a political or propagandistic organization” verstanden wissen.

Freilich blieben in den frühen 1950er Jahren, in denen die europäische Idee weiterhin aktuell war und der Ausbau der europäischen Institutionen trotz des Rückschlags mit der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft weiter vorangetrieben wurde, auch die Stimme der Europaenthusiasten nicht stumm. So schwärmte der deutsche Fernsehpionier, Heinz von Plato, bereits 1954 von der Eurovision als “a television with the lovely task to open the view across borders and to make each country’s audience participate in other countries happenings”. Sogar die notorisch europakritische britische Presse hegte hohe Erwartungen. Als der britische Journalist Peter Black jedoch 1959 im Daily Mail die Äußerung tätigte, “the original and enduring dream of Eurovision was a flexible link between the countries, which would establish and feed the idea in the minds of the European tribes that we are one people” konnte er freilich nicht auf die ursprünglichen Absichten der Offiziellen der Europäischen Rundfunkunion rekurrieren.

Umso überraschender ist es, dass die Europäische Rundfunkunion die Eurovision allmählich als ein Werkzeug für die Schaffung Europas und einer europäischen Identität entdeckte. Im Nachhinein wurden in die Gründung der Eurovision immer öfter völkerverständigende Visionen hineingedeutet. Sogar Marcel Bezençon, der noch 1950 die ökonomischen Vorteile des Fernsehprogrammaustauschs herausgestellt hatte, schwelgte förmlich im kulturellen Sendungsauftrag der Eurovision. So schrieb er in einem Artikel in der EBU Zeitschrift anlässlich des 10 jährigen Jubiläums der Eurovision, dass “Eurovision must not be just a toy, but an instrument as well. An instrument to be used for what purpose? To build Europe, for example!” In ebenso verklärender Weise drückte sich im Jahr 1979 der Initiator des Eurovisions-Nachrichtenaustauschs, Jan Willem Rengeling, aus, der die Errichtung der Eurovision auf den allgemeinen Willen zurückführte, “which existed shortly after the end of the war to arrive at a better and more peaceful forms of society.”

Freilich entsprachen solche Interpretationen kaum den tatsächlichen Intentionen, die ursprünglich innerhalb der Europäischen Rundfunkunion mit der Eurovision verknüpft gewesen waren. Das ‘Fenster zur Welt’ wurde anfangs weniger als Instrument zur Schaffung einer Europäischen Identität als vielmehr zur Schaffung nationaler Identitäten gesehen und so verwundert es kaum, wenn Andreas Fickers im Fernsehen eine ‘konservative Revolution’ vermutet, die den Fokus des Leitmediums weg von der Internationalität des Radios wieder stärker auf nationale Zusammenhänge im Fernsehen verlagerte. Programm ausländischen Ursprungs wurde oftmals nur als Notlösung betrachtet, um dort die Programmschemata zu füllen, wo es die nationalen Ressourcen nicht erlaubten.

Die Entwicklung der Eurovision im Überblick

Schon kurz nach ihrer Errichtung erwies sich die Eurovision als eine feste Größe der nationalen Fernsehprogramme quer durch Europa. Die Mitgliedsorganisationen der Europäischen Rundfunkunion speisten entsprechend ihrer Möglichkeiten und Größe Beiträge in das Netzwerk ein. Nur zwei Jahre nach der ‚Summer Season of European Television Programme Exchanges’ von 1956 wurde in Brüssel eigens ein Koordinationszentrum installiert, um die Eurovisionsübertragungen technisch und administrativ koordinieren zu können. Insbesondere in den Staaten mit den eher finanzschwachen Fernsehanstalten sollte sich – ganz im Sinne der ursprünglichen Intention Bezençons – die Eurovision als Stützpfeiler des Programmangebots erweisen, der maßgeblich dazu beitrug, ein nationales Vollprogramm zu etablieren. In Schweden beispielsweise machten die Eurovisionsübertragungen 12,3 % des gesamten wöchentlichen Programmangebotes aus. Bis Ende der 1970er Jahre pendelte sich dies bei einem Anteil von ca. 10% ein, wobei Spitzenwerte in Jahren mit Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften erzielt wurden. In den größeren Ländern wie etwa Deutschland konnte eine ähnliche Tendenz festgestellt werden, wenngleich hier der Anteil der Eurovision am Gesamtprogramm geringer ausfiel. Insgesamt leistete die Eurovision einen wichtigen Beitrag für den Auf- und Ausbau des Fernsehens in Europa.

