Der Arbeiter auf der Londoner Weltausstellung des Jahres 1851 Ein ethnografischer Blick aus liberaler Perspektive

Die theoretischen Vorstellungen des radikalen Liberalismus, der das Ideal der bürgerlichen Gesellschaft in der Verbindung von politischer und wirtschaftlicher Freiheit für alle männlichen Mitglieder gesehen hatte, gerieten im Verlauf der Industrialisierung in einen zunehmenden Konflikt zu den wirtschaftlichen Realitäten, die zu einer kulturellen Trennung des Unternehmers von den von ihm beschäftigten Arbeitern geführt hatte. Diese Trennung wurde von den Vertretern eines radikalen politischen und wirtschaftlichen Liberalismus aus den Reihen der ersten Generation der historischen Schule der Nationalökonomie in Deutschland und des französischen „libéralisme bleu“ als Gefahr für die bürgerliche Gesellschaft angesehen, da sie diese zwischen den Extremen einer kommunistischen Gleichmacherei und einer neuen „Aristokratie der Industrie“ zu zerreiben drohte. [...]

Der Arbeiter auf der Londoner Weltausstellung des Jahres 1851. Ein ethnografischer Blick aus liberaler Perspektive[1]

Von Steffen Sammler

Die theoretischen Vorstellungen des radikalen Liberalismus, der das Ideal der bürgerlichen Gesellschaft in der Verbindung von politischer und wirtschaftlicher Freiheit für alle männlichen Mitglieder gesehen hatte, gerieten im Verlauf der Industrialisierung in einen zunehmenden Konflikt zu den wirtschaftlichen Realitäten, die zu einer kulturellen Trennung des Unternehmers von den von ihm beschäftigten Arbeitern geführt hatte. Diese Trennung wurde von den Vertretern eines radikalen politischen und wirtschaftlichen Liberalismus aus den Reihen der ersten Generation der historischen Schule der Nationalökonomie in Deutschland und des französischen „libéralisme bleu“ als Gefahr für die bürgerliche Gesellschaft angesehen, da sie diese zwischen den Extremen einer kommunistischen Gleichmacherei und einer neuen „Aristokratie der Industrie“ zu zerreiben drohte. Das englische Modell der trade unions stieß in gleichem Maße wie die staatliche Beschäftigungsgarantie, welche die französische Revolutionsregierung im Frühjahr 1848 durch die Nationalwerkstätten zu verwirklichen suchte, auf den Widerspruch der liberalen Nationalökonomen, die sich gleichermaßen gegen staatliche Eingriffe in die Organisation des Unternehmens wie gegen regelmäßige Unterbrechungen des Produktionsprozesses durch die Konfrontation sich feindlich gegenüberstehender Koalitionen der Unternehmer und der Arbeiter ausgesprochen hatten.

Die erste Weltausstellung, die 1851 in London stattfand, wurde deshalb von vielen Zeitgenossen als eine Zäsur interpretiert, mit der der Fokus von den politischen Auseinandersetzungen der Revolution auf das einigende Band der materiellen Interessen gerichtet werden sollte. Auf der Grundlage eines scheinbar grenzenlosen Wachstums der industriellen Produktion sollte der verhängnisvolle Kreislauf durchbrochen werden, der in Gestalt des Krisenzyklus in regelmäßigen Abständen zu einer Vernichtung der erzeugten Produktion und der Entlassung der produzierenden Arbeitskräfte geführt hatte.

Nachdem bereits auf den nationalen Ausstellungen der 1840er Jahre in Berlin, Brüssel und Paris intensiv über den Anteil des Arbeiters an der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums diskutiert worden war und der Arbeiter auf den nationalen Industrieausstellungen in Frankreich und Belgien eine entsprechende materielle und symbolische Würdigung gefunden hatte, bot die Weltausstellung des Jahres 1851 einen idealen Rahmen für eine vergleichende Betrachtung der unterschiedlichen Formen der Organisation der Arbeit, die für den Erfolg oder Misserfolg der industriellen Produktion in den verschiedenen Ländern verantwortlich gemacht wurden. Unter den zahlreichen Intellektuellen, die sich von der Atmosphäre der ersten Weltausstellung inspirieren ließen, befand sich auch der französische Nationalökonom Jérôme-Adolphe Blanqui (1798-1854), der für die Leser der Zeitung La Presse aus London berichtete.[2]

