Wissenschaft am Rande Europas? Osman Hamdi Bey und die Professionalisierung der osmanischen Archäologie

Die Ausgrabung der Nekropole von Sidon im Südlibanon im Jahr 1887 gilt noch heute als Meilenstein der Archäologiegeschichte. Aufmerksamkeit auch eine zentrale Etappe für den Aufbau und die Popularisierung der Archäologie im Osmanischen Reich. Hauptfundstück der Grabung war der sogenannte „Alexandersarkophag“, ein prächtig gestalteter Marmorsarkophag aus dem dritten Jahrhundert v. Chr., der aufgrund seines reichen, mit polychromen Farbresten bestückten Figurenfrieses bald nach seiner Entdeckung von der Öffentlichkeit fälschlicher Weise zum Sarkophag Alexanders des Großen erklärt wurde. [...]

Wissenschaft am Rande Europas? Osman Hamdi Bey und die Professionalisierung der osmanischen Archäologie[1]

Von Jakob Vogel

Die Ausgrabung der Nekropole von Sidon im Südlibanon im Jahr 1887 gilt noch heute als Meilenstein der Archäologiegeschichte. Mit ihren bedeutenden antiken Funden warf die Ausgrabung nicht nur ein wichtiges neues Licht auf die Begräbniskultur der hellenistischen Zeit, sondern bildete durch die breite öffentliche Aufmerksamkeit auch eine zentrale Etappe für den Aufbau und die Popularisierung der Archäologie im Osmanischen Reich. Hauptfundstück der Grabung war der sogenannte „Alexandersarkophag“, ein prächtig gestalteter Marmorsarkophag aus dem dritten Jahrhundert v. Chr., der aufgrund seines reichen, mit polychromen Farbresten bestückten Figurenfrieses bald nach seiner Entdeckung von der Öffentlichkeit fälschlicher Weise zum Sarkophag Alexanders des Großen erklärt wurde. Geleitet worden war das Unternehmen von Osman Hamdi Bey[2], dem Chef der osmanischen Altertümerverwaltung, der als Autor der Gesetze von 1884 zum Schutz der antiken Kulturgüter auf dem Boden des Osmanischen Reiches eine entscheidende Rolle bei der Institutionalisierung und Professionalisierung der osmanischen Archäologie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts spielte. Zusammen mit dem französischen Archäologen und Gräzisten Theodore Reinach veröffentlichte er 1892 einen zweibändigen Bericht der Grabung und eine wissenschaftliche Beschreibung der wichtigsten Fundstücke aus Sidon, die er dem osmanischen Sultan Abdülhamit II. widmete.

Die von Hamdi Bey verfasste Einleitung der Schrift verdeutlicht dabei die großen Anstrengungen zur Etablierung der klassischen Archäologie und einer professionellen Antikenverwaltung in dem islamisch geprägten Reich, bei denen die Funde von Sidon eine zentrale Stellung einnahmen.[3] Der Text offenbart aber auch die Spannungen und Vorurteile, mit denen ein derartiges Unternehmen am Ende des 19. Jahrhunderts zu kämpfen hatte. Diese ergaben sich nicht allein durch die Probleme einer im Aufbau begriffenen Verwaltung und durch das Unverständnis der heimischen Bevölkerung – Umstände, welche zu jener Zeit vergleichbare Unternehmungen auch in westeuropäischen Ländern beklagten –, sondern auch durch die Schwierigkeiten und kulturellen Vorurteile, unter denen die osmanische Archäologie unter dem Vorzeichen des westeuropäischen Imperialismus und Orientalismus zu leiden hatte: Ihre Vertreter waren die Repräsentanten einer sich erst allmählich professionalisierenden und institutionalisierenden Wissenschaft[4], die nicht nur mit den Anfangsschwierigkeiten jeder wissenschaftlichen Disziplin kämpfte, sondern sich durch die umkämpfte Position des Osmanischen Reiches im Südosten Europas auch im Zentrum der imperialistischen Politik der anderen europäischen Mächte wiederfand. Dabei hatten sie sowohl den Widerstand der Traditionalisten im eigenen Land als auch die Vorurteilen der westlichen Kollegen zu gewärtigen.