Nimmt man die einzelnen Programmsparten in den Blick, dann fällt auf, dass die Eurovision sehr bald von Sport- und Nachrichtenprogrammen dominiert wurde, wie es der Spiegelbericht mit seinen kritischen Äußerungen zum Potential europäischer Programmangebote schon 1954 erahnen ließ. Diese Entwicklung wurde auch durch technische Innovationen bedingt, weil die technische Weiterentwicklung von Filmbändern es zu Beginn der 1960er Jahre finanziell attraktiv gemacht hatte, andere Programme zunehmend auf kommerziellen Märkten zwischen zwei Fernsehstationen zu tauschen oder zu handeln. Bei Filmbändern konnte die produzierende Fernsehanstalt immerhin noch einen Preis erzielen, nachdem die Kosten der Rechte und der Administration enorm gestiegen waren. Sobald Programme außerhalb des Ursprungslandes verwertet werden sollten, waren nämlich die Rechts- und Finanzansprüche von Autoren, Künstlern oder Musikverlagen betroffen. Diese hatten den Eurovisionsaustausch von Beginn an erschwert und schon im Testbetrieb der ‚Summer Season of European Television Programme Exchanges’ dafür gesorgt, dass eine Vielzahl von Programmen wie die im Spiegel erwähnte dänische Produktion aus dem unentgeltlichen Eurovisionsaustausch verschwanden.

Mit Beginn der Fußball Weltmeisterschaften im Jahr 1954 versorgte die Eurovision das Europäische Publikum mit allen größeren Sportveranstaltungen. Der Sport machte durchschnittlich 70 % der gesamten Eurovisionsübertragungen aus. Der Spiegel behielt in dieser Hinsicht also Recht, wenn er die Fußball-WM von 1954 als eine „einzigartige Programm-Attraktion“ bezeichnete, welche die vorherige Schlappe des intereuropäischen Programmaustauschs wieder ausbügeln könne. Im Jahr 1958 kam der Austausch von Nachrichtenprogrammen als spezieller Dienst im Rahmen des Eurovisionsangebotes hinzu. Hierbei wurden Nachrichtenbilder und -filme zentral gesammelt und dann an alle Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion mittels des Eurovisions-Netzes übermittelt. Neben den Kostengründen hatten Nachrichten und Sport den Vorteil, dass bei Ihnen Bild und Ton leicht zu entkoppeln waren. Es wurde – wie es im Fachjargon heißt – Footage getauscht. Ein neuer Ton, beispielsweise ein nationaler Kommentar konnte so recht einfach und kostengünstig auf das Eurovisionsbild aufgespielt werden. Die transnational geschauten Programme ließen sich auf diese Weise recht einfach mit einer nationalen Bedeutung versehen. Jede Mitgliedsorganisation der Europäischen Rundfunkunion versah die Sport- und Nachrichtenbilder einfach mit einem nationalen Kommentar und adaptierte sie so für die nationalen Codes und Symbole. Die Bilder erhielten ein nationales Framing, wurden im nationalen Kontext gesendet und mit einer nationalen Stimme versehen.