Blanqui wurde in der Familie eines Gymnasiallehrers für Philosophie in Nizza geboren und studierte Medizin und Nationalökonomie in Paris. Unter dem Einfluss seines Lehrers Jean-Baptiste Say konzentrierte er sich später auf das Feld der Nationalökonomie. Er stand den Ideen Henri de Saint-Simons aufgeschlossen gegenüber und beteiligte sich an der Redaktion der Zeitschrift „Le producteur“. 1833 übernahm er von seinem Lehrer den Lehrstuhl für politische Ökonomie am Pariser Conservatoire des arts et métiers und wurde fünf Jahre später zum Mitglied der Académie des sciences morales et politiques gewählt. Die Lehrtätigkeit am Conservatoire des arts et métiers konfrontierte ihn mit der Notwendigkeit, die abstrakten Lehrsätze der schottischen Klassiker Adam Smith und David Ricardo den Erfordernissen der von ihm unterrichteten industriellen Unternehmer und Gewerbetreibenden anzupassen. Gleichzeitig versuchte er die Ursachen für das Ausbleiben des materiellen Erfolges des von ihm vertretenen wirtschaftlichen und politischen Modells für große Teile der französischen Bevölkerung mit Hilfe sozialwissenschaftlicher und ethnografischer Methoden systematisch zu erforschen. Dazu entwickelte er die Methode der englischen Parlamentsenqueten weiter und versuchte die Felder der politischen Kultur, der wirtschaftlichen Organisation mit der Beobachtung des Alltags zu verbinden. Als Mitglied der Académie des sciences morales et politiques führte er eine Reihe von Enqueten über den Verlauf der Industrialisierung auf dem Balkan, in Algerien, Belgien, England und Spanien durch, welche die Grundlage für die von ihm entwickelte Typologie des industriellen Arbeiters bildeten, die er im siebzehnten seiner „Briefe über die Weltausstellung“ vorstellte. Weiterhin verfasste Blanqui eine Enquete über die institutionellen und kulturellen Bedingungen des blockierten Industrialisierungsprozesses in der Türkei. Für diese Studien bereiste Blanqui die Länder und fertigte ausführliche, deskriptiv angelegte Reiseberichte an, in denen er seine Eindrücke nicht weiter methodisch hinterfragte. Im Hinterkopf hatte Blanqui jedoch immer die Saint-Simonistische These der Gemeinschaft selbständiger Kleinproduzenten. Andererseits trat er für weltweiten Freihandel und die Ausnutzung regionaler, (kultur-)spezifischer, komparativer Kostenvorteile ein.

In seiner Enquete über „die Arbeiterklassen Frankreichs im Jahr 1848“ stellte er den Fabrikarbeiter der nordfranzösischen Industriegebiete dem selbständig tätigen Meister der Lyoner Seidenweberei gegenüber, der im Zentrum des von ihm favorisierten Modells der bürgerlichen Gesellschaft stand. Die Kritik an der Organisation der Arbeit in den industriellen Ballungsgebieten Nordfrankreichs und an den daraus resultierenden Folgen für die Gesundheit und Moral der Arbeiterinnen und Arbeiter führte Blanqui in eine Konfrontation mit den industriellen Unternehmern Nordfrankreichs, die seine wirtschaftspolitischen Überzeugungen und seine Stellung als Hochschullehrer in zunehmendem Maße in Frage stellten.

Die Auseinandersetzung um die wirtschaftliche Entwicklungsperspektive der bürgerlichen Gesellschaft hatte Jerôme-Adolphe Blanqui nicht zuletzt in der eigenen Familie gegen seinen jüngeren Bruder, den Berufsrevolutionär Louis-Auguste Blanqui (1805-1881) zu führen. Er setzte sich deshalb das Ziel, den französischen Arbeiter davon zu überzeugen, dass der von seinem Bruder praktizierte politische Aktionismus ebenso wie der Appell an die Staatshilfe keine Erfolg versprechenden Mittel zur Verbesserung der materiellen Lage darstellten. Die Arbeiter sollten sich vielmehr von der Leistungsfähigkeit ihrer kontinentaleuropäischen Gewerbsgenossen überzeugen und deren Eigenschaften und Organisationsformen übernehmen und weiterentwickeln.

