Der transatlantische Paradigmenwechsel in der Stadtplanung. Zur westeuropäischen Rezeption von Jane Jacobs’ The Death and Life of Great American Cities in den 1960er- und 1970er-Jahren

Zwischen den 1960er- und den 1980er-Jahren wandelten sich die Prämissen der westeuropäischen Stadtplanung grundlegend. Galten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Flächensanierung von Altbauquartieren, der Bau von Groß-siedlungen und eine strikte Funktionstrennung als geeignete Maßnahmen, um die Lebensqualität zu verbessern, setzte sich ab den 1960er-Jahren das Leitbild einer erhaltenden Erneuerung und der Durchmischung durch [...]

Der transatlantische Paradigmenwechsel in der Stadtplanung. Zur westeuropäischen Rezeption von Jane Jacobs’ The Death and Life of Great American Cities in den 1960er- und 1970er-Jahren[1]

Von Sebastian Haumann

Zwischen den 1960er- und den 1980er-Jahren wandelten sich die Prämissen der westeuropäischen Stadtplanung grundlegend. Galten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg die Flächensanierung von Altbauquartieren, der Bau von Großsiedlungen und eine strikte Funktionstrennung als geeignete Maßnahmen, um die Lebensqualität zu verbessern, setzte sich ab den 1960er-Jahren das Leitbild einer erhaltenden Erneuerung und der Durchmischung durch. Dieser Wandel ist in der historischen Forschung allgemein als Paradigmenwechsel beschrieben worden, der die gesellschaftlichen Vorstellungen über funktionsfähige und lebenswerte Städte erfasste, sich aber auch ganz konkret in den Instrumenten der Stadtentwicklung niederschlug.[2] Die allmähliche Verschiebung der Planungsprämissen seit den 1960er-Jahren verlief in den einzelnen westeuropäischen Gesellschaften und in einzelnen Städten sehr unterschiedlich. Auffällig ist letztlich aber, dass planerische Annahmen und städtebauliche Maßnahmen, die um 1960 als selbstverständlich galten und umgesetzt wurden, um 1990 kaum irgendwo mehr akzeptabel waren und, zumindest deklaratorisch, als ausgeschlossen galten.

Fragt man Zeitzeuginnen und Zeitzeugen nach dem einflussreichsten Impuls für den Wandel der Stadtplanung, wird fast einhellig das im Jahr 1961 erschienene Buch The Death and Life of Great American Cities von Jane Jacobs genannt.[3] Jacobs’ Streitschrift war zwar in erster Linie eine Abrechnung mit der Stadtentwicklungspolitik des New Yorker Chefplaners Robert Moses und rekurrierte deshalb auf Beispiele aus der US-amerikanischen Metropole. Aber die Beobachtungen und Befunde erschienen auch in Westeuropa in höchstem Grad anschlussfähig. Jacobs griff nicht nur Flächensanierung, Großsiedlungsprojekte und Funktionstrennung mit überzeugenden und scheinbar allgemeingültigen Argumenten an. Sie entwarf auch eine alternative Vorstellung von der Stadt als sozialem Raum, der durch die alltägliche Begegnung und das Nebeneinander unterschiedlichster Gruppen und Aktivitäten gekennzeichnet war. Jacobs’ Thesen wurden in den folgenden Jahrzehnten nicht nur von Aktivisten und Bürgerinitiativen in westeuropäischen Städten aufgegriffen, sondern zunehmend auch von Planerinnen und Planern in kommunalen und staatlichen Diensten – sie wurden Grundlage eines breiten gesellschaftlichen Konsens.

Aber wieso entfaltete dieses Buch, das sich explizit an der Situation in New York abarbeitete, eine solch breite Wirkung in Westeuropa? Wieso glaubten Leserinnen und Leser in Köln, Rotterdam oder Madrid, dass Jacobs’ Argumente für die Planung in ihren Städten relevant waren? Jacobs selber beanspruchte Allgemeingültigkeit für ihre Befunde. Für die Verbreitung wichtiger war aber, wie die Argumente, die Jacobs präsentierte, auf westeuropäische Städte übertragen und dort rekontextualisiert wurden. Das Buch The Death and Life of Great American Cities avancierte zu einer zentralen Referenz für den Wandel der westeuropäischen Stadtplanung zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren, weil es als gewichtige Argumentationshilfe in die jeweiligen lokalen Kontroversen und Veränderungsprozesse Eingang fand.

Jacobs’ Argumentation bezieht sich explizit und fast ausschließlich auf Beobachtungen, die sie im New York der späten 1950er-Jahre machte. Auf den ersten Blick scheint es deswegen erstaunlich, dass ihre Thesen als relativ unproblematisch auf Westeuropa übertragbar galten. Tatsächlich wurde im Zusammenhang mit Jacobs’ Buch kaum nach systematischen Differenzen zwischen der „amerikanischen“ und der „europäischen“ Stadt gefragt.[4] Demgegenüber erschienen die Ähnlichkeiten naheliegend. Die Flächensanierungen in New York, die Jacobs ausführlich beschrieb, glichen in vielerlei Hinsicht dem, was in westeuropäischen Städten vorgesehen war. Ob im West-Berliner Wedding, in Toulouse oder Rotterdam,[5] der Abriss und Neubau ganzer Stadtteile dominierte die Planungen für die westeuropäische Nachkriegsstadt spätestens nachdem die Beseitigung der Kriegsschäden und der Wiederaufbau als beendet galten.

