Das Berufsbild des Kulturwissenschaftlers. Die Professionalisierung der Kulturfunktionäre in der DDR

Beim Projekt der SED, in der DDR eine sozialistische Gesellschaft zu schaffen, spielten Kultur und Bildung eine entscheidende Rolle. Sie sollten bei der Emanzipation der Arbeiter und Bauern helfen und zur Schaffung des „Neuen Menschen“ besonders im Zuge der „sozialistischen Kulturrevolution“ ab 1957 beitragen. Um dieses Projekt flächendeckend zu realisieren, setzte die SED auf hauptberufliche Kulturfunktionäre als zentrales Instrument. Seit Ende der 1950er-Jahre entstand ein breitgefächertes Qualifizierungs- und Ausbildungssystem für Kulturfunktionäre und Kulturarbeiter, das an der Spitze ein Hochschulstudium für Kulturwissenschaften vorsah. Professionelle Kulturfunktionäre sollten fortan die „sozialistische Kulturrevolution“ an der Basis durchsetzen. Sie waren einerseits abhängig von der staatlichen Partei- und Kulturbürokratie, kannten andererseits aber auch die Bedürfnisse und Nöte auf lokaler und regionaler Ebene und sollten die zentralen Direktiven den örtlichen Gegebenheiten gemäß umsetzen. [...]

Das Berufsbild des Kulturwissenschaftlers. Die Professionalisierung der Kulturfunktionäre in der DDR[1]

Von Thomas Höpel

Beim Projekt der SED, in der DDR eine sozialistische Gesellschaft zu schaffen, spielten Kultur und Bildung eine entscheidende Rolle. Sie sollten bei der Emanzipation der Arbeiter und Bauern helfen und zur Schaffung des „Neuen Menschen“ besonders im Zuge der „sozialistischen Kulturrevolution“ ab 1957 beitragen. Um dieses Projekt flächendeckend zu realisieren, setzte die SED auf hauptberufliche Kulturfunktionäre als zentrales Instrument. Seit Ende der 1950er-Jahre entstand ein breitgefächertes Qualifizierungs- und Ausbildungssystem für Kulturfunktionäre und Kulturarbeiter, das an der Spitze ein Hochschulstudium für Kulturwissenschaften vorsah. Professionelle Kulturfunktionäre sollten fortan die „sozialistische Kulturrevolution“ an der Basis durchsetzen. Sie waren einerseits abhängig von der staatlichen Partei- und Kulturbürokratie, kannten andererseits aber auch die Bedürfnisse und Nöte auf lokaler und regionaler Ebene und sollten die zentralen Direktiven den örtlichen Gegebenheiten gemäß umsetzen.

Die Demokratisierung des Zuganges zu einer von der SED ästhetisch/ideologisch geformten Kunst und Kultur für breite Bevölkerungsschichten, insbesondere die Arbeiter und Bauern, stand im Mittelpunkt der sozialistischen Kulturpolitik. Die SED knüpfte damit sowohl an sozialdemokratische als auch an kommunistische Traditionen aus der Zeit vor 1933 an. Letztlich stand dahinter die Vorstellung, dass ein bestimmtes Kultur- und Bildungsniveau die Bedingung für vernünftiges und gemeinschaftsorientiertes soziales Handeln ist. Die Sozialdemokraten hatten diese in der Aufklärung entstandene bürgerliche Vorstellung im 19. Jahrhundert aufgenommen und eine eigene Bildungs- und Kulturpolitik als Mittel zur sozialen Emanzipation forciert.

Allerdings drängte die zunehmend von den Kommunisten dominierte SED seit Ende der 1940er-Jahre auf eine stärker propagandistische Instrumentalisierung der Kulturpolitik nach dem Vorbild der kommunistischen Kulturpolitik der Zwischenkriegszeit sowie der sowjetischen Kulturpolitik.[2] Kulturarbeit sollte immer stärker der Massenerziehung dienen und wurde eng mit den Agitations- und Propagandabemühungen der SED-Führung gekoppelt.

Es stellte sich aber die Frage, wie diese zentral konzipierte Kulturpolitik, die im Laufe der Jahre auch immer wieder Schwankungen durchmachte, flächendeckend in der DDR umgesetzt werden konnte. Zwar wurden in Berlin verschiedene Institutionen zur Lenkung der Kunst und Kultur geschaffen – auf der Ebene des Politbüros des Zentralkomitees (ZK) der SED die Kulturkommission, auf Regierungsebene das Ministerium für Kultur (MfK), zudem verschiedene Massenorganisationen, deren zentrale Leitungen in Berlin saßen. Allerdings mussten die zentral gefassten Beschlüsse und Direktiven auch vor Ort realisiert werden. Das sollte vor allem über kompetente, verlässliche und parteiliche Kulturfunktionäre erfolgen, die zentral angeleitet wurden.

