Kultur als Beruf in Europa. Perspektiven aus Kunst, Kultur und Wissenschaft

Was ist ein Künstler, welche Rolle und Funktionen nehmen die Angehörigen der sogenannten Wissensberufe in der Gesellschaft ein und wie kann man den kulturell und wissenschaftlich gebildeten Laien vom professionellen Kulturschaffenden unterscheiden? Auf diese Fragen eindeutige Antworten zu finden, scheint am Beginn des 21. Jahrhunderts noch komplizierter geworden zu sein als ein Jahrhundert zuvor. Die weitere Ausdifferenzierung von Tätigkeiten in Kultur- und Wissensproduktion scheint unaufhaltsam und zugleich in wachsendem Maße instabil zu sein. Gegenüber den Versuchen einer institutionalisierten Verberuflichung stellen sich besonders die Kulturberufe mit Klagen über Prekarisierung und Seiteneinsteigern als flüchtig dar. Strittig ist, ob dies einfach nur Trends fortsetzt, die zu früheren Zeitpunkten ebenfalls zu beobachten waren, oder ob aus verschiedenen Gründen Diskontinuität vorherrscht. [...]

Kultur als Beruf in Europa. Perspektiven aus Kunst, Kultur und Wissenschaft[1]

Von Isabella Löhr und Matthias Middell

Was ist ein Künstler, welche Rolle und Funktionen nehmen die Angehörigen der sogenannten Wissensberufe in der Gesellschaft ein und wie kann man den kulturell und wissenschaftlich gebildeten Laien vom professionellen Kulturschaffenden unterscheiden? Auf diese Fragen eindeutige Antworten zu finden, scheint am Beginn des 21. Jahrhunderts noch komplizierter geworden zu sein als ein Jahrhundert zuvor. Die weitere Ausdifferenzierung von Tätigkeiten in Kultur- und Wissensproduktion scheint unaufhaltsam und zugleich in wachsendem Maße instabil zu sein. Gegenüber den Versuchen einer institutionalisierten Verberuflichung stellen sich besonders die Kulturberufe mit Klagen über Prekarisierung und Seiteneinsteigern als flüchtig dar. Strittig ist, ob dies einfach nur Trends fortsetzt, die zu früheren Zeitpunkten ebenfalls zu beobachten waren, oder ob aus verschiedenen Gründen Diskontinuität vorherrscht. Wie Hannes Siegrist gezeigt hat, verband sich mit der Entstehung von Professionen eine „Systematisierung des Wissens und die Formalisierung von Ausbildung und Berechtigung, sowie die qualifikationsmäßige Homogenisierung der Berufsangehörigen“.[2] Dabei untermauerten die Angehörigen der freien und der Bildungsberufe die Legitimität dieses Anspruchs, indem sie sich als Berufsgruppe sozial organisierten, sich als Experten von den Laien abgrenzten, ihre Ansprüche auf politischer Ebene vertraten und auf eine Institutionalisierung dieser Ansprüche mit dem Ziel hinwirkten, kollektive Autonomie sowohl in der Regelung der Beziehungen innerhalb der Berufsgruppe als auch im Verhältnis nach außen herzustellen.

Wenig von dem scheint heute auf die kreativen Berufe zuzutreffen. Die von dem US-amerikanischen Wirtschaftstheoretiker Richard Florida beschriebene „kreative Klasse“[3] steht symptomatisch für den hohen symbolischen Stellenwert, den Kultur- und Wissensberufe in der Selbstwahrnehmung der europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften aktuell haben, während sie gleichzeitig als Prototypen einer liberal-individualistischen Gesellschaftsordnung in Erscheinung treten, die berufsmäßige Organisation und systematische Ausbildung mit sozialer und wirtschaftlicher Unsicherheit und der Freude am Quereinsteigertum verbinden. Selbst die akademische Wissensproduktion, traditionell in Universitäten, Akademien und Forschungslaboren gut institutionalisiert, sieht sich heute mit der Voraussage konfrontiert, dass Wissenschaft immer weniger eine teilautonome Sphäre der Gesellschaft sein wird, sondern auf dem Weg zu einer Symbiose mit anderen gesellschaftlichen Teilbereichen sei, weshalb das Beharren auf einer klaren Unterscheidung, wie sie der Professionalisierung zugrunde lag, einem Schwimmen gegen den Strom gleich käme.[4] In historisch-kritischer Perspektive stellt sich allerdings die Frage, inwieweit eine solche Selbstbeschreibung nicht großzügig langfristige Muster der Professionalisierung künstlerischer, kultureller und wissenschaftlicher Berufe ausblendet. So hat die jüngere Forschung zum 20. Jahrhundert bereits auf Mechanismen der Verberuflichung im künstlerischen und kulturellen Bereich aufmerksam gemacht, die auch in der gegenwärtigen Reorganisation des kulturellen und wissenschaftlichen Feldes eine Rolle spielen.[5] […]