Die Überlegungen, die Blanqui auf der Weltausstellung über den Arbeiter angestellt hatte, erschienen zeitgleich in einer englischen und deutschen Übersetzung und erfuhren ein breites Echo in der internationalen Presse, da sie sich durch ihren systematisch vorgenommenen Vergleich und durch die radikale Zukunftsperspektive der Industriegesellschaft von der Mehrheit der anderen Berichte über die Weltausstellung unterschieden. Blanqui stellte den Arbeiter in einer Zeit, in der dem britischen Central Working Classes Committee die Teilnahme an der königlichen Ausstellungskommission verweigert worden war, nicht länger als ein bedauernswertes und Furcht einflößendes Wesen dar, das sich durch seine Lebensweise von der bürgerlichen Gesellschaft absondern und diese durch sein zahlenmäßiges Wachstum in ihrer Existenz bedrohen würde. Er präsentierte ihn vielmehr als Produzenten der auf der Ausstellung gezeigten Erzeugnisse. Gleichzeitig zeichnete er die Vision einer liberalen Weltgesellschaft, die nicht auf Europa und die Vereinigten Staaten von Nordamerika beschränkt bleiben müsse, sondern durch die Bewohner aller Regionen verstärkt werden sollte, die durch die Übernahme der liberalen Institutionen die Voraussetzungen für eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung geschaffen hätten und sich auf der Grundlage des Prinzips der komparativen Kostenvorteile an der arbeitsteiligen Produktion beteiligen könnten. Dabei wies er dem indischen Arbeiter nicht die Rolle eines Rohstofflieferanten für die europäische Industrie zu, sondern betrachtete dessen handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten auf der gleichen Ebene wie die seiner europäischen Kollegen. Allerdings sollte die indische Gesellschaft die institutionellen Voraussetzungen der europäischen Gesellschaften übernehmen.

Blanqui knüpfte mit seinen Überlegungen über den Arbeiter an die Arbeiten seines Lehrers Jean-Baptiste Say an, der in seinen „Vorlesungen über die angewandte Volkswirtschaftslehre“ typische Formen der Organisation der Arbeit in Europa definierte und die Ursachen für ihre Entwicklung herausarbeitete.Say hatte in Gestalt der Arbeitsintensität des englischen Arbeiters und des Verantwortungsbewusstseins des zünftigen Handwerksmeisters in Deutschland bereits zwei Eigenschaften hervorgehoben, welche auch sein Schüler Blanqui als wichtige Voraussetzung für den Erfolg der modernen Industriegesellschaft ansah. Say stellte diese Eigenschaften in einen Gegensatz zur Mentalität des Tagelöhners, der in den katholischen Regionen Spaniens und Italiens in einem Teufelskreis von saisonalem Tagelohn und Bettelei gefangen sei, der durch die Institutionen der katholischen Sozialfürsorge zementiert werde.

Blanqui konstruierte drei Typen von Arbeitern, die im industriellen Wettbewerb miteinander konkurrierten und die er idealtypisch mit dem britischen Fabrikarbeiter, dem französischen künstlerisch-kreativen Arbeiter und dem traditionellen deutschen Handwerksmeister identifizierte. Die Überlegungen Says und seines Schülers Blanqui sollten allerdings nicht voreilig als Stereotypisierungen nationaler Arbeitskulturen kritisiert werden. Die Beobachter sahen deutlich, dass der in der Baumwollindustrie tätige Arbeiter im französischen Rouen oder sächsischen Chemnitz den gleichen Bedingungen unterworfen war wie der typische englische Maschinenspinner und folglich diesem Typ zuzuordnen sei. Es kam den französischen Beobachtern darauf an, auf der Grundlage eines systematischen Vergleichs unterschiedlicher Arbeitskulturen eine ideale Form der Organisation der Arbeit zu definieren, die in besonderen Maße geeignet schien, das Ideal der Vereinigung von wirtschaftlichem und politischem Liberalismus zu verwirklichen. Dazu sollten die positiven Merkmale der drei konstruierten Typen kombiniert werden. In einem zweiten Schritt sollten dann die typischen Industriezweige auf der regionalen Ebene verortet werden, die auf der Grundlage des Prinzips der komparativen Kostenvorteile die arbeitsteilige Weltgesellschaft konstituieren sollten. Der Arbeiter sollte in der Lage sein, sich nach einer gewissen Lehrzeit eine auf selbständige Arbeit gegründete Existenz zu schaffen, da der selbständige Unternehmer das höchste Maß an Verantwortungsbewusstsein und Stolz für das von ihm gefertigte Erzeugnis repräsentierte. Die selbständige Tätigkeit gestatte dem Arbeiter die Gründung einer Familie und die Teilhabe am politischen Leben, die eine Einheit bilden und in einem ausgewogenen zeitlichen Verhältnis zueinander stehen sollten.