Einen ersten Schub erhielt der Prozess der Professionalisierung durch die Schaffung der Kultur- und Klubhäuser seit Beginn der 1950er-Jahre, die von der sowjetischen Seite wie in anderen staatssozialistischen Ländern forciert wurden. Die ersten Kulturhäuser entstanden dann auch in den von den Sowjets geleiteten Betrieben (SAGs – Sowjetische Aktiengesellschaften). Volkseigene Betriebe übernahmen deren Vorbild.[3] Das MfK organisierte zahlreiche Schulungen, Seminare und Konsultationen für die Leiter dieser neuen Institution, später auch ein Fernstudium an der Zentralen Schule des MfK in Meißen-Siebeneichen. Beim Aufbau der dafür nötigen Ausbildungsgänge orientierte man sich an Vorbildern aus der Sowjetunion, aus Polen und der Tschechoslowakei.[4]

Ein massiver Professionalisierungsschub erfolgte im Rahmen der sogenannten „sozialistischen Kulturrevolution“, die seit 1957 anvisiert und von Walter Ulbricht auf dem V. Parteitag 1958 verkündet worden war. Sie sollte eine sozialistische Nationalkultur hervorbringen, die Volk und Kultur miteinander vereinte. Das stellte die Weichen zum sogenannten Bitterfelder Weg, der umfassend auf der Bitterfelder Konferenz 1959 propagiert wurde.

Diese Bildungs- und Kulturoffensive steht im Zusammenhang mit der Krise des sozialistischen Blocks in Folge der Entstalinisierung und der darauf folgenden Reaktionen in verschiedenen kommunistischen Staaten.[5] Während in Polen 1956 die zentralistische Kulturpolitik und Instrumentalisierung der Kultur etwas zurückgenommen sowie das Dogma des sozialistischen Realismus aufgegeben wurde[6], entschieden sich die Hardliner in der SED um Ulbricht insbesondere im Gefolge des Aufstandes in Ungarn für eine verschärfte Durchsetzung der kommunistischen Ideologie und Politik.[7]

Die Werktätigen sollten jetzt noch massiver zum eigenständigen Kulturschaffen angeregt werden. Das sogenannte Volkskunstschaffen sollte sich von traditionellen Formen der Folklore lösen und aktuelle Themen aus dem Alltag sowie sozialistische Werte in den Mittelpunkt rücken. Die Kluft zwischen Berufs- und Laienkünstlern sollte beseitigt werden. Zugleich sollten die Werktätigen weiterhin an die Hochkultur, das „humanistische bürgerliche Kulturerbe“ herangeführt werden. Schließlich wollte die SED mit dem Bitterfelder Weg auch eine anspruchsvolle Unterhaltungs- und Freizeitkultur schaffen.

Die Kulturrevolution zielte daher zum einen auf eine kulturelle Hebung der Werktätigen, die dadurch zum sozialistischen „Neuen Menschen“ werden sollten. Sie zielte aber auch auf die Kultivierung der neuen, großenteils aus der Arbeiterschaft aufgestiegenen Funktionselite, die viele Positionen der früheren, in den Westen geflohenen, oder vertriebenen Elite übernommen hatte. Die neue Funktionselite war meist aus unterbürgerlichen Schichten hervorgegangen und ihr kulturelles Niveau wurde als zu niedrig eingeschätzt.[8]

Die bisherigen Fortschritte bei der Ausbildung von Kulturfunktionären reichten aber nicht aus, um die Ziele einer viel breiter verankerten „sozialistischen Kulturrevolution“ umzusetzen. Um die Bevölkerung massiv an eine eigene kulturelle Tätigkeit heranzuführen, war es nötig, eine große Zahl von Kulturfunktionären auszubilden und das Berufsfeld insgesamt attraktiver zu machen. Professionelle, linientreue und aktive Kulturfunktionäre wurden als zentrale Instrumente zur Umsetzung der „sozialistischen Kulturrevolution“ gesehen, da weder die ehrenamtlichen Kulturfunktionäre der Gewerkschaften[9] noch die in die Betriebe und Volkskunstgruppen geschickten Künstler diese Rolle ausgefüllt hatten. Zudem misstrauten die Hardliner um Ulbricht, die sich 1957 gegen reformfreudigere SED-Mitglieder durchgesetzt hatten, den Intellektuellen, die 1956 an der Reformdiskussion großen Anteil genommen hatten.

