Churchills Vision der Vereinigten Staaten von Europa

Gordon Brown ist nicht zu beneiden. Zunächst musste der britische Premierminister ein gleich zweifach schwieriges Erbe antreten: Zum einen hatte sich Tony Blair mit drei Wahlsiegen in Folge einen Ehrenplatz in den Annalen der Labour Party erworben. Zum anderen war Blairs Abschied aus 10 Downing Street jedoch durch das Unbehagen der britischen Öffentlichkeit angesichts der irakischen Unwägbarkeiten merklich beschleunigt worden. Hinzu gesellten sich alsbald jene Verschleißerscheinungen, die eine nahezu unbeschränkt herrschende Mehrheitspartei nach einem Jahrzehnt in power mit fast systemimmanenter Zwangsläufigkeit heimsuchen. Den Tories war es unter John Major ja nicht anders ergangen. Und dann Europa. Immer wieder Europa. [...]

Churchills Vision der Vereinigten Staaten von Europa[1]

Von Gerhard Altmann

Gordon Brown ist nicht zu beneiden. Zunächst musste der britische Premierminister ein gleich zweifach schwieriges Erbe antreten: Zum einen hatte sich Tony Blair mit drei Wahlsiegen in Folge einen Ehrenplatz in den Annalen der Labour Party erworben. Zum anderen war Blairs Abschied aus 10 Downing Street jedoch durch das Unbehagen der britischen Öffentlichkeit angesichts der irakischen Unwägbarkeiten merklich beschleunigt worden. Hinzu gesellten sich alsbald jene Verschleißerscheinungen, die eine nahezu unbeschränkt herrschende Mehrheitspartei nach einem Jahrzehnt in power mit fast systemimmanenter Zwangsläufigkeit heimsuchen. Den Tories war es unter John Major ja nicht anders ergangen. Und dann Europa. Immer wieder Europa. Wie ein Menetekel scheint der Name des Alten Kontinents an den Wänden von Whitehall zu prangen. Nachdem sich die Konservative Partei seit Mitte der neunziger Jahre in europapolitischen Grabenkämpfen selbst zerfleischt hatte und so – mit dem Hautgout des Sektiererischen behaftet – für das Gros der Wähler nicht länger als satisfaktionsfähig galt, muss nun Brown sein europäisches Gesellenstück abliefern. Die staatsrechtliche Spitzfindigkeit, mit der er den europäischen Verfassungsvertrag vor einem britischen Referendum bewahren möchte, hat die lendenlahme Opposition auf den Plan gerufen. Die Tories wittern Verrat an hehren Wahlkampfversprechen und wollen Brown in einen Dauerwahlkampf mit europapolitischer Schlagseite verwickeln. Doch woher kommt es, dass sich die Parteien Großbritanniens mit unvergleichlicher Wollust dem Zankapfel Europa hingeben? Um es vorwegzunehmen: Die Insellage und das Empire allein erklären gar nichts. Es lohnt sich daher, einen Blick zurück auf den Beginn der britisch-europäischen Mesalliance nach dem Zweiten Weltkrieg zu werfen.

Gut ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs wandte sich Winston Churchill an die akademische Jugend der Universität Zürich. Ohne sich regierungsamtliche Rücksichten auferlegen zu müssen, konnte der britische Oppositionsführer seine Gedanken über die Zukunft Europas schweifen lassen. Mit gewohnter rhetorischer Finesse entwarf der abgewählte Kriegsheld dabei ein Szenario, das Europa den Weg aus der selbstverschuldeten Erniedrigung ebnen sollte. Noch sei nämlich ein Zeitfenster geöffnet, um vor dem „approach of some new peril“ die Gelegenheit zu einem europäischen Neuanfang zu ergreifen. Dazu müssten die Europäer jedoch über ihre Schatten springen und die von den „Teutonic nations“ entfachten „frightful nationalistic quarrels“ ein für allemal beilegen. Am Ende dieses, so Churchill, durchaus einfachen Prozesses, in dessen Verlauf „the European Family“ neu erschaffen würde, stünden die „United States of Europe“. Die Wiedergeburt Europas aus den Ruinen des dreißigjährigen Kriegs Deutschlands um die Hegemonie auf dem Kontinent müsste indes nicht voraussetzungslos vonstatten gehen. Churchill verwies auf die Vorarbeit, die Graf Coudenhove-Kalergi und Aristide Briand in der Zwischenkriegszeit geleistet hätten. Auch der Völkerbund sei durch sein Scheitern nicht diskreditiert worden. Vielmehr habe die Idee, verschiedene Staaten unter dem Dach einer nationale Partikularinteressen überwölbenden Organisation zusammenzuführen in den Vereinten Nationen neue Gestalt angenommen. Und neben dem britischen Geschenk an die Weltgemeinschaft, dem Commonwealth of Nations, habe eine europäische Gruppierung ebenfalls ihre Berechtigung.