Betrachtet man Professionalisierung als dynamischen sowie zeitlich und räumlich spezifischen Prozess der Formierung und Re-Formierung von Funktions- und Statusgruppen, der Organisation berufsspezifischer Rollen sowie der stetigen Aushandlung von Selbst- und Fremdzuschreibungen, so eröffnet sich eine Vielzahl historischer Perspektiven auf die Konstruktion von Europa als kulturellem Handlungsraum. Die Geschichtsschreibung über Europa hat in den letzten Jahrzehnten eine große Zahl an Forschungen hervorgebracht, die je nach thematischen, methodischen, regionalen oder zeitlichen Zugriff unterschiedliche Interpretationen dessen anbieten, was Europa oder das Attribut europäisch historisch ausmachte.[6] Diese Forschungen haben indessen deutlich gemacht, dass die Pluralität der Perspektiven das wesentliche Merkmal einer der jüngeren methodischen Diskussionen um historischen Vergleich, Kulturtransfer, Verflechtung und transnationaler Geschichte verpflichteten europäischen Geschichtsschreibung ist, die die Vorstellung einer historischen Einheit des Kontinents durch „das Wissen um beständige Ein- wie Rückflüsse, Überschichtungen und Veränderungen“[7] ersetzt hat. Die Frage nach der historischen Formation von Kultur- und Wissensberufen in Europa im 19. und 20. Jahrhundert bietet die Möglichkeit, einem solchen offenen Europakonzept gerecht zu werden, ohne die Konturen einer themenspezifischen Europäischen Geschichte zu verlieren. Denn mit Tänzern, Komponisten, Filmkritikern, Verlegern, Werbetreibenden, Kulturfunktionären, Kulturpolitikern, Intellektuellen und Wissenschaftlern rückt der vorliegende Band die Akteure und Akteursgruppen ins Zentrum, die geistige Arbeit als eine professionelle Tätigkeit zwar im regionalen und nationalen Wettbewerb von Kunst und Wissenschaft profilierten, die aber wegen der europaweiten Präsenz dieser Gruppen keine geographisch exklusive Definition von mehr oder weniger innovativen und geschichtsmächtigen Räumen aufdrängen. Statt dessen behandeln die Beiträge Europa in einer akteurszentrierten Perspektive als einen sozial, kulturell und regional differenzierten Handlungsraum, der historische Wirksamkeit entfaltete über die Entstehung von kulturellen Leitbildern, der Zuweisung von symbolischen, gesellschaftlichen und politischen Rollen, dem Aufkommen einer spezifischen Experten- und Wissenskultur, der Definition von Exklusions- und Inklusionsmechanismen und der Institutionalisierung dieser sozialen und kulturellen Muster in Vereinen, Berufsverbänden oder staatlich getragenen Einrichtungen. Die Aufmerksamkeit für die Konstruktion eines europäischen Bezugsrahmens durch die Akteure in Kultur, Kunst und Wissenschaft lenkt den Blick auf die Performativität Europas, das heißt auf die praktische Dimension der Herstellung eines professionellen Wissensraumes, auf die dadurch gewonnene Erfahrung des ‚Europäischen‘ sowie auf die soziale und symbolische Inszenierung dieses Wissens, der dazugehörigen Praktiken, Institutionen, Selbst- und Fremdbilder. […]



