Religion, Rasse und Wissenschaft. Ernest Renan im Disput mit Jamal al-Din al-Afghani

Ernest Renan ist Historikern und Historikerinnen heute vor allem durch sein Essay „Qu’est-ce que une nation?“ (Was ist eine Nation?) ein Begriff, der als klassischer Text in wichtigen Lehrbüchern zum Nationalismus auftaucht. Dass der französische Semitist und Bibelforscher mit seinem „Leben Jesu“ (1863) das berühmteste Buch im Frankreich des 19. Jahrhunderts verfasst hat, das deshalb auch von Volker Reinhardt in seine Hauptwerke der Geschichtsschreibung aufgenommen wurde, ist außerhalb theologischer und religionswissenschaftlicher Kreise heute eher wenig bekannt. Gänzlich unbekannt in der europäischen Geschichte (in der Geschichte Westasiens dafür umso bekannter) ist jedoch Renans Kontroverse mit einem muslimischen Intellektuellen, nämlich Jamal a-Din al-Afghani im renommierten Journal des Débats. [...]

Religion, Rasse und Wissenschaft: Ernest Renan im Disput mit Jamal al-Din al-Afghani[1]

Von Birgit Schäbler

Ernest Renan ist Historikern und Historikerinnen heute vor allem durch sein Essay „Qu’est-ce que une nation?“ (Was ist eine Nation?) ein Begriff, der als klassischer Text in wichtigen Lehrbüchern zum Nationalismus auftaucht. Dass der französische Semitist und Bibelforscher mit seinem „Leben Jesu“ (1863) das berühmteste Buch im Frankreich des 19. Jahrhunderts verfasst hat, das deshalb auch von Volker Reinhardt in seine Hauptwerke der Geschichtsschreibung aufgenommen wurde, ist außerhalb theologischer und religionswissenschaftlicher Kreise heute eher wenig bekannt.[2] Gänzlich unbekannt in der europäischen Geschichte (in der Geschichte Westasiens dafür umso bekannter) ist jedoch Renans Kontroverse mit einem muslimischen Intellektuellen, nämlich Jamal al-Din al-Afghani im renommierten Journal des Débats.

Diese Debatte wirft einerseits ein Licht auf die Denkstrukturen, die Vorstellungen von Wissenschaft und den Platz der „Anderen“, der „Außereuropäer“, im europäischen Denken des 19. Jahrhunderts und lässt andererseits einen solchen Außereuropäer selbst mit seiner Kritik am europäischen Denken (Renans) zu Wort kommen. Wer aus diesem gelehrten Disput als der „Modernere“ hervor geht, wird sich zeigen. Zugleich ist die Kontroverse ein eindrucksvolles Beispiel für die Verwobenheit europäischer und westasiatischer Geschichte und Moderne, mit all ihren Paradoxien und Widersprüchen.

Renan repräsentierte in seiner Person und in seinen Schriften die intellektuellen Spannungen im Frankreich des 19. Jahrhunderts, das sich noch im Banne einer mit der Revolution abgeschüttelten Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft befand, in denen Fragen nach der Bedeutung der Wissenschaften und der Religion einen zentralen Platz einnahmen.

Aus bescheidenen ländlichen Verhältnissen stammend, wurde der junge Renan ein Stipendiat der Kirche und zum Studium nach Paris geschickt. 1843 wurde er in das Seminar von Saint-Sulpice aufgenommen, wo er Hebräisch und Deutsch studierte. Er erhielt die niederen Weihen 1844, verließ aber das Seminar im Jahr darauf. Seine historisch- kritische Bibellektüre stärkte seinen Glauben an die Wissenschaft und den Fortschritt der Vernunft, und veranlasste ihn zum Bruch mit der Kirche.[3]

Fortan sah er Katholizismus und Wissenschaft als unvereinbar an und postulierte eine neue ideale Religion auf der Grundlage der Wissenschaft.[4] „Die wahre Geschichte der Philosophie ist die Geschichte der Religionen. Die wichtigste Arbeit für den Fortschritt der Geisteswissenschaften wäre also eine philosophische Theorie der Religionen“.[5] Während die frühe Geschichte der Menschheit von Religion beherrscht worden war, und die Aufklärung zu sehr von ihr abgerückt war, versuchte Renan eine neue Balance oder harmonische Verbindung zwischen Religion und Wissenschaft finden. Im sogenannten Kulturprotestantismus in Deutschland glaubte Renan eine solche glückliche Ausgewogenheit zu finden.

In seiner Schrift „Die Zukunft der Wissenschaft“ von 1848, die er erst gegen Ende seines Lebens, 1890, veröffentlichte, skizzierte er darüber hinaus eine Orientierung der soziologischen Studien auf die sogenannten primitiven Gesellschaften hin. Die Wissenschaft habe den Stoff des Menschen im Naturzustand geradezu vor der Nase: das Kind und der Wilde verkörperten die Etappen in der Geschichte, in der der Mensch zur Vernunft erwachte. Jedes Individuum durchlaufe seinerseits die Entwicklung des Menschengeschlechts im Ganzen. Die Entwicklungen des menschlichen Geistes seien parallel zum Fortschritt der individuellen Vernunft. Alle Stadien der Entwicklung der Menschheit seien in der Gegenwart vertreten, sichtbar für den, der sie studieren wolle. Das Kind und der Wilde würden die großen Studien-Objekte für denjenigen sein, der wissenschaftlich die Theorie der ersten Epochen der Menschheit konstruieren wolle.

Renan kann also auch als ein Beispiel dafür dienen, was Georg G. Iggers als die unterschiedlichen Lösungen zum Historismus in Frankreich und Deutschland heraus gearbeitet hat: In Frankreich war man eher geneigt, naturwissenschaftliche Methoden und soziologische Fragestellungen in die Geschichtswissenschaft aufzunehmen. Dies führte aber auch zu einem gewissen historischen Determinismus. Französische Historiker versuchten, sich den positiven (besser: empirischen) Wissenschaften anzunähern und führten biologische Konzepte ein, mit denen sie eine Theorie der verschiedenen Ursprünge der menschlichen Art aufstellen wollten. In diesem Prozess glaubten sie eine Hierarchie menschlicher Rassen und mit ihr einen „rassischen Determinismus“ konstruieren zu können, der ihnen unausweichlich schien.

Auch in den Schriften Ernest Renans geht das Gespenst der „Rasse“ um. Obwohl persönlich kein Antisemit und Rassist, sind seine Schriften geradezu heimgesucht vom Begriff der Rasse. Er spricht von ihr, wenn er von dem genie der Nationen und Individuen spricht; er nimmt auf sie Bezug, um die Ungleichheit der Zivilisationen zu erklären. Einige der größten Rassisten haben deshalb Renan zusammen mit Gobineau als einen ihrer Gründerväter reklamieren können. Gobineau selbst, Taine, Quatrefages und andere glaubten jedenfalls, in Renan einen Verbündeten zu haben.[6]

1862 wurde Renan Professor für Hebräisch, Kaldäisch und die syrianischen Sprachen am Collège de France. Schon seine Antrittsvorlesung, in der er Jesus als unvergleichlichen Menschen bezeichnete, brachte ihm die Feindschaft der katholischen Kirche ein. Nach der Veröffentlichung seines Buches „Das Leben Jesu“ 1863 verlor er seinen Professorenposten, weil die katholische Kirche Druck ausübte. Napoleon III. bot ihm einen Posten als Direktor der Handschriftenabteilung in der Nationalbibliothek an, den er aber ablehnte. Er ernährte sich durch seine vielen schriftstellerischen Arbeiten und die Ersparnisse seiner Schwester Henriette, bis er 1870/71 an die Universität zurückkehrte. 1878 wurde er in die Académie Française gewählt. 1888 erhielt er das Kreuz der Ehrenlegion.