Doch nicht nur die Rechte bremsten ein vielfältiges Programmangebot aus. Auch die Frage, was überhaupt ein Fernsehprogramm für europäische Zuschauer ausmachte, stellte die Fernsehmacher in ganz Europa vor große Definitionsprobleme. Dies zeigte sich besonders deutlich bei den in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre gestarteten Bemühungen, die Eurovision als ein Instrument zu nutzen, um Koproduktionen mit einer europäischen Anziehungskraft anzuregen. Da sich auch die Stimmen mehrten, die Eurovision als Katalysator eines europäischen Bewusstseins gezielt einzusetzen, wurden verschiedene Projekte in Angriff genommen. Nichtsdestotrotz, sollte die Europäische Rundfunkunion in der Folgezeit wiederholt daran scheitern, erfolgreiche Koproduktionen oder Gemeinschaftsprogramme zu initiieren. Obgleich eine ganze Palette unterschiedlicher Programme und Formate produziert und gesendet wurden, schaffte es keines von ihnen, das Publikum zufrieden zu stellen. Eine Reihe von Gründen lässt sich hier anführen: Unterschiede in den Punkten Mentalität, Humor, Interesse und Sprache – um nur einige zu nennen – ließen das Publikum quer durch Europa dieses ‘Europäische Programm’ unterschiedlich bewerten. Es gelang der Eurovision nicht, Europa in kultureller Vielfalt vor dem Fernseher zu vereinen. Überdies zeigten sich die Offiziellen der Europäischen Rundfunkunion – allen voran der Vorsitzende des Programmkomitees, Marcel Bezençon – nicht gewillt, sich am Geschmack der Zuschauer zu orientieren. Ihrer Ansicht nach sollte das Programm der Eurovision von hohem kulturellen Wert sein: zumindest in der Form, wie sie es verstanden. Leichte Unterhaltung, die sich schon zu Radiozeiten als Lieblingsprogramm des Zuschauers erwiesen hatte, erfüllte freilich nicht ihre Kriterien des hohen kulturellen Wertes. Eine Reihe von Rückschlägen verschob in den 1960er Jahren allmählich die Prioritäten. Von pan-europäischen Gemeinschaftsproduktionen verlagerte man den Fokus immer stärker auf bilaterale Produktionen. Nur einige wenige Produktionen überlebten, die prominenteste ist sicherlich der Eurovision Song Contest. Ob dieser jedoch eine völkerverbindende Unterhaltungssendung ist oder eher den Charakter eines Wettstreits der Länder Europas aufweist, soll an dieser Stelle offen gelassen werden.

Die Eurovision: Blaupause für Osteuropa

Die Eurovision blieb in ihrem Wirkungskreis nicht auf Westeuropa beschränkt. Inspiriert von ihrer Idee etablierten die osteuropäischen Fernsehanstalten zu Beginn der 1960er Jahre ein vergleichbares Sendernetz, welches den Austausch von Fernsehprogrammen untereinander ermöglichte. Da sich im Sozialismus auch keine Ansprüche von Künstlerverbänden dem Austausch in den Weg stellten, konnte eine wesentlich breitere Palette von Programmsparten ausgetauscht werden. Bemerkenswerterweise wurden Euro- und Intervision bereits 1960 technisch miteinander verbunden, so dass ein Austausch von Fernsehprogrammen über den Eisernen Vorhang bereits in den frühen 1960er Jahren Realität wurde. Der Blick über den Eisernen Vorhang war technisch grundsätzlich möglich geworden. Der Programmfluss sollte sich aber im Folgenden als eine klare Einbahnstraße von West- nach Osteuropa erweisen, auf der in erster Linie Nachrichten- und Sportprogramme ausgetauscht wurden.

