Missionsland Europa Katholische Aktion und ‚missionarische Bewegung’ im französischen und deutschen Katholizismus der 1940er Jahre

Mit der Neuzeit begann in Europa zugleich das Zeitalter der Mission. Die koloniale Expansion in die ‚neue Welt’ führte zu einem mehr oder weniger unter Zwang erfolgten globalen Christianisierungsschub, die Glaubensspaltung auf dem Kontinent zu neuen kriegerischen und kontroversen theologischen Versuchen, die jeweils Andersgläubigen auf den richtigen Pfad der Gotteslehre zurückzuführen. Die äußere ‚Heidenmission’ ging somit stets mit einer ‚Heimatmission’ einher, die dann vor allem seit dem 19. Jahrhundert eine immer größere Bedeutung für die Geschichte des europäischen Christentums entfaltete. Man denke nur an die ‚Innere Mission’, die August Hinrich Wichern in den 1830er Jahren aus sozialprotestantischem Geist ins Leben rief, oder an die zahlreichen ‚Volksmissionen’, die katholische Ordensgeistliche nach der Revolution von 1848 aus dem Arsenal der Gegenreformation hervorholten, um die durch die diversen Modernisierungsschübe des 19. Jahrhunderts verwirrten Schäfchen bei der Herde zu halten. [...]

Missionsland Europa. Katholische Aktion und ‚missionarische Bewegung’ im französischen und deutschen Katholizismus der 1940er Jahre[1]

Von Klaus Große Kracht

Mit der Neuzeit begann in Europa zugleich das Zeitalter der Mission. Die koloniale Expansion in die ‚neue Welt’ führte zu einem mehr oder weniger unter Zwang erfolgten globalen Christianisierungsschub, die Glaubensspaltung auf dem Kontinent zu neuen kriegerischen und kontroversen theologischen Versuchen, die jeweils Andersgläubigen auf den richtigen Pfad der Gotteslehre zurückzuführen. Die äußere ‚Heidenmission’ ging somit stets mit einer ‚Heimatmission’ einher, die dann vor allem seit dem 19. Jahrhundert eine immer größere Bedeutung für die Geschichte des europäischen Christentums entfaltete.[2] Man denke nur an die ‚Innere Mission’, die August Hinrich Wichern in den 1830er Jahren aus sozialprotestantischem Geist ins Leben rief, oder an die zahlreichen ‚Volksmissionen’, die katholische Ordensgeistliche nach der Revolution von 1848 aus dem Arsenal der Gegenreformation hervorholten, um die durch die diversen Modernisierungsschübe des 19. Jahrhunderts verwirrten Schäfchen bei der Herde zu halten. Urbanisierung, Industrialisierung und die Konkurrenz neuer weltanschaulicher Deutungsangebote hatten den Einfluss der traditionellen Kirchen in diesem Jahrhundert weit zurückgedrängt. Die Kirchenstatistiken sprechen eine eindeutige Sprache: In Deutschland hatte vor allem der bürgerliche Protestantismus erhebliche Einbußen zu verzeichnen; der Katholizismus konnte seine Besitzstände hier zwar zunächst noch bewahren, in Frankreich hatte er hingegen in manchen Regionen einen Einbruch erlitten, von dem er sich nicht mehr wieder erholen sollte. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war Europa zum Missionsland geworden.[3]

Ungeachtet aller politischen Zäsuren und Erschütterungen setzte sich dieser Trend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fort, ohne dass zumindest die katholische Kirche ihr pastorales und ekklesiologisches Selbstverständnis diesen Säkularisierungs- und Entkirchlichungstrends angepasst hätte. In der Tat sollte es noch bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) dauern, bis sie ihre Augen für die ‚Zeichen der Zeit’ öffnete und sich von den alten Hoffnungen einer religiösen Gesamtintegration moderner Gesellschaften löste. Das Konzil war dabei ebenso ein Bruch mit der vorangegangenen lehramtlichen Tradition, wie es Resultat eines reformorientierten Binnendiskurses war, in dem sich im zweiten Drittel des 20. Jahrhunderts ein neues Selbstverständnis kirchlich-katholischer Präsenz in den zunehmend entkirchlichten Gesellschaften Europas artikulierte. Die sogenannte ‚missionarische Bewegung’ der 1930er und 1940er Jahre hatte hieran großen Anteil.

I.

Bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zeichnete sich immer deutlicher ab, dass die katholische Kirche mit ihren überlieferten pastoralen Mitteln und ihrem herkömmlichen klerikalen Personal den Herausforderungen der Zeit nicht mehr gewachsen war. Nicht mehr bloßer Sakramentenempfang, sondern „Großstadtseelsorge“ und „Laienapostolat“ waren die neuen Schlagworte, mit denen sie das durch Urbanisierung und Modernisierung sowie nicht zuletzt durch die diversen Kulturkämpfe des 19. Jahrhunderts verlorene gesellschaftliche Terrain zurückzuerobern versuchte.[4] Ganz in diesem Sinne rief Pius XI. (1922-1939) in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg die Gläubigen zur „Katholischen Aktion“ auf, um die Belange der Kirche in den jeweiligen nationalen Öffentlichkeiten nachdrücklich zu vertreten. Nicht nur die Kleriker, sondern auch die Laien sollten nunmehr im engen Schulterschluss mit der Kirchenführung für die Verchristlichung der Welt, die „Königsherrschaft Christi“, streiten und so den Kampf der Kirche gegen die Auswüchse des modernen „Laizismus“ – dieser „Pest unserer Zeit“, wie Pius XI. 1925 schreiben sollte – unterstützen.[5]

In vielen europäischen Ländern setzte daraufhin eine intensive Diskussion der Zielsetzung und Organisationsformen der „Katholischen Aktion“ ein, so in Frankreich, Österreich, Polen und anderswo. Eine wichtige Stimme innerhalb des innerkirchlichen Diskussionsprozesses in Deutschland kam während der Zwischenkriegszeit dem damaligen Spiritual des Osnabrücker Priesterseminars und späteren Münsteraner Bischof Michael Keller zu, der 1933 einen schmalen Band mit dem bündigen Titel Katholische Aktion. Eine systematische Darstellung ihrer Idee vorlegte. „Katholische Aktion“ bedeutete für Keller, folgt man dieser Schrift, im Wesentlichen die „Mobilmachung der katholischen Laien“, um die „Herrschaft Christi in ihrem ganzen Umfange“ wieder herzustellen. Auch für den „neuen Staat, der sich die möglichst umfassende Wiedererneuerung des deutschen Volkes als herrliches Ziel gesetzt hat“, so Keller im Jahr 1933, könne es „keine erwünschtere Mitarbeiterin geben als die Katholische Aktion“.[6]

Kellers Hoffnung auf ein einträgliches Miteinander von „Katholischer Aktion“ und nationalsozialistischem Staat wurde jedoch schon bald enttäuscht. Zwar waren die Einrichtungen der Actio Catholica durch das Reichskonkordat ausdrücklich geschützt, in ihrem Betätigungsgebiet wurden sie jedoch immer weiter beschnitten und schließlich auf den engen Raum eines bloßen Sakristeichristentums eingegrenzt. Erst nach 1945 konnte die innerkirchliche Diskussion in Deutschland den Faden dort wieder aufnehmen, wo er Mitte der 1930er Jahre abgebrochen war.

II.

Auch in Frankreich wurde über die Idee der „Katholischen Aktion“ viel diskutiert, doch dauerte es noch bis Anfang der 1930er Jahre, bis der französische Episkopat erste einheitliche Richtlinien für eine Action catholique française erließ.[7] Allerdings war es hier bereits in den Jahren zuvor zu einschneidenden Erneuerungen gekommen, die dem Begriff der Actio Catholica eine über die bisherigen päpstlichen Verlautbarungen hinausgehende neue Prägung gaben und über Frankreich weit hinausstrahlten. Der eigentliche Impuls dieser Erneuerungsbewegung kam dabei nicht aus dem französischen Katholizismus selbst, sondern aus Belgien, wo der katholische Geistliche Joseph Cardijn Mitte der 1920er Jahre eine neue Form verbandlicher Seelsorgearbeit im Milieu jugendlicher Arbeiter aufgebaut hatte, die Jeunesse ouvrière chrétienne(JOC).

Das besondere, weit ausstrahlende Merkmal der JOC bestand darin, dass Cardijn die Arbeiterschaft nicht mehr länger nur als Objekt paternalistischer Für- und Seelsorge betrachtete, sondern im Gegenteil auf die apostolische Selbstmobilisierung der jungen Arbeiter in der Pfarrei setzte. Von Belgien aus verbreitete sich dieses Modell rasch nach Frankreich, wo bereits 1927 erste JOC-Gruppen existierten, die sich die Wiederverchristlichung des Arbeitermilieus durch die Arbeiter selbst zum Ziel setzten.[8] Dieser Ansatz, die sogenannte spécialisation, d.h. ein laienapostolisches Wirken, das nicht mehr auf die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit, sondern auf ein je spezifisches Milieu zielte, setzte sich schnell innerhalb des Verbandes der katholischen Jugend Frankreichs durch, der nun – analog zur JOC – weitere ‚spezialisierte’ Unterabteilungen für die akademische und ländliche Jugend aufbaute.[9] Aber auch in Rom fand die Idee Cardijns große Unterstützung. Entsprechend schrieb Pius XI. in seiner großen Sozialenzyklika Quadragesimo Anno von 1931: „Die ersten und nächsten Apostel unter der Arbeiterschaft müssen Arbeiter sein; ebenso müssen die Apostel für die Welt der Industrie und des Handels aus dieser selbst hervorgehen.“[10]

