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Jan Józef Lipskis europäischer Traum. Zur Geschichtskultur in Polen, Russland und Deutschland nach 1989[1]

Von Jan C. Behrends

„Ich fürchte die Deutschen und die Russen, ich verachte die einen wie die anderen, ich bewundere beide. Vielleicht ist es das polnische Schicksal, unentwegt über den eigenen Ort in Europa und der Welt zu meditieren. Pole sein, heißt in völliger Vereinsamung leben. Pole sein, heißt, der letzte Mensch östlich des Rheins zu sein. Denn für einen Polen sind die Deutschen so etwas wie gut konstruierte Maschinen, Roboter; die Russen dagegen sind schon ein wenig wie Tiere. Die Nachbarschaft zur Slowakei im Süden spendet da wenig Trost.“[2]

Das Beziehungsdreieck Russland, Polen und Deutschland gehört zu den zentralen Konfliktkonstellationen des modernen Europa. Die europäische Katastrophe im Zeitalter der Extreme hatte ihr geographisches Zentrum in Polen, das 1939 Opfer deutscher und sowjetischer Aggression wurde und auf dessen Territorium das Deutsche Reich den Völkermord an den europäischen Juden verübte. Nach 1945 verschwand Polen dann als unfreiwilliger Vasall hinter dem Eisernen Vorhang. Bis 1956 litt das Land – wie seine Nachbarn – unter der stalinistischen Gewaltherrschaft. Die totalitäre Herrschaft erzwang eine gesellschaftliche Transformation, die neben der politisch-wirtschaftlichen Umgestaltung auch eine nationalkommunistische Umgestaltung des Geschichtsbildes beinhaltete. Doch der totalitäre Anspruch schlug sich nicht in einer stringenten Meistererzählung wieder. Vielmehr verfolgte das kommunistische Polen seit 1945 eine widersprüchliche Geschichtspolitik. In der parteistaatlichen Propaganda stand ein völkischer Nationalismus in unaufgelöstem Widerspruch mit der erfundenen Freundschaft zur Sowjetunion. Das offizielle Verhältnis zu Deutschland war ebenfalls ambivalent: Die polnischen Kommunisten legitimierten ihre Macht mit der Angst vor deutscher Revanche. Die Sowjetunion, so ihr Credo, sei die einzige Garantiemacht der Grenzen an Oder und Neiße. Doch bereits 1950 mussten sie auf das offizielle Deutschlandbild des sowjetischen Imperiums einschwenken. So stand neben dem Feindbild Westdeutschland, das eng an die Topoi des Antifaschismus und Antiamerikanismus gekoppelt war, die verordnete Freundschaft zur DDR.

Trotz der Zwangslage zwischen der sowjetischen Hegemonialmacht und dem geteilten Deutschland gingen schon in den sechziger Jahren aus der polnischen Gesellschaft Initiativen hervor, die Verheerungen des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten. So adressierten die katholischen Bischöfe Polens im November 1965 einen Brief an ihre deutschen Amtsbrüder, der den Satz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ enthielt. In dieser Tradition historischer Aufklärung und Aufarbeitung auf christlicher Grundlage steht auch der hier gekürzt vorgestellte Aufsatz von Jan Józef Lipski zum Thema „Zwei Vaterländer, zwei Patriotismen“ von 1981. Der Literaturwissenschaftler und Dissident Lipski ging freilich noch weiter als die Bischöfe; er forderte die polnische Gesellschaft auf, ihre Beziehungen zu Deutschen, Russen und zu ihren jüdischen Mitbürgern zu überdenken. Er wollte die Geschichtspolitik des kommunistischen Regimes, deren Grundpfeiler das Ressentiment gegenüber den deutschen „Revanchisten“, die verordnete Freundschaft mit der UdSSR und antisemitische Kampagnen waren, durch einen zivilen Diskurs zwischen freien Gesellschaften ablösen, um einen aufgeklärten Patriotismus zu etablieren. Lipski ermahnte seine Landsleute 1981, ihre Feindbilder zu überwinden und so den Weg für eine Rückkehr Polens in ein vereintes Europa zu ebnen. Nach seiner Auffassung konnte nur diejenige Gesellschaft frei sein, der die Fragwürdigkeit ihrer nationalen Mythen bewusst ist und die darum ringt, Ressentiments zu überwinden. Lipski forderte, die Polen sollten sich für Europa entscheiden und denjenigen eine klare Absage erteilen, die den „Ulanentschako“ der Kommunisten und Nationalisten aufbehalten wollten. Er wandte sich mit seinem Text nicht an die Historiker: Nein, Lipski wollte die Geschichtskultur seiner Gesellschaft verändern. Die traurige Aktualität seines Aufsatzes im kritischen Durchgang der polnischen, deutschen und russischen Geschichtskultur ist mein Thema.

