Russland, Europa und Eurasien Nikolaj S. Trubeckoj über Russlands "Sonderweg"

Gehört Russland zu Europa? Diese Frage wurde und wird inner- und außerhalb Russlands immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Oft wird dabei Europa mit dem Westen gleichgesetzt. Deutsche Historiker wie z.B. Hans-Ulrich Wehler haben die Nichtzugehörigkeit Russlands zu Europa mit seiner Orthodoxie begründet, davon ausgehend wird eine transatlantische Gemeinschaft zwischen den USA und Europa abgeleitet. Liegt es da nicht nahe, dass in Russland auch heute wieder ein "Eurasien" als Gegenmodell konstruiert wird? "Eurasien" ist seit dem Ende der Sowjetunion wieder im Gespräch. Die heutige Attraktivität des eurasischen Konzeptes liegt darin, dass sich das Russland Putins gern als Großmacht in den GUS-Staaten, einer Art "russischen Commonwealth" sieht.[...]

Russland, Europa und Eurasien. Nikolaj S. Trubeckoj über Russlands "Sonderweg"[1]

Von Eva-Maria Stolberg

Gehört Russland zu Europa? Diese Frage wurde und wird inner- und außerhalb Russlands immer wieder leidenschaftlich diskutiert. Oft wird dabei Europa mit dem Westen gleichgesetzt. Deutsche Historiker wie z.B. Hans-Ulrich Wehler haben die Nichtzugehörigkeit Russlands zu Europa mit seiner Orthodoxie begründet[2], davon ausgehend wird eine transatlantische Gemeinschaft zwischen den USA und Europa abgeleitet. Liegt es da nicht nahe, dass in Russland auch heute wieder ein "Eurasien" als Gegenmodell konstruiert wird? "Eurasien" ist seit dem Ende der Sowjetunion wieder im Gespräch. Die heutige Attraktivität des eurasischen Konzeptes liegt darin, dass sich das Russland Putins gern als Großmacht in den GUS-Staaten, einer Art "russischen Commonwealth" sieht. Ob aber tatsächlich der Rückgriff auf methodische Konzepte aus den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts der Globalisierung gerecht wird, ist angesichts der zunehmenden Verflechtung moderner Kommunikations- und Wirtschaftsnetze und der damit verbundenen Auflösung von Grenzen zwischen West und Ost eher fraglich. Ein russischer Hegemonieanspruch in Asien würde in eine "wirtschaftspolitische Sackgasse" führen.[3]

Die Öffnung der Grenzen des postsowjetischen Russland und der GUS-Staaten in den letzten Jahren ermöglicht einen erneuten Zugang zur „Kontinentalbrücke“ der eurasischen Landmasse, allerdings anders als von den "Eurasiern" und anderen geopolitischen Strömungen des 20. Jahrhunderts gedacht. Die beiden wirtschaftlichen Wachstumspole eines erweiterten Europa und Ostasien können zum Nutzen Russlands und Zentralasiens neu verknüpft werden. Nach Ansicht von Politikwissenschaftlern hat die Entwicklung erst begonnen, manche sprechen sogar von einer neuen "Seidenstraße". Der Fernhandel läuft von Westeuropa über Russland, den zentralasiatischen Staaten bis zur Türkei, dem Iran, und China. Die Bedeutung Eurasiens für den kulturhistorischen Diskurs hebt der Sinologe Helwig Schmidt-Glintzer mit den Worten hervor: "Heute wissen wir, dass Europa nicht nur den Mittelmeerraum, sondern ebenso Zentralasien zu seiner Identitätsfindung benötigte (...)".[4] Es war gerade diese Identitätsfindung, der Nikolaj S. Trubeckoj für das Beispiel Russland nachspürte.

Nikolaj S. Trubeckoj[5] ist unter Russlandhistorikern und -historikerinnen als Vertreter der "Eurasischen Schule" bekannt. Obwohl in der russischen Emigration der 1920er Jahre entstanden,[6] ist diese Denkschule, die bis heute in Russland äußerst populär ist, auf die klassische russische Geschichtsphilosophie um Konstantin Leontjev zurückzuführen.[7] Im Diskurs über die Rückkehr "Europas" in die Geschichte bzw. die Stellung Europas in der Globalgeschichte sind die Werke der "Eurasischen Schule" kaum rezipiert worden, abgesehen von einschlägigen Arbeiten im Fach "Osteuropäische Geschichte".[8] Die geschichtsphilosophischen Thesen der "Eurasier", wie sie u.a. in Trubeckojs "Ausgewählten Schriften zur Kulturwissenschaft" vertreten werden, sind ungeachtet ihrer Eigenartigkeit in den Kontext der europäischen Geschichtsphilosophie des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts (Oswald Spengler, Arnold Toynbee) einzuordnen.[9] Kennzeichnend für diese historische Epoche war die Kulturtypentheorie, die angesichts des gegenwärtigen "cultural turn" in der Geschichtswissenschaft neu überdacht werden müsste. Während der kulturdeterministische Ansatz (Aufstieg, Fortschritt, Verfall von Kulturen)[10], aufgeladen mit einer biologischen Terminologie, abzulehnen ist, erweist sich die Kritik am Eurozentrismus der europäischen Geschichtswissenschaft als innovativ.

Bei Nikolaj S. Trubeckoj verbindet sich jedoch die Kritik am Eurozentrismus mit der slavophilen Grundanschauung, die um eine neue Komponente angereichert wurde: der Ablehnung des Bol'ševismus als westlichen Import. Die Kritik der "Eurasier" ging dahin, alle Modernisierungsversuche in Russland seit Peter dem Großen als negativ anzusehen, weil sie eine europäische Vorherrschaft bedeuteten. Stattdessen konstruierten sie ein "orthodox-eurasisches Imperium", das auf dem byzantinischen wie auch auf dem tatarischen Modell beruhen sollte. Auf diese Weise entstand ein bizarres altrussisch-tatarisches Amalgam. Das Verhältnis Russlands zu Europa wird nach den Eurasiern folgendermaßen bewertet: Die moskovitischen Zaren haben die staatliche Organisation vom mongolischen Reich als "Erbe Cingis Khans" übernommen, das orthodoxe Christentum als fermentierende Reichsideologie von Byzanz entlehnt. Durch diese Vermischung sei der besondere Charakter Russlands als "eurasisches Imperium" entstanden, das sich maßgeblich durch seine byzantinisch-tatarischen Wurzeln von Europa unterscheide. Dies entspricht in der Kulturtypentheorie der Phase des Aufstiegs. Mit Peter dem Großen und seinen aus Europa entlehnten Reformen habe jedoch der Zerfall Russlands eingesetzt, der mit dem Bol'ševismus auf eine nationale Katastrophe zusteuere.[11]

So schrieb Nikolaj S. Trubeckoj in einem Brief an seinen Kollegen Petr N. Savickij vom 8.-10. Dezember 1930, zu einem Zeitpunkt, als sich in dem Eurasierkreis bereits Auflösungstendenzen bemerkbar machten: "Solange ich mich an der eurasischen Arbeit beteiligte, mußte ich davon überzeugt sein, daß ich für die russische Kultur arbeite und daß dies meine Pflicht sei. Aber ist dem wirklich so? Gibt es denn jene russische Kultur, für die wir zu arbeiten beabsichtigen? Und wer ist ihr Träger? Jede gedruckte Seite, die uns 'von da drüben' (die Sowjetunion, E.S) erreicht, überzeugt uns, daß dort bereits eine neue Kultur entstanden ist, die mit uns nichts gemein hat. Dasselbe bezeugen Treffen mit dortigen Leuten neuerer Generationen sowie Berichte ausländischer Beobachter. (...) Beim besten Willen können wir uns nicht der neuen proletarisch-russischen (...) Kultur anschließen, und jene Werte, die wir schaffen, werden in sie nicht eingehen. Diese Werte gehörten zur vorrevolutionären europäisch-russischen Kultur, die noch als Überbleibsel ihr Leben fristet, aber insgesamt jedoch schon mangels Fortsetzern offenkundig dem Untergang geweiht ist, und sie sind deren Schwanengesang. (...)"[12]

