"Wo man die stärkste Bindung fühlt": Zur Remigration von Historikern nach 1945

Im Vergleich mit der offeneren Atmosphäre in England und Frankreich hatte die nationalsozialistische Vertreibung fortschrittlicher Historiker einen retardierenden Effekt auf die Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft. Auch ohne die Zwangsemigration nostalgisch zu verklären, kann man feststellen, dass dieser Aderlass eine dynamische Minderheit der Forscher eliminierte, die nicht nur die Weimarer Republik unterstützt hatten, sondern auch neue methodologische Wege gegangen waren. Die teils populistisch von NS-Studenten betriebene, teils legalistisch von diversen Ministerien verordnete Exklusion unliebsamer Wissenschaftler verdrängte innovative Nachwuchsforscher wie Eckhart Kehr, demokratische Historiker wie Hajo Holborn und renommierte jüdische Gelehrte wie Aby Warburg. Dadurch bekamen die konservativen und nationalistischen Fachvertreter wieder Oberwasser und die jüngere Generation orientierte sich eher in Richtung einer Volksgeschichte, wodurch sie sich international weitgehend isolierte. [...]

„Wo man die stärksten Bindungen fühlt“: Zur Remigration von Historikern nach 1945[1]

Von Konrad H. Jarausch

Im Vergleich mit der offeneren Atmosphäre in England und Frankreich hatte die nationalsozialistische Vertreibung fortschrittlicher Historiker einen retardierenden Effekt auf die Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft. Auch ohne die Zwangsemigration nostalgisch zu verklären, kann man feststellen, dass dieser Aderlass eine dynamische Minderheit der Forscher eliminierte, die nicht nur die Weimarer Republik unterstützt hatten, sondern auch neue methodologische Wege gegangen waren. Die teils populistisch von NS-Studenten betriebene, teils legalistisch von diversen Ministerien verordnete Exklusion unliebsamer Wissenschaftler verdrängte innovative Nachwuchsforscher wie Eckhart Kehr, demokratische Historiker wie Hajo Holborn und renommierte jüdische Gelehrte wie Aby Warburg. Dadurch bekamen die konservativen und nationalistischen Fachvertreter wieder Oberwasser und die jüngere Generation orientierte sich eher in Richtung einer Volksgeschichte, wodurch sie sich international weitgehend isolierte.[2] Dieser intellektuelle Bruch erschwerte den Neuanfang nach 1945.

Für den Wiederaufbau der deutschen Geschichtswissenschaft war daher die Frage einer Remigration vertriebener Forscher von zentraler Bedeutung. In der sowjetischen Besatzungszone versuchte die Zentralverwaltung für Volksbildung nicht nur den Verfolgten im Lande, sondern auch den Emigranten eine Chance zu geben am universitären Wiederaufbau mitzuwirken und dadurch vergangenes Unrecht wieder gut zu machen. Der Aufruf der ostdeutschen Zentralverwaltung für Volksbildung, auf den sich dieser Essay als Quelle bezieht, war eine pragmatische Reaktion auf den eklatanten Personalnotstand der Berliner Universität, die durch Kriegsverluste, Entnazifizierung und Weggang nach Westen etwa vier Fünftel ihres Lehrkörpers verloren hatte.[3] Gleichzeitig war er aber auch ein ideologisches Signal, dass ein echter wissenschaftlicher Neubeginn unbelastete, kritische Wissenschaftler verlangte, die bereit waren an einer humanistisch-sozialistischen Umgestaltung der Hochschulen mitzuarbeiten. Da wegen des konservativen Anstrichs der Mehrheit der Professoren nur wenige Linke die entsprechenden akademischen Qualifikationen aufweisen konnten, bot dieser ostdeutsche Neuanfang vor allem nichthabilitierten Intellektuellen wie Jürgen Kuczynski oder Walter Markov einen Weg zu einer Professur.[4]