Der Fall Osman Hamdi Beys und der Ausgrabungen in Sidon verweist damit auf die ambivalente Stellung der osmanischen Archäologie im Rahmen einer europäischen Kultur- und Sozialgeschichte. Denn auch wenn der osmanische Archäologe unzweifelhaft durch seine wissenschaftlichen Anschauungen und Kontakte, sein professionelles Selbstverständnis und seinen Habitus ganz in den Kreis der europäischen Wissenschaftler einbezogen war[5], wurde er doch stets – und dies in der Forschung durchaus bis heute – aus diesem Kreis ausgegrenzt, sei es aufgrund seiner „orientalischen“ Herkunft[6] oder sei es wegen eines vermeintlich nicht vollwertigen Status als „Facharchäologe“.[7] Gerade der letzte Vorwurf erscheint besonders unpassend, repräsentierte Hamdi Bey doch den in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch in der westeuropäischen Archäologie verbreiteten Typus eines Angehörigen der europäischen Oberschicht, der keine formelle universitäre Ausbildung etwa in der klassischen Philologie oder Geschichte besaß, den fehlenden akademischen Abschluss aber durch breites historisches Wissen und ein großes Engagement in der praktischen Grabungswissenschaft wettmachte. Auch westeuropäische gentleman scientists wie Carl Humann, Max von Oppenheim, John Lubbock oder Henry Underhill lassen sich in ähnlicher Weise in den allmählichen Professionalisierungsprozess der europäischen Archäologie einordnen. Tatsächlich kannte diese um 1900 noch kein klares Berufsbild eines akademisch geschulten Archäologen. Vielmehr handelte es sich um eine recht bunt gemischte Gruppe unterschiedlicher Herkunft und Ausbildung, welche die Kenntnisse der antiken Geschichte sowie ihrer schriftlichen und bildlichen Quellen mit einem eher praktisch ausgerichteten Grabungswissen verband.[8] Zu Gute kam Hamdi Bey dabei seine künstlerische Ausbildung, die ihm wichtige Bereiche der wissenschaftlichen Bearbeitung und der musealen Präsentation der Fundstücke erschloss. In diesem Sinne repräsentierte Hamdi Bey – anders als dies die gelegentlichen abwertenden Äußerungen der Quellen und Forschung suggerieren – den Typus eines Archäologen, der vollständig in die europäischen Netzwerke der Disziplin einbezogen war, durch seine Herkunft und Arbeit im Osmanischen Reich aber auch immer wieder an den Rand der europäischen Wissenschaft gedrängt wurde.

Die Ausgrabungen von Sidon und die wissenschaftliche Publikation ihrer Funde bildeten aus Sicht der zeitgenössischen Wissenschaften tatsächlich so etwas wie das Gesellenstück Osman Hamdi Beys für seine zu diesem Zeitpunkt bereits langjährigen Karriere als Archäologe im Dienst des Sultans, führten sie doch zu seiner Aufnahme als ausländisches korrespondierendes Mitglied in die Pariser Académie des Inscriptions et Belles-lettresim Jahr 1894.[9] Doch schon Jahre bevor seine Leistungen auf diese Weise durch die community der französischen Altertumswissenschaftler anerkannt wurden, hatte Hamdi Bey eng mit seinen ausländischen Kollegen beim Aufbau einer osmanischen Archäologie zusammengearbeitet: 1881 zum Direktor der kaiserlichen Museen in Konstantinopel berufen, übertrug er beispielsweise die Erstellung des ersten wissenschaftlichen Katalogs des Museums dem älteren Bruder Theodore Reinachs, dem Archäologen und Religionswissenschaftler Salomon Reinach. Auch andere französische Altertumswissenschaftler bildeten von Anfang an den Kreis der Wissenschaftler, die durch die Vermittlung Hamdi Beys in Konstantinopel und in den verschiedenen Regionen des Reiches zur antiken Geschichte forschten.[10]

