Tradition und Transformation. Das Leipziger Verlagswesen nach Ende der Gutenberg-Galaxie

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehen sich Verleger, Drucker, Buchhändler und Verlagsagenten vor neue Herausforderungen gestellt. Innovative Formen der Herstellung und Verbreitung von Wissen und Unterhaltung gewinnen an Bedeutung und eine gesamte Branche rätselt. Es verändert sich etwas, da ist man sich sicher. Doch das ‚wie‘ und ‚wohin‘ bleibt verborgen hinter wolkigen Werbesprüchen. „So, wie sich das Medium Buch im digitalen Zeitalter weiterentwickelt hat, ist auch aus der traditionellen Buchstadt Leipzig heute ein Zentrum für Kreative aller Metiers geworden“, wirbt eine Imagebroschüre der Stadt aus dem Jahr 2011. Aber was bedeutet diese „Weiterentwicklung“ für den traditionellen Verlagsstandort Leipzig und seine professionelle Zukunft? [...]

Tradition und Transformation. Das Leipziger Verlagswesen nach Ende der Gutenberg-Galaxie[1]

Von Lena Heinze

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sehen sich Verleger, Drucker, Buchhändler und Verlagsagenten vor neue Herausforderungen gestellt. Innovative Formen der Herstellung und Verbreitung von Wissen und Unterhaltung gewinnen an Bedeutung und eine gesamte Branche rätselt. Es verändert sich etwas, da ist man sich sicher. Doch das ‚wie‘ und ‚wohin‘ bleibt verborgen hinter wolkigen Werbesprüchen. „So, wie sich das Medium Buch im digitalen Zeitalter weiterentwickelt hat, ist auch aus der traditionellen Buchstadt Leipzig heute ein Zentrum für Kreative aller Metiers geworden“[2], wirbt eine Imagebroschüre der Stadt aus dem Jahr 2011. Aber was bedeutet diese „Weiterentwicklung“ für den traditionellen Verlagsstandort Leipzig und seine professionelle Zukunft?

Burkhard Jungs Ausführungen zur Geschichte und Gegenwart des Buches in Leipzig sind Teil einer Festschrift zum 125-jährigen Jubiläum des Deutschen Buch- und Schriftmuseums in Leipzig im Jahr 2009. Unter dem Titel Zeichen – Bücher – Wissensnetze würdigen in diesem Sammelband Personen aus Kulturpolitik, Kulturpraxis, Verlagswesen und Buchwissenschaft die 1884 als Museum für das Buchgewerbe gegründete Institution und erörtern das Wesen des Buches, die Zukunft des Verlags- und Druckereigewerbes sowie Möglichkeiten und Nutzen ihrer musealen Präsentation. Den Fokus der Reflektionen bildet aus gegebenem Anlass das für das gesamte Buchwesen errichtete Leipziger Museum. Das heutige Buch- und Schriftmuseum ist nicht nur das älteste Fachmuseum seiner Art in der Welt, sondern nach Umfang und Qualität der Bestände auch eines der bedeutendsten. Seit 1990 gehört es zur Bundesanstalt Die Deutsche Bibliothek und dient als Dokumentationsstätte für die Buchkultur sowie als Arbeitsstätte für die Papiergeschichtsforschung.[3] In der jüngeren Vergangenheit stellte die Eröffnung des vierten Erweiterungsbaus im Jahr 2011 einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung des Museums dar. Ziel des Neubaus ist es, ein „Zentrum für die deutschsprachige Buchkultur“ zu schaffen und mit attraktiven Ausstellungsräumen und musealer Infrastruktur, mit neuem Lesesaal und erweiterten Magazinen an die Öffentlichkeit zu treten.[4]

Vor dem Hintergrund der Neueröffnung des vierten Erweiterungsbaus und der Zelebrierung des Buch- und Schriftmuseums als langjährige Institution sind die Aussagen Burkhard Jungs, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, zu sehen, der die Perspektive des Buch- und Schriftmuseums ausdrücklich positiv bewertet. „[…] [W]ir in Leipzig schätzen uns glücklich, ein solches kulturhistorisches Kleinod in unserer Stadt zu wissen. Gerade heute, gerade in einer für das Buch spannungsgeladenen Gegenwart“[5], so Jung. Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum besäße eine gute Zukunft und werde seine in Deutschland einmalige Stellung als buchkulturelles Zentrum, insbesondere mit dem Abschluss des Erweiterungsbaus der Deutschen Nationalbibliothek, ausbauen können, lautet seine Prognose.