Da das MfK unter Alexander Abusch die Qualifizierung und Professionalisierung nicht mit dem von der Parteispitze geforderten Nachdruck vorangetrieben hatte, musste Abusch als Kulturminister im Februar 1961 seinen Hut nehmen.[10] Sein Nachfolger, Hans Bentzien, räumte Qualifizierung und Professionalisierung einen zentralen Platz ein. Er zielte darauf, mehr Fachleute auf allen Ebenen des Staatsapparates einsetzen zu können. Genau hier sah er im Bereich der Kultur ein Defizit gegenüber anderen Tätigkeitsfeldern.[11]

Das Politbüro des ZK der SED beauftragte das MfK Ende 1961, umgehend ein einheitliches Qualifizierungssystem für Kulturfunktionäre zu formulieren. Zudem sollte die kulturelle Massenarbeit in Klubs und Kulturhäusern durch ein zentral geleitetes System der Aus- und Weiterbildung der Leiter dieser Klubs und Kulturhäuser sowie von Zirkeln und Arbeitsgemeinschaften verbessert werden.[12] Die Entwürfe des MfK wurden durch die „Anordnung über das Grundstudium für Kulturfunktionäre und die Spezialschule für Leiter des künstlerischen Volksschaffens“ vom 16. November 1962 gesetzlich festgeschrieben. Für hauptamtliche Kulturfunktionäre ohne abgeschlossene Ausbildung wurde das als Fernstudium vorgesehene Grundstudium verbindlich. Der Lehrplan und die Lehrbriefe wurden vom Zentralhaus für Kulturarbeit in Leipzig erarbeitet. Bezirke und Kreise sollten monatlich Lehrveranstaltungen mit geeigneten Lehrkräften organisieren. Das Zentralhaus für Kulturarbeit in Leipzig hatte zudem die Gesamtleitung der Spezialschule für Leiter des künstlerischen Volksschaffens, die als Qualifizierungssystem zum 1. Februar 1963 eingeführt wurde, aber erneut dezentral in den Bezirken und Kreisen agierte. Es handelte sich um ein auf drei Jahre angelegtes Qualifizierungssystem, das Führungskräfte für die angestrebte Laienkunstbewegung hervorbringen sollte: Laientheaterregisseure, Leiter von Laien- und Arbeitertheatern, Leiter von Kunstzirkeln, Dirigenten von Laienorchestern, Leiter von Laientanzgruppen und Puppenspieltheatern sowie Chormeister.[13]

Im August 1962 beschloss das Politbüro des ZK der SED zudem die Schaffung einer Hochschulausbildung Kulturwissenschaften, mit der in den kommenden Jahren 500 Kulturfunktionäre ausgebildet werden sollten.[14] Schon auf der Kulturkonferenz im Jahr 1960 war explizit die Gründung eines Hochschulstudiums für Kulturarbeiter gefordert worden.[15] Jetzt konnten die seit langem existierenden Pläne[16] auch tatsächlich umgesetzt werden. An den Universitäten Berlin und Leipzig wurde ein Hochschulstudium der Fachrichtung Allgemeine Kulturwissenschaft mit Beginn des Studienjahres 1963/1964 geschaffen.[17]

Die vorliegende Quelle fasst die Ziele, die mit den neuen professionellen Kulturfunktionären erreicht werden sollten, zusammen.[18] Es handelt sich um einen Entwurf aus dem Jahr 1963, der bei der Ausarbeitung des Studienganges als Grundlage diente, und der in den ersten Jahren nach Anlaufen des Studiums weiterentwickelt wurde.[19] Er diente als wichtiger Ausgangspunkt für die Erstellung der detaillierten Studienpläne und wurde in Abschnitten darin übernommen.[20]

Die im Hochschulstudiengang Ausgebildeten sollten als hohe Kulturfunktionäre die kulturpolitischen Direktiven der Staats- und Parteiführung vor Ort umsetzen. Das zielte in erster Linie auf Leiter der Abteilungen Kultur auf Bezirks- und Kreisebene, auf Leiter von Kulturzentren und großen Klub- und Kulturhäusern ab.[21] Seit der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre mussten auch die Stadträte für Kultur ein Hochschulstudium der Kulturwissenschaft absolvieren.[22] Daneben sollten Kunstwissenschaftler im Nebenfach Kulturwissenschaften studieren, die später auf einem oder zwei Kunstgebieten leitende Funktionen in kulturell-künstlerischer Entwicklung und Erziehung übernehmen bzw. in der Volkskunstbewegung oder in Klub- und Kulturhäusern leitend tätig sein würden. Die Kulturwissenschaften sollten damit auch zur sozialistischen Erziehung der Studierenden der Kunst- und Literaturinstitute eingesetzt werden.

