Professionalisierung als diplomatische Strategie: Das US-amerikanische Carnegie Endowment in Europa vor 1945

Blickt man auf die professionellen Akteure, die Europa als „kulturellen Handlungsraum“ gestaltet haben, so lässt sich die Vorstellung von Europa auf eine spezielle Art plausibel machen: Im Licht ihrer Praktiken und Strategien erscheint Europa nicht nur als Bühne vielfältiger Interventionen, sondern auch als dichtes personales Vernetzungsgefüge und als filigraner Strukturzusammenhang, in dem die Professionalisierungsstrategien mit oftmals politischer Absicht betrieben wurden. Dabei wird versucht, den Blick über die gedachten Randbereiche europäischer Handlungsspielräume und Konstellationen hinaus zu richten. Es soll um ein sprechendes Beispiel für die dynamischen Bezüge europäischer zu außereuropäischen Professionalisierern gehen, die sich spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert in die Definition Europas zutiefst eingeschrieben haben. [...]

Professionalisierung als diplomatische Strategie: Das US-amerikanische Carnegie Endowment in Europa vor 1945[1]

Von Helke Rausch

Blickt man auf die professionellen Akteure, die Europa als „kulturellen Handlungsraum“[2] gestaltet haben, so lässt sich die Vorstellung von Europa auf eine spezielle Art plausibel machen: Im Licht ihrer Praktiken und Strategien erscheint Europa nicht nur als Bühne vielfältiger Interventionen, sondern auch als dichtes personales Vernetzungsgefüge und als filigraner Strukturzusammenhang, in dem die Professionalisierungsstrategien mit oftmals politischer Absicht betrieben wurden. Dabei wird versucht, den Blick über die gedachten Randbereiche europäischer Handlungsspielräume und Konstellationen hinaus zu richten. Es soll um ein sprechendes Beispiel für die dynamischen Bezüge europäischer zu außereuropäischen Professionalisierern gehen, die sich spätestens seit dem frühen 20. Jahrhundert in die Definition Europas zutiefst eingeschrieben haben. Einen solchen amerikanischen Professionalisierer mit europäischer Agenda stellte das 1910/1911 gegründete Carnegie Endowment for International Peace (CEIP) dar. Als eine der zahlreichen vom amerikanischen Industriemagnaten Andrew Carnegie gegründeten Stiftungen betätigte sich das Endowment – ähnlich wie die Rockefeller-Stiftung während der 1920er-Jahre und später die Ford Foundation nach 1945 – als selbsternannter kultureller Mäzen und professioneller Förderer von Wissen. Mit teils kaschierten, teils offen formulierten (kultur-)diplomatischen und machtpolitischen Agenden wollte man sich federführend daran beteiligen, Europa als Raum moderner, transnational aufgestellter Wissenschaft mitzugestalten.[3]

Steht das CEIP also im Mittelpunkt, dann nicht so sehr als punktuell oder ausnahmsweise intervenierende Variable in ein sonst überwiegend autopoietisches Akteursgefüge „Europa“. Vielmehr erscheinen die folgenden Momentaufnahmen vom US-amerikanischen Stiftungsengagement im Westeuropa der Zwischenkriegszeit symptomatisch für eine ganze Serie permanenter Infiltrationen quer über den Atlantik, die den europäischen Raum nachhaltig geprägt haben. Die Carnegie-, Rockefeller- und Ford-Stiftung betätigten sich dabei mit je unterschiedlichen Schwerpunkten als kulturdiplomatische Agenten der Professionalisierung akademischen Wissens in Europa im Geiste erst des Zwischenkriegsinternationalismus und später des Kalten Krieges. Zunächst einmal dezidiert amerikanisch definierte Institutionen zur transatlantischen Einflussnahme auf die Produktion von anwendungsbezogenem wissenschaftlichem Orientierungswissen, waren die Stiftungen allerdings durchaus auch von europäischer Seite her nutzbar.