Wie der deutsche Bibelforscher David Friedrich Strauss ordnete Renan sein Leben Jesu in eine allgemeine Darstellung der Geschichte und der Dogmen des frühen Christentums ein, die sechs Bände umfasste. Aber für die Welt, so schreibt Albert Schweitzer, existierte er doch nur als der Verfasser des Leben Jesu, das ein „Ereignis in der Weltliteratur“ wurde.[7] Er hatte es in Gaza entworfen, als er auf einer Reise durch Palästina die Natur des Landes und die Lebensweise der Einwohner beobachtete. Zahlreiche Bibelforscher bereisten in dieser Zeit rege Palästina, das „Heilige Land“, und sahen in den arabischen Beduinenscheichs in ihren schwarzen Zelten Abraham und die alten Hebräer. Auch Renan setzte seine Studien mit der Geschichte des Volkes Israels fort. Als Orientalist verfasste er ebenfalls ein klassisches Werk über Averroes.

Ernest Renan war ein Kenner der deutschen Philosophie und Literatur und ein Bewunderer des deutschen Geistes. Der Krieg 1870 zwischen Frankreich und Deutschland machte ihm großen Kummer. Immer habe er geträumt vom französisch-deutschen Verständnis, so schrieb er einem französischen Landsmann, was nun auf lange Zeit unmöglich geworden sei. Er ließ sich auf eine öffentliche Debatte mit David Friedrich Strauss ein, den sein Leben Jesu ebenfalls seine akademische Karriere gekostet hatte.[8] Renan hatte deshalb einen verwandten Geist erwartet, aber er wurde heftig attackiert, denn der ehemalige Freigeist Strauss war ein überzeugter „Blut und Eisen“- Mann geworden, der den Briefwechsel öffentlich machte.

Gedanken dieses Briefwechsels aufnehmend hielt Renan im Jahre 1882 seinen Vortrag „Was ist eine Nation?“ unter dem Eindruck der wachsenden Chauvinismen in Deutschland und Frankreich. Hier entwickelte er seine berühmte Formel von der „Nation als einem täglichen Plebiszit“. In dieser Rede gibt er der Rasse keine Erklärungsmacht für die Entstehung einer Nation. Die großen europäischen Nationen, so sagte er, wären rassisch völlig heterogen. In Frankreich, Großbritannien und Deutschland wären große Teile der Bevölkerung keltischen oder germanischen Ursprungs. In Deutschland gäbe es viele Slawen. Territoriale Ansprüche auf der Basis von rassischen Ursprüngen der Einwohner zu erheben machte daher keinen Sinn. Auch die Sprachen definierten keine Nation, denn die Schweizer sprächen mehrere Sprachen. Englisch- und spanischsprachige Menschen machten ebenfalls keine einheitliche Nation aus. So gelangte Renan zum täglichen Plebiszit. „Die Rasse“, so sein erstaunlich aktuelles Fazit, „wie wir Historiker sie verstehen, ist demnach etwas das geschaffen und wieder aufgelöst wird“.

In der aktuellen Nationalismus-Debatte wird seine Rede als Klassiker zitiert. Geoff Eley und Ronald Grigor Suny wählten Renans Rede als einziges Beispiel für einen “klassischen Text” in ihrem Band und priesen ihn als intellektuellen Vorläufer von Benedict Andersons Konzept der Nation als „imagined community”.[9]

Doch Renans aufgeklärte Haltung blieb auf Europa und die Europäer beschränkt. Rund ein Jahr später, am 29. März 1883 hielt Ernest Renan wieder einen Vortrag an der Sorbonne, der dann im Journal des Débats unter dem Titel „Der Islam und die Wissenschaft“ veröffentlicht wurde.[10] Der sich gerade in Paris aufhaltende muslimische Intellektuelle Dschamal al-Din al-Afghani griff sofort zur Feder und schrieb eine Replik, die im gleichen Journal veröffentlicht wurde. Auf diese antwortete Renan dann noch einmal. Als Renan-al-Afghani-Kontroverse weit über die Grenzen Europas hinaus bekannt geworden, zeigt diese Auseinandersetzung deutlich, wie sehr Renan im europäischen Überlegenheitsdenken der Zeit, einschließlich eines diffusen Rasse-Denkens in Bezug auf außereuropäische Völker, befangen war. In der Rede zeigt sich seine Haltung zur Rasse, Religion und Wissenschaft.

Darin heißt es: „Jede Person, die nur einigermassen an dem Geistesleben unserer Zeit teilnimmt, erkennt deutlich die gegenwärtige Inferiorität der mahomedanischen Länder, den Niedergang der vom Islam beherrschten Staaten, die geistige Nichtigkeit der Rassen, die einzig und allein ihre Kultur und ihre Erziehung jener Religion verdanken. Wer immer im Orient oder in Afrika gereist ist, dem musste die Wahrnehmung sich aufdrängen von der thatsächlichen Geistes-Beschränktheit eines wahrhaft Gläubigen, von jener Art eisernen Reifens, der um sein Haupt geschlagen ist und dasselbe der Wissenschaft geradezu verschliesst, es unfähig macht, irgend etwas zu lernen, irgend eine neue Idee in sich aufzunehmen. So wie es in seine Religion eingeweiht ist, um das zehnte bis zwölfte Lebensjahr, wird das muselmännische Kind, das bis dahin zuweilen noch ziemlich geweckt war, plötzlich fanatisch, von jenem Dünkel gesättigt, es besitze Alles, was ihm als absolute Wahrheit gilt, wie über ein Vorrecht über das glücklich, was gerade seine geistige Inferiorität ausmacht“.[11]

Renan traf auf einen ebenbürtigen Geist in dieser Debatte, der im Verständnis unserer Zeit den Disput um die Moderne mit den besseren Argumenten gewann. Dschamal al-Din al-Afghani war einer der schillerndsten muslimischen öffentlichen Intellektuellen seiner Generation. Er wurde 1838/39 im Iran geboren und bereiste so gut wie die ganze muslimische Welt. Ein glühender islamischer Reformer und Anti-Imperialist, versuchte er, den Islam als ein Mittel gegen den Imperialismus zu nutzen und ihn gleichzeitig für die Moderne zu reformieren. Als Berater von Herrschern suchte er innere Reform im Staate und eine Einigung der islamischen umma zustande zu bringen. All dies brachte ihm ständige Verbannung und Exil ein und radikalisierte ihn zusehends.[12]

Zu einer Rede wie der von Renan konnte er also nicht schweigen. Mit äußerster Höflichkeit wandte sich al-Afghani an Renan, dessen Ruf, wie er sagte, „das ganze Abendland erfüllt und bis in die entlegensten Theile des Morgenlandes gedrungen ist“[13], aber in der Substanz seiner Argumentation war er sehr deutlich. Er dachte evolutionär und stellte ein historisches Argument vor, das er gegen Renans Essentialismus richtete.

Renans Argument war, dass der Islam der Wissenschaft feindlich gegenüber stünde. Afghani historisierte das Problem und argumentierte, dass kein Volk in den frühesten historischen Stadien die Wissenschaft oder die Philosophie akzeptiert hätte. Es brauchte erst Lehrer, Vermittler, Propheten, die die Menschen durch die Einführung eines „höchsten Wesens“ zivilisierten und die sich dann selbst zu Sprachrohren dieses höchsten Wesens machten.