Bei aller Begeisterung für seine Vision eines wiedervereinigten Europas übersah Churchill die allenthalben lauernden Fallstricke freilich nicht. Doch zwei Willensakte sollten verhindern, dass Europa vor lauter Vergangenheitsfixierung die Chancen einer gemeinsamen Zukunft aus den Augen verlor. Ein „act of faith“ müsse den Grundstein für das europäische Haus legen, in das dann unter den Auspizien eines „enlarged patriotism“ die bislang verfeindeten Nationen einziehen. Und nach der unerlässlichen Bestrafung der Schuldigen und der Reduzierung Deutschlands auf ein für alle Europäer erträgliches und berechenbares Maß bedürfe es – so Churchill William Gladstone zitierend – eines „blessed act of oblivion“, damit nicht Rachsucht die Oberhand über die Zukunft Europas gewinne. Der Elder Statesman aus Großbritannien, der sich in seiner Rolle als Oppositionsführer im Unterhaus kaum ausgelastet gefühlt haben dürfte, versuchte, seine Zürcher Zuhörern zu verblüffen, als er ihnen den ersten Schritt auf dem Weg zur Wiedergeburt der europäischen Familie skizzierte. Denn immerhin beschwor Churchill eine „partnership between France and Germany“ als unabdingbare Gründungsvoraussetzung der Vereinigten Staaten von Europa – ein zweifelsohne ambitioniertes Unterfangen vor dem Hintergrund zweier Weltkriege, aber andererseits nicht präzedenzlos, wenn man auf die Aussöhnungsbemühungen der zwanziger Jahre schaut. Und genau in diesem Punkt hat Churchills Vision dann auch die tatsächliche Entwicklung am präzisesten vorweggenommen.

Wenn Frankreich und Deutschland aus Churchills Sicht die Führungsrolle im Prozess der europäischen Wiedervereinigung zufalle, welche Funktion bliebe dann Großbritannien? Abgesehen von dem Hinweis auf das Commonwealth hatte sich Churchill über die britische Haltung Europa gegenüber ausgeschwiegen. Erst am Ende seiner Rede äußerte er sich hierzu konkreter, allerdings in einer Weise, die einen Vorgeschmack auf Großbritanniens zukünftige Rolle als „awkward partner“[2] Europas bot: Großbritannien, das Commonwealth, Amerika, im Idealfall auch die Sowjetunion müssten „the friends and sponsors of the new Europe“ sein. Damit zeichnete der Kriegspremier den Sonderweg vor, den Großbritannien fortan in europäischen Fragen beschreiten sollte. Denn Churchill empfahl dem Vereinigten Königreich, den Prozess des Zusammenwachsens Europas wohlwollend zu begleiten und zu fördern. Von einer aktiven Teilhabe Großbritanniens an der europäischen Integration war indes nicht die Rede.

