Die Institutionalisierung sozialwissenschaftlichen Wissens in der Zwischenkriegszeit: Das Rumänische Sozialinstitut und der Verein für Socialpolitik

Nach dem Ersten Weltkrieg standen die Staaten Ostmittel- und Südosteuropas unter erheblichem Druck, den Charakter ihrer Staatlichkeit den Herausforderungen anzupassen, die durch Prozesse der Industrialisierung und Urbanisierung sowie durch Agrarreformen und das allgemeine (Männer-)Wahlrecht entstanden waren. In Gestalt von Industriearbeitern und Grund besitzenden Kleinbauern hatten die Massen die Bühne betreten, auf der ihre Interessenvertreter politische und soziale Teilhabe forderten. Große Teile der akademisch gebildeten Elite sahen darin eine Herausforderung, der man mit den Mitteln der Honoratioren- und Klientelparteien in einem durch Improvisation geprägten Politikprozess nicht mehr gerecht werden konnte. Überall im östlichen Europa entstanden Institutionen, die – oftmals angelehnt an westeuropäische Vorbilder – Prozesse in Gang setzten, die man mit Lutz Raphael als Verwissenschaftlichung des Sozialen und als Professionalisierung des Politischen charakterisieren kann. [...]

Die Institutionalisierung sozialwissenschaftlichen Wissens in der Zwischenkriegszeit: Das Rumänische Sozial-Institut und der Verein für Socialpolitik[1]

Von Dietmar Müller

Nach dem Ersten Weltkrieg standen die Staaten Ostmittel- und Südosteuropas unter erheblichem Druck, den Charakter ihrer Staatlichkeit den Herausforderungen anzupassen, die durch Prozesse der Industrialisierung und Urbanisierung sowie durch Agrarreformen und das allgemeine (Männer-)Wahlrecht entstanden waren. In Gestalt von Industriearbeitern und Grund besitzenden Kleinbauern hatten die Massen die Bühne betreten, auf der ihre Interessenvertreter politische und soziale Teilhabe forderten. Große Teile der akademisch gebildeten Elite sahen darin eine Herausforderung, der man mit den Mitteln der Honoratioren- und Klientelparteien in einem durch Improvisation geprägten Politikprozess nicht mehr gerecht werden konnte. Überall im östlichen Europa entstanden Institutionen, die – oftmals angelehnt an westeuropäische Vorbilder – Prozesse in Gang setzten, die man mit Lutz Raphael als Verwissenschaftlichung des Sozialen und als Professionalisierung des Politischen charakterisieren kann.[2] Dabei begann sich der Charakter der Staatlichkeit in der Region vom Interventions- zum Wohlfahrtsstaat zu wandeln. Am Beispiel des Rumänischen Sozial-Instituts (RSI) werden im Folgenden zunächst akteursbezogene Transferprozesse bezüglich der Konzeptualisierung und institutionellen Umsetzung der sozialen Frage in den Blick genommen, wobei der Verein für Socialpolitik als wichtigstes Vorbild für das RSI diente. Sodann werden charakteristische Adaptionen an die rumänischen Erfordernisse dargestellt, bevor abschließend die bäuerlich-ethnische Engführung in Theorie und Praxis des RSI analysiert wird.

In den Jahrzehnten um die Wende zum 20. Jahrhundert übten deutsche Universitäten eine starke Anziehungskraft auf Studenten aus Osteuropa aus. Hervorzuheben ist insbesondere Leipzig und Karl Bücher, der dort von 1892 bis 1917 unter anderem Nationalökonomie lehrte.[3] Er allein betreute im genannten Zeitraum 25 Doktorarbeiten aus Osteuropa, davon sieben aus Rumänien.[4] Zwei seiner rumänischen Schüler, Dimitrie Gusti (promoviert 1903 zu Egoismus und Altruismus, Erstbetreuer Wilhelm Wundt) sowie Virgil Madgearu (1910 Zur industriellen Entwicklung Rumäniens)[5], entwickelten sich zu zentralen Persönlichkeiten der rumänischen Sozialwissenschaften und Politik in der Zwischenkriegszeit. Neben der allgemeinen Attraktivität der Stadt und ihrer Universität – Leipzig wurde im rumänischen Raum als Messe-, Buch- und Universitätsstadt seit der Frühen Neuzeit geschätzt – hatte die bemerkenswerte Dichte osteuropäischer Doktoranden bei Karl Bücher vor allem strukturelle Gründe. Diese liegen im wissenschaftlichen Ansatz der Historischen Schule der Nationalökonomie sowie im sozialpolitischen Anliegen des 1872 in Eisenach gegründeten Vereins für Socialpolitik begründet. Während sich die Bedeutung des Vereins für die zeitgenössische Sozialpolitik wohl in engen Grenzen hält, ist sein Einfluss auf die inhaltliche und institutionelle Entwicklung der Sozialwissenschaften kaum zu überschätzen.[6]