Das Studium vereinte eine grundlegende Ausbildung in Marxismus-Leninismus sowie sozialistischer Ästhetik und Kulturpolitik mit einer Ausbildung in einem kunstwissenschaftlichen Fach wie Theater-, Literatur-, Musik- oder Kunstwissenschaften. Die Kulturwissenschaftler und künftigen Kulturfunktionäre sollten sowohl befähigt werden, wissenschaftliche Grundlagen der Ästhetik und der Kunst zu erwerben als auch die aktuellen politischen Zielsetzungen der SED zu erkennen und in die Arbeit einzubeziehen.[23]

Um dem Berufsbild gerecht zu werden, gehörten zum Studium von Beginn an Praktika, bei denen die Studenten ihre erworbenen theoretischen Kenntnisse anwenden konnten. Es waren kulturpolitische und kunstwissenschaftliche Praktika vorgesehen sowie ein praktisches Jahr im vierten Studienjahr.[24] Diese Mischung aus marxistischer Theorie, Ideologie und Politik, kunstwissenschaftlicher Bildung, staatswissenschaftlichen Grundlagen und Praxisbezogenheit sollte die künftigen Kulturfunktionäre optimal auf ihre Aufgaben vorbereiten.

Die neue Fachrichtung Kulturpolitik und Ästhetik wurde am 1. Januar 1963 an den Instituten für Philosophie der beiden Universitäten eingerichtet. Dr. Erhard John wurde in Leipzig und Dr. Erwin Pracht in Berlin zum Fachrichtungsleiter für Kulturwissenschaften ernannt und mit dem Aufbau der Fachrichtung betraut.[25] John kann als Schlüsselfigur bei der Umsetzung der Ausbildungsoffensive für Kulturfunktionäre bezeichnet werden. Er hatte 1956 an der Humboldt-Universität Berlin (HUB) promoviert und war dann in Leipzig mit der Leitung der neu gegründeten Abteilung Ästhetik (seit 1959 Ästhetik und Kulturtheorie) betraut worden.[26] Der 1919 in Goblonz an der Neiße als Arbeitersohn geborene John war seit Januar 1951 an der Landesvolkshochschule Sachsen in Meißen-Siebeneichen tätig und leitete diese von Mai 1951 bis August 1954. Unter seiner Ägide wurde die Landesvolkshochschule in die Zentrale Schule für kulturelle Aufklärung umgewandelt und widmete sich auch der Ausbildung von Kulturfunktionären. John, der schon als Fachgutachter an der Ausarbeitung der Lehrpläne für das Fachschulfernstudium für Kulturfunktionäre mitgearbeitet hatte[27], entwarf auch den Studienplan für das Hochschulstudium Kulturwissenschaft.[28]

Am 1. September 1963 begannen in Leipzig die ersten 26 Studenten im Fachbereich Ästhetik und Kulturtheorie ihr Studium mit dem Berufsziel „Leiter der kulturellen Massenarbeit“. In Berlin lief der Studiengang mit acht Studenten an.[29] Die ersten Direktstudenten wurden dabei durchgehend durch Umlenkungen aus den Fachrichtungen Philosophie, Germanistik, Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft gewonnen.[30] Erst ab Oktober 1964 wurden an der HUB Studenten im ersten Studienjahr immatrikuliert.[31] Leipzig folgte im Oktober 1965.[32] Neben dem Direktstudium wurde auch ein Fern- und Abendstudium eingeführt, in das im ersten Semester 73 Studenten immatrikuliert wurden.[33]

Das Ministerium für Kultur erhielt in der Folge gegenüber dem Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen vergrößerte Mitspracherechte bei der Ausbildung der Kulturwissenschaftler: Das bezog sich auf die Bedarfsermittlung, die Erarbeitung eines Berufsbildes, die Auswahl der Kader, die Bestimmung des Grundinhaltes der Ausbildung sowie auf die Fragen des Einsatzes der Studenten und der Praxisbeziehungen.[34]

Das Kulturministerium sah 450 Absolventen bis 1970 vor, die vor allem in den Kulturabteilungen der Bezirke und dem Bereich der Klubs und Kulturhäuser eingesetzt werden sollten. In den 1970er-Jahren sollte dann die Ausbildung für die Abteilungsleiter für Kultur in den Kreisen erfolgen und ab 1975 für die nichtstaatliche Kulturarbeit.[35]