Durch die Hinwendung der Eurasier nach Osten (Byzanz, Tataren) wird ganz bewusst ein Gegensatz zu Europa geschaffen, dieser ergibt sich aus der mittelalterlichen Geschichte Russlands und erweist sich nach Meinung der Eurasier als unüberbrückbar. In diesem Zusammenhang rechnete Trubeckoj die Russen zu den nichteuropäischen Völkern, weil sie sich mit den Turkvölkern Eurasiens vermischt hätten. Trubeckojs besonderes Interesse an den Turkvölkern ist auf den Einfluss seines Lehrers Vsevolod F. Miller (1848-1913) zurückzuführen. Miller war ein auf den Kaukasus spezialisierter Ethnograph und Linguist, der sich für die indoeuropäische Sprachwissenschaft, vor allem für die Indoiranistik interessierte.[13] Trubeckoj lernte Miller im Jahr 1904 kennen und nahm über ihn seine Feldforschungen im Kaukasus auf.[14] Nach seiner Flucht vor dem Bürgerkrieg in Sowjetrussland wurde Trubeckoj 1920 Mitglied des eurasischen Kreises, der im bulgarischen Exil in Sofia um den Geographen und Historiker Petr N. Savickij (1895-1968), den Musikwissenschaftler Petr P. Suvcinskij (1892-1985) sowie den Theologen Georgij V. Florovskij (1893-1979) entstand. [15] Noch im gleichen Jahr erschien das grundlegende Buch Trubeckojs "Evropa i celovecestvo" (Europa und die Menschheit). Fedor Poljakov, Herausgeber der Schriften Trubeckojs, spricht zu Recht, dass es sich um einen heterogenen Kreis gehandelt habe, der sich durch seine "Leidenschaft für das Exzentrische" ausgezeichnet habe. Diese Exzentrik findet sich auch in Trubeckojs Werken. Es fehlte eine gegossene Ideologie.

Sicherlich ist an Trubeckojs Geschichtsbild vieles überzeichnet, manches auch falsch, doch redet er gegen die Verabsolutierung einer Kultur, spricht stattdessen von einer Gleichwertigkeit aller Kulturen. Trubeckoj lehnte es ab, die europäische Kultur zum Wertmaßstab einer Globalgeschichte zu machen. Er wehrte sich - zu Recht - gegen eine Marginalisierung Russlands durch die europäische Geschichtswissenschaft, die die russische Kultur und Geschichte am äußersten Rand Europas verortete. Vor diesem Hintergrund schuf Trubeckoj eine "Schicksalsgemeinschaft" zwischen den Russen und den orientalischen Völkern. Mehr noch, der Osten, d.h. der Orient, erscheint bei ihm als bessere Alternative zu Europa, der "romano-germanischen Kultur".[16] Der Orient ist bei Trubeckoj mit den positiven Eigenschaften Religiosität, Emotionalität und Kollektivismus belegt, Europa dagegen mit den negativen Attributen Säkularität, Rationalität und Individualismus. Trubeckoj redet damit einer positiven "Orientalisierung" Russlands das Wort, während Europa mit Russland und dem Orient Rückständigkeit verbindet. Mit der Hinwendung Russlands nach Osten, wird dieses gleichsam aufgewertet.

Die Erschütterungen des Ersten Weltkrieges und der Oktoberrevolution empfand Trubeckoj als zivilisatorische Krise, deren Ursache er im Nationalismus sieht. Dabei macht Trubeckoj eine chauvinistische und eine kosmopolitische Seite aus. Beides lehnt er ab, den Chauvinismus, weil er für eine Hierarchie unter den Völkern plädiert, den Kosmopolitismus, weil dieser sich für eine einheitliche menschliche Kultur ausspricht, in der alle Unterschiede zwischen den Kulturen nivelliert werden. Dagegen befürwortet Trubeckoj eine Gleichwertigkeit aller Kulturen, er kritisiert eine Idealisierung der europäischen Kultur. Allerdings wirft Trubeckoj den nichteuropäischen Kulturen (darunter auch der russischen) vor, sie hätten sich ständig nach dem Westen ausgerichtet und dabei die freie Entwicklung der eigenen Kultur vernachlässigt.

Hier bietet Trubeckoj nun ein alternatives Geschichtsbild an. Das Russländische Reich steht für ihn in der Tradition der mongolischen Imperiumsbildung. Den Abfall Finnlands, Polens und des Baltikums nach der Oktoberrevolution sieht er als "natürlichen" Prozess an, denn diese Gebiete hätten nie zum Reich des Cingis Khan gehört, seien also nicht eurasisch. "Eurasien" definiert Trubeckoj als "System der Steppe". Auch spricht er von einem anthropologischen Menschentyp, d.h. dem "Eurasier", einem Übergangstyp von Russen zu Tataren bzw. Mongolen, der durch das Zusammenleben in der Steppe geprägt worden sei. Auf diesen geografisch-anthropologischen Prämissen (Steppenraum, eurasische Übergangsrasse) beruhe die Einheit Eurasiens, die erst Cingis Khan auch in politischer Hinsicht hergestellt habe. Die These von der "politischen Einheit" wie auch "wirtschaftlichen Autarkie" ist jedoch m.E. zu verneinen: ob Cingis Khan eine imperiale Strategie bei seinen Eroberungen verfolgt hat, ist eher zu bezweifeln. Stattdessen etablierten sich unter seinen Nachfolgern Teilkhanate, die jeweils in Außen- wie auch Innenpolitik eigenständig agierten.[17] Die kulturellen Unterschiede in den von den Mongolen besetzten Gebieten (Russland, Iran, China) waren zudem viel zu groß und unüberbrückbar, um ein einheitliches Reich herzustellen. Außerdem standen sich Steppennomadismus und sesshafte Ackerkulturen diametral gegenüber, so dass man ebenso wenig von einer "wirtschaftlichen Autarkie" sprechen kann. Einem historischen Determinismus verfallen, sieht Trubeckoj den russischen Staat als "instinktiven" Nachfolger Cingis Khans. Den Tatareneinfall in Altrussland bewertet Trubeckoj insofern als positiv, als dadurch eine tiefe Religiosität ausgelöst worden sei. Durch die Zusammenarbeit mit den Tataren hätten die Moskauer Großfürsten Einblick in die imperiale Ideologie des mongolischen Imperiums gewonnen und diese zu ihrem eigenen machtpolitischen Vorteil genutzt. Zwar trat Ivan IV. nach der Zerschlagung der Khanate von Kazan', Astrachan' und Sibir' die territoriale Nachfolge der Tataren an, zu einer Ausformung einer imperialen Ideologie kam es jedoch erst unter Zar Peter dem Großen, was auch in der offiziellen Bezeichnung Russlands als "Rossijskaja imperija" (Russländisches Imperium) zum Ausdruck kam.

Die eurasische Debatte wirft Licht auf die langlebigen Vorstellungen von "Europa" in Russland auf, mit Trubeckoj übt ein russischer Gelehrter Kritik am Eurozentrismus. Zugleich bietet diese Kontroverse Einblick auf die Paradoxien der russischen Geschichte zwischen Europäisierung und Orientalisierung - oder anders ausgedrückt zwischen "europäischer Moderne" und "orientalischer Despotie". Trubeckoj verkörperte als maßgeblicher Gestalter der "eurasischen Idee" in seinem Wirken die intellektuellen Spannungen der russischen Gesellschaft zwischen der untergegangenen Autokratie und der noch ungeklärten Zukunft des sowjetischen Staates. In diesem geistigen Vakuum entstand die "eurasische Idee", die mit ihren geografischen Parametern den "spatial turn" in das russische Geschichtsdenken brachte. Interessant sind aber auch Trubeckojs Aussagen zur "Völkerpsychologie", im Unterschied zur deutschen und französischen Anthropologie, die von einer Hierarchie menschlicher Rassen ausging, nivelliert der von ihm entworfene eurasisch-turanische Menschentyp die Unterschiede. Ausgehend hiervon erklärt Trubeckoj die Gleichheit zwischen Ethnien und Rassen. Trubeckojs ethnische Kategorien und das Leitbild einer "eurasischen", supranationalen Identität des Russländischen Imperiums dürften auch für deutsche und russische Historiker, die sich mit der "Novaja Imperskaja Istorija" (Neuen Imperialgeschichte) beschäftigen,[18] von Interesse sein. Bisher ist das Konzept der Eurasier geistesgeschichtlich, weniger imperialgeschichtlich aufgearbeitet worden.[19] Trubeckojs kulturgeschichtliche Sichtweise wirft die Frage auf, wann und wie das moskovitische Russland den Schritt zur Imperiumsbildung vollzogen hat. Trubeckoj setzt den Übergang in die Zeit Ivans IV., als fermentierende imperiale Ideologie sieht er die russische Orthodoxie, die durch die Zeit der Tatarenherrschaft an Stärke gewonnen habe. Dem gegenüber stellt Trubeckoj die imperiale Ideologie, die seit Peter dem Großen entwickelt worden und insgesamt für Russland schädlich gewesen sei: die Europäisierung. Dem Europäisierungsgedanken Peters des Großen und seiner Nachfolger ist ein imperialer Duktus nicht abzusprechen. Eine imperiale Ideologie setzt ein territoriales Bewusstsein voraus. Zwar kann man darauf hinweisen, dass Ivan IV. mit der Annahme des Zarentitels im Jahr 1547 nach der Eroberung des Khanats von Kazan', das Erbe des Mongolenreiches beanspruchte,[20] doch ob ein territoriales Bewusstsein für die weiten Gebieten im Osten bestand, ist eher zu bezweifeln.[21] Dieses setzt erst unter Peter dem Großen mit der systematischen Kartographierung Sibiriens im Zuge der wissenschaftlichen Expeditionen ein.

