Im Schatten des Kulturkampfes: Katholische Schwestern in Skandinavien. Beitrag zum Themenschwerpunkt "Europäische Geschichte - Geschlechtergeschichte"

Im Spätsommer des Jahres 1877 begab sich eine kleine Gruppe junger Novizinnen der Schwestern von der heiligen Katharina aus der ostpreußischen Stadt Braunsberg auf eine Reise nach Skandinavien. Ziel war die finnische Hauptstadt Helsinki, die damals den schwedischen Namen Helsingfors trug. Die Schwestern wollten hier in der katholischen Kirchengemeinde als Lehrerinnen arbeiten. Wie sie waren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Männer und Frauen im Namen der Kirche unterwegs in Europa. Sie hatten sich die Verkündigung des Evangeliums zur Aufgabe gemacht und arbeiteten vor allem im Schulwesen und in der Krankenpflege. Eingebunden in religiöse Netzwerke reisten also nicht nur Missionare, Ordensmänner, Brüder oder Diakone, sondern auch Ordensfrauen, Diakonissen, Schwestern und Missionarinnen. Doch was bedeuteten diese weiblichen Aktivitäten? [...]

Im Schatten des Kulturkampfes: Katholische Schwestern in Skandinavien[1]

Von Relinde Meiwes

Im Spätsommer des Jahres 1877 begab sich eine kleine Gruppe junger Novizinnen der Schwestern von der heiligen Katharina aus der ostpreußischen Stadt Braunsberg auf eine Reise nach Skandinavien. Ziel war die finnische Hauptstadt Helsinki, die damals den schwedischen Namen Helsingfors trug. Die Schwestern wollten hier in der katholischen Kirchengemeinde als Lehrerinnen arbeiten. Wie sie waren seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Männer und Frauen im Namen der Kirche unterwegs in Europa. Sie hatten sich die Verkündigung des Evangeliums zur Aufgabe gemacht und arbeiteten vor allem im Schulwesen und in der Krankenpflege. Eingebunden in religiöse Netzwerke reisten also nicht nur Missionare, Ordensmänner, Brüder oder Diakone, sondern auch Ordensfrauen, Diakonissen, Schwestern und Missionarinnen.[2] Doch was bedeuteten diese weiblichen Aktivitäten? Was für ein Lebensentwurf verband sich für die Schwestern und Ordensfrauen mit ihrem Leben in klösterlicher Gemeinschaft?

Die Gemeinschaft der Katharinenschwestern war eine für das 19. Jahrhundert typische Erscheinung des gemeinschaftlichen religiösen Frauenlebens in der katholischen Kirche.[3] Schon 1571 im Ermland – einem katholischen Vorposten im seit der Reformation protestantischen Preußen – von Regina Protmann gegründet, erlebte die Kongregationen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts einen Aufschwung. So lebten hier im Jahre 1875 insgesamt 179 Schwestern, die mehrheitlich als Lehrerinnen arbeiteten, nur eine kleine Minderheit engagierte sich in der Krankenpflege. Der in Preußen nach der Reichsgründung beginnende Kulturkampf gegen die katholische Kirche setzte ihren Aktivitäten gleichwohl ein Ende, schließlich untersagte die neue Gesetzgebung jegliches Engagement katholischer Schwestern im höheren wie vor allem im niederen Schulwesen.[4] Auch die Katharinenschwestern mussten sich daraufhin neu orientieren und nach alternativen Betätigungsfeldern suchen. War die Reise der Novizinnen nach Helsinki somit auch aus der Not geboren, eröffnete ihnen in der Rückschau betrachtet der Kulturkampf dennoch eine unerwartete Chance.

Der vorliegende Text gibt über die bemerkenswerte Reise der Novizinnen Auskunft; es ist eine außergewöhnliche Quelle, denn autobiographische Zeugnisse katholischer Schwestern sind selten.[5] Die Verfasserin, Johanna Boenke (1853–1923), war eine ungewöhnliche Person; sie berichtete vergleichsweise ausführlich über die Reise selbst sowie über die Lebens- und Arbeitsweise der kleinen Frauengemeinschaft in der finnischen Hauptstadt. Der Bericht wurde für das sogenannte Hausbuch – die Chronik des Generalmutterhauses der Schwestern von der heiligen Katharina im ostpreußischen Braunsberg – geschrieben. Unter dem Titel „Mehrjähriger Aufenthalt dreier Novizen in Helsingfors“ wurde der 1893 verfasste, 31 Seiten lange Text an dieser Stelle dokumentiert. Mehr als zehn Jahre nach ihrer Rückkehr aus Helsinki erzählte Johanna Boenke über ihre Aktivitäten jenseits der ostpreußischen Landesgrenzen. Ihrer guten Beobachtungsgabe sind aufschlussreiche Informationen zu verdanken, der Bericht ist schließlich das einzige erhaltene Dokument über die Tätigkeit der Katharinenschwestern in Finnland.[6]

Für die Geschichte der Schwestern von der heiligen Katharina war die Gründung einer Niederlassung in Finnland ein weiterer Schritt auf dem Weg zu einer transnational agierenden religiösen Frauengemeinschaft. Der erste Versuch einer Ausbreitung über die Landesgrenzen hinaus lag mehr als 200 Jahre zurück. Im litauischen Krakés hatte man 1645 ein Kloster gegründet, welches allerdings bis in die 1920er-Jahre in bemerkenswerter Unabhängigkeit vom deutschen Mutterhaus arbeitete. In den 1870er-Jahren richtete sich der Blick nicht nach Litauen, sondern auf das weiter entfernt gelegene protestantische Skandinavien. Hier wollten die Novizinnen ein gemeinschaftliches religiöses Leben praktizieren, und das in vergleichsweise großer Unabhängigkeit von der Kongregationsleitung im fernen Ostpreußen.

Der Kulturkampf bot den jungen Novizinnen die unerwartete Gelegenheit, das Mutterhaus zu verlassen, denn wie viele deutsche Kongregationen und Orden suchten auch die Schwestern von der heiligen Katharina den Restriktionen im Inland durch Verlagerung von Aktivitäten ins Ausland zu entgehen. Während die in den westlichen Provinzen Preußens ansässigen Kongregationen oft Niederlassungen in Holland, Belgien, Frankreich oder gar in Übersee wählten, gab es am nordöstlichen Rand Europas offenbar andere Optionen, aber auch andere Herausforderungen. Denn anders als die Schwestern aus westlicher gelegenen Regionen des Deutschen Reiches, die sich häufig an Orten ansiedelten, an denen es bereits eine entwickelte Infrastruktur katholischen Lebens gab, war die Arbeit im Norden und Osten anders gelagert. Nennenswerte katholische Niederlassungen und Netzwerke gab es allenfalls in Polen oder Litauen. Die Arbeit in den skandinavischen Ländern galt somit der katholischen Diaspora und folgte vor allem dem Ziel der Missionierung.

Warum die Kongregationsleitung ausgerechnet Johanna Boenke auswählte, um die Gruppe der drei Novizinnen nach Finnland zu führen, darüber lässt sich nur mutmaßen. Die im ermländischen Bischofsstein geborene angehende Lehrerin trat 1871 mit 18 Jahren der Kongregation bei und setzte zunächst ihre pädagogische Ausbildung fort. Bereits im Noviziat arbeitete Boenke als Lehrerin. Außerdem war sie sprachbegabt, wie sich später noch zeigen sollte, und eine durchaus abenteuerlustige Person. Schon zwei Jahre vor ihrer Reise nach Helsinki war Boenke offenbar für eine ähnliche Unternehmung vorgesehen gewesen. Das Projekt scheiterte zwar, doch selbstbewusst kommentierte sie dies mit den Worten: „Von da an dachte ich nicht im entferntesten daran, jemals auswandern zu dürfen.“ Diese Aussage ist bemerkenswert, denn dass Schwestern oder angehende Schwestern ihre persönlichen Wünsche und Hoffnungen gleichsam offen artikulierten, ist ein Novum, schließlich betonten sie in der Regel das Gebot, dass sämtliche ihrer Taten und Vorstellungen stets allein dem göttlichen oder dem kirchlichen Auftrag folgten. Wie selbstbewusst sich Johanna Boenke im katholischen Milieu bewegte, zeigt sich etwa auch, wenn sie in ihrem Bericht anschaulich schildert, wie sie sich während ihrer Reise nach Finnland in einem pommerschen Hotel verhielt: „Dr. Martin Luther, der über meinem Bette hing, mußste sich gefallen lassen, daß ich ihn für diese Nacht in einen Winkel platzierte. Die Lachmuskeln ziehen sich heute noch zusammen, wenn ich an die Fahrt vom Hotel bis an den Bahnhof denke.“

Wie es zu den ersten Kontakten zwischen den Katharinenschwestern und den wenigen Katholiken in der finnischen Diaspora kam, ist eine komplizierte Geschichte.[7] In Finnland lebte, seitdem das Land sich im 16. Jahrhundert mehrheitlich der Reformation zugewandt hatte, nur noch eine verschwindende Minderheit von Katholikinnen und Katholiken, doch Mitte des 19. Jahrhunderts begann die katholische Kirche ihre Missionsbestrebungen im nördlichen Europa zu forcieren. In Helsinki begann 1869 ein vom Bistum Münster entsandter Pastor mit der Missionstätigkeit. An der von ihm eingerichteten katholischen Schule sollten auch die Novizinnen der Katharinenschwestern unterrichten, es gab also durchaus Bedarf an katholischen Lehrerinnen.

