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Daten für das „Europa der Sechs“. Sozialstatistiken in den Europäischen Gemeinschaften der 1950er- und 1960er-Jahre[1]

Von Anne Lammers

Was für die französischen Arbeiterfamilien in der Eisen- und Stahlindustrie der Wein, ist für die Deutschen der Branntwein. Während die Italiener am liebsten Spaghetti essen und der Luxemburger am meisten Fleisch verzehrt, zieht der Saarländer Kartoffeln vor. Und die Niederländer lieben ihre Milch so sehr, dass sie sie am liebsten direkt aus der Flasche trinken, während sich der Belgier mit reichlich Kaffee durch den Tag bringt. So ließe sich zugespitzt eine grafische Darstellung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) von 1956/57 beschreiben, die als Teil einer umfangreichen Statistik über die Lebensbedingungen von Arbeiterfamilien in der Montanindustrie erschien (Quelle 1). Als 1963/64 in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) eine zweite Studie dieser Art durchgeführt wurde, hatten sich der Erhebungsbereich sowie die Parameter zur Bestimmung des Lebensniveaus verändert. Als am ehesten aussagekräftig für unterschiedliche Lebensstandards wurde nun die materielle Ausstattung der Haushalte mit langlebigen Konsumgütern angesehen, wobei zwischen landwirtschaftlichen Haushalten und denen von Lohn- und Gehaltsempfängern unterschieden wurde (Quelle 2). Langlebige Konsumgüter konnten den Umfang und die Zusammensetzung der Ernährung als Indikator für das Lebensniveau zwar nicht ersetzen, galten nun jedoch als unbedingt zu berücksichtigende Faktoren, um zu einem genauen Bild unterschiedlicher Lebensstandards zu gelangen. Demnach besaß knapp die Hälfte der deutschen Lohn- und Gehaltsempfänger einen Fernseher, bei deutschen Landwirten war dieses Unterhaltungsmedium in weniger als einem Fünftel aller Haushalte vorzufinden. In Frankreich leisteten sich nur ein Viertel aller landwirtschaftlichen Haushalte einen Kühlschrank, während immerhin mehr als die Hälfte der Haushalte mit Lohn- und Gehaltsempfängern die Vorzüge eines solchen Gerätes genießen konnten. Und während 20 Prozent der italienischen Lohn- und Gehaltsempfänger über eine Waschmaschine verfügten, besaßen nur magere zwei Prozent der italienischen Landwirte diese Haushaltshilfe. Auch in den Benelux-Ländern Belgien, Luxemburg und den Niederlanden lassen sich Beispiele für die abweichende Ausstattung landwirtschaftlicher und nicht-landwirtschaftlicher Haushalte finden.

Entnommen wurden diese Quellen zwei jeweils mehrere hundert Seiten langen Veröffentlichungen, die mit Wirtschaftsrechnungen der Arbeiterfamilien der EGKS 1956/57[2] bzw. Wirtschaftsrechnungen 1963/64. Ergebnisse für die Gemeinschaft[3] betitelt wurden. Das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaften (SAEG), das bis 1957 noch statistischer Dienst oder statistische Abteilung genannt wurde, führte diese Erhebungen im Auftrag der Hohen Behörde bzw. der Kommission durch. Ziel war es, mittels Haushaltsbefragungen detaillierte Angaben zum Einkommen, den Ausgaben und dem Verbrauch privater Haushalte zu erhalten. Dadurch war es möglich, den Lebensstandard verschiedener Bevölkerungsteile der EGKS/EWG zwischen den sechs Mitgliedsländern[4] vergleichbar darzustellen. Diese Informationen waren essentiell, sollte doch untersucht werden, wie sich die Schaffung eines Gemeinsamen Marktes auf die Lebensbedingungen in der Gemeinschaft auswirkte.[5]

Erhebungen dieser Art – sogenannte Haushalts- oder Wirtschaftsrechnungen, gelegentlich auch Einkommens- und Verbrauchsstatistiken genannt – waren in vielen europäischen Ländern Mitte des 20. Jahrhunderts keine Seltenheit. Mehrere Länder, darunter Frankreich, Deutschland oder die Niederlande, hatten schon knapp hundert Jahre zuvor begonnen, derartige Zahlen zur Erfassung der Lebensbedingungen bestimmter Bevölkerungsteile zusammenzutragen.[6] Internationale Statistikämter, darunter jene des Völkerbundes bzw. der Vereinten Nationen, beschäftigten sich bereits seit der Zwischenkriegszeit mit Haushaltsrechnungen im länderübergreifenden Vergleich. Die spezifischen Rahmenbedingungen, die im supranationalen Umfeld des SAEG herrschten, prägten die Erhebung über Wirtschaftsrechnungen dennoch in einem solchen Maße, dass sie sich deutlich von nationalen oder internationalen Erhebungen abgrenzten.