Es stellt sich hier die weitergehende Frage, ob das Russländische Reich ein europäisches Imperium wie z.B. das British Empire oder Spanien darstellt, oder ob es nicht Besonderheiten aufweist. Das "eurasische" Imperialkonzept Trubeckojs wird insofern der russischen Geschichte gerecht, als es ein Kontinentalimperium ist, das durch fließende Übergänge zwischen russischem Kernland und asiatischen Peripherien charakterisiert ist. Diese fließenden Übergänge macht ja gerade der Begriff "Eur-asien" deutlich. Dass Fehlen natürlicher Grenzen bewirkte eine stärkere Interaktion zwischen dem Kernland und den Peripherien einerseits, den Peripherien (z.B. Sibirien - Mittelasien, Volga-Region-Kaukasus-Mittelasien) andererseits. Mark Bassin hat einmal davon gesprochen, dass die russischen Intellektuellen des 19. und 20. Jahrhunderts im Zuge der Europäisierung ein Gegenüber in Asien schufen,[22] bei Trubeckoj jedoch ist es eher ein Miteinander. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Blüte kulturgeschichtlicher Arbeiten, der Debatte um Hybridität und Multikulturalität spricht vieles für dieses "Miteinander der Kulturen". Doch darf dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass der russische Kolonisationsprozess mit Eingriffen in die soziale Struktur und in das Wirtschaftsleben der Nomaden verbunden war, was euphemistisch als "Zivilisierungsmission" tituliert wurde und in dieser Hinsicht den "Zivilisierungsmissionen" anderer europäischer Imperium in Übersee ähnelt. Bei aller Kritik an der "Europäisierung" fremder Kulturen (u.a. auch der russischen) blendet Trubeckojs Konzept des kulturellen Miteinanders im "eur-asischen" melting pot die "europäische Zivilisierungsmission" der Russen an den asiatischen Peripherien aus.



[1] Essay zur Quelle: Trubeckoj, Nikolaj S.: Ausgewählte Schriften zur Kulturwissenschaft (1920-1927). Zur Problematik des Begriffes "Sonderweg" siehe (bezogen auf Deutschland) Kalz, Wolf, Die Ideologie des 'deutschen Sonderwegs', Künzell 2004; Winkler, Heinrich August, Der lange Weg nach Westen, 6. Auflage, München 2005; Sheehan, James J., Paradigm Lost? The 'Sonderweg' Revised, in: Budde, Gunilla-Friederike (Hg.), Transnationale Geschichte. Themen, Tendenzen und Theorien, Göttingen 2006. Der Osteuropahistoriker Hans Hecker plädiert für die Legitimität verschiedener "Sonderwege" in der europäischen Geschichte. Siehe Hans Hecker, Gehört Russland zu Europa?, http://www.uni-duesseldorf.de/home/Jahrbuch/2003/PDF/Hecker.pdf, 23.02.2008.

[2] Wehler, Hans-Ulrich, Amerikanischer Nationalismus, Europa, der Islam und der 11. September 2001. Vortrag Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie der Universität Bielefeld am 14. Juni 2002 http://www.uni-bielefeld.de/Universität/Einrichtungen/Pressestelle/dokumente/Reden/Jahresempfang_Rede_Wehler.html, 23.02.2008; Replik dazu von Hans Hecker, Gehört Russland zu Europa?, http://www.uni-duesseldorf.de/home/Jahrbuch/2003/PDF/Hecker.pdf, 23.02.2008.

[3] Helmut Klüters provokante These ist auch nach über zehn Jahren immer noch aktuell. Siehe Klüter, Helmut, Rußland - Faktor der Entwicklung im Osten, in: Heinritz, G.; Wießner, R., Der Weg der deutschen Geographie. Rückblick und Ausblick. 50. Deutscher Geographentag, Band 4, Potsdam 1995, S.51. Vesa Oittinen spricht vom Eurasismus als einer "imperialen Ideologie". Zit. nach Kochanek, Hildegard, Die russische nationale Rechte von 1968 bis zum Ende der Sowjetunion. Eine Diskursanalyse, Stuttgart 1999, S.183.

[4] Poljakov, Fedor B., Nikolaj S. Trubetskoy. Russland - Europa - Eurasien. Ausgewählte Schriften zur Kulturwissenschaft, Wien 2005, S. 350.

[5] Fürst Nikolaj S. Trubeckoj (1890-1938) war seit 1923 Professor für Slavische Philologie an der Universität Wien. 1938 wurde er von der Gestapo verhaftet. Siehe Utechin, S.V., Geschichte der politischen Ideen in Rußland, Stuttgart 1966, S.421.

[6] Geistige Vorläufer der Eurasischen Denkschule der 1920er Jahre waren russische Schriftsteller der Jahrhundertwende, des sog. "Silbernen Zeitalters", Symbolisten wie z.B. Aleksandr Blok, die in ihrer Dichtung einem Panmongolismus bzw. Turanismus das Wort redeten. Siehe dazu insbesondere Nivat, G., Du "panmongolisme" au "Mouvement eurasien": histoire d'un thème littéraire, in: Cahiers du monde russe et soviétique, vol. 7, Nr. 3, 1966, S.460-478. Fedor B. Poljakov, der jüngst die Werke N.S. Trubeckojs neu herausgab, stellt fest, dass der Einfluss der Eurasier innerhalb russischer Emigrantenkreise eher marginal war. Auch an der Universität zu Wien blieb Trubeckoj mit seinen eurasischen Schriften isoliert. Siehe Poljakov, Nikolaj S. Trubetskoy, S. 315f.

[7] Trubeckoj hatte in seinem Elternhaus eine orthodoxe Erziehung erfahren, was sein späteres Weltbild prägte. Für ihn war die altrussische Epoche eine Zeit tiefer russischer Religiosität, die er seit Peter dem Großen verloren sah.

[8] Flamm, Stefanie, Oswald Spengler, Nikolaj A. Berdjaev und die sogenannten Eurasier: ein Beitrag zur Geschichte der deutschen und russischen Konservativen Revolution, Berlin 1996 (Magisterarbeit Freie Universität); Nitsche, Peter, Auszug nach Osten: Die Eurasier und die Geschichte Rußlands, in: Studia Eurasiatica: Kieler Festschrift für Hermann Kulke zum 65. Geburtstag, Hamburg 2003, S.287-316; Wiederkehr, Stefan, Die eurasische Bewegung: Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration der Zwischenkriegszeit und im postsowjetischen Russland, Köln 2007.

[9] Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte, München 1997; Toynbee, Arnold, Der Gang der Weltgeschichte, 2 Bände, Zürich 1949 und 1958 (übersetzt von Jürgen von Kempski). Vor allem in der westlichen Geopolitik wurde der Begriff "Eurasien" benutzt. Er wurde von dem österreichischen Geologen Eduard Suess (1831-1914) geprägt. Der britische Geopolitiker Halford Mackinder sah in Eurasien das "heartland" der Geopolitik, das die Ansprüche der britischen Seemacht bedrohe. Zur zeitgeschichtlichen Einordnung siehe auch Luks, Leonid, Die Ideologie der Eurasier im zeitgeschichtlichen Zusammenhang, in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, vol. 34, 1986, S.374-395.