„Das ist ohne Zweifel das schwerste und demüthigendste Joch für den Menschen, ich erkenne es wohl, so sagte Afghani, „doch kann man nicht leugnen, dass sämmtliche Nationen durch diese religiöse mahomedanische, christliche oder heidnische Erziehung aus dem Zustande der Barbarei herausgetreten und so einer höheren Gesittung entgegengeschritten sind“.[14]„Alle Religionen“, folgerte Afghani, „sind intolerant – jede auf ihre eigene Weise“. Und: „Die christliche Religion, ich will sagen die Gesellschaft, welche ihren Ideen und Lehren folgt und die sie nach ihrem Bilde gestaltet hat, ist aus der ersten Periode herausgegangen (…). Später frei und unabhängig, scheint sie nun rasch auf der Bahn des Fortschritts und der Wissenschaften voranzukommen, während die muselmännische Gesellschaft sich noch nicht von der Vormundschaft der Religion befreit hat“. Afghani weiter: „Wenn ich nun aber bedenke, dass die christliche Religion um mehrere Jahrhunderte früher in der Welt aufgetreten ist als die mahomedanische, dann kann ich mich der Hoffnung nicht entschlagen, dass auch die mahomedanische Gesellschaft eines Tages dazu gelangen wird, ihre Fesseln zu brechen und entschlossen auf der Bahn der Civilisation fortzuschreiten nach dem Beispiel der abendländischen Gesellschaft, für welche der christliche Glaube trotz seiner strengen Gesetze und seiner Intoleranz kein unüberwindliches Hinderniss gewesen ist. Nein, ich kann nicht gestatten, dass diese Hoffnung dem Islam geraubt wird. Ich vertheidige hier vor Herrn Renan nicht die Sache der mahomedanischen Religion, sondern diejenige mehrerer hundert Millionen Menschen, die ihm zufolge verurteilt wären, in Barbarei und Unwissenheit fortzuleben. In Wahrheit hat die mahomedanische Religion die Wissenschaft zu ersticken und ihre Fortschritte zu hindern sich bemüht. Es ist ihr gelungen, die geistige oder philosophische Bewegung zu hemmen und die Geister von der Erforschung wissenschaftlicher Wahrheit abzuhalten.“[15]

Ernest Renan publizierte eine Antwort auf Afghani, die ebenfalls im Journal des Débats veröffentlicht wurde, am 19. Mai 1883. In dieser Antwort macht er klar, dass Afghani ihn als Rationalist und Freidenker beeindruckt hatte, als ein Mann, der ihm selbst ganz ähnlich schien. „Es ist außerordentlich lehrreich, die Denkweise eines aufgeklärten Asiaten in ihren aufrichtigen und ureigentlichen Darlegungen also kennen zu lernen“.[16] Es sei der Scheich Dschamal al-Din al-Afghani gewesen, den er zwei Monate zuvor getroffen und der ihn zu seinem Vortrag an der Sorbonne inspiriert hätte. Doch Renon gründete seine Analyse erneut auf den Rasse-Gedanken und seine Einstellung zu den Indo-Europäern: „Der Scheik Djemal Eddin ist ein Afghane, der von den Vorurtheilen des Islam völlig frei geworden;“ Warum? Weil er jenen „kräftigen Rassen des oberen, an Indien grenzenden Iran [angehört], in denen der arische Geist noch so energisch unter der dünnen Hülle des officiellen Islam fortlebt. Er ist selber der beste Beweis jenes großen Axioms, das wir so oft proklamirt haben – nämlich dass Religionen das werth sind, was die Rassen werth sind, die sich zu ihnen bekennen.“[17]

Die Kontroverse wurde noch im gleichen Jahr ins Deutsche übersetzt; Übersetzungen von Renans Rede ins Arabische, Türkische, Persische und Russische folgten. Die 1880er Jahre waren die Hochphase des Imperialismus, in denen sich die Welt gegen die europäische, auch geistige Vorherrschaft zu wehren begann. In der islamischen Welt riefen Renans Ausführungen heftige Entrüstung unter den Gebildeten hervor, durchaus ähnlich der heutigen Situation, wo Kritik am Islam im Westen ebenfalls sofort zu weltweiten Protesten führt. Von Gautallah Bayazitov in Russland bis zu Namik Kemal im Osmanischen Reich empörten sich die muslimischen Intellektuellen über Renans Rede und veröffentlichten leidenschaftliche Gegenreden.

Mindestens zweierlei macht der Disput deutlich: Einmal gehört es zu den Charakteristiken der „globalen Moderne“ [18], dass sich die Grenzen des aufgeklärten liberalen Denkens in Europa immer dann zeigen, wenn es um außereuropäische Kulturen geht. Dann werden, wie es im Falle Renans so anschaulich wird, Analyseinstrumente eingesetzt, die man sich weigert, auf Europäer anzuwenden: Die „Rasse“ kann Europa nicht erklären, aber sie erklärt den Orient. In Europa versucht Renan Religion und Wissenschaft miteinander zu verbinden, für den Orient schließt er dies kategorisch aus. Doch auch im Falle al-Afghanis zeigen sich diese Grenzen. Er ließ seine aufgeklärte, liberale Kritik an der Religion, einschließlich des Islams, in der islamischen Welt nicht veröffentlichen, um sein (islamisches) Reformprogramm nicht zu gefährden. In Europa ein Skeptiker, gab er sich in der islamischen Welt als gläubiger Verfechter des Islams aus. Und so richtete sich all die Empörung nur gegen Renans Angriff auf den Islam, und eine ernsthafte Auseinandersetzung in der islamischen Welt um die Frage des Verhältnisses von Religion und Wissenschaft hat bis in die jüngste Zeit nicht statt gefunden.


[1] Essay zur Quelle: Der Islam und die Wissenschaft. Der Disput zwischen Ernest Renan und Jamal al-Din al-Afghani 1883.

[2] Reinhardt, Volker (Hg.), Hauptwerke der Geschichtsschreibung, Stuttgart 1997, S. 513-516.

[3] Binder, Hand-Otto, Art. „Ernest Renan“, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon VIII (1997), Sp. 23-27.

[4] Dörries, Matthias, Ernest Renan: A Prophet in a Scientific Age (Max Planck Institut für Wissenschaftsgeschichte, Preprint 133), S. 1-21.

[5] Renan, Ernest, Avenir de la Science, in: Oeuvres Complètes, S. 859-60, hier S. 949.

[6] Weinberg, Kurt, ’Race’ et ‚races’ dans l’oeuvre d’Ernest Renan, in: Zeitschrift für Französische Sprache und Literatur LXVIII (1958), S. 129-164.

[7] Schweitzer, Albert, Geschichte der Leben-Jesu-Forschung, Tübingen 1984, S. 207f.

[8] Strauß, David Friedrich, Krieg und Friede. Zwei Briefe an Ernest Renan, nebst dessen Antwort auf den ersten, Leipzig 870.

[9] Eley, Geoff; Suny, Ronald Grigor (Hgg.), Becoming National. A Reader, Oxford: Oxford 1996, S. 49.

[10] Der Islam und die Wissenschaft. Vortrag gehalten in der Sorbonne am 29. März 1883, Kritik dieses Vortrags vom Afghanen Scheik Djemmal Eddin und Ernest Renan’s Erwiderung. Autorisierte Übersetzung, Basel 1883, S. 1-48.