Auffällig ist, wie zentral diese „spannungsgeladene Gegenwart“ in seinem und anderen Beiträgen des Sammelbandes thematisiert wird. So betont der Buch- und Bibliothekswissenschaftler Bernhard Fabian in der Festschrift: „Dass das Buch als kulturelles Artefakt in seiner Eigenart und Wirkung etwas gänzlich Exzeptionelles darstellt, muss uns wieder (oder auch neu) vor Augen geführt werden. […] Es geht darum, dass wir uns der zeitgemäßen Bedeutung des Buches vergewissern und dass wir uns der prägenden Kraft bewusst werden, die es über einen langen historischen Zeitraum gehabt hat, noch immer hat und wohl auch für die Zukunft behalten wird.“[6]

Auch Klaus-Dieter Lehmann, langjähriger Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hebt in demselben Band hervor: „Gerade ein Buch- und Schriftmuseum bedarf in einer Zeit, in der elektronische Medien zunehmend in Konkurrenz zum Buch treten, besonderer Aufmerksamkeit und fördernder Zuwendung.“[7]

„Das Buch droht aus dem Zentrum der Kulturvermittlung zu verschwinden, wie es gleichzeitig zu einer Ware unter anderen wird“, beschreibt Jung die „doppelte Gefahr“. Ob nur gefühlt oder real, diese Frage müsste an anderer Stelle geklärt werden, das Buch scheint bedroht. „Fördernde Zuwendung“ und Vergewisserung seiner Bedeutung sind seine Rettung. Doch nicht nur das Medium Buch steht gefühlt auf der Kippe: die „Welthauptstadt des Buches“ Leipzig, der „paradiesische Ort der Monografien und Lexika […] der Verlage und des Buchhandelswesens“ und seine ganze Verlagsbranche mit ihm. „Als im Jahr 1884 das Deutsche Buchgewerbemuseum gegründet wurde, […] konnte man mit vollem Recht behaupten: Leipzig ist Sitz der bedeutendsten Verlage, Studieneinrichtungen und das Zentrum der Druckkunst in Deutschland. Dies heute auch nur als Zielvorstellung zu erwägen, wäre vermessen“, resümiert Jung. Nicht nur die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen hätten sich dramatisch geändert, auch die Welt des gedruckten Wortes sei eine andere geworden. „Das Buch ist nicht mehr das zentrale Medium, Wirklichkeit zu verarbeiten. Unser Fenster zur Welt ist viereckig geworden und funktioniert auf Knopfdruck.“ Das Buch habe in Leipzig auch heute noch einen öffentlichen Stellenwert wie in kaum einer anderen Stadt in Deutschland, so die Aussage des Oberbürgermeisters. Relativierend fügt er jedoch an, dass Leipzig nach der Wende 1989/1990 habe beginnen müssen, etwas Neues aus den Traditionen der Buchstadt zu entwickeln.

In der Tat prägen heute nicht mehr die bekannten Verlagshäuser das Profil der „Buchstadt“.[8] Nach einer Phase von Abschwüngen infolge des Ersten Weltkrieges und verschiedener Wirtschaftskrisen der Weimarer Republik hinterließen insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg tiefe Spuren im Leipziger Buchhandel und Buchgewerbe. Eingriffe in die buchhändlerische Logistik, eine zunehmende internationale Isolierung des deutschen Buchhandels, die Kontrolle des Verlagswesens, Kontingentierungen des Papiers, die Einschränkung schriftstellerischer Tätigkeit sowie „Arisierung“ und Verfolgung erschwerten die Arbeit von Buchhändlern und Zwischenbuchhändlern, Buchdruckern, Verlegern und Autoren oder machten sie gar unmöglich. Die Bombardements des Luftkrieges sorgten schließlich für die fast vollständige Zerstörung der über Jahrhunderte gewachsenen Leipziger Infrastruktur.[9] In der Nacht vom 3. zum 4. Dezember 1943 fielen fast 80 Prozent des Buchhändlerviertels in der Ostvorstadt einem Bombenangriff zum Opfer. Die Verlage Goldmann, Brockhaus, Hendel, Hirzel, die Betriebe von B. G. Teubner, Brandstetter, Breitkopf & Härtel, das Bibliographische Institut und viele andere Verlagsgebäude und Druckereien wurden in dieser Nacht vollständig vernichtet, mit ihnen die darin lagernden Bücher, Druckbögen, Papierbestände sowie unzählige Maschinen und Transportfahrzeuge. Reimar Riese schätzt die Zahl der damals insgesamt im Leipziger Graphischen Viertel verbrannten Bücher auf 50 Millionen.[10]