Da die Bewerberzahlen zum Fernstudium, das für bereits in der Kulturverwaltung tätige Kulturfunktionäre konzipiert war, sehr hoch waren, erwirkte das Kulturministerium die Ausarbeitung langfristiger Qualifizierungspläne bei den Räten der Bezirke.[36] Tatsächlich wurden dann in den Räten der Bezirke, Kreise, Städte und Gemeinden Kaderentwicklungspläne aufgestellt, in denen die vorhandenen bzw. nachzuholenden Qualifikationen der jeweiligen Mitarbeiter im Kulturbereich aufgeschlüsselt wurden. Erhard John wurde am 16. April 1964 mit der Leitung der ständigen Lehrplankommission beauftragt, die die Lehrpläne für die Studiengänge in Berlin und Leipzig zusammenstellte, ergänzte und überarbeitete.[37] Zum 1. September 1964 wurde ein eigenständiges Institut für Ästhetik und Kulturtheorie an der Philosophischen Fakultät der Karl-Marx-Universität gegründet und John zu dessen Direktor und zum Professor mit Lehrauftrag für das Fachgebiet Allgemeine Kulturwissenschaften ernannt.[38] An der HUB wurde ebenfalls ein selbständiges Institut für Ästhetik und Kulturtheorie gegründet.

Die Professionalisierung der Kulturfunktionäre und Kulturpolitiker diente vorrangig der Kultivierung, der kulturellen und ideologischen Bildung und Erziehung der DDR-Bürger. Es ging um die Schaffung einer sozialistischen Massenkultur, die sich deutlich von westlicher Massenkultur absetzen sollte. Die Idee, dass aus dieser neuen Massenkulturbewegung der Arbeiter auch Kunstwerke hervorgehen könnten, die denen der Berufskünstler gleichwertig wären, war dagegen schon nach kurzer Zeit korrigiert worden und spielte für die Kulturfunktionärsausbildung keine Rolle.[39] Die institutionalisierte Ausbildung erhöhte zudem den Status der Kulturfunktionäre und Kulturpolitiker, machte eine Tätigkeit in diesem Feld interessant. Berufskulturfunktionäre waren für die Durchsetzung zentral konzipierter Kulturpolitik unausweichlich. Sie waren einerseits abhängig von der staatlichen Partei- und Kulturbürokratie, kannten andererseits aber auch die Bedürfnisse und Nöte auf lokaler und regionaler Ebene.[40]

Hatte das MfK sich bei der Einführung und Ausgestaltung der Ausbildungsgänge für Kultur- und Klubhausleiter noch stark an Modellen aus der Sowjetunion und anderen staatssozialistischen Ländern orientiert, stellte die Schaffung eines Hochschulstudiums Kulturwissenschaft ein ostdeutsches Spezifikum dar. Ähnliches existierte weder in den westlichen Staaten noch in den meisten Ostblockländern. Nur in Ungarn erfolgte eine dem Leipziger Studiengang vergleichbare Hochschulausbildung an zwei Provinzuniversitäten unter der Überschrift Erwachsenenbildung. Zudem gab es in der CSSR seit Mitte der 1970er-Jahre eine Hochschulausbildung für Kulturfunktionäre an den Universitäten Prag, Bratislava und Olomouc.[41] In den anderen staatssozialistischen Ländern wurden hohe Kulturfunktionäre eher durch Kulturpolitik-Kurse an Parteihochschulen geschult und sie waren in noch stärkerem Maße Politfunktionäre. Ostdeutsche Kulturwissenschaftler entwickelten hingegen eine spezielle berufliche Identität und betonten zunehmend die Besonderheiten der theoretischen Ausarbeitung der DDR-Kulturwissenschaft. Die zahlreichen Kooperationsbeziehungen und wissenschaftlichen Kontakte der universitären ostdeutschen Kulturwissenschaftler erfolgten aufgrund dieser Sonderstellung zu Instituten für Ethnologie, Philosophie, Soziologie oder Geschichte und anderen an den Universitäten in Leningrad, Moskau, Kiew, Tartu, Prag, Bratislava, Sofia, Debrecen, Lublin und Gdansk sowie zu den Kulturinstituten in Moskau, Prag, Bratislava, Budapest und Sofia.[42]