In New York war eine Vielzahl vergleichbarer Sanierungsprojekte bereits seit den 1940er-Jahren durchgeführt und abgeschlossen worden. Die kommunalen Behörden unter der Leitung von Robert Moses hatten unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg damit begonnen, große Teile der Bebauung aus dem 19. Jahrhundert als „slums“ zu deklarieren, Grund und Boden aufzukaufen bzw. zu enteignen, vollständig abzureißen und durch groß dimensionierte moderne Wohnanlagen, so genannte „superblocks“, und entsprechende Infrastruktur zu ersetzen.[6] Die Flächensanierung, die bis 1960 etwa 130 ha der Stadtfläche und die Wohnungen von rund 200.000 New Yorkern erfasst hatte,[7] erfolgte auf Grundlage des Housing Acts of 1949, mit dem die Bundesregierung hohe Subventionen an den Abriss von „Slumgebieten“ geknüpft hatte.[8] New York City war mit dieser ausgeprägten Politik der Flächensanierung in den 1950er-Jahren keineswegs ein Sonderfall. Auch andere US-amerikanische Kommunen, vor allem an der Ostküste, bedienten sich dieser städtebaulichen Maßnahme.[9]

Die „superblocks“ mit modernen Großwohnanlagen, die seit den 1940er-Jahren entstanden, waren neben dem Bau von Stadtautobahnen der zentrale Gegenstand von Jacobs’ Kritik an der Stadtentwicklungspolitik unter Moses. Jacobs beschrieb, wie sich Nachbarschaften seit der Errichtung der Wohnanlagen zum Schlechten verändert hatten. Im Umfeld der „superblocks“ sei zu beobachten, dass Straßen zunehmend „dark and empty of people“ würden: „Stores, except for a few sustained by the project dwellers themselves [die Bewohner der Wohnanlagen, S.H.], have gone out of business, and many quarters stand unused and empty. […] And each year the vacuum seems to eat a little farther in. Neighborhoods […] can be utterly deadened“.[10] Die Flächensanierung hatte Jacobs zu Folge einen verheerenden Effekt auf angrenzende Nachbarschaften und schließlich auf die Stadt als Ganzes. In starken Worten konstatierte sie, dass die Vitalität, die die besondere Qualität des städtischen Lebens ausmache, durch die Großwohnanlagen abgetötet würde, die die gewachsenen Strukturen ersetzen.

Jacobs schrieb diesen Effekt der Wirkung von Grenzen zwischen funktional getrennten Bereichen zu. Mit der Flächensanierung sei eine „simplification of use“ anstelle der charakteristischen Durchmischung getreten. Die Grenze zu den Wohnanlagen würde nur noch von Mietern auf dem Weg zu ihren Wohnungen überschritten. Außer für die Bewohner der Großwohnanlagen gäbe es nun keinen Grund mehr, diese „superblocks“ aufzusuchen. Der Strom von Menschen, der die angrenzenden Straßen bisher passiert hatte, versiegte: „They fail to get by-the-way circulation of people going beyond them, because fewer are going to that Beyond.“ Fänden sich „fewer users, with fewer different purposes and destinations at hand“, drohte sich die Nachbarschaft in einer sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale zu entleeren.[11] Jacobs machte unmissverständlich klar, dass die Flächensanierung eindeutig schädliche Effekte nach sich zog, gerade weil sie auf einer der zentralen Prämissen der modernen Stadtplanung basierte: der Funktionstrennung, die auf Abgrenzung von Bereichen mit je spezifischem „single use“ abzielte.

Ob die Flächensanierung in New York tatsächlich nur die negativen Effekte hatte, die Jacobs beschrieb, ist umstritten.[12] Jacobs wählte nicht zuletzt deshalb solch deutliche Worte gegen die New Yorker Stadtplanungspolitik unter Moses, weil sie sich betroffen fühlte. Sie sah die von ihr beschriebenen Veränderungen durch Flächensanierung und Autobahnbau als Bedrohung für den Stadtteil Greenwich Village, in dem sie selber lebte. Nichtsdestotrotz ging ihre kritische Analyse weit über eine populistische Anklage hinaus. Als Journalistin hatte sich Jacobs in den 1950er-Jahren auf Themen der Stadtplanung und Architektur spezialisiert und war bald in den einschlägigen Fachkreisen gut vernetzt. Insbesondere stand sie in Austausch mit Wissenschaftlern, die in den Nachkriegsjahrzehnten an der Schnittstelle zwischen Stadtplanung und Soziologie ein neues Forschungsfeld etablierten. Arbeiten wie die des Stadtsoziologen William H. Whyte schärften ihren Blick für die Vielfalt und Vitalität, die den öffentlichen Raum und die Stadtstraßen kennzeichneten, aber auch für die Gefahren, denen sie durch die Maßnahmen der modernen Stadtplanung ausgesetzt waren.[13]

Die Rückbindung an den wissenschaftlichen Diskurs stärkte Jacobs’ Anspruch, in The Death and Life of Great American Cities allgemeingültige Thesen zu präsentieren. Gezielt kombinierte sie ihre Beobachtungen über die Veränderungen, die New York unter Moses durchlief, im Stile einer Sozialreportage mit den neuesten wissenschaftlichen Befunden über die Bedeutung des öffentlichen Raumes und der Diversität in Städten. Die Probleme in New York erschienen als ein Beispiel für Entwicklungstendenzen, die sich in anderen Städten wiederholen konnten, wenn städtebauliche Maßnahmen unter den Prämissen der modernen Stadtplanung durchgesetzt würden. Und genau solche städtebaulichen Maßnahmen – namentlich Flächensanierungen wie in New York – waren in vielen westeuropäischen Städten vorgesehen oder bereits begonnen worden, als Jacobs ihr Buch veröffentlichte.

