Der Sprung in die Moderne oder die Dynamik transkultureller Prozesse Die Einladung des madagassischen Königs Radama I. an die Handwerkermissionare der London Missionary Society (LMS) vom 29. Oktober 1820

Die Einladung des madagassischen Herrschers an die London Missionary Society, Handwerkermissionare auf die afrikanische Insel zu schicken und die Folgen, die sich hieraus für die madagassische Gesellschaft ergaben, ist ein prägnantes Beispiel für die Dynamik transkultureller Entwicklungen. Wenn Kultur als Summe der Interpretationen verstanden wird, mit denen die Angehörigen einer sozialen Gruppe zeit- und raumabhängig ihre Erfahrungen deuten und in eine für sie sinnvolle Ordnung bringen, so ist sie damit auch einem permanenten Prozess des Werdens und Vergehens innerhalb einer Gesellschaft ausgesetzt [...]

Der Sprung in die Moderne oder die Dynamik transkultureller Prozesse. Die Einladung des madagassischen Königs Radama I. an die Handwerkermissionare der London Missionary Society(LMS) vom 29. Oktober 1820[1]

Von Dagmar Bechtloff

Die Einladung des madagassischen Herrschers an die London Missionary Society, Handwerkermissionare auf die afrikanische Insel zu schicken und die Folgen, die sich hieraus für die madagassische Gesellschaft ergaben, ist ein prägnantes Beispiel für die Dynamik transkultureller Entwicklungen. Wenn Kultur als Summe der Interpretationen verstanden wird, mit denen die Angehörigen einer sozialen Gruppe zeit- und raumabhängig ihre Erfahrungen deuten und in eine für sie sinnvolle Ordnung bringen, so ist sie damit auch einem permanenten Prozess des Werdens und Vergehens innerhalb einer Gesellschaft ausgesetzt. Kultur präsentiert sich gleichzeitig über ihre Ausdrucksformen, die sich im Kontakt mit anderen Kulturen intra- und interkulturell gegenseitig beeinflussen. Mit den Auswirkungen dieses Prozesses auf individueller und Gruppenebene haben sich unter dem Stichwort „Globalisation“ Ethnographen und Linguisten ausführlich auseinandergesetzt. Gleichwohl sind diese Entwicklungsverläufe kein ausschließliches Phänomen der Gegenwart. Der Historiker Peter Burke hat ähnliche Prozesse in der Frühen Neuzeit untersucht und hierbei den beidseitigen Austausch zwischen Kulturen als Transkulturalität bezeichnet. Er führte aus, dass sie als Austausch zwischen verschiedenen Kulturen verstanden werden kann, in dessen Verlauf das Entliehene den Bedürfnissen des Entleihenden angepasst wird. Abhängig von den jeweils charakteristischen Bedingungen einer Gesellschaft unterliegen transkulturelle Identitätsprozesse zudem einer spezifischen Dynamik. Vor diesem Hintergrund kann die vorliegende Quelle als Beispiel eines politisch gewollten Beginns intra- und interkulturellen Zusammenspiels betrachtet werden. Doch auch wenn das Zusammentreffen gewollt und scheinbar kontrolliert stattfand, so generierten diese transkulturellen Entwicklungen eine Sprengkraft, die die Grundfesten der Gesellschaft erschüttern sollten.

Madagaskar, die viertgrößte Insel der Welt wurde1500 eher zufällig im Zuge der Zweiten Portugiesischen Indienfahrt erstmals von Europäern gesichtet und es sollten noch weitere hundert Jahre vergehen, ehe portugiesische Jesuiten versuchten, die einheimische Bevölkerung zu missionieren. Der Versuch blieb erfolglos. 1630 wurde die Insel seitens der Portugiesen endgültig aufgegeben. Kurze Zwischenspiele boten holländische, englische und französische Versuche, Stützpunkte entlang den madagassischen Küsten einzurichten. Von der insularen Bevölkerung akzeptiert wurden schließlich nur europäische Piraten - gemeinsam überfiel man europäische Handelsschiffe.

Erst im 19. Jahrhundert rückte Madagaskar wieder in den Gesichtskreis europäischer Aufmerksamkeit in Übersee, wobei dieses Interesse quasi Nebenprodukt von Auseinandersetzungen zwischen europäischen Mächten, die sich zunächst im regionalen Umfeld der Großen Insel offenbarten, war. Das britische Interesse an Madagaskar entstand in der Folge der napoleonischen Kriege. 1809/10 hatten englische Truppen die bis dahin französischen Inseln Île de France und Île de la Réunion besetzt. Nach den Beschlüssen des Ersten Pariser Friedens von 1814, die später im Rahmen des Wiener Kongresses bestätigt wurden, war erstere Insel, seither Mauritius genannt, Großbritannien zugesprochen worden, während Réunion, an Frankreich zurückgegeben wurde. Die auf dem Wiener Kongress 1814-15 getroffenen Bestätigungen früherer Verträge und die neuen Vereinbarungen bekräftigten Großbritanniens endgültige Vormachtstellung in Europa und der Welt und eröffneten ihm neue Einflussgebiete in Übersee, vor allem im Raum des westlichen Indischen Ozeans. Hier kam Madagaskars strategische Bedeutung für den Seeweg nach Indien zum Tragen, da erst die Eröffnung des Suez-Kanals im Jahr 1869 die Benutzung der Route um das britische Kap der Guten Hoffnung und entlang der Ostküste Madagaskars beendete.