Bekanntermaßen war die Historische Schule der Nationalökonomie in der Kritik des Manchesterliberalismus sowie der ihm zugrunde liegenden Freihandelsdoktrin David Ricardos und Adam Smiths entstanden. Von Friedrich List über die Vertreter der Alten Schule der Nationalökonomie – wie Wilhelm Roscher bis hin zu denen der Jüngeren Schule der Nationalökonomie wie Gustav Schmoller – bestanden in Deutschland erhebliche Zweifel, dass allein und durchgehend der Freihandel die wirtschaftspolitische Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung sein könne. In wirtschaftswissenschaftlicher Hinsicht wurde der (Neo-)Klassik vorgeworfen, Modelle der Wirtschaft zu entwerfen, die auf reinen Annahmen gründeten und in der Empirie keine Entsprechung fänden, letztlich also ideologische Konstrukte zur Perpetuierung der britischen Wirtschaftsdominanz seien. Diese Zweifel am Freihandel müssen auf einen Teil der jüngeren Eliten Rumäniens faszinierend gewirkt haben, sahen sie ihre Gesellschaft und Wirtschaft doch vor derselben, aber zeitversetzten Herausforderung, wirtschaftliche Entwicklung als nachholenden Prozess zu gestalten. In der Tradition von List und Schmoller wurde das Denken über Wirtschaft und das Handeln der Wirtschaftspolitik im Rumänien der Zwischenkriegszeit dann im nationalen Rahmen als Nationalökonomie und als Volkswirtschaftslehre vollzogen.

Ein weiterer struktureller Grund für die Attraktivität Karl Büchers als Doktorvater war sein Engagement im Verein für Socialpolitik.[7] Dort hatten sich vornehmlich Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler in der Überzeugung organisiert, dass eine sich rapide industrialisierende Gesellschaft unbedingt von einer sozialen Reformpolitik begleitet werden müsse, wenn die soziale Frage nicht zwangsläufig in revolutionäre Umbrüche münden solle. Das Wirken des Vereins richtete sich in Form von Enqueten und Politikempfehlungen an die deutsche Politik und Verwaltungsbürokratie, aber auch an die Öffentlichkeit im Sinne der Popularisierung der eigenen Lösungsansätze. Diese Institutionalisierung sozialwissenschaftlichen Wissens – theoretisch fundiert und empirisch gewonnen – muss auf Dimitrie Gusti und Virgil Madgearu aus mehreren Gründen Eindruck gemacht haben. In Rumänien waren bis dahin eine formalistische Jurisprudenz sowie eine spekulativ-patriotische Geschichtswissenschaft die unbestrittenen Leitwissenschaften gewesen. In beiden spielte die Empirie der rumänischen Gegenwart systematisch kaum eine Rolle. Der Verein für Socialpolitik bot Gusti und Madgearu ein Vorbild, wie sie die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften verstärkt etablieren, zugleich Einfluss auf die (Sozial-)Politik nehmen und nicht zuletzt ihre eigene Visibilität steigern konnten. In keinem mir bekannten Äußerungen Gustis und Madgearus zur Entstehungsgeschichte des Rumänischen Sozial-Instituts wird explizit auf den Verein für Socialpolitik Bezug genommen, eine Analyse der Statuten und des Wirkens des RSI legt einen erfolgten Transfer sowie eine Adaption an die rumänischen Verhältnisse jedoch zwingend nahe.[8]