Stadtplanung war nicht erst seit dem Erscheinen von Jacobs’ Buch ein genuin transnationales Feld.[14] Ideen und Leitbilder zirkulierten zwischen europäischen und nordamerikanischen Gesellschaften und zum Teil darüber hinaus. Es existierten internationale Fachgesellschaften, Konferenzen und Publikationen wurden über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg rezipiert und Experten reisten, um Entwicklungstrends in anderen Ländern zu studieren oder bei Stadtentwicklungsvorhaben zu beraten.[15] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die USA als Bezugspunkt dieses internationalen Diskurses wichtiger. Die US-amerikanischen Städte wurden zwar keineswegs uneingeschränkt als positives Vorbild gesehen, aber sie schienen in der Entwicklung den westeuropäischen Städten voraus, so dass sich an ihnen die mögliche Zukunft ablesen ließ – mit allen Chancen und Herausforderungen. In dieses Diskussionsfeld fügte sich Jacobs’ Darstellung ein. Aus westeuropäischer Perspektive mussten ihre Ausführungen als Warnung verstanden werden, mit Flächensanierungen, Großwohnprojekten und einer strikten Funktionstrennung nicht die gleichen Fehler zu begehen, die Jacobs zufolge in New York zu massiven Problemen führten.

In den 1960er-Jahren waren es vor allem jüngere und angehende Architekten und Stadtplaner, die die USA besuchten, um dort Berufserfahrung zu sammeln.[16] In Köln beispielsweise spielte der 1931 geborene Architekt Erich Schneider-Wessling als Wegbereiter neuer Planungsprämissen eine wichtige Rolle. Schneider-Wessling hatte einen Teil seines Studiums in den USA absolviert und dann einige Jahre als Mitarbeiter des Architekten Richard Neutra in Los Angeles gearbeitet. Nach der Eröffnung seines eigenen Büros in Köln im Jahre 1960 intervenierte er immer wieder in die Planungspolitik der Stadt Köln und verwies dabei auf die Erfahrungen, die er in den USA gemacht hatte. Hinter vielen der städtebaulichen Entwürfe, die Schneider-Wessling in die öffentliche Debatte einbrachte, ist zu erkennen, dass er über die Effekte der Flächensanierung und des innerstädtischen Verfalls, den auch Jacobs beschrieben hatte, besorgt war. Mit seinen Entwürfen zielte er auf Durchmischung, betonte das Nebeneinander verschiedener Nutzungsmöglichkeiten und die Kommunikation im öffentlichen Raum.[17] Auch was die Planungsverfahren anging, bewegte sich Schneider-Wessling in ähnlichen Bahnen wie Jacobs. 1965 plädierte er ausdrücklich dafür, dass das Baudezernat der Stadt Köln seine städtebauliche Ausrichtung um soziologische Kompetenzen erweitern sollte. Gute Planung, so Schneider-Wessling, erfordere wie in den USA „eine Aktivierung aller dieses Gebiet berührenden Wissenschaften.“[18] In Rotterdam übte der Sozialpsychologe Rob Wentholt ähnliche Kritik an der Stadtentwicklungspolitik. Auch er griff die Prämisse der Funktionstrennung an und kritisierte die mangelnde Sensibilität der Planung für die Stadt als sozialen Raum. Mit Bezug auf die Lehren aus den US-amerikanischen Städten forderte er ein radikales Umdenken hin zu Durchmischung, Nutzungsvielfalt und Nutzungsdichte.[19] Allerdings fanden die kritischen Interventionen von Schneider-Wessling oder Wentholt kaum Eingang in die offizielle Stadtplanung, die weiterhin auf Funktionstrennung und Flächensanierungen setzte.

Erst gegen Ende der 1960er-Jahre verschärfte sich unter dem Eindruck der „68er-Bewegung“ der Gegensatz zwischen den Positionen; und in dieser Situation erlangte The Death and Life of Great American Cities eine neue Bedeutung. Auf Jacobs hatten weder Schneider-Wessling noch Wentholt bis dahin direkt Bezug genommen, obwohl ihre Argumente große Parallelen zu denen von Jacobs aufwiesen und beide das Buch mit großer Sicherheit gelesen hatten. Zwar war The Death and Life of Great American Cities früh in viele europäische Sprachen übersetzt worden (z.B. 1963 ins Deutsche), fand in großen Auflagen Verbreitung und löste auch in der Presse Diskussionen aus. Vor allem aber polarisierte das Buch und galt in der öffentlichen Debatte als ausgesprochen radikal.[20] Für westeuropäische Kritiker, die wie Schneider-Wessling in den 1960er-Jahren bemüht waren, Prämissen der modernen Stadtplanung und der Nutzungsdurchmischung in ihren Gegenentwürfen zu verbinden, taugte das polarisierende Buch nicht als Referenz. Die Verve und Radikalität, mit der Jacobs ihre Thesen vorgetragen hatte, drohte die ernstgemeinten Bemühungen zu konterkarieren, Einfluss auf die offizielle Stadtplanung in Köln oder Rotterdam zu nehmen. Das änderte sich um 1970 grundlegend. Die Differenzen zwischen moderner Funktionstrennung und Flächensanierung einerseits, und Durchmischung und Nutzungsvielfalt andererseits, wurden zunehmend als unvereinbar wahrgenommen und ließen Jacobs polarisierende Thesen nun als angemessen erscheinen.

