Ungleiche Schwestern in der europäischen Familie: Russische Orientalistik und sowjetische Afrikanistik als Teil der europäischen Regionalwissenschaften seit dem Ende des 19. Jahrhunderts

Aus mindestens zwei Richtungen wären Nachfragen wegen der Themenwahl für diesen Essay zu erwarten. Zum einen: Waren russische und sowjetische Fachleute für außereuropäische Weltregionen Teil der europäischen wissenschaftlichen Gemeinschaft? Und zum anderen: Die hier vorzustellende Berufsgruppe beschäftigte sich nun gerade nicht mit Europa, sondern verfolgte ein professionelles Interesse an gänzlich anderen Weltregionen. Inwiefern kann also für sie ein Platz in diesem Band gefunden werden? Die erste Frage sei eingangs schon einmal eindeutig bejaht, bevor dies weiter unten näher erläutert wird. Und zur zweiten wird im Folgenden zu zeigen sein, dass der Bezug auf Europa bei der Herausbildung der russischen Orientalistik und der sowjetischen Afrikanistik seit dem 19. Jahrhundert eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. [...]

Ungleiche Schwestern in der europäischen Familie: Russische Orientalistik und sowjetische Afrikanistik als Teil der europäischen Regionalwissenschaften seit dem Ende des 19. Jahrhunderts[1]

Von Steffi Marung

Aus mindestens zwei Richtungen wären Nachfragen wegen der Themenwahl für diesen Essay zu erwarten. Zum einen: Waren russische und sowjetische Fachleute für außereuropäische Weltregionen Teil der europäischen wissenschaftlichen Gemeinschaft? Und zum anderen: Die hier vorzustellende Berufsgruppe beschäftigte sich nun gerade nicht mit Europa, sondern verfolgte ein professionelles Interesse an gänzlich anderen Weltregionen. Inwiefern kann also für sie ein Platz in diesem Band[2] gefunden werden? Die erste Frage sei eingangs schon einmal eindeutig bejaht, bevor dies weiter unten näher erläutert wird. Und zur zweiten wird im Folgenden zu zeigen sein, dass der Bezug auf Europa bei der Herausbildung der russischen Orientalistik und der sowjetischen Afrikanistik seit dem 19. Jahrhundert eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte. Diese Verbindung ergab sich nicht zuletzt deshalb, weil „in Afrika“ und „im Orient“ konkurrierende Europa-Vorstellungen und Europäisierungsprojekte aufeinander trafen: nämlich Vorstellungen von Afrika als Ergänzungsraum des europäischen Hochimperialismus einerseits und Afrika als Aktions- und Zielraum der revolutionären Avantgarde unter Führung der sich als anti-kolonial und anti-imperial(istisch) verstehenden Sowjetunion andererseits. Doch obwohl – oder vielleicht gerade weil – es diese Konkurrenz gab, war der vergleichende Blick auf andere europäische politische und wissenschaftliche Projekte in und mit diesen Weltregionen zentral. In welcher Weise dieser Bezug hergestellt wurde, wandelte sich und wurde besonders in Krisenmomenten immer wieder neu verhandelt.