Die Grundlage für die Erreichung dieses Ideals bildete allerdings die Fähigkeit zum konzentrierten und intensiven Arbeiten, die laut Blanqui vor allem den englischen Fabrikarbeiter auszeichnete. Die Arbeitsintensität des englischen Fabrikarbeiters stand in einem Gegensatz zur Praxis des französischen Arbeiters, der den Rhythmus von Arbeit und Freizeit selbst zu bestimmen suchte. Das willkürliche Fernbleiben von der Arbeit und die Erzwingung von Pausen, die dem Alkoholkonsum oder der Lektüre von Zeitungen mit anschließender politischer Debatte gewidmet wurden, stellte bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ein verbreitetes Phänomen dar, das von den kontinentaleuropäischen Unternehmern immer wieder beklagt wurde.

Im hohen Grad der Politisierung, die den französischen Arbeiter von einer kontinuierlichen Arbeit abhalten würde, sah Blanqui ebenfalls ein Hindernis für die erfolgreiche Entwicklung der französischen Industriegesellschaft. Die Organisation der Arbeit in den Zentren der englischen Fabrikindustrie hindere den Arbeiter an der Verwirklichung des Ziels der wirtschaftlichen Selbständigkeit und der Gründung einer Familie. Sie dränge ihn in politische Koalitionen, die ihn nicht nur in einen Gegensatz zu seinen Arbeitgeber stellen, sondern gleichzeitig von seiner Familie entfremden. Die enge Bindung an die Familie wurde von Blanqui als eine Stärke des deutschen Arbeiters gesehen, die es diesem leicht machte, der kommunistischen Agitation zu widerstehen, die in jüngster Zeit von Frankreich auf Deutschland übergegriffen habe.

Blanqui stellte dem abhängig beschäftigten Fabrikarbeiter noch einmal das Ideal eines selbständigen Unternehmers gegenüber, der die Kreativität des französischen Künstlers mit der Solidität des deutschen Handwerksmeisters vereinigen sollte. Er versprach sich von diesem Modell einen dauerhaften Wettbewerbsvorteil gegenüber der industriellen Massenproduktion. Er sah allerdings nicht voraus, dass vor allem die englischen Unternehmer auf der Weltausstellung von 1851 die Überlegenheit der französischen Konkurrenz in der Frage des Designs klar erkannten. Sie unternahmen nicht nur große Anstrengungen, durch die Gründung von Kunstgewerbemuseen und Designschulen diesen Rückstand aufzuholen, sondern es gelang ihnen, die von Blanqui hervorgehobenen Wettbewerbsvorteile des künstlerisch-kreativen französischen Arbeiters mit der industriellen Massenfabrikation zu verbinden und damit das Ideal einer demokratischen Gesellschaft selbständiger Kleinproduzenten endgültig in das Reich der Utopie zu verweisen.

Blanqui nahm mit seinem Vorschlag, bei Gelegenheit der Weltausstellung die Arbeiter aller beteiligten Nationen zu einem internationalen Kongress zu vereinigen, eine Entwicklung vorweg, die ein Jahrzehnt später am 28. September 1864 mit der Gründung der Internationalen Arbeiterassoziation in London verwirklicht werden sollte. Die Kongressbewegung der internationalen Arbeiterbewegung folgte allerdings nicht dem von den Vertretern des radikalen Liberalismus vorgezeichneten Weg, sondern vollzog die Trennung von der bürgerlichen Sozialreform, die sich ihrerseits seit den 1850er Jahren zu regelmäßigen Wohltätigkeitskongressen versammelte.