Studien über Wirtschaftsrechnungen wurden in den darauffolgenden Jahren von der EG/EU nicht noch einmal auf diese Weise erstellt. Im Unterschied zu den hier untersuchten Statistiken handelte es sich bei späteren Erhebungen über Einnahmen, Ausgaben und Verbrauch privater Haushalte im Rahmen der Gemeinschaft um eine Zusammenstellung nationaler Daten. Wurden in den hier analysierten Fällen noch Definitionen, Erhebungsbereich und -art sowie Klassifikationen direkt vom SAEG vorgegeben, um eine möglichst große Vergleichbarkeit zu erreichen, stellte die nächste Veröffentlichung zu Wirtschaftsrechnungen bezogen auf das Jahr 1979 den Versuch dar, die Zahlen aus nationalen Erhebungen in den einzelnen statistischen Ämtern der Mitgliedsländer im Nachhinein dergestalt aufzubereiten, dass sie sich vergleichen ließen. Wie das SAEG selbstkritisch anmerkte, gelang dies jedoch nur bedingt.[7] Als Grund für diese veränderte Vorgehensweise führte das Amt die Erweiterung der Gemeinschaft um die Mitgliedsländer Großbritannien, Dänemark und der Republik Irland an. Stellte es sich schon als extrem kompliziert heraus, sechs Mitgliedsländer in einer einheitlichen Gemeinschaftserhebung zu erfassen, handelte es sich bei neun Ländern scheinbar um ein nicht mehr zu stemmendes Unterfangen. Auch aus diesem Grund handelt es sich bei diesen zwei frühen Studien um einzigartige Quellen, da gemeinschaftspolitische Ansprüche an eine solche Erhebung bereits in der Planungsphase berücksichtigt werden konnten, und die nationalen Daten eben nicht nur im Nachhinein so aufbereitet wurden, dass sie den Belangen der Gemeinschaftspolitik dienen konnten. Bis heute werden keine Gemeinschaftserhebungen mehr zu diesem speziellen Thema durchgeführt, sondern Eurostat veröffentlicht vielmehr harmonisierte Daten der nationalen Erhebungen über Wirtschaftsrechnungen. Anstatt die Einhaltung bestimmter Standards verpflichtend zu machen, werden lediglich Empfehlungen an die Mitgliedsländer ausgesprochen, die zu mehr Vergleichbarkeit führen sollen.[8]

In den sieben Jahren, die zwischen beiden Erhebungen lagen, hatte sich der gemeinschaftspolitische Kontext, in dem die Studien durchgeführt wurden, radikal verändert. Diese Entwicklung trug maßgeblich, aber nicht alleinig, dazu bei, dass sich sowohl der Aufbau der Studien, ihre Zielsetzungen und Präsentationsformen stark voneinander unterschieden. In den 1950er-Jahren, im engeren Rahmen der damaligen EGKS, standen nur die Arbeiter der Montanindustrie – Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie – im Fokus der Statistiker, während in den 1960er-Jahren, mit der 1957 erfolgten Erweiterung der Gemeinschaft auf alle Industriebereiche, den Dienstleistungssektor und die Atomenergie, die Erhebung über Wirtschaftsrechnungen auf 13 Industriebereiche sowie zusätzlich auf Angestellte und Beamte, Landarbeiter und Landwirte ausgedehnt wurde. Das wesentliche Ziel in den 1950er-Jahren war es, mithilfe dieser Erhebung das Lebensniveau einer spezifischen Arbeitergruppe konkret bestimmen zu können. Es handelte sich dabei um eine echte Pionierleistung, denn noch nie zuvor war es gelungen, eine über mehrere Länder hinweg methodisch einheitliche und vergleichbare Studie über Einkommen und Ausgaben bestimmter Bevölkerungsteile zu erstellen. Anfang der 1960er-Jahre konnte das SAEG bereits von den einige Jahre zuvor gemachten Erfahrungen profitieren und erweiterte die Zielsetzung der Studie gemäß zeitgenössischer Ansprüche um die Nutzbarmachung der Daten für Fragen, die sich aus dem erweiterten politischen Spektrum der EWG ergaben. So sollte eine detaillierte Erfragung vom Nahrungsmittelverbrauch privater Haushalte auch der neu geschaffenen Gemeinsamen Agrarpolitik von 1962 (GAP) dabei helfen, aktuelle und zukünftige Absatzmöglichkeiten hinsichtlich landwirtschaftlich erzeugter Produkte abschätzen zu können.