[1] Bei diesem Text handelt es sich um einen Ausschnitt der Einleitung zum Band 2 der Schriftenreihe „Europäische Geschichte in Quellen und Essays“. Der vollständige Text befindet sich in: Isabella Löhr, Matthias Middell und Hannes Siegrist (Hgg.), Kultur und Beruf in Europa, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, S. 11–25. In den kommenden Monaten werden weitere Beiträge aus diesem Band im Themenportal Europäische Geschichte veröffentlicht. Für eine Übersicht aller Beiträge vgl. das Themenportal Europäische Geschichte, URL: <http://www.europa.clio-online.de/site/lang__de-DE/40208815/Default.aspx>.

[2] Siegrist, Hannes, Bürgerliche Berufe. Die Professionen und das Bürgertum, in: ders. (Hg.), Bürgerliche Berufe. Zur Sozialgeschichte der freien und akademischen Berufe im internationalen Vergleich, Göttingen 1988, S. 11–48, hier S. 15; ders., Advokat, Bürger, Staat. 2 Teilbde., Frankfurt am Main 1996; ders., Professionalization, Professions in History, in: Smelser, Neil J.; Baltes, Paul B. (Hgg.), International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences (IESBS), Bd. 18, Oxford 2001, S. 12154–12160; ders., The Professions in Nineteenth-Century Europe, in: Kaelble, Hartmut (Hg.), The European Way. European Societies during the Nineteenth and Twentieth Centuries, New York 2004, S. 68–88.

[3] Florida, Richard, The Rise of the Creative Class and How it’s Transforming Work, Leisure, Community and Everyday Life, New York 2002; Caves, Richard E., Creative Industries. Contracts Between Art and Commerce, Harvard 2000.

[4] Nowotny, Helga; Scott, Peter; Gibbons, Michael, Wissenschaft neu denken. Wissen und Öffentlichkeit in einem Zeitalter der Ungewissheit, Weilerswist 2004.

[5] Scheideler, Britta, Zwischen Beruf und Berufung. Zur Sozialgeschichte der deutschen Schriftsteller von 1880 bis 1933, Frankfurt am Main 1997; Ruppert, Wolfgang, Der moderne Künstler. Zur Sozial- und Kulturgeschichte der kreativen Individualität in der kulturellen Moderne im 19. und frühen 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main 1998; Woodmansee, Martha, The Cultural Work of Copyright. Legislating Authorship in Britain 1837–1842, in: Sarat, Austin; Kearns, Thomas R. (Hgg.), Law in the Domains of Culture, Ann Arbour 1998, S. 65–96; McClelland, Charles E., Prophets, Paupers, or Professionals? A Social History of Everyday Visual Artists in Modern Germany, 1850–Present, Oxford 2003; Höpel, Thomas, Die Kunst dem Volke. Städtische Kulturpolitik in Leipzig und Lyon 1945–1989, Leipzig 2011; Sapiro, Gisèle; Gobille, Boris, Propriétaire ou travailleur intellectuel? Les écrivains français en quête de statut, in: Le mouvement social 214 (2006), S. 113–139; Parr, Rolf, Autorschaft. Eine kurze Sozialgeschichte der literarischen Intelligenz in Deutschland zwischen 1860 und 1930, Heidelberg 2008; Trebesius, Dorothea, Komponieren als Beruf. Frankreich und die DDR im Vergleich (1950–1980), Göttingen 2012.

[6] Dies zeigen in zahlreichen Facetten auf: Petri, Rolf; Siegrist, Hannes, Probleme und Perspektiven der Europa-Historiographie (= Comparativ 14 (2004), H. 3); Eberhard, Winfried; Lübke, Christian (Hg.), Die Vielfalt Europas. Identitäten und Räume, Leipzig 2009.

[7] Schneidmüller, Bernd, Grenzerfahrungen und monarchische Ordnung. Europa 1200–1500, München 2011, S. 13.


Für das Themenportal verfasst von

Isabella Löhr / Matthias Middell

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IsabellaLöhr / Matthias Middell , Kultur als Beruf in Europa. Perspektiven aus Kunst, Kultur und Wissenschaft, in: , , </essay/id/artikel-3628>.
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