Was Jan Józef Lipski über das polnische Geschichtsbild schrieb, das galt in den achtziger Jahren auch für die anderen Schenkel des hier beschriebenen Länderdreiecks. Insbesondere die DDR und die Sowjetunion, aber auch die selbstbezogene und vornehmlich nach Westen orientierte Bundesrepublik, verfügten im Jahr 1981 über keine europäische Geschichtskultur. Auf unterschiedliche Weise dominierten nationale Mythen, die häufig aus dem 19. Jahrhundert stammten, und die Obsessionen des Kalten Krieges die kollektiven Vorstellungswelten. Frische Impulse aus der Szene ostmitteleuropäischer Dissidenten vermochten jedoch vermeintliche Gewissheiten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zu erschüttern – neben Lipski engagierten sich beispielsweise Václav Havel oder György Konrád für einen europäischen Dialog. So fungierte die Dissidentenszene vor 1989 als Ideenlaboratorium für ein Europa, das die Ordnung von Jalta überwindet. Und nach dem Ende des Kommunismus bestand die Chance, dass europäisch gesinnte Eliten in Mitteleuropa tonangebend würden. Schließlich kamen seit Mitte der achtziger Jahre selbst aus dem Zentrum des sowjetischen Imperiums europäische Signale: In Russland, wo gesellschaftliche Veränderungen in der Regel von den Mächtigen angestoßen werden, sprach Michail Gorbatschow vom „gemeinsamen europäischen Haus“, das es zu bauen gelte. Ein solches Haus erforderte auch eine gemeinsame Geschichtskultur.

Nach der Auflösung des sowjetischen Imperiums bestand zum ersten Mal seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts die Chance, die deutsch-russisch-polnische Dreiecksgeschichte zu analysieren und die Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte jenseits nationaler Perspektiven voranzutreiben. Und tatsächlich trat der Nationalismus in den neunziger Jahren zunächst in den Hintergrund. Auf verschiedenen politischen, wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Ebenen wurden Kontakte geknüpft und gemeinsame Projekte angestoßen. Dies galt auch für die Erforschung kommunistischer Herrschaft: So entstanden grenzübergreifende Forschungen zu Themen wie Krieg und Besatzung, zum sowjetischen Massaker von Katyń oder den Vertreibungen nach 1945. Jenseits des schon zeitgenössisch belächelten Versöhnungskitsches der neunziger Jahre arbeiteten junge Historiker und etablierte Wissenschaftler eng zusammen. Doch die Geschichtswissenschaft stieß auch an Grenzen der Kooperation. Die Zusammenarbeit konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeitgeschichtsschreibung in Polen, Russland und Deutschland ein überwiegend nationales Metier blieb. Eine vertiefte Kooperation wie sie etwa die Forschung zur Frühen Neuzeit kennzeichnet, wurde in der Zeitgeschichte nicht erreicht. Weitaus dramatischer als die Defizite in der Wissenschaft war jedoch die Entwicklung der nationalen Geschichtskulturen: In keinem der hier besprochenen Länder gelang es, hier die nationale Perspektiven zu überwinden.

Wie steht es heute um Jan Józef Lipskis europäischen Traum von der überwundenen Antipathie zwischen Polen, Deutschland und Russland? Insbesondere die Entwicklung der nationalen Geschichtskulturen bietet, so meine ich, Anlass zur Sorge. Beginnen wir mit Lipskis polnischer Heimat und werfen wir dann unseren Blick auf Russland und Deutschland.