So spiegelt sich in der Quelle, auf die sich dieser Essay bezieht, ein Moment großer Verunsicherung. Gleichzeitig wurde sich hier noch einmal Vergewisserung verschafft in Bezug auf die wissenschaftliche und gesellschaftliche Position zweier Regionalwissenschaften, deren Geschichte in der Sowjetunion mal enger, mal loser miteinander verknüpft war. Die Verflechtungen zwischen der Orientalistik[3] und der Afrikanistik schlug sich auch in der Gründung einer gemeinsamen Zeitschrift nieder, Die Völker Asiens und Afrikas, aus der die hier in Auszügen dokumentierte Diskussion der am 7. Juni 1988 anberaumten Redaktionskonferenz stammt.[4] Herausgefordert von Perestroika und Glasnost, aber auch in Reaktion auf eine offensichtlich brüchig werdende alte Weltordnung diskutierten die neu berufenen Mitglieder des Gremiums die zukünftige Ausrichtung der Zeitschrift. Wie unter einem Brennglas verschmolzen dabei mehrere Probleme: Wie sollten Afrikanisten und Orientalisten auf den gesellschaftlichen Umbau und die sich abzeichnende neue globale Ordnung reagieren? Welche Folgen könnten diese Vorgänge für die innere Ordnung des Fachs haben? Und waren vor diesem Hintergrund die wissenschaftlichen Standards neu zu bewerten? Insofern suchte sich dieses Forum als „Schrittmacher akademischer Professionalisierung“ zu präsentieren.[5] Aus diesem Grund lassen sich hier Hinweise darauf erhoffen, wie sowjetische Afrikanisten und Orientalisten über ihren akademischen Beruf nachdachten, welche Bedeutung sie Europa – und dem Rest der Welt – zumaßen und was das eine mit dem anderen zu tun haben könnte.

Um das Ringen der hier versammelten Gruppe von Orientalisten und Afrikanisten um eine neue gemeinsame Position im gesellschaftlichen Umbruch der Perestroika, aber auch in der sich abzeichnenden Neuordnung der Welt zu verstehen, ist ein Blick zurück in das 19. Jahrhundert in die Blütezeit der russischen Orientalistik hilfreich, jener Disziplin, aus der heraus sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die sowjetische Afrikanistik entwickelte. Diese Reise in die Vergangenheit ist in der gebotenen Kürze auch deshalb notwendig, um das Erbe der russischen und sowjetischen Forscher in der europäischen und internationalen Wissenschaftslandschaft zu rekonstruieren.

In ihren Anfängen schien die russische Orientalistik im hohen Maße ein deutsches Unterfangen zu sein. Peter I. hatte im 18. Jahrhundert deutsche Fachleute wie Gottlieb-Siegfried Bayer und Georg Jakob Kehr an die 1724 begründete Akademie der Wissenschaften geholt.[6] Diese kümmerten sich jedoch vor allem um ihre eigenen Forschungen und weniger um die Ausbildung von Studenten, weshalb ihr Einfluss auf die junge russische Disziplin letztlich begrenzt blieb. Mitte des 18. Jahrhunderts hatten alle russischen Geisteswissenschaften unter der Wissenschaftspolitik der Zarin Elisabeth zu leiden, die nur in den Naturwissenschaften nützliche Wissensproduzenten sah. Doch im Laufe des 19. Jahrhunderts erwachte das russische Interesse an der Orientalistik erneut. Sie stieg nun auch im Kontext einer neuen imperialen Politik im eurasischen Osten an die Spitze des europäischen Wissenschaftsfeldes jener Zeit auf. Bevor Lehre und Forschung in Sankt Petersburg und Moskau unter Nikolaus I. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zentralisiert wurden, waren es vor allem die Universitäten in Charkov und Kazan, die europäische Vorreiter für die Beschäftigung mit „dem Osten“ wurden. Zunächst wurden die Professuren auch dort von deutschen Wissenschaftlern besetzt. Der erste russischstämmige Orientalist in Moskau, Aleksej Bodyrev, hatte in Göttingen und Paris studiert, bevor er 1811 nach Moskau kam. Aber auch hier war das Erbe der Deutschen wenig nachhaltig, zum einen weil die Zahl der von ihnen ausgebildeten Studenten wiederum klein blieb, zum anderen weil sie sich selten bemühten, ihre Ergebnisse auf Russisch zu publizieren.

Neu im europäischen Vergleich war seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die thematische Breite der russischen linguistischen, historiografischen und anthropologischen Arbeiten sowie die frühe Integration zentral- und ostasiatischer gebildeter Akademiker – Muttersprachler – in das russische Wissenschaftssystem. Damit stellten sich die orientalistischen Institute in den russischen Metropolen als im hohen Maße internationale Unternehmungen dar, in denen westliche und östliche Fachleute zusammengeführt wurden. Die 1855 gegründete Sankt Petersburger Einrichtung schließlich blieb bis 1917 einzigartig, denn nirgendwo sonst gab es weltweit eine ganze der Orientalistik gewidmete Fakultät.