Versuchten die amerikanischen Stiftungen in Europa als auswärtige Professionalisierer europäischer Wissenskultur aufzutreten, so rührte diese Ambition von programmatischen Grundüberzeugungen her, die sich mancher Veränderung zum Trotz wie ein roter Faden durch die mittleren Dekaden des 20. Jahrhunderts zogen. In letzter Konsequenz ging es darum, eine stark am US-amerikanischen Vorbild orientierte Kultur und Praxis von akademischer Wissensproduktion europa- oder weltweit zu etablieren. Insbesondere sollte mit den Sozialwissenschaften einer Sorte politikberatender oder gesellschaftspolitisch anwendbarer Expertise zum Durchbruch verholfen werden, die, so die philanthropische Einschätzung, in den USA schon weithin erfolgversprechend genutzt wurde und nun auch die Entwicklungsprobleme des massiv krisenanfälligen modernen Europa würde lösen können.[4]

Die Stiftungsaktivitäten des CEIP waren eingebettet in einen überaus betriebsamen Transatlantizismus: Zum einen waren die Carnegie-Philanthropen mindestens intellektuell federführend an den transnationalen Aushandlungen beteiligt, die im Windschatten steigender internationaler Spannungen 1919 zur Gründung des Völkerbunds führten.[5] Zum anderen flankierte in den Jahren nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch während der anfänglichen US-Neutralität bis 1917 und danach eine Welle von privaten und gouvernementalen relief programs vor allem im kriegsgeschädigten Belgien die Aktivitäten der Carnegie-Stiftung.[6] Ging es dort aber um punktuelle Sofortkatastrophenhilfe, visierten die Carnegie-Philanthropen eine langfristige kulturdiplomatische und wissenschaftspolitische Präsenz in Europa an. Mit den Agenten der relief-Maßnahmen verband sie freilich die zeittypische Überzeugung, dass das internationale Engagement besonders dann erfolgreich und effizient verlaufen würde, wenn es von US-Experten vorgeplant war.

Schon lange bevor Roosevelt im Juli 1938 auf eine offizielle auswärtige Kulturpolitik der USA drängte, spielten sich die kulturdiplomatischen Aktivitäten des CEIP in außenpolitischen Gestaltungsräumen ab, in denen die Stiftung durchaus absprachepflichtig gegenüber dem US-amerikanischen State Department blieb.[7] Solche Handlungsräume wurden nicht nur für die Carnegie-, sondern auch für die Rockefeller- und Ford-Stiftungen später noch enger, erst angesichts des neuen Weltkriegs und schließlich unter dem Eindruck der festgefahrenen Ost-West-Konfrontation. Zu schlichten Handlangern US-amerikanischer Außenpolitik konnten allerdings auch solche Handlungsbedingungen die Philanthropen nicht reduzieren. Vielleicht auch deshalb haben die Philanthropen die Wissensproduktion in Europa zu keinem Zeitpunkt vollständig bestimmt.

Im Falle des CEIP, dessen Entscheidungsgremien sich vor allem aus republikanisch orientierten Anwälten, ehemaligen Diplomaten und führenden Vertretern der Wirtschaft und Wissenschaft rekrutierten, lagen die programmatischen Wurzeln der Wissenschaftsförderung in Europa offen zutage. Die Carnegie-Vertreter bekannten sich zu einem legalistischen Internationalismus: In der New Yorker Zentrale wie im Pariser Büro des Endowment unterstellte man, unter den Bedingungen unaufhaltsamen Fortschritts sei eine Weltfriedensordnung in einem dichten Regelwerk internationalen Rechts aushandelbar.[8] Auch setzte man auf einen quasi wissenschaftlich begründeten Antimilitarismus. Unter diesem Vorzeichen sympathisierte das CEIP zwar mit pazifistischen europäischen Organisationen, die vor und nach Kriegsausbruch die Nähe des Endowment suchten. Zugleich blieb es offiziell auf Distanz zu ihnen, indem sich der Stiftungsvorstand anders als sie mit der amerikanischen Kriegserklärung an Deutschland ausdrücklich solidarisch erklärte.[9]