In Westdeutschland hatten Emigranten dagegen deutlich geringere Chancen zur Rückkehr, auch wenn dort ein weltanschauliches Bekenntnis nicht so wichtig war. Einerseits wurde die Entnazifizierung weniger streng gehandhabt, sodass nur schwer belastete Hochschullehrer wie Erich Anrich ihre Stelle verloren. Auch blickten die in Deutschland Gebliebenen mit einem gewissen Unwillen auf ihre vertriebenen Kollegen und waren eher bereit, aus den verlorenen Ostgebieten geflohene Forscher aufzunehmen. Andererseits glaubten viele von ihrer Vertreibung traumatisierte Wissenschaftler im Exil kaum, dass die postfaschistische Gesellschaft zu einer wirklichen Läuterung oder Wiedergutmachung bereit sei. Zu tief hatte sie die radikale Vernichtung ihrer Existenz und der Ausschluss aus deutscher Kultur getroffen, um danach einfach zur Tagesordnung übergehen zu können. Trotz der langsam wieder attraktiveren Arbeitsbedingungen kehrten daher erheblich weniger emigrierte Wissenschaftler, wie der konservative jüdische Historiker Hans-Joachim Schoeps, nach Westdeutschland zurück.[5]

Unter den Professoren spielten die Historiker, die sich aufgrund der borussischen Tradition als geistige Hüter der deutschen Nation verstanden, eine Sonderrolle. Da die akademische Überfüllung in den Zufluchtsländern die Umsetzung des Nimbus deutscher Wissenschaft in Stellen erschwerte, stürzte die Zwangsemigration viele von ihnen in materielle Not. Gleichzeitig löste der Ausschluss aus dem eigenen Vaterland auch eine ideelle Krise ihres Rollenverständnisses aus. Um überhaupt in einer neuen Umgebung wie den USA Fuß fassen zu können, mussten sie lernen, mit einer neuen Sprache, einem anderen Stil und einer fremden Kultur umzugehen. Eine Rückkehr ins zerstörte und zerrissene Deutschland hätte dagegen die berufliche Unsicherheit erneuert und die Aufgabe dieser intellektuellen Integrationsleistungen verlangt. Wegen des Fehlens einer Habilitation unter den Jüngeren war eine einflussreiche Fürsprache in der früheren Heimat erforderlich, die nur einige, wie zum Beispiel die Schüler Friedrich Meineckes, aufweisen konnten.[6] Wie reagierten emigrierte Historiker daher auf die Frage einer Remigration?

Die Voraussetzung dafür, eine Rückkehr überhaupt ernsthaft in Betracht zu ziehen, war die Wiederanknüpfung der zerrissenen Fäden in das Herkunftsland. Wegen der chaotischen Lage brachten auch respektable Medien wie die New York Times durchaus widersprüchliche Nachrichten aus Deutschland. Es machte viel Mühe herauszubekommen, wer überhaupt überlebt und wo Zuflucht gefunden hatte. Nun waren es aber die Emigranten, die wegen ihres höheren Lebensstandards CARE-Pakete oder Päckchen mit Tabak oder Kaffee in das besetzte Deutschland schickten. Im Vergleich zu ihrer beängstigenden Flucht hatten sich die Machtverhältnisse völlig ins Gegenteil verkehrt – statt ein armer Vertriebener zu sein, konnte der Geisteshistoriker der Frühen Neuzeit Felix Gilbert nun als uniformierter Vertreter der Besatzungsmacht Eindrücke von der Haltung der Besiegten sammeln, die zwischen nationalem Selbstmitleid und echtem Willen zum Neuanfang schwankten.[7] Eine Entscheidung zur Remigration verlangte deshalb die Klärung eigener, oft gemischter Gefühle, die vom unbändigen Hass auf die deutschen Täter bis zu nostalgischer Erinnerung an die alte Heimat reichten.