Der exzellente Ruf der russischen Orientalistik war gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor allem mit dem Namen Viktor Romanovic Rozen[7] verbunden, ein Arabist, der von 1893 bis 1902 als Dekan der Orientalistischen Fakultät in Sankt Petersburg wirkte und zahlreiche Orientalisten zu seinen Schülern zählte, die über den politischen Umbruch 1917 hinaus einflussreich waren, wie Vasilij Vladimirovic Bartol’d, Sergej Fedorovic Ol’denburg und Nikolaj Jakovlevic Marr. Als Deutschbalte publizierte Rozen zunächst fast ausschließlich auf Deutsch, bevor er in den 1860er-Jahren nach Sankt Petersburg kam. Allerdings war seine nicht-russische Herkunft im multiethnischen Russischen Reich durchaus mit seinem Vorhaben vereinbar, die russische Orientalistik an die Weltspitze zu führen. Diesem Unterfangen kamen seine hervorragenden wissenschaftlichen Beziehungen nach Österreich und Deutschland zugute. Seine Strategie einer forcierten Internationalisierung der Disziplin stand also nicht im Widerspruch zum Projekt ihrer Nationalisierung, sondern stützte dieses. Er forderte seine Schüler auf, im (westlichen) Ausland Erfahrungen zu sammeln. Außerdem institutionalisierte er den internationalen Austausch durch die Gründung der Zeitschrift Zapiski, die 1886 als erstes orientalistisches Periodikum in Russland erschien, und in der regelmäßig Besprechungen internationaler Forschung ebenso wie Originalquellen veröffentlicht wurden – weshalb die Zeitschrift auch über die Sprachbarriere hinweg von westlichen Wissenschaftlern konsultiert wurde.

Unter seinen Schülern setzte Sergej Ol’denburg, Spezialist für Indien und China, das Internationalisierungsprojekt möglicherweise am effektivsten fort. Ebenfalls deutscher Abstammung war er für seine Forschungen auch nach Paris, Cambridge und London in Bibliotheken gereist. Mit der Bibliotheca Buddhica begründete er 1987 ein großes internationales Projekt, an dem Fachleute aus Deutschland, Frankreich, Japan, England und Russland an der Edition buddhistischer Texte arbeiteten und die bis heute einen hervorragenden Ruf genießt.

Auf diese Weise waren die russischen Orientalisten des 19. Jahrhunderts einerseits ein wichtiger Teil der paneuropäischen Orientalistik. Andererseits entwickelten sie früh eine radikale Kritik am (west-)europäischen Imperialismus gegenüber den „Völkern des Ostens“ und missbilligten den unbeirrbaren Glauben an eine Überlegenheit des Westens. Die Historikerin Vera Tolz sieht darin bereits eine Vorwegnahme jener Argumente, mit denen postkoloniale Kritiker die westlichen Geisteswissenschaften am Ende des 20. Jahrhunderts einer grundsätzlichen Revision unterzogen. Arabische Intellektuelle, die in der Sowjetunion studiert hatten, wurden in den 1960er-Jahren, so Tolz, von dieser russisch-sowjetischen Imperialismuskritik nachhaltig geprägt.[8] Edward Saids einflussreiche Thesen verdanken sich also auch einem Ost-West-Süd-Transfer.

Die Kritik am europäischen Imperialismus und Kolonialismus gehörte auch zu den Gründungsbekenntnissen der sowjetischen Afrikanistik. Diese verdankte ihre Professionalisierung den Aktivitäten der Kommunistischen Internationalen (KomIntern) in den 1920er-Jahren, den globalen politischen Umwälzungen im Zuge der Dekolonisierung in den 1960er-Jahren und ihrer engen Verbindung zur russischen bzw. sowjetischen Orientalistik.