[11] Renan, Islam und Wissenschaft, S. 4,5.

[12] Keddie, Nikki R., Sayyid Jamal al-Din „al-Afghani“: A Political Biography, Berkeley u.a. 1972.

[13] Antwort Afghanis in Islam und Wissenschaft, S. 32.

[14] Antwort Afghanis in Islam und Wissenschaft, S. 35. An dieser Stelle fragt sich der Übersetzer, „ob der gelehrte Afghane wohl Lessing’s „Erziehung des Menschengeschlechts“ kannte, als er obige Zeilen niederschrieb?“ Das sei nicht wahrscheinlich, meinte er, um so interessanter sei die Übereinstimmung seines Gedankengangs mit demjenigen des großen Deutschen.

[15] Antwort Afghanis in Der Islam und die Wissenschaft, S. 35.

[16] Erwiderung Renans in Der Islam und die Wissenschaft, S. 43

[17] Erwiderung Renans in Der Islam und die Wissenschaft, S. 44.

[18] Vgl. Schaebler, Birgit, „Civilizing Others: Civilizing Others: Global Modernity and the Local Boundaries (French/German, Ottoman, and Arab) of Savagery”, in: Schaebler, Birgit; Stenberg, Leif (Hgg.), Globalization and the Muslim World. Culture, Religion and Modernity, Syracuse 2004, S. 3-29.



Literaturhinweise

  • Eley, Geoff; Suny, Ronald Grigor (Hgg.), Becoming National. A Reader, Oxford 1996.
  • Keddie, Niiki R., Sayyid Jamal al-Din "al-Afghani": A Political Biography, Berkeley u.a. 1972.
  • Schaebler, Birgit, „Civilizing Others: Civilizing Others: Global Modernity and the Local Boundaries (French/German, Ottoman and Arab) of Savagery, in: Schaebler, Birgit; Stenberg, Leif (Hgg.), Globalization and the Muslim World. Culture, Religion and Modernity, Syracuse 2004, S. 2-29.

Der Islam und die Wissenschaft. Der Disput zwischen Ernest Renan und Jamal al-Din al-Afghani 1883[1]

Vortrag von Ernest Renan an der Sorbonne, 29. März 1883

Meine Damen und Herren!

Auf die wohlwollende Aufmerksamkeit mich stützend, welche diese Zuhörerschaft mir so oft schon geschenkt, wage ich es heute, einen sehr schwierigen Gegenstand vor Ihnen zu behandeln, der unsern ganzen Scharfsinn herausfordert, und an den man entschlossen herantreten muss, wenn man aus dem Nebelmeer von Vermuthungen und ungefähren Ergebnissen die Geschichte zu klarer Erscheinung bringen will. Was in der Geschichte stets zu Missverständnissen führte, das ist der Mangel an Genauigkeit bei Anwendung von Wörtern, welche Nationen und Rassen bezeichnen. Man spricht von Griechen, Römern und Arabern, als ob diese Wörter Menschengruppen bezeichneten, die immer mit sich selber identisch gewesen; man thut es, ohne dabei die Veränderungen in Rechnung zu bringen, welche die Folge kriegerischer, religiöser und sprachlicher Eroberungen, der Mode und der mannigfaltigen Strömungen sind, welche die Geschichte der Menschheit durchziehen.

Die Wirklichkeit gestaltet sich nicht nach so einfachen Kategorien. Wir Franzosen z. B. sind Römer der Sprache, Griechen der Civilisation, Juden der Religion nach. Die Rasse als solche, von höchster Wichtigkeit für den Beginn der Geschichte einer Nation, verliert ihre Bedeutung in dem Maasse als die grossen universalgeschichtlichen Thatsachen: griechische Civilisation römische Eroberung, germanische Eroberung, Christenthum, Islam, Renaissance, Philosophie, Revolution gleich zermalmenden Walzen über die frühesten Varietäten der Menschenfamilie hinweggehen und sie in mehr oder minder homogene Massen zusammendrängen. Ich möchte es versuchen, mit Ihnen eine der grössten Ideenverwirrungen zu entwirren, die auf diesem Wissensgebiete begangen werden, ich meine die Ungenauigkeit, die in den Bezeichnungen enthalten ist: arabische Wissenschaft, arabische Philosophie, arabische Kunst, muselmännische Wissenschaft, muselmännische Civilisation. Aus den schwankenden Ideen, die man sich über diese Begriffe machte, entstehen zahlreiche falsche Urtheile und in der Praxis manchmal sogar sehr schwere Irrthümer.

Jede Person, die nur einigermassen an dem Geistesleben unserer Zeit theilnimmt, erkennt deutlich die, gegenwärtige Inferiorität der mahomedanischen Länder, den Niedergang der vom Islam beherrschten Staaten, die geistige Nichtigkeit der Rassen, die einzig und allein ihre Kultur und ihre Erziehung jener Religion verdanken. Wer immer im Orient oder in Afrika gereist ist, dem musste die Wahrnehmung sich aufdrängen von der thatsächlichen Geistes-Beschränktheit eines wahrhaft Gläubigen, von jener Art eisernen Reifens, der um sein Haupt geschlagen ist und dasselbe der Wissenschaft geradezu verschliesst, es unfähig macht, irgend etwas zu lernen, irgend eine neue Idee in sich aufzunehmen. So wie es in seine Religion eingeweiht ist, um das zehnte bis zwölfte Lebensjahr, wird das muselmännische Kind, das bis dahin zuweilen noch ziemlich geweckt war, plötzlich fanatisch, von jenem Dünkel gesättigt, es besitze Alles, was ihm als die absolute Wahrheit gilt, wie über ein Vorrecht über das glücklich, was gerade seine geistige Inferiorität ausmacht. Dieser dumme Hochmuth ist das Laster, welches das ganze Sein des Muselmanns bestimmt. Die scheinbare Einfachheit seines Gottesdienstes flösst ihm eine wenig gerechtfertigte Verachtung vor den andern Religionen ein. Ueberzeugt, dass Gott Glück und Macht nach seinen unergründlichen Rathschlägen austheilt, ohne auf Kenntnisse noch auf persönliches Verdienst einen Werth zu legen, hat der Muselmann die tiefste Verachtung vor der Bildung, der Wissenschaft, vor Allem, was wir das europäische Geistesleben nennen. Dieses durch den mahomedanischen Glauben ihm eingeprägte Vorurtheil ist so mächtig, dass alle Unterschiede der Rasse und der Nationalität durch die einzige Thatsache der Bekehrung zum Islam verschwinden. Die Berbern, die Bewohner des Sudan, die Tscherkessen, die Afghanen, die Malaien, die Egypter, die Nubier, welche Muselmänner geworden, sind keine Berbern, keine Afghanen, keine Egypter u. s. w. mehr, es sind Muselmänner. Persien allein macht eine Ausnahme, es hat seinen eigenen Genius sich zu erhalten gewusst; denn Persien hat innerhalb des Islam sich seinen besondern Platz gewahrt, es ist im Grunde viel mehr schiitisch als muselmännisch.