Schluss

Historiker haben sich oft darüber beklagt, dass es der Eurovision nicht gelungen sei, Europa auf dem Bildschirm Wirklichkeit werden zu lassen.[2] Eine Europäische Identität oder transnationale Normen und Werte schuf die Eurovision ihrer Meinung nach allenfalls in sehr begrenztem Umfang. Ob die Eurovision einen Baustein für die Herausbildung einer europäischen Öffentlichkeit lieferte, soll an dieser Stelle offen gelassen werden. Jerome Bourdon – einer der intimsten Kenner der Szene – hat jedenfalls den “unhappy engineers of the European soul” der Europäischen Rundfunkunion gar vorgeworfen, sie hätten in dieser Hinsicht komplett versagt, weil sie ihre Bemühungen auf der falschen, deterministischen Annahme aufgebaut hätten, dass das Fernsehen ein Medium mit dem Potential sei, kollektive Identitäten zu gestalten. Auffallend an diesen – und ähnlichen Bewertungen der historischen Forschung – ist jedoch die Fehleinschätzen hinsichtlich der ursprünglichen Intentionen der Eurovision. Die Übertragung von Programmen mit der innewohnenden Kraft die Völker Europa zu befrieden und sie in einer Europäischen Gesellschaft zusammenzuschweißen, war anfangs kaum intendiert. Wirft man den Blick zurück auf den ersten Vorschlag Bezençons, so findet sich dort nicht mehr – aber auch nicht weniger – als die Absicht, Produktionskosten zu senken, um den Mitgliedern der europäischen Rundfunkunion beim Aufbau nationaler Vollprogramme behilflich zu sein. Dies war angestrebt und es ist zumindest in einigen Programmsparten erreicht worden. Ohnehin erschien es – und erscheint es bis heute – kaum möglich, wie ein Fernsehprogramm auszusehen hat, welches ein pan-europäisches Publikum anspricht. Produktionen mit einer gesamteuropäischen Attraktivität konnte die Eurovision jedenfalls kaum innerhalb Europas verbreiten. Bemerkenswerterweise spiegelt sich die Entwicklung der Eurovision schon im Spiegelbericht von 1954 wieder. So legte der Bericht den Finger in die zentralen Wunden, welche die Eurovision letztlich auf einen Lieferanten von Sport- und Nachrichtensendungen beschränken sollten: die rechtliche Probleme des internationalen Austauschs und der fehlende Konsens über gutes Fernsehprogramm zwischen den Fernsehnationen Europas.

Unabhängig davon, wie man die Eurovision bewertet, stellte sie sich allerdings als eines der friedlichsten Aspekte des Rundfunks auf pan-europäischer Ebene heraus. Um die Eurovision zu charakterisieren, lässt sich der Journalist, Charles Sherman, zitieren, der 1974 in einem Artikel in ‘Journalism Quarterly’ über die Eurovision sagte, sie sei “an outstanding example of international pragmatism and cooperation. It illustrates how professional needs and interests can readily unite diverse cultures and personalities in joint action”. Was die Eurovision beim Zuschauer erzeugte, war wohl eher ein Bewusstsein für Europa denn ein europäisches Bewusstsein oder eine europäische Identität.



[1] Essay zur Quelle: Europa-Programm. Vogelzwitschern aus Versailles (Spiegel Artikel, 1954).

[2] Bourdon, Jérôme, Unhappy Engineers of the European Soul. The EBU and the Woes of Pan-European Television, in: The International Communication Gazette (69) 2007, S. 263-280; Degenhardt, Wolfgang; Strautz, Elisabeth, Auf der Suche nach dem europäischen Programm. Die Eurovision 1954 1970, Baden Baden 1999.



Literaturhinweise

  • Bourdon, Jérôme, Unhappy Engineers of the European Soul. The EBU and the Woes of Pan-European Television, in: The International Communication Gazette (69) 2007, S. 263-280.
  • Degenhardt, Wolfgang; Strautz, Elisabeth, Auf der Suche nach dem europäischen Programm. Die Eurovision 1954 - 1970, Baden Baden 1999.
  • Fickers, Andreas, Eventing Europe. Europäische Fernseh- und Mediengeschichte als Zeitgeschichte, in: Archiv für Sozialgeschichte (49) 2009, S. 391-416.
  • Henrich-Franke, Christian, Creating transnationality through an international organization? The European Broadcasting Union’s (EBU) television programme activities, in: Media History, (1) 2010, S.67-81.



Zitationsempfehlung:
Henrich-Franke, Christian: Eurovision: Europäischer Fernsehprogrammaustausch in seinen Anfangsjahren. In: Themenportal Europäische Geschichte (2011),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2011/Article=501.

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