Im Juli 1877 bekam Johanna Boenke, die als Lehrerin in Rössel arbeitete, von der Generalleitung aus Braunsberg einen Brief. Dieser enthielt die Bitte, binnen vier Wochen nach Finnland zu reisen. Johanna Boenke – obschon zu der Zeit bereits Novizin der Katharinenschwestern – sollte ihr Ordenskleid ablegen und dort als weltliche Lehrerin arbeiten, die beiden Novizinnen Antonia (Salesia) Appelbaum und Johanna (Ludvina) Ehlert sollten sie begleiten. Die Bedeutung der Unternehmung für die katholische Kirche des Ermlands zeigt sich darin, dass der ermländische Bischof Philipp Krementz die kleine Gruppe persönlich verabschiedete und sie für ihre Reise mit religiöser Literatur versorgte. Auch der für die Schwestern zuständige Superior Joseph Grunenberg kümmerte sich offenbar um die Reisenden und arbeitete für sie eine genaue Beschreibung der Route von Braunsberg bis Lübeck aus. Die Generaloberin Adelheid Keuchel, ihre Assistentin und die Novizenmeisterin gaben ebenfalls zahlreiche gute Ratschläge. Am Abend des 22. August 1877 legten die drei Reisenden ihre Ordenskleider ab, was Johanna Boenke bitter kommentierte: „Es war mir, als riß ich Stücke vom eigenen Herzen los.“ Außerdem legten die Frauen auch ihren Klosternamen ab. So verloren sie die wichtigsten klösterlichen Insignien: Ohne Schleier und mit bürgerlichem Namen konnten sie nicht mehr als Angehörige eines katholischen Ordens oder einer Kongregation erkannt werden. Für die Kommunikation mit dem Generalmutterhaus und der Generaloberin verabredeten sie eine Geheimsprache, doch wissen wir nicht, ob sie tatsächlich benutzt wurde. Berlin bewusst meidend fuhren die drei Frauen über Marienburg, Schneidemühl und Stettin mit der Eisenbahn nach Lübeck, von dort aus ging die Reise weiter mit dem Dampfer nach Helsinki. Die Reise trug einen regelrecht konspirativen Charakter, denn ganz offenbar wollten die Frauen angesichts des noch andauernden Kulturkampfes nicht als Mitglieder einer religiösen Gemeinschaft erkannt werden.

Bei ihrer Ankunft wurden die drei Frauen vom örtlichen Pfarrer und von einigen lokalen katholischen Honoratioren empfangen und begannen schon bald danach mit ihrer Arbeit. Unter dem Namen „Fräulein Johanna Boenke“ unterrichtete die spätere Schwester Eustachia von September 1877 bis März 1882 an der katholischen Elementarschule, wie ihrem Zeugnis über ihre dortige Tätigkeit zu entnehmen ist.[8] Die Kinder wurden zunächst auf Deutsch und später, nachdem Johanna Boenke die in Helsinki von der Oberschicht überwiegend gesprochene schwedische Sprache gelernt hatte, auch in dieser unterrichtet. Die Schülerinnen und Schüler rekrutierten sich überwiegend aus katholischen Familien, die teils aus wirtschaftlichen Gründen, teils als Angehörige des diplomatischen Dienstes aus ganz Europa nach Finnland gelangt waren.

Johanna Boenke erzielte durch ihre Tätigkeit als Organistin zusätzliche Einnahmen für den kleinen Konvent. Den Haushalt besorgte zunächst Antonia Appelbaum, 1879 erhielt die kleine Gemeinschaft Verstärkung durch die aus Braunsberg angereiste Novizin Agnes Dittrich.[9] Ansonsten lebten die Schwestern nach eigener Aussage „bescheiden“, trotz der finanziellen Unterstützung durch die katholische Gemeinde. In dieser Gemeinde, deren Kirche dem „hl. Heinrikus“ geweiht war, fühlten sich die Schwestern sehr rasch „ganz heimisch“, wie Johanna Boenke in ihrem Bericht festhielt. Detailliert beschrieb sie den Bau und zeigte sich überrascht, hier „ein so schönes, rotes, massives Gotteshaus mit hellgrünem Zinkdache zu finden.“ Boenkes genaue Beobachtungsgabe und ihre Fabulierlust betrafen zahlreiche Aspekte des kirchlichen Lebens. So informierte sie ihre Leserinnen und Leser über Feste und Feierlichkeiten und erörterte auch die Unterschiede zwischen den lokalen orthodoxen und katholischen Glaubenspraktiken.

Neben der Arbeit in der Schule praktizierten die Schwestern ihre religiösen Übungen, so wie sie sie im Noviziat in Braunsberg gelernt und verinnerlicht hatten. Anstelle des Ordenskleids trugen sie gleiche weltliche Kleidung. Offenbar wollten sie wiedererkannt und als Angehörige einer religiösen Frauengemeinschaft gesehen werden, und das vor allem von denjenigen, die die Bedeutung ihrer Lebensweise kannten und schätzen. So plante die kleine Gruppe stets Zeit für die eigene religiöse Praxis in ihren Tagesablauf ein, vom Morgengebet um 5 Uhr früh bis zum Abendgebet. Beim Aufstehen um 5 Uhr morgens hielten sie nach dem Morgengebet eine sogenannte Betrachtung, die der Auseinandersetzung mit Passagen aus der Bibel oder anderen religiösen Texten diente. Um 8 Uhr besuchten sie mit den Kindern die Messe. Um 12 Uhr folgte eine Viertelstunde „Gewissenserforschung“, während der man nach einem festgesetzten Ritual Reflexionen über eigenes fehlerhaftes Verhalten und dessen Veränderung anstellte. Um 18 Uhr gab es eine „Vesper“ mit geistlicher Lesung, um 19 Uhr ein Rosenkranzgebet und später am Abend nochmals „Gewissenserforschung“, „Betrachtung“ und Abendgebet. „Kurz alles war gemeinschaftlich und wurde gehalten, wie wir es im Kloster gewöhnt waren.“ 1878 besuchte der Braunsberger Superior der Kongregation, Joseph Grunenberg, die Gemeinschaft im fernen Finnland. Solche Besuche sind freilich bezeichnend für die Anfänge der missionarischen Tätigkeit der Katharinenschwestern, zu späterer Zeit visitierte die Generaloberin selbst all ihre Niederlassungen.