Die Anfänge der russischen und später sowjetischen Beschäftigung mit Afrika lassen sich in die Zeit vor der Oktoberrevolution zurückverfolgen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wandten sich russische Orientalisten auch der Erforschung von Teilen des afrikanischen Kontinents zu. Eine eigenständige Afrikanistik entwickelte sich in den 1920er- und 1930er-Jahren dann einerseits aus der Orientalistik, andererseits in einem engen inhaltlichen und institutionellen Zusammenhang mit der 1919 gegründeten KomIntern. Die mehr oder weniger enge Verbindung zwischen Orientalistik und Afrikanistik löste sich auch im Verlauf der folgenden Jahrzehnte nie ganz, auch wenn sie nicht immer konfliktfrei blieb.

Die Expansion der afrikanistischen Forschung und Lehre setzte um das sogenannte Afrikanische Jahr 1960 herum ein, als eine breite Dekolonisierungswelle eine Vielzahl afrikanischer Gesellschaften gleichzeitig ergriff. Zur selben Zeit wurde das sowjetische Bildungs- und Hochschulwesen enorm ausgeweitet, was der jungen Regionalwissenschaft ebenfalls zugutekam. Das 1960 begründete Afrikainstitut der Akademie der Wissenschaften, das bis heute das größte seiner Art weltweit ist, verdankt seine Gründung diesen Umständen. Eine besondere Rolle übernahm die 1960 als Universität der Völkerfreundschaft eröffnete und 1961 in Patrice-Lumumba-Universität umbenannte Ausbildungsstätte für Studenten aus Afrika, Asien und Lateinamerika, denn die hier aufgenommenen afrikanischen Studenten boten in gewisser Weise Möglichkeiten zur „Feldforschung“ – in Moskau.

Bereits in den 1920er- und 1930er-Jahren waren erste Abteilungen für Afrika an einzelnen Lehr- und Forschungsanstalten der KomIntern eingerichtet worden. So erhielt die Universität der Ostarbeiter (KUTV) – eine der vier Parteischulen der KomIntern der 1920er-Jahre – eine afrikanistische Abteilung. Im Jahr 1927 wurde innerhalb der KUTV ein Forschungsinstitut für nationale und koloniale Fragen (NIANKP) gegründet, das ab 1929 eigenständig operierte und ebenfalls eine afrikanistische Abteilung erhielt.

Die Professionalisierungswege der russischen und später sowjetischen Orientalisten unterschieden sich dabei in jener Zeit von jenen der frühen Afrikanisten. Erstere waren mehrheitlich grundständig akademisch ausgebildet worden und unterhielten zumeist intensive wissenschaftliche Kontakte nach Westeuropa. Letztere rekrutierten sich häufig aus politischen Aktivisten aus dem Umkreis der KomIntern und pflegten in diesem Zusammenhang ebenfalls vielfältige internationale Kontakte, die jedoch zunächst eher politisch motiviert waren. Und während sich die Expertise der Orientalisten vor allem auf Kenntnis der Geschichte und Sprachen der Region gründete, beherrschten viele Mitglieder der ersten Generation der sowjetischen Afrikanisten keine der afrikanischen Sprachen und besaßen auch sonst keine besonderen regionalspezifischen Vorkenntnisse. Zu dieser heterogenen Gruppe der ersten sowjetischen Afrikanisten gehörten politische Emigranten aus Deutschland und Ungarn ebenso wie Orientalisten, die ihre regionalen Interessen neu ausgerichtet hatten.