Wirft man einen genaueren Blick auf die beiden hier besprochenen Quellen, so zeigt sich, dass die Aufwendungen der Haushalte für langlebige Konsumgüter in den 1960er-Jahren den Nahrungsmittelverbrauch – konkreter: den Anteil des Einkommens, der für die Deckung existentieller Bedürfnisse genutzt wird – als ein wesentliches Bestimmungsmerkmal für das Lebensniveau eingeholt hatten. Diese Entwicklung lässt sich auf die allgemein gestiegenen Löhne und damit verbundenen größeren finanziellen Spielräume privater Haushalte im Laufe der 1950er- und besonders der 1960er-Jahre zurückführen. Zwar wurden in den 1960er-Jahren der Nahrungsmittelverbrauch und in den 1950er-Jahren Ausgaben für langlebige Konsumgüter erfasst, die Rollen, die sie in der Präsentation der jeweiligen Erhebung einnehmen, hat sich jedoch gewandelt. In der EGKS-Erhebung von 1956/57 überwiegen die Textabschnitte sowie Tabellen und Grafiken, die sich mit Ernährungsfragen oder sonstigen Dingen des sogenannten „starren Bedarfs“ (Nahrungsmittel, Wohnung, Heizung, Kleidung) auseinandersetzen. 1963/64 hingegen wird die Ausstattung der Haushalte mit langlebigen Konsumgütern als „Hauptindikator“ für das Lebensniveau angepriesen und es finden sich in diesen Tabellen erste Ergebnisse zum Lebensniveau, die dem Leser/der Leserin mitgeteilt werden. Diese veränderten Schwerpunktsetzungen in der Statistik spiegeln demnach ein neuartiges Wohlstandsniveau und die reale Veränderung des Konsums europäischer Gesellschaften wider. Davon waren zwar nicht alle Länder und Bevölkerungsteile in gleichem Maße betroffen, gleichwohl handelte es sich um eine in den 1950er-Jahren einsetzende Entwicklung, die die privaten Ausgabenanteile für Nahrungsmittel zugunsten solcher für langlebige Verbrauchsgüter stetig zurückgehen ließ.

Jedoch unterscheiden sich die Quellen nicht nur darin, dass sie andere Konsumgüter zu ihren Hauptthemen machen, sondern auch in ihrer Darstellungsform. Verwendeten die Statistiker des SAEG in den 1950er-Jahren neben textlichen Beiträgen auch „einige fröhliche Schaubilder“[9], beschränkten sie sich in den 1960er-Jahren ganz auf Textbeiträge sowie mehrere Tabellen. Ganz allgemein wirkt letztere Erhebung sehr viel spröder als erstere, macht jedoch auch einen professionelleren Eindruck. Diese nüchterne, unprätentiös wirkende Darstellung der „Fakten“ steht einer teils comicartigen, ja ironisch überzeichneten Präsentation der Ergebnisse gegenüber. In letzterer stehen auf einer Art Schachbrett grafisch gezeichnete Figuren für jedes Land auf Feldern, die mit Zahlen gefüllt sind. Diese Zahlen wiederum sollen zeigen, wie viel (gemessen in Kilogramm oder Liter) eines bestimmten Produktes von den Familien innerhalb eines Jahres verbraucht wurde.