Bereits in den späten 1870er- und den frühen 1880er-Jahren kannte das Engagement der Katharinenschwestern kaum Grenzen. Offenbar nutzten die Schwestern – wie Johanna Boenke berichtete – jede sich bietende Gelegenheit, um den Aktionsradius zu erweitern und weitere Niederlassungen zu gründen. Eine Chance hierfür ergab sich von Helsinki ausgehend in St. Petersburg, der Hauptstadt des russischen Zarenreichs. Am Fronleichnamsfest 1879 hatte Boenke in der Kirche die Bekanntschaft einer älteren Frau aus Italien gemacht, die deutsch sprach. Sie hatte früher als Lehrerin in St. Petersburg gearbeitet und wollte dort ein „Kranken- und Erziehungshaus zur Heranbildung guter Dienstboten“ einrichten – ein Plan, der den Wünschen der Katharinenschwestern wohl entgegenkam. Doch das Projekt scheiterte, denn anscheinend suchten die Verantwortlichen lediglich billige Arbeitskräfte und wollten die religiöse Lebensweise der Frauen mitnichten anerkennen. Ohne Respekt vor dem klösterlich-religiös geprägten Lebensentwurf funktionierte eine Zusammenarbeit mit Frauenkongregationen nicht. So erklärte denn auch Antonia Appelbaum, die an dem Vorhaben beteiligt war: „Man behandelte uns nicht als Schwestern, die einst die Leitung des Asyls übernehmen sollten, sondern als Dienstboten.“[10] Doch damit nicht genug: Die Schwestern sollten sich auch wie Dienstboten kleiden und möglichst keine Ansprüche stellen. Genau dazu waren sie aber nicht bereit und verließen deshalb umgehend die Stadt. Das Experiment in St. Peterburg war somit gescheitert, doch verdeutlicht es eindringlich, in welchem Umfang die Kongregation der Katharinenschwestern ihr Engagement selbst zu steuern versuchte.

Der Aufenthalt der drei Novizinnen in St. Petersburg war nur eine kurze Episode, aber auch das Engagement in Finnland war nur von vergleichsweise kurzer Dauer. Nach gut fünfeinhalbjähriger Tätigkeit mussten die Schwestern infolge der politischen Turbulenzen nach dem Attentat auf den russischen Zaren Alexander II. Helsinki verlassen. Am 9. März 1882 trafen sie wieder in Braunsberg ein.[11] Dennoch war die Zeit in Finnland für die weitere Entwicklung der ermländischen Kongregation von Bedeutung, denn gewiss berichteten Johanna Boenke und ihre Reisegefährtinnen den daheimgebliebenen Schwestern sowohl von ihrer Arbeit als auch von ihrer Lebensweise in den fern gelegenen Ländern. Ja, auch von den Reisen selbst und von den vielen Sehenswürdigkeiten, etwa in Puschkin, St. Petersburg oder auf den Festungen Kronstadt und Sveaborg, dürfte in den Erzählungen der Schwestern ausführlich die Rede gewesen sein. Der Bericht schenkte zwar der gelungen Missionstätigkeit die meiste Aufmerksamkeit, doch lassen zahlreiche Hinweise auf den großen Erfahrungsschatz schließen, den die drei Novizinnen auf ihren Reisen sammelten. Johanna Boenke und ihre Mitreisenden trugen mit ihren mündlichen wie mit ihren schriftlichen Berichten sicherlich dazu bei, dass sich der Blick der Katharinenschwestern vom Ermland und von Ostpreußen aus auf Europa und schließlich sogar auch auf die restliche Welt erweiterte. Überdies stärkten die Erzählungen der Reisenden zweifellos das Verlangen vieler Schwestern, es den Pionierinnen der Auslands- und Missionsarbeit gleichzutun.[12]

Nach ihrer Rückkehr aus Finnland arbeitete Johanna Boenke nach kurzem Aufenthalt im Braunsberger Mutterhaus als weltliche Lehrerin und Erzieherin im St. Josephi-Stift in Heilsberg, da es katholischen Schwestern und Ordensfrauen auch nach dem offiziellen Ende des Kulturkampfes 1887 nicht erlaubt war, im Elementarschulwesen zu arbeiten. Erst viele Jahre später legte sie erstmals wieder ein Ordenskleid an, nachdem sie am 15. Januar 1893 die Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit abgelegt hatte.[13] Fünf Jahre später reiste die inzwischen 44-Jährige als eine der ersten Schwestern nach Südamerika. In Brasilien fand sie ein neues Tätigkeitsfeld, schließlich zeichnete sie für den Aufbau der Missionsarbeit in Brasilien verantwortlich und leitete 13 Jahre lang die der Kongregation in Petropolis, in der brasilianischen Nordprovinz, nahe Rio de Janeiro. Dass Johanna Boenke – nun Schwester Eustachia – nach der schwedischen jetzt auch noch die portugiesische Sprache erlernte, verwundert bei ihrer Biografie kaum. Ihrem Unternehmungsgeist und ihrer Abenteuerlust kam die neue Aufgabe in Brasilien offenbar gelegen. Obschon eingebunden in die kirchliche Hierarchie und gebunden an das Gehorsamsversprechen gegenüber der Generaloberin im fernen Deutschland zeigt ihr Lebensweg, in welchem Umfang sich Frauen im ausgehenden 19. Jahrhundert in religiösen Kontexten unerwartete Handlungsspielräume eroberten.

Der Bericht über die finnische Mission ist eine Besonderheit im Rahmen der Historiografie des weiblichen Ordens- und Kongregationswesens des 19. Jahrhunderts, denn üblicherweise wurden in diesem Kontext knappste Berichte verfasst, die kaum mehr als die groben Fakten enthielten. Wenn es denn überhaupt längere Texte gab, so behandelten diese – für Außenstehende kaum verständlich – religiöse Themen in epischer Breite. Autobiographische Texte katholischer Schwestern oder Ordensfrauen sind dagegen eine Rarität und das nicht nur in den Archiven der Schwestern von der heiligen Katharina. Doch die Ausführungen von Johanna Boenke vermitteln nicht nur aufschlussreiche Einblicke in das Leben der Protagonistinnen, sie lesen sich auch fast wie eine Handlungsanleitung für künftige Unternehmungen der Kongregation, schließlich gründeten die Schwestern von der heiligen Katharina schon bald weitere europäische Niederlassungen. 1895 gingen die ersten Schwestern nach Großbritannien, um in Liverpool und Umgebung katholische Migranten zu betreuen und in dem von der anglikanischen Kirche dominierten Land zu missionieren. Als die Schwestern 1897 schließlich eine Anfrage aus Brasilien erhielten, waren sie auf diese Aufgabe gut vorbereitet.

Johanna Boenkes Karriere war zwar außergewöhnlich, doch kann sie in mehrfacher Hinsicht als exemplarisch für viele Ordensfrauen und Schwestern gelten, denn ihr Lebensweg zeigt, welche Möglichkeiten die katholische Kirche für Frauen eröffnete. Voraussetzung dafür war allerdings, dass sie bereit waren, sich auf die von der Kirche geforderten Bedingungen eines zölibatären Lebens mit dem Gehorsamsversprechen gegenüber den Ordensoberen einzulassen. Daher waren sie keine „Independent Women“, wie Martha Vicinus ihre klassische Studie über die nicht verheirateten Frauen im viktorianischen Zeitalter betitelte.[14] Dennoch bot ihnen ein Leben als Schwester beachtliche Entwicklungschancen und sogar geradezu individuelle Gestaltungsoptionen, vor allem, wenn wir es mit dem Leben vieler verheirateter bürgerlicher Frauen vergleichen. Religiösen Frauen stand eine Welt offen, in der sie mit dem Rückhalt einer Frauengemeinschaft einer qualifizierten Berufstätigkeit in einem auch ökonomisch gesicherten Rahmen nachgehen konnten. Eine breite Palette von Gemeinschaften, die im Spektrum von Krankenpflege, Bildung oder sozialer Frage jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzten, ermöglichte es den Anwärterinnen, individuelle Vorstellungen eines gemeinschaftlichen religiösen Lebens zu realisieren. Die Aussicht, als Missionarin im Ausland tätig zu sein, übte schließlich nicht nur auf angehende Katharinenschwestern, sondern auf viele Katholikinnen in Europa eine große Faszination aus. Die nach dem Ende des Kulturkampfes stetig steigenden Mitgliederzahlen der katholischen Frauenkongregationen erscheinen gerade vor dem Hintergrund einer solchen persönlichen Motivation erklärbar.



[1] Essay zur Quelle: Johanna (Eustachia) Boenke: Mehrjähriger Aufenthalt dreier Novizen in Helsingfors (1893).

[2] Vgl. Hüwelmeier, Gertrud, Nonnen auf Reisen – Transnationale Verflechtungen, in: Baller, Susann; Pesek, Michael; Schilling, Ruth; Stolpe, Ines (Hgg.), Die Ankunft des Anderen, Frankfurt am Main 2008, S. 226–233 und Habermas, Rebekka, Mission im 19. Jahrhundert. Globale Netzwerke des Religiösen, in: Historische Zeitschrift 287 (2008), S. 629–679.

[3] Vgl. dazu grundlegend: Meiwes, Relinde, „Arbeiterinnen des Herrn“. Katholische Frauenkongregationen im 19. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2000.