Die wissenschaftliche Biografie von Dmitrij Alexeevic Ol’derogge, der bis heute als Patriarch der sowjetischen Afrikanistik verehrt wird, vereint eine Reihe der Brüche und Wechsel zwischen verschiedenen politischen Welten, innerhalb derer sich die russischen bzw. sowjetischen Regionalwissenschaften positionieren mussten. Sein Berufsweg begann im späten Zarenreich und nahm unter Stalin, Chrušcëv und Brežnev bis zur Ära Gorbacëv verschiedene Wendungen. In seiner Karriere zeigen sich dabei spezifische Professionalisierungspfade sowohl von russischen Orientalisten als auch von sowjetischen Afrikanisten. Ol’derogge wurde 1903 in Vilnius als Sohn eines russischen Offiziers mit deutschen Wurzeln geboren. Er schlug nach Familientradition zunächst eine militärische Karriere ein, die durch die Ereignisse des Jahres 1917 eine neue Wendung erhielt. Nach seinem Dienst in der Roten Armee 1920 bis 1922 trat er in die Sankt Petersburger Universität ein und studierte bei Bartol’d Ägyptologie. In den späten 1920er-Jahren wurde er von der Akademie der Wissenschaften nach Deutschland, Belgien und Frankreich geschickt, um sich dort mit den führenden Afrikanisten und Orientalisten – unter anderem mit dem Mitbegründer der deutschen Afrikanistik Diedrich Westermann – auszutauschen und Erfahrungen zu sammeln. Diese sollten für den Aufbau der Afrikaabteilung des Museums für Ethnologie und Anthropologie in Sankt Petersburg genutzt werden. Ende der 1930er-Jahre wurde er Direktor des Museums für Ethnologie und Anthropologie (heute: Kunstkammer). Nachdem er und andere Afrikanisten die stalinschen Säuberungen überstanden hatten, folgte er dem Arabisten Nikolaj Vladimirovic Jušmanov auf den Lehrstuhl für Afrikastudien an der Orientalistischen Fakultät der Staatlichen Universität Leningrad. Er gehörte zu den wenigen sowjetischen Afrikanisten, die bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren zu Feldforschungen nach Afrika fahren konnten. So reiste er nach Ägypten, Senegal und Mali. Ol’derogges Weg in die Afrikanistik begann also nahe an der Orientalistik und mit einer universitären Ausbildung. Seine Karriere durchzog von Anfang an ein Netz weitreichender internationaler wissenschaftlicher Kontakte.

Drei weitere Protagonisten der frühen sowjetischen Afrikanistik waren eher über ihre politischen Aktivitäten zu Spezialisten für die Region geworden. Ivan Izosimovic Potechin, im selben Jahr wie Ol’derogge geboren, entstammte einer Bauernfamilie aus dem Krasnojarsker Kreis. Er begann in den 1920er-Jahren mit seiner politische Arbeit, die sich zunächst allerdings nicht auf Afrika bezog. Er wurde 1930 an die Leningrader Universität geschickt, wo er bei Ol’derogge studierte. Später unterrichtete er an der KUTV afrikanische Geschichte. Aufgrund von Trotzkismus-Vorwürfen wurde Potechin 1936 entlassen und kehrte erst 1946 als Mitarbeiter an das Ethnografische Institut der Akademie der Wissenschaften zurück. Dort wurde er 1956 zum Initiator und später zum ersten Direktor des 1960 gegründeten Afrikainstituts der Akademie – ein Erfolg, der sich auch seinen exzellenten Beziehungen zu dem in der Sowjetunion hoch angesehen William E.B. Du Bois verdankte. Auch Potechin reiste bereits in den 1950er-Jahren nach Afrika, er spezialisierte sich auf Ghana. Aleksander Zacharovic Zusmanovic, ein Jahr älter als Ol’lderogge und Potechin, engagierte sich frühzeitig in der KomIntern für afrikanische Belange und übernahm 1934/35 die Leitung der Afrikasektion der KUTV und des Afrikalabors an der NIANKP. Aber auch er wurde wenig später Opfer der Trotzkismus-Kampagne. Mitte der 1950er-Jahre kehrte er als Forscher an die Afrikaabteilung des Orientalistischen Instituts der Akademie der Wissenschaften zurück und folgte schließlich Potechin an das neu gegründete Afrikainstitut. Endre Sik schließlich gehört wahrscheinlich zu den schillerndsten Figuren der Disziplin. Der 1891 geborene Ungar war nach seiner Beteiligung an der ungarischen Novemberrevolution 1919 in das sowjetische Exil geflüchtet und hatte an der KUTV seine Leidenschaft für Afrika entdeckt. Bevor er nach Ungarn zurückkehrte, wo er Ende der 1950er-Jahre Außenminister wurde, hinterließ er 1929 der sowjetischen Afrikanistik ein lange nachwirkendes Forschungsprogramm für die zukünftige marxistische afrikanistische Forschung sowie die ersten vier Bände einer Geschichte Schwarzafrikas.