Dabei macht gerade die bildliche Darstellung statistischer Ergebnisse in diesem Zusammenhang deutlich, dass die Wirtschaftsrechnungen eben nicht nur allgemeine Rückschlüsse über das Lebensniveau spezifischer Bevölkerungsgruppen und Länder zulassen, sondern dass sie darüber hinaus einen einzigartigen Einblick in die Lebenswelten bestimmter Bevölkerungsteile bieten. Die Repräsentation einzelner Länder durch Figuren, die durch das Tragen einer „typischen“ Kleidung charakteristisch für ihre jeweilige nationale Bevölkerung sein sollten, vermittelt gar den Eindruck, mithilfe quantifizierbarer Daten den Archetyp einer jeden Nation ausmachen zu können. Die Kombination von wiedererkennbarer Verbildlichung „typischer“ äußerlicher Merkmale einerseits und der Quantifizierung der „charakteristischen“ Gewohnheiten andererseits ist dabei besonders wirkmächtig. Es scheint, als seien nationsspezifische Eigenheiten nun mit statistischen „Fakten“ belegt und unumstößlich bewiesen.

Die Zuweisung scheinbar „charakteristischer“ Ernährungsgewohnheiten wird dabei in erster Linie nach bereits existierenden Vorstellungen über die jeweiligen Länder erfolgt sein. Während zum Beispiel die Figur, die Belgien darstellen soll, im Quadrat für Kaffeeverbrauch platziert wurde und somit impliziert, belgische Familien konsumierten typischerweise am meisten davon, lag der Kaffeeverbrauch von Franzosen tatsächlich noch über dem der Belgier (wenn auch nur ganz leicht: 12, 6 l/p.a. gegenüber 12, 7 l/p.a.). Den Franzosen wurde dagegen der Weinkonsum als „typisches“ Merkmal zugeordnet, während die Italiener sie dabei mengenmäßig noch übertrafen, nämlich mit 339 l/p.a. gegenüber 338 l./p.a. Letztere wurden jedoch den Teigwaren – exemplarisch dargestellt anhand von Spaghetti – zugeordnet. Überhaupt zeigt ein Vergleich aller derartiger schachbrettartig angeordneter Zeichnungen (insgesamt gibt es drei: für Familien des Steinkohlebergbaus, des Eisenerzbergbaus und der Eisen- und Stahlindustrie), dass die Zuordnung der einzelnen Länder zu den für sie „typischen“ Nahrungsmitteln zumindest einmal variiert – nur die Italiener stehen in allen drei Fällen mit einem Teller Spaghetti auf dem gleichen Quadrat. Dies passt zu den immer wieder in Statistiken des SAEG geäußerten Ergebnissen, dass sich Italien eben doch wesentlich von den übrigen Ländern unterscheide.[10] Die Statistiker der Gemeinschaft waren damit sicherlich nicht die ersten, die diesen Befund äußerten, jedoch sorgten gerade diese bildlichen Darstellungen eher noch für eine Zementierung dieser Stereotype, anstatt sich auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren (so lagen Italien und Frankreich in vielen Ernährungsgewohnheiten dicht beieinander – etwa beim bereits erwähnten Weinkonsum –, während Italien, das Saarland, Deutschland und die Niederlande beinahe identische Mengen an Kaffee verbrauchten).

Die Tabelle aus den 1960er-Jahren wirkt dagegen schon fast unaufgeregt und in ihrer Darstellung „neutraler“. Jedoch zeigt hier die Auflistung der Länder hinsichtlich der in ihnen festgestellten Verbreitung langlebiger Gebrauchsgüter eine hierarchische Ordnung, die einem Ranking nach Höhe des Lebensniveaus gleicht. Die dadurch mittransportierte Vorstellung über die Länder der Gemeinschaft unterscheidet sich aber fundamental gegenüber derjenigen aus den 1950er-Jahren. Denn hier ging es nicht mehr so sehr darum zu fragen, wer „typischerweise“ was konsumierte, sondern wer sich welche Dinge leisten konnte. Die Demarkationslinien zwischen den Ländern verlaufen nun nicht mehr anhand der den nationalen Personengruppen scheinbar innewohnenden charakteristischen Eigenschaften (der „typische“ italienische Arbeiter isst „typischerweise“ Spaghetti), sondern anhand ökonomischer Potentiale der Haushalte. Erst dann, so die implizierte Aussage, wenn sich alle Haushalte einen vergleichbaren Luxus leisten können, werde die „Angleichung im Fortschritt“, wie sie oft als ultimatives sozialpolitisches Ziel bei der Schaffung eines Gemeinsamen Marktes postuliert wurde, Realität.[11]