Die JOC feierte im Frankreich der 1930er Jahre große Erfolge: Im Jahr 1933 hatte sie kaum mehr als 20 000 Mitglieder, am Ende des Jahrzehnts waren es bereits 130 000.[11] Auch den Untergang der Dritten Republik im Jahr 1940 überstand sie ohne größere Schwierigkeiten. Dem Regime des greisen Maréchal Pétain standen die Verbandsführung und die überwältigende Mehrheit der Mitglieder jedenfalls anfänglich durchaus positiv gegenüber. Die neuen mots d’ordre von Travail, Famille und Patrie entsprachen den gemeinschaftsbezogenen Ordnungsvorstellungen der JOC und anderer Gruppen des französischen Katholizismus, nicht zuletzt auch denjenigen des französischen Episkopats.[12]

Hingegen sollte es nicht lange dauern, bis sich innerhalb des Verbandes ernsthafte Kritik an den bisher erreichten Ergebnissen der Arbeiterpastoral regte. Mitten im Krieg, im Jahr 1943, erschien in Lyon eine Schrift, welche die ganze bisherige Arbeit der Action catholique française auf den Prüfstand stellte: La France, pays de mission?[13]

III.

Die Verfasser des Werkes, die beiden JOC-Seelsorger Henri Godin und Yvan Daniel, zogen auf der Grundlage sozialwissenschaftlicher Arbeiten[14] sowie vor allem persönlicher Erfahrungen, die sie in den proletarisch dominierten Pariser Vorstädten gesammelt hatten, eine ernüchternde Bilanz der bisherigen Tätigkeit auf dem Gebiet der Arbeiterpastoral. Aus eigener Erfahrung berichten sie: „Bac d’Asnières, ein Viertel von Clichy (zur Bannmeile von Paris gehörig), zählt etwa 2500 bis 3000 Seelen. Wenige Kinder gehen dort zur Erstkommunion. Von einer Ausdauer im Glauben kann überhaupt nicht die Rede sein. Praktisch kommt kein einziger Mann seinen kirchlichen und religiösen Pflichten nach. Seit Jahren schon bemühen sich die Jocisten vergeblich, dort eine aktive Gruppe zur allmählichen Eroberung des Gebietes aufzumachen. Hier sind wir unzweifelhaft mitten im Heidenland.“[15]

Selbst die Gruppen der Action catholique, so die Kritik der beiden Autoren, blieben auf den kleinen Kreis kirchentreuer Katholiken beschränkt, die Randständigen und Kirchenfernen, vor allem innerhalb des Proletariats, würden durch sie nicht erreicht: „Frankreich ist ein Missionsland“, so das Resümee.[16]

Insbesondere die Pfarrei in ihrer traditionellen Gestalt hätte sich als unfähig erwiesen, den Arbeitern in ihrer psycho-sozialen Kondition eine Heimat zu geben. Vielmehr sei sie „durchtränkt mit der bürgerlichen Geistesart“, ein Ort, an dem erfolgreiche Arbeiterpastoral so gut wie unmöglich sei.[17] Wichtiger als der Versuch, die Arbeiterschaft in die jeweiligen Pfarrstrukturen hineinzuziehen, so Godin und Daniel, sei es, kleine missionarische Zellen außerhalb derselben aufzubauen, um das Evangelium in die weitgehend entchristlichte Lebens- und Arbeitswelt des Proletariats zu tragen. Als Basisgemeinden vor Ort (communautés de base)[18] sollten sie wie die Niederlassungen der Missionare in fernen Ländern zunächst den praktischen Kontakt mit den Menschen in ihrer Umgebung suchen, um dann gemeinsam mit ihnen neue Formen christlicher Präsenz in der säkularen Umwelt zu erarbeiten. Dies gelte für den Klerus ebenso wie für die „Vorkämpfer der Katholischen Aktion [...]; denn sie müssen unbedingt dem Lebenskreis angehören, den sie bearbeiten“.[19]