Im Rumänien der Zwischenkriegszeit lebten immer noch mehr als 80 Prozent der Bevölkerung auf dem Land und von der Landwirtschaft, sodass die soziale Frage nicht wie in Deutschland durch die Industriearbeiterschaft, sondern durch das Bauerntum konstituiert wurde. Aber ähnlich wie die wissenschaftliche Expertise und Lobbytätigkeit des Vereins für Socialpolitik darauf abzielte, der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften die revolutionäre Spitze zu brechen, so bestand der Gründungsimpuls des RSI[9] nicht zuletzt darin, ein Überschwappen bolschewistischen Gedankengutes auf die rumänischen Bauern zu verhindern. Deutlich wird dies in der herausgehobenen Erwähnung der „sozialen Revolutionen von 1888 und 1907“[10] – gemeint waren damit Bauernrevolten, von denen die letztgenannte mit einer Jaquerie mit mehreren Tausend toten Bauern endete – im Gründungsaufruf des Vorläuferorganisation des RSI im April 1918 sowie in der Tatsache, dass die erste von sieben Sektionen des RSI sich mit Agrarfragen beschäftigte. Die Argumente für die Notwendigkeit des RSI kommt einer Radikalkritik der rumänischen Politik und Wissenschaft gleich: „Denn jedermann wird anerkennen, dass mit der ausgefallenen Herangehensweise und der chaotischen Improvisation der Politik bis heute, die zu so vielen, verschiedenen und überstürzten sozialen Experimenten auf dem Rücken der rumänischen Gesellschaft geführt haben, ein für alle Mal Schluss sein muss: Vertrauen in die Führer anstelle der Wissenschaft, Dogmen anstelle von Beobachtung und blinde Disziplin anstelle kritischer Methode ist nicht mehr ausreichend.“

Dagegen setzten sich die Vorläuferorganisation sowie das RSI zur Aufgabe, eine Bestandaufnahme und Analyse der notwendigen Sozialreformen mit dem Ziel des Umbaus des gesamten sozialen Lebens des Landes vorzunehmen, dafür Lösungsvorschläge zu erarbeiten sowie dies gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit zu popularisieren. Auch in dieser doppelten Wirkungsrichtung der Lobbyarbeit ist das Vorbild des Vereins für Socialpolitik unverkennbar.

Mit dem Umzug der Gesellschaft zu Studium und Umsetzung von Sozialreformen aus dem nordmoldauischen Iasi nach Bukarest 1920 ging die Umbenennung in Rumänisches Sozial-Institut (RSI) einher. Dimitrie Gusti war dessen Präsident und Virgil Madgearu dessen Generalsekretär. Gusti, der seit 1910 in Iasi die Professur für Soziologie innehatte, wechselte nun auch auf die gleichnamige Professur in die Hauptstadt. Madgearu begann – neben seiner wissenschaftlichen und wissenschaftsorganisatorischen Tätigkeit – ab den 1920er-Jahren Schriften zu veröffentlichen, die ihn als den Theoretiker der Bauernpartei etablierten. Mehrere Aspekte des Wirkens von Gusti und Madgearu im RSI sowie im politischen Raum lassen sich methodologisch und inhaltlich auf Karl Bücher zurückführen. In seiner Autobiografie – Autosoziologie eines Lebens betitelt – schreibt Gusti, eine bestimmte Haltung und Methode Büchers habe ihn in jungen Jahren stark beeinflusst: Dieser habe die Realitätsferne der Sozialwissenschaften kritisiert – Historiker und Sozialwissenschaftler seien eher auf dem Forum Romanum zu Hause, als vertraut mit den Gegebenheiten ihres Geburtsortes und -landes – und Bücher habe seinen Doktoranden geraten, die Sozialwissenschaften in realistischer Manier, nämlich als Feldforschung und Soziologie des Alltags zu betreiben.[11] Der Empirismus konstituierte dann die grundlegende Methode der beiden rumänischen Schüler Büchers.

Der Auftritt der Massen auf der politischen Bühne Rumäniens war bäuerlich gefärbt. Die Mobilisierung der Bauern-Rekruten im Ersten Weltkrieg, die Gewährung des allgemeinen (Männer-)Wahlrechts sowie die Agrarreform hatten die ländliche Bevölkerung zu einer erstrangigen Integrationsherausforderung für die kulturellen Eliten und für das politische System gemacht.