Obschon der Erste Weltkrieg und der Kriegseintritt der USA die Legalisten frustrieren mussten, versuchten die Carnegie-Strategen nach 1919 erneut, europäische Intellektuelle und Repräsentanten nicht nur aus Wirtschaft und Politik, sondern besonders aus der Wissenschaft zumindest formell an ihrer philanthropischen Mission teilhaben zu lassen.[10] Man rekrutierte sie, wie im Falle des deutschen Nationalökonomen Moritz Julius Bonn oder des französischen Germanisten Henri Lichtenberger, im weitesten Sinne aus den Reihen liberaler Anhänger der Idee zivilgesellschaftlicher Verständigung und Annäherung.[11] Solche innereuropäischen und transatlantischen wissenschaftspolitischen Vernetzungen, die das CEIP mitfinanzierte, sollten wesentlich zum Internationalism beitragen. Die speziell begünstigten Sozial- und Geisteswissenschaften sollten ihn intellektuell reflektieren und – so die zeitgenössische Erwartung – strategische Impulse dazu geben, ihn tatsächlich umzusetzen.[12] Davon zeugten nicht nur die Binnenstrukturen des Endowment, dessen drei Divisionen dem „International Law“, dem Studium von Kriegsursachen und -effekten in der „Division of Economics and History“ und der Förderung einer kooperativen Friedensarbeit in der Abteilung für „Intercourse and Education“ verpflichtet waren.[13] Diese Ausrichtung verkörperte auch eine ganze Reihe führender Persönlichkeiten an der Spitze des CEIP. Unter dem New Yorker Senator und früheren Secretary of War and of State Elihu Root, der dem Endowment bis Mitte der 1920er-Jahre vorstand, konzentrierte sich die Europäische Zentrale zunächst darauf, im Krieg zerstörte öffentliche und akademische Bibliotheken in Europa wieder in Stand zu setzen. Auf diesem Weg sollte vor allem jene traditionelle europäische Wissenschaftskultur erhalten werden, die man jetzt als dezidiert westliche, zivilisatorische Errungenschaft und verbindlichen Anknüpfungspunkt für die transatlantische Wissensallianz feierte. Zugleich war daran gedacht, die Infrastruktur verfügbaren Wissens, den technischen Zugriff und damit nicht zuletzt die Kanonisierungslogik dieses Wissens nach amerikanischer Maßgabe zu modernisieren.[14]

In das Herz solcher amerikanischer Aktivitäten in Europa zielte an führender Stelle auch das Engagement Nicholas Murray Butlers. Kaum erkennbar hinter dem eher nüchternen Berichtsstil der US-Tagespresse, dem der hier mit veröffentlichte Quellentext aus der New York Times vom Juli 1926 entnommen ist, waren Butlers umtriebige Vernetzungsaktivitäten unmittelbarer Ausdruck einer weitreichenden philanthropischen Programmatik europäischer Intervention: Als Präsident der Columbia University in New York und stellvertretender Leiter der CEIP-Division of Intercourse and Education, spitzte Butler seit 1925 und bis 1945 die Professionalisierungstaktik der Carnegie-Philanthropie noch weiter zu. Deren Vorkriegsengagement bilanzierte er inzwischen nämlich skeptisch als übertrieben unpolitisch und zögerlich.[15] Dass das Endowment demgegenüber deutlich stärker sichtbar werden müsse und zwar vor allem an der Seite dezidiert demokratischer Kräfte in Europa, zählte zum Kernbestand seines Credos. Der lapidare Ton der Presseerklärung mochte leicht darüber hinwegtäuschen, wie energisch Butler im Zuge jener unzähligen transatlantischen Reisen und Vorträge in Europa seine Überzeugungen als Prophet eines neuen International Mind und selbsterklärter transatlantischer Kulturdiplomat vortrug.[16]

Nicht zuletzt diese von Butler verfochtene Neujustierung der Carnegie-Strategie schlug sich in den beiden westeuropäischen Zentren amerikanischer Stiftungsaktivitäten ganz unmittelbar nieder. 1925 war bereits ein Carnegie-Lehrstuhl in Paris gestiftet worden. Auf eine zweite Professur, die 1927 an der Deutschen Hochschule für Politik in Berlin (DHP) eingerichtet werden sollte, arbeitete Butler im Jahr des Presseberichts 1926 bereits tatkräftig hin. Beide Lehrstühle zielten – anders als dies für parallele Investitionen der Rockefeller-Stiftung an gleicher Stelle galt – nicht so sehr darauf, die sozialwissenschaftlichen Disziplinen in Europa als solche zu professionalisieren. Stattdessen war beabsichtigt, auf dem Weg individueller Austauschstipendien für Sozial- und Geisteswissenschaftler eine möglichst breite Gruppe vor allem deutscher und französischer Intellektueller für einen versöhnenden Verständigungsdiskurs im konfliktbelasteten Nachkriegseuropa zu gewinnen.[17]