Die häufigste Reaktion war die Absage an eine Rückkehr, da teils praktische, teils ideelle Gründe dagegen sprachen. Weil er an der Yale University eine hervorragende Stelle gefunden hatte, führte der nichtjüdische, demokratische Historiker Hajo Holborn seine amerikanischen Kinder, seine Einbürgerung in die USA und seine große Schar von begabten Doktoranden als Argumente an. Obwohl er nur an dem kleinen Frauencollege Sweet Briar in Virginia lehrte, begründete der Kulturhistoriker Gerhard Masur seine Ablehnung der Rothfels-Nachfolge mit Überlegungen darüber, „wo man die stärksten Bindungen fühlt, und welche Aufgaben man als die wichtigsten ansieht“.[8] Der sozialistische Historiker Gustav Mayer, der in England Zuflucht gefunden hatte, wies dagegen auf die NS-Verbrechen hin: „Nun ist der breite Blutstrom da, den ich so wenig noch einmal überschreiten könnte, wie die Bewohner des Hades den Styx, der sie in ihre Welt unrettbar bannte.“[9]

Bei jüngeren, in den USA aufgewachsenen und ausgebildeten Forschern, wie dem Diplomatie- und Militärhistoriker Gerhard Weinberg, kam eine Remigration ohnehin nicht mehr in Frage.

Ein Kompromiss zwischen den neuen Verpflichtungen und alten Bindungen waren häufige Besuche oder längere Gastprofessuren in der Bundesrepublik. Bei Forschern wie dem Kulturhistoriker Peter Gay, der eine starke Aversion entwickelt hatte, erlaubten Reisen nach Europa und schließlich auch nach Deutschland eine Erkundung der dortigen Veränderungen, die zum Abbau von verständlichen Vorurteilen führte. Anderen Kollegen, wie dem Sozialhistoriker Hans Rosenberg, der seine Ablehnung eines Rufs nach Köln als „grundsätzliche[n] Fehler“ und „Verrat der inneren Überzeugung“ im Nachhinein bedauerte, boten Gastprofessuren zum Beispiel an der Freien Universität in Berlin eine Möglichkeit der Einwirkung ohne Aufgabe der neuen Stellung. Durch persönlichen Einsatz wollte er dabei helfen, die „emotionalen Ressentiments, geistige Einsamkeit, moralische Konfusion und intellektuelle Verwirrung“ deutscher Historiker zu überwinden, um ein kritisches Verständnis der eigenen Zeitgeschichte anzuregen.[10] Besonders jüngere Emigranten, wie die Kulturhistoriker Georg Mosse und Fritz Stern, wählten diese Art der Einwirkung von außen.[11]

Ein weiterer Versuch der Vermittlung war der Aufbau einer transatlantischen Doppelexistenz durch institutionelle Verankerung auf beiden Seiten. Mit Zustimmung beider Institutionen praktizierte der Frühneuzeitler Dietrich Gerhard eine „Doppeltätigkeit mit einem regelmäßigen Turnus“ zwischen der Washington University in St. Louis und der Universität Köln. Durch Gründung des Instituts für Amerikanistik wollte er dort eine „Brücke für gegenseitiges deutsch-amerikanisches Verstehen“ bauen, das durch seine eigene Präsenz „eine mehr persönliche Färbung“ erhielt.[12] In der zweiten Generation war es der Historiografiehistoriker Georg G. Iggers, der eine Lehrtätigkeit an der SUNY Buffalo mit einer Anbindung an das Max-Planck-Institut (MPI) für Geschichte in Göttingen verband.[13] Auch ich habe dieses Modell durch meine Direktion des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und meinen Stifterlehrstuhl an der University of North Carolina jahrelang erprobt.[14] Eine Doppelexistenz vertagte eine schwierige Entscheidung in der Hoffnung, auf beiden Seiten wirken zu können.