Aus Sicht der nach Hegemonie über die Insel drängenden Merina gab es daher nur einen europäischen Ansprechpartner: Großbritannien. Die Geschichte des Aufstiegs der Merina von einem Hochlandstamm, der im 17. Jahrhundert in erster Linie als Sklaven’lieferant‘ für die Hafenstädte entlang der Westküste gedient hatte, zu einer Gesellschaft, deren Könige den Anspruch erhoben, über die gesamte Insel zu herrschen, umfasst etwas mehr als hundert Jahre und endete mit der Einverleibung der Insel in das französische Kolonialreich im Jahr 1896. Unter der Regierung von Andrianampoinmerina (1787-1810) wurde das Gebiet des Merina-Reiches, das ursprünglich nur die Region zwanzig Meilen rund um Antananarivo umfasste, mittels einer Politik, die teils durch Verhandlungen teils durch kriegerische Eroberung benachbarter Stämme verwirklicht wurde, über das gesamte Hochland der Insel erweitert. Ziel seiner und aller nachfolgenden Merina-Könige war es, ihre Herrschaft über die gesamte Insel auszudehnen. In Ansätzen war dieses Fernziel bereits bei Adrianampoinmerina zu erkennen, unter seinem Sohn und Nachfolger Radama I. (1810-1828) erhielt es absolute Priorität. Ein wichtiger Etappensieg stellte daher die englische Anerkennung Radamas I. als Souverän Madagaskars dar, wie dies in dem 1817 unterzeichneten Handels- und Freundschaftsabkommen mit Sir Farquhar, dem ersten britischen Gouverneur auf Mauritius, festgestellt wurde. In diesem Vertrag wurde Radama I. erstmals als „König von Madagaskar“ bezeichnet. 1820 folgte ein weiterer Vertrag, der den madagassischen Sklavenexport verbot. Bis dahin hatte der Merina-Adel seine einträglichste Devisenquelle im Sklavenexport besessen, auf den er allerdings nicht ohne entsprechende Entschädigung zu verzichten bereit war. Teil des Vertrages bildete daher die britische Verpflichtung, zwanzig junge Madagassen nach England zu bringen, während eine weitere Gruppe ihre Ausbildung auf Mauritius erhalten sollte. Militärische Reorganisation mit Hilfe britischer Militärberater, Einfuhr moderner Waffen aus dem, nach den napoleonischen Kriegen noch immer hochgerüsteten Europa, finanzielle Entschädigung für die Aufgabe des Sklavenexportes und schließlich die Entsendung von Fachleuten aus Großbritannien sollten dazu beitragen, die Herrschaft des Merina-Königs Radama I. über die gesamte Insel zu auszudehnen, zu sichern und ihn gleichzeitig an Großbritannien zu binden.

Madagassische Historiker beurteilen das madagassische Ausgangsinteresse, Kontakt zu Europa aufzunehmen sowie die Entscheidung des Königs entsprechende europäische Fachleute einzuladen, als Teil einer zielgerichteten Politik. Es sollten jene europäischen Kenntnisse übernommen werden, die die zukünftige Prosperität des Königreiches ermöglichten. Diese würde ihrerseits die Vorherrschaft der Merina über die gesamte Insel sichern und schließlich dazu führen, dass Madagaskar zu einer regionalen Macht im Raum des Indischen Ozeans aufsteigen würde. Wie stark die Bedeutung war, die fremden Einflüssen bei der Modernisierung des Madagaskars zugemessen wurde, lässt sich daran erkennen, dass ab den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine Unterscheidung sozialer Schichten beispielsweise zwischen städtischer Bevölkerung und Armee aufkam. Deren besonderer Status wurde mit den aus Europa stammenden Bezeichnungen sorodany, Soldaten, und borizany, Bourgeois, betont. Es waren diese beiden Bereiche: Armee und Stadt, in denen europäische Experten, ob militärische Berater oder Missionare, tätig wurden und die den Kern der Modernisierung des Merina-Reiches bildeten.