[10] Spengler spricht z.B. vom Frühling, Sommer, Herbst und Winter einer jeden Kultur bzw. von Kulturen, die "mit urweltlicher Kraft aus dem Schoße einer mütterlichen Landschaft" entstanden seien. Siehe Spengler, Oswald, Der Untergang des Abendlandes, S.9. An anderer Stelle bezeichnet Spengler Kulturen als "Organismen". Ebenda, S.140. Siehe auch Kratochvil, A., Die russische Rezeption von Oswald Spenglers "Der Untergang des Abendlandes", in: Germanoslavica V (X), Nr. 2 (1998), S.177-198.

[11] Vgl. auch Poljakov, S.390. Andere Eurasier wie vor allem der Religionswissenschaftler und Kulturhistoriker Lev Karsavin lehnten den sowjetischen Staat nicht vollkommen ab, sondern waren der Ansicht, dass durch Übernahme der eurasischen Ideologie das System des Sozialismus in der Sowjetunion korrigiert werden könnte. Karsavin sprach hier von einem "Eurasianismus als Revision des Sozialismus". Siehe Frank, S., Eurasianismus: Projekt eines russischen "dritten Weges" 1921 bis heute, http://www. uni-klu.ac.at/eeo/Frank_Eurasianismus.pdf, S.200, 14.02. 2008. Zur Unterwanderung der Eurasier durch den sowjetischen Geheimdienst Ende der zwanziger Jahre siehe Poljakov, Nikolaj S. Trubetskoy, S.394. Der sowjetische Geheimdienst bezeichnete Nikolaj S. Trubeckoj als "Anführer eines weißgardistisch-faschistischen Zentrums in Wien". Ebenda, S.397.

[12] Zit. nach Poljakov, S.396.

[13] Bogdanov, V.V., Vsevolod F. Miller. K stoletiju so dnja roždenija (1848-1948). Ocerk iz istorii russkoj intelligencija i russkoj nauki, in: Ocerki istorii russkoj etnografii, fol'kloristiki i antropologii. Vypusk 10, Moskva 1988, S.110-174.

[14] Poljakov, Nikolaj S. Trubetskoy, S.343.

[15] Ebenda, S.347.

[16] Dieser Begriff in Abgrenzung zur slavischen Kultur ist bereits von Nikolaj Danilevskij, Protagonist des Panslavismus, geprägt worden. Siehe Frank, Eurasianismus, S. 205. Im 19. Jahrhundert ging man allgemein davon aus, dass weite Teile der Bevölkerung Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands kelto-germanischen Ursprungs sei. Siehe dazu auch Schäbler, Birgit, Religion, Rasse und Wissenschaft: Ernest Renan im Disput mit Jamal Al-din Al-Afghani, Themenportal "Europäische Geschichte", http://www.europa.clio-online.de, 28.11.2007, S. 3.

[17] Siehe dazu Weiers, Michael, (Hg.), Die Mongolen. Beiträge zu ihrer Geschichte und Kultur, Darmstadt 1986.

[18] Hier angeregt durch die Diskussion im angelsächsischen Raum. Siehe auch Vulpius, Ricarda, Das Imperium als Thema der Russischen Geschichte. Tendenzen und Perspektiven der jüngeren Forschung, in: Zeitenblicke. Online Journal für die Geschichtswissenschaften, 6 (2007), Nr. 2, S.1, 06.03.2008.

[19] Siehe die Arbeiten von Leonid Luks, Susi K. Frank und Stefan Wiederkehr.

[20] Siehe Kappeler, Andreas, Formirovanie Rossijskoj imperii v XV - nacale XVIII veka: nasledstvo Rusi, Vizantii i Ordy, in: Aleksej I. Miller (Hg.), Rossijskaja Imperija v Sravnitel'noj Perspektive. Sbornik Statej, Moskva 2004, S.94-112.

[21] Siehe Stolberg, Eva-Maria, Entdeckung und Eroberung Sibiriens im 16. und 17. Jahrhundert, in: Themenheft "Sibirische Völker" (Hg. Eva-Maria Stolberg), Periplus. Jahrbuch für Außereuropäische Geschichte, 2007, S.20-47.

[22] Bassin, Mark, Russia between Europe and Asia: The Ideological Construction of Geographical Space, in: Slavic Review 50 (1991), no. 3, S.763-794.


Literaturhinweise

  • Ignatow, Assen (Hg.), Aspects of the Evrazijstvo Movement, Dordrecht 2000.
  • Laruelle, Marlène, The Two Faces of Contemporary Eurasianism: An Imperial Version, in: Nationalities Papers, Vol. 32 (März 2004), Nr. 1, S.115-136.
  • Shlapentokh, Dmitry, Russia between East and West: Scholarly Debates on Eurasianism, Leiden 2007.
  • Wiederkehr, Stefan, Die eurasische Bewegung: Wissenschaft und Politik in der russischen Emigration und im postsowjetischen Russland, Köln 2007.

Nikolaj S. Trubeckoj: Ausgewählte Schriften zur Kulturwissenschaft (1920-1927)

Europa und die Menschheit[1] (1920)

Nicht ohne innere Erregung übergebe ich die vorliegende Arbeit der Öffentlichkeit. Die in ihr ausgesprochenen Gedanken kristallisierten sich in meinem Bewusstsein schon vor mehr als zehn Jahren. (...) Und da ich damals ausschließlich auf Verständnislosigkeit stieß, hielt ich die Zeit zur Veröffentlichung meiner Gedanken für noch nicht gekommen und wartete auf einen günstigeren Zeitpunkt. Wenn ich mich jetzt aber doch entschließe, sie im Druck erscheinen zu lassen, so deshalb, weil meine Grundthesen in der letzten Zeit in Unterhaltungen und Gesprächen immer öfter nicht nur Verständnis, sondern auch Zustimmung finden. Es stellt sich heraus, dass viele schon ganz selbständig zu denselben Ergebnissen gekommen sind wie ich. Offensichtlich ist im Denken vieler Gebildeter eine gewisse Richtungsänderung eingetreten. Der Weltkrieg und besonders der auf ihn folgende "Friede", den man heute noch mit Anführungszeichen schreiben muß, haben den Glauben an die "zivilisierte Menschheit" erschüttert und vielen die Augen geöffnet. Wir Russen befinden uns natürlich in einer besonderen Lage. Wir waren Zeugen des plötzlichen Zusammenbruchs dessen, was wir die "russische Kultur" nannten. Viele von uns überraschte die Schnelligkeit und Leichtigkeit, mit der sich dies vollzog, und viele begannen, über die Ursachen dieser Erscheinung nachzusinnen. (...) Darüber hinaus gehen meine Gedankengänge nicht nur die Russen, sondern auch alle anderen Völker an, die auf die eine oder andere Art die europäische Kultur angenommen haben, ohne selbst aber ihrer Abstammung nach Romanen oder Germanen zu sein.