Für Gusti und für Madgearu lag es auf der Hand, die rumänischen Realitäten vom Dorf und der Landwirtschaft her zu denken. Wie ein Leitmotiv durchzog die Schriften Madgearus die rhetorische Frage, wie es in einem demokratischen Staat anders sein könne, als dass sich die Wirtschaftspolitik an den Interessen der überwiegenden Mehrheit, also an den Bauern auszurichten habe.[12] Auch für Dimitrie Gustis Fernziel – eine Soziologie der Nation zu verfassen[13] – war das Dorf essenziell, denn nicht nur seien die Bauern quantitativ wichtig, sondern im dörflichen Leben sei zudem das kulturell Spezifische, die Essenz der Rumänen, aufbewahrt. Umgesetzt wurde dieses riesenhafte empirische Forschungs- und Dokumentationsprojekt mithilfe einer monografischen Erfassung aller relevanten Bereiche einer sozialen Einheit, meistens eines Dorfes. Die mit anthropologischen und soziologischen Mitteln erhobenen Daten waren eingebettet in juristische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Durchaus war geplant, dies auch auf Städte auszudehnen, aber zu Gustis Lebzeiten und in seiner Tradition blieb es bei der Analyse von rumänisch besiedelten Dörfern. Diese doppelte Engführung lag in der Vorannahme Gustis von dem Ort der Spezifik der Rumänen begründet, die auf seinen ersten Doktorvater, Wilhelm Wundt, zurückzuführen ist. Wenn Rumänien einen eigenständigen, typologischen Beitrag zur Völkerpsychologie bringen könne, dann sicher durch die Erforschung des Dorflebens, denn in den Sitten und der Lebensweise der Bauern sei die Essenz des Rumänentums aufbewahrt.

Diese Vorannahme hat mehrere Konnotationen – die meisten problematisch. Aus der bereits erwähnten Vernachlässigung der Stadt- und Industriesoziologie und der Konzentration auf das Dorf entstand ein archaisierendes Bild Rumäniens in der Zwischenkriegszeit. Die in das Dorf einbrechende Moderne wurde als Störung der rumänisch-bäuerlichen Identität wahrgenommen. Darauf wurde mit kulturellem Protektionismus reagiert: Die Bewahrung der bäuerlichen Lebensweise erschien als Schutz der rumänischen Identität. Eine weitere Folge dieser bäuerlich bestimmten rumänischen kulturellen Identität bezieht sich auf die Dimension der Staatsbürgerschaft. Gusti war in dieser Hinsicht ein typischer Vertreter einer zentristischen, offiziellen Haltung vieler Intellektueller und Politiker in der Zwischenkriegszeit: Man vertrat eine politische Definition der rumänischen Nation im Sinne einer Staatsbürgernation ohne Ansehen von Ethnizität und Religionszugehörigkeit, so wie sie in der Verfassung von 1923 verankert war. Die Minderheitenschutzklauseln der Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg empfand man aber als Einmischung in interne Belange, und im Übrigen seien sie mit Verweis auf die Verfassung auch unnötig. In der Praxis von Politikern und Wissenschaftlern offenbarte sich aber immer wieder ein ethnisches Nationsverständnis, in dem die Minderheiten keinen Platz hatten und Staatsbürger zweiter Klasse blieben.[14]