Die wachsende Bedeutung, die kulturelle Prozesse und Vorgänge auch in den westeuropäischen Gesellschaften besaßen, hat dort ebenfalls das Bedürfnis nach professionellen Kulturarbeitern geschaffen. In Frankreich entstand bereits kurz nach der Befreiung 1944 mit Peuple et Culture eine Organisation, die sich der Ausbildung von Animateuren widmete.[43] Mitte der 1960er-Jahre folgten weitere Initiativen, so die Ecole Nationale d’Animation Globale in Chasselay, an der eine zweijährige Berufsausbildung als animateur angeboten wurde. Diese Animateure waren aber in der Regel nicht für die politische Konzipierung von Kulturprojekten zuständig. Sie sind von den eigentlichen Kulturpolitikern, Stadträten oder Beigeordneten für Kultur, Mitarbeitern von Ministerien etc. abzugrenzen, die auch weiterhin keinen vergleichbaren Professionalisierungsprozess durchmachten, selbst wenn sich viele von ihnen aufgrund einer bestimmten Affinität zu Kunst und Kultur für diese Funktion qualifizierten. Erst in den 1980er-Jahren entstanden in Frankreich, angeregt gerade durch die verstärkten kulturpolitischen Anstrengungen der sozialistischen Regierung, Ausbildungsgänge für Kulturmanager und Kulturadministratoren.[44] Allerdings hatten diese Kulturadministratoren weniger die Aufgabe, Kunst und Kultur ideologisch in ein Korsett zu zwängen, als vielmehr die vorhandene Kulturlandschaft zu unterstützen und zu verbreitern, wobei der elitäre Hochkulturbegriff verdrängt wurde von einem breiten Kulturbegriff, dem Tout Culturel.



[1] Essay zur Quelle: Das Berufsbild des Kulturwissenschaftlers in der DDR (20. August 1963). Die Druckversion des Essays findet sich in: Isabella Löhr, Matthias Middell, Hannes Siegrist (Hgg.): Kultur und Beruf in Europa, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, S. 78–86, Band 2 der Schriftreihe Europäische Geschichte in Quellen und Essays.

[2] Vgl. Erbe, Günter, Die verfemte Moderne, Opladen 1993, S. 59ff.

[3] Groschopp, Horst, Der singende Arbeiter im Klub der Werktätigen. Zur Geschichte der DDR-Kulturhäuser, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung 33 (1993), S. 92f; Morgenstern, Jürgen, Klubarbeit. Zu theoretischen und methodischen Grundlagen, Leipzig 1986, S. 32f.

[4] Hempel an die Forschungsanstalt Erwachsenenbildung Prag, Siebeneichen, 2. November 1955 (Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Fachschule für Klubleiter Siebeneichen, Nr. 141); Erfahrungsaustausch für die Volkshochschulen und Kulturhäuser der DDR, hg. von der Wissenschaftlichen und Methodischen Abteilung für kulturelle Aufklärung Meißen-Siebeneichen (1954), H. 2.

[5] Vgl. Staritz, Dietrich, Geschichte der DDR, Frankfurt am Main 1996, S. 151ff.

[6] Vgl. Malkiewicz, Anna, Die Kunstpolitik des sozialistischen Realismus im Vergleich. Die bildende Kunst in der SBZ/DDR und in Polen nach dem zweiten Weltkrieg, Leipzig 2008, S. 260–264.

[7] Emmerich, Wolfgang, Kleine Literaturgeschichte der DDR, Frankfurt am Main 51989, S. 106f.

[8] Mühlberg, Dietrich, Notizen zur Entstehung und Entwicklung der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR, in: Kulturation. Online-Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik 7 (2006), S. 3, URL: <http://www.kulturation.de/_bilder/pdfs/2006-03-04_Report_Muehlberg_Erinnerungen.pdf> (20.03.2012).

[9] Schuhmann, Annette, Kulturarbeit im sozialistischen Betrieb. Gewerkschaftliche Erziehungspraxis in der SBZ/DDR 1946 bis 1970, Köln 2006, S. 126f.

[10] Sander, Hans-Dietrich, Geschichte der Schönen Literatur in der DDR, Freiburg 1972, S. 196. Der Literaturwissenschaftler Sander sieht hinter Abuschs Absetzung den Versuch Ulbrichts, den Schriftstellern mehr eigene Gestaltungsmöglichkeiten zu geben. Tatsächlich scheint Abusch aber eher wegen fehlender Erfolge bei der breiten Durchsetzung der „sozialistischen Kulturrevolution“ versetzt worden zu sein. Bentzien suchte dann stärker die Menschen einzubeziehen und zu beteiligen. Die von Bentzien reduzierte schematische Kontrolle und Disziplinierung des Kulturlebens hatte aber zur Folge, dass die Parteibürokratie ihre Machtbasis schwinden sah. Deshalb wurde Bentzien 1965 im Gefolge des 11. Plenums des ZK der SED als Kulturminister abgesetzt. Vgl. Höpel, Thomas, Die Kunst dem Volke. Städtische Kulturpolitik in Leipzig und Lyon 1945–1989, Leipzig 2011, S. 155f.; Kaiser, Monika, Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker. Funktionsmechanismen der SED-Diktatur in Konfliktsituationen 1962 bis 1972, Berlin 1997, S. 168, 179ff.