Als Lipski seinen „zwei Vaterländer“-Aufsatz zu Zeiten der Solidarność schrieb war die Aussicht auf eine Rückkehr Polens nach Europa mehr leichtsinnige Zuversicht als realistische Erwartung. Heute ist sie Wirklichkeit: Polen ist sowohl Mitglied der atlantischen Verteidigungsgemeinschaft als auch der Europäischen Union. Selbstgespräche der Polen über ihre Geschichte finden nur noch selten statt; zu vielen Themen polnischer und europäischer Geschichte existiert ein lebhafter Dialog. Wissenschaftliche Kooperation und kollegialer Streit sind – selbst bei heiklen Themen – unter Historikern eine Selbstverständlichkeit geworden. In den Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Historikern – insbesondere in der jüngeren Generation – hat sich eine Atmosphäre entwickelt, die Lipskis europäischem Traum durchaus nahe kommt. Die Debatte um den Judenmord in Jedwabne bildete den Höhepunkt dieser Entwicklung. Doch trotz der institutionellen und professionellen Integration Polens deutet einiges darauf hin, dass der Austausch wieder ins Stocken geraten ist.

Anlass zur Sorge gibt die Ebene der politischen und publizistischen Öffentlichkeit. Wo in den neunziger Jahren im Verhältnis Polens zu seinen Nachbarn Verständnis gezeigt und gelegentlich auch zelebriert wurde, lassen sich nun wieder Empfindlichkeit und gezielte Gehässigkeit beobachten. Mit dem politischen Sieg der Nationalkonservativen kam es in Teilen der polnischen Öffentlichkeit zu einer Rückkehr des Ressentiments als Mittel der Politik. Verständliche Irritationen Polens über die Russophilie der rot-grünen Bundesregierung und die Spaltung Europas im Konflikt um den Irakkrieg gingen dieser Entwicklung voraus. Doch darüber hinaus versucht die Warschauer Führung, sich durch gezielt geschürte Konflikte mit Berlin nationale Legitimation zu verschaffen. Dadurch hat sich in den bilateralen Beziehungen eine negative Dynamik entfaltet. Die Renationalisierung der Geschichtsbilder geht dabei mit einer gezielten Wiederaufwertung derjenigen Mythen einher, die Jan Józef Lipski 1981 ins Visier nahm. Dabei sticht ein Paradox ins Auge: Eine Regierung, die behauptet, radikal mit der kommunistischen Vergangenheit zu brechen, bedient sich aus dem Repertoire der Feindbilder, die in der „Volksrepublik“ autoritäre Herrschaft legitimierten. Diejenigen, die eine „vierte Republik“ ausriefen, stehen tatsächlich in der autoritären Tradition des nationalen Kommunismus. Es ist zu befürchten, dass aufgrund des Staatsverständnisses der Nationalkonservativen mittelfristig auch die polnische Geschichtswissenschaft an Pluralität einbüßen wird. Der politische Druck aus Warschau legt dies nahe. Anstatt das europäische Erbe der Dissidenten zu pflegen, spielen Regierung und ein Teil der Medien mit dem Feuer geschürter Vorurteile, die sich häufig auf historische Analogien berufen.

Doch die Rückkehr zu nationalen Mythen ist beileibe kein polnischer Sonderweg. Im vereinten Deutschland lässt sich eine zunehmende Distanz zwischen der Arbeit professioneller Historiker und den populären Erzählungen der von Phillip Ther „Memorians“ getauften Dramaturgen des Histotainments beobachten. Letztere dominieren die Darstellung der deutschen Geschichte in den Massenmedien. Diesen Laienpriester, stets emotionaler Aufwallung verpflichtetet, ist es gelungen, selbst in öffentlich-rechtlichen Medien historische Aufklärung durch Kitsch und NS-Trivia zu ersetzen. So prägen Bilder der Deutschen als Opfer von Krieg und Gewalt wieder zunehmend die öffentliche Wahrnehmung. Neben der „Wiederentdeckung“ des angeblich tabuisierten Bombenkrieges gegen die deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg sei hier auf die häufig entkontextualisierten Darstellungen der Vertreibung aus Ostmitteleuropa verwiesen. Der anhaltende Streit über ein staatliches Zentrum gegen Vertreibungen dokumentiert, dass auch hierzulande Teile der Politik primär nationale Interessen verfolgen. Auch wenn auf wissenschaftlicher Ebene die Europäisierung der Geschichtswissenschaft vorankommt, durchziehen die Massenmedien Erzählungen von verlorener Größe, eigenem Leid und deutschen Opfern. Diese Fixierung auf das eigene Schicksal versperrt den Weg zum einem europäischen Verständnis deutscher Zeitgeschichte. Sie wirkt zudem wie die Ruhe vor dem Sturm eines allgemein anerkannten Geschichtsrevisionismus. Deutschland ist keineswegs das Musterland einer europäischen Geschichtskultur; das deutsche Publikum liebt vielmehr die Nabelschau und die deutsche Politik zelebrierte unlängst – zum Entsetzen der Polen – die Freundschaft mit einem Russland, dass sich wieder imperialer Rhetorik bedient.