The Death and Life of Great American Cities war nicht nur polarisierend, sondern fügte sich auch in den Wandel des kritischen Diskurses über Stadtplanung in Westeuropa ein. In den 1960er-Jahren prägten etwa Wolf Jobst Siedlers und Elisabeth Niggemeyers Die gemordete Stadt (1964) oder Alexander Mitscherlichs Unwirtlichkeit unserer Städte (1965) den Kontext, in dem Jacobs’ Thesen in der Bundesrepublik diskutiert wurden.[21] Zu Beginn der 1970er-Jahre hatte sich der Fokus des Diskurses dann signifikant verschoben. 1971 hatte beispielsweise die Ausstellung Profitopolis große Aufmerksamkeit auf sich gezogen, die die Kritik an der modernen Stadtplanung einen deutlich kapitalismuskritischen Akzent gab.[22] Darin spiegelte sich nicht nur der Einfluss der „68er-Bewegung“. Um 1970 bildete sich ein sehr breiter Konsens darüber, dass Maßnahmen wie Flächensanierung und Funktionstrennung einseitig an „Kapitalinteressen“ orientiert seien – zumindest in dieser Frage waren sich Vertreter der radikalen Linken, sozial-liberale Reformer und Teile des konservativen Bürgertums einig.[23]

Besonders bemerkenswert an Jacobs’ Buch war, dass es geeignet war, die höchst unterschiedlichen Motive der neu akzentuierten Kritik der 1970er-Jahre zu bündeln. Ob neo-marxistische Revoluzzer, sozial-liberale Reformer oder bürgerliche Stadtteilaktivisten, Jacobs’ Thesen schienen für sie alle gleichermaßen anschlussfähig.[24] Selbst in Spanien wurde das Buch rezipiert und fand noch unter der franquistischen Diktatur Eingang in den kritischen Diskurs über die Stadtplanung von Madrid.[25] The Death and Life of Great American Cities war zwar radikal, aber setzte keine bestimmte Weltanschauung voraus. Es lieferte eine Legitimation für den Widerstand gegen Flächensanierung und Großbauprojekte jenseits aller sonstigen politischen Differenzen. Gerade bei den zahlreichen Protestaktionen gegen Stadtentwicklungsprojekte kam es in den 1970er-Jahren zu bemerkenswerten Kooperationen, nicht zuletzt, weil man sich gemeinsam auf Jacobs’ Thesen berufen konnte.

Auch inhaltlich konnte man aus den unterschiedlichsten Motiven an The Death and Life of Great American Cities anknüpfen und die Aussagen des Buches im Sinne der eigenen Ziele rekontextualisieren. Der neo-marxistische Diskurs etwa, der sich im Anschluss an „68“ herausbildete, kreiste bald um die Bedeutung von „Arbeitervierteln“. In diesen Vierteln habe sich eine spezifische Form der Soziabilität mit hoher Solidarität und politischer Widerständigkeit erhalten, so das Argument. Entscheidend dafür sei der intensive persönliche Kontakt zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern, der sich in der kleinteiligen und durchmischten Struktur der Nachbarschaften und auf der Straße abspielten.[26] Diese Art der Kommunikation und der Kontakte hatte auch Jacobs beschrieben und gezeigt, wie sie durch Flächensanierung bedroht wurden.

Im links-liberalen Diskurs war das Ideal einer stärker auf Partizipation hin orientierten Stadtplanung bei der Rekontextualisierung von Jacobs’ Argumenten entscheidend. Sozial funktionsfähige, weil kleinteilig strukturierte und durchmischte, Nachbarschaften erschienen bei Jacobs als das Resultat zahlloser Alltagsentscheidungen der Bewohnerinnen und Bewohner. Den großen, nach dem „top-down“-Prinzip geplanten Wohnanlagen und Infrastrukturprojekten stellte Jacobs eine auf individuellen Bedürfnissen und Anforderungen basierende Entwicklung von Nachbarschaften gegenüber. Das war auch das angestrebte Ergebnis partizipatorischer Planungsprozesse, in denen Bedürfnisse und Anforderungen der Bewohnerinnen und Bewohner eruiert und gebündelt werden sollten, wie es etwa das westdeutsche Städtebauförderungsgesetz von 1971 vorsah.

Eine ganz andere Motivationslage kennzeichnete die Kampagnen für die Ausweitung des Denkmalschutzes. Der Erhalt von „wertvoller“ Bausubstanz war eindeutig ein bürgerliches Bestreben. Es ging zum einen um das „kulturelle Erbe“, wobei sich die Vorstellung, was dazu gehörte, in den 1970er-Jahren stark erweiterte. Nicht mehr nur Einzelobjekte, sondern immer häufiger ganze Ensembles und Stadtteile galten als erhaltenswürdig. Die erweiterten Ansprüche und der Bedeutungsgewinn des Denkmalschutzes manifestierte sich schließlich als die Europäische Kommission das Jahr 1975 offiziell als Denkmalschutzjahr ausrief.[27] Zum anderen schwang bei dem bürgerlichen Engagement für besseren Denkmalschutz oft auch ein Interesse an der sozialen Stabilisierung und Aufwertung der eigenen Nachbarschaft mit. Beides ließ sich bei Jacobs finden: der flächendeckende Erhalt der Bausubstanz und die sozial stabilisierende Wirkung, die davon ausging.[28] Vor allem aber war in The Death and Life of Great American Cities nachzulesen, wie Flächensanierung sozial destabilisierend wirkte.