Um die traurigen Folgerungen abzuschwächen, die. man aus diesem so allgemeinen Factum gegen den Mahomedanismus zu ziehen geneigt wäre, möchten viele. Personen uns überzeugen, dass jener Niedergang vielleicht doch nur eine vorübergehende Erscheinung sei. Um über die Zukunft zu beruhigen, berufen sie sich auf die Vergangenheit; die jetzt so gesunkene muselmännische Civilisation, sagen sie, strahlte ehemals im blendendsten Glanze. Sie besass Gelehrte und Philosophen; sie war Jahrhunderte lang die Beherrscherin des christlichen Abendlandes. Warum sollte das was gewesen, nicht wieder sein können? Gerade auf diesen Punkt möchte ich die Untersuchung lenken. Hat es in Wirklichkeit eine muselmännische Wissenschaft, oder mindestens eine vom Islam anerkannte, vom Islam geduldete Wissenschaft gegeben?

In den Thatsachen, die gewöhnlich angeführt werden,. liegt gewiss ein ganzes Theil Wahrheit. Ja, etwa vom Jahre 775 ab bis gegen die Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, das heisst während eines Zeitraumes von ungefähr 500 Jahren, gab es in mahomedanischen Ländern Gelehrte, sehr hervorragende Denker. Man kann sogar sagen, dass während jenes Zeitraumes die mahomedanische Welt, was die Geisteskultur betrifft, der christlichen Welt überlegen war. Es ist jedoch nothwendig, diese Thatsache genauer zu betrachten, um nicht irrthümliche Schlussfolgerungen aus ihr zu ziehen. Es ist nothwendig, die Geschichte der Civilisation im Orient von Jahrhundert zu Jahrhundert zu verfolgen, um die verschiedenen Elemente wohl zu unterscheiden, die jene momentane Ueberlegenheit herbeigeführt, welche bald darauf in eine scharf ausgeprägte Inferiorität umschlug.

Das was man Philosophie oder Wissenschaft nennen darf, liegt dem ersten Jahrhundert des Islam vollständig fern. Der Islam, als das Ergebniss eines religiösen Kampfes, der seit mehreren Jahrhunderten sich fortspann und das Geistesleben Arabiens beherrschte, ist unter den verschiedenen Formen des semitischen Monotheismus tausend Meilen von alle dem entfernt, was man Rationalismus oder Wissenschaft zu nennen pflegt. Die arabischen Reiter, die sich der neuen Religion anschlossen, sich ihrer wie eines Vorwandes zu Eroberungen und Plünderungen bedienend, waren zu ihrer Zeit gewiss die ersten Krieger, aber sicherlich die geringsten Philosophen der Welt. Ein orientalischer Schriftsteller des dreizehnten Jahrhunderts, Abulfaradj, der über den Charakter des arabischen Volkes geschrieben, drückt sich wie folgt aus: "Die Wissenschaft dieses Volkes, diejenige, auf die sie stolz war, bestand in der Wissenschaft der Sprache, in der Kenntniss ihrer Eigenheiten, des Versbaues, der gewandten Prosa-Darstellung … Was die Philosophie betrifft, so hat Gott diesem Volke nichts davon verliehen, es auch nicht zu dieser Wissenschaft befähigt." Das ist vollkommen richtig. Der nomadische Araber, der literarisch begabteste, ist zugleich unter allen Menschen der am Mindesten zum Mystizismus, zu tiefen Betrachtungen Angelegte. Der religiöse Araber, wenn er die Dinge sich erklären will, begnügt sich mit einem Gott als Schöpfer und unmittelbaren Lenker der Welt, der sich den Menschen durch eine Reihe von Propheten offenbart. So lange der Islam in den Händen der arabischen Rasse, d. h. unter den vier ersten Kalifen und unter den Omajjaden war, entstand desshalb auch in seinem Schosse keine geistige Bewegung profanen Charakters. Omar hat nicht, wie dies so oft wiedererzählt worden, die Bibliothek zu Alexandrien verbrannt. Zu Omar's Zeit war diese Bibliothek nahezu verschwunden. Das Prinzip aber, das er in der Welt zum Siege führte, war in Wirklichkeit das der Vernichtung der gelehrten Forschung und der so mannigfaltigen Thätigkeit des Geistes. […]

Zwischen dem Verschwinden der antiken Civilisation im sechsten Jahrhundert und der Geburt des europäischen Genius im zwölften und dreizehnten gab es eine Periode, welche die arabische genannt werden darf, weil während derselben die Ueberlieferung des menschlichen Geistes sich auf den dem Islam zugefallenen Religionen fortgepflanzt hat. Und was hat diese sogenannte arabische Wissenschaft wirklich arabisches an sich? Die Sprache, nichts als die Sprache. Die islamitische Eroberung hatte die Sprache des Hedschas bis an das Ende der Welt getragen. Es ging mit dem Arabischen wie mit dem Latein, das im Abendland zum Ausdruck von Gefühlen und Gedanken diente, die mit dem alten Latium nichts gemein hatten. Averroës, Avicenna, Albateni sind Araber, wie etwa Albert der Grosse, Roger Bacon, Francis Bacon, Spinoza Lateiner sind. Es liegt ein eben so grosses Missverständniss darin, die arabische Philosophie und Wissenschaft auf Rechnung Arabiens zu setzen, als wollte man die gesammte christlich-lateinische Literatur, alle Scholastiker, die ganze Renaissance, die ganze Wissenschaft des sechszehnten und zum Theil des siebenzehnten Jahrhunderts auf Rechnung der Stadt Rom setzen, weil dies alles latein geschrieben ist. Sehr merkwürdig in der That, dass unter den sogenannten arabischen Philosophen und Gelehrten nur ein einziger, Alkindi, arabischen Ursprungs ist, alle übrigen sind Perser, Transoxiner, Spanier, Männer aus Bokhara, Samarkand, Cordova, Sevilla. Nicht nur sind es keine Araber der Herkunft nach, sondern auch ihr Geist hat durchaus nichts Arabisches. Sie bedienen sich des Arabischen, diese Sprache aber ist ihnen eine Fessel, wie das Latein für die Denker des Mittelalters eine Fessel war, die sie sich so gut es ging zurecht legten. Das Arabische, das sich so sehr für die Poesie und eine gewisse Art von Beredtsamkeit eignet, ist ein sehr unbequemes Werkzeug für die Metaphysik. Die arabischen Philosophen und Gelehrten sind im Allgemeinen sehr schlechte Schriftsteller.

Jene Wissenschaft ist nicht arabisch. Ist sie wenigstens mahomedanisch? Ist der Mahomedanismus für jene rationellen Untersuchungen irgend eine Stütze gewesen? In keiner Weise. Jene schöne wissenschaftliche Bewegung war ganz und gar das Werk von Parsen, Christen, Juden, Harraniern, von Ismaeliten und Mahomedanern, die innerlich gegen ihre eigene Religion empört waren. […]

Der Islam hat in der That die exakte Wissenschaft, und die Philosophie stets verfolgt; er hat sie schliesslich erstickt. Nun sind in dieser, Beziehung zwei Perioden in der Geschichte des Islam zu unterscheiden; die eine von dessen Beginn bis zum zwölften Jahrhundert; die andere vom dreizehnten Jahrhundert bis auf unsere Tage. In der ersten Periode ist der Islam von Sekten und einer Art Protestantismus, dem Motaselismus durchsetzt, und viel schwächer organisirt und weniger fanatisch als in der zweiten Periode, nachdem er in die Hände tartarischer und berberischer Völkerschaften gefallen, plumper, roher und geistloser Rassen. Der Mohamedanismus hatte das Eigenthümliche, dass ihm von seinen Anhängern eine fortwährend wachsende Gläubigkeit entgegenkam. […]