Dieses Konzept einer neuartigen „missionarischen Katholischen Aktion“[20] außerhalb der engen Kirchenmauern der Pfarrei kam genau zur rechten Zeit. Wie in einem Fokus bündelten sich in ihm die Erfahrungen einer ganzen Anzahl jüngerer Kleriker, die im Frankreich der 1930er und 1940er Jahre ihre ersten pastoralen Erfahrungen innerhalb der ‚spezialisierten’ Katholischen Aktion (etwa im Zusammenhang mit der JOC), als Priester auf den Docks in Marseille oder als Seelsorger von Kriegsgefangenen und französischen Zwangsarbeitern in Deutschland gesammelt hatten.[21]

Entstanden war das Buch auf Anregung des Pariser Erzbischofs Kardinal Emmanuel Suhard, der die beiden JOC-Seelsorger um eine Denkschrift zur Lage der Arbeiterseelsorge gebeten hatte. Bereits zuvor hatte Suhard in Lisieux ein eigenes Seminar zur Erarbeitung neuer Formen pastoraler Arbeit in den säkularen Gebieten Frankreichs ins Leben gerufen, die Mission de France, an deren Ausbildungsprogramm auch Godin und Daniel teilgenommen hatten. Nach der Lektüre ihres Berichts gründete Suhard zusätzlich ein eigenständiges Institut für die Arbeiterpastoral in der französischen Hauptstadt, die Mission de Paris, deren Leitung er Godin antrug, der jedoch kurz darauf verstarb.[22] In der unmittelbaren Nachkriegszeit gingen von beiden Einrichtungen wichtige Anstöße für die Bewegung der so genannten Arbeiterpriester aus, die nach ihrer Weihe als Werktätige in die Fabriken gingen, zusammen mit den Arbeitern lebten und – zum wachsenden Entsetzen Roms – auch deren politische Überzeugungen zu teilen begannen. Mitte der 1950er Jahre wurde dieses Experiment vom Vatikan gleichwohl unterbunden, die ‚missionarische Bewegung’ hatte jedoch eine Dynamik in Gang gesetzt, die zeitlich weit darüber hinaus ausstrahlte, bis hin zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie der 1970er und 1980er Jahre, in der viele Ideen von Godin und den Arbeiterpriestern in einem neuen missionarischen Kontext reartikuliert wurden.[23]

IV.

La France, pays de mission? wurde zu einem Bestseller auf dem religiösen und theologischen Buchmarkt der unmittelbaren Nachkriegszeit. Zu Beginn der 1960er Jahre hatte das Buch eine Auflage von 120 000 Exemplaren erreicht.[24] Das Wort von der ‚missionarischen Bewegung’ machte die Runde, auch in Deutschland, wo die katholische Kirche mit dem Zusammenbruch des Dritten Reiches ihre Stunde gekommen sah, die in Trümmern liegende säkulare Gesellschaft zu Christus heimzuführen.[25] Nicht passive Besitzstandswahrung, sondern apostolische Mission, so hieß auch hier das Gebot der Stunde. So klang es geradezu wie ein Echo auf den Alarmruf Godins und Daniels, als der päpstliche Gesandte für Deutschland, der Jesuitenpater Ivo Zeiger, auf dem ersten Nachkriegskatholikentag in Mainz im September 1948 verkündete: „Deutschland ist ein Missionsland geworden.“[26] Die Seelsorge müsse daher „buchstäblich aus den Fundamenten“ neu aufgebaut werden. Dafür aber, so Zeiger weiter, „brauchen wir [...] eine neue Haltung, wir brauchen den Stolz und Mut von Eroberern [...]. Wir haben unser Volk für Christus zu erobern“.[27]

Ein Jahr später findet sich das Wort vom ‚Missionsland Deutschland’ dann an prominenter Stelle in einem viel beachteten Aufsatz in der katholischen Kulturzeitschrift Hochland: „Auch Deutschland ist Missionsland geworden, und zwar in einem doppelten Sinn: räumlich und geistig. Der Abfall nach 1933 und 1945 hat gezeigt, daß die Christen eine Minderheit sind.“[28] Faktisch, so der Autor, der junge Kulturressortchef des Rheinischen Merkur, Otto Bernd Roegele, lebten die deutschen Katholiken angesichts der sozialen und demographischen Umschichtungen in einer Diaspora, doch fehle ihnen dazu die überlebensnotwendige „Diaspora-Reife“, nämlich die Reife zu einem „bewussten, lebendigen, aktiven, wachsamen, verteidigungs- und vormarschbereiten Christentum“.[29]