Nach Ende des Krieges im Frühjahr 1945 wurde Leipzig zum Interessenobjekt der Siegermächte. Während der zehnwöchigen Besatzungszeit der Amerikaner blieben Herstellung und Vertrieb fast ausnahmslos verboten. Ziel war es nicht, der sowjetischen Armee ein funktionierendes Buchgewerbe zu hinterlassen, sondern im Gegenteil, wichtige Verlags- und Organisationsstrukturen in die künftige eigene Besatzungszone zu überführen. Ausgewählte Verlegerfamilien und leitende Angestellte wurden zur Übersiedlung aufgefordert. Ihr Wegzug und die darauf folgenden Umzüge zahlreicher Berufskollegen bewirkten einen regelrechten Fachkräfte-Entzug für das Leipziger Verlagswesen.[11] Unter sowjetischer Besatzung wurde ein Großteil der Druckereien und Verlage später in Volkseigentum überführt. Die Verlage behielten zumeist ihre bewährten Firmennamen, während in den westlichen Besatzungszonen Verlage mit gleichem Namen fortgeführt wurden. Parallel fand in der Druckindustrie eine weitgehende Konzentration in Großbetrieben statt. In den Jahren 1989/1990 stellten schließlich die Auflösung der politischen, administrativen und wirtschaftlichen Strukturen der DDR die Buchbranche in Ostdeutschland vor eine völlig neue Situation. Die vertrauten Strukturen des bisherigen Buchmarktes verschwanden regelrecht über Nacht. Fach- und Erfahrungswissen der Buchhändler und Verleger wurde vielfach unbrauchbar. ‚Neue‘ Medien, wie der nun frei empfangbare private Rundfunk und unzählige Publikumszeitschriften, stellten eine besondere Konkurrenz für Bücher dar. Verschärfend wirkte sich die Hinwendung ostdeutscher Leser zu den bisher nicht erhältlichen Titeln westdeutscher Buchverlage aus, die für Erschütterung in den bislang erfolgsverwöhnten Verlagshäusern sorgte. Die Strukturkrise der Wirtschaft, die sich nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten im Oktober 1990 zuspitzte, und die Privatisierung volkseigener Betriebe durch die Treuhandanstalt gemäß Einigungsvertrag taten ihr Übriges. Zahlreiche Betriebe wurden abgewickelt, erwiesen sich als nicht konkurrenzfähig oder hatten mit ungeklärten Eigentumsfragen und Restitutionsansprüchen zu kämpfen.[12] Der Leipziger Bibliophilen-Abend wurde 1991 wiederbelebt, 1995 entstand das Museum für Druckkunst und im Jahr 1996 wurde das Haus des Buches eröffnet, jedoch kaum einer der ehemaligen DDR-Verlage hat die Wende überstanden. Im Jahr 1995 konstatierte die Leipziger Volkszeitung angesichts von Platz 24 in der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegebenen Rangliste der deutschen Verlagsstandorte, dass von der Buchstadt Leipzig keine Rede mehr sein könne.[13]

Knapp zehn Jahre nach dieser Diagnose wird durchaus noch von der Buchstadt Leipzig geredet. Aber wie es scheint nur in der Vergangenheitsform. In der Konzeption des von der Sächsischen Akademie der Wissenschaft geförderten Forschungsprojektes Leipziger Verlagsarchive – Reclam als Erinnerungsspeicher und Labor aus dem Jahr 2009 heißt es zur derzeitigen Situation: „Seit dem Ende der DDR und dem Vollzug der deutschen Einheit im Jahr 1990 war der Verlagsstandort Leipzig tiefgreifenden Transformations- und Schrumpfungsprozessen unterworfen. Leipzig als die einstige ‚Welthauptstadt des Buches‘ des 19. Jahrhunderts und als das Buchhandelszentrum der DDR findet sich gegenwärtig in Deutschland auf Platz 16 der Verlagsstädte wieder. Die Abwanderung und Schließung der Traditionsfirmen Insel, Reclam und Gustav Kiepenheuer, Brockhaus und der großen Musikverlage lässt die Verluste schmerzhaft deutlich werden. Sie sind Spätfolgen einer infrastrukturellen und kulturhistorischen Krise, die der historischen Aufarbeitung bedarf.“[14]