Der enge Austausch mit den französischen Kollegen war nicht nur der verbreiteten Frankophilie der osmanischen Oberschicht geschuldet, sondern hatte auch tiefergehende persönliche Gründe: Ähnlich wie schon sein Vater, ein hoher Beamter und zeitweilig Minister des Sultans, hatte Hamdi Bey ab 1860 mehrere Jahre in Paris verbracht mit dem Ziel, dort Französisch zu lernen und ein Jura-Studium zu absolvieren.[11] Im Gegensatz zu den Wünschen seines Vaters blieben seine akademischen Studien jedoch eher oberflächlich, stattdessen nahm der junge Hamdi Bey Unterricht im Atelier des Salonmalers Gustave Boulanger, dessen orientalistischen Malstil er für die eigenen Werke übernahm. Der väterliche Wunsch einer höheren Verwaltungslaufbahn im Dienste des Sultans verwehrte ihm allerdings die von ihm zunächst anvisierte Malerkarriere in Frankreich und zwang ihn 1868 zur Rückkehr an den Bosporus. Dank der vielfältigen persönlichen Beziehungen des Vaters in der osmanischen Oberschicht nahm Hamdi Bey in den Folgejahren als Verantwortlicher für die diplomatischen Beziehungen mit den Europäern an einer Regierungsmission im Irak teil, wo er auch erstmals mit den archäologischen Ausgrabungen in der Region in Kontakt kam. Fortan blieb sein Weg in der Administration des Sultans von den beiden Polen der Kunst und der Archäologie gekennzeichnet: als künstlerischer Leiter des Beitrags seines Landes auf der Weltausstellung in Wien 1873, als Direktor des Kaiserlichen Museums, des späteren Archäologischen Museums und der osmanischen Antikenverwaltung, und schließlich ab 1882 als Direktor der neu gegründeten Kunstakademie. Als erste derartige Ausbildungsstätte im Osmanischen Reich hatte diese nicht nur einen großen Einfluss auf die Entwicklung der modernen Malerei im gesamten islamischen Raum, sondern beeinflusste auch die osmanische Archäologie, denn die hier ausgebildeten Zeichner und Bildhauer kamen bei den Ausgrabungen beim Abzeichnen oder Abgießen der Fundstücke zum Einsatz.[12]

Die Verwaltungsaufgaben in Konstantinopel hinderten Hamdi Bey nicht, sich gleichzeitig mit großer Energie der Förderung der Grabungstätigkeit in den osmanischen Provinzen zu widmen. 1883 erhielt er beispielsweise den Auftrag, Ausgrabungen auf dem Tumulus in Nemrut Dagi im Südosten Anatoliens vorzunehmen, den im Jahr zuvor der deutsche Ingenieur Karl Sester im osmanischen Regierungsauftrag vermessen hatte. Die hier wie an anderen Stellen des Reiches geborgenen Fundstücke, allen voran der in Sidon gefundene Alexandersarkophag, dienten wiederum der Ausstattung des von Hamdi geleiteten Kaiserlichen Museums, für das 1891 ein neues Gebäude in Konstantinopel errichtet wurde.[13] Seine Platzierung auf dem Gelände des Topkapi-Palasts im symbolischen Herzen der osmanischen Hauptstadt wie auch der neoklassische, an einen antiken Tempel erinnernde Stil des von dem französisch-osmanischen Architekten und Professor an der Kunstakademie Alexandre Vallaury geschaffenen Bauwerkes unterstrichen sichtbar den zentralen Stellenwert, welcher der Sultan der antiken, vorislamischen Vergangenheit in der Selbstdarstellung des Reiches beimaß.