Erstes Kapitel

Die Positionen, die jeder Europäer in bezug auf die nationale Frage einnehmen kann, sind recht zahlreich; aber sie liegen alle zwischen zwei äußersten Grenzen: dem Chauvinismus auf der einen und dem Kosmopolitismus auf der anderen Seite. Jeder Nationalismus stellt gleichsam eine Synthese von Elementen des Chauvinismus und des Kosmopolitismus dar, einen Versuch der Versöhnung dieser zwei Gegensätze. (...) Man muss nur den Chauvinismus und den Kosmopolitismus schärfer ins Auge fassen, um zu bemerken, dass es keinen grundsätzlichen, radikalen Unterschied zwischen ihnen gibt, dass es sich hier um nicht mehr als zwei Stufen, zwei verschiedene Aspekte ein und derselben Erscheinung handelt. Der Chauvinist geht von dem apriorischen Grundsatz aus, dass sein Volk das beste der Welt sei. Seinem Volk allein komme rechtmäßig der Vorrang und die Herrschaft über die anderen Völker zu; diese hätten sich ihm unterzuordnen, seinen Glauben, seine Sprache und Kultur anzunehmen und mit ihm zu verschmelzen. Alles, was dem endgültigen Triumph dieses großen Volkes entgegensteht, müsse mit Gewalt hinweggefegt werden. So denkt der Chauvinist, und demgemäß handelt er. Der Kosmopolit lehnt wiederum Nationalitätenunterschiede ab; wenn es solche Unterschiede gibt, so seien sie zu vernichten. Die zivilisierte Menschheit solle einheitlich sein und eine einheitliche Kultur haben. Unzivilisierte Völker müssten diese Kultur annehmen, sich ihr anschließen und nach ihrem Eintritt in die Familie der zivilisierten Völker mit diesen zusammen den eigenen Weg des Fortschritts der Welt gehen. Die Zivilisation ist das höchste Gut; nationale Besonderheiten sind in ihrem Namen zu opfern. In dieser Formulierung scheinen sich in der Tat Chauvinismus und Kosmopolitismus scharf voneinander zu unterscheiden. Der erstere postuliert die Herrschaft der Kultur einer ethnographisch-anthropologischen Individualität, der zweite beansprucht die Herrschaft für die Kultur der überethnographischen Menschheit. Betrachten wir jedoch, welchen Inhalt die europäischen Kosmopoliten in die Ausdrücke "Zivilisation" und "zivilisierte Menschheit" hineinlegen. Unter Zivilisation verstehen sie jene Kultur, die die romanischen und germanischen Völker in gemeinsamer Arbeit ausgebildet haben. (...) Bei der Beurteilung des europäischen Kosmopolitismus muss man stets berücksichtigen, dass die Ausdrücke "Menschheit", "gesamtmenschliche Zivilisation" usw. höchst ungenau sind und sich hinter ihnen ganz bestimmte ethnografische Begriffe verbergen. Die europäische Kultur ist nicht die Kultur der Menschheit; sie ist das geschichtliche Erzeugnis einer bestimmten ethnischen Gruppe. (...) Durch die Berührung mit den Denkmälern der griechischen und römischen Kultur rückte dabei die Idee einer übernationalen Weltzivilisation, die der griechisch-römischen Welt eigen war, in den Vordergrund. (...) Die antiken kosmopolitischen Ideen wurden in Europa zur Grundlage der Bildung. Auf dem günstigen Boden eines unbewussten Gefühls einer romanogermanischen Einheit schufen sie die theoretischen Grundlagen des sogenannten europäischen Kosmopolitismus, den man richtiger offen den gesamtromanogermanischen Chauvinismus nennen sollte. (...) Europäer (...), welche die Kultur der sogenannten "Wilden" der romanogermanischen für gleichwertig halten - solche Europäer kennen wir überhaupt nicht. Es gibt sie wohl nicht.

Sechstes Kapitel

Wie kann man nun gegen die unentrinnbare Europäisierung, die wie ein Alp auf uns lastet, ankämpfen? Auf den ersten Blick will es so scheinen, als ob dieser Kampf lediglich in Form eines allumfassenden Volksaufstandes gegen die Romanogermanen realisierbar wäre. Wenn die Menschheit - freilich nicht die, von der die Romanogermanen so gerne sprechen, sondern die wahre Menschheit, die zur Mehrheit aus Slaven, Chinesen, Indern, Arabern, Negern und anderen Stämmen besteht, die alle ohne Unterschiede der Hautfarbe unter dem schweren Joch der Romanogermanen stöhnen und ihre nationalen Kräfte verausgaben, um Rohstoffe für europäische Fabriken zu beschaffen - wenn also die ganze Menschheit sich zum gemeinsamen Kampf gegen ihre romanogermanischen Bedrücker vereinigen würde, so müßte es ihr, sollte man glauben, früher oder später gelingen, das verhaßte Joch abzuschütteln und diese Räuber und ihre ganze Kultur von Antlitz der Erde zu vertilgen. (...) Viele Völker machten sich anfänglich an die Entlehnung der europäischen Kultur in der Absicht, ihr nur das Notwendigste zu entnehmen. Im weiteren Entwicklungsverlauf aber unterlagen alle allmählich der Hypnose des romanogermanischen Egozentrismus: Sie vergaßen ihre anfänglichen Absichten und begannen wahllos alles zu entlehnen, indem sie den vollkommenen Anschluss an die europäische Zivilisation zu ihrem Ideal erhoben. Peter der Große wollte zu Beginn seiner Tätigkeit von den "Deutschen" (was damals sämtliche Fremden aus dem Westen bezeichnete) lediglich die Militär- und Marinetechnik übernehmen; allmählich ließ er sich allerdings vom Prozeß der Entlehnung hinreißen und übernahm vieles, was in unmittelbarer Beziehung auf das Hauptziel überflüssig war. Er blieb sich aber immer bewußt, daß Rußland früher oder später, sobald es einmal aus dem Westen alles übernommen haben würde, was es benötigte, Europa den Rücken kehren und die freie Entwicklung seiner Kultur weiterführen müßte, ohne sich ständig "nach dem Westen auszurichten". Aber er starb, ohne für würdige Nachfolger gesorgt zu haben. So verstrich für Rußland das ganze 18. Jahrhundert in würdeloser, oberflächlicher Nachäfferei Europas. Zu Ende dieses Jahrhunderts hatten romanogermanische Vorurteile die Geister in den oberen Schichten der russischen Gesellschaft schon völlig durchdrungen; das ganze 19. und der Anfang des 20. Jahrhunderts verliefen im Streben nach vollkommener Europäisierung aller Seiten des russischen Lebens. (...)

Das Erbe des Cingis Khan. Ein Blick auf die russische Geschichte nicht vom Westen, sondern vom Osten[2] (1925)

(...) Ein Blick auf die historische Karte reicht aus, um sich davon zu überzeugen, dass fast das gesamte Territorium der heutigen UdSSR einst einen Teil des Mongolischen Reiches bildete, das von dem großen Dschingis Khan gegründet wurde. Einige Teile des früheren Russischen Reiches, die in der nachpetrinischen Zeit angeschlossen wurden - Finnland, Polen, die baltischen Provinzen - gehörten dem Reich Dschingis Chans nicht an; sie sind allerdings auch von Russland abgefallen, weil sie keine historische, natürliche staatliche Bindung an Rußland hatten. (...) Die Angliederung Chivas und Bucharas, die unter den letzten russischen Zaren eine Scheinselbständigkeit hatten, an die UdSSR sowie die Ausrufung einer Sowjetrepublik in der Mongolei sind die Fortsetzung und Verfestigung der historischen Beziehung Russlands zum Reich des Dschingis Khan. (...) Aus historischer Perspektive stellt also jener zeitgenössischer Staat, den man sowohl Rußland als auch die UdSSR nennen kann, einen Teil des großen Mongolischen Reiches dar, welches von Dschingis Chan gegründet worden war. Dennoch läßt sich zwischen Rußland und dem Reich des Dschingis Khan kein Gleichheitszeichen setzten. (...) Hinsichtlich der geschichtlichen Kontinuität stellt Russland nicht das ganze Reich des Dschingis Chan dar, sondern lediglich den Kern dieses Reiches. (...) In geographischer Hinsicht kann das Territorium von Rußland als Kernland des Mongolischen Reiches mit Hilfe des folgenden Schemas definiert werden. Es gibt einen langen, mehr oder minder ununterbrochenen Streifen von waldlosen Ebenen und Hochplateaus, die sich fast vom Pazifischen Ozean bis zur Mündung der Donau hinziehen. Dieser Streifen lässt sich als das "System der Steppe" bezeichnen. (...).

(...) Die Bevölkerung dieses Erdteils (Eurasien) ist nicht einheitlich und gehört verschiedenen Rassen an. Zwischen den Russen auf der einen und den Burjaten oder Samojeden auf der anderen Seite besteht ein sehr großer Unterschied. Kennzeichnend ist indes, daß es zwischen diesen extremen Punkten eine ununterbrochene Reihe von Übergangsformen gibt. In bezug auf den äußeren anthropologischen Typ des Gesichts und des Körperbaus besteht kein deutlicher Unterschied zwischen den Großrussen und den Mordwinen oder Syrjanen (Komi) (...). Ihrem Typ nach sind die Finnen von Wolga und Kama (die Mordwinen, Wotjaken, Tscheremissen) sehr ähnlich den Turkstämmen der Wolga (den Tschuwaschen, Tataren, Meschtscherjaken). Ebenso geht der tatarische Typ allmählich in den Typ der Baschkiren und Kirgisen über, von denen wir durch gleichermaßen schrittweisen Übergang schließlich zum Typ der eigentlichen Mongolen, Kalmücken und Burjaten gelangen.