Die Freisinnigen, welche den Islam vertheidigen, kennen ihn nicht. Der Islam ist das nicht mehr wahrnehmbare Band zwischen Geistigem und Weltlichem; er ist die Herrschaft eines Dogmas, die schwerste Kette, welche die Menschheit jemals getragen. In der ersten Hälfte des Mittelalters, ich wiederhole es, hat der Islam die Philosophie noch geduldet, weil er nicht anders konnte; er konnte nicht anders, weil er ohne Zusammenhang, weil er nicht ausgerüstet war mit Schreckenswerkzeugen. Die Polizei befand sich in den Händen der Christen und war wesentlich mit Verfolgung der unbotmässigen Aliden beschäftigt. Eine Menge Dinge schlüpften zwischen die Maschen dieses ziemlich lockern Netzes hindurch. Doch als der Islam über glaubenseifrige Massen verfügte, erstickte er Alles. Religiöse Schreckensherrschaft und die Heuchelei waren an der Tagesordnung. Der Islam war liberal, als er schwach war; er war gewaltsam, als er stark war. Rechnen wir ihm also das nicht zur Ehre an, was er nicht hat hindern können. Den Islam wegen der Philosophie und Wissenschaft ehren, die er nicht bei ihrem ersten Auftreten sofort vernichtete, das hiesse die Theologen wegen der Entdeckungen der modernen Wissenschaft ehren. Die abendländische Theologie hat nicht weniger Verfolgungen geübt als diejenige des Islam. Allein sie hat ihr Ziel nicht erreicht, sie hat den modernen Geist nicht erwürgt, wie der Islam den Geist der Länder, die er eroberte. In unserem Occident hat die theologische Verfolgung nur in einem Lande gesiegt: in Spanien. Dort hat ein entsetzliches System der Unterdrückung den wissenschaftlichen Geist getödtet. Beeilen wir uns übrigens mit der Erklärung, dass dieses edle Land sicher seine Wiedergeburt erleben wird. In den mahomedanischen Ländern hat sich das ereignet, was sich in Europa erfüllt hätte, wenn es der Inquisition, wenn es Philipp II. und Pius V. gelungen wäre, den Menschengeist zum Stillstand zu zwingen. Offen gestanden: es wird mir schwer, den Leuten dafür zu danken, dass sie das Böse, das sie beabsichtigten, nicht auszuführen vermochten. […]

Die Wissenschaft ist die Seele einer Gesellschaft; denn die Wissenschaft ist die Vernunft. Sie erzeugt die militärische und die gewerbliche Ueberlegenheit. Sie wird eines Tages die gesellschaftliche Ueberlegenheit erzeugen, ich will sagen einen Gesellschaftszustand, in welchem die Summe von Gerechtigkeit, welche mit dem Wesen des Universums verträglich ist, auch gewährt wird. Das Wissen stellt die Kraft in den Dienst der Vernunft. Es gibt in Asien Elemente der Barbarei, denjenigen ähnlich, welche die ersten muselmännischen Heere und jene grossen Völkerstürme eines Attila oder Dschingis-Khan erzeugten. Die Wissenschaft versperrt ihnen den Weg. Wenn Omar, wenn Dschingis-Khan auf eine gute Artillerie gestossen wären, so hätten sie den Saum ihrer Wüste gewiss nicht überschritten.

Man muss sich bei momentanen Verirrungen nicht aufhalten. Was ist nicht bei ihrem ersten Auftreten gegen die Schusswaffen gesagt worden? Und doch haben sie Vieles zum Siege der Civilisation beigetragen. Was mich betrifft, ich habe die Ueberzeugung, dass die Wissenschaft gut ist, dass sie allein Waffen gegen das Böse liefert, welches man mit ihnen vollbringen kann, dass die Wissenschaft nur dem Fortschritt dient, ich habe hier den wahren Fortschritt im Auge, denjenigen, der unzertrennlich ist von der Menschenliebe und der Freiheit.

Kritik von Jamal al-Din al-Afghani

Vorwort des Uebersetzers.

Vorstehender in der Sorbonne gehaltener Vortrag des Herrn RENAN kam zuerst im »Journal des Débats" zur Veröffentlichung. An dasselbe Blatt richtete einige Wochen später ein Mohamedaner, der Afghane D j e m m al E d d in[2]*) ein Schreiben, in welchem der gelehrte Orientale die Vertheidigung seiner Glaubensgenossen gegen den Vorwurf, dass sie Feinde der Wissenschaft seien, unternimmt. Wir lassen seine werthvolle Auseinandersetzung und darauf die Antwort des Herrn RENAN hier folgen.

Das Schreiben Djemmal Eddins war in arabischer Sprache abgefasst und an den Direktor des "Journal des Débats" gerichtet. Es lautet in der Uebersetzung:

Mein Herr!

Ich habe in Ihrem schätzenswerthen Blatte einen in der Sorbonne vor einer auserlesenen Zuhörerschaft gehaltenen Vortrag über den Islam und die Wissenschaft gelesen, einen Vortrag des grossen Philosophen unserer Zeit, des berühmten Herrn Renan, dessen Ruf das ganze Abendland erfüllt und bis in die entlegensten Theile des Morgenlandes gedrungen ist. Da dieser Vortrag mich zu einigen Betrachtungen anregte, so nahm ich mir die Freiheit, dieselben in diesem Briefe zu formuliren, den ich die Ehre habe, Ihnen mit der Bitte zuzusenden, ihm in den Spalten Ihres Blattes die erbetene Gastfreundschaft zu gewähren.

Herr Renan hat einen bis jetzt dunkel gebliebenen Punkt in der Geschichte der Araber aufhellen wollen und auf deren Vergangenheit ein lebhaftes Licht geworfen, ein Licht, das vielleicht diejenigen ein wenig irre macht, welche ihre besondere Verehrung einem Volke gewidmet haben, von dem man gewiss nicht sagen kann, dass es den Platz und Rang, den es, einst in der Welt eingenommen, sich unrechtmässig angeeignet. So hat denn auch Herr Renan, glauben wir, nicht gesucht, den Ruhm der Araber, der ja unzerstörbar ist, zu zerstören; er hat sich bestrebt, die historische Wahrheit zu entdecken und sie denjenigen zur Kenntniss zu bringen, die sie nicht kennen, gleichwie denjenigen, welche in der Geschichte der Völker, und namentlich der Civilisation, die Entwicklung der Religionen erforschen. Ich beeile mich, von vornherein anzuerkennen, dass Herr Renan dieser so schwierigen Aufgabe in wunderbarer Weise gerecht geworden ist, indem er gewisse Thatsachen beibrachte, welche bis heute unbeachtet geblieben waren. Ich finde in seiner Rede bemerkenswerthe Betrachtungen, neue Gesichtspunkte und einen unbeschreiblichen Reiz. Indessen, ich habe nur eine mehr oder weniger getreue Uebersetzung seines Vortrages vor Augen. Wenn es mir gestattet wäre, ihn im französischen Text zu lesen, so hätte ich wohl tiefer in die Gedanken dieses grossen Weisen eindringen können. Möge er meinen ehrerbietigen Gruss als eine ihm gebührende Hochachtung und als das aufrichtigste Zeichen meiner Bewunderung empfangen. Ich muss bei dieser Gelegenheit ihm sagen, was AI-Mutenaby, ein Dichter, der die Philosophen liebte, vor einigen Jahrhunderten an eine hochgestellte Persönlichkeit schrieb, deren Thaten er verherrlichte: „Empfange,“ sagte er zu ihm, „das Lob, das ich Dir zu geben vermag; nöthige mich nicht, Dir das Lob zu ertheilen, das Du verdienst."