Ebenso großes Gewicht wie auf die fachgerechte Ausstellung der Fundstücke im neuen Museum – die Experten der Académie des Inscriptions rühmten es 1910 im Nachruf auf den Museumsgründer als „un des premiers musées du monde […] qui par ses aménagements, ses classements, est un modèle à proposer à beaucoup d’autres“[14] – legte Hamdi Bey auf die Publikation der Grabungsergebnisse, die allgemeinen Standards des Faches entsprechen sollte. Einen Bericht seiner Ausgrabung im Südosten Anatoliens veröffentlichte er daher zusammen mit Osgan Efendi, einem Bildhauer und Professor an der Kunstakademie, noch 1883 in Konstantinopel auf Französisch unter dem Titel Le Tumulus de Nemroud-Dagh[15]– ein Ausweis dafür, dass die Grabungsergebnisse der internationalen scientific community zur Verfügung gestellt werden sollten. Die Publikation der Grabung von Sidon wurde von Hamdi Bey noch sorgfältiger geplant: Während ein erster Bericht aus seiner Hand 1887 in der renommierten Revue archéologique erschien[16], wurde die ausführliche, mit Theodore Reinach verfasste Dokumentation erst fünf Jahre später in einem angesehenen Pariser Verlag publiziert, der auf altertumskundliche Werke spezialisiert war. Die aufwändige bildliche Dokumentation der Fundstücke, von denen einige sogar als Fotografien bzw. als farblich kolorierte Zeichnungen wiedergegeben wurden, sowie die Karten und Skizzen des Abbildungsbandes machten dabei das Interesse Hamdis deutlich, die geborgenen Kunstwerke möglichst spektakulär und auf höchstem wissenschaftlichem Niveau zu präsentieren. Seine künstlerische Ausbildung und zeichnerischen Fähigkeiten kamen ihm hierbei zweifellos zu Gute – auch wenn sie in einer eher von naturwissenschaftlichen und philologischen Methoden dominierten Wissenschaft außergewöhnlich erscheinen musste. Entsprechend groß war daher das Echo der Fachwelt auf die Publikation.[17]

Hamdis Bericht über die zweijährige Grabungskampagne in Sidon lässt jedoch auch erkennbar werden, wie eng begrenzt letztlich der Radius der osmanische Archäologen im eigenen Reich trotz der Förderung durch die allerhöchsten Stellen war: Die geringe Zahl von archäologisch geschulten Beamten machten sie abhängig von der Unterstützung der lokalen Bevölkerung und der örtlichen Behörden, denen in aller Regel die Fachkenntnisse bei der Bergung der Fundstücke fehlten. Mitte der 1880er-Jahre besaß die osmanische Verwaltung tatsächlich nur in wenigen Provinzhauptstädten des Reiches einen archäologischen Dienst, so etwa in Smyrna (Izmir), das aufgrund der zahlreichen griechischen Ausgrabungsstätten an der kleinasiatischen Küste ein besonders exponierte Stellung für die zeitgenössischen Archäologen einnahmen. Entsprechend positiv hob Hamdi Bey in seinem Bericht über die Grabungen in Sidon die Zusammenarbeit des Besitzers des Grundstücks der Nekropole sowie der regionalen Beamten hervor, die nicht, wie in vielen anderen Fällen, die ersten Fundstücke an ausländische Sammler verkauft, sondern ganz vorschriftsmäßig die übergeordneten Stellen über die Funde informiert hätten.[18]