Der madagassische Wunsch nach Transfers europäischer Kenntnisse fand bei Mauritius’ Gouverneur rasch Gehör, denn Farquhar verband mit seiner Funktion als Vertreter der politischen und wirtschaftlichen Interessen der britischen Krone ein starkes persönliches religiöses Engagement. Seit 1811 hatte er verschiedene Vertreter der London Missionary Society (LMS), die auf Mauritius Station machten, zu Gesprächen empfangen. Schließlich schrieb er persönlich an die Gesellschaft nach London, um ihr Radamas Wunsch nach europäischem Wissen und den sich daraus ergebenden Chancen einer christlichen Unterweisung darzulegen.

Vor diesem Hintergrund ist die Einladung Radamas an die LMS zu verstehen, Missionare, genauer gesagt Handwerkermissionare, in seinem Reich willkommen zu heißen. Der Einladung von 1820 folgend, traf die erste Gruppe der Handwerkermissionare der LMS Society 1822 in Antananarivo ein. Neben einem Schreiner, der allerdings kurz nach der Ankunft am Fieber starb sowie einem Schmied, der zahlreiche junge Leute in den Eisen- und Metallarbeiten ausbildete und als Maschinenbauer tätig war, kam als dritter Handwerkermissionar ein Weber auf die Insel, der 1827 erstmals Hanf anbaute und bald in den Osten der Insel ging. Ferner zählten ein Pastor der LMS sowie zwei deutsche Botaniker zu dieser ersten Gruppe, die die Modernisierung Madagaskars initiieren sollte.

Durchschnittlich besuchten rund zweihundert Jungen, mehrheitlich freier doch nichtadliger Herkunft, pro Jahrgang die Lehrwerkstätten der Handwerkermissionare. Hier erhielten sie eine so hochwertige Ausbildung, dass viele von ihnen bereits nach knapp der Hälfte der Lehrzeit glaubten, wie die Handwerkermissionare nicht müde wurden zu klagen, sie hätten genug gelernt, um sich selbständig zu machen. Wie dem auch gewesen sein mag, diese Jugendlichen, die weit besser ausgebildet waren als die Mehrheit der Bevölkerung, die Berufe erlernt hatten, die ihnen ein überdurchschnittliches Einkommen sicherten, bildeten den Kern der neuen madagassischen Mittelschicht. Zwar gehörten sie nicht zum Adel, gleichwohl leiteten sie aus der Qualität ihrer Ausbildung, durch die von ihren englischen Lehrmeistern übernommenen schulischen Kenntnisse, die gelernten handwerklichen Fähigkeiten und ihr handwerkliches Können, einen eigenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Führungsanspruch ab. Doch der Tod Radamas I. im Jahr 1828 unterbrach diesen Prozess politischer Partizipation der jungen Mittelsschicht.

Die einjährige Staatstrauer diente überwiegend der Entscheidung des Machtkampfes zwischen der alten sowie der aufstrebenden neuen Eliten im Merina-Reich. Die erstgenannte Gruppe, die durch die Unterbindung des Sklavenexportes ihrer traditionellen Einnahmequelle verlustig gegangen war, fühlte sich zusätzlich durch den steigenden Einfluss protestantischer Missionare auf die wachsende bürgerliche Mittelschicht um ihre politischen Pfründe gebracht und in ihrer Existenz bedroht. Ranavalona I. (1828-1861), die Nachfolgerin Radamas I., versuchte die Modernisierung des Landes voranzutreiben, gleichzeitig aber den gesellschaftlichen Führungsanspruch, den die neuen Wirtschaftseliten daraus ableiteten, zu verweigern. Die Politik der Königin und ihrer Regierung war gekennzeichnet durch das Zurückdrängen ausländischer Ideen und deren - ausländische - Vertreter, die primär als Agenten ihrer Regierungen betrachtet wurden. Dies bedeutete, dass gerade die LMS, die auf Einladung Radamas I. ins Land gekommen war, in den Blickpunkt der königlichen Behörden geriet. Der Erfolg der christlichen Mission bedrohte zudem unverhüllt die traditionelle politische Legitimation des Staatsoberhauptes, die in dessen Rolle als Verbindungsglied zwischen der Welt der Ahnen und jener der Lebenden als oberster religiöser und damit auch als politischer Führer lag. Entsprechend erfolgte bereits 1829 das Verbot aktiver christlicher Missionierung. Nur noch jene Missionare durften auf der Insel bleiben, deren Handwerke dem Reich wirtschaftlichen Gewinn brachten. Dennoch mussten 1835 die letzten beiden Missionare der LMS das Land verlassen. Bis zu ihrem Tod 1861 verfolgte Ranavalona I. eine Politik kompromissloser Isolation nach außen und Gewaltherrschaft nach innen.