Zwei Jahre nach seiner Zürcher Rede erläuterte Churchill vor Parteifreunden seine geopolitische Mengenlehre. Drei Kreise seien es, in denen sich die freien Nationen bewegten: das britische Commonwealth und Empire, die englischsprachige Welt, wozu Churchill die „weißen“ Dominions und die Vereinigten Staaten von Amerika zählte, sowie ein Vereinigtes Europa. Großbritannien spiele deshalb eine besondere Rolle in der freien Welt, weil es als einziger Staat an allen drei Kreisen partizipiere.[3] Unabhängig von der politischen Couleur der Verantwortlichen in London blieb diese strategische Matrix bis zum Ende der sechziger Jahre maßgeblich für die außenpolitische Orientierung Großbritanniens. Dabei konnte freilich niemandem in Whitehall verborgen bleiben, dass sich mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs die geopolitischen Gewichte dauerhaft verschoben hatten. Innerhalb des neuen, bipolaren Kraftfelds wurde auch die insulare Imperialnation in jene Entscheidungssituation hineingezwungen, die fast allen europäischen Staaten ein Glaubensbekenntnis abverlangte. Und dass sich London der Führung Washingtons anschließen würde, stand zu keinem Zeitpunkt in Frage. Gleichwohl erschien es Großbritannien in dem Vierteljahrhundert nach Ende des Kriegs als Gebot nationaler Selbstachtung to punch above its weight. Und im Grunde genommen ist dieser Habitus des Führen-Wollens bis heute als Movens britischer Außenpolitik spürbar, wie zuletzt der Irak-Krieg des Tandems Bush-Blair gezeigt hat.[4] Die – keineswegs unumstrittene – Special Relationship mit den Vereinigten Staaten wirkte gewissermaßen wie eine Frischzellenkur für die britische Weltmachtrolle, die auf der singulär erfolgreichen Verknüpfung des überseeischen Engagements mit einer globalisierten Industrieproduktion beruht hatte. Die Tradition britischer Herrschaft über Ozeane und Kontinente hinweg schien London sogar eine besondere Verantwortung aufzuerlegen: Wer sonst wäre angesichts der strategischen Turbulenzen, die Hitlers Krieg ausgelöst hatte, in der Lage gewesen, einer aus den Fugen geratenen Welt die Richtung zu weisen? Und auch wenn sich 1945 das Ende der europäischen Kolonialreiche deutlich am Horizont der Nachkriegszeit abzeichnete, so herrschte selbst unter den Befürwortern einer raschen Dekolonisation Einvernehmen darüber, dass man „rasch“ unter den spezifischen Bedingungen afrikanischer und asiatischer Verhältnisse interpretieren musste. Insgesamt drängte sich also die europäische Integration Großbritannien nicht als Bereicherung der eigenen Staatsraison auf, sondern war eher als Konzept für jene anderen europäischen Länder gedacht, die 1945 auf den Scherbenhaufen ihrer Geschichte blickten.

Zwei Aspekte sind in diesem Zusammenhang aufschlussreich, da sie verstehen helfen, weshalb Großbritannien bis heute – und dies keineswegs nur in der Außenwahrnehmung – als „a stranger in Europe“[5] erscheint. Erstens galt das europäische Einigungswerk den Verantwortlichen in London lange Zeit als eine Art Krücke, mit deren Hilfe sich die geschlagenen Nationen von 1945 wiederaufrichten sollten. All jene, die sich wie Deutschland dem Totalitarismus verschrieben oder sich wie Frankreich im Zwielicht der Kollaboration kompromittiert hatten, bedurften nach dem Krieg eines neuen Daseinszwecks, da der alte Nationalstaat mit seinen hochgemuten Verheißungen in Trümmern lag. Nicht so in Großbritannien. Die Abwehr einer Invasion der Wehrmacht 1940 befeuerte dort die ohnehin stark ausgeprägte Überzeugung, auf dem bewährten Pfad der seit 1066 im Wesentlichen ungebrochenen Nationalgeschichte in die Zukunft voranschreiten zu können. Jede Preisgabe nationaler Souveränität zugunsten supranationaler Einheiten musste demnach die Freiheitsgeschichte seit den Tagen der Glorious Revolution Lügen strafen. Wenn Churchill 1946 in Zürich seinen Zuhörern die Zukunft eines Europas ausmalte, das „as free and as happy as Switzerland“[6] sein könne, dann ist dies als captatio benevolentiae zu verstehen, in der die Schweiz lediglich als rhetorischer Platzhalter für Großbritannien selbst fungierte. Eng damit zusammen hängt, zweitens, die britische Sicht auf die „deutschen Kriege“ des 20. Jahrhunderts. Als die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft Mitte der fünfziger Jahre Gestalt anzunehmen begann und Westdeutschland im Glanz des „Wirtschaftswunders“ die Schatten der Niederlage von 1945 vergessen machte, regte sich bei vielen Briten ein gewisser Argwohn: Sollte Deutschland auf friedlichem Wege gelingen, was ihm mit kriegerischen Mitteln versagt blieb, nämlich die Hegemonie Europas zu erringen? Dann wäre es womöglich fatal, einer Gemeinschaft beizutreten, deren institutionelles Gepräge so unübersehbar kontinentale Vorstellungen widerspiegelte. Aus der Distanz, durchaus wohlwollend, aber keinesfalls mit bindender Wirkung für Großbritannien selbst wollte man die kontinentale Einigung als Rückversicherung gegen einen dritten Zusammenbruch der europäischen Zivilisation unterstützen. Als Churchill 1946 generös Frankreich und Deutschland die Führung der Vereinigten Staaten von Europa zusprach, setzte er vermutlich auch darauf, dass dieser Prozess langwierig sein und viele Ressourcen in Anspruch nehmen würde. In dieser Zeit konnte sich Großbritannien getrost der Regeneration seiner Weltmachtrolle widmen. Letzteres gelang freilich nur eingeschränkt, wohingegen das französisch-deutsche Duumvirat tatsächlich zum Schrittmacher der europäischen Integration avancierte – mit folgenschweren Konsequenzen für die verspäteten europäischen Ambitionen Großbritanniens.