Im Gegensatz zur häufigen Remigration nach Ostdeutschland blieb jedoch eine völlige Rückkehr nach Westdeutschland die Ausnahme. Die anti-faschistische Rhetorik der SED inspirierte Linksintellektuelle wie Alfred Meusel oder Albert Schreiner in die DDR zurückzugehen, um dort eine neue, marxistische Geschichtswissenschaft aufzubauen.[15] Da sich die frühe Bundesrepublik nicht so deutlich von der Nazi-Vergangenheit distanzierte und weniger Anstrengungen machte, die vertriebenen Kollegen zurückzuholen, remigrierten wesentlich weniger Historiker in den Westen. Der prominenteste von ihnen war Hans Rothfels, der von der Universität Königsberg als Jude vertrieben worden war, obwohl er sich im anti-slawischen Volkstumskampf stark engagiert hatte. Da er sich in den USA an der renommierten University of Chicago einen Lehrstuhl erkämpft hatte, kehrte er erst 1950 nach Tübingen zurück. Trotz seiner nationalistischen Vergangenheit war er maßgeblich an der Gründung des Instituts für Zeitgeschichte in München und der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, also an der Demokratisierung der Geschichtswissenschaft in Westdeutschland beteiligt.[16]

Einige andere Forscher kehrten erst nach Beendung ihrer Berufstätigkeit an ihrem Lebensabend in ihr Herkunftsland zurück. So siedelte Hans Rosenberg aufgrund des vorzeitigen Todes des Sohnes seiner Frau von Berkeley nach Freiburg über, um die deutschen Enkel betreuen zu können. Wegen der freundlichen Aufnahme an der Universität und der schönen Landschaft des Schwarzwaldes fühlte er sich dort durchaus wohl, denn er erfuhr von Gerhard A. Ritter und Hans-Ulrich Wehler eine verspätete Anerkennung als Schutzpatron der in den 1960er-Jahren entstehenden historischen Sozialwissenschaft.[17] Auch der durch seine akribischen Rezensionen gefürchtete Slavist Fritz T. Epstein ging nach seiner Emeritierung wieder in die alte Heimat, da er in den USA lange um Anerkennung ringen musste. In der zweiten Generation war es zum Beispiel der Historiker des Kommunismus Werner T. Angress, der zum Ärger seiner Familie in seine Geburtsstadt Berlin übersiedelte, um dort durch Vorträge das Verständnis der Jugend für die Verfolgung der Juden zu stärken.[18]

Schließlich gab es auch noch Wünsche nach Rückkehr, die zwar selten ausgesprochen, aber aufgrund von Unverständnis oder widriger Umstände unerfüllt blieben. Manche Historiker, wie der Marxist Arthur Rosenberg, starben schon im Exil, auch weil sie mit dessen Belastungen nicht fertig wurden.[19] Andere träumten, wie der Frühneuzeitler Hans Baron, von einer Remigration, „wenn die wissenschaftliche Einsamkeit hier zu drückend wird“ oder weil er fürchtete, dass „die Tradition der Renaissanceforschung“, die er mitbegründet hatte, in Deutschland abzureißen drohte. Obwohl er lange in die Betreuung der Bibliothek verbannt war, konnte Baron schließlich an der University of Chicago lehren und durch wichtige Bücher auch in den USA entsprechende Anerkennung finden.[20] Weitere Forscher, wie Helene Wieruszowski, resignierten trotz schwieriger Lebensumstände in den USA, denn das große Deutschland der Toleranz und Weltoffenheit „ist in dem Deutschland des Dritten Reiches verloren gegangen“.[21] Dieses Land geistiger Kreativität existierte nur noch in der Erinnerung.

Obwohl die Frage einer Rückkehr fast alle Emigranten umtrieb, hing eine Entscheidung zu diesem Wagnis von individuellen Erfahrungen wie strukturellen Bedingungen ab. Zunächst ging es darum, ob die Vertreibung als lebensgefährliche Flucht vor rassistischer Verfolgung oder als relativ normale Übersiedlung empfunden wurde. Dann war der Grad der Integration in ein neues Gastland wichtig, denn eine soziale Marginalisierung stärkte den Wunsch, während beruflicher Erfolg den Drang eher abschwächte. Daneben spielte die Art der Einladung zur Heimkehr eine erhebliche Rolle, denn persönliche Bitten und generöse Wiedergutmachungsentscheide förderten die Bereitschaft. Schließlich war auch die Einschätzung der künftigen Entwicklung in Deutschland entscheidend, denn man wollte nicht in ein antisemitisches, geteiltes Land zurückkehren, das ohnehin keine politische Zukunft zu haben schien. Weil das nationalsozialistische Unrecht nicht einfach ungeschehen gemacht werden konnte, musste jeder Historiker und jede Historikern letztlich selbst entscheiden, wo sie sich zu Hause fühlten und wie sie eine erfüllende Lebensaufgabe sahen.[22]