Auch in der Kulturpolitik der Stadt Leipzig scheint der Verlagsstandort Leipzig der Vergangenheit anzugehören. Im Jahr 2008 wurde ein neuer Kulturentwicklungsplan verabschiedet, der die kulturpolitischen Leitlinien für die kommenden Jahre festschreibt. Mit diesem Plan wurden vier Schwerpunkte der Kulturentwicklung beschlossen: „1. Markenzeichen: kulturelle Vielfalt; 2. Vision: Kunst und Kultur in einer jungen Stadt; 3. Verpflichtende Tradition: Musikstadt; 4. Potential: Kreativwirtschaft“.[15]

Auf den ersten Blick wird ersichtlich, dass das Verlagswesen in den oben genannten Schwerpunkten nicht erwähnt wird, wohingegen die Ausrichtung und Entwicklung der Stadt als Musikstadt mit internationaler Ausstrahlung deutlich hervorgehoben wird. Mit dieser Schwerpunktsetzung in der Kulturentwicklung ist die Prioritätensetzung des langjährigen Kulturbürgermeisters Georg Girardet aus dem Jahr 1996 überholt: „[M]ein kulturpolitisches Leitbild […] fußt auf drei Prioritäten: Leipzig als Musikstadt, als Hort der Literatur- und Buchpflege im Schnittpunkt neuer Medien – und […] als Museumsstandort.“[16]

Zu dem Literatur- und Buchmarkt heißt es im Kulturentwicklungsplan aus dem Jahr 2008 hingegen sehr deutlich: „Im Literatur-, Buch- und Pressemarkt hat Leipzig eine große Vergangenheit als Verlagsstadt. Realistisch werden hier zur Zeit keine Chancen gesehen, hieran wieder anzuknüpfen.“[17]

Benannt werden zwar die Leipziger Buchmesse, der Buchpreis zur Europäischen Verständigung, das Lesefestival Leipzig liest und das Haus des Buches, es werden jedoch keine weiteren Perspektiven oder Zielsetzungen formuliert.

Die Geschichte der Stadt könne parallel zur Geschichte des Buches erzählt werden, so Jung zu Beginn seines Aufsatzes. Eine parallele Geschichte – also auch eine parallele Musealisierung? „Die Druckindustrie, das moderne Verlagswesen, die Buchkunst, der Musikaliendruck und -handel, das Antiquariatswesen, der Zwischenbuchhandel, die Buchhandelsorganisationen, das Zeitschriftenwesen, die Nationalbibliografie, die Enzyklopädien, die buchhandelsgeschichtliche Forschung besitzen für den deutschen Sprachraum, aber auch weit darüber hinaus, wenn nicht ihren einzigen Ursprung, so doch entscheidende Wurzeln in unserer Stadt“, schwärmt Jung anlässlich des Jubiläums des Buchmuseums, dessen Zelebrierung nun in einem anderen Licht erscheint. Leipzigs Vergangenheit als ‚Hauptstadt des Buches‘ und als Verlagsstandort internationaler Größe wird im Museum in das nächste Jahrhundert überführt, bewahrt und über Bücher und Schriftstücke ganz physisch zugänglich gemacht. Das Verlagswesen, das einen integralen Teil des städtischen Selbstverständnisses bildet, wird versucht über Objekte, die als Nachweise einer bestimmten Wirklichkeit für wichtig erachtet werden, möglichst unbegrenzt zu erhalten[18]; es wird musealisiert. Dies soll nicht andeuten, dass das Bestreben, Dinge für die Nachwelt zu konservieren, denen man eine besondere geschichtliche oder kulturelle Bedeutung zumisst, für Leipzig spezifisch ist. Man könnte eine kleine Europareise von Standort zu Standort buch- und schriftbezogener Museen machen. So reicht die Spanne vom Muzeum Ksiazki Artystycznej in Lodz (Polen), dem Muzeum knihy in Ždár nad Sázavou (Tschechien), der Basler Papiermühle, Schweizerisches Museum für Papier, Schrift und Druck in Basel (Schweiz), über das Museo del libro in Burgos (Spanien), dem Musée du livre et de la typographie in Grignan (Frankreich), dem Boekmuseum/Musée du Livre in Brüssel (Belgien), dem Huis van het boek in Den Haag (Niederlande) bis zum National Print Museum in Dublin (Irland), dem John Jarrold Printing Museum in Whitefriars Norwich (Großbritannien) und dem Museum of Writing in London (Großbritannien) wieder zurück nach Deutschland zum Gutenberg Museum in Mainz.