Auch Michael Keller, der sich bereits Anfang der 1930er Jahre in Deutschland zum Sprachrohr der Idee der Katholischen Aktion gemacht hatte, griff das Wort vom ‚Missionsland Deutschland’ wieder auf. Er war es, der das Vorwort zur deutschen Übersetzung von La France, pays de mission? verfasste und die Diagnose auf Gesamteuropa übertrug: „Gewiß können wir nicht ohne weiteres das in diesem Buch Gesagte auf deutsche Verhältnisse übertragen“, so Keller, der inzwischen zum Bischof von Münster ernannt worden war. „Wohl aber dürfte die Entchristlichung in den meisten nichtkatholischen Gegenden unseres Vaterlandes nicht weniger weit fortgeschritten sein, während in den anderen Bezirken zum mindesten die gleichen Symptome feststellbar sind wie in Frankreich und überhaupt in ganz Europa.“[30]

Die deutsche Übersetzung des Buches war 1950 im Dokumente-Verlag Offenburg erschienen, der aus dem deutsch-französischen Zeitschriftenprojekt Documents/Dokumente hervorgegangen war. Dieses wiederum verdankte sich der Initiative des Militärseelsorgers der französischen Garnison in Offenburg, Jean du Rivau, der 1945 die beiden Zeitschriften ins Leben gerufen hatte, um die deutsch-französische Verständigung unter den Katholiken beider Länder nach 1945 wieder neu in Gang zu bringen.[31] Die deutschen Dokumente und die französischen Documents veröffentlichten wichtige Stellungnahmen aus dem kirchlichen Leben des jeweiligen Nachbarlandes, um so die wechselseitige Kenntnis unter Katholiken auf beiden Seiten des Rheins zu verbessern.[32] Neben Verlag und den beiden Zeitschriften waren es aber vor allem die deutsch-französischen Intellektuellentreffen, mit denen die Gruppe um Rivau bereits in den Jahren 1947 und 1948 auf die deutsch-französische Verständigung einwirkte. Hier begegneten sich insbesondere linkskatholische Kreise aus beiden Ländern, so etwa die Gruppe um die französische Zeitschrift Esprit und die Herausgeber der deutschen Frankfurter Hefte.[33] Für die Entwicklung eines katholischen Europabewusstseins jenseits der restaurativen Abendlandvorstellungen der frühen Adenauerzeit können die Initiativen, die von Rivau und seiner Equipe ausgingen, kaum überschätzt werden.[34] „Die deutschen Katholiken“, so schrieben Walter Dirks und Eugen Kogon, die Herausgeber der Frankfurter Hefte, jedenfalls selbstkritisch im Jahr 1950 in einem Nachruf auf Emmanuel Mounier, den Initiator von Esprit, „trauern dem Mittelalter nach, dem ‚Heiligen Reich’, der ‚christlichen Kultur’, dem ‚christlichen Volk’ und ‚christlichen Staat’.“ Ansätze für ein zukunftsorientiertes, der modernen Welt angemessenes Christentum ließen sich hier kaum erkennen. Hingegen könnten die deutschen Katholiken von Frankreich lernen, denn der dortige Katholizismus, so Dirks und Kogon, sei tiefer durch die Aufklärung und Säkularisierung gegangen. Er habe dabei gelernt, „im säkularisierten Menschen nicht mehr den abgefallenen, gefährlichen Feind, sondern den Mitmenschen“ zu sehen: „da trat Frankreich an die Spitze der katholischen Christenheit“.[35]

Der Anspruch der ‚missionarischen Bewegung’, die säkularisierte Welt mit ihren eigenen Mitteln zu Christus zu bringen, war ohne Zweifel überzogen, der gesamteuropäische Diskurs, den sie entfachte, hat jedoch – wie hier nur angedeutet werden konnte – seinen Teil zur binnenkatholischen Erneuerung sowie zur kulturellen Integration Westeuropas nach 1945 beigetragen. So war die Katholische Aktion und insbesondere die „missionarische Bewegung“ der 1940er Jahre nicht nur eine klerikal von oben organisierte pastoraltheologische Offensive, sondern mindestens ebenso sehr ein von der Kirchenbasis, d.h. von aktiven Laien, mit Leben erfülltes Laboratorium praktisch-religiöser Weltgestaltung. Die universale, nationale Grenzen überschreitende Tradition des römischen Katholizismus stellte den Laienaktivisten diesseits wie jenseits des Rheins ein gemeinsames Vokabular zur Verfügung, das ihnen erlaubte, sowohl voneinander zu lernen als auch ihr Anliegen als eine gemeinsame europäische Aufgabe zu begreifen.


[1] Essay zur Quelle: Keller, Michael: Geleitwort zu „Zwischen Abfall und Bekehrung“ (1950), S. 7.

[2] Habermas, Rebekka, Mission im 19. Jahrhundert – Globale Netze des Religiösen, in: Historische Zeitschrift 287 (2008), S. 629-679, bes. 646ff.