Diesen Fortschritt zu messen bedeutete in den 1960er-Jahren allerdings nicht mehr in erster Linie, die Möglichkeiten der Haushalte, sich mit den wichtigsten Dingen des täglichen Bedarfs wie Nahrungsmitteln oder Kleidung auszustatten, statistisch zu ermitteln. Vielmehr verlagerte sich seit den 1950er-Jahren der von vielen Politikern wie Statistikern gewählte Ansatzpunkt mehr und mehr dahingehend, das Wirtschaftswachstum und die damit verbundenen größeren ökonomischen Spielräume privater Haushalte als Wohlstandsindikator anzusehen. In diesem Zusammenhang gewannen die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) seit den 1950er-Jahren enorm an Bedeutung. Die in ihnen enthaltenen Aggregate etwa über Einkommen, Konsum, Investitionen, Spartätigkeit und Staatsausgaben sollten jedoch nicht nur das Wirtschaftsgeschehen eines Landes sichtbar machen, sondern sie sollten als Planungsinstrument dienen, welches zukünftiges Wirtschaftswachstum garantieren könne.[12] Die Erhebungen über Wirtschaftsrechnungen privater Haushalte wurden in dieser Zeit mehr und mehr darauf abgestellt, den Ansprüchen der VGR zu genügen, denn für letztere lieferten sie wichtige Angaben über den sogenannten letzten Verbrauch, also die marktrelevanten Käufe privater Haushalte. Wirtschaftsrechnungen privater Haushalte verloren damit in ihrer Funktion als sozialstatistisches Instrument nicht völlig an Bedeutung, viele in ihnen enthaltene Definitionen, Erhebungskonzepte oder Nomenklaturen wurden jedoch zunehmend auch makroökonomischen Fragestellungen angepasst. Ziel der Statistik wurde es dadurch, wirtschafts- wie sozialpolitischen Planungsideen ein nützliches Instrumentarium zu sein, an dem sich konkrete politische Entscheidungen andocken ließen. Die Tabelle über die Ausstattung mit langlebigen Verbrauchsgütern aus den 1960er-Jahren verdeutlicht diesen Anspruch: Reduziert auf die „wichtigsten“ Konsumgüter und im zweifachen Vergleich zwischen Ländern einerseits und zwei Haushaltstypen andererseits zeigt sie an, wo noch „Versorgungspotential“ bestand (PKWs und Fernsehgeräte waren noch wenig verbreitet), welche Bevölkerungsteile bisher besonders gut vom Wirtschaftswachstum profitierten (Lohn- und Gehaltsempfänger schnitten im Durchschnitt besser ab als landwirtschaftliche Haushalte) und welche Diskrepanzen zwischen den „reichsten“ und „ärmsten“ Ländern der Gemeinschaft noch bestanden (Italien bildete in vielen Ausstattungspunkten das Schlusslicht, während insbesondere die Niederlande und Luxemburg oft die vorderen Plätze einnahmen).