Museen leisten einen entscheidenden Beitrag zur Bildung einer eigenen Identität, indem sie die Geschichte und Entwicklung einer Gesellschaft in ihrer gesamten Breite nachzeichnen.[19] Sie erlauben „historische Prozesse und somit Wurzeln [kursiv Anm. d. Verf.] – vor Ort – nachzuvollziehen und unterbreiten Identitätsangebote“[20], so Klaus Winterfeld, Mitarbeiter der sächsischen Kulturverwaltung und mitwirkend tätig an den Kulturentwicklungsplänen der Städte Dresden, Chemnitz und Görlitz. Identität, Identitätsverlust und Musealisierung gehen ein Wechselspiel ein, das ist auch den Autoren der oben genannten Festschrift nicht verborgen geblieben. So spitzt Fabian in seinem Aufsatz mit dem treffenden Titel Warum wir Buchmuseen brauchen zu: „Hat das Buch ausgedient – wenn nicht schon jetzt, dann doch in der voraussehbaren Zukunft? Entstehen Buchmuseen deswegen, weil wir, wie bei vielen anderen Dingen, glauben, die Überbleibsel der Vergangenheit für eine mitleidige (oder auch nostalgische) Betrachtung konservieren zu sollen in der Annahme, damit ‚die Geschichte‘ zu bewahren? […] Sind Buchmuseen retrospektive Institutionen – memory institutions [kursiv im Original] im kulturbürokratischen Jargon – die das Gedächtnis an etwas bewahren wollen oder sollen, was nicht mehr zeitgemäß ist?“[21]

Insbesondere im Fall Leipzigs scheint die Bewahrung von etwas Verlorengegangenem eine zentrale Rolle zu spielen. Winterfeld erläutert mit Blick auf den jüngsten Museumsboom in Ostdeutschland, dass in Regionen, die besonders schwer von Strukturbrüchen betroffen waren, das Anliegen der Selbstvergewisserung besonders intensiv verfolgt werde.[22] Die Zäsuren der Jahre 1945 und 1989 hatten in Leipzig Auswirkungen, die einem Strukturbruch nahekommen. Die Stadt, deren Topografie und Selbstverständnis von der einzigartigen Konzentration des Buch- und Verlagswesens geprägt wurde, verlor wesentliche Teile der buchherstellenden und -vertreibenden Betriebe, zahlreiche Arbeitsplätze in allen beteiligten Berufsgruppen und damit auch Teile ihres Selbstbildes.

„Für viele Leipziger war und ist die Beziehung zum Buch eine sehr direkte, eine persönliche und sogar existentielle, fand doch in den Zeiten der größten Ausdehnung des Buchwesens in dieser Stadt einer von zehn Erwerbstätigen in Verlagen und Buchhandelsfirmen, in Druckereien und Buchbindereien sowie in einer großen Anzahl weiterer, zum Teil hochspezialisierter Unternehmen der Branche und als Zulieferer Lohn und Brot“[23], formuliert es Poethe, Buchhistoriker und ehemaliger Leiter des Buch- und Schriftmuseums, im Jahr 1996, lange nach der Hochphase des Verlagswesens in Leipzig.