Zweierlei Probleme blendete der zeitgenössische Pressebericht freilich ganz aus: Zum einen blieb die Kluft zwischen den philanthropischen Plänen und ihrer Umsetzung im Rahmen der hier von Butler animierten europäischen Wissenschaftsförderung weit. Mitunter nahmen administrative Mechanismen solchen Initiativen die Wirkung, wenn etwa die Berliner Carnegie-Professur an der Deutschen Hochschule, wie mit einem Misstrauensvorbehalt belastet, lange international rotierend vergeben und erst Anfang der 1930er-Jahre dem Berliner Historiker Hajo Holborn zuerkannt wurde. Zum anderen und vor allen Dingen zeichnete sich aber schnell ab, dass das philanthropische Ansinnen, vor allem deutsche Wissenschaftler demonstrativ in den Kreis der ehedem entzweiten Wissenschafts-Community wiederaufzunehmen, und damit auf eine deutsch-französische Kooperation und Annäherung hinzuwirken, gesamtgesellschaftlich und im Gros der europäischen Nachkriegspolitik nicht auf enthusiastischen Zuspruch stieß.[18] Die philanthropische Strategie gestaltete sich demnach deutlich weniger planbar, als im programmatischen Artikel der New York Times suggeriert. Das CEIP schien hoffnungslos überlastet mit seiner Agenda, der Wiederannäherung vor allem der deutschen und französischen Zivilgesellschaften über die Einrichtung universitärer Lehrstühle in großem Stile voranzuhelfen.

Und dennoch waren es die im New York Times-Artikel unerwähnten subtileren Teile des philanthropischen Programms, das die Carnegie-Vertreter durchaus erstens zu Professionalisierern und zweitens zu politischen Wissensdiplomaten machte. Dafür stand etwa ihre Förderung renommierten Personals wie des französischen Sozialwissenschaftlers André Siegfried im Zuge des Carnegie-Lehrstuhl-Programms. Zum einen ging es den Philanthropen darum, mit Siegfried einen französischen (und eben nicht amerikanischen) Exponenten der noch kaum erkennbaren sozialwissenschaftlichen Disziplin der Internationalen Beziehungen zum Austausch nach Berlin zu bringen. Offenkundig sollte so einer Art innereuropäischem kognitivem Westernisierungseffekt der akademischen Eliten zugearbeitet werden.[19] Zum anderen suchten die Carnegie-Philanthropen Siegfried als französischen Amerikaexperten genau an den Schaltstellen der elitebildenden Einrichtung zu kreieren, als die sich sowohl die École Libre des Sciences Politiques (ENSP) als auch, an diese angelehnt, die DHP verstanden. Offenbar spekulierten sie darauf, dass Intellektuelle vom Schlage Siegfrieds als Lehrende an der ENSP und als politische Journalisten der zeitgenössischen amerikaskeptischen Stimmung in Frankreich entgegenarbeiten würden.[20] Damit blieben die Strategen des CEIP freilich erneut im Bereich reinen Kalküls und kaum überprüfbarer Erwartungen. Siegfrieds französische Amerikakunde, um bei diesem Beispiel zu bleiben, enthielt jedenfalls beides: Einerseits verwarf er die amerikanische Massenkultur, andererseits äußerte er sich emphatisch über die Dynamik, mit der die amerikanische Gesellschaft wandelbar schien.[21] Symptomatisch für das vergleichsweise geringe Ausmaß, in dem sich die Effekte US-amerikanischer Interventionen in den europäischen Wissensmarkt durch das CEIP planen ließen, war kaum erkennbar, ob Siegfrieds Einbeziehung in das Carnegie-Lehrstuhlprogramm dazu angetan war, das französische Amerikabild positiv zu beeinflussen.