Dass in zentralen Schaubildern/Tabellen eher die Differenzen als die Gemeinsamkeiten der Mitgliedsländer herausgestellt wurden, war auch eng mit dem eigenen Anspruch der SAEG-Statistiker verbunden, dem Fortkommen der Integrationsbemühungen eben durch das Aufweisen von noch bestehenden Unterschieden zwischen den Ländern zu dienen und dadurch „indirekte Integrationswirkungen“ zu erzielen.[13] Denn, so der damalige Generaldirektor des SAEG Rolf Wagenführ, die vergleichbaren Daten bewirken, dass sich die Mitgliedsländer eher „integrationsgerecht verhalten“. Gerade das Feststellen von bestehenden Missständen, wie dem immer noch sehr niedrigen Lebensniveau in Italien, könne die Verantwortlichen aus der Politik zu Gegenmaßnahmen bewegen, die wiederum zur „vielzitierten ‚Angleichung im Fortschritt‘“ führen würden.[14] Bedeutsam war diese Art der Repräsentation von Heterogenität in der Gemeinschaft dabei vor allem deshalb, weil selbstverständlich die Erstellung sozialstatistischer Expertise nicht in einem Vakuum stattfand, sondern vielseitig aufgegriffen wurde. So wurden Gemeinschaftsstatistiken medial wahrgenommen und fanden dadurch auch über die Grenzen der Gemeinschaft hinaus Verbreitung. Als 1967 sämtliche Ergebnisse der Wirtschaftsrechnungen vorlagen und auf Pressekonferenzen vorgestellt wurden, wurden in Zeitungsartikeln häufig die „typischen“ Lebensgewohnheiten vor allem in Bezug auf Ernährung rezipiert. Einige bereits vorhandene Stereotype seien durch die Statistik bestätigt: Die französische Tageszeitung Le Figaro verkündete, das Bild, das man sich immer von Franzosen mache, sei korrekt, da sie nachweislich tatsächlich am meisten Wein und Brot verzehrten.[15] Die britische Financial Times sah es als erwiesen an, dass Niederländer in der Tat „reinlich, enthaltsam, häuslich“ seien, wie man es von ihnen immer angenommen habe, da sie laut Wirtschaftsrechnungen am häufigsten über Badezimmer in ihren Häusern verfügten, am wenigsten Genussmittel zu sich nahmen und am meisten Geld für Möbel ausgaben.[16] Besonders erwähnenswert fanden viele Artikel schließlich, dass es in Frankreich die meisten Autos gebe, in den Niederlanden die meisten Fernsehgeräte und dass Deutschland sich durch Mittelmäßigkeit auszeichne: Die Bundesrepublik stach weder in Ernährungsfragen noch hinsichtlich des Besitzes langlebiger Konsumgüter durch „Rekordzahlen“ hervor, sondern fand sich fast immer im Mittelfeld wieder. Neben diesen „typischen“, länderspezifischen Charakteristika verwiesen die Daten eben auch auf die noch herrschende Disparität im Lebensstandard zwischen den Ländern, was einige Zeitungsartikel integrationskritisch kommentierten: Aufgrund der großen Unterschiede zwischen ärmsten (Italien) und reichstem Land (Luxemburg) sowie den immer noch bestehenden Disparitäten in den Lebensformen könne auch zehn Jahre nach der Gründung des Gemeinsamen Marktes kaum von großen Schritten auf dem Gebiet der „Angleichung im Fortschritt“ die Rede sein.[17] Lediglich die Financial Times konnte diesem Zustand etwas positives abgewinnen: Aufgrund noch ungenutzter Potentiale hinsichtlich des materiellen Lebensstandards der Mitgliedsländer, der mit dem US-amerikanischer Haushalte noch nicht annähernd mithalten könne[18], riet sie britischen Exporteuren, diese „Marktstudie“ als Ausgangspunkt für eine Expansion auf den gemeinschaftlichen Markt zu nutzen.[19]

Der Vergleich der beiden hier verwendeten Quellen macht deutlich, dass die Wirtschaftsrechnungen im Rahmen der EGKS und der EWG ihrer prinzipiellen Aufgabe als sozialstatistisches Überwachungsinstrument für die Gemeinschaften nachgekommen sind. In beiden Fällen machten sie Angaben über den Stand der Dinge hinsichtlich des Lebensniveaus wichtiger Bevölkerungsteile. Es ist gleichzeitig aber auch gezeigt worden, dass sich die Erhebungen fundamental voneinander unterscheiden, da sich zugrundeliegende Auffassungen hinsichtlich der Erfassung des Lebensniveaus im Laufe der Jahre verändert hatten. Das Ergebnis dieser Entwicklung, die veröffentlichten Statistiken, offenbart einen veränderten Blick auf die Bevölkerung der Gemeinschaften, sowohl seitens der Statistiker als auch der Politiker, in deren Auftrag die Erhebungen durchgeführt wurden. Im Kontext der sich stetig verbessernden wirtschaftlichen Lage seit dem Kriegsende gewannen private Haushalte in ihrer Funktion als marktrelevante, wirtschaftende Einheiten zunehmend an Bedeutung. In der medialen Wahrnehmung hingegen spielten nationale Besonderheiten in den Lebensgewohnheiten, wie sie die Statistik in Form scheinbar objektiver Daten sichtbar machte, eine herausragende Rolle. Besonders im Kontext einer immer engeren Verflechtung der sechs Mitgliedsländer im Rahmen des Gemeinsamen Marktes ließen sich die Zahlen scheinbar gut instrumentalisieren, um die eigene nationale Identität im Vergleich mit bzw. in Abgrenzung zu „den anderen“ herauszustellen. Zeigten die EWG-Statistiken nun aber, dass nach wie vor bedeutende Unterschiede im Lebensstandard zwischen den Mitgliedsländern bestanden, verwies dies auf einen Missstand, der einer politischen Lösung bedurfte. In den Wirtschaftsrechnungen selbst, die von der Financial Times nicht zufällig als „Marktstudie“ bezeichnet wurden, war indessen die grundsätzliche Richtung weiterer gemeinschaftspolitischer Schritte bereits eingeschrieben. Schließlich ermöglichten die Wirtschaftsrechnungen die „Untersuchung über die Nachfrage“ privater Haushalte, das Herausarbeiten von Konjunkturdaten sowie – im Rahmen der VGR – die Erstellung kurzfristiger Marktprognosen.[20] Diese Maßnahmen reihten sich wiederum in Planungen ein, mithilfe wirtschaftlichen Wachstums größeren Wohlstand zu generieren. In den 1960er-Jahren blieben also auch Sozialstatistiken der Gemeinschaft von dieser Dynamik nicht unberührt und spiegeln auf diese Weise eine Entwicklung wider, in der „das Ausgreifen des ‚Ökonomischen‘ in fast alle Politikfelder und gesellschaftliche Bereiche ein Merkmal moderner Industriegesellschaften überhaupt zu sein“ scheint.[21] Die Gemeinsame Agrarpolitik oder die sich seit 1957 allmählich konstituierenden Sozial- und Strukturfonds sind zwei Bereiche gemeinschaftlicher Politik, die letztendlich darauf abzielten, strukturschwachen Regionen bzw. benachteiligten Wirtschaftszweigen den Anschluss an das allgemeine Wirtschaftswachstum und damit an ein höheres Wohlstandsniveau zu ermöglichen. Die Sozialstatistik der Gemeinschaften wurde an diese Bestrebungen angepasst, ihre Grafiken und Tabellen sind Ausdruck sich wandelnder wirtschaftspolitischer Leitideen im Kontext des europäischen Integrationsprozesses.