[3] Vgl. hierzu mit allen notwendigen regionalen und konfessionellen Differenzierungen: McLeod, Hugh, Secularisation in Western Europe 1848-1914, New York 2000.

[4] Siehe etwa als zeitgenössischen Titel: Swoboda, Heinrich, Großstadtseelsorge. Eine pastoraltheologische Studie, Regensburg 1909.

[5] Siehe Iserloh, Erwin, Innerkirchliche Bewegungen und ihre Spiritualität, in: Jedin, Hubert; Repgen, Konrad (Hgg.), Handbuch der Kirchengeschichte Bd. VII: Die Weltkirche im 20. Jahrhundert, Freiburg 1979, S. 301-337, hier S. 310ff. (dort auch die Nachweise der Zitate); für Deutschland siehe: Damberg, Wilhelm, ‚Radikal katholische Laien an die Front!’ Beobachtungen zur Idee und Wirkungsgeschichte der Katholischen Aktion, in: Köhler, Joachim; Melis, Damian van (Hgg.), Siegerin in Trümmern. Die Rolle der katholischen Kirche in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, Stuttgart 1998, S. 142-160.

[6] Keller, Michael, Katholische Aktion. Eine systematische Darstellung ihrer Idee, Osnabrück 1933, S. 12, 20, 67.

[7] Michel, Alain-René, Pie XI et l’Action catholique en France, in: Achille Ratti - Pape Pie XI. Actes du colloque organisé par l’École française de Rome (15-18 mars 1989), Rom 1996, S. 657-673; siehe auch: Große Kracht, Klaus, Französische Katholiken vor der politischen Herausforderung. Die Katholische Aktion in Frankreich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in: Bauerkämper, Arnd; Nautz, Jürgen (Hgg.), Zwischen Fürsorge und Seelsorge. Christliche Kirchen in den europäischen Zivilgesellschaften seit dem 18. Jahrhundert, Frankfurt am Main 2009, S. 155-174.

[8] Siehe Cholvy, Gérard, Histoire des organisations et mouvements chrétiens de jeunesse en France, XIXe et XXe siècle, Paris 1999, S. 205ff.

[9] Vgl. als ereignisgeschichtlichen Überblick immer noch: Dansette, Adrien, Destin du catholicisme français, 1926-1956, Paris 1957, S. 81-118.

[10] Quadragesimo anno (Enzyklika Papst Pius’ XI., vom 15.5.1931), in: Texte zur katholischen Soziallehre. Die sozialen Rundschreiben der Päpste und andere kirchliche Dokumente. Mit einer Einführung von Oswald von Nell-Breuning SJ, hg. vom Bundesverband der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung (KAB) Deutschlands, 5. Aufl. Kevelar 1982, S. 91-152, S. 145.

[11] Siehe Cholvy, Histoire, S. 209-213.

[12] Ebd. S. 215f.; als Überblick über den französischen Katholizismus der Vichy-Zeit siehe: Duquesne, Jacques, Les catholiques français sous l’Occupation, 2. überarbeitete Aufl., Paris 1996.

[13] Godin, Henry; Daniel, Yvan, La France, pays de mission?, Lyon 1943, eine leicht gekürzte deutsche Übersetzung ist erschienen unter dem Titel: Zwischen Abfall und Bekehrung. Abbé Godin und seine Pariser Mission. Darstellung und Übersetzung von René Michel, Geleitwort von S. Exz. Dr. Michael Keller, Bischof zu Münster, Offenburg 1950.

[14] Zur Aneignung soziologischer Forschungsmethoden zur Optimierung pastoraler Strategien siehe: Ziemann, Benjamin, Katholische Kirche und Sozialwissenschaften 1945-1970, Göttingen 2007; dort auch zur Soziographie sowie insbesondere zum Buch von Godin und Daniel: S. 80f., 90f., sowie: Große Kracht, Hermann-Josef, Von der Kirchensoziographie zu einer Sozialtheorie der ‚public churches’? Ein Bilanzierungsversuch zur Soziologie des Katholizismus im 20. Jahrhundert, in: ders.; Spieß, Christian (Hgg.), Christentum und Solidarität. Bestandsaufnahmen zu Sozialethik und Religionssoziologie, Paderborn 2008, S. 189-229, hier insbesondere S. 206ff. Die deutsche Übersetzung des Buches von Godin und Daniel ist übrigens zum Teil um Literaturhinweise zur zeitgenössischen französischen Religionssoziologie gekürzt.

[15] Zwischen Abfall und Bekehrung, S. 64.

[16] Ebd., S. 63.

[17] Ebd., S. 110. Zur Kritik an der Pfarrei als Organisationsprinzip (auch der JOC) siehe auch ebd., S. 179ff.