Mit der Zerstörung und Abwanderung verschwanden nicht nur Betriebe aus dem Stadtbild, die Relevanz zahlreicher Berufsgruppen schmolz zusammen. Musealisierung ist nur eine Strategie, sie als Bestandteil des städtischen Selbstverständnisses zu erhalten. Die Transformation der verlegerischen Tradition in neue kulturpolitische Schwerpunkte ist eine andere. An die Stelle der traditionellen Verlagsbranche treten nun neue Akteure, die die Sorge um die Kultur zum Beruf erklärt haben. Unter dem Namen Potential: Kreativwirtschaft stehen sie heute wieder auf der Agenda. 4.315 Unternehmen, 44.500 Mitarbeiter und circa. 3,5 Milliarden Euro Gesamtumsatz umfasst das neue Cluster Medien- und Kreativwirtschaft, das, gefördert vom European Regional Development Fund der Europäischen Union, von der Stadt untersucht und als Leipziger Modell mit bunten Flyern und auf einer eigenen Webseite präsentiert wird.[24] Wie Jung es sagt: Leipzig muss sich neu erfinden. Die Lösungsvorschläge hierfür sind zahlreich: Leipzig als Musikstadt, Leipzig als Medienstadt des 21. Jahrhunderts, die Leipziger Buchmesse als weltgrößtes Leseforum. Und wo die Welt nicht mehr erreicht werden kann, konzentriert man sich auf Europa. So wird aus Leipzig liest das größte europäische Lesefest, Leipzigs Messe dient als Brücke nach Osteuropa und Schriftsteller von europäischem Rang werden mit Hilfe eines Buchpreises in die Stadt bewegt. Das Buch- und Schriftmuseum indes erzählt „ein neues Kapitel jener unendlichen Geschichte der Wörter […], deren Ende nicht abzusehen ist“.

Leipzigs unendliches Ende als Buchstadt tritt in den Hintergrund und der Übergang in eine „veränderte Welt am Anfang eines neuen Jahrhunderts“ scheint gelungen. Anfang 2010 nahm die New York Times Leipzig als einzige deutsche Stadt in ihr Ranking der weltweit spannendsten Reiseziele The 31 Places to Go in 2010 auf. Leipzig erreichte in dieser Rangliste Platz zehn und befindet sich damit noch vor Metropolen wie Los Angeles (11), Shanghai (12) oder Mumbai (13).[25]



[1] Essay zur Quelle: Burkhard Jung: Geschichte und Gegenwart des Buches in Leipzig (2009). Die Druckversion des Essays findet sich in: Isabella Löhr, Matthias Middell, Hannes Siegrist (Hgg.): Kultur und Beruf in Europa, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2012, S. 297–307, Band 2 der Schriftreihe Europäische Geschichte in Quellen und Essays.

[2] Stadt Leipzig, Amt für Wirtschaftsförderung (Hg.), Flyer zur Medien- und Kreativwirtschaft in Leipzig, Leipzig 2010.

[3] Vgl. Lehmann, Klaus-Dieter, Tradition als lebendige Verpflichtung, in: Jacobs, Stephanie (Hg.), Zeichen – Bücher – Wissensnetze. 125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek, Göttingen 2009, S. 206.

[4] Vgl. Deutsche Nationalbibliothek (Hg.), Das Deutsche Buch- und Schriftmuseum. Hauseigene Broschüre, Leipzig, Januar 2009.

[5] Jung, Burkhard, Geschichte und Gegenwart des Buches in Leipzig, in: Jacobs, Zeichen – Bücher – Wissensnetze, S. 243–248.

[6] Fabian, Bernhard, Warum wir Buchmuseen brauchen, in: Jacobs, Zeichen – Bücher – Wissensnetze, S. 211.

[7] Lehmann, Tradition als lebendige Verpflichtung, S. 207.

[8] Zum Begriff der Buchstadt, seiner Entstehung und Verwendung vgl. Keiderling, Thomas, Aufstieg und Niedergang der Buchstadt Leipzig, Beucha 2012.

[9] Ebd.

[10] Vgl. Riese, Reimar, Die Zerstörung des Buchhändler- und Buchgewerbeviertels im Zweiten Weltkrieg, in: Herzog, Andreas (Hg.), Das Literarische Leipzig. Kulturhistorisches Mosaik einer Buchstadt, Leipzig 1995, S. 297.

[11] Vgl. Knopf, Sabine; Titel, Volker, Der Leipziger Gutenbergweg. Geschichte und Topographie einer Buchstadt, Beucha 2001, S. 40; Keiderling, Aufstieg und Niedergang, S. 144ff.

[12] Vgl. Rumland, Marie-Kristin, Leipziger Verlage nach der Wende, in: Herzog, Das literarische Leipzig, S. 344; Keiderling, Aufstieg und Niedergang, S. 174.