Sik bemühte sich in seinem Programm auch um eine Bestimmung des Verhältnisses der marxistischen zur westlichen, „bürgerlichen“ Forschung. Er erklärte einerseits, dass Schwarzafrika mit hoher Wahrscheinlichkeit in naher Zukunft zum Protagonisten in den Konflikten mit den imperialistischen Mächten werden würde, zum Nährboden für revolutionäre Erhebungen gegen die „imperialistischen Unterdrücker“.[9] Andererseits bezeichnete er die westliche Forschung über Afrika als Instrument der imperialistischen Interessen. Allerdings sah er – in Ermangelung neuerer eigenständiger empirischer sowjetischer Forschung – die erste Aufgabe der marxistischen Beschäftigung mit Afrika darin, diese Forschung kritisch aufzuarbeiten und für die eigenen Belange nutzbar zu machen. Man könne sich zwar in keinster Weise darauf verlassen, so Sik, was ein englischer oder deutscher Autor über die jeweiligen Kolonien schreibe. Aber wenn man das von ihnen produzierte reiche Material akribisch prüfe, könne man es durchaus als wertvolle Quelle nutzen.[10] Das Verhältnis zur westlichen Forschung blieb in der sowjetischen Afrikanistik ein gespaltenes: Der Vorwurf, sie sei ein Instrument imperialer oder neo-kolonialer Interessen, in jedem Fall aber Teil einer reaktionären Weltbewegung, wurde von den meisten Wissenschaftlern geteilt. Gleichzeitig mischte sich diese Kritik mit Hochachtung vor der jeweiligen empirischen Forschung und auch ein gewisser Neid ob des unkomplizierteren Zugangs zu Originalquellen und zum Feld, das vielen Afrikanisten in der Sowjetunion aufgrund von Reisebeschränkungen verschlossen blieb.

Dem Boom der 1960er-Jahre folgte in den beiden darauf folgenden Dekaden eine – jedenfalls in den Selbstzeugnissen der Afrikanisten vielfach so beschriebene – Phase der Stagnation. Gleichwohl ließe sich die Gründung des Sektors (später Zentrum) für afrikanische Geschichte innerhalb des Akademieinstituts für Weltgeschichte Anfang der 1970er-Jahre gewissermaßen als die Belebung der innerwissenschaftlichen Konkurrenz und damit auch als den Beginn des innerdisziplinärer Wettkampfs um Deutungshoheit über Professionalisierungsprozesse interpretieren. Diese Phase mündete in einen konfliktreichen Prozess der Selbstreflexion, der auch durch die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen im Zuge der Gorbacëvschen Perestroika bereits in der Mitte der 1980er-Jahren ausgelöst wurde. Der gesellschaftliche und politische Umbruch der 1990er-Jahre, durch den auch das Verhältnis der Sowjetunion bzw. Russlands zu den Ländern der Dritten Welt neu bestimmt wurde, führte zu einer grundlegenden Legitimationskrise der russischen Afrikanistik. Der Prozess der Neuausrichtung, verbunden mit der Suche nach einem Ersatz für die geschwundenen finanziellen und personellen Ressourcen, ist bis heute nicht abgeschlossen.