Das ganze Eurasien im obengenannten Sinne stellt daher eine bestimmte Einheit in geographischer und anthropologischer Hinsicht dar. Das Vorhandensein solcher ihrem natürlichen und wirtschaftlichen Charakter nach unterschiedlicher Teile wie Wälder, Steppen und Berge innerhalb dieser Einheit sowie eine natürliche geographische Verbindung zwischen ihnen erlaubt es, ganz Eurasien als eine autarke Wirtschaftszone zu betrachten. Dank dieser Umstände erscheint Eurasien seinem Wesen nach als geschichtlich dazu prädestiniert, eine staatliche Einheit zu bilden.

Die staatliche Vereinigung Eurasiens war von Anfang an eine historische Notwendigkeit. Zugleich zeigte die Natur Eurasiens selbst die Art und Weise dieser Vereinigung auf. In den ältesten Zeiten konnten nur Flüsse und Steppen als Kommunikationswege dienen; Berge und Wälder waren hierzu wenig geeignet, und die Tundra konnte diesbezüglich überhaupt nicht berücksichtigt werden, denn dieses Gebiet trotzte jedweder menschlichen Befähigung.

(...) Eurasien stellt ein bestimmtes, in geographischer, ethnologischer und wirtschaftlicher Hinsicht einheitliches, integriertes System dar, dessen staatliche Vereinigung historisch notwendig war. Dschingis Chan vollbrachte als erster diese Vereinigung, und nach ihm drang das Bewußtsein einer solchen Einheit in alle Teile Eurasiens vor, obwohl es nicht immer erkennbar blieb. Im Laufe der Zeit begann diese Einheit gestört zu werden. Der russische Staat strebte und strebt instinktiv danach, diese gestörte Einheit wiederherzustellen und ist daher der Erbe, Nachfolger und Fortsetzer der historischen Tat Dschingis Chans.

(...) Die Niederlage der Teilfürstentümer und unabhängigen Städte der Rus' infolge der Mongoleninvasion und der Anschluss dieser Rus' an den Mongolenstaat bildeten die Ursache tiefster Erschütterungen in den Herzen und Köpfen der Russen. Mit der seelischen Depression, einem heftigen Gefühl der Erniedrigung des Nationalstolzes ging ein starker neuer Eindruck von der Größe einer fremden Staatsidee einher. Eine tiefe seelische Erschütterung ergriff alle Russen (...). Die wichtigste und grundlegende Erscheinung jener Zeit war ein überaus starker Aufschwung des religiösen Lebens. Die Tatarenzeit war für Altrußland vor allem eine religiöse Epoche. Das fremde Joch wurde vom religiösen Bewußtsein als Strafe Gottes für Sünden wahrgenommen (...). Zu jener Zeit läßt sich eine lebhafte schöpferische Tätigkeit auf allen Gebieten der religiösen Kunst verzeichnen, einen verstärkten Aufschwung erlebt sowohl die Ikonenmalerei als auch die Kirchenmusik und der Bereich der religiösen Literatur (...) Diese mächtige religiöse Bewegung war eine natürliche Begleiterscheinung jener Neubewertung der Werte, jener Enttäuschung vom Leben, die durch den heftigen Schlag des Tatareneinfalls hervorgerufen worden war. Zugleich kam als Reaktion auf das erdrückende Gefühl der nationalen Erniedrigung ein flammendes Gefühl der Ergebenheit gegenüber dem eigenen nationalen Ideal auf.

(...) Infolge des Tatarenjochs ergab sich nun in Rußland eine recht komplizierte Lage. Parallel mit der Aufnahme der Technik der mongolischen Staatlichkeit musste es zur Aneignung gerade des Geistes dieser Staatlichkeit mit all ihren ideologischen Grundlagen als fremd und dazu noch vom Feind stammend aufgefaßt werden, machte die Größe ihrer Idee, insbesondere verglichen mit dem kleinkarierten Charakter der Vorstellungen von Staatlichkeit zur Zeit der Teilfürstentümer, dennoch einen starken Eindruck, auf den man nun irgendwie reagieren musste. (...) Die tatarische Staatsidee war inakzeptabel, da sie fremd war und vom Feind stammte. Sie war jedoch eine große Idee mit einer Anziehungskraft, der man sich nicht entziehen konnte. Folglich mußte man die in ihrer Fremdheit und im feindlichen Charakter liegende Inakzeptanz um jeden Preis überwinden. In anderen Worten, man mußte sie von ihrem Mongolentum trennen, sie mit der Orthodoxie verbinden und zur eigenen, russischen Staatsidee erklären. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe wandte sich der russische Nationalgedanke den byzantinischen Staatsideen und Traditionen zu und fand darin das geeignete Gut, der mongolischen Staatlichkeit orthodoxen und russischen Charakter zu verleihen. (...) Auf jeden Fall ist zu berücksichtigen, daß Rußland lange vor dem Tatarenjoch das orthodoxe Byzanz kannte und daß in der Zeit des Jochs die Größe von Byzanz bereits zu schwinden begann. Zugleich nahmen die byzantinischen Staatsideologien, die zuvor keine Verbreitung in Rußland gefunden hatten, gerade zur Zeit des Jochs im russischen Nationalbewußtsein eine zentrale Stellung ein, aus welchem Grund auch immer. Das zeigt deutlich, daß nicht das Prestige von Byzanz die Übernahme dieser Ideologien bedingte, sondern daß man vielmehr die byzantinischen Ideologien nur dazu gebrauchte, die ihrer Herkunft nach mongolische Staatsidee, mit der Rußland real konfrontiert wurde, sobald es Teil des Mongolenreichs und dessen Provinz wurde, mit der Orthodoxie zu verbinden und sich auf diese Weise anzueignen.

(...) Die Moskauer Großfürsten wurden schrittweise zu lebendigen Trägern der neuen russischen Staatlichkeit. Inwieweit sie von Anfang an wirklich die "Sammler des russischen Landes" waren, läßt sich heute freilich kaum entscheiden. Möglicherweise paßten sie sich zunächst an das mongolische Regime an und versuchten dabei, möglichst viel persönlichen Vorteil daraus zu ziehen, indem sie sich von einfachem Egoismus und nicht von patriotischen Überlegungen leiten ließen. Später begannen sie, mit den Tataren zusammenzuarbeiten, und verinnerlichten staatliche Vorstellungen größeren Ausmaßes, wobei sie sich vielleicht Rußland noch nicht anders denn als Provinz des Mongolischen Staates vorstellten. Schließlich begannen sie, bewußt gegen den Chan der Goldenen Horde zu arbeiten, und versuchten, selbst seinen Platz dem russischen Land gegenüber einzunehmen, später dann auch gegenüber den anderen Ländern, die Untertanen der Goldenen Horde waren.

(...) Ein wichtiger historischer Moment war (...) die Ausbreitung der Macht Moskaus auf einen bedeutenden Teil des Territoriums, das einst der Goldenen Horde untertan gewesen war, in anderen Worten - die Ersetzung des Chans der Goldenen Horde durch den Moskauer Fürsten, mit der Überführung des Chansitzes nach Moskau. Dies fand unter Ioann (Ivan, E.S.) dem Schrecklichen nach der Eroberung von Kazan', Astrachan' und Sibirien statt.