[4] Zu den Auswirkungen dieser Auseinandersetzung für die Orden und Kongregationen in Preußen, vgl. Meiwes, Arbeiterinnen, S. 288–309; zur geschlechtergeschichtlichen Dimension des Kulturkampfes vgl. Gross, Michael, Kulturkampf und Geschlechterkampf. Anti-Catholicism, Catholic Women, and the Public, in: Biess, Frank et al. (Hgg.), Conflict, Catastrophe and Continuity. Essays on Modern German History, New York 2007, S. 27–43.

[5] Boenke, Johanna (Eustachia), Mehrjähriger Aufenthalt dreier Novizen in Helsingfors, Hausbuch des Jungfrauenconvents zu Braunsberg, Anno 1615 bis 1945, Archiv des Generalats der Kongregation der Schwestern von der hl. Katharina in Grottaferrata bei Rom (AGKath), S. 182–223. Die folgenden Quellenzitate beziehen sich, wenn nicht anders ausgewiesen, auf die diesem Essay als Quelle zugrunde liegenden Seiten 182–204.

[6] Zur Geschichte der schon 1571 gegründeten Kongregation vgl. Sliwinska, Barbara Gerarda, Geschichte der Kongregation der Schwestern der heiligen Jungfrau und Martyrin Katharina, 1571–1772, Münster 1999 und Meiwes, Relinde, Von Ostpreußen in die Welt. Die Geschichte der ermländischen Katharinenschwestern 1772–1914, Paderborn 2011.

[7] Das Großfürstentum Finnland gehörte von 1809 bis 1917, nachdem es seit Jahrhunderten zu Schweden gehört hatte, zum russischen Reich. Der Zar gestand jedoch Finnland weitgehende Autonomierechte zu. Pastoralblatt für die Diöcese Ermland, 3. Jg., Nr. 23 vom 1. Dezember 1871, S. 134 f.

[8] Vgl. Zeugnis der Lehrerin Fräulein Johanna Boenke einschließlich einer Stellungnahme des deutschen Konsuls, APSK, ZG-E-a-3.

[9] Agnes (Eleonora) Dittrich wurde später nach Brasilien geschickt. Sie arbeitete im Hospital Santa Catarina und in einer Schule in Sao Paulo, wo sie 1922 starb. Vgl. Josefine Maria Thiel, Wachsendes Senfkorn. 60 Jahre Katharinen-Schwestern, Kempen 1959, S. 302.

[10] Boenke, Mehrjähriger Aufenthalt, S. 231.

[11] Ebd., S. 222.

[12] Vgl. ebd., S. 182–231.

[13] Vgl. ebd., S. 223.

[14] Vgl. Vicinus, Martha, Independent Women: Work and Community for Single Women, 1850–1920, Chicago 1985.



Literaturhinweise

  • Clark, Christopher; Kaiser, Wolfram (Hgg.), Kulturkampf in Europa im 19. Jahrhundert, Leipzig 2003.
  • Mayer, Jan De; Leplae, Sofie; Schmiedl, Joachim (Hgg.), Religious Institutes in Western Europe in the 19th and 20th Centuries. Historiography, Research and Legal Position, Leuven 2004.
  • Meiwes, Relinde, Von Ostpreußen in die Welt. Die Geschichte der ermländischen Katharinenschwestern 1772–1914, Paderborn 2011.
  • Werner, Yvonne Maria (Hg.), Nuns and Sisters in the Nordic Countries after the Reformation. A Female Counter-Culture in Modern Society, Uppsala 2004.

Johanna (Eustachia) Boenke: Mehrjähriger Aufenthalt dreier Novizen in Helsingfors (1893)[1]

[182] Mehrjähriger Aufenthalt dreier Novizen in Helsingfors

1. Berufung und Vorbereitung

Es war im Juli des Jahres 1877 als in Rössel, woselbst ich (der Name der Berichterstatterin ist die Novizin Eustachia Bönke) an der Schule thätig war, der Postbote eines Tages einen offenen Brief in das Kloster brachte, der zum Erstaunen aller das Geheimnis enthielt, daß ich mein heiliges Ordenskleid ausziehen und als weltliche Lehrerin nach Finnland auswandern sollte.

Zwar war vor zwei Jahren schon davon die Rede und da ich dazu von meinen lieben Vorgesetzten damals bestimmt war, mußte ich dieserhalb mein Haar wachsen lassen, welches jedoch vor der Abreise nach Rössel 1876 unter der Schere fiel. Von da an dachte ich nicht im entferntesten daran, jemals auswandern zu dürfen. Nun aber kam der oben erwähnte Brief, der sicher nur aus Versehen offen geblieben war und brachte die unerwartete Nachricht, daß ich binnen vier Wochen nicht nur das Heimatland und das liebe Klösterlein verlassen, sondern mich auch vom hl. Ordensgewande trennen sollte. Dank der göttlichen Gnade blieb ich ruhig und gefaßt bei dieser Nachricht und eilte zur Kapelle, um dem lieben Heilande das Opfer des Gehorsams darzubringen und um Segen und Kraft zu bitten. Der Brief enthielt außerdem fernere Unterweisungen zur

[183] Erlangung eines Reisepasses, daß, wenn es nicht anginge, durch den Herrn Bürgermeister einen zu erhalten, Schwester Oberin mir weltliche Kleider zu verschaffen und mit mir nach Bischofsburg fahren sollte, woselbst ich mir einen Paß vom Herrn Landrat besorgen sollte. Letzteres wäre sehr unangenehm gewesen, da ich in Bischofsburg, meiner Vaterstadt sehr bekannt war. Ich erhielt meinen Reisepaß auf ganz leichte Wiese durch den Herrn Bürgermeister Thara in Rössel und konnte nach Schulschluß am 28. Juli nach Braunsberg abreisen. Die Teilnahme der Schwestern an meinem außergewöhnlichen Loose war groß und der Abschied von Thränen begleitet. Zwei Schwestern begleiteten mich bis nach Korschen. Mit mir teilten dasselbe Loos Schwester Salesia Appelbaum und Schwester Ludwina Ehlert aus Braunsberg, die bei meiner Ankunft schon emsig mit der Besorgung der Aussteuer beschäftigt waren. Schw. Salesia und Ludwina hatten sich Pässe in Braunsberg besorgt. Eines Tages vertauschten sie den Habit mit einem weltlichen Kleide und begaben sich auch das Landratsamt, wo selbst man ihnen nach vielem Hin- und Herreden die Pässe gab. Ob andere Schwierigkeiten dabei waren ist mir weniger bekannt, aber das habe ich erzählen hören das beide, um nicht von ihren Schülerinnen,

[184] die eben aus der Schule kamen, erkannt zu werden, sich tief den Hut ins Gesicht gedrückt und für alle Fälle doppelt beschirmt hatten; denn den Nonnenschirm trugen sie selbst und der Regenschirm wurde ihnen nachgetragen oder umgekehrt. Immer näher rückte der 23. August, welcher Tag zu unserer Abreise bestimmt war. Am 17. August führ die liebe Würdige Mutter mit den Auswanderern nach Frauenburg, um uns dem Hochwürdigsten Herrn Bischof Philippus vorzustellen. Hochderselbe gab uns nebst dem hl. Segen noch heilsame Ermahnungen und jeder eine Philothea zum Andenken. Noch sind mir lebhaft die trefflichen Lehren des seligen Hochwürdigen Domdechanten Herrn Carolus im Gedächtnisse, festzuhalten an unseren heiligen Regeln u.s.w., so lange wir das thun, wird uns der Schutz Gottes nicht fehlen. O wie sehr hatte er recht. Besonders bemüht um uns war der Hochwürdige Herr Superior Grunenberg. Er hatte uns die ganze Reiseroute von Braunsberg bis Lübeck genau vorgezeichnet, beschrieben und auf alles aufmerksam gemacht. Sogar hatte er ein eignes Alphabet aus Buchstaben und Zahlen verfaßt, um in dieser Schrift sich gegenseitig Geheimnisse mitteilen zu können, die niemand zu lesen vermochte, als nur die Eingeweihten. Ein solches Alphabet hatt

[185] der Hochwürdige Herr Superior und ein zweites wir. Später haben wir davon Gebrauch gemacht und man war sehr gespannt auf die Nachricht, welche solche Stellen in besagter Schrift enthielten. Der 22. August war da und die lieben Vorgesetzten hatten alles zur Reise Notwendige und Angenehme eingepackt. Nachdem die liebe Würdige Mutter, Mutter Assistentin und Schwester Novizenmeisterin uns so manchen weisen Rat und gute Lehren gegeben, ebenso unsere Ämtchen insbesondere aufgetragen und mit Ausnahme Schwester Ludwina, welchen Namen sie behalten, unsere Namen in Taufnamen verändert hatten, also Salesia in Antonia und Eustachia in Johanna, mußten wie uns nach der geistlichen Lesung allen Schwestern, welche uns doch sehen wollten, im weltlichen Kleide vorstellen. In der Abendrekreation war ein Abschiednehmen ohne Ende. Unvergeßlich ist mir der Augenblick, in dem ich zum letzten Male meinen Schleier, Gürtel und Habit küßte und niederlegte. Es war mir, als riß ich Stücke vom eigenen Herzen los. Da stahlen sich auch ein paar Thränen aus den Augenwimpern heraus, denn bis dahin war ich unbegreiflicher Weise immer ganz ruhig und ergeben. Wir sollten etwas ruhen, jedoch an ein Schlafen war nicht zu denken. Nach Mitternacht machten wir uns reisefertig.