Ironischerweise hatte die Vertreibung fortschrittlicher Historiker aus dem „Dritten Reich“ daher langfristig einen eher entgegengesetzten Effekt. Nur während der verbrecherischen Hitler-Diktatur konnte die Verdrängung von innovativen, demokratischen und jüdischen Forschern die Vorherrschaft eines konservativen, nationalistischen und völkischen Geschichtsbildes stabilisieren. Trotz enormer individueller Schwierigkeiten trug die Flucht verfolgter Wissenschaftler zur Internationalisierung der Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit bei. Durch ihre Hinterfragung aus der Perspektive einer parlamentarischen Demokratie destabilisierten die Emigranten mit neuen Interpretationen die nationale Meistererzählung der Zwangsläufigkeit einer preußisch-deutschen Entwicklung. Ganz im Gegensatz zur ungebrochenen Kontinuität patriotischer Historiografie in anderen europäischen Ländern stärkte die Vertreibung daher die kritischen Ansätze, die, wie die Studie von Georg Iggers, die deutsche Tradition nationaler Geschichtsschreibung fundamental in Frage stellten.[23]

Statt selbst zurückzukehren, entwickelten die meisten Nichtmarxisten unter den emigrierten Historikern daher ein neues Rollenverständnis als kulturelle Mittler zwischen ihrem Herkunfts- und ihrem Zufluchtsland. Wegen der nur spärlichen Nachrichten aus dem Feindesland während des Zweiten Weltkrieges verfolgten sie mit brennendem Interesse das Schicksal ihrer Familienangehörigen und Freunde. In zahlreichen Vorlesungen, Vorträgen, Artikeln und Büchern kommentierten sie das Geschehen in Deutschland, arbeiteten für den US-amerikanischen Nachrichtendienst Office of Strategic Services (OSS) und mischten sich in die Diskussion um die künftige Behandlung des besiegten Landes ein.[24] Dabei erarbeiteten sie im Dialog mit anglo-amerikanischen Kollegen wie William Langer oder Gordon Craig eine kritische, demokratische Interpretation der deutschen Geschichte, die an linksliberale und sozialistische Vorkriegsansätze zum Beispiel eines Eckhart Kehr anknüpfte. Nach dem Krieg förderten sie den persönlichen und intellektuellen Austausch mit deutschen Studenten und Kollegen und beschleunigten dadurch die Entstehung einer transatlantischen Historikergemeinschaft.[25]

Durch ihr Wirken trugen Emigranten wesentlich zur Professionalisierung der Geschichtswissenschaft und zur Herausbildung eines Spezialfachs deutscher Geschichte in den USA und England bei. In ihren Seminaren gaben sie die Standards der akribischen Quellenkritik und der monografischen Publikation weiter, wodurch Studenten einen neuen Stil stringenter Forschung lernten. Aufgrund ihres oft bewundernswerten Detailwissens und der Kenntnis der Diskussionen auf dem Kontinent konnten sie eine von medialer Kriegspropaganda vergröberte Wahrnehmungsweise hinterfragen. Durch die Ausbildung „einer neuen Generation von Hochschullehrern in der europäischen Geschichte“ wollte Hajo Holborn wenigstens „indirekt die Aufrechterhaltung und den Wiederaufbau deutscher historischer Forschung“ fördern.[26] Daraus entwickelte sich im anglo-amerikanischen Raum eine ungemein lebendige und innovative Beschäftigung mit deutscher Vergangenheit, die über eine landeskundliche Beschäftigung mit anderen europäischen Geschichten hinausgeht, den deutschen Fall als Beispiel für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts behandelt und ein internationales Korrektiv zu internen Sichtweisen bildet.[27]