Erst die Diskurse über Arbeiterviertel, partizipatorische Stadtplanung und Denkmalschutz in den 1970er-Jahren schufen den Kontext, in dem Jacobs’ Thesen auch in Westeuropa voll erschlossen wurden. Gegenüber den 1960er-Jahren setzte nun eine wesentlich eindeutiger positive Rezeption des Buches ein. Galt The Death and Life of Great American Cities in den 1960er-Jahren als polarisierend, avancierte es in den 1970er-Jahren zur einer konsensstiftenden Grundlage für eine wachsende populäre Kritik an der modernen Stadtplanung in westeuropäischen Städten. Dem kam zu Pass, dass Jacobs ihre Streitschrift so geschrieben hatte, dass sie über ein breites Spektrum von Weltanschauungen anschlussfähig war und relativ frei rekontextualisiert werden konnte und wurde.

Die Akteurskonstellation, die sich auf Jacobs berufen konnte, deutet schon an, dass sich hier ein Wandel vollzog, der eine gesamtgesellschaftliche Reichweite hatte und sehr bald auch in die Revision der Stadtplanung und ihrer Instrumente mündete. Es wäre sicherlich falsch, die Veränderungen in der Stadtplanung der 1970er-Jahre allein auf die Rezeption von Jacobs The Death and Life of Great American Cities zurückzuführen. Aber das Buch fügte sich als Referenz in den kritischen Diskurs über die moderne Stadtplanung ein, da es geeignet war, Kritik an der Flächensanierung zu legitimieren und alternative Entwürfe zu untermauern. Insbesondere bei Maßnahmen, die auf Durchmischung und den Erhalt sozialräumlicher Qualitäten abhoben, bildeten Thesen, wie sie bei Jacobs zu finden waren, einen wichtigen argumentativen Baustein.

Das Ziel, gewachsene Nachbarschaften als soziale Gebilde zu erhalten, konnte von der offiziellen Planung kaum noch ignoriert werden. Es entstanden Sozialpläne, die nicht mehr nur die materiellen Bedürfnisse, sondern auch die soziale Interaktion in den Stadtvierteln reflektierten. Diese gründeten auf den stadtsoziologischen Annahmen, die Jacobs zuerst popularisiert hatte. Mitunter wurden die Nachbarschaftsbeziehungen auch romantisch verklärt, etwa wenn vermeintliche „Arbeiterviertel“ in den 1970er-Jahren durch hinzuziehende Migranten ihren Charakter stark veränderten. Überlegungen zu einem umfassenden „Milieuschutz“, wie er in einigen Städten erprobt wurde, waren in diesem Zusammenhang durchaus ambivalent.[29]

In einer Hinsicht bot das idealisierte Nachbarschaftsverständnis aber auch Ansätze für konkrete Maßnahmen: die kleinteilige Stadtstruktur musste zu Fuß zu erschließen sein. Fußläufigkeit war eines der zentralen Argumentationsmuster bei Jacobs. Wenn sie über „circulation of people“ schrieb, meinte sie explizit die Frequentierung durch Fußgänger. Die Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung, die in vielen Städten in den 1970er-Jahren einsetzten, zielten darauf ab, Verkehrsflächen als Sozialraum wiederherzustellen. Die Umgestaltung kleinerer Stadtstraßen sollte die Aufenthaltsqualität verbessern und mehr Nutzungsmöglichkeiten, etwa in Spielstraßen, zulassen. Die Wiederbelebung des öffentlichen Raumes durch verkehrsplanerische Eingriffe konnte direkt auf die Beobachtungen verweisen, die Jacobs’ gemacht hatte, nämlich dass eine durch Fußgänger intensiv genutzte Straße zur Funktionsfähigkeit der gesamten Nachbarschaft beitrug.

Die Ziele des Denkmalschutzes wurden in den 1970er-Jahren durch eine grundlegende Revision der Wohnungsbauförderung untermauert. Waren bis dahin ausschließlich Neubaumaßnahmen mit staatlichen Mitteln oder Steuervergünstigungen unterstützt worden, konnten Bauherren nun Fördergelder für den Ausbau bestehender Immobilien erhalten und Sanierungskosten steuerlich geltend machen.[30] Auch eine strikte Funktionstrennung war nun nicht mehr das vorrangige Ziel der Stadtentwicklungspolitik. Zwar wurden emittierende Betriebe nach Möglichkeit weiterhin verlegt. Die freiwerdenden Gewerbeflächen blieben jedoch erhalten und wurden immer häufiger auch von Dienstleistungen und Kultureinrichtungen genutzt. Die angestrebte Nutzungsmischung galt, ganz im Sinne von Jacobs’ Argumenten, als Garant für eine erfolgreiche Entwicklung von Stadtteilen.

In der Umgestaltung der Wohnungsbauförderung und der Aufwertung kultureller Nutzungen waren indes auch schon die Konturen einer einsetzenden Gentrifizierung in vielen westeuropäischen Städten vorgezeichnet. In dem Maße, in dem es attraktiver wurde, in Altbauten zu investieren, kam es zu dem zeitgenössisch als „Luxussanierung“ kritisierten Phänomen, wenn bei steigenden Mieten bisherige Bewohnerinnen und Bewohner verdrängt wurden. Der postindustrielle Einzug von Kultur- und Freizeiteinrichtungen in diesen Stadtteilen verstärkte den Trend in den 1980er-Jahren nochmals, wobei „Lebensstilmigranten“ aus dem links-alternativen Milieu mit ihrem Faible für „Arbeiterviertel“ nicht unerheblich zu dieser Entwicklung beitrugen.[31] Auf diese Weise blieben lebendige und funktionsfähige Nachbarschaften erhalten. In ihnen entstanden Formen der Urbanität, die in vielem dem ähneln, was Jacobs als Gegenbild zu Flächensanierung und Großwohnanlagen beschrieben hatte.