Der Vortrag des Herrn Renan enthält zwei Hauptpunkte. Der ausgezeichnete Denker hat sich zu beweisen bestrebt, dass die mahomedanische Religion ihrem eigentlichen Wesen nach der Entwicklung der Wissenschaft widerstrebe, und dass das arabische Volk seiner Natur nach weder den metaphysischen Wissenschaften noch der Philosophie zugeneigt sei. Diese kostbare Pflanze, scheint Herr Renan zu sagen, verdorrt in mahomedanischen Händen, wie unter dem glühenden Hauch des Wüstenwindes. Nachdem mau den Vortrag zu Ende gelesen, drängt sich Einem indessen die Frage auf, ob das Uebel einzig und allein von der mahomedanischen Religion selber oder von der Art und Weise ihrer Verbreitung in der Welt, vom Charakter, den Sitten und natürlichen Anlagen der Völker herrühre, die jene Religion angenommen oder denen sie gewaltsam aufgedrängt worden. […]

Was den ersten Punkt anbetrifft, so sage ich, dass keine Nation bei ihrem Beginn fähig ist, sich von der reinen Vernunft leiten zu lassen. Von schreckhaften Vorstellungen heimgesucht, denen sie sich nicht zu entziehen vermag, ist sie unfähig, das Gute vom Bösen zu unterscheiden, das was ihr Glück auszumachen vermöchte von dem zu sondern, was die unversiegbare Quelle ihrer Leiden und Missgeschicke sein kann. Sie versteht es mit einem Worte nicht, weder zu den Ursachen hinabzusteigen noch die Wirkungen zu erkennen.

Diese Lücke erlaubt es nicht, dass man sie durch Gewalt oder durch Ueberredung dazu führe, das zu thun, was ihr am meisten .zum Vortheil gereichen würde, noch sie von dem fernzuhalten, was ihr schädlich ist. Es konnte desshalb nicht anders sein, als dass die Menschheit ausser ihrem Kreise einen Zufluchtsort, eine friedliche Stätte suchte, wo ihr beunruhigtes Gewissen Ruhe finden konnte, und so entstand ihr irgend ein Erzieher, der, wie ich oben gesagt, weil er nicht die nöthige Macht besass, sie zu zwingen, dass sie den Eingebungen der Vernunft Folge leistete, sie in das Unbekannte leitete und ihr die weiten Horizonte eröffnete, in denen die Einbildungskraft sich so gern bewegt, und wo die Menschheit, wenn nicht die völlige Befriedigung ihrer Wünsche, so doch wenigstens ein unbegrenztes Gebiet für ihre Hoffnungen gefunden hat. Und da die Menschheit bei ihrem Ursprung die Ursachen der Ereignisse, die unter ihren Augen vorgingen, nicht kannte, das unergründliche Räthsel nicht zu lösen vermochte, so war sie nothwendig gezwungen, die Rathschläge ihrer Lehrer und die Befehle zu befolgen, welche diese ihr gaben. Dieser Gehorsam wurde ihr im Namen des höchsten Wesens auferlegt, dem jene Erzieher alle Ereignisse zuschrieben, ohne dass es gestattet war, deren Nützlichkeit oder Schädlichkeit zu erörtern. Das ist ohne Zweifel das schwerste und demüthigendste Joch für den Menschen, ich erkenne es wohl, doch kann man nicht leugnen, dass sämmtliche Nationen durch diese religiöse mahomedanische, christliche oder heidnische Erziehung aus dem Zustande der Barbarei herausgetreten und so einer höheren Gesittung entgegengeschritten sind.[3]*)

Wenn es wahr ist, dass die mahomedanische Religion ein Hinderniss für die Entwicklung der Wissenschaften ist, kann man desshalb auch behaupten, dass dieses Hinderniss nicht eines Tages verschwinden wird? Worin unterscheidet sich die mahomedanische Religion in diesem Punkte von andern Religionen? Alle Religionen sind intolerant, jede auf ihre Weise. Die christliche Religion, ich will sagen die Gesellschaft, welche ihren Ideen und Lehren folgt und die sie nach ihrem Bilde gestaltet hat, ist aus der ersten Periode hervorgegangen, welche ich so eben angedeutet habe. Später frei und unabhängig, scheint sie rasch auf der Bahn des Fortschritts und der Wissenschaften voranzukommen, während die muselmännische Gesellschaft sich noch nicht von der Vormundschaft der Religion befreit hat. Wenn ich nun aber bedenke, dass die christliche Religion um mehrere Jahrhunderte früher in der Welt aufgetreten ist als die mahomedanische, dann kann ich mich der Hoffnung nicht entschlagen, dass auch die mahomedanische Gesellschaft eines Tages dazu gelangen wird, ihre Fesseln zu brechen und entschlossen auf der Bahn der Civilisation fortzuschreiten nach dem Beispiel der abendländischen Gesellschaft, für welche der christliche Glaube trotz seiner strengen Gesetze und seiner Intoleranz kein unüberwindliches Hinderniss gewesen ist. Nein, ich kann nicht gestatten, dass diese Hoffnung dem Islam geraubt werde. Ich vertheidige hier vor Herrn Renan nicht die Sache der mahomedanischen Religion, sondern diejenige mehrerer hundert Millionen Menschen, die ihm zufolge verurtheilt wären, in der Barbarei und Unwissenheit fortzuleben.

In Wahrheit hat die mahomedanische Religion die Wissenschaft zu ersticken und ihre Fortschritte zu hindern sich bemüht. Es ist ihr gelungen, die geistige oder philosophische Bewegung zu hemmen und die Geister von der Erforschung wissenschaftlicher Wahrheit abzuhalten. Ein solcher Versuch, wenn ich mich nicht täusche, ist auch seitens der christlichen Religion gemacht worden und die verehrten Häupter der katholischen Kirche haben meines Wissens die Waffen noch nicht niedergelegt. Sie fahren fort, mit Eifer gegen das zu kämpfen, was sie den Geist des Schwindels und des Irrthums nennen. Ich kenne die Schwierigkeiten alle, welche die Moslemin zu überwinden haben werden, um dieselbe Stufe der Civilisation zu erreichen, da ihnen der Zutritt zur Wahrheit auf philosophischem und wissenschaftlichem Wege untersagt ist. Ein wahrhaft Gläubiger soll sich in der That von Studien abwenden, deren Ziel die wissenschaftliche Erkenntniss ist, von denen überhaupt jede Erkenntniss nach einer in Europa gültigen Ansicht abhängt. An das Dogma, dessen Sklave er ist, wie ein Ochse an den Pflug gespannt, muss er ewig in derselben ihm von den Auslegern des Gesetzes vorgezeichneten Furche einherschreiten. […] Wozu sich in fruchtlosen Anstrengungen erschöpfen? Wozu soll es ihm nützen, nach Wahrheit zu forschen, wenn er die Wahrheit ganz zu besitzen glaubt? Wäre er etwa glücklicher an jenem Tage, an dem er den Glauben verloren, dass alle Vollkommenheit in der Religion liegt, die er ausübt, und nicht in einer andern? So verachtet er denn die Wissenschaft. Ich weiss das, aber ich weiss auch, dass jenes mohamedanische oder arabische Kind, von welchem Herr Renan uns in so kräftigen Zügen ein Bildniss gibt, und das in vorgeschrittenem Alter "ein Fanatiker wird, voller Hochmuth das zu besitzen, was es für die absolute Wahrheit ansieht," einer Rasse angehört, die ihr Auftreten in der Welt nicht allein durch Feuer und Schwert, sondern durch glänzende und fruchtbringende Thaten bezeichnet hat, welche ihren Geschmack an der Wissenschaft, an allen Wissenschaften, die Philosophie mit inbegriffen, bewiesen, mit welcher, ich muss es zugeben, sie freilich nicht lange in Frieden zusammengelebt. […]