Anders als die philanthropische Programmatik glauben machte, wie sie der Presseartikel vom Juli 1926 einigermaßen ungefiltert weitergab, erwiesen sich auch andere, dort nicht erwähnte Fördertranchen des CEIP als eher unkalkulierbar. Dies gilt ganz deutlich für die unwägbaren Langzeiteffekte, die aus der erheblichen Subventionierung der über hundertbändigen Economic and Social History of the World War durch die Carnegie-Stiftungen (Endowment und Corporation) im Umfang von knapp 850.000 US-Dollar resultierten. Für die Carnegie-Stiftung koordinierte James T. Shotwell das Projekt, seit 1917 nicht nur in seiner Eigenschaft als etablierter Historiker an der New Yorker Columbia University, sondern vor allem als ehemaliger außenpolitischer Berater Präsident Wilsons während der Pariser Friedenskonferenz. Shotwell spielte später eine wesentliche Rolle bei der Aushandlung des Kellogg-Briand-Pakts und stand 1949/1950 selbst kurzzeitig dem Endowment vor.[22] In seinem editorischem Mammutprojekt spiegelte sich die einschlägige philanthropische Erwartung an „Europa“ wider, die Vertreter der verfeindeten Mittelmacht- und Entente-Staaten aus der Spirale anhaltender propagandistischer Verwerfungen herauszuholen und sie stattdessen auf ein innereuropäisch egalitäres, wiewohl unmissverständlich US-amerikanisch kontrolliertes Diskursverfahren über die Ursachen des Ersten Weltkrieges zu verpflichten. Beabsichtigt war darüber hinaus auch ein Professionalisierungseffekt für die Historiografie über den Weltkrieg. Unter amerikanischer Ägide schrieben an der Economic and Social History allerdings nur zum kleineren Teil europäische Historiker mit, während viele Autoren sich aus den Reihen ehemaliger Diplomaten und Experten verschiedenster Provenienz rekrutierten. In der internationalen Historiografie hinterließen die Bände wohl auch deshalb kaum langfristige Spuren. Sie liefen allerdings dem zeitgenössischen Haupttrend nationalstaatlicher Geschichtsschreibung entgegen, die sich in der Regel auf nationale Politik- und Militärgeschichte kaprizierte. Demgegenüber zielte das Carnegie-Projekt darauf ab, sozial- und wirtschaftsgeschichtliche Aspekte zumindest der wichtigsten Kriegsteilnehmerstaaten systematisch nebeneinanderzustellen und bei aller Staatszentriertheit auch die Situation an den Heimatfronten der europäischen Gesellschaften mit in den Blick zu nehmen.[23]

Zugleich wurde im Zusammenhang mit dem Economic and Social History of the World War-Projekt aber auf symptomatische Weise erkennbar, dass die philanthropische Organisation kein monolithischer Selbstläufer war. In diesem Sinne trat anlässlich von Shotwells Großprojekt zutage, dass die Emphase für eine Art aufklärerische, anwendungsorientierte Historiografie als Form einer wissensbasierten Kriegsprävention innerhalb der Stiftung keinesfalls immer konsensfähig war: Stattdessen argwöhnten mit Frederic A. Delano und James Brown Scott profilierte progressive Reformer im Stiftungsrat des Endowment, manche Bände könnten, diametral im Widerspruch zur editorischen Absicht der Amerikaner, eher als Handreichung für das Kriegshandwerk missverstanden werden. Auch tendierten die Bände womöglich zu einem Rechtfertigungsstil, der dem Objektivitätspostulat der Carnegie-Vertreter widersprechen müsse. Womöglich auch deshalb intervenierte Shotwell besonders stark, wo er einem revisionistischen Unterton der Autoren glaubte zuvorkommen zu müssen, mit dem gelegentlich auch anderen als der deutschen Regierung eine Mitverantwortung für den Kriegsausbruch unterstellt und der US-amerikanische Kriegseintritt kritisch kommentiert wurde.[24]

Im politischen und gesellschaftlichen Kontext der späten 1920er- und 1930er-Jahre, in denen Europas Demokratien strauchelten und schließlich mehrheitlich totalitär umkippten, fanden dergleichen Aktivitäten des Carnegie Endowment in Europa nur schwer Widerhall. Bezeichnend blieb aber das amerikanische Projekt, eine neue, als „modern“ ausgewiesene Art europäischen Wissens über den Ersten Weltkrieg voranzutreiben, indem man eine ökonomisch ausgerichtete Erforschung der Kriegsursachen und -effekte lancierte. Zugleich sollte das in den Kriegsjahren nationalistisch verengte europäische Traditionswissen – über die vermeintliche zivilisatorische Differenz zwischen den Kriegsgegnerstaaten und -gesellschaften[25] – diskreditiert und eine Art unpolemischer Vernunftdiskurs unter den ehedem Verfeindeten angestoßen werden.