Trotz der problematischen Tendenzen in Polen und Deutschland muss Russland als der eigentliche geschichtspolitische Problemfall hervorgehoben werden. Als die UdSSR 1991 zusammenbrach, bot sich hier die Chance, sich der Katastrophengeschichte des sowjetischen Weges in die Moderne zu stellen. Dies ist jedoch nur in Ansätzen geschehen. Während die russische Geschichtswissenschaft einen Prozess der partiellen Professionalisierung durchlief, fand die während der Perestroika begonnene Debatte über die sowjetische Geschichte ein schnelles Ende. Gegenüber historischer Aufarbeitung gewann Großmachnostalgie schnell die Oberhand. Und seit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges werden in Russland die Voraussetzungen für ein vernünftiges Gespräch über die eigene Geschichte gezielt demontiert. Wenn es in Polen und Deutschland irritierende Tendenzen im öffentlichen Diskurs sind, die uns verstören sollten, so ist in Russland das Ende pluraler Öffentlichkeit eine alarmierende Entwicklung. Spätestens mit dem Mord an Anna Politkovskaja, jener wachsamen Chronistin russischer Zustände, wurde offensichtlich, dass kritische Meinungsäußerung in Russland lebensgefährlich ist. Der russische Staat, so könnte man in freier Anlehnung an Jan Józef Lipski formulieren, hat seine Gesellschaft darauf verpflichtet, die Budjonnymütze wieder aufzusetzen. Dies zeigt sich in der neosowjetischen Geschichtskultur mit ihren martialischen Feiern nationaler Gedenktage, deren Massenaufmärsche die stalinistischen Schauspiele der Stärke und Einheit imitieren. Die xenophoben Mythen der sowjetischen Zeit werden erneut gepflegt, das antiwestliche – insbesondere auch das antipolnische – Ressentiment genährt und sogar als Feiertag inthronisiert. Als neuen „Tag der nationalen Einheit“ etablierte der Kreml im Jahr 2005 den 4. November, der den alten Jahrestag der Oktoberrevolution ersetzt: An diesem Tag begeht das offizielle Russland nun die Vertreibung eines polnischen Besatzungsheeres aus Moskau am 4. November 1612.

Auch in Russland reichen die problematischen Entwicklungen weiter zurück. Vom „gemeinsamen europäischen Haus“, in das Michail Gorbatschow einziehen wollte, war schon unter seinem Nachfolger kaum noch die Rede. Doch seit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges ist es die Rückkehr des Imperialen, die sich zunächst diskursiv Bahn brach und mittlerweile nicht nur die Vergangenheitspolitik, sondern auch die russische Außenpolitik bestimmt. Der Streit um das sowjetische Kriegerdenkmal in Estland vor wenigen Monaten verdeutlichte, dass die russische Regierung ihr neosowjetisches Geschichtsbild auch jenseits der eigenen Grenzen konservieren möchte. Wo das nicht geschieht, da ist sie gewillt, zu sowjetischen Methoden der Mobilisierung zu greifen, um ihre Gegner einzuschüchtern. In Russland ist staatlich sanktionierte Xenophobie – vor den Esten bekamen dies die Georgier zu spüren – wieder zu einem Mittel der Abschottung gegen die als bedrohlich wahrgenommene Pluralität des Westens geworden. Die restaurative Entwicklung des Landes besteht nicht nur in den Repressionen, denen sich die russische Zivilgesellschaft ausgesetzt sieht. Noch fundamentaler ist, dass Zivilisierungsprozesse, denen sich jede posttotalitäre Gesellschaft aussetzen muss, zunehmend abgebrochen wurden. Die Rückkehr der Gewalt wird dabei von der Renaissance einer Figur begleitet, die in Europa ausgestorben war: des Dissidenten. Bereits Jan Józef Lipski wies auf das andere Russland hin, jenes Land, in dem samizdat entstand und dessen intelligencija sich der totalitären Macht verweigerte. Mit ihrer mutigen Ablehnung der postsowjetischen Ordnung stand Anna Politkovskaja in dieser Tradition.