Die bürgerlichen Verteidiger eines Interessenausgleichs zwischen Unternehmern und Arbeitern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschritten den Weg der katholischen Sozialreform, die vor allem mit dem Namen von Frédéric Le Play verbunden ist, der vier Jahre nach Blanqui auf der Weltausstellung von 1855 seine ethnografischen Studien über die „europäischen Arbeiter“ vorstellte. Diese bildeten die Grundlage für den paternalistischen Blick, mit dem die katholische Sozialreform im 19. und 20. Jahrhundert den inzwischen aus der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossenen Arbeiter betrachten sollte.



[1] Essay zur Quelle: Blanqui, Jérôme-Adolphe: Die europäische „Arbeiterfamilie“. Briefe über die Weltausstellung (Siebzehnter Brief 1851).

[2] Siehe Quelle: Blanqui, Jérôme-Adolphe: Die europäische „Arbeiterfamilie“. Briefe über die Weltausstellung (Siebzehnter Brief 1851).



Literaturhinweise:

  • Blanqui, Jérôme-Adolphe, Lettres sur l’Exposition universelle de Londres, Paris 1851.
  • Demier, Francis, Adolphe Blanqui, un „Libéral critique“ à la chaire d’économie politique du Conservatoire des arts et métiers, in: Les Cahiers du Conservatoire National des Arts et Métiers 2 (1993), S. 59-86.
  • Haltern, Utz, Die Londoner Weltausstellung von 1851. Ein Beitrag zur Geschichte der bürgerlich-industriellen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, Münster 1971.
  • Katznelson, Ira; Zolberg, Aristide R. (Hgg.), Working-class Formation: Nineteenth-century Patterns in Western Europe and the United States, Princeton, New Jersey 1986.
  • Langewiesche, Dieter (Hg.), Liberalismus im 19. Jahrhundert. Deutschland im europäischen Vergleich, Göttingen 1988.

Blanqui, Jérôme-Adolphe: Die europäische „Arbeiterfamilie“. Briefe über die Weltausstellung (Siebzehnter Brief 1851)[1]

Die Idee ist mir oft gekommen, inmitten der Schönheiten der Weltausstellung, einen Blick auf die Lebensbedingungen und den Charakter der verschiedenen Arbeiter zu werfen, die der Ausstellung alle Ehre gemacht haben, und zu untersuchen, welche geheimnisvollen Beziehungen zwischen ihnen und ihren Arbeiten bestehen. Warum zeichnet sich jedes Land durch einen eigenständigen nationalen Stil aus, der dazu führt, dass die ausgestellten Möbel, Waffen, Spitzen und Stoffe sich in Paris, London, Wien oder Madrid so deutlich voneinander unterscheiden? [...]

Ich habe sehr bedauert, dass man nicht von der Gelegenheit der Ausstellung profitiert hat, um die Arbeiter in unmittelbarer Nähe der von ihnen gefertigten Arbeiten zu einem gemeinsamen Kongress zu vereinigen. Sie hätten die Gelegenheit gefunden, eine Unmenge von praktischen Ideen und technischen Verfahren im Interesse ihrer allgemeinen Bildung auszutauschen, die der weltweiten industriellen Entwicklung zu Gute gekommen wären. Der Mangel einer solchen kosmopolitischen Vereinigung rechtfertigt dagegen eine Skizze des besonderen Charakters der wichtigsten Arbeiterfamilien, deren Erzeugnisse auf der Ausstellung gezeigt worden sind, ebenso wie einen flüchtigen aber unparteiischen Blick auf ihren gegenwärtigen Zustand. Diese großen Massen von Menschen haben seit dem Beginn des Jahrhunderts eine Bedeutung gewonnen und an einigen Punkten Europas einen solch beachtlichen Einfluss erlangt, die eine ethnographische Untersuchung ihrer ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen nahe legt. Das auf gesetzlichem Weg längst beseitigte Regime der Zünfte hält sich stärker als man denkt in der emanzipierten Industrie. Die Traditionen haben die Gesetze überlebt und die Arbeiter leben noch immer unter sich in einer getrennten Welt, die den Blicken derjenigen viel zu oft verschlossen bleibt, die daran interessiert sind, diese kennen zu lernen. [...]