(...) Obwohl sich die Begründung der Moskauer (Staatlichkeit) von jener der mongolischen deutlich unterscheidet, lassen sich zwischen den beiden Ideologien dennoch Merkmale einer inneren Verwandtschaft feststellen. Man kann gewiß annehmen, daß die Moskauer Staatlichkeit nicht nur im Hinblick auf territoriale Aspekte und einige Besonderheiten der staatlichen Organisation die Nachfolgerin der mongolischen war, sondern auch im Hinblick auf ihren ideologischen Gehalt. Hier wie dort erschien als Staatsgrundlage und Merkmal der Zugehörigkeit zum Staat eine bestimmte Form des Alltagslebens, die mit einer bestimmten psychologischen Position untrennbar verbunden war. Im Reich Dschingis Khans bildete dies die Lebensordnung der Nomaden, im Moskauer Staat das orthodoxe bekennende Alltagsleben. (...) Hier wie dort gründete sich die staatliche Disziplin auf der ausnahmslosen Unterwerfung aller Staatsangehörigen und des Monarchen selbst einem nicht irdischen, sondern göttlichen Prinzip, und die Subordination des Menschen einem anderen und aller Menschen dem Monarchen wurde als Folge der universellen Unterwerfung unter das göttliche Prinzip begriffen, dessen irdisches Instrument der Monarch war. (...) Die Rolle der nomadischen Alltagsordnung in Dschingis Chans System, die mit keiner bestimmten Religion, wohl aber mit bestimmten ethnographischen und geographischen Bedingungen verbunden war, wurde im Moskauer Staat von dem orthodoxen bekennenden Alltagsleben übernommen, einem organischen Zusammenfließen des Alltagslebens mit einer bestimmten Religion, das im Grunde von keinen ethnographischen und geographischen Bedingungen abhängig war. (...) Die Merkmale, durch die sich das russische staatlich-ideologische System von dem Dschingis Chans unterschied, bildeten den Vorzug der russischen Staatlichkeit gegenüber der mongolischen: Denn die Schwächen des mongolischen Systems bestand ja im Fehlen einer festen Verbindung zwischen der ihrem Charakter nach religiösen Staatsideologie und den Dogmen einer bestimmten Religion, in der Kluft zwischen einer breit entfalteten Staatlichkeit und der primitiven Formlosigkeit des Schamanismus, in der praktischen Unzulänglichkeit ethnographisch und geographisch begrenzter und historisch determinierter nomadischer Lebensordnung. Die Moskauer Staatlichkeit war auch frei von jenem Nachteil der mongolischen, den der Herrschaftsanspruch auf die alten asiatischen Reiche darstellte; denn nach etwas, was man zwar erobern, aber nicht behalten kann, zu greifen, schwächt einen Staat zweifellos, und Dschingis Chans Versuch eines panasiatischen Imperialismus führte unvermeidlich zur Unterwerfung seines Reichskerns unter den Kultureinfluss der eroberten Peripherien. Dabei entstand eine Inkongruenz zwischen den Zentren der Macht und denjenigen der Kultur. Durch den Anschluß an Moskau erlangte die eurasische Welt zum erstenmal ihre kulturelle Eigenständigkeit, vergleichbar mit jener der alten asiatischen Reiche, Chinas und Persiens. Und diese kulturelle Eigenständigkeit verlieh dem Staat Festigkeit, Stabilität und Widerstandskraft.

(...) Die Moskauer Staatlichkeit stand vor einer Aufgabe, die dem mongolischen Reich unbekannt war - der Verteidigung gegen den Westen. Ein bedeutender Teil Eurasiens, die ganze Ukraine und Weißrußland, geriet unter die Herrschaft des katholischen Polens, dieses europäischen Vorpostens im Osten, und es gelang nur mit großer Mühe, die Gebiete dieser ursprünglich eurasischen und russischen Länder mit der eurasischen Welt unter Moskau wiederzuvereinigen. Es gab jedoch nicht allein Polen. Im Nordwesten kündigte sich die Gefahr einer schwedischen Invasion an, und auch andere Länder, die keine unmittelbaren Nachbarn Rußlands waren, streckten über den Seehandel gierig ihre Hände nach den Reichtum Rußland-Eurasiens aus. Man mußte sich notgedrungen verteidigen, was Rußland vor eine weitere Notwendigkeit stellte - sich europäische Militärtechnik anzueignen. Die Militärtechnik bedingte ihrerseits die Notwendigkeit der Aufnahme der industriellen Technik. Die Lage war kompliziert. Einerseits mußte man zu Verteidigungszwecken etwas von Europa übernehmen, etwas dazulernen; andererseits bestand die Befürchtung, in kulturelle und geistige Abhängigkeit von Europa zu geraten. Da die Völker Europas nicht orthodox waren, sich aber zu Anhängern der christlichen Glaubenslehre zählten - womit sie vom russischen Standpunkt aus Häretiker waren -, wurde der Geist Europas insgesamt von den Russen als häretisch, sündhaft, antichristlich und satanisch verstanden. Die Gefahr, von einem solchen Geist verseucht zu werden, war also besonders groß.

Die Moskauer Zaren waren sich über den komplizierten Charakter dieser Lage im klaren und zögerten lange, sich an die Erlernung technischer Fähigkeiten zu machen. Sie beschränkten sich auf halbherzige Maßnahmen, nahmen europäische Techniker, Meister und Lehrer in ihre Dienst, hielten sie jedoch isoliert und achteten streng darauf, daß sie möglichst wenig Umgang mit den Russen hatten. Das konnte freilich die Probleme nicht lösen. Früher oder später war man gezwungen, entschieden den Weg zur Übernahme europäischer Technik einzuschlagen und zugleich radikale Vorkehrungen gegen die Ansteckung mit dem europäischen Geist zu treffen.

Die Lösung der Aufgabe, sich die europäische Technik anzueignen, übernahm Peter I. Er ließ sich von ihr so leiten, daß diese Aufgabe für ihn fast zum Selbstzweck ausartete, und er ergriff auch keine Maßnahmen gegen die Verseuchung durch den europäischen Geist. Die Aufgabe wurde genauso gelöst, wie man sie nicht hätte lösen sollen, und es kam gerade das zustande, was am meisten zu befürchten war: Die äußere Stärke wurde um den Preis der vollständigen kulturellen und geistigen Versklavung Rußlands durch Europa erkauft.

(...) Peter I. gab also den Ton für die gesamte nachfolgende Geschichte Rußlands an. Mit ihm beginnt eine neue Periode, die man als Periode der antinationalen Monarchie bezeichnen kann. (...) Unter solchen Umständen war Rußland nicht in der Lage, sich auf seinem natürlichen, vorgezeichneten Weg weiterzuentwickeln. In der ganzen nachpetrinischen Epoche folgte Rußland schon nicht mehr seinem natürlichen historischen Weg, sondern wich ungerechtfertigterweise davon ab, zugunsten von falschen Vorstellungen über die russische Geschichte. Dies zeigte sich gleichermaßen in der Außen- wie auch Innenpolitik. In beiden Bereichen ließ sich die oberste Macht, ihrem Wesen nach antinational, nicht von den eigenen historischen Traditionen, sondern vom Vorbild der europäischen Staaten leiten.

Über die Sowjetmacht (1923)[3]

(...) Das Handeln der Sowjetmacht bleibt die Fortsetzung jenes Kurses, der bereits von Peter I. eingeschlagen wurde. (...) Für Peter I. und die nachfolgenden Monarchen bestand das Ideal in der Schaffung eines großen europäischen Staates aus russischem Material, der in nichts den anderen europäischen Staaten nachstehen sollte. Die gegenwärtige Regierung strebt dagegen an, aus demselben Material gerade jenen sozialistischen Staat zu errichten, von dem die europäischen Sozialisten schon seit langem träumen. In beiden Fällen handelt es sich um ein fremdes Ideal, und seine Beziehung zum russischen Material ist keine natürliche, sondern eine künstliche. Um sich diesen Idealen zu nähern, ist es in beiden Fällen nötig, alles zu zerstören und gegen den natürlichen Widerstand des russischen Materials, das den fremden Schablonen nicht entspricht, vorzugehen. (...) In der Innenpolitik läßt sich die Fortsetzung desselben Gehabes wie in der nachpetrinischen Epoche beobachten. Aus dem "dummen Russen" einen Europäer zu machen, ist schwierig; zunächst muß man die Dummheit mit der Keule aus ihm herausprügeln, ihn dazu zwingen, sein eigenes nationales Antlitz zu vergessen. (...) Der Unterschied betrifft nur die Ausmaße des Ganzen, denn während Peter I. sein Ziel auf die Europäisierung des Adels beschränkte, im Glauben, dieser werde die Europäisierung schon selbst in den anderen Bevölkerungsschichten fortsetzen, griff sich die Sowjetmacht die Volksmassen unmittelbar heraus. (...) Die Sowjetmacht erscheint nicht als Widersacher, sondern vielmehr als Fortsetzerin der gesamten antinationalen Europäisierungspolitik der nachpetrinischen Monarchie. Und wie merkwürdig und paradox dies auch scheinen mag, so liegt der Grund dafür darin, daß sich die Sowjetmacht zum Kommunismus bekennt. Würde sie sich vom Kommunismus, der von der europäischen Zivilisation hervorgebracht wurde, lossagen, so wäre ihre Verbindung mit dieser Zivilisation beendet, und die Arbeit an der Festigung und Entwicklung der national-historischen Existenz Rußlands könnte einsetzen. Das wäre in der Tat der Beginn einer neuen Ära in der russischen Geschichte, der Epoche der bewußten Verwirklichung der nationalen historischen Aufgaben und der Schaffung einer neuen Kultur nicht nach fremden europäischen Mustern und Rezepten, sondern von innen heraus, entsprechend den Aufgaben und Besonderheiten des realen Rußlands (...). Wie vor der Revolution bleibt Rußland eine Provinz der europäischen Zivilisation, zudem noch ein Experimentierfeld für die riskante Anwendung von Theorien träumerischer europäischer Publizisten, für Experimente, für die den Europäern ihr eigenes "wertvolles" menschliches Material allzu schade ist. (...) Mit der Zerstörung der geistigen Grundsätze des russischen Lebens und der nationalen Eigenart, mit der Einführung der in Europa und Amerika praktisch vorherrschenden materialistischen Weltanschauung in Rußland, mit der Erziehung Rußlands nach Ideen, die von europäischen Theoretikern entworfen wurden und harmonisch aus dem Boden der europäischen Zivilisation hervorgingen, verfestigt die kommunistische Regierung das Land als Provinz der europäischen Zivilisation und bestätigt die geistige Vereinnahmung Rußlands durch Europa, eine Vereinnahmung, deren Anfang Peter I. machte. Und dies ist letzten Endes von Vorteil für die Europäer. Der insgeheime Wunsch jedes Europäers ist es, alle Völker des Erdballs ihrer Eigenart berauben, alle eigenen und selbständigen Kulturen und Antlitze zu zerstören, ausgenommen das eine, europäische, das im Grunde genommen auch ein nationales ist (denn es wurde von den keltisch-germanischen Völkern geschaffen, die eine gemeinsame Geschichte hatten ...), das jedoch den Anspruch auf universale Geltung erhebt. Geht dieser Traum, in der ganzen Welt eine "universelle" (romano-germanische) Kultur einzurichten, in Erfüllung, so wird er alle Völker der Welt zu Europäern zweiter und dritter Klasse stempeln (...).