Virgil Madgearus Wirtschaftsdenken baute wiederum auf eine These Karl Büchers auf – weitere Bezugspunkte waren die Agrardebatte in der europäischen Sozialdemokratie um die Wende zum 20. Jahrhundert und die 1924 von dem russischen Agrarökonomen Aleksandr Cajanov publizierte Studie Zur Frage einer Theorie der nichtkapitalistischen Wirtschaftssysteme.[15] Bücher hatte versucht, die Geschichte der Menschheit in einer Lehre der „Volkswirtschaftliche(n) Entwicklungsstufen“[16] zu fassen. Die erste der drei Kernstufen, die tauschlose Hauswirtschaft, prägte wesentliche Grundannahmen des maßgeblich von Madgearu entwickelten rumänischen Taranismus (von rum. taran = der Bauer). Die reinste Form der tauschlosen Hauswirtschaft sei die Situation, dass alle Güter innerhalb einer Familie oder Sippe sowohl erzeugt als auch konsumiert werden; keine Güter verlassen den Kreis und keine kommen von außen herein. Unter dieses Modell fallen auch die Oikenwirtschaft der klassischen Antike mit umfassendem Sklaveneinsatz sowie die Frohnhofwirtschaft des Früh- und Hochmittelalters. Als Konstante bleibt die überragende Bedeutung von Grund und Boden für die Produktion der Güter, aber auch für die Abhängigkeitsverhältnisse der Personen untereinander bestehen. Für Madgearu stellte sich die Agrarreform als Wiederherstellung der natürlichen Verhältnisse dar, nämlich eine „Verkleinbäuerlichung der Landwirtschaft“. Ohne außerökonomische Einflüsse – Kriege, Fremdherrschaft, Feudalismus – seien bäuerliche Kleinbetriebe auf dem Markt immer erfolgreicher als Großbetriebe, so seine Grundüberzeugung. Madgearu berief sich erneut auf Bücher, wenn er an das Gesetz der fallenden Bodenerträge im Verhältnis zum investierten Kapital erinnerte: Anders als in der Industrie sei die Agrarproduktion von biologischen Voraussetzungen abhängig, eine kapitalintensive Nutzung von Landmaschinen und stark ausgeprägte Arbeitsteilung stoße also an natürliche Grenzen. Die Arbeit in der Landwirtschaft sei nicht kapital-, sondern arbeitsintensiv, sodass der landwirtschaftliche Familienbetrieb Krisenzeiten überleben könne, während der Großbetrieb längst aufgeben müsse. Zudem seien die Beziehungen der bäuerlichen Familienbetriebe zum Marktgeschehen nicht nur auf der Finanzierungsseite, sondern auch hinsichtlich des Absatzes minimal, da sie kaum Produkte auf den Markt brächten. Insgesamt müsse die kleinbäuerliche Landwirtschaft also als ein Sektor eingeschätzt werden, der nichtkapitalistischen Handlungslogiken folge.

Im Verhältnis Karl Büchers zu seinen rumänischen Schülern Dimitrie Gusti und Virgil Madgearu bzw. von der Historischen Schule der Nationalökonomie und des Vereins für Socialpolitik zum rumänischen Wirtschaftsdenken und dem Rumänischen Sozial-Institut ist ein Transfer unübersehbar. Wie allerdings regelmäßig bei Transfer- und Verflechtungsbeziehungen zu beobachten ist, wird die transferierte Idee oder Institution an lokale Bedürfnisse und Bedingungen adaptiert. Weder die bäuerliche und ethnonationale Engführung bei den Dorfmonografien Gustis, noch die Verstetigung der tauschlosen Hauswirtschaft zu einem intermundium zwischen Kapitalismus und Kommunismus bei Madgearu sind bei Bücher zu finden. Von diesen Inhalten abgesehen, über die die Zeit hinweggegangen ist, bleibt das Rumänische Sozial-Institut als rumänische Ausprägung der Verwissenschaftlichung des Sozialen und der Professionalisierung des Politischen das wichtigste Ergebnis des analysierten Transfers. Die Analyse der inhaltlichen, biografischen und institutionellen Wurzeln des Rumänischen Sozial-Instituts deutet darauf hin, dass sein Gepräge adäquat nur eingebettet in einer europäischer Sozial- und Kulturgeschichte verstanden werden kann, die aufmerksam ist für transnationale Einflüsse, Mehrfachprägungen und lokale Adaptionen.



[1] Essay zur Quelle: Dimitrie Gusti und die Gründung der rumänischen Gesellschaft zu Studium und Umsetzung von Sozialreformen (April 1918). Die Druckversion des Essays findet sich in: Isabella Löhr, Matthias Middell, Hannes Siegrist (Hgg.): Kultur und Beruf in Europa, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, S. 197–203, Band 2 der Schriftreihe Europäische Geschichte in Quellen und Essays.

[2] Vgl. Raphael, Lutz, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 165–193.

[3] Vgl. Schefold, Bertram, Karl Bücher und der Historismus in der deutschen Nationalökonomie, in: Hammerstein, Notker (Hg.), Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, S. 239–267; Wagner, Hendrik, Die Nationalökonomie an der Universität Leipzig in der Zwischenkriegszeit. Eine Untersuchung ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Institute 1918–1939, Leipzig 2008.

[4] Vgl. Hasel-Wagner, Beate, Die Arbeit des Gelehrten. Der Nationalökonom Karl Bücher (1847–1930), Frankfurt am Main 2011; Bücher, Karl, Leipziger Hochschulschriften 1892–1926, hg. von Koenen, Erik; Meyen, Michael, Leipzig 2002.

[5] Ebd., S. 86, 102.