Hier tritt uns voll und ganz die Verantwortlichkeit der mahomedanischen Religion entgegen. Es ist klar, dass diese Religion überall da, wo sie sich festgesetzt, die Wissenschaften zu ersticken gesucht, und sie ist in diesem ihrem Zweck wunderbar vom Despotismus unterstützt worden. Al-Siuti erzählt, dass der Khalife Al-Hadi in Bagdad 5000 Philosophen hat abschlachten lassen, um die Wissenschaften in muselmännischen Ländern bis auf die Wurzel auszurotten. Wenn man auch annimmt, dass jener Geschichtsschreiber die Zahl der Opfer übertrieben, so steht darum nicht minder fest, dass jene Verfolgung stattgefunden, und es ist dies ein Schandfleck für die Geschichte einer Religion wie für die Geschichte eines Volkes. Ich könnte aber in der Vergangenheit der christlichen Religion analoge Thatsachen auffinden. Die Religionen, mit welchem Namen man sie auch bezeichnen möge, gleichen sich alle. Keine Verständigung, keine Aussöhnung ist zwischen den Religionen und der Philosophie möglich. Die Religion auferlegt dem Menschen ihren Glauben, während die Philosophie ihn ganz oder zum Theil davon befreit. […]

So lange die Menschheit lebt, wird der Kampf zwischen dem Dogma und der freien Forschung, zwischen Religion und Philosophie nicht aufhören, ein heftiger Kampf, in welchem, wie ich befürchte, der Triumph nicht auf Seiten des freien Gedankens sein wird, weil die Vernunft der Menge nicht zusagt und ihre Lehren nur von auserlesenen Intelligenzen begriffen werden, weil auch die Wissenschaft trotz all ihrer Schönheit die Menschheit nicht ganz befriedigt, die nach einem Ideal dürstet und, gern in dunkeln und fernen Regionen schwebt, welche die Philo­sophen und Gelehrten weder zu schauen noch zu erforschen vermögen.

Djemmal Eddin, Afghane.

Erwiderung von Ernest Renan, 18. Mai 1883.

Man hat mit dem ihnen gebührenden Interesse die sehr verständigen Reflexionen gelesen, zu denen mein letzter in der Sorbonne gehaltener Vortrag dem Scheik Djemmal Eddin die Veranlassung gegeben. Es ist ausserordentlich lehrreich, die Denkweise des aufgeklärten Asiaten in ihren aufrichtigen und ureigenen Darlegungen also kennen zu lernen. Wenn man die mannigfaltigsten Stimmen anhört, die von allen Seiten des Horizonts uns erreichen, so gelangt man zu der Ueberzeugung, dass wenn die Religionen die Menschen trennen, die Vernunft sie einander nähert, und dass es im Grunde nur eine und dieselbe Vernunft gibt. Die Einheit des menschlichen Geistes ist das grosse und tröstende Ergebniss, das aus dem friedlichen Zusammenstoss der Ideen sich darstellt, wenn man die gegentheiligen Aussprüche der sogenannten übernatürlichen Offenbarungen bei Seite lässt. Die Liga der verständigen Geister des ganzen Erdballs gegen den Fanatismus und Aberglauben wird scheinbar nur von einer unbedeutenden Minorität gebildet. Im Grunde ist dies die einzige dauerhafte Liga, denn sie stützt sich auf die Wahrheit, und sie wird schliess1ich den Sieg gewinnen, nachdem die rivalisirenden Fabeln sich in Jahrhunderte langen ohnmächtigen Konvulsionen erschöpft haben werden.

Vor ungefähr zwei Monaten machte ich die Bekanntschaft des Scheik Djemmal Eddin.[4]*) Wenige Personen haben einen lebhafteren Eindruck auf mich gemacht. Die Unterhaltung, die ich mit ihm gehabt, führte mich wesentlich zu dem Entschluss, als Thema meines Vortrages in der Sorbonne die Beziehungen des wissenschaftlichen Geistes zum Islam zu wählen. Der Scheik Djemmal Eddin ist ein Afghane, der von den Vorurtheilen des Islam völlig frei geworden; er gehört jenen kräftigen Rassen des oberen, an Indien grenzenden Iran an, in denen der arische Geist noch so energisch unter der dünnen Hülle des officiellen Islam fortlebt. Er ist selber der beste Beweis jenes grossen Axioms, das wir so oft proklamirt haben, dass die Religionen das werth sind, was die Rassen werth sind, die sich zu ihnen bekennen. […]


[1] Der Islam und die Wissenschaft. Vortrag gehalten in der Sorbonne am 29. März 1883, Kritik dieses Vortrags vom Afghanen Scheik Djemmal Eddin und Ernest Renan’s Erwiderung. Autorisierte Übersetzung, Basel 1883, S. 1-48.

[2] *) Der Scheik Djemmal Eddin, 1848 in Kabul geboren, stammt aus einer fürstlichen Familie. Nachdem er seine Studien in Kabul abgeschlossen, betheiligte er sich zu Gunsten des Emirs Afdal Khan an einem der häufigen Bürgerkriege seines Landes. Der Emir wurde geschlagen und Djemmal Eddin flüchtete sich nach Indien und von dort nach Konstantinopel. Der Sultan ermächtigte ihn, in der Aja Sophia und in der Moschee Achmed's religiöse Vorträge zu halten; aber Djemmal Eddin erbitterte durch seine freisinnigen Lehren die Ulemas so sehr, dass er die türkische Hauptstadt verlassen musste. Er kam nun nach Kairo und wurde Lehrer der Philosophie bei den Zöglingen der Moschee del Ashar. Als in Egypten eine nationale und zugleich liberale Parthei auf der Scene erschien, trat Djemmal Eddin als politischer Redner auf. Er machte es sich zur Aufgabe, die Pläne Englands auf Egypten an's Licht zu ziehen und vor ihnen zu warnen, was seine Verhaftung durch die egyptischen Behörden und seine gezwungene Uebersiedlung nach Indien zur Folge hatte, wo er zwei Jahre lang unter englischer Polizeiaufsicht verweilte. Djemmal Eddin lebt seit Anfang dieses Jahres in Paris, er trägt die Tracht eines Ulema.

[3] *) Ob der gelehrte Afghane wohl Lessing's "Erziehung des Menschengeschlechts" kannte, als er obige Zeilen niederschrieb? Es ist nicht wahrscheinlich. Um so interessanter ist die Uebereinstimmung seines Gedankenganges mit demjenigen des grossen Deutschen. Anmerk. des Uebersetzers.

[4] *) Obige Zeilen sind am 18. Mai 1883 geschrieben worden. (Anm. d. Uebers.)

Zitation
Religion, Rasse und Wissenschaft. Ernest Renan im Disput mit Jamal al-Din al-Afghani, in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2007, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3417>.
Für das Themenportal verfasst von

Birgit Schäbler

( 2007 )
Zitation
BirgitSchäbler , Religion, Rasse und Wissenschaft. Ernest Renan im Disput mit Jamal al-Din al-Afghani, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2007, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3417>.
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