Noch deutlicher hatte Hamdi in seinem in der Revue archéologique erschienenen Aufsatz darüber hinaus den Vandalismus beklagt, mit dem in Sidon wie in anderen Orten des Reiches die antiken Überreste zerstört würden. Explizit erhob er den Vorwurf an einzelne, nicht namentlich genannte Vertreter europäischer Mächte vor Ort, die nicht nur die Raubgrabungen unterstützt, sondern auch in der Region eine lukrative Produktion von nachgebildeten, „antiken“ Objekten und Inschriften betrieben hätten.[19] Weit mehr noch als die Konkurrenz der westeuropäischen Kollegen, die seit Mitte des Jahrhunderts in zunehmendem Ausmaß eigene Grabungskampagnen auf dem Gebiet des Osmanischen Reiches vornahmen, bildeten tatsächlich die Grabräuberei sowie der florierende illegale Handel mit echten und vermeintlichen Ausgrabungsstücken eine ständige Herausforderung für die osmanischen Archäologen. Die kontinuierliche, unkontrollierte Ausfuhr von antiken Objekten wenigstens halbwegs einzudämmen, war daher das Ziel der von Hamdi Bey 1884 formulierten Antikengesetze, die eine striktere Kontrolle der Grabungen und eine Aufteilung der Fundstücke zwischen den grabenden ausländischen Archäologen und den osmanischen Altertumsbehörden vorsahen. Die große Ausdehnung des Reiches und die zahllosen antiken Fundstätten machten eine systematische Überwachung aber nicht möglich. Angesichts der beschränkten Mittel der Verwaltung konnten diese Regelungen daher auch nur in einem sehr begrenzten Rahmen umgesetzt werden.

Der Fall Osman Hamdi Beys und seiner Ausgrabungen in Sidon verweist jedoch nicht nur auf Erfolge der Professionalisierung der osmanischen Archäologie und die Grenzen ihrer Institutionalisierung am Ende des 19. Jahrhunderts. Ebenso deutlich werden auch die kulturellen Vorurteile und Stereotypen, mit denen die osmanischen Archäologen angesichts des in Westeuropa florierenden „Orientalismus“ zu kämpfen hatten, der mit seinen kulturellen Vorurteilen und Fremdbildern des „Orients“ – wie die Forschung seit Edward Saids Pionierstudie deutlich gemacht hat – gerade in den Wissenschaften und in der Kunst außerordentlich verbreitet war.[20]

Augenfällig werden diese Stereotypen selbst in dem Nachruf, den der Präsident der Pariser Académie des Inscriptions, Edmond Pottier, nach dem Tod Hamdi Beys während der Akademiesitzung am 4. März 1910 verlas.[21] Während Pottier auf der einen Seite die Verdienste des Verstorbenen für die osmanische Archäologie und die Wissenschaft im allgemeinen lobte und ihn dabei als „homme de goût“ und „savant de haute intelligence“ pries, kam der Kunsthistoriker und Archäologe offenbar nicht umhin, seine Leistungen dem verbreiteten Bild des Osmanen entgegen zu setzen: „Une telle vie donne un singulier démenti à la réputation de mollesse des Orientaux.“[22] In der Beschreibung Pottiers erschien Hamdi eher als eine seltsame Zwischengestalt, die Orient und Okzident in sich vereinte – wobei letzterer und insbesondere Hamdi Beys Ausbildung in Paris für die außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten des Osmanen verantwortlich gemacht wurden: „Le contraste était piquant entre sa physionomie d’Oriental et la vivacité tout occidentale de ses manières et de son langage.“[23]

Immer wieder vorgeworfen wurde Hamdi Bey darüber hinaus ein gewisser „Nationalismus“, insbesondere im Zusammenhang der im Westen meist als zu harsch empfundenen Regelungen des Antikengesetzes von 1884[24], das Hamdi Bey in der Einleitung seines Werkes noch einmal als gutes Recht des in seinem Reich souveränen Sultans rechtfertigte. Die Elogen, welche er für sein Werk von Kollegen und offiziellen Stellen nicht nur aus Frankreich, sondern aus allen westeuropäischen Ländern erhielt[25], hatten insofern leicht einen instrumentellen Charakter, wussten die Westeuropäer doch, dass die Person Hamdi Beys in den kulturdiplomatischen Beziehungen mit der Hohen Pforte eine zentrale Position einnahm.

