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Hoffnungen im Herbst 1956: Ungarn hat über die sowjetischen Truppen und das eigene Terrorregime gesiegt [1]

Von Hartmut Zwahr

Dem nachstehenden Text vom 30. Oktober 1956 begegne ich gleichsam mit doppeltem Blick, dem eigenen, denn ich bin der Verfasser, sowie dem des Historikers auf vergessene Notizen, die ich im vorigen Jahr wiederfand. Ich kenne die Personen, den Ort, die Verhältnisse, die in sie hineinspielenden sorbischen Umstände [2] , aber aus dem Gedächtnis könnte ich das Geschehen, das diese Quelle festhält, seine Spezifik und die damit verbundenen Reflexionen nicht rekonstruieren. Das Eigene erscheint inzwischen als das fast völlig Fremde. Ich habe Distanz und Tendenz mit den Mitteln der historischen Methode [3] zu überwinden.

Die Hartmut Kaelble gewidmete Festschrift fragt nach Europa, und im Lichte der seit dem 1. Mai 2004 um zehn neue Mitgliedsländer, Estland, Lettland, Litauen, Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei, Ungarn, Slowenien, Malta und Zypern, erweiterten Europäischen Union zeigt sich die Einzigartigkeit des europäischen Experiments. Ich erörtere es im Lichte jenes Geschehens, das im Text vom 30. Oktober 1956 reflektiert wird. Die wesentlichen Errungenschaften der europäischen Einigung sind: Frieden statt Krieg, Demokratie statt Diktatur und Unterdrückung, Wohlstand statt Armut. „Wir haben uns frei vereinigt. Wir handeln im Geist der Kooperation und der Solidarität. Wir arbeiten zusammen für gemeinsame Ziele in Institutionen, die es sonst nirgendwo gibt.“[4] Der Text aus dem Jahr 1956 zeigt einen Aspekt des weiten historischen Kräftefeldes der in der Ära des Kalten Krieges geteilten Welt, verbunden durch das Ereignis der ungarischen Revolution: die Sowjetunion (Moskau) als Besatzungsmacht, Polen (Warschau), Ungarn (Budapest), die DDR (Leipzig, Berlin (Ost), Potsdam), am Rande Rumänien, auf der anderen Seite Berlin (West), die Bundesrepublik Deutschland (Bonn), das neutralisierte Österreich. Die studentische Solidarität mit Ungarn, am Beispiel von Leipzig, steht für den langen Weg nach Westen.[5] Für Polen und Ungarn wurde das Jahr 1956 zu einer tiefen Zäsur.[6] In der DDR führte es zu innenpolitischen Spannungen und Erschütterungen besonders an Universitäten und Hochschulen. Genannt seien der sich am ungarischen Petöfi-Klub orientierende Ostberliner Jakobiner-Klub, Gruppen in Halle, Dresden und Jena, die zur politischen Aktion übergingen.[7] Drei Jahre nach dem 17. Juni 1953[8] war die Furcht vor Bespitzelung („Wir müssen sehr vorsichtig sein.“) und Repression („keiner wagt den Anfang“; die Furcht vor der Straße) allgegenwärtig. Doch wird das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) nicht erwähnt, woraus ich schließe, dass der Begriff Stasi damals noch nicht in die Alltagssprache eingedrungen war.

Der zur europäischen Vereinigung überleitende zentrale Sachverhalt besteht in der breiten grenzüberschreitenden Solidarität mit dem ungarischen Volksaufstand, aber auch in der Hinwendung zu Polen, sei es, dass die Akteure die sowjetische Besatzungsmacht einzuschränken (Polen) oder aufzuheben (Ungarn) suchten. Ungarn gab am 30. Oktober 1956 durch den vom Volk erzwungenen Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen ein Signal, das auch die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands ins Blickfeld rückte, unverhofft zwar, vage, Tage später schon wieder undenkbar, aber in deutlicher Kontinuität zu den politischen Zielen des 17. Juni 1953. Die Berichterstattung über die Ereignisse in Ungarn wieder zeigt den Informationsfluss über das Radio von Deutschland West nach Deutschland Ost und von Österreich in die DDR.

Die historische Quelle steht in einem weiten historischen Spannungsbogen. Er reicht von der beginnenden Entstalinisierung auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 zum „Gulaschkommunismus“ Kádárs, von Giereks moderater Führung zur Streikbewegung der Solidarność (1980), vom Kriegsrecht unter Marschall Jaruzelski in den 1980er Jahren zum parlamentarischen Machtwechsel in Polen. In Ungarn führte die anhaltende Liberalisierung im September 1989 zu der Entscheidung, den DDR-Flüchtlingen die Grenze nach Österreich zu öffnen.[9] Der Fall der Berliner Mauer war damit besiegelt. Er leitete zu einer demokratischen und nationalen Wiedervereinigungsrevolution über.[10] Zu diesem Gesamtgeschehen gehört die bis heute ungetrübte Ungarnfreundschaft der DDR-Deutschen, die viele Gründe hat, beginnend mit dem Fußball der frühen Jahre, den „Ballkünstler“ wie Puskás und Hildegkuti vorführten, im „Spiel des Jahrhunderts“ im Londoner Wembleystadion mit 6:3 gegen England, im Rückspiel am 23. Mai 1954 im Budapester Nepstadion sogar mit 7:1, zuletzt im Endspiel zur Fußballweltmeisterschaft gegen die deutsche Mannschaft, das die Ungarn verloren.[11] In einer Umfrage zur EU-Osterweiterung im Februar 2004 sprachen sich 84 Prozent der Ostdeutschen für die Aufnahme Ungarns aus.[12] Die Abwendung von der sowjetischen Hegemonialmacht verband die europäische reformkommunistische Bewegung in der Sache. Als die Warschauer Paktmächte 1968 in die Tschechoslowakei einmarschierten, [13] scheiterte sie endgültig. Mehr als zwei Jahrzehnte danach ging die Sowjetunion in einem Reformprozess unter, den Gorbatschows Glasnost und Perestroika eingeleitet hatten. Inzwischen veränderte sich das Trennende, aber es ist geblieben und dauert im Verhältnis zu Russland über den Tag der EU-Erweiterung hinaus an.