[186] Die liebe Würdige Mutter, welche nebst einigen Schwestern aufgeblieben war gab uns ihren mütterlichen Segen und nun gings in Begleitung des seligen Herrn Oberlehrers Arendt nach dem Bahnhofe. Schwester Ludwina sagte, es war ihr besonders schwer zu Mute, als sich die Klosterpforten hinter uns schlossen.

2. Reise nach Lübeck

Mit dem Jagdzuge fuhren wir um ½ 2 Uhr ab über Marienburge, Dirschau nach Kreuz. Weil wir nicht über Berlin, Hamburg fahren sollten, blieben wir daselbst einige Stunden und dann brachte uns der Zug über Schneidemühl nach Straßburg in Pommern, wir in einem Hotel übernachteten. Dr. Martin Luther, der über meinem Bette hing, mußte sich gefallen lassen, daß ich ihn für diese Nacht in einen Winkel plazierte. Die Lachmuskeln ziehen sich heute noch zusammen, wenn ich an die Fahrt vom Hotel bis an den Bahnhof denke. Ein kleiner schon sehr beladener Wagen, auf den auch unser Gepäck aufgetürmt wurde, wurde von einem alten, fast abgelebten verhungerten Schimmel gezogen. Hoch oben auf dem Gepäck saßen die drei bekannten schwarzen Genien und dazu noch zwei Herren. Schritt für Schritt ging der alte Schimmel mit der Last, seinen Kopf tief zur Erde gebückt, und uns war es, als säßen wir hoch auf eines Kameles Rücken. Wahrscheinlich war das die einzige Droschke, auf das alles Gepäck sämtlicher Reisenden der Stadt geladen war. Von Straßburg gings dann weiter durch

[187] Pommern, Mecklenburg-Strelitz, Mecklenburg Schwerin bis Lübeck. Nur in Stettin hatten wir einige Stunden Aufenthalt.

3. Aufenthalt in Lübeck

Es war Freitag, als wir in Lübeck ankamen. Wir suchten mit unserer Droschke, die diesmal sehr elegant war, fast eine Stunde lang im Hafen den finnischen Dampfer Storfursten gespr. Sturfürsten, d. i. Großfürst, das schönste und größte Passagierschiff von Helsingfors. Endlich fanden wir ihn. Der Kapitän desselben, Herr Oström war ein freundlicher Herr, diesem waren wir von Helsingfors aus durch den katholischen Kaufmann Herrn Jahnel empfohlen worden. Herr Oström nahm uns freundlich auf und obwohl, wie er sagte, es nicht erlaubt wäre, Passagiere einen Tag vorher auf dem Schiffe zu beherbergen, so machte er mit uns eine Ausnahme, indem er notwendigerweise vorgeben wollte, wir seien seine Bekannten. Freitag abends speisten wir mit den Schiffsherrschaften im Salon. Ehe wir ahnten, hatten wir Fleisch gegessen, es war nicht zu unterscheiden, ob es Fisch- oder Fleischspeisen waren. Die Nacht brachten wir in Kajüten der 1. Klasse zu. Sehr elegant und fein waren Kajüten und Salon ausgestattet. Sonnabend sobald das Schiffsbüreau geöffnet war, besorgte uns Herr Kapitän drei Billets 2. Klasse (à 57,25 M.) Sehr sonderbar kam es ihm vor, daß wir nicht Billets 1. Klasse kaufen wollten,

[188] da selbe nur ein paar Mark mehr kosteten und das Reisen 1. Klasse selbst bei Sturm günstiger und die Kajüten bequemer seien, wie er sagte. Doch wir hatten diese Weissung von Braunsberg und blieben bei der Wahl 2. Klasse. Die Schiffskost mußte noch extra bezahlt werden, gleichviel ob man etwas oder garnichts genoß. Für uns betrug das Kostgeld 63 M. Da entstand großes Herzeleid, da unser Portmonnaie eine Kleinigkeit über 30 M. enthielt. Wir konnten unsern Kummer dem fremden Mann doch nicht offenbaren und guter Rat war teuer. Nach vielem Hin- und Herdenken, Überlegen und Entschließen kamen wir zu dem Resultat, telegraphischer Weise in Braunsberg um 30 M. zu bitten. Es schmeckte uns das Essen kaum, wir kauften nichts, um keine Ausgabe zu machen und begnügten uns mit unserm Reisevorrate, der sich stark zu Ende neigte. Also machten wir uns, Schwester Salesia oder Antonia und ich auf und gingen auf das nächste Telegraphenbüreau, wo wir nach Braunsberg an den Herrn Superior depeschierten. Dann streiften wir die Stadt aus, um eine katholische Kirche zu finden, wo selbst wir dem lieben Heilande im Tabernakel unsere Verlegenheit vortragen und von ihm günstigen Ausgang des Telegramms erflehen wollten. Nach langem vergeblichen Suchen fanden wir eine verschlossene Kirche, nicht wissend, daß es eine protestantische war, verrichteten wir unsere Bitten vor der Pforte. Der liebe Heiland aber hats wohl gehört. Wir kehrten um und überließen alles der göttlichen Vorsehung. Auf dem Schiffe überlegten

[189] wir von neuem, was zu thun wäre, falls das gewünschte Geld nicht nachkäme. Verschiedenes wurde erwogen und wir kamen zu dem Entschluß, den Herrn Kapitän zu bitten, das Kostgeld erst nach der Ankunft in Helsingfors entrichten zu dürfen. Noch warteten wir mit Sehnsucht auf eine Depesche. Doch vergeblich war unser Hoffen. Es war ein Uhr und das Signal zur Abfahrt wurde gegeben. Allmählich setzte sich das Schiff in Bewegung. Zu dieser Zeit, so erfuhren wir später, sei das Telegramm wirklich angekommen, doch nichts durfte mehr nach dem Signal aufs Schiff noch vom Schiffe und die Geldsendung ging zurück. Mit schwerem Herzen thaten wir, was oben schon erwähnt und der Herr Kapitän war damit zufrieden.