Die verbreitete Abgrenzung des „Orients“ und der „europäischen Zivilisation“ hatte aber noch weitergehende Folgen für das Bild der osmanischen Archäologen im Westen. Der französische Historiker Charles Diehl äußerte beispielsweise über das von Hamdi Bey neu aufgebaute Museum in Konstantinopel, diesem gelänge es lediglich aufgrund der griechischen Fundstücke, der Türkei einen „europäischen und zivilisierten“ Anstrich zu verleihen.[26] Von der Ablehnung des „europäischen“ und „zivilisierten“ Status des Osmanischen Reiches war es dann kein weiter Schritt mehr, den osmanischen Archäologen generell die Legitimität und Kompetenz einer fachwissenschaftlichen Behandlung der antiken Überreste abzusprechen, die man eher dem „europäischen“ Griechenland als der „orientalischen“ Türkei zugestehen wollte.[27] Die Entdeckung der Sarkophage in Sidon führte in der westeuropäischen Öffentlichkeit daher auch zu einer heftigen Kontroverse darüber, ob derartige antike Fundstücke überhaupt in den Händen des osmanischen Staates bleiben dürften. Gegenüber der britischen Zeitung The Times forderte ein Leser gar „to take immediate measures to secure these treasures and prevent their falling into the hands of the vandal Turk” und verlangte die sofortige Überstellung der Kunstschätze an das British Museum in London.[28]

Angesichts der engen fachlichen und zum Teil auch freundschaftlichen Beziehungen, die Hamdi Bey mit vielen ausländischen Archäologen pflegte, wäre es allerdings falsch, derartige radikal abgrenzende Äußerungen als Maßstab für das Verhältnis der osmanischen Archäologen mit der westeuropäischen Fachwissenschaft heranzuziehen. Die Zusammenarbeit mit dem aus einer säkularen jüdischen Familie stammenden Theodore Reinach bei der Publikation der Grabungsergebnisse aus Sidon ist hier sicherlich ein sprechendes Gegenbeispiel. Unterschiedliche religiöse oder nationale Hintergründe bedeuteten in Hamdis Augen vielmehr, wie auch der Quellentext noch einmal deutlich macht, keinerlei Schranken für den Dienst an der „cause archéologique“. Auffällig ist vielmehr die starke Affinität, die er, wie viele Anhänger einer „westlichen“ Modernisierung im Dienst des Sultans[29], gegenüber den Angehörigen der religiösen Minderheiten im eigenen Land hegte: Gleich eine ganze Reihe von engen Mitarbeitern und Kollegen, wie Alexandre Vallaury oder Démostène Baltazzi, gehörten als Levantiner, Griechen oder Juden den nationalen bzw. religiösen Minderheiten im Reich an.[30]

Angesichts dieser religions- und grenzüberschreitenden Perspektive, die Hamdi Bey seinem Engagement für die osmanische Archäologie und damit für eine Anpassung des Reiches an die Standards der westlichen Wissenschaft zu unterlegen versuchte, fallen jedoch die relativ scharfen Worte auf, mit denen der Quellentext die Käuflichkeit und Ignoranz „des basses classes de la population, tant musulmane que chrétienne“ angreift. Zwar warnte Hamdi davor, die verbreiteten Zerstörungen der antiken Kunstwerke der Nekropole dem „fanatisme des habitants“ von Sidons zuzuschreiben und machte hierfür die Agitation einzelner ausländischer Personen verantwortlich, doch teilte er offenkundig – wie die Passage unterstreicht – mit vielen Angehörigen der osmanischen Oberschicht die Vorurteile über die einheimische Bevölkerung des Libanons. Diese in der Forschung unter dem Stichwort eines „Ottoman Orientalism“[31] thematisierten Stereotypen verweisen hier allerdings eher auf die soziale Distanz eines gebildeten hohen Beamten gegenüber den ärmeren Schichten des Reiches als auf ein kulturell geprägtes Vorurteil gegenüber der arabisch-stämmigen Bevölkerung – eine Distanz, die er durchaus mit seinen europäischen Kollegen und gentleman scientists teilte.