[18] Im französischen Original steht der später im Rahmen der lateinamerikanischen Befreiungstheologie Karriere machende Begriff „communauté de base“ (S. 148, S. 182); in der dt. Übersetzung an gleicher Stelle: „Gemeinschaft der Grundstufe“ (S. 196, 230).

[19] Zwischen Abfall und Bekehrung, S. 154.

[20] Ebd., S. 202.

[21] Siehe dazu die Hinweise in ebd, S. 225. Zu den pastoralen Neuaufbrüchen in Frankreich während der Vichy-Zeit siehe: Fouilloux, Étienne, Les chrétiens français entre crise et libération 1937-1947, Paris 1997, insbesondere S. 147ff., S. 182ff., sowie insbesondere zur französischen Seelsorge für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Deutschland: Eitel, Markus, Französische Katholiken im Dritten Reich. Die religiöse Betreuung der französischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter 1940-1945, Freiburg 1999.

[22] Cointet, Michèle, L’Église sous Vichy 1940-1945. La repentance en question, Paris 1998, S. 280-287.

[23] Siehe Siefer, Gregor, Die Mission der Arbeiterpriester. Ereignisse und Konsequenzen, Essen 1960. Dass die führenden Köpfe der Befreiungstheologie mit den innerfranzösischen Diskussionen der 1930er bis 1960er Jahre bestens vertraut waren, zeigt bereits ein flüchtiger Blick in: Gutiérrez, Gustavo, Theologie der Befreiung, 10. Aufl. Mainz 1992 (span. EA 1972), S. 116-127.

[24] Fouilloux, Étienne „Fille aînée de l’Église“ ou „pays de mission“? (1926-1958), in: Le Goff, Jacques; Rémond, René (Hgg.), Histoire de la France religieuse, Bd. 4: Société sécularisée et renouveaux religieux (XXe siècle), Paris 1992, S. 131-251, hier S. 192, vgl. Ziemann, Katholische Kirche, S. 91.

[25] Siehe Köhler; van Melis, Siegerin in Trümmern. Zur missionarischen Bewegung in Deutschland insbesondere: Fischer, Alfons, Pastoral in Deutschland nach 1945. Band 1: Die ‚missionarische Bewegung’ 1945 – 1962, Würzburg 1985, sowie Ziemann, Katholische Kirche, S. 87-99.

[26] Zeiger, Ivo, Die religiös-sittliche Lage und die Aufgabe der deutschen Katholiken, in: Der Christ in der Not der Zeit. Der 72. Deutsche Katholikentag vom 1. bis 5. September 1948 in Mainz, hg. vom Generalsekretari at des Zentralkomitees der Katholiken Deutschlands zur Vorbereitung der Katholikentage, Paderborn 1949, S. 24-39, hier S. 35.

[27] Ebd., S. 39.

[28] Roegele, Otto Bernd, Der deutsche Katholizismus im sozialen Chaos. Eine nüchterne Bestandsaufnahme, in: Hochland 41, 1948/49, S. 205-233, hier S. 228.

[29] Ebd., S. 225.

[30] Die Quelle zum Essay: Keller, Michael: Geleitwort zu „Zwischen Abfall und Bekehrung“ (1950), S. 7.

[31] Siehe: Guisse, Marie Sophie, Naissance et émancipation d’une revue : „Documents, Revue des questions allemandes“, des lendemains de la Deuxième Guerre mondiale à nos jours, (Mémoire) Rennes, IEP, 2002; Ménudier, Henri, La revue française des questions allemandes: Documents, 1945-1949, in: Knipping, Franz; Le Rider, Jacques (Hgg.), Frankreichs Kulturpolitik in Deutschland, 1945-1950, Tübingen 1987, S. 351-387.

[32] So berichteten die Dokumente bereits 1947 über die zentralen Thesen von La France, pays de mission?, siehe: Ténot, Jean, Ist Frankreich Missionsland?, in: Dokumente 3, Heft 23, 1947, S. 1-8.

[33] Guisse, Naissance, S. 30ff.; Ménudier, La revue française, S. 360ff.

[34] Vgl. dazu nur den Vortrag von Eugen Kogon auf dem deutsch-französischen Schriftstellertreffen in Royaumont 1948: Kogon, Eugen, Die Aussichten Europas, in: Dokumente 5, 1949, S. 19-32.

[35] Dirks, Walter; Kogon, Eugen, Abschied von Mounier, in: Frankfurter Hefte 5, 1950, S. 459-461, hier, S. 459f.