Den Zusammenhang zwischen vielfältiger und vitaler sozialer Interaktion einerseits, und einer funktionalen Mischung aus Wohnen, Dienstleistungsbetrieben, Freizeit- und Kultureinrichtungen andererseits, der uns heute als Kennzeichen von Urbanität in westeuropäischen Städten gilt, scheint Jacobs bereits 1961 vorweggenommen zu haben. Die Bewunderung und das wissenschaftliche Interesse für The Death and Life of Great American Cities, die bis heute anhalten, speisen sich zu einem nicht unerheblichen Teil aus Jacobs’ vermeintlicher Weitsichtigkeit. Was Jacobs allerdings nicht in ihrer Analyse thematisierte, war, dass die von ihr gelobte kleinräumige und intensive Interaktion auch sozial exkludierend wirkte – und zwar gerade in einer Stadt wie im New York der späten 1950er-Jahre, die durch einen hohen Grad an ethnischer Segregation geprägt war.[32] Die Gentrifizierung, die in den 1980er-Jahren in vielen westeuropäischen Städten einsetzte, hatte eine ähnliche Wirkung. Soziale Exklusion war die Kehrseite dieser Stadtentwicklungspolitik – ein Vorwurf, der bezeichnenderweise auch gegen Jacobs selber gerichtet wurde.[33]

Dreißig Jahre nach ihrer Veröffentlichung waren Jacobs’ Ansichten, ungeachtet aller Kritik an Implikationen und nicht intendierten Folgen weitgehend konsensfähig. Was als Streitschrift und Abrechnung mit der modernen Stadtplanung in den 1960er-Jahren polarisierte, war Ende der 1980er-Jahre in gewisser Weise „common sense“ geworden. Es erscheint paradox, dass mit der allgemeinen Anerkennung städtebaulicher Prinzipien, zu deren Popularisierung Jacobs beitrug, die Bezugnahme auf ihr Werk seit Ende der 1970er-Jahre zurückging. Allerdings spricht die Rezeptionsgeschichte für die Wirkmächtigkeit von Jacobs’ Thesen und spiegelt den fundamentalen Wandel der Stadtplanung in den 1960er- bis 1980er-Jahren wider. Die Kombination aus pointierter Kritik und eingängigen Gegenentwürfen, die The Death and Life of Great American Cities charakterisierte, war im Kontext der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre attraktiv, als Jacobs’ Argumente systematisch als Legitimation für Kritik und alternative Entwürfe der Stadtentwicklung herangezogen wurden. Mit der Etablierung städtebaulicher Prinzipien, die mit den Forderungen von Jacobs in Einklang zu stehen schienen, schwand auch die Bedeutung von Jacobs’ Streitschrift für die Kontroversen um die Stadtplanung.

Um 1970 aber eignete sich The Death and Life of Great American Cities wie kaum eine andere Schrift, die in dieser Zeit zu Problemen der Stadtplanung erschienen ist, zur Herstellung eines weiten Konsenses, der Kritiker von Flächensanierung und Funktionstrennung aus den unterschiedlichsten Lagern einte. Es erwies sich als Stärke des Buches, dass es aus unterschiedlichsten Perspektiven anschlussfähig war, und sowohl im neo-marxistischen Diskurs als auch in der links-liberalen Debatte über Partizipation oder den Forderungen nach mehr Denkmalschutz rekontextualisiert werden konnte. Zudem bot Jacobs auch Argumente, mit denen Gegenentwürfe zur modernen Stadtplanung und alternative städtebauliche Maßnahmen untermauert werden konnten. Das Buch trug dazu bei, eine breite gesellschaftliche Allianz herzustellen, die in den 1970er-Jahren jenen Wandel in der Planungspolitik einleitete, der rückblickend als Paradigmenwechsel beschrieben worden ist. Mit der Betonung sozialräumlicher Qualitäten in gewachsenen und durchmischten Nachbarschaften prägten Jacobs’ Thesen dann auch die konkrete Ausgestaltung dieses Politikwechsels: Westeuropäische Städte wandten sich zunehmend der kleinteiligen erhaltenden Erneuerung zu und beförderten die Entstehung einer neuen Urbanität.


Literaturhinweise

  • Klemek, Christopher, The Transatlantic Collapse of Urban Renewal, Chicago 2011.
  • Novy, Johannes, Die Entdeckung der „Mannigfaltigkeit“. Wie Jane Jacobs’ „Tod und Leben großer amerikanischer Städte“ die Stadtforschung veränderte, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 4 (2007), H. 3, URL: http://www.zeithistorische-forschungen.de/3-2007/id=4618, Druckausgabe: S. 456–460.
  • Schubert, Dirk, Jane Jacobs und die Zukunft der Stadt. Diskurse – Perspektiven – Paradigmenwechsel, Stuttgart 2014.
  • Schubert, Dirk (Hg.), Contemporary Perspectives on Jane Jacobs. Reassessing the Impacts of an Urban Visionary, Farnham 2014.


[1] Essay zur Quelle: Jane Jacobs: The Death and Life of Great American Cities (1961).

[2] Hall, Peter, Cities of Tomorrow. An intellectual history of urban planning and design in the twentieth century, Malden 32002, S. 283–290.

[3] Jacobs, Jane, The Death and Life of Great American Cities, New York 1961.