Churchills Zürcher Rede erhellt die historischen Hypotheken, mit denen jeder Premierminister seit dem britischen EG-Beitritt im Jahr 1973 rechnen muss. Margaret Thatcher hat in den achtziger Jahren zwar keinen Zweifel daran gelassen, dass sie Vereinigten Staaten von Europa die kalte Schulter zeigen würde. Was aber, wenn die anderen Mitgliedsstaaten genau das anstreben: einen europäischen Nationalstaat? Als sich Churchills Option der splendid inspiration von einem vorgeschobenen Beobachterposten aus nicht länger durchhalten ließ; als Großbritannien unter Premierminister Macmillan Anfang der sechziger Jahre erstmals ein Beitrittsgesuch in Brüssel einreichte, nur um durch Präsident de Gaulles Non gedemütigt zu werden; und als die Mitgliedschaft Anfang der siebziger Jahre dann doch vollzogen wurde, hatte Großbritannien die Chance vergeben, die Logik der europäischen Integration nach eigenen Vorstellungen zu prägen. Zwar gilt Großbritannien unter EU-Juristen heute als Musterknabe, der europäische Richtlinien zügiger in nationales Recht umsetzt als etwa Deutschland oder Frankreich. Und die Einheitliche Europäische Akte von 1987, die das Tor zum Gemeinsamen Binnenmarkt aufstieß, trägt deutlich die marktliberale Handschrift Margaret Thatchers. Doch dies ändert nichts an dem für alle Beteiligten unbefriedigenden Gesamteindruck, dass man in London der Entwicklung hinterherläuft und bestenfalls schmollend die Opt-Out-Klausel zücken kann, um eine weitere Integrationsstufe zumindest für Großbritannien zu umgehen. Was sich im Jahr 1946 wie der Königsweg in die europäische Zukunft ausnahm, entpuppt sich für Großbritannien zu Beginn des 21. Jahrhunderts daher mehr und mehr als Spießrutenlauf.



[1] Zugehörige Quelle: The Tragedy of Europe. Winston Churchills Rede an der Universität Zürich (19. September 1946).

[2] George, Stephen, An Awkward Partner. Britain in the European Community, Oxford 32004.

[3] Vgl. Churchill, Winston, His Complete Speeches 1897-1963, Volume VII 1943-1949, hg. von Robert Rhodes James, New York u.a. 1974, S. 7712.

[4] Vgl. Deighton, Anne, The Past in the Present: British Imperial Memories and the European Question, in: Müller, Jan-Werner (Hg.), Memory and Power in Post-War Europe. Studies in the Presence of the Past, Cambridge 2002, S. 100-120, hier S. 100 u. 119f.

[5] Wall, Stephen, A Stranger in Europe. Britain and the EU from Thatcher to Blair, Oxford 2008.

[6] s. Quelle zu diesem Essay.



Literaturhinweise:

  • Broad, Roger, Labour’s European Dilemmas. From Bevin to Blair, Basingstoke 2001.
  • Holland, Robert F., The Pursuit of Greatness. Britain and the World Role 1900-1970, London 1991.
  • Turner, John, The Tories and Europe, Manchester/New York 2000.
  • Young, Hugo, This Blessed Plot. Britain and Europe from Churchill to Blair, Basingstoke/Oxford 1999.

Zitation
Churchills Vision der Vereinigten Staaten von Europa , in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2008, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3428>.
Für das Themenportal verfasst von

Gerhard Altmann

( 2008 )
Zitation
GerhardAltmann , Churchills Vision der Vereinigten Staaten von Europa, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2008, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3428>.
Navigation