[13] Vgl. Leipziger Volkszeitung vom 04.08.1995, zitiert nach: Knopf; Titel, Der Leipziger Gutenbergweg, S. 45.

[14] Universität Leipzig, Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft (Hg.), Konzeption zum Forschungsprojekt Leipziger Verlagsarchive – Reclam und Insel als Erinnerungsspeicher und Labor, Leipzig 2009 (unveröffentlicht).

[15] Vgl. Stadt Leipzig, Kulturentwicklungsplan der Stadt Leipzig für die Jahre 2008–2015, URL: < http://www.yumpu.com/de/document/view/5140981/kulturentwicklungsplan-der-stadt-leipzig-fur-die-jahre-2008-2015> (01.11.2013).

[16] Girardet, Georg, Potential- und Konfliktreich: Die Leipziger Museumslandschaft, in: Deutscher Museumsbund (Hg.), Museumskunde 61 (1996), S. 111f.

[17] Vgl. Stadt Leipzig, Kulturentwicklungsplan 2008–2015, S. 20.

[18] Vgl. Friedrich Waidachers Definition von Musealität in: Heilig, Nadine, Authentizität und Musealität historischer Bauwerke, in: unter hamburg, URL: <http://www.unter-hamburg.de/Authentizitaet_und_Museal.419.0.html> (01.11.2013).

[19] Vgl. Winterfeld, Klaus; Voigt, Karen, Optimale Rechts- und Betriebsformen für Kultureinrichtungen. Eine sozialwissenschaftliche Studie unter besonderer Berücksichtigung der Leipziger Museen, Leipzig 2006.

[20] Winterfeld; Voigt, Optimale Rechts- und Betriebsformen, S. 20. Die identische Wortwahl Jungs zum Verlagswesen Leipzigs und Winterfelds zur Identitätsstiftung durch Musealisierung offenbart Parallelen.

[21] Fabian, Warum wir Buchmuseen brauchen, S. 209.

[22] Vgl. Winterfeld, Klaus, Erlebt die Ostkultur eine „Renaissance“? Vortrag anlässlich des Forums Engagement für Kultur – Perspektiven in Ostdeutschland der Kulturstiftung des Bundes am 29. und 30.06.2007 in Plauen, S. 9, in: Kulturstiftung des Bundes, URL: <http://www.kulturstiftung-des-bundes.de/cms/media_archive/1186056696896.pdf> (01.11.2013).

[23] Poethe, Lothar, „Buchstadt Leipzig“ oder Merkur und die Bücher. Die neue ständige Ausstellung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums in Leipzig, in: Dialog mit Bibliotheken 8 (1996), S. 14.

[24] Vgl. Medien- und Kreativstandort Leipzig. Eine Studie zur Medien- und Kreativwirtschaft 2010. Präsentation zur Studie. Erstellt im Auftrag des Amtes für Wirtschaftsförderung der Stadt Leipzig und der Sächsischen Staatskanzlei Dresden sowie der DREFA Media Holding GmbH, in: Stadt Leipzig, URL: <http://www.yumpu.com/de/document/view/11210301/medien-und-kreativstandort-leipzig-stadt-leipzig> (01.11.2013).

[25] Vgl. Pressetext.de: „New York Times“ wählt Leipzig als Top-Reiseziel. „31 Places to Go in 2010“ – Musik und Kunst stützen Leipzig-Empfehlung, Pressemeldung vom 15.01.2010, URL: <http://www.pressetext.com/news/20100115011> (01.11.2013).



Literaturhinweise

  • Gäbler, Mario, Was von der Buchstadt übrig blieb. Die Entwicklung der Leipziger Verlage nach 1989, Leipzig 2010.
  • Herzog, Andreas (Hg.), Das Literarische Leipzig. Kulturhistorisches Mosaik einer Buchstadt, Leipzig 1995.
  • Jacobs, Stephanie (Hg.), Zeichen – Bücher – Wissensnetze. 125 Jahre Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Nationalbibliothek, Leipzig 2009.
  • Keiderling, Thomas, Aufstieg und Niedergang der Buchstadt Leipzig, Markkleeberg 2012.
  • Winterfeld, Klaus; Voigt, Karen, Optimale Rechts- und Betriebsformen für Kultureinrichtungen. Eine sozialwissenschaftliche Studie unter besonderer Berücksichtigung der Leipziger Museen, Leipzig 2006.

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