Im Hinblick auf Deutschland verband sich das Carnegie-Programm schließlich mit einer bemerkenswerten amerikanischen Intervention in das Institutionengefüge der Weimarer Wissensgesellschaft. So begünstigten die Carnegiegelder die bis zur Gleichschaltung weitgehend liberal geprägte Berliner Hochschule, die – ursprünglich am französischen Vorbild orientiert – außeruniversitär gegründet worden war und für die Versorgung der deutschen Nachkriegseliten mit demokratischer Expertise sorgen wollte. Ähnlich favorisierte auch die Rockefeller-Stiftung in diesen Jahren das ebenfalls privat betriebene Hamburger Institut für Auswärtige Politik. Unter der Leitung des Juristen Albrecht Mendelssohn-Bartholdy lief dort nicht nur die Editionsarbeit deutscher Beiträge zur Economic and Social History of the World War. Die Amerikaner nahmen das Institut als, wenn auch nachrangiges, Pendant zum American Council on Foreign Relations und zum Londoner Royal Institute of International Affairs (Chatham House) wahr. Mithin sollte es als Institution neuer Ordnung, als deutscher Think Tank und potentieller Berater deutscher Politik im Sinne legalistischer Aushandlungspolitik und Verständigung dienen.[26]

Die Intervention US-amerikanischer Philanthropen im europäischen Raum, hier im Prisma einiger CEIP-Aktivitäten eingefangen, blieb langfristig bedeutsam – wenn auch in weit bescheideneren Dimensionen als im Stiftungsprogramm und im zitierten Presseartikel anvisiert. Zum einen machten die Förderaktivitäten das CEIP zu einem wichtigen politisch-diplomatischen Koalitionspartner liberaler Internationalisten im Europa der Zwischenkriegsjahre. In ihrer teils kulturdiplomatischen, teils machtpolitischen Katalysatorfunktion ist die zentrale Bedeutung der US-Philanthropen für den europäischen Wissenschaftsraum zu sehen. Zum anderen suspendierten die Carnegie-Philanthropen in gewisser Weise auch bis dahin gültige Regeln der Professionalisierung und Disziplinenbildung, wie sie sich spätestens im 18./19. Jahrhundert eingeschliffen hatten, indem sie nicht selten außeruniversitäre, private Forschungseinrichtungen und -projekte subventionierten. Denn noch bis deutlich in das 20. Jahrhundert hinein waren es in erster Linie die Universitäten gewesen, die über die Professionalisierungschancen neuer Berufsgruppen an zentraler Stelle mit entschieden. Nur so erklärt sich der bisweilen verzweifelte Ehrgeiz, mit dem sich die seit dem frühen 20. Jahrhundert gerade erst herausbildende Experten-Communityeuropäischer Sozialwissenschaftler darum bemühte, universitär anerkannt zu werden, um als professionell gelten zu können.[27] Das politisch motivierte Mäzenatentum der Carnegie-Stiftung zugunsten außeruniversitärer Institute und Projekte eröffnete den europäischen Akteuren dort die Möglichkeit, etablierte Wirkungszusammenhänge bei der Generierung professionellen Wissens aufzuweichen. Denn mit den US-amerikanischen Geldern entstanden potenzielle Handlungsspielräume für die Bereitstellung von als „modern“ klassifizierter Expertise jenseits universitärer Kontrollinstanzen der Professionalisierung.

Damit erwies sich die Carnegie-Philanthropie in doppeltem Sinne als symptomatischer Moment einer außereuropäischen Prägung des europäischen Raums der Zwischenkriegsjahre: als Intervention in kulturdiplomatischer und politischer Absicht und als transatlantischer Impuls zur Entwicklung des europäischen Professionsraums.



[1] Essay zur Quelle: New Carnegie Work Planned for Europe (29. Juni 1926). Die Druckversion des Essays findet sich in: Isabella Löhr, Matthias Middell, Hannes Siegrist (Hgg.): Kultur und Beruf in Europa, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, S. 217–225, Band 2 der Schriftreihe Europäische Geschichte in Quellen und Essays.

[2] Vgl. Löhr, Isabella; Middell, Matthias, Kultur als Beruf in Europa. Perspektiven aus Kunst, Kultur und Wissenschaft, in: ebd., S. 13.