4. Die Seereise

Die Schifffahrt ging anfangs ganz gut. Wir fühlten gar nicht, daß wir fuhren, so ruhig glitt das Schiff über die breite Trawe und aus dieser in die Ostsee. Bald verloren wir die Küste aus den Augen und sahen nur mehr Himmel und Wasser. Es war Abend geworden und nach einer kleinen Stärkung begaben wir uns zur Ruhe. Nach Mitternacht entstand ein großer Sturm und dieser brachte das Schiff ins Schwanken. Mit jeder Stunde nahm das Unwetter zu. Der Sturm heulte fürchterlich, er hatte das ganze Meer aufgeregt und der Storfursten schaukelte gewaltig. Längere Zeit schon fühlte ich die schaukelnde Bewegung, da es aber noch erträglich war, lag ich ruhig in meinem Hängebett. Als aber Schw. Ludwina anfing laut zu werden, zu jammern und zu klagen über Unwohlsein, da bewegte sich

[190] auch mein Inneres. Schw. Salesia beruhigte sie, indem sie sagte, es sei ihr auch unwohl und sie würde ihr Tropfen geben. Ich schwieg noch immer und wünschte mir, Schw. Ludwina möchte still sein. Es half nichts, Ludwina stieg aus ihrem Hängenetz, welches an der Wand der Kajüte befestigt war und verließ halb angekleidet die Kajüte. Schwester Salesias mütterliches Sorgen begann. Sie folgte Ludwina, welche oben auf dem Verdecke stand, sich über die Brüstung lehnte und in die Ostsee spie. Hier traf sie der Herr Kapitän, welcher mir den Worten: „Fräulein, hier sind sie in der größten Lebensgefahr,“ sie am Arm nahm und in Sicherheit brachte. Wo meine beiden Schwestern waren, wußte ich nicht, ich war noch immer in unserer Kajüte, welche sich am hintersten Ende des Schiffes befand. Mein Unwohlsein hatte sich gesteigert, und da ich es oben nicht mehr aushalten konnte, turnte ich herunter und lag am Boden, den Rücken angelehnt. Ich machte verschiedene Versuche, die Strümpfe anzuziehen, diese sowie das Oberkleid hatte ich abgelegt, doch vergebens. Alles im Innern bewegte sich gleich dem Schiffe auf und nieder, bald fiel ich nach vorn bald nach rechts oder links dazu kam das schreckliche Vomieren. Es mochten mehrere Stunden vergangen sein, immer noch lag ich machtlos am Boden und stöhnte und jammerte. Der Kapitän, der vollauf überall zu thun hatte, war mit einer Laterne eilig an die Thüre unserer Kajüte gekommen, öffnete sie halb und rief, ob noch jemand da sei. Weil es aber in meiner Ecke finster war und ich laut zu sprechen nicht vermochte, hatte er von mir nichts sehen und hören können, zumal

[191] das Gebrause und Getöse der Wellen und der heulende Sturm mein mühseliges Jammern weit übertönte. Gegen Morgen kam Schw. Salesia, wie sie mich ins Zwischendeck gebracht, weiß ich nicht. Hier in der Mitte des Schiffes hatte der Herr Kapitän auf den Kisten und Kasten aus Matten und Decken eine Lagerstätte herrichten lassen und sollten wir das Schaukeln hier am wenigsten spüren. Alle Passagiere und der größte Teil der Schiffsmannschaft war seekrank. Solchen Sturm, sagte der Kapitän, habe er bei seinen Reisen lange nicht gehabt. Schw. Salesia war zwar nicht seekrank, aber sehr unwohl und konnte ebenso wenig etwas genießen wie wir. Den Sonntag Vormittag brachten wir auf dem harten Lager zu. Einmal kam es mir ein, daß Sonntag wäre, aber ich war nicht im Stande, zu beten oder etwas Vernünftiges zu denken. Es war nicht zum Leben aber auch nicht zum Sterben. Für alles, was uns umgab, hatte ich kein Auge und Ohr. Nachmittag und nachtüber lag ich im Zwischendeck am Boden, den Kopf auf etwa ½ m. lange Eisenschwelle gelegt, die zwei Eisenblöcke verband. Ich fühlte nichts und konnte weder Hand noch Fuß rühren. Schw. Ludwina sah ich neben mir liegen und manchmal aufstehen und vomieren gehen. Meine Galle hatte ich schon längst der Ostsee übergeben. Ich mußte ruhig dulden, daß ein neben mir angeketteter Hund, der ebenfalls die Seekrankheit hatte, sich meines Rockes als Speinapf bediente und daß das Wasser,

[192] welches durch die Öffnungen drang, wenn das Schiff sich auf die rechte Seite legte mich bespülte, während von links immer der Hund auf mich fiel, da er sich auf seinen Vieren nicht halten konnte. Sein Gewinsel und Geheul gefiel mir auch nicht. Was aber war zu machen, ich konnte mich ja nicht regen, so schwach fühlte ich mich. Ich erinnere mich, daß ich dennoch alle meine Kräfte zusammennahm und den Hund mit dem linken Arm wegzuschieben versuchte, allein es blieb beim alten. Montag lagen wir wieder auf den Kisten immer wie im Schlafe. Erst nachmittags bemerke ich, wie Schw. Salesia bleich und krank aussah und nur so hin- und herwankte. Selbst sehr unwohl sorgte sie nur für uns. Auf ihr Zureden trank ich eine Tasse Kaffee, das erste, was ich seit Sonnabend Abend genossen und er schmeckte schon, Schw. Ludwina fastete noch immer. Nun fing ich an, mich zu erholen, der Appetit stellte sich ein. Der Sturm hatte von seiner Heftigkeit noch nichts nachgelassen und konnten wir das Schaukeln jetzt schon ertragen. Dienstag waren Schw. Ludwina und ich ganz wohl und spazierten gemütlich auf dem Verdecke oder sahen dem Treiben der turmhohen Wellen und tiefen Wasserthälern zu. Ein interessantes Schauspiel bot sich uns dar. Bald war das Schiff auf der Spitze eines hohen Wasserbergs, bald schien es von diesem bedeckt zu werden. Noch sahen wir nichts als Himmel und Wasser. Am Dienstage mittags etwas ein Uhr war ein Fahrzeug in Sicht und weil dies ein Spielball der Wellen zu sein schien, steuerte der Kapitän auf dasselbe zu. Storfursten erreichte es bald,

[193] und – o Jammer – ein schauerliches Bild bot das gerettete Fahrzeug dar. Es war ein altes morsches Segelschiff mit Holz geladen, dessen Mastbaum der Sturm gebrochen hatte und deshalb kein Segel aufgespannt werden konnte. Drei Männer, Ehsten, waren auf dem Schiffe, die den Leichen ähnlich aussahen. Furcht und Todesschrecken spiegelte sich auf ihren bleichen Gesichtern ab. So wurde ihnen von unserem Schiffe ein Tau zugeworfen, woran die Männer ihr Schiff befestigten. Nach einigen Augenblicken hatte das Tau die morschen Bohlen durchgerissen und das unglückliche Fahrzeug wurde von den Wellen so weit fortgetrieben, daß wir es kaum noch sehen konnten. Das geschah zwei Mal. Endlich gelang die Rettung vollends, und Storfursten brachte die Geretteten samt ihrem elenden Fahrzeuge in den Hafen von Reval. Ich weiß nicht mehr genau, ob es fünf oder acht Stunden waren, die der Kapitän mit der Rettung des Schiffes zubrachte. Später wurde ihm dafür eine Rettungsmedaille gesandt.

5. Die Ankunft in Helsingfors

Dienstag also um drei oder fünf Uhr sollte Storfursten in Helsingfors sein. Die Helsingforser hatten ihn mit Ungeduld erwartet; sie konnten sich sein langes Ausleiben nicht erklären. Auch die eingeweihten katholischen Herrschaften, die Wohlthäter unserer künftigen Anstalt, waren am Hafen, um uns zu begrüßen, sie mußten jedoch unverrichteter Sache heimkehren. Endlich abends um zehn Uhr gab Storfursten das Signal seiner Ankunft. Es war sehr dunkel und nur hin und wieder streifte das elektrische Licht über die

[194] Fluten. Wunderschön war vom Schiffe aus der Ausblick der erleuchteten Fenster mehrstöckiger längs des Hafens sich hinziehender Häuser. Am Hafen hatte sich eine große Menschenmenge versammelt. Das Schiffsbüreau war wegen der späten Abendstunde geschlossen und die Beamten waren nicht anwesend. Wäre der Grund des Verspätens ein anderer gewesen als die Rettung der drei Ehsten, so hätten wir alle noch nachtsüber auf dem Schiffe bleiben müssen, nun aber wurde die Landung gestattet. Es verging keine halbe Stunde und wir betraten den Boden unserer neuen Heimat. Rings um uns nur fremde Gesichter, und das Durcheinander der fremden, uns ganz unbekannten Sprache machte auf uns einen seltsamen Eindruck.