[1] Essay zur Quelle: Die Erfassung des Lebensniveaus in den Europäischen Gemeinschaften (1956/57 und 1963/64).

[2] Vgl. SAEG, Die Wirtschaftsrechnungen der Arbeiterfamilien der EGKS 1956/57, in: Statistische Informationen, Serie Sozialstatistik (1960), H. 1, S. 111, online verfügbar im EU-Bookshop, URL: <http://bookshop.europa.eu/de/wirstschaftsrechnungen-der-arbeiterfamilien-der-europaeischen-gemeinschaft-fuer-kohle-und-stahl-1956-1957-pbCA6002333/> (26.09.2013).

[3] Vgl. SAEG, Wirtschaftsrechnungen 1963/64. Ergebnisse für die Gemeinschaft, in: Sonderreihe Sozialstatistik (1967), H. 7, S. 41–42, online verfügbar im EU-Bookshop, URL: <http://bookshop.europa.eu/de/wirtschaftsrechnungen-1963-1964-pbCASS63007/> (26.09.2013).

[4] Deutschland, Belgien, Frankreich, Luxemburg, Italien und die Niederlande (das sogenannte Europa der Sechs). Bis Ende der 1950er-Jahre wurde das Saarland noch separat erfasst.

[5] Damit kam die Kommission der EWG einer Verpflichtung nach, die sowohl im EGKS-, als auch im EWG-Vertrag festgehalten wurde, vgl. Artikel 117 des EWG-Vertrages und Artikel 46 des EGKS-Vertrages.

[6] Vgl. für das deutsche Beispiel: Fischer, Hendrik, Konsum im Kaiserreich. Eine statistisch-analytische Untersuchung privater Haushalte im wilhelminischen Deutschland, Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte. Beiheft, Bd. 15, Berlin 2011.

[7] „Es läßt sich nicht leugnen, daß die Unterschiede zwischen den Mitgliedstaaten bei den Beobachtungstechniken zu Ergebnissen führen, die sich nicht unbedingt für Vergleiche eignen, und daß die entsprechenden Auswirkungen nur schwer quantifizierbar sind.“, in: Eurostat, Haushaltsrechnungen. Einige vergleichbare Ergebnisse: BR Deutschland, Frankreich, Italien, Vereinigtes Königreich, Luxemburg 1985, S. 5, online verfügbar im EU-Bookshop, URL: <http://bookshop.europa.eu/de/haushaltsrechnungen-pbCA3883322/> (26.09.2013).

[8] Vgl. Eurostat, Houshold Budget Surveys in the EU. Methodology and Recommendations for Harmonisation 2003, Luxemburg 2003, online verfügbar im EU-Bookshop, URL: <http://bookshop.europa.eu/en/household-budget-surveys-in-the-eu-pbCA9996859/> (26.09.2013).