[3] Vgl. dazu vor allem die Literaturhinweise am Ende dieses Beitrags.

[4] Vgl. Rausch, Helke, US-amerikanische “Scientific Philanthropy” in Frankreich, Deutschland und Großbritannien zwischen den Weltkriegen, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (2007), S. 73–98.

[5] Vgl. Dubin, Martin David, The Carnegie Endowment for International Peace and the Advocacy of a League of Nations, 1914–1918, in: Proceedings of the American Philosophical Society 123 (1979), S. 344–368.

[6] Dazu gehörte die von Hoover präsidierte Commission for Belgian Relief ebenso wie eine umfassende Kampagne des American Red Cross. Vgl. u.a. Warren, Whitney, American Charity in France. What has Been Done, What Remains to be Done, Boston 1916.

[7] Vgl. Ninkovich, Frank, The Diplomacy of Ideas. US Foreign Policy and Cultural Relations, 1938–1950, Cambridge 1981, Kap. 1.

[8] Vgl. Organization of the Carnegie Peace Foundation, in: The Advocate of Peace 73 (1911), S. 74–75; Root, Elihu, The Outlook for International Law, in: Proceedings of the American Society for International Law 9 (1915), S. 2–11; vgl. zum CEIP allgemein u.a. Lutzker, Michael A., The Formation of the Carnegie Endowment for International Peace: A Study of the Establishment-Centered Peace Movement 1910–1914, in: Israel, Jerry (Hg.), Building the Organization Society. Essays on Associational Activities in Modern America, New York 1972, S. 143–162; Alexandre, Philippe, Messianisme et américanisation du monde. Les Etats-Unis et les organisations pacifistes de France et d’Allemagne à la vieille de la Première Guerre Mondiale (1911–1914), in: Themenportal Europäische Geschichte (2007), URL: <http://www.europa.clio-online.de/2007/Article=192> (18.04.2013); zum Kontext vgl. Herren, Madeleine, Hintertüren zur Macht. Internationalismus und modernisierungsorientierte Außenpolitik in Belgien, der Schweiz und den USA 1865–1914, München 2000.

[9] Vgl. Year Book of the Carnegie Endowment for International Peace 1918, Washington D.C. 1918, S. 18.

[10] Vgl. Wegner, Jens, An Organization, European in Character. European Agency and American Control at the Centre Européen 1925–1940, in: Krige, John; Rausch, Helke (Hgg.), American Foundations and the Coproduction of World Order in the 20th Century, Göttingen 2012.

[11] Vgl. Bock, Hans Manfred, Berlin – Paris, Paris – Berlin. Zur Topographie zivilgesellschaftlicher Begegnungen in der Locarno-Ära 1925–1930, in: ders., Topographie deutscher Kulturvertretung im Paris des 20. Jahrhunderts, Tübingen 2010, S. 121–164 (Wiederabdruck aus: ders.; Mieck, Illja (Hgg.), Berlin – Paris (1900–1933). Begegnungsorte, Wahrnehmungsmuster, Infrastrukturprobleme, Frankfurt am Main 2005, S. 15–68.)

[12] Vgl. Organization of the Carnegie Peace Foundation, S. 74–75.

[13] Vgl. u.a. Carnegie Endowment for International Peace. Year Book for 1911, Washington D.C. 1911.

[14] Vgl. u.a. Butler, Nicholas Murray; Putnam, Herbert, The Louvain Library, in: Bulletin of the American Library Association 17 (1923), S. 32–33.

[15] Vgl. Winn, Joseph W.; Butler, Nicholas Murray, The Carnegie Endowment for International Peace and the Search for Reconciliation in Europe, 1919–1933, in: Peace & Change 31 (2006), S. 555–584.

[16] Vgl. u.a. Dr. Butler Sails Today on Peace Fund Mission, in: New York Times, 04.06.1926, S. 13; Butler, Nicholas Murray, The International Mind. Opening Address of Dr. Butler […] May 15, 1912, in: The Advocate of Peace 74 (1912), S. 143–146 und ders., The Development of the International Mind. Address Delivered Before the Academy of International Law, at The Hague July 20, 1923, in: Advocate of Peace Through Justice 85 (1923), S. 342–345. Als Kulturdiplomat apostrophierte sich Butler vor allem in seinen Memoiren. Vgl. Butler, Nicholas Murray, Across the Busy Years. Recollections and Reflections, Bd. 2, New York 1940, S. 86–227.