Literaturhinweise:
  • Fischer, Alfons, Pastoral in Deutschland nach 1945. Band 1: Die 'missionarische Bewegung' 1945-1962, Würzburg 1985.
  • Große Kracht, Klaus, Von der 'geistigen Offensive' zur neuen Unauffälligkeit. Katholische Intellektuelle in Deutschland und Frankreich (1910-1960), in: Friedrich Wilhelm Graf/Klaus Große Kracht (Hg.), Religion und Gesellschaft. Europa im 20. Jahrhundert, Köln 2007, S. 223-246.
  • Siefer, Gregor, Die Mission der Arbeiterpriester. Ereignisse und Konsequenzen, Essen 1960.
  • Ziemann, Benjamin, Katholische Kirche und Sozialwissenschaften 1945-1970, Göttingen 2007.


Keller, Michael: Geleitwort zu „Zwischen Abfall und Bekehrung“ (1950)[1]

Es bedarf keiner Rechtfertigung, daß ein Buch wie das des Abbé Godin „Ist Frankreich Missionsland?“ auch auf dem deutschen Büchermarkt erscheint. – Seit dem Mainzer Katholikentag und den aufrüttelnden Worten des Paters Ivo Zeiger sind, Gott dank, auch die deutschen Katholiken unruhiger geworden. Es war hohe Zeit; denn viel ist schon gewonnen, wenn wir die Situation richtig sehen. Dann erst können wir die rechten Mittel finden, um der drohenden Gefahr zu begegnen.

Darin vor allem liegt der Wert des vorliegenden Buches, daß es mit schonungsloser Wahrheitsliebe der Wirklichkeit ins Auge schaut und diese Wirklichkeit zu enthüllen mag. Aber es bleibt nicht dabei stehen. Wir spüren darin nichts von müder Resignation oder gar verzweifelter Kapitulation. Im Gegenteil weht uns aus jeder Zeile des Buches der Atem wahrhaft apostolischen Seeleneifers und eines unverwüstlichen christlichen Optimismus entgegen. Es gilt, eine neue Methode zu finden und zu entwickeln; um der Seelen willen muß das Äußerste gewagt werden. Gottes Arm ist auch heute nicht verkürzt. Aber Gott will nicht auf unsere Mitwirkung verzichten, und zwar eine Mitwirkung, die intelligent und tatkräftig zugleich ist.

Gewiß können wir nicht ohne weiteres das in diesem Buch Gesagte auf deutsche Verhältnisse übertragen. Mit Dank gegen Gott werden wir auch feststellen dürfen, daß die Entchristlichung in den ehemals geschlossenen katholischen Gebieten Deutschlands noch nicht annähernd das Ausmaß erreicht hat wie im Nachbarland. Wohl aber dürfte die Entchristlichung in den meisten nichtkatholischen Gegenden unseres Vaterlandes nicht weniger weit fortgeschritten sein, während in den anderen Bezirken zum mindesten die gleichen Symptome feststellbar sind wie in Frankreich und überhaupt in ganz Europa.

Darum ist die Lektüre dieses Buches besonders geeignet, allen Priestern und allem um das Reich Gottes besorgten Laien den Blick zu schärfen für eine richtige Beurteilung der gegenwärtigen seelsorglichen Situation. Darüber hinaus wird es den Leser seiner großen Verantwortung vor Gott für alle seine Brüder und Schwestern bewußt werden lassen, zu wagemutigen und opferbereitem Einsatz anspornen. Feuer kann sich nur an Feuer entzünden. Und hier brennt, verhalten zwar, aber glutvoll, das Feuer echten, in heiliger Gottesliebe begründeten Seeleneifers.

Dieses Feuer in vielen Herzen neu zu entfachen oder auch es zu stärkerer Glut zu bringen, wäre die schönste Aufgabe, die diese Schrift erfüllen könnte. Das heißt: wirklich erfüllen könnte diese Aufgabe letztlich nur die vorrauseilende und mitwirkende Gnade dessen, „von dem jede gute Gabe kommt“. Daß diese Gnade in reichem Maße allen Lesern dieses Buches geschenkt werde, ist mein aufrichtiger Wunsch und mein Gebet.

†Michael Keller

Bischof von Münster

[1] Keller, Michael, Geleitwort, in: Zwischen Abfall und Bekehrung. Abbé Godin und seine Pariser Mission. Darstellung und Übersetzung von René Michel, Geleitwort von S. Exz. Dr. Michael Keller, Bischof zu Münster, Offenburg 1950, S. 7-8.


Für das Themenportal verfasst von

Klaus Große Kracht

( 2009 )
Zitation
Klaus Große Kracht, Missionsland Europa Katholische Aktion und ‚missionarische Bewegung’ im französischen und deutschen Katholizismus der 1940er Jahre, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2009, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1492>.
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