[9] SAEG, Die Wirtschaftsrechnungen der Arbeiterfamilien der EGKS 1956/57, S. 7.

[10] So wurden vereinzelte Berechnungen ausdrücklich durchgeführt ohne Italien zu berücksichtigen, um das Ergebnis nicht zu verzerren, vgl. EGKS, Die Arbeitereinkommen der Industrien der Gemeinschaft im Realvergleich. Eine statistische Analyse, Luxemburg 1956, S. 129ff., online verfügbar im EU-Bookshop, URL: <http://bookshop.europa.eu/de/die-arbeitereinkommen-der-industrien-der-gemeinschaft-im-realvergleich-pbXK0181002/> (26.09.2013).

[11] Laut EWG-Vertrag solle die Verbesserung der Lebensbedingungen eine „Angleichung“ im „Fortschritt“ bewirken, vgl. Artikel 117 EWGV.

[12] Weshalb sich auch in solchen Länder wie die Bundesrepublik, die dem Planungsoptimismus eher skeptisch gegenüberstanden, die Weiterentwicklung der VGR langsamer vollzog als dort, wo die Planungseuphorie fester Bestandteil nationaler Politik wurde (wie etwa in Frankreich), vgl. Nützenadel, Alexander, Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949–1974, Göttingen 2005, S. 102; zur Geschichte und Entwicklung der VGR vgl. auch Speich, Daniel, The Use of Global Abstractions: National Income Accounting in the Period of Imperial Decline, in: Journal of Global History (2011) H. 6, S. 7–28.

[13] Vgl. Wagenführ, Rolf, Die Statistik in der Integration der Sechs, in: Statistische Hefte 7 (1966), H. 1/2, S. 52.

[14] Ebd., S. 52.

[15] Vgl. Historisches Archiv der Kommission (HAK), BDT 63 1980 Nr. 363, Le Luxembourgeois dandy de la Communauté, in : Le Figaro, 24.11.1967, S. 8.

[16] Vgl. ebd. The French, Dutch – and Others – Run True to Form, in: The Financial Times, 24.11.1967, S. 39.

[17] Vgl. ebd., Le niveau de vie chez le „Six“, in : La Croix, 13.12.1967, S. 5 und ebd. Les différences de niveau et de mode de vie entre les six pays du Marché commun reste très importantes, in : Le Monde, 27.12.1967, S. 3.

[18] Vgl. ebd., Living Standard Gap in EEC Stays Wide, in: International Herald Tribune, 23.11.1967, S. 40.

[19] Vgl. ebd., The Financial Times, 24.11.1967, S. 39.

[20] SAEG, Wirtschaftsrechnungen 1962/63. Deutschland (BR), in: Sonderreihe Sozialstatistik (1967), H. 5, S. 16.

[21] Nützenadel, Stunde der Ökonomen, S. 12.



Literaturhinweise

  • Michelis, Alberto de; Chantraine, Alain, Erinnerungen Eurostats. Fünfzig Jahre im Dienst Europas, Luxemburg 2003, online verfügbar im EU-Bookshop, URL: <http://bookshop.europa.eu/de/erinnerungen-eurostats-pbKS4902183/;> (26.09.2013).
  • Nützenadel, Alexander, Stunde der Ökonomen. Wissenschaft, Politik und Expertenkultur in der Bundesrepublik 1949–1974, Göttingen 2005.
  • Starr, Paul, The Sociology of Official Statistics, in: Alonso, William; ders. (Hgg.) The Politics of Numbers, New York 1987, S. 7–57.
  • Wagenführ, Rolf, Die Statistik in der Integration der Sechs, in: Statistische Hefte 7 (1966), H. 1/2, S. 51–73.
  • Wildt, Michael, Das Ende der Bescheidenheit. Wirtschaftsrechnungen von Arbeitnehmerhaushalten in der Bundesrepublik Deutschland 1950–1963, in: Tenfelde, Klaus (Hg.), Arbeiter im 20. Jahrhundert, Stuttgart 1991, S. 573–610.


Zitationsempfehlung:
Lammers, Anne: Daten für das "Europa der Sechs". Sozialstatistiken für die Europäischen Gemeinschaften der 1950er- und 1960er-Jahre. In: Themenportal Europäische Geschichte (2013),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2013/Article=665.

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