Werfen wir nun einen flüchtigen Blick zurück auf das zuvor gezeichnete Bild der historischen Entwicklung Rußland-Eurasiens. Die eurasische Welt stellt eine in sich geschlossene und vollendete geographische, ökonomische und ethnische Einheit dar, die sich sowohl vom eigentlichen Europa als auch vom eigentlichen Asien unterscheidet. Die Natur selbst weist die Völker des eurasischen Territoriums auf die Notwendigkeit hin, sich in einem Staat zu vereinen und ihre jeweiligen Nationalkulturen gemeinsam in der Zusammenarbeit zu schaffen. Die staatliche Vereinigung Eurasiens wurde erstmals von Turanern in der Person Dschingis Chans vollbracht, und anfangs waren die Träger der gemeineurasischen Staatlichkeit turanische Nomaden. Dann, als das staatliche Pathos der Turaner seinen Niedergang erfuhr und der national-religiöse Aufstieg des russischen Stammes seinen Anfang nahm, ging die gemeineurasische Staatlichkeit von Turanern auf die Russen über, die ihre Nachfolger und Träger wurden. (...)

Russische Selbsterkenntnis: Über das turanische Element in der russischen Kultur[4]

(...) Um die Frage zu beantworten, auf welche Weise und worin sich der turanische psychologische Typ im russischen Nationalcharakter widerspiegeln könnte und welche Bedeutung diese Merkmale turanischer Psyche in der russischen Geschichte hatten, muss man sich zunächst den turanischen psychologischen Typ deutlich und konkret (...) vorstellen. Ein typischer Vertreter der turanischen Psyche zeichnet sich im Normalzustand durch seelische Klarheit und Ruhe aus. (...) [Es] fließen äußere Eindrücke, Gedanken, Handlungen und Alltag zu einem einheitlichen und trennbaren Ganzen zusammen. Die Folge sind Klarheit, Ruhe und eine Art Autarkie. (...) Was den sozialen und kulturellen Wert des turanischen psychologischen Typs betrifft, so ist dieser durchaus als positiv zu erachten. Die turanische Psyche verleiht einer Nation kulturelle Stabilität und Kraft, verfestigt die kulturhistorische Kontinuität und schafft allgemein günstige Bedingungen für einen sparsamen Umgang mit nationalen Ressourcen. (...) Diese positive Seite der turanischen Psyche hat sich in der russischen Geschichte zweifellos günstig ausgewirkt. Äußerungen gerade dieses normalen Aspekts der turanischen Psyche lassen sich unschwer in der vorpetrinischen Moskauer Rus' erkennen. Die ganze Lebensordnung, in der der Glaube und der Alltag eine Einheit bildeten, das "Glaubensbekenntnis durch Alltagsleben", bei dem sowohl die staatlichen Ideologien als auch die materielle Kultur, die Kunst, die Religion untrennbare Bestandteile eines einheitlichen Systems waren, das zwar keinen theoretischen Ausdruck fand und nicht bewußt formuliert wurde, jedoch im Unterbewußtsein jedes Einzelnen vorhanden war und sowohl sein Leben als auch die Existenz der nationalen Einheit bestimmte - all das trägt gewiß den Ausdruck des turanischen psychologischen Typs. (...) Wenn einige oberflächliche ausländische Beobachter im alten Rußland nichts anderes zu bemerken vermochten als die unterwürfige Haltung des Volkes gegenüber den Vertretern der Macht und eine ebensolche dieser Vertreter dem Zaren gegenüber, so war diese Beobachtung ohne jeden Zweifel falsch. Denn bedingungslose Unterordnung stellt den Kern der turanischen Staatlichkeit dar (...). (...) Etwa zweihundert Jahre (nach der mongolischen Herrschaft) später erschien Peter der Große und "stieß das Fenster nach Europa auf". Durch dieses Fenster hielten die europäischen Ideen Einzug. Es begann die Europäisierung der herrschenden Klasse und verstärkte Aufnahme von Ausländern in diese. Das wohlproportionierte "unterbewußte philosophische System", welches die Religion, Kultur, das Alltagsleben und den staatlichen Bau des Moskauer Rußland zu einem Ganzen vereinte und auf dem sich das gesamte russische Leben gründete, begann zu zerfallen. Infolgedessen mußte allein der rohe, gewaltsame Zwang als Grundlage der Staatlichkeit dienen. (...) Es ist sicherlich nicht übertrieben, diese Periode der russischen Geschichte als Epoche des "europäischen" oder "romanogermanischen Jochs" zu bezeichnen. Nun ist Rußland aus ihm herausgetreten, jedoch in der neuen Gestalt der UdSSR. Wie der Bolschewismus das Ergebnis des zweihundertjährigen romano-germanischen Jochs ist, war auch die Moskauer Staatlichkeit das Ergebnis des tatarisch-mongolischen Jochs. Der Bolschewismus zeigt deutlich, was Rußland in jener Zeit von Europa gelernt hat, auf welche Weise es die Ideale der europäischen Zivilisation verstanden hat und wie diese Ideale aussehen, wenn man sie in die Praxis umsetzt. Er ist das Ergebnis, aufgrund dessen man über den schädlichen oder fördernden Charakter des romanogermanischen Jochs urteilen muß. Und wenn man nun diese zwei Schulzeugnisse miteinander vergleicht, das Zeugnis der tatarischen Schule und das Zeugnis der romanogermanischen Schule, so gelangt man unfreiwillig zu dem Schluß, daß die tatarische Schule ja gar nicht so schlecht war.


[1] N.S. Trubeckoj, Evropa i celovecestvo, in: Vestnik Moskovskogo Universiteta, serija 9 (filologija), Nr. 1, 1992, S.66-88, Nr. 2, S.71-90.

[2] N.S. Trubetskoj, Nasledie Cingischana. Vzgljad na russkuju istoriju ne s Zapada, a s Vostoka (1925), in: Vestnik Moskovskogo universiteta, serija 9, Nr. 4, 1991, S.33-78.

[3] N.S. Trubeckoj, U dverej (Reakcija? Revoljucija?), in: Evrazijskij vremennik, vol. 3, Berlin 1923, S.107-124.

[4] N.S. Trubeckoj, O turanskom elemente v russkoj kul'ture, in: Vestnik Moskovskogo Universiteta, serija 9, Nr. 6, 1990, S.60-77.


Für das Themenportal verfasst von

Eva-Maria Stolberg

( 2008 )
Zitation
Eva-Maria Stolberg, Russland, Europa und Eurasien Nikolaj S. Trubeckoj über Russlands "Sonderweg", in: Themenportal Europäische Geschichte, 2008, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1463>.
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