Es wäre daher voreilig Osman Hamdi Bey in die Kategorien eines „osmanischen Orientalisten“ einzuordnen[32] oder, wie der amerikanische Archäologiehistoriker Stephen L. Dyson, ihn wegen der Verschiffung der Fundstücke aus Sidon und anderen Grabungsorten gar auf einer Stufe mit vielen westeuropäischen Forschern als „imperialist“ zu bezeichnen.[33] Vielmehr verschließt Hamdi Bey sich einer einfachen Kategorisierung: Als osmanischer Archäologe stand er zwar in der Mitte der europäischen archäologischen Wissenschaft, befand sich gleichzeitig aber am Rande einer eher von naturwissenschaftlichen Methoden und der Philologie geprägten disziplinären Entwicklung einer Wissenschaft und ihrer in Westeuropa beheimateten akademischen Zentren.



[1] Essay zur Quelle: Osman Hamdi Bey über die Ausgrabungen in Sidon (1892).

[2] Für den Namen Hamdi Beys finden sich in den Quellen wie in der Literatur verschiedene Schreibweisen. Da sich in der heutigen internationalen Forschung eher die Schreibweise „Hamdi Bey“ durchgesetzt hat, wurde auch hier (sieht man von den Literaturhinweisen ab) diese Form gewählt.

[3] Hamdy Bey, Osman; Reinach, Theodore (Hgg.), Une nécropole royale à Sidon: fouilles de Hamdy Bey, Bd.1: Texte, S. I–V.

[4] Vgl. etwa Biehl, Peter; Gramsch, Alexander; Marciniak, Arkadiusz (Hgg.), Archaeologies of Europe. History, Methods and Theories/Archäologien Europas. Geschichte, Methoden und Theorien, Münster 2002.

[5] Vgl. Metzger, Henri, La correspondance passive d’Osman Hamdi bey, in: Comptes-rendus des séances de l’Académie des Inscriptions et Belles-Lettres 132 (1988), S. 672–684.

[6] Pottier, Edmond, Eloge funèbre de S.E. Hamdy-bey, directeur des Musées impériaux de Constantinople et correspondant étranger de l’Académie, in: Comptes-rendus des séances de l’Académie des Inscriptions et Belle-Lettres 54 (1910), S. 71–75.

[7] So etwa Radt, Wolfgang, Carl Humann und Osman Hamdi Bey – Zwei Gründerväter der Archäologie in der Türkei, in: Istanbuler Mitteilungen 53 (2003), S. 491–506, hier S. 503.

[8] Vgl. Samida, Stefanie, Literatur, Geschichte und Archäologie im 19. Jahrhundert. Der Burghügel von Hisarlik, in: Burmeister, Stefan; Müller-Scheeßel, Nils (Hgg.), Fluchtpunkt Geschichte. Archäologie und Geschichtswissenschaft im Dialog, Münster 2010, S. 73–92; Callmer, Johann et al. (Hgg.), Die Anfänge der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie als akademisches Fach (1890–1930) im europäischen Vergleich, Rahden 2002.

[9] Pottier, Eloge funèbre, S. 73.

[10] Ebd., S. 73f.

[11] Zu dieser Frühphase seines Lebens vgl. Eldem, Edhem, Introduction, in: ders. (Hg.), Un Ottoman en Orient. Osman Hamdi Bey en Irak, 1869–1871, Paris 2010, S. 17–68, bes. S. 17–34.

[12] Radt, Carl Humann, S. 500.

[13] Zur Vorgeschichte der archäologischen Sammlungen in Konstantinopel, vgl. Shaw, Wendy M. K, Possesors and Possesed. Museums, Archeology, and the Visulation of History in the Late Ottoman Empire, Berkeley 2003, S. 45ff.