[1] Essay zur Quelle Nr. 5.6, Niederschrift des Leipziger Studenten Hartmut Zwahr vom 30. Oktober 1956.

[2] Die sorbischen Studierenden waren im Hochschulverband der Domowina zusammengefasst. Eine biographische Arbeit über Paul Nedo, den Volkskundler und Sorabisten am Sorbischen Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig, gibt Einblick in sorbische Zusammenhänge. Vgl. Bresan, Annett, Pawoł Nedo 1908-1984. Ein biographischer Beitrag zur sorbischen Geschichte, Bautzen 2002.

[3] Vgl. Hüttenberger, Peter, Überlegungen zur Theorie der Quelle, in: Rusinek, Bernd A.; Ackermann, Volker; Engelbrecht, Jörg (Hg.): Einführung in die Interpretation historischer Quellen. Schwerpunkt: Neuzeit, Paderborn 1992, S. 253-265.

[4] Der irische Ministerpräsident und amtierende Ratsvorsitzende der EU, Bertie Ahern, zit. nach: Von Portugal bis Estland: Die EU feiert, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3. Mai 2004.

[5] Vgl. für das Jahr 1956 Winkler, Heinrich August, Der lange Weg nach Westen. Bd. 2: Deutsche Geschichte vom „Dritten Reich“ bis zur Wiedervereinigung, München 2000, S. 187f.

[6] Siehe auch Klimó, Árpád von, Zeitgeschichte als moderne Revolutionsgeschichte. Von der Geschichte der eigenen Zeit zur Zeitgeschichte in der ungarischen Historiographie des 20. Jahrhunderts, in: Nützenadel, Alexander; Schieder, Wolfgang (Hg.), Zeitgeschichte als Problem, Göttingen 2004, S. 283-306, bes. 303-306.

[7] Dazu Neubert, Ehrhart, Geschichte der Opposition in der DDR 1949-1989, 2. Aufl. Bonn 2000, S.129f. Die historische Forschung hat diesen Zeitabschnitt vernachlässigt; vgl. Heydemann, Günther, Die Innenpolitik der DDR, München 2003, S. 19f., S. 74f.

[8] Vgl. Roth, Heidi, Der 17. Juni 1953 in Sachsen, Köln 1999; Zwahr, Hartmut, Drei Geschichten in einer, in: 17. Juni 1953. Ein Lesebuch, hg. von der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Dresden 2003, S. 77-82.

[9] Dazu Hertle, Hans-Hermann, Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates, Opladen 1996, S. 91-109; Hefty, Georg Paul, Dann gingen sie durch. DDR-Flüchtlinge und die Malteser, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. August 2004.

[10] Dazu Zwahr, Hartmut, Ende einer Selbstzerstörung. Leipzig und die Revolution in der DDR, Göttingen 1993, S. 136-164; Ders., Die 89er Revolution in der DDR, in: Wende, Peter (Hg.), Große Revolutionen der Geschichte. Von der Frühzeit bis zur Gegenwart, München 2000, S. 366-373.

[11] Zum so genannten „Wunder von Bern“ vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. April 2004.

[12] Vier Jahre zuvor 74 Prozent. Umfrage des Leipziger Instituts für Marktforschung, in: Leipziger Volkszeitung, 9. März 2004 (Die meisten Deutschen in Ost und West begrüßen größere EU).

[13] Vgl. Zwahr, Hartmut, Rok šedesatý osmý. Das Jahr 1968. Zeitgenössische Texte und Kommentare, in: François, Etienne u.a. (Hg.), 1968 – ein europäisches Jahr?, Leipzig 1997, S. 111-123.

 


Literaturhinweise:
  • Borhi, László, Hungary in the Cold War: 1945-1956. Between the United States and the Soviet Union, Budapest 2004
  • Foitzik, Jan (Hg.), Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953-1956. Vom 17. Juni bis zum ungarischen Volksaufstand; politische, militärische, soziale und nationale Dimensionen, Paderborn 2001
  • Heydemann, Günther; Roth, Heide, Systembedingte Konfliktpotentiale in der DDR der fünfziger Jahre. Die Leipziger Universität in den Jahren 1953, 1956 und 1961, in: Hoffmann, Dierk; Schwartz, Michael; Wentker, Hermann (Hg.), Vor dem Mauerbau. Politik und Gesellschaft in der DDR der fünfziger Jahre, München 2003, S. 205-234
  • Klimó, Árpád von, Zeitgeschichte als moderne Revolutionsgeschichte. Von der Geschichte der eigenen Zeit zur Zeitgeschichte in der ungarischen Historiographie des 20. Jahrhunderts, in: Nützenadel, Alexander; Schieder, Wolfgang (Hg.), Zeitgeschichte als Problem, Göttingen 2004, S. 283-306
  • Zwahr, Hartmut, Ende einer Selbstzerstörung. Leipzig und die Revolution in der DDR, Göttingen 1993

Zitationsempfehlung:
Zwahr, Hartmut: Hoffnungen im Herbst 1956: Ungarn hat über die sowjetischen Truppen und das eigene Terrorregime gesiegt. In: Themenportal Europäische Geschichte (2007),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2007/Article=159.

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