Aber wie wohltuend und darum unvergeßlich war der Augenblick, in welchem uns von einer Seite ein bekanntes „Gelobt sei Jesus Christus!“ erklang. Es war der Hochwürdige Herr Pastor Jedzink, der uns willkommen hieß. Mehrere Gönner und Wohlthäter bewillkommneten uns und besorgten das Gepäck vom Schiffe. Dann gings mit mehreren Jswoschtschiks (Droschken) nach einem Hotel, in dem eine deutsche Hausfrau waltete. Hier verblieben wir bis Sonnabend abends, weil die Schule noch nicht geräumt war. Schw. Salesia wurde nun ernstlich krank, so daß ärztliche Hilfe zugezogen werden mußte. In dem Arzte lernten wir unsern künftigen Schul- und Kirchenvorsteher kennen, den General Wirzbitzki, der damals noch Officier war. Frau Gauken, welche unsere zweite Mutter war, besuchte uns öfters. Den nächsten Tag suchte sich Schw. Ludwina die katholische Kirche auf, während ich bei Schw. Salesia den ersten

[195] Krankendienst übte. Donnerstag durfte ich mich Ludwina anschließen. Der Weg zur [Kirche] war weit. Aber wie erstaunt und überrascht waren wir, ein so schönes, rotes, massives Gotteshaus mit hellgrünem Zinkdache zu finden. Der Turm war vorn und enthielt den Haupteingang. Ueber demselben befand sich in einer Nische eine sehr große weiße Statue des hl. Heinrikus, des Kirchenpatrons, rechts und links schöne große Statuen der Apostelführer Petrus und Paulus. Einfach aber geschmackvoll und schön war das Innere der Kirche, besonders gefielen mir die schönen Gemälde der Seitenaltäre und die zahlreichen weißen Wachskerzen auf den Altären und vier große Kronleuchter. Hier im Gotteshaus fühlten wir uns ganz heimisch. Donnerstag war es auch, an welchem Tage wir hier zum ersten Male die hl. Sakramente empfingen.

Nach der Andacht führte uns der Hochw. Herr Pastor in seine Wohnung zum Frühstück. Sie war ein kleines Häuschen neben der Schule und ihr gehörig, etwa sechzig Schritt von der Kirche entfernt. Später besahen wir nur flüchtig die Räume des Schulhauses, auch wurden uns von Frau Emilianoff, die bis dahin in der Anstalt vorgestanden, die anwesenden Zöglinge vorgestellt, die mit Besorgnis für ihre Zukunft recht traurig dreinschauten. Außer der eben erwähnten Dame war noch ein Lehrer Wolff aus dem Ermlande an der Schule thätig. Frau Emilianoff versprach bis Sonnabend zwei Zimmer für uns zu räumen und dies geschah dann auch.

[196] 6. Einzug in die Schule

Also Sonnabend den 2. September nachdem auch Schw. Salesia wohler geworden, wurde der Einzug in Brunhus et No. 6 gehalten. Es war Abend und die Zeit zur Ruhe. Drei Lagerstätten waren für uns hergerichtet, bestehend aus einer Matratze, Kopfkissen und Wolldecke. Ich konnte mich gar nicht entschließen, hinzulagern, ernstlich hatte ich eine recht unsaubere Steppdecke und dann ein sehr mühseliges Kopfkissen. Es war ein Kleisack, faßte ich ihn an einem Zipfel, so fiel der schwere Inhalt in die entgegengesetzte Ecke. Längere Zeit saß ich auf der Bettkante, doch mit dem Gedanken, es sei noch sehr lange kein hartes Kreuzholz, legte ich mich nieder. Sonntag und Montag waren wir die Pensionäre der Frau Emilianoff, welche besonders neugierig war, zu erfahren, was wir für Geschöpfe wären. Unsere gleiche Kleidung spricht dafür, daß wir aus einem Kloster, also auch mit ihr verwandt wären, da sie ja auch in Deutschland in einem Kloster gewesen, um zu konvertieren. Eben weil nur konvertierte, um Brod zu haben, sich aber sonst um keine Christenpflicht gekümmert haben soll in den letzten Jahren und demgemäß auch die Kinder erzog, sollte sie aus der Schule entfernt werden. Es gefiel ihr durchaus nicht, daß wir sie verdrängten. Die Frau des Generalgouverneurs von Finnland, Gräfin Adlerberg, hatte dem Hochwürdigsten Herrn Bischof Philippus von Ermland um Schwestern für ihre Schule gebeten. Seine Bischöfl. Gnaden willfahrt ihrem Wunsche unter der Bedingung, daß ein ermländischer Priester dort angestellt werden sollte. Durch das Bemühen der hohen Frau beim russischen Hofe erhielt sie die Erlaubnis dazu, und im Jahre 1876 siedelte Herr Licentiat Jedzink hinüber. Nur an Stelle

[197] der Schwestern wurden wir unerfahrenen schwachen Geschöpfe erwählt und gesandt.

7. Der Anfang im neuen Heim

Endlich zog Frau Emilianoff aus; nun erst nahmen wir alle Räumlichkeiten und das Inventar in Augenschein. Es waren unten sieben Zimmer und die geräumige Küchenstube. Die obere Gelegenheit bewohnte ein Flottenofficier. Das schöne Möbel, herstammend vom früheren Herrn Pastor Glass (gegenwärtig in Wormditt) war gut erhalten. Besonders gefiel uns die reichhaltige Bibliothek, in der wir auch ein Exemplar unseres alten Regelbüchleins vorfanden. Das Haus mit braunem Oelanstrich war zierlich aus Holz gebaut und trug ein rotes Zinkdach. Oben und unten war vorn ein Balkon, der obere von Glasfenstern umgeben und von vier weißen Säulen getragen. Ein Blumen- und Gemüsegarten umgab das Haus.

Die ersten Tage wurde mit dem Reinigen und Ordnen zugebracht. Bis dahin existierte nur eine Schulklasse, wir richteten zwei ein. Zwei Zimmer wurden als Schlaf- und Wohnzimmer für die Zöglinge des Hauses bestimmt, (für die Mädchen, denn die Knaben schliefen von jetzt ab in der Behausung des Herrn Geistlichen) und die übrigen drei Zimmer bewohnten wir, sie waren ein Schlaf- Ess- und Sprechzimmer, welches zugleich unser Betsaal war, weil wir aus demselben die ewige Lampe in der Kirche schauen konnten. Die Anzahl der Zöglinge war anfänglich vier, sie mehrten sich aber mit der Zahl der Wohlthäter recht schnell. So daß

[198] [es] später zwanzig waren.

Die liebe Schw. Salesia, unsere Hauswirtin, hatte beim Beginne ihre Not. Sie sollte die Hungrigen speisen, doch womit? – Kaum hatte sie das notwendigste Kochgeschirr, noch viel weniger Speisevorrat. Was nun beginnen? Der Herr Pastor selbst nahm Kaffeebohnen mit, um sie bei der guten Familie Geuken in Tölö rösten zu lassen. Tölö war ein Stadtteil etwa zwei Werft von der Schule entfernt. Diese brave gut katholische Familie, der Hausherr, ein Zuckerfabrikant aus Holland, und die Frau eine Kölnerin, wurde des Wohltuns nie müde. Also die Bohnen kamen nachmittags an und konnten wir dann bald Kaffeetrinken. Aller Anfang war schwer; die ersten Monate mußten wir uns mit schmaler Kost begnügen, weil Schw. Salesia nicht wußte, wie lange sie mit dem ihr überreichten Gelde auskommen konnte und sollte.

Also Not und Armut war unser Anteil, dazu gesellte sich noch Leid. Schw. Salesia bekam einen bösen Finger, der ihr fast ein Vierteljahr große Schmerzen verursachte. Und dann die ungewöhnliche Kälte und keine Betten besitzen! Alles, was man von warmen Kleidungsstücken hatte, wurde zum Bedecken benutzt, bis im nächsten Frühlinge der Storfursten uns aus Braunsberg Betten brachte.