[11] Hans Bentzien auf der Beratung mit den Abteilungsleitern für Kultur der Räte der Bezirke am 28. und 29. März 1961 (BArch DR 1/8635, Bl. 18f.).

[12] Vorlage für das Politbüro des ZK der SED (BArch DR 1/521, Bd. 1).

[13] Gesetzblatt der DDR, Teil II, Nr. 97, Berlin, 22. Dezember 1962.

[14] MfK, Sektor Schulische Einrichtungen, Bericht über die Entwicklung der Fachrichtung Allgemeine Kulturwissenschaft, 1. Oktober 1963 (BArch DR 1/520).

[15] Kulturkonferenz 1960. Protokoll der vom Zentralkomitee der SED, dem Ministerium für Kultur und dem Deutschen Kulturbund vom 27. bis 29. April 1960 im VEB Elektrokohle Berlin abgehaltenen Konferenz, Berlin 1960, S. 461.

[16] Bereits unmittelbar nach der Bildung des MfK im Januar 1954 wurde die Schaffung einer kulturpolitischen Hochschule anvisiert, die sich der Ausbildung der Kulturfunktionäre und Kulturpolitiker widmen sollte. Vgl. Bezirkssekretär Halle der DSF an Kulturminister Becher, Halle, 17. Februar 1954 (BArch DR 1/574).

[17] MfK, Sektor Schulische Einrichtungen.

[18] Entwurf: Berufsbild des Kulturwissenschaftlers, 20. August 1963, o. V. (Bundesarchiv Berlin DR 1 (Ministerium für Kultur), Nr. 521 (Ausbildung von Kulturwissenschaftlern in der DDR), Bd. 2).

[19] Ein zweiter Entwurf mit gleichem Titel vom Oktober 1965 ist ebenfalls in den Akten des MfK zu finden. Vgl. BArch DR 1/521, Bd. 2.

[20] Vgl. Studienplan für die Fachrichtung Kulturwissenschaft, Juli 1965. Ausgearbeitet im Auftrage des Staatssekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen von einer Kommission unter Leitung von Prof. Dr. E. John (BArch DR 1/521, Bd. 2).

[21] Staatssekretariat für Hoch- und Fachschulwesen an den Rektor der Karl-Marx-Universität Leipzig, 5. Oktober 1962, Anlage (Universitätsarchiv Leipzig (UAL) R 321, Bd. 3, Bl. 60).

[22] Vgl. Kaderentwicklungsplan der Stadtverwaltung Chemnitz, 10. Januar 1966 (Stadtarchiv Chemnitz, Rat der Stadt 1945–1989, Nr. 17987).

[23] Vgl. Entwurf eines Studienplans zur Ausbildung von Kulturwissenschaftlern an den Universitäten und Hochschulen der DDR, Berlin 20. August 1963 (UAL ZM 1811); Anweisung des Staatsekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen über die Hochschulausbildung von Kulturwissenschaftlern, 1. August 1963 (UAL R 321, Bd. 3, Bl. 120–122).

[24] Entwurf: Studienplan zur Ausbildung von Kulturwissenschaftlern an den Hoch- und Fachschulen der DDR, Berlin 20. August 1965 (UAL ZM 1811); Allgemeine Vorschläge für die Gestaltung des Praktikums der Kulturwissenschaft-Studenten im 2. Fach (Literaturwissenschaft), Leipzig 5. Januar 1965 (UAL ZM 1811); vgl. zum Studienplan der Sektion Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität Berlin: Kyrieleis, Gisela, Geschlossene Stadtkultur und alltagskulturelle Nischen, in: Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat (Hg.), Kultur und Kulturträger in der DDR. Analysen, Berlin 1993, S. 92f.

[25] Rektor der Universität Leipzig Georg Mayer an Stellvertreter des Staatssekretärs für das Hoch- und Fachschulwesen, 7. Januar 1963 (UAL R 321, Bd. 3, Bl. 118).

[26] UAL PA 2935, Bl. 139.