Teils durch externe Einwirkung, teils durch eigene Rückkehr unterstützten emigrierte Historiker auch in Deutschland die Entwicklung einer kritischen Sicht auf die Vergangenheit. Hans Rosenberg war davon überzeugt, dass der Zusammenbruch des Dritten Reichs eine „völlig einzigartige und nicht wiederholbare Chance“ der Neukonstruktion eines Geschichtsbildes bot. Dabei musste, so der Konsens, die provinzielle Selbstbezogenheit durch einen vergleichenden Blick aufgebrochen, die katastrophalen Folgen autoritärer Politik verdeutlicht und die demokratischen Minderheitstraditionen gestärkt werden. Allen Anzeichen einer Rechtfertigung des Nationalismus und einer Relativierung eigener Schuld musste entschieden begegnet werden.[28] Und jeder kritische Ansatz unter den älteren Kollegen und besonders in der jüngeren Generation musste, wie in der Fischerkontroverse um die deutsche Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges, international unterstützt werden.[29] Im Gegensatz zur eher internen Deutung der Erneuerung von Winfried Schulze war diese informelle Einwirkung der Emigranten wie Remigranten eine entscheidende Hilfe in der Entstehung eines selbstkritischen Geschichtsbildes.[30]



[1] Essay zur Quelle: Aufruf: Gemaßregelte Dozenten sollen sich melden (29. Dezember 1945). Die Druckversion des Essays findet sich in: Isabella Löhr, Matthias Middell, Hannes Siegrist (Hgg.): Kultur und Beruf in Europa, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, S. 279–286, Band 2 der Schriftreihe Europäische Geschichte in Quellen und Essays.

[2] Jarausch, Konrad H., Die Vertreibung jüdischer Professoren und Studenten von der Berliner Universität, 1933–1939, in: vom Bruch, Rüdiger (Hg.), Jahrbuch für Universitätsgeschichte 1 (1998), S. 112–133.

[3] Vgl. Aufruf: Gemaßregelte Dozenten sollen sich melden, o. V., in: Berliner Zeitung, 29.12.1945.

[4] Keßler, Mario, Exilerfahrung in Wissenschaft und Politik. Remigrierte Historiker in der frühen DDR, Köln 2001.

[5] Remy, Steven P., The Heidelberg Myth: The Nazification and Denazification of a German University, Cambridge 2002.

[6] Meinecke, Friedrich, Akademischer Lehrer und emigrierte Schüler. Briefe und Aufzeichnungen 1910–1977, eingeleitet und bearbeitet von Gerhard A. Ritter, München 2006.

[7] Gilbert, Felix, Lehrjahre im alten Europa. Erinnerungen 1905–1945, Berlin 1989, S. 209–230; vgl. Lehmann, Hartmut; Sheehan, James J. (Hgg.), An Interrupted Past. German-Speaking Refugee Historians in the United States After 1933, Washington 1991.

[8] Meinecke, Friedrich, Akademischer Lehrer, S. 247, S. 217.

[9] Ebd., S. 463.

[10] Ebd., S. 366ff., S. 377ff.

[11] Gay, Peter, My German Question. Growing Up in Nazi Berlin, New Haven 1998, S. 185ff; Mosse, George L., Confronting History. A Memoir, Madison 2000; Stern, Fritz, Five Germanys I Have Known, New York 2006.

[12] Meinecke, Friedrich, Akademischer Lehrer, S. 189ff.

[13] Iggers, Georg G.; Iggers, Wilma, Two Lives in Uncertain Times. Facing the Challenges of the 20th Century as Scholars and Citizens, New York 2006, S. 134ff.

[14] Jarausch, Konrad H., Contemporary History as Transatlantic Project: Autobiographical Reflections on the German Problem, in: Historical Social Research, Supplement 24 (2012).