Die hier skizzierten Entwicklungen verdeutlichen, wie aktuell Jan Józef Lipskis Appell an die polnische Nation, ihr Geschichtsbewusstsein zu hinterfragen und sich den Nachbarn zu öffnen, auch heute noch ist. Es ist ein Aufruf, der sich nicht nur an die polnische Gesellschaft richtete und richtet, sondern ebenso ihre Nachbarn betrifft. Der Versuch, eine europäische Geschichtskultur zu etablieren, setzt die Kenntnis der Geschichte der Anderen voraus. Neben den Respekt vor der anderen Perspektive tritt jedoch auch das Recht, die Geschichtskultur der Nachbarn zu kritisieren. Dabei gilt es zu betonen, dass nur freiheitlich strukturierte Gesellschaften dazu in der Lage sind, ein pluralistisches Verständnis der eigenen Vergangenheit zu entwickeln. Wo staatliche Zensur und autoritäre Herrschaft den öffentlichen Diskurs einschränken, werden es Nationalismus und Xenophobie stets leichter haben. Sie waren in der Moderne stets die Legitimationshilfen der Despoten.

Der Blick auf Polen, Deutschland und Russland zeigt, wie prekär Prozesse der Europäisierung von Geschichtskultur immer noch sind. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bleibt die Wirkungsmächtigkeit nationaler Mythen des 19. und des 20. Jahrhunderts ungebrochen. Sie wird noch verstärkt, wenn die politische Elite oder die Massenmedien sich ihrer bedienen. Insbesondere die elektronischen Medien mit ihrer nationalen Ausrichtung konterkarieren dabei Prozesse der Europäisierung, die durch Kontakte auf der Ebene der Zivilgesellschaft, der Kirchen oder der Wissenschaft erreicht wurden. Diese Problematik sollte jedoch uns nicht entmutigen – Lipski formulierte seine Kritik, seine europäische Utopie unter schwierigeren Verhältnissen. Die polnische, deutsche und russische Gesellschaft sollten das Gespräch weiter suchen. Es steht jedoch zu befürchten, dass der russischen Gesellschaft die Voraussetzungen genommen werden, im Trialog über das 20. Jahrhundert eine eigenständige Rolle zu spielen. Doch trotz staatlicher Repression gibt es auch vage Hoffnung: Vielleicht ist es ja wieder ein Dissident, der die Russen, Polen und Deutschen zum Austausch über ihre gemeinsame Geschichte ermahnt. Jan Józef Lipski ging 1981 mit großem Beispiel voran.


[1] Essay zur Quelle: Lipski, Jan Józef: Zwei Vaterländer – Zwei Patriotismen. Bemerkungen zum nationalen Größenwahn und zur Xenophobie der Polen (1981).

[2] Andrzej Stasiuk im Interview in Die Welt, 14.3.2007.

Literaturhinweise:
  • Behrends, Jan C., Kind; Friederike, Vom Untergrund in den Mainstream: Samizdat, tamizdat und die Neuerfindung „Mitteleuropas“ in den achtziger Jahren, in: Archiv für Sozialgeschichte 45 (2005), S. 427-448.
  • Behrends, Jan C., Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR, Köln 2006.
  • Behrends, Jan C., Entfernte Verwandte. Stalinismusforschung und DDR-Geschichte, in: Gieseke, Jens (Hg.), Staatssicherheit und Gesellschaft. Studien zum Herrschaftsalltag in der DDR, Göttingen 2007, S. 48-75.
  • Schulze Wessel, Martin, Russlands Blick auf Preußen. Die polnische Frage in der Diplomatie und der politischen Öffentlichkeit des Zarenreiches und des Sowjetstaates 1697–1947, Stuttgart 1995.
  • Zernack, Klaus: Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte. Berlin 1994 (poln. Ausgabe: Warschau 2000).
  • Zernack, Klaus, Negative Polenpolitik als Grundlage deutsch-russischer Diplomatie in der Mächtepolitik des 18. Jahrhunderts, in: Liszkowski, Uwe (Hg.), Rußland und Deutschland. Georg von Rauch zum 70. Geburtstag, Stuttgart 1974, S.144-159.


Zitationsempfehlung:
Behrends, Jan C.: Jan Józef Lipskis Europäischer Traum. Zur Geschichtskultur in Polen, Russland und Deutschland nach 1989. In: Themenportal Europäische Geschichte (2007),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2007/Article=246.

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