Damit befinden wir uns wieder auf der Redaktionskonferenz des Jahres 1988. Die hier versammelten Experten für die Länder Asiens und Afrikas sahen sich nun vor der Aufgabe, ihrer Gesellschaft mit Blick auf zwei zentrale Entwicklungen Orientierung zu geben. Erstens galt es, den innergesellschaftlichen Wandel in der Sowjetunion auch mit regionalwissenschaftlicher Expertise zu deuten. Und zweitens musste der sich abzeichnende Umbruch der globalen Ordnung begreifbar gemacht werden – ein Umbruch, der sich beispielsweise in der veränderten Rolle Chinas, aber auch in den Vorgängen in Zentralasien zeigte. Dabei wurde die neue internationale Lage nicht nur als Bedrohung verstanden, sondern gleichzeitig als Chance, neue wissenschaftliche Themen und neue theoretische Ansätze zu erschließen. Dazu gehörte auch, die traditionellen Interpretationen des westlichen Imperialismus und des sowjetischen Anti-Kolonialismus einer Revision zu unterziehen. Das hieß auch, das Verhältnis zum globalen Süden zu überdenken, da offensichtlich nicht mehr selbstverständlich vom anti-kolonialen Charakter der UdSSR ausgegangen werden konnte. Um diese wissenschaftliche Erneuerung in die Wege zu leiten, musste allem Anschein nach zunächst die konstatierte internationale Isolation der sowjetischen Regionalstudien überwunden werden. Im internationalen wissenschaftlichen Austausch schien ein Ausweg aus verhärteten, dogmatischen Strukturen zu liegen. Der Vergleich mit „ausländischen“ Regionalwissenschaften, die Orientierung an „internationalen“ Modellen – namentlich Frankreich, Großbritannien und den USA – besaß dabei eine Beglaubigungsfunktion, konnte als Ausweis hoher wissenschaftlicher Standards gelten. Allerdings ging es hier nicht nur um den Verweis auf internationale wissenschaftliche Traditionen, sondern auch auf westliche Modelle imperialer Herrschaft: Mit dem zum Beispiel vorgeschlagenen Vergleich zwischen dem russischen und dem britischen Kolonialismus wurde ein Tabubruch in der sowjetischen Weltdeutung angedeutet und die russische Geschichte als Teil der globalen Expansion des Westens interpretiert.

Gleichzeitig scheint der Topos „Europa“ hier, am Ende des Kalten Krieges, eher im Hintergrund zu bleiben. Explizit benannt wurden die ehemaligen kolonialen Großmächte, aber vor allem ein nicht näher bestimmtes „Ausland“ oder eine „internationale Wissenschaft“, bei der vermutlich nicht zuerst Fachleute aus den „Bruderstaaten“ des Ostblocks gemeint waren, sondern jene aus Westeuropa, den USA, aber auch afrikanische und asiatische Kollegen.

Damit wurde diese Diskussion allerdings am Ende einer Entwicklung geführt, an deren Anfang ein deutlicher Europabezug gestanden hatte – und zwar vor allem ex negativo, im Sinne einer Abgrenzung von (West-)Europa durch den erklärten Anti-Imperialismus und Anti-Kolonialismus der russischen und sowjetischen Regionalwissenschaften, wobei die russische Orientalistik des 19. Jahrhunderts eine Führungsrolle in der europäischen Wissenschaftslandschaft übernommen hatte. Dieses Leitmotiv der Imperialismuskritik war in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts um die Konkurrenz mit den USA ergänzt worden, als der zweiten, neokolonial charakterisierten Supermacht des Kalten Krieges. In der Umbruchssituation der Perestroika schließlich war es wieder der Bezug auf Europa, auf den Westen, der gleichermaßen als Katalysator wie als Folie für die Neuverhandlung des akademischen Feldes mobilisiert wurde. Die eigentliche Herausforderung bestand jedoch darin, ein weiteres Mal eine Weltordnung zu deuten, die sich im Wandel befand, und dieses Mal auch den globalen Süden – sowie den „eigenen und ausländischen Osten“ – ernsthaft zur Kenntnis zu nehmen.

Wissenschaftsgeschichtlich war vor allem die russische Orientalistik, aber auch die sowjetische Afrikanistik mit ihren Institutionen und Professionalisierungswegen fest in der europäischen Tradition dieser Regionalwissenschaften verwurzelt. Doch nicht nur das: Vor allem die russischen Orientalisten prägten dieses akademische Feld in seinen Anfängen maßgeblich mit. Die oben beschriebene normative bzw. politisch begründete Abgrenzungsbewegung stand also in Spannung zum institutionellen, wissenschaftsgeschichtlichen Erbe. Dies war sicher einer der Gründe, warum die Wissenschaftler am Ende des Kalten Krieges ein weiteres Mal darauf zurückkommen mussten.