[14] Pottier, Eloge funèbre, S. 72f.

[15] Hamdy Bey, Osman; Effendi, Osgan, Le Tumulus de Nemroud-Dagh, Konstantinopel 1883 (Neuauflage 2007).

[16] Hamdy Bey, Osman, Mémoire sur une nécropole royale découverte à Saida, in: Revue archéologique 3. Série, 10 (1887), S. 138–150.

[17] Vgl. auch Metzger, La correspondance, S. 676.

[18] Hamdy Bey, Osman, Introduction, in: ders; Reinach, Theodore, Une nécropole royale à Sidon: fouilles de Hamdy Bey, Bd. 1: Texte, Paris 1892, S. If.

[19] Hamdi Bey, Mémoire, S. 149f.

[20] Vgl. aus der Vielzahl der Forschungsbeiträge u.a. Marchand, Sabine Suzanne L., German Orientalism in the Age of Empire. Religion, Race, and Scholarship, Cambridge 2009; Schimmelpenninck van der Oye, David, Russian Orientalism. Asia in the Russian Mind from Peter the Great to the Emigration, New Haven 2010; allgemeiner zur Forschungsgeschichte: Schnepel, Burkhard; Brands, Gunnar; Schönig, Hanne (Hgg.), Orient – Orientalistik – Orientalismus. Geschichte und Aktualität einer Debatte, Bielefeld 2011.

[21] Pottier, Eloge funèbre.

[22] Ebd., S. 74.

[23] Ebd., S. 72.

[24] Ebd., S. 73.

[25] Zur engen freundschaftlichen Beziehung Hamdi Beys zu dem deutschen Archäologen Carl Humann vgl. Radt, Carl Humann.

[26] Çelik, Zeynep, Defining Empire’s Patrimony: Ottoman Perceptions of Antiquities, in: Archaeologists & Travelers in Ottoman Lands. Katalog der Ausstellung des Penn Museums 2010, S. 2, URL: <http://www.ottomanlands.com/sites/default/files/pdf/CelikEssay_0.pdf> (20.03.2012).

[27] Jezernik, Bozidar, Constructing Identities on Marbles and Terracotta: Representations of Classical Heritage in Greece and Turkey, in: Museum Anthropology 30 (2007), S. 3–20.

[28] Ebd., S. 14.

[29] Vgl. hierzu u.a. Dinçkal, Noyan, „The Universal Mission of Civilisation and Progress”. Infrastruktur, Europa und die Osmanische Stadt um 1900, in: Themenportal Europäische Geschichte (2009), URL: <http://www.europa.clio-online.de/2009/Article=348> (05.04.2012).

[30] Dabei spielte sicherlich eine Rolle, dass auch seine eigene Familie griechische Wurzeln hatte: Der Vater entstammte einer griechischen Familie von der Insel Chios, war aber in Konstantinopel in der Familie eines osmanischen Würdenträgers im islamischen Glauben erzogen worden. Vgl. Eldem, Introduction.

[31] Makdisi, Ussama, Ottoman Orientalism, in: The American Historical Review 107 (2002), S. 768–796; Eldem, Edhem, Ottoman and Turkish Orientalism, in: Architectural Design 80 (2010), S. 26–31.

[32] Ähnlich: Eldem, Edhem, What’s in a Name? Osman Hamdi Bey’s Genesis, in: Archaeologists & Travelers.

[33] Dyson, Stephen L., In Pursuit of Ancient Pasts. A History of Classical Archaeology in the Nineteenth and Twentieth Centuries, New Haven 2006, S. 147.



Literaturhinweise


Für das Themenportal verfasst von

Jakob Vogel

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Zitation
JakobVogel , Wissenschaft am Rande Europas? Osman Hamdi Bey und die Professionalisierung der osmanischen Archäologie, in: , , </essay/id/artikel-3724>.
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