[15] Klein, Fritz, Drinnen und draußen. Ein Historiker in der DDR. Erinnerungen, Frankfurt am Main 2001.

[16] Meinecke, Friedrich, Akademischer Lehrer, S. 156ff.; vgl. Eckel, Jan, Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert, Göttingen 2005.

[17] Meinecke, Friedrich, Akademischer Lehrer, S. 410ff; vgl. Ritter, Gerhard (Hg.), Entstehung und Wandel der modernen Gesellschaft. Festschrift für Hans Rosenberg zum 65. Geburtstag, Berlin 1970.

[18] Angress, Werner T., „…immer etwas abseits“. Jugenderinnerungen eines jüdischen Berliners, 1920–1945, Berlin 2005.

[19] Keßler, Mario, Arthur Rosenberg. Ein Historiker im Zeitalter der Katastrophen (1889–1943), Köln 2003.

[20] Meinecke, Friedrich, Akademischer Lehrer, S. 294f.

[21] Ebd., S. 303f.

[22] Krauss, Marita, Heimkehr in ein fremdes Land. Geschichte der Remigration nach 1945, München 2001, S. 73ff.

[23] Iggers, Georg G., The German Conception of History. The National Tradition of Historical Thought from Herder to the Present, Middletown 1968.

[24] Hönicke-Moore, Michaela, Know Your Enemy. The American Debate About Nazism, 1933–1945, New York 2010; vgl. Bauerkämper, Arndt; Jarausch, Konrad H; Payk, Markus M. (Hgg.), Demokratiewunder? Transatlantische Mittler und die kulturelle Öffnung Westdeutschlands 1945–1970, Göttingen 2005.

[25] Stelzel, Philipp, Rethinking Modern German History: Critical Social History as a Transatlantic Enterprise, 1945–1989, Dissertation, Chapel Hill 2010.

[26] Meinecke, Friedrich, Akademischer Lehrer, S. 246ff.

[27] Krieger, Leonard; Stern, Fritz (Hgg.), The Responsibility of Power. Historical Essays in Honor of Hajo Holborn, London 1968.

[28] Meinecke, Friedrich, Akademischer Lehrer, S. 371, 377ff.

[29] Jarausch, Konrad H., Der nationale Tabubruch. Wissenschaft, Öffentlichkeit und Politik in der Fischer-Kontroverse, in: Sabrow, Martin; Jessen, Ralph; Große Kracht, Klaus (Hgg.), Zeitgeschichte als Streitgeschichte. Große Kontroversen seit 1945, München 2003, S. 20–40.

[30] Vgl. Jarausch, Konrad H., German Social History. American Style, in: Journal of Social History 19 (1985), S. 349–360; Schulze, Winfried, Deutsche Geschichtswissenschaft nach 1945, München 1989.



Literaturhinweise

  • Eckel, Jan, Hans Rothfels. Eine intellektuelle Biographie im 20. Jahrhundert, Göttingen 2005.
  • Kessler, Mario, Exilerfahrung in Wissenschaft und Politik. Remigrierte Historiker in der frühen DDR, Köln 2001.
  • Lehmann, Hartmut; Sheedan, James J. (Hgg.), An Interrupted Past. German-Speaking Refugee Historians in the United States after 1933, Washington 1991.
  • Meinecke, Friedrich, Akademischer Lehrer und emigrierte Schüler. Briefe und Aufzeichnungen 1910–1977, eingeleitet und bearbeitet von Gerhard A. Ritter, München 2006.
  • Stelzel, Philipp, Rethinking Modern German History: Critical Social History as a Transatlantic Enterprise, 1945–1989, Dissertation, Chapel Hill 2010.

Für das Themenportal verfasst von

Konrad H. Jarausch

( )
Zitation
Konrad H.Jarausch , "Wo man die stärkste Bindung fühlt": Zur Remigration von Historikern nach 1945, in: , , </essay/id/artikel-3747>.
Navigation