8. Schule und Unterricht

Ich kehre zurück zur Schule und will dann von unserer Tageordnung, Lebensweise und anderen Einzelheiten erzählen. Am ersten Sonntage wurde der Beginn des Schulunterrichts am 12. September von der Kanzel

[199] proklamiert. Anfangs erschienen dreißig oder vierzig Schüler und Schülerinnen, später wuchs die Zahl und stieg bis sechzig und darüber. Selbst protestantische und griechisch katholische Schüler und Schülerinnen traten aus ihren Schulen und besuchten unsere. Diese natürlich mußten mehr Schulgeld zahlen, vierteljährlich zwanzig Mark. Sie thaten es gerne, wenn sie nur Aufnahme fanden. Die katholischen Kinder zahlten auch etwas, so ungefähr fünf oder sechs Mark. Schw. Ludwina hatte etwa dreißig bis vierzig Kinder in der gemischten Unterklasse und ich zwanzig bis vierundzwanzig in der gemischten Oberklasse. Der Unterricht wurde in deutscher Sprache erteilt, doch waren wöchentlich je zwei Stunden Schwedisch, Russisch und in der Oberklasse auch Französisch. Die Umgangssprache in den Küstengegenden war die schwedische, tiefer im Innern die finnische. In Helsingfors wurde sowohl schwedisch als auch russisch und finnisch, von der hohen Welt französisch gesprochen. Es waren daselbst auch Deutsche aus dem Rheinland, Baiern und Böhmen. Wir lernten auch bald das Schwedische und habe ich in der letzten Zeit den Unterricht in dieser Sprache der kleineren Abteilung erteilt. Es kamen Kinder zur Schule, die drei bis vier Sprachen reden konnten und die vierte oder fünfte lernten. Die Schweden lieben den Gesang, singen gerne und auch gut, deshalb war es mir möglich

[200] viele schöne und zuletzt auch schwere Gesänge, deutsch und lateinische einzuüben und in der Kirche während der Andacht vortragen zu lassen.

Nebenbei bemerke ich, daß ich in der ganzen Zeit meines Aufenthaltes Organist der katholischen Kirche war, welcher Posten der Anstalt auch ein kleines Sümmchen einbrachte. Namentlich lockte der Gesang der Kinder viele laue Katholiken, zur Kirche, welche sich jahrelang nicht haben sehen lassen. Selbst Nichtkatholiken stellten sich regelmäßig zur Andacht ein. Oft flossen reichliche Gaben für die Kinder mit dem Bemerken, sie haben so schöne gesungen. In den Gesangstunden für die Schule wurden außer deutsch auch schwedische, finnische selbst russische Lieder gesungen, diese übte ich teils mit der Violine, teils mit dem Harmonium ein. Religion und schwedischen Unterricht erteilte Herr Pastor Jedzink, den russischen ein russischer Gymnasiallehrer. Die Kinder waren gehorsam, willig, sehr bescheiden und größtenteils fleißig. Ich kann mich nicht erinnern, daß ich in meiner Klasse habe körperliche Strafen anwenden müssen. Der Unterricht begann nach der Schülermesse, welche um acht Uhr stattfand und dauerte mit Einschluß einer halbstündigen Pause um zwölf Uhr bis drei Uhr. Vor und nach der Schule traten die Kinder ihrer Gewohnheit gemäß einzeln an die Lehrerin heran und begrüßten oder verabschiedeten sich auf das artigste, indem sie die Hand reichten, zur Prüfung durften auch ihre Eltern erscheinen.

Die Montage Juni, Juli und Auguste waren Ferien.

[201] 9. Tagesordnung und Lebensweise

Unsere Tagesordnung war folgende: Morgens fünf Uhr Aufstehen, da wir in der Zeit eine halbe Stunde voran waren, so begannen in Braunsberg unsre Schwestern ihre Betrachtung, wenn wir uns vom Schlafe erhoben; dann folgte die Toilette, die wegen des sehr kurzen Haares ziemlich lange dauerte. Eine frisierte die andere. Nach diesem kam das Morgengebet und die Betrachtung. Um acht Uhr war hl. Messe und nach dem Frühstück begaben wir und sofort in die Klassen. Der Unterricht dauerte bis zwölf Uhr und wurde nach Verlauf einer halbstündigen Pause, in welcher wir uns durch einen kleinen Imbiß stärkten und eine Viertelstunde auf die Gewissenserforschung verwendeten, fortgesetzt bis drei Uhr. Während der Pause überwachte der Pastor die Schulkinder, welche ihr mitgebrachtes sogenanntes Großfrühstück verzehrten und sich etwas erholten. Nach Schulschluß speisten die Kinder Mittag, dann erst hielten wir die Mittagsmahlzeit, was im Winter gewöhnlich bei Licht geschah, da das Tageslicht nur fünf bis sechs Stunden dauerte. Nach dem Essen wurde mit den Kindern regelmäßig ein Spaziergang in den ganz nahe gelegenen Brunspark oder auf die Felsenküsten des Meeres gemacht. Die Erholung der Zöglinge im Winter bestand im Schlittchenfahren, Schlittschuhlaufen und Schneeschuhgehen.

[202] Sonntag war der Mittag früher und weil die Vesper erst um fünf Uhr begann, konnten wir uns einen längeren Spaziergang erlauben, es wurden dann die schöne sehr saubere Stadt und ihre Anlagen und botanischen Gärten, die russischen, schwedischen- und deutschprotestanischen Kirchen besehen. Am Sonntage herrschte die größte Ruhe und Stille, da nichts gekauft oder verkauft wurde und sämtliche Läden der großen Seestadt tagüber geschlossen waren. Also nach der Vesper um sechs Uhr und nach dem Spaziergange am Wochentage war Vesperbrot, die geistliche Lesung wurde auf eine halbe Stunde ausgedehnt, da mittags die Tischlesung wegfiel; um sieben Uhr war ein gemeinschaftliches Rosenkranzgebet, wonach das Abendbrot der Kinder, ihre kleine Erholung und nach derselben Abendgebet und Ruhe erfolgten. Es war acht Uhr die Zeit unseres Abendtisches alsdann Rekreation bis neun Uhr, danach Gewissenserforschung, Betrachtung, Abendgebet und Schlafengehen um zehn Uhr. So glich ein Tag dem andern. Die Tischlesung am Abend aus der Heiligenlegende konnte ungehindert eingehalten werden. Die Tageszeiten beteten wir regelmäßig an allen Sonn- und Feiertagen. Kurz alles war gemeinschaftlich und wurde gehalten, wie wir es im Kloster gewöhnt waren. Die monatliche Geisteserneuerung, sogar die Exerzitien in den Ferien hielt der Hochw. Herr Pastor. Weil in der Kirche nur jeden andern Sonntag deutsche Predigt war, so gab uns unser Herr gast jeden Sonn-

[203] abend und Vorabend vor den Festen eine schöne für und unsere Verhältnisse passende Betrachtung. An den Geisterneuerungstagen vertrat uns der Herr eine Stunde in der Schule, hielt mit beiden Klasse Unterricht, damit wir gemeinschaftlich unsere Geistesübungen machen konnten, sodann hielt er uns am Nachmittage noch eine Erwägung und überwachte nach derselben noch einige Zeit die Kinder beim Lernen. Viel, sehr viel haben wir dem Hochw. Herrn Pastor zu verdanken, besonders da er auf Selbstüberwindung in jeder Beziehung das größte Gewicht legte. Da habe ich erst so recht kennenglernt, was es heißt, sich selbst überwinden und entschieden seinen Neigungen entgegentreten. Gott möge ihm tausendfach vergelten das Gute, das er an uns gethan!

Im Uebrigen waren unsre Ansprüche bescheiden, da wir uns einfach kleideten. Brauchten wir etwas so durften wir nur bitten und es wurde uns gegeben. Den großen Rosenkranz trugen wir unter dem Kleide und den ein wenig veränderten Habit im Winter. Besuche machten wir äußerst selten und auch nur unsern größten Wohlthätern, der Familie Geuken und Jahnel. Etwa drei- oder viermal haben wir in der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes die edle Frau Gräfin besucht. Die liebenswürdige, hohe Dame war uns sehr geneigt und zugethan. Sie besuchte uns oft. Wir haben uns an ihrem sanften und liebevollen Wesen immer höchst erbaut. Auch in der Kirche gab sie das schönste Beispiel und

[204] war immer die Erste in der Sorge für die Armen und Notleidenden. […]


[1] Hausbuch des Jungfrauenconvents zu Braunsberg, Anno 1615 bis 1945, Archiv des Generalats der Kongregation der Schwestern von der hl. Katharina in Grottaferrata bei Rom (AGKath), S. 182–223, hier S. 182–204.


Zitation
Im Schatten des Kulturkampfes: Katholische Schwestern in Skandinavien. Beitrag zum Themenschwerpunkt "Europäische Geschichte - Geschlechtergeschichte", in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2012, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3616>.
Für das Themenportal verfasst von

Relinde Meiwes

( 2012 )
Zitation
RelindeMeiwes , Im Schatten des Kulturkampfes: Katholische Schwestern in Skandinavien. Beitrag zum Themenschwerpunkt "Europäische Geschichte - Geschlechtergeschichte", in: Themenportal Europäische Geschichte, 2012, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3616>.
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