[27] Erhard John an Johannes R. Becher, Leipzig 18. März 1958 (BArch DR 1/572, Bd. 2).

[28] BArch DR 1/520.

[29] MfK, Sektor Schulische Einrichtungen, Bericht über die Entwicklung der Fachrichtung Allgemeine Kulturwissenschaft, 1. Oktober 1963 (BArch DR 1/520).

[30] Ebd.

[31] In Berlin waren das 32 Studenten. Vgl. Erwin Pracht (Institut Philosophie, HUB) an Genossin Rauer (MfK), Berlin 16. Juni 1964 (BArch DR 1/520).

[32] Im Direktstudium wurden jährlich abwechselnd jeweils 30 Studierende in Berlin und Leipzig immatrikuliert. Dr. Pracht (Institut Philosophie, HUB) an Genossin Rauer (MfK), Berlin 16. Juni 1964, Anlage: Theoretische und praktische Probleme der Fachrichtung allgemeine Kulturwissenschaft (BArch DR 1/520).

[33] Protokoll einer Beratung der für die Ausbildung in Kulturwissenschaften verantwortlichen Institute, Berlin 18. Oktober 1963 (UAL ZM 1811). Im Herbstsemester 1963 begannen in Berlin 44 Studenten im Fern- oder Abendstudium, in Leipzig 29 Studenten.

[34] Protokoll einer Beratung mit Vertretern der für die Ausbildung in Kulturwissenschaften verantwortlichen Institute, Berlin 16. April 1964 (UAL ZM 1811).

[35] Bericht über die Ergebnisse des ersten Studienjahres der Ausbildung von Kulturwissenschaftlern (BArch DR 1/520).

[36] Protokoll einer Beratung der für die Ausbildung in Kulturwissenschaften verantwortlichen Institute, Berlin 16. April 1964 (UAL ZM 1811).

[37] Ebd.

[38] Gründungsurkunde des Instituts für Ästhetik und Kulturtheorie, Berlin 12. September 1964 (UAL ZM 1811).

[39] Jäger, Manfred, Kultur und Politik in der DDR: 1945–1990, Köln 1995, S. 100f.

[40] Zu Möglichkeiten und Grenzen lokaler Kulturpolitiker am Beispiel Leipzig vgl. Höpel, Thomas, Die Kunst dem Volke, hier S. 54f.

[41] Simon, Heidrun, Zur Ausbildung von Kulturarbeitern in der CSSR, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung 12 (1983), S. 75–84.

[42] Lippold, Monika, Zur Entwicklung der marxistisch-leninistischen Ästhetik und Kulturtheorie an der Karl-Marx-Universität Leipzig, in: Wissenschaftliche Zeitschrift der Karl-Marx-Universität Leipzig, Gesellschaftswissenschaftliche Reihe 34 (1985), S. 420–423.

[43] Vgl. Guillaume, Christiane; Lefort des Ylouses, Nicole, Une recherche de démocratisation culturelle: La formation des cadres, in: Cahiers de l’animation 57/58 (1986), S. 127–134.

[44] Dubois, Vincent, La politique culturelle. Genèse d’une catégorie d’intervention politique, Paris 1999, S. 250f.



Literaturhinweise


  • Dubois, Vincent, La politique culturelle. Genèse d’une catégorie d’intervention politique, Paris 1999.
  • Groschopp, Horst, Der singende Arbeiter im Klub der Werktätigen. Zur Geschichte der DDR-Kulturhäuser, in: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung 33 (1993), S. 86–131.
  • Höpel, Thomas, Die Kunst dem Volke. Städtische Kulturpolitik in Leipzig und Lyon 1945–1989, Leipzig 2011.
  • Jäger, Manfred, Kultur und Politik in der DDR: 1945–1990, Köln 1995.
  • Mühlberg, Dietrich, Notizen zur Entstehung und Entwicklung der Disziplin Kulturwissenschaft in der DDR, in: Kulturation. Online-Journal für Kultur, Wissenschaft und Politik 7 (2006), URL: <http://www.kulturation.de/_bilder/pdfs/2006-03-04_Report_Muehlberg_Erinnerungen.pdf> (20.03.2012).
  • Schuhmann, Annette, Kulturarbeit im sozialistischen Betrieb. Gewerkschaftliche Erziehungspraxis in der SBZ/DDR 1946 bis 1970, Köln 2006.


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ThomasHöpel , Das Berufsbild des Kulturwissenschaftlers. Die Professionalisierung der Kulturfunktionäre in der DDR, in: , , </essay/id/artikel-3631>.
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