[6] Vgl. Kruse, Volker, Von der historischen Nationalökonomie zur historischen Soziologie. Ein Paradigmenwechsel in der deutschen Sozialwissenschaft um 1900, in: Zeitschrift für Soziologie 19 (1990), S. 149–165; Grimmer Solem, Eric, The Rise of Historical Economics and Social Reform in Germany 1864–1894, Oxford 2003.

[7] Vgl. Lindenlaub, Dieter, Richtungskämpfe im Verein für Sozialpolitik. Wissenschaft und Sozialpolitik im Kaiserreich vornehmlich vom Beginn des „Neuen Kurses“ bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs (1890–1914), Wiesbaden 1967; Plessen, Marie-Louise, Die Wirksamkeit des Vereins für Sozialpolitik von 1872–1890, Berlin 1975.

[8] Virgil Madgearu wurde 1940 im Alter von 53 Jahren von Mitgliedern der faschistischen Legion „Erzengel Michael“ aufgrund seiner konsequent antifaschistischen Haltung ermordet.

[9] Das 1920 gegründete Rumänische Sozial-Institut hatte mit der 1918 gegründeten Gesellschaft zu Studium und Umsetzung von Sozialreformen eine Vorläuferorganisation.

[10] Gusti, Dimitrie, Appell vom April 1918 anlässlich der Gründung der Gesellschaft zu Studium und Umsetzung von Sozialreformen, in: Arhiva pentru Stiinta si Reforma Sociala 1 (1919), S. 291–293. Aus dem Rumänischen übersetzt von Dietmar Müller.

[11] Vgl. Gusti, Dimitrie, Fragmente autobiografice. Autosociologia unei vieti 1880–1955, in: ders., Opere, Bd. 5, Bukarest 1971, S. 121–130.

[12] Vgl. Müller, Dietmar, Agrarpopulismus in Rumänien. Programmatik und Regierungspraxis der Bauernpartei und der Nationalbäuerlichen Partei Rumäniens in der Zwischenkriegszeit, St. Augustin 2001, S. 92–121.

[13] Vgl. Gusti, Dimitrie, Sociologia natiunii, in: ders., Opere, Bd. 4, Bukarest 1970, S. 7–95.

[14] Vgl. Müller, Dietmar, Staatsbürger auf Widerruf. Juden und Muslime als Alteritätspartner im rumänischen und serbischen Nationscode. Ethnonationale Staatsbürgerschaftskonzeptionen, 1878–1941, Wiesbaden 2005.

[15] Vgl. Tschayanoff, Alexander, Zur Frage einer Theorie der nichtkapitalistischen Wirtschaftssysteme, in: Archiv für Sozialwissenschaften und Sozialpolitik 51 (1924), S. 577–613.

[16] Vgl. Bücher, Karl, Volkswirtschaftliche Entwicklungsstufen, in: Grundriss der Sozialökonomik. I. Abteilung: Historische und theoretische Grundlagen, Tübingen 1924 (Erstveröffentlichung: Frankfurt am Main 1895), S. 1–18.



Literaturhinweise

  • Bücher, Karl, Volkswirtschaftliche Entwicklungsstufen, in: Grundriss der Sozialökonomik. I. Abteilung: Historische und theoretische Grundlagen, Tübingen 1924 (Erstveröffentlichung: Frankfurt am Main 1895), S. 1–18.
  • Gusti, Dimitrie, Fragmente autobiografice. Autosociologia unei vieti 1880–1955, in: Ders., Opere, Bd. 5, Bukarest 1971.
  • Müller, Dietmar, Agrarpopulismus in Rumänien. Programmatik und Regierungspraxis der Bauernpartei und der Nationalbäuerlichen Partei Rumäniens in der Zwischenkriegszeit, St. Augustin 2001.
  • Raphael, Lutz, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 165–193.
  • Schefold, Bertram, Karl Bücher und der Historismus in der deutschen Nationalökonomie, in: Hammerstein, Notker (Hg.), Deutsche Geschichtswissenschaft um 1900, Stuttgart 1988, S. 239–267.

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Zitation
DietmarMüller , Die Institutionalisierung sozialwissenschaftlichen Wissens in der Zwischenkriegszeit: Das Rumänische Sozialinstitut und der Verein für Socialpolitik, in: , , </essay/id/artikel-3729>.
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