[4] Lenger, Friedrich; Schott, Dieter, Die europäische und die amerikanische Stadt seit dem späten 19. Jahrhundert. Geschichtsbilder – Leitbilder – Trugbilder, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte (2007), H. 1, S. 5–10.

[5] Schmidt, Andreas, Vom steinernen Berlin zum Freilichtmuseum der Stadterneuerung. Die Geschichte des größten innerstädtischen Sanierungsgebietes der Bundesrepublik Wedding-Brunnenstraße 1963-1989/95, Hamburg 2008; Wakeman, Rosemary, Modernizing the Provincial City. Toulouse 1945-1975, Cambridge, Mass. 1997; van de Laar, Paul, Modernism in European Reconstruction-Policy and its Public Perception. The Image of Rebuilding Rotterdam, 1945-2000, in: Wagner-Kyora, Georg (Hg.), Wiederaufbau europäischer Städte. Rekonstruktionen, die Moderne und die lokale Identitätspolitik seit 1945 / Rebuilding European Cities. Reconstructions, Modernity and the Local Politics of Identity since 1945, Stuttgart 2014, S. 202–321.

[6] Zipp, Samuel, Manhattan Projects. The Rise and Fall of Urban Renewal in Cold War New York, New York 2010; Ballon, Hilary, Robert Moses and Urban Renewal. The Title I Program, in: dies.; Jackson, Kenneth T. (Hgg.), Robert Moses and the Modern City. The Transformation of New York, New York 2007, S. 94–115.

[7] Jackson, Kenneth T., Robert Moses and the Rise of New York. The Power Broker in Perspective, in: Ballon, Hilary; ders. (Hgg.), Robert Moses and the Modern City. The Transformation of New York, New York 2007, S. 67–71 hier S. 68; Ballon, Robert Moses and Urban Renewal, S. 112.

[8] von Hoffman, Alexander, A Study in Contradictions. The Origins and Legacy of the Housing Act of 1949, in: Housing Policy Debate 11 (2000), S. 299–326.

[9] Für Philadelphia vgl. Haumann, Sebastian, „Schade, daß Beton nicht brennt…“. Planung, Partizipation und Protest in Philadelphia und Köln 1940–1990, Stuttgart 2011.

[10] Jacobs, The Death and Life, S. 260; Im Folgenden stammen alle Quellenzitate, soweit nicht anders vermerkt, aus den hier abgedruckten Quellenausschnitten.

[11] Ebd, S. 259.

[12] Dagen Bloom, Nicholas, Public Housing that Worked. New York in the Twentieth Century, Philadelphia 2008.

[13] Schubert, Dirk, Jane Jacobs und die Zukunft der Stadt. Diskurse – Perspektiven – Paradigmenwechsel, Stuttgart 2014, S. 46–65; Whyte, William F., Street Corner Society. The Social Structure of an Italian Slum, Chicago 1943.

[14] Wakeman, Rosemary, Rethinking Postwar Planning History, in: Planning Perspectives 29 (2014), S. 153–163; Saunier, Pierre-Yves, Transatlantic Connections and Circulations in the 20th Century. The Urban Variable, in: Informationen zur modernen Stadtgeschichte (2007), H. 1, S. 11–23.

[15] Wagner, Phillip, Stadtplanung fur die Welt? Internationales Expertenwissen 1900-1960, Göttingen 2016.

[16] Durth, Werner, Architektur als Medium der Politik, in: Junker, Detlef (Hg.), Die USA und Deutschland im Zeitalter des Kalten Krieges. 1945-1990, Bd. 1, Stuttgart 2001, S. 730–741.

[17] Historisches Archiv der Stadt Köln (Hg.), Fluxus + Urbanes Wohnen. Bauten und Visionen der 60er-Jahre von Erich Schneider-Wessling, Köln 1999.

[18] Schneider-Wessling, Erich u.a., Offener Brief an den Rat der Stadt Köln, 9.7.1965, Historisches Archiv der Stadt Köln, Best. 1728, 305.

[19] van de Laar, Modernism, S. 222f.

[20] Schubert, Jane Jacobs und die Zukunft der Stadt, S. 94; Funke, Hermann, Die Großstadt und ihre Planer. Unfreundliche Bemerkungen einer Dame, in: DIE ZEIT, 29.11.1963; Prokesch, Alfred, Den Haß auf die Stadt begraben, in: DIE ZEIT, 17.01.1964.

[21] Siedler, Wolf Jobst; Niggemeyer, Elisabeth, Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum, Berlin 1964; Mitscherlich, Alexander, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt am Main 1965; Klemek, Christopher, The Transatlantic Collapse of Urban Renewal. Postwar Urbanism from New York to Berlin, Chicago 2011, S. 121–123.

[22] Lehmbrock, Josef; Fischer, Wend, Profitopolis – oder: Der Mensch braucht eine andere Stadt, München 1971.

[23] Haumann, Sebastian, Stadtzerstörung durch „Spekulanten“. Ein Feindbild der 1970er-Jahre, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte (2013), H. 2, S. 133–150.

[24] Schubert, Jane Jacobs und die Zukunft der Stadt, S. 290f.

[25] Sainz Guerra, José Luis, Jane Jacobs, City Planning and its Rationale in Spain, in: Schubert, Dirk (Hg.), Contemporary Perspectives on Jane Jacobs. Reassessing the Impacts of an Urban Visionary, Farnham 2014, S. 107–123.

[26] Haumann, Sebastian, Protest auf Kölsch. Lokale Identität und Mobilisierung in der Kölner Südstadt 1970–1980, in: Geschichte im Westen 22 (2007), S. 251–268.