Der englische Arbeiter stellt ein eigenständiges Wesen dar. Mit seinen Sitten und Bräuchen, Lastern und Tugenden, seinem Stolz, seinen Arbeitsmethoden, seinen Formen der Zerstreuung. Die Arbeiter der Fabriken identifizieren sich mit der Regelmäßigkeit ihrer Maschinen und unterwerfen sich dem Einfluss, um nicht zu sagen, dem Despotismus der Arbeitsteilung. Sie sind gezwungen, sich im gleichen Rhythmus zu bewegen wie die Maschinen, die sie ausbeuten. Die Maschine kommandiert und sie gehorchen. Ihre Aufgabe ist mit einer mathematischen Präzision geregelt, und ihre Arme führen exakt die Anzahl von Bewegungen aus, die ihnen die Zahnräder des Getriebes ihrer Maschine vorgeben. Daraus resultiert nach einiger Zeit ein Automatismus des Lebens, der von einer erschreckenden Monotonie gekennzeichnet ist. Der Arbeiter vermag sich in den Augenblicken seiner Freiheit nur durch grobschlächtige Emotionen und einen maßlosen Konsum, der ihn zur Trunksucht führt, von dieser Monotonie zu befreien. Der Fabrikbetrieb hat den Charakter des englischen Arbeiters entscheidend verändert. Er lebt weniger in seiner Familie, und er gehört in viel stärkerem Maße seiner Berufsgenossenschaft als seinen Kindern. Seine Existenz hat aufgehört, eine häusliche zu sein. Er gehört einem jener unzähligen Vereine an, die sich auf englischem Boden ausgebreitet haben und bei Bedarf leicht die Form einer Koalition annehmen können. Der Versammlungsort seiner Korporation, der Klub, dem er angehört, bildet das Forum des Arbeiters. Man zählt in England diese Assoziationen zu Tausenden, sie formen regelrechte „Stammesgemeinschaften“ die ihre eigenen Vorurteile, Regeln und Rituale besitzen. [...]

Der französische Arbeiter stellt fast in allen Punkten das Gegenteil des englischen Arbeiters dar. [...] Er definiert seine Abhängigkeit von einem Arbeitgeber eher als ein temporäres Joch als eine dauerhafte Beschäftigung. Seine Exaktheit und Beständigkeit besitzen nichts von der Fatalität und der Resignation des englischen Arbeiters. Der französische Arbeiter scheint zu jeder Zeit bereit zu sein, seine Arbeit zu verlassen und bevorzugt es in jedem Fall, zu kündigen anstatt die Kündigung zu erhalten. Er ist fröhlicher, lebhafter, schwatzhafter und nachdenklicher, und seitdem das Gift der Politik unsere Fabriken verseucht hat, ist er anmaßend und rechthaberisch geworden. Er kümmert sich weitaus lieber um die Regierung als um den Zustand seines Berufszweiges. Der Beruf ist für mehr als einen von ihnen eine Sache des Zufalls und der Notwendigkeit geworden. Da die Politik bisher noch nicht das Geheimnis entschlüsselt hat, die Masse der Menschen ohne Arbeit am Leben zu erhalten, beschäftigt man sich mit ihm, weil man von etwas leben muss. Aber die Gedanken sind unablässig auf der Suche nach Verbesserungen der Gesellschaft. Der eigentliche französische Arbeiter ist der Kunsthandwerker, der unabhängig von den oben genannten Fehlern, vor allem durch den Pariser Arbeiter repräsentiert wird. [...]