[1] Essay zur Quelle: Wissen für eine neue Weltordnung. Die Perspektiven der Perestroika in der sowjetischen Zeitschrift Narodi Azii i Afriki (1989). Die Druckversion des Essays findet sich in: Isabella Löhr, Matthias Middell, Hannes Siegrist (Hgg.): Kultur und Beruf in Europa, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, S. 227–235, Band 2 der Schriftreihe Europäische Geschichte in Quellen und Essays.

[2] Vgl. ebd.

[3] Der russische Begriff für dieses Fach, „Vostokovedenie“, ist mit Orientalistik nicht ganz treffend übersetzt, da sich die geografische und inhaltliche Ausrichtung des russischen Unternehmens vom deutschen teilweise unterschied. Mit diesem Vorbehalt wird im Folgenden die deutsche Bezeichnung „Orientalistik“ weiter verwendet.

[4] Die Perspektiven der Perestroika in der Zeitschrift (Versammlung des neuen Redaktionskollegiums), in: Narodi Azii i Afriki 35 (1989), S. 5–19.

[5] Middell, Matthias, Vom allgemeinhistorischen Journal zur spezialisierten Liste im H-Net. Gedanken zur Geschichte der Zeitschriften als Elemente der Institutionalisierung moderner Geschichtswissenschaft, in: ders. (Hg.), Historische Zeitschriften im internationalen Vergleich, Leipzig 1999, S. 7–31, hier S. 7.

[6] Vgl. hier und im Folgenden: Schimmelpenninck van der Oye, David, Russian Orientalism. Asia in the Russian Mind from Peter the Great to the Emigration, New Haven 2010.

[7] Vgl. hier und im Folgenden: Tolz, Vera, Russia's Own Orient. The Politics of Identity and Oriental Studies in the Late Imperial and Early Soviet Periods, Oxford 2011.

[8] Ebd.

[9] Sik, Endre, K postanovke markstistkogo isucenija sozialno-ekonomiceskich problem Cernoj Afriki [Zum Stand der marxistischen Forschung zu den sozio-ökonomischen Problemen von Schwarzafrika], in: Revuljuzionny vostok 8 (1930), S. 86f; vgl. auch die englische Übersetzung seines Programms in: Darch, Colin; Littlejohn, Gary, Endre Sik and the Development of African Studies in the USSR: A Study Agenda from 1929, in: History in Africa 10 (1983), S. 73–108.

[10] Ebd.



Literaturhinweise

  • Davidson, Apollon et al. (Hgg.), South Africa and the Communist International: A Documentary History. Bd. 1: Socialist Pilgrims to Bolshevik Footsoldiers, 1919–1930, Bd. 2: Bolshevik Footsoldiers to Victims of Bolshevisation, 1931–1939, London 2003.
  • Davidson, Apollon, Stanovlenie otecestvennoj Afrikanistiki, 1920-e – nacalo 1960-ch, Moskau 2003.
  • Kemper, Michael; Conerman, Stephan (Hgg.), The Heritage of Soviet Oriental Studies, London 2011.
  • Schimmelpenninck van der Oye, David, Russian Orientalism. Asia in the Russian Mind from Peter the Great to the Emigration, New Haven 2010.
  • Tolz, Vera, Russia's Own Orient. The Politics of Identity and Oriental Studies in the Late Imperial and Early Soviet Periods, Oxford 2011.

Für das Themenportal verfasst von

Steffi Marung

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Zitation
SteffiMarung , Ungleiche Schwestern in der europäischen Familie: Russische Orientalistik und sowjetische Afrikanistik als Teil der europäischen Regionalwissenschaften seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, in: , , </essay/id/artikel-3739>.
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