[17] Zur Einrichtung des Carnegie-Lehrstuhls in Berlin vgl. Telegramm von E. B. Babcock aus Paris und Prittwitz an die DHP Berlin, 29. Oktober 1926 (Carnegie Endowment for International Peace, Centre Européen, Records 1911–1940, CEIP CE Box 182, Folder 6 Berlin (Carnegie Lehrstuhl), 1926–1927); zur Förderung der DHP vgl. vor allem Korenblat, Steven D., A School for the Republic? Cosmopolitans and Their Enemies at the Deutsche Hochschule für Politik 1920–33, in: Central European History 39 (2006), S. 394–430.

[18] Vgl. zum Zwischenkriegseuropa: Steiner, Zara, The Lights That Failed. European International History, 1919–1933, Oxford 2007; Gerwarth, Robert (Hg.), Twisted Paths. Europe 1914–1945, Oxford 2007.

[19] Zur Westernisierung als Zirkulation nicht nur transatlantischer, sondern auch innereuropäischer Ideenströme vgl. Doering-Manteuffel, Anselm, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999.

[20] Vgl. zu Siegfried: Roussellier, Nicolas, André Siegfried, in: Julliard, Jacques; Winock, Michel (Hgg.), Dictionnaire des Intellectuels français. Les personnes, les lieux, les moments, Paris 1996, S. 1060–1061.

[21] Vgl. Siegfried, André, Les Etats-Unis d’aujourd’hui (englische Übersetzung: America Comes of Age 1927); Kennedy, Sean, André Siegfried and the Complexities of French Anti-Americanism, in: French Politics, Culture & Society 27 (2009), S. 1–22. Siegfrieds Buch hatte hohe Auflagen- und Verbreitungszahlen. Vgl. Favre, Pierre, Naissances de la science politique en France 1870–1914, Paris 1989, S. 289.

[22] Vgl. Shotwell, James T., Economic and Social History of the World War, Washington 1924; Josephson, Harold, James T. Shotwell and the Rise of Internationalism in America, Madison 1974, S. 111–112, S. 160; Wala, Michael, Weimar und Amerika. Botschafter Friedrich von Prittwitz und Gaffron und die deutsch-amerikanischen Beziehungen von 1927–1933, Stuttgart 2001, S. 69; zur Beteiligung eines deutschen Komitees vgl. Germans to Help Write War History, in: The New York Times, 28.12.1922, S. 6.

[23] Vgl. Horne, John, Introduction, in: ders. (Hg.), A Companion to World War I, Oxford 2010, S. 23.

[24] Vgl. Josephson, James T. Shotwell, S. 110.

[25] Vgl. Mommsen, Wolfgang J., Die europäischen Intellektuellen. Schriftsteller und Künstler und der Erste Weltkrieg, in: ders. (Hg.), Bürgerliche Kultur und politische Ordnung. Künstler, Schriftsteller und Intellektuelle in der deutschen Geschichte 1830–1933, Frankfurt am Main 2002, S. 196–215.

[26] Vgl. u.a. Beardsley Ruml an Mendelssohn-Bartholdy, 16. November 1925 (Rockefeller Archive Center, Tarrytown, New York, Laura Spelman Rockefeller Memorial Series III Subs. 6, Box 52, Folder 561).

[27] Vgl. dies in Anlehnung an Stichweh, Rudolf, Professionen und Disziplinen: Formen der Differenzierung zweier Systeme beruflichen Handelns in modernen Gesellschaften, in: ders. (Hg.), Wissenschaft, Universität, Professionen. Soziologische Analysen, Frankfurt am Main 1994, S. 278–336.



Literaturhinweise

  • Berghahn, Volker R., Philanthropy and Diplomacy in the „American Century“, in: Diplomatic History 23 (1999), S. 393–419.
  • Krige, John; Rausch, Helke (Hgg.), American Foundations and the Coproduction of World Order in the 20th Century, Göttingen 2012.
  • Winn, Joseph W., The Carnegie Endowment for International Peace. Missionaries for Cultural Internationalism, unveröffentlichtes PhD-Manuskript, Lexington, University of Kentucky 2004.

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Zitation
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