[27] Harlander, Tilman, Wohnen und Stadtentwicklung in der Bundesrepublik, in: Flagge, Ingeborg (Hg.), Geschichte des Wohnens, Bd. 5. 1945 bis heute – Aufbau – Neubau – Umbau, Stuttgart 1999, S.233–417, hier S. 333.

[28] Führer, Karl Christian, Die Stadt, das Geld und der Markt. Immobilienspekulation in der Bundesrepublik 1960-1985, Berlin 2016, S. 78f.

[29] Holl, Christian; Jessen, Johann, Aufwertung des innerstädtischen Wohnens seit den 1970er-Jahren, in: Harlander, Tilman (Hg.), Stadtwohnen, München 2007, S. 276–309.

[30] Ebd., S. 278.

[31] Reichardt, Sven, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Frankfurt am Main 2014, S. 361–365; MacDougall, Carla, In the Shadow of the Wall. Urban Space and Everyday Life in Kreuzberg, in: Brown, Timothy S. (Hg.), Between the Avant-Garde and the Everyday. Subversive Politics in Europe from 1957 to the Present, New York 2011, S. 154–173.

[32] Schubert, Jane Jacobs und die Zukunft der Stadt, S. 291.

[33] Lyes, Madeleine, Jane Jacobs and Sharon Zukin. Gentrification and the Jacobs Legacy, in: Schubert, Dirk (Hg.), Contemporary Perspectives on Jane Jacobs. Reassessing the Impacts of an Urban Visionary, Farnham 2014, S. 71–81.



Jane Jacobs: Auszug aus The Death and Life of Great American Cities (1961)[1]

„[I]f we look at the parts of cities most literally attractive – i.e., those that literally attract people, in the flesh – we find that these fortunate localities are seldom in the zones immediately adjoining massive single uses.

The root trouble with borders, as city neighbors, is that they are apt to form dead ends for most users of city streets. They represent, for most people, most of the time, barriers.

Consequently, a street that adjoins a border is the terminus of generalized use. […] They fail to get a by-the-way circulation of people going beyond them in the direction of the border, because few are going to that Beyond. If those adjoining streets, therefore, become too empty and therefore in turn are shunned, their adjoining streets may also be less used. And so it goes […].

Borders can thus tend to form vacuums of use adjoining them. Or to put it another way, by oversimplifying the use of the city at one place, on a large scale, they tend to simplify the use which people give to the adjoining territory too, and this simplification of use – meaning fewer users, with fewer different purposes and destinations at hand – feeds upon itself. […] A kind of unbuilding, or running-down process is set in motion.

This is serious, because literal and continuous mingling of people, present because of different purposes, is the only device that keeps streets safe. It is the only device that cultivates secondary diversity. It is the only device that encourages districts to form in place of fragmented, self-isolated neighborhoods or backwaters. […]

Sometimes visible evidence of the running-down process is almost as graphic as a diagram. This is the case in some parts of the Lower East Side of New York; it is especially striking at night. At the borders of the dark and empty grounds of the massive, low-income housing projects, the streets are dark and empty of people too. Stores, except for a few sustained by the project dwellers themselves, have gone out of business, and many quarters stand unused and empty. Street by street, as you move away from the project borders, a little more life is to be found, progressively a little more brightness, but it takes many streets before the gradual increase of economic activity and movement of people become strong. And each year the vacuum seems to eat a little farther in. […]

Sometimes a newspaper account describes some vivid incident of the running-down process – for example, this account of an event in February 1960 from the New York Post:

‚The slaying in Cohen’s butcher shop at 164 E. 174th St. Monday night was no isolated incident, but the culmination of a series of burglaries and holdups along the street … Ever since work started on the Cross-Bronx Expressway across the street some two years ago, a grocer said, trouble has plagued the area … Stores which once stayed open to 9 or 10 o’clock are shutting down at 7 P.M. Few shoppers dare venture out after dark, so shopkeepers feel the little business they lose hardly justifies the risk in remaining open late […].‘

Sometimes we can infer the formation of such vacuums, as when a newspaper advertisement lists an amazing bargain – a ten-room brick house, recently rehabilitated, with new copper plumbing, to be sold for $ 12,000 – and the address pins down its location: between the borders of a huge project and an expressway. […]

The exact reasons for scantness of use at a border vary.

Some borders damp down use by making travel across them a one-way affair. Housing projects are examples of this. The project people cross back and forth across the border […]. The adjoining people, for the most part, stay strictly over on their side of the border and treat the line as a dead end of use.

Some borders halt cross-use from both sides. Open railroad tracks or expressways or water barriers are common examples.

Some borders have cross-use from both directions, but it is limited, in appreciable amounts, to daylight or it falls off drastically at certain times of year.”


[1] Jacobs, Jane, The Death and Life of Great American Cities, New York 1961, S. 259–261.


Zitation
Der transatlantische Paradigmenwechsel in der Stadtplanung. Zur westeuropäischen Rezeption von Jane Jacobs’ The Death and Life of Great American Cities in den 1960er- und 1970er-Jahren, in: Themenportal Europäische Geschichte, 30.08.2018, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-4554>.
Für das Themenportal verfasst von

Sebastian Haumann

( 2018 )
Zitation
Sebastian Haumann, Der transatlantische Paradigmenwechsel in der Stadtplanung. Zur westeuropäischen Rezeption von Jane Jacobs’ The Death and Life of Great American Cities in den 1960er- und 1970er-Jahren, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2018, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-4554>.
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