Eine dritte Familie von Arbeitern ist mit einem Paukenschlag auf der Bühne der Weltausstellung erschienen. Die Arbeiter der deutschen Region, zu der die preußischen, die österreichischen und die der anderen deutschen Staaten gehören. Sie sind weniger bekannt und haben bisher weniger von sich reden gemacht als ihre französischen und englischen Kollegen, da sie in geringerem Maße auf engem Raum konzentriert sind. [...] Der deutsche Arbeiter erfindet wenig, aber er kopiert hervorragend. Allerdings kopiert er nicht sklavisch, sondern indem er seinen Werken eine eigenständige Note verleiht. Die deutschen Arbeiter sind in geringerem Maße Mechaniker als ihre englischen Standesgenossen und weniger Künstler als die französischen, aber sie orientieren sich vorzugsweise an den französischen Gewohnheiten. [...] Der deutsche Arbeiter ist geduldig und ein Träumer. Er besitzt viel mehr Sensibilität als der englische Arbeiter und liebt es sein Gefühl in sein Werk einzubringen. [...] In Ihrem Verhalten zeichnen sie sich mit Ausnahme des Rauchens durch Mäßigkeit aus. Während die Engländer auf eine maßlose Weise essen, rauchen die Deutschen Tag und Nacht, sogar bei Tisch und im Bett. Es ist erschreckend. Und wenn diese Unsitte sich ausbreitet, wird Deutschland in absehbarer Zeit unbewohnbar werden. Meine Schreckensvision besteht darin, zu sehen, dass sich dieser ruinöse Geschmack in unseren Werkstätten verbreitet, wo er selbst die Kinder erreicht und stumpfsinnig macht. Der deutsche Arbeiter lebt viel stärker in der Familie als die anderen Arbeiter in Europa. Auch wenn die absurde Idee des Kommunismus Deutschland zur Zeit über alle Maßen infiziert, so kämpfen die traditionellen Qualitäten des deutschen Arbeiters, die ihn noch lange auszeichnen werden, gegen die schlechten Einflüsse, die, wie man leider hinzufügen muss, durch die Studenten und die Universitäten nach Deutschland hineingetragen worden sind. [...]

Der spanische Arbeiter verdient es nicht, den vierten Rang innerhalb der großen Arbeiterfamilie Europas einzunehmen, wenn man sich am Gewicht der Erzeugnisse orientiert, die er auf der Weltausstellung ausgestellt hat. Belgien und der Schweiz gebührt das Vorrecht vor dem spanischen Arbeiter. Aber Belgien und die Schweiz kreisen im Orbit Frankreichs und Deutschlands, und ihre Arbeiter, die sich die landwirtschaftliche mit der industriellen Tätigkeit teilen, besitzen nicht den gleichen eigenständigen Charakter wie ihre spanischen Kollegen. Die spanischen Arbeiter gehören in viel stärkerem Maße einer Elite an, die sich gleichermaßen durch ihre Stärke wie durch ihre Anpassungsfähigkeit auszeichnet, die nahezu sprichwörtlich geworden ist. [...] Der Arbeiter dieses Landes hat es noch nicht gelernt, die Hand zu verfluchen, die ihn nährt. Er akzeptiert die Arbeit als eine Pflicht und niemals als eine Fessel. Er gehorcht aus Überzeugung und bewahrt sich seinen Stolz und seine Rechtschaffenheit in einfachsten Verhältnissen. [...]

Wer wird uns eines Tages die Geheimnisse der Welt des indischen Arbeiters entdecken? Wer wird Licht in das Dunkel der Werkstätten des Orients bringen, wo die Hand des Arbeiters für einen prekären Lohn unablässig tätig ist, der noch geringer ist als der miserable Lohn unserer Fabrikarbeiter? Offenbar bieten die beiden Extreme auf der Stufenleiter des technischen Fortschritts in Gestalt der mechanischen und der Handspindel die gleichen Perspektiven für die wirtschaftliche Zukunft des Arbeiters. In Frankreich und in England, in Deutschland und in Spanien, in der Schweiz und in Belgien vermögen ganze Generationen von Arbeitern unter dem protektionistischen System kaum ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Stellt der Protektionismus nicht eine Illusion dar? Leidet der Arbeiter nicht unter der freien Konkurrenz im Innern des Landes, während der Unternehmer von den Schutzzöllen profitiert? [...]


[1] Auszüge aus: Blanqui, Jérôme-Adolphe, Lettres sur l’Exposition universelle de Londres, Paris 1851, S. 198-214. Auswahl und Übersetzung von Steffen Sammler.


Für das Themenportal verfasst von

Steffen Sammler

( 2007 )
Zitation
Steffen Sammler, Der Arbeiter auf der Londoner Weltausstellung des Jahres 1851 Ein ethnografischer Blick aus liberaler Perspektive, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2007, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1408>.
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