Jede Form des Protestes sollte gebrochen werden. Nach zeitgenössischen Schätzungen erlitten zwischen 1835 und 1861 mehr als 10.000 Menschen im Reich der Merina, mit der Begründung, sie würden als „Christen“ den Umsturz der Regierung anstreben, unnachgiebige Verfolgung bis hin zum gewaltsamen Tod. Diese Rückkehr zu Methoden willkürlicher Herrschaft entzweite die Gesellschaft der Merina. Die nur mäßig erfolgreichen, doch an Menschenleben und Material außerordentlich kostspieligen Versuche, das Herrschaftsgebiet gegenüber anderen Volksgruppen auf der Insel auszudehnen, vertieften den Bruch innerhalb der Nation. So löste das durch die christlichen Missionare vermittelte schulische und handwerkliche Wissen zunächst einen Partizipationsanspruch der gebildeten und wirtschaftlich prosperierenden jungen Mittelschicht an der politischer Machtausübung aus, der seinerseits von der Regierung mit der Begründung, es handele sich hierbei um eine religiös motivierte Umsturzbewegung, gewaltsam niedergeschlagen wurde. Doch erst durch diese staatliche Gleichsetzung von politischer Opposition mit christlicher Glaubenszugehörigkeit, wurde die christlich-protestantische Religion zum Kennzeichen der landesweiten, alle sozialen Schichten umfassenden Auflehnung gegen die traditionelle Form despotischer Machtausübung.

Nur acht Jahre nach dem Tod Ranavalonas I., jener entschiedenen Gegnerin fremder Einflüsse im Allgemeinen und der christlichen Religion im Besonderen, konvertierten ihre Schwiegertochter, die gerade gekrönte verwitwete Königin Ranavalona II., diesen Namen wählte sie anlässlich ihrer Thronbesteigung, und ihr zweiter Gatte, der gleichzeitig Premierminister der königlichen Regierung war, zum Christentum. Eine Vielzahl von Überlegungen bildeten den Hintergrund für diese zunächst überraschende Entscheidung, doch dürften innenpolitische Aspekte im Zusammenhang mit der Sicherung der königlichen Herrschaft und der Befriedung der Gesellschaft nach den Jahren des Terrors unter Ranavalona I. und jenen der Anarchie unter ihrem Sohn, ausschlaggebend gewesen sein. Die Beziehung zwischen Krone und Religion musste neu definiert werden. Auch bedurfte das Verhältnis zwischen dem Reich der Merina und dem – europäischen – Ausland einer Klärung. Schließlich musste erwogen werden, bis zu welchem Grad und auf welche Weise die fremde Religion durch die Regierung von einer, die Herrschaft bedrohenden in ein, diese sicherndes, verbindliches Weltsicht der Gesellschaft modifiziert werden konnte. Um die Staatskrise, die herrschaftsbedrohende Ausmaße angenommen hatte zu kanalisieren, entschloss sich Königin Ranavalona II. 1869 zur Taufe und schuf mit der Gründung der Palastkirche, dem madagassischen Pendant zur anglikanischen Kirche, ein eigenes Madagaskar-spezifisches Ventil für den Druck innerhalb der Gesellschaft.

Der Erfolg dieser innenpolitischen Verankerung des Christentums in seiner madagassischen Auslegung als neue Staatsreligion, bei gleichzeitiger Abwehr europäischer Kolonialisierungsbestrebungen, ein als Befreiungsschlag konzipierter grundsätzliche Wechsel politischen Herrschaftslegitimation der Krone, hing wesentlich davon ab, ob es gelang, die Modernisierung des Wirtschaftssystems in eine Erneuerung der sozialen Beziehungen innerhalb der Gesellschaft zu transponieren und politisch zu verankern. Dies betraf in besonderem Maße die Einbindung der äußerst argwöhnischen handwerklich qualifizierten mittelständischen Bevölkerung in die neue Ordnung. Voraussetzung dafür war es, der körperlichen Arbeit eine gänzlich neue gesellschaftliche Wertschätzung zukommen zu lassen. In einer Gesellschaft, die es gewohnt war für alle körperlichen und handwerklichen Tätigkeiten auf Sklaven zurückzugreifen, eine umwälzende Neuerung. Doch es gelang. Die Taufen von Königin und Premierminister fanden ein landesweites, überwältigendes Echo. Binnen eines Jahres folgten rund 16.000 Menschen dem königlichen Beispiel. Wobei dieser Wandel dadurch erleichtert wurde, dass Astrologen und Wächter der Talismane, die bislang als engste weltanschauliche Berater der Königin gegolten hatten, nach kurzer Unterweisung in den christlichen Glauben, dem sich ihre Taufe anschloss, nun als Kirchendiener weiter beschäftigt wurden.

So zeitigte jene 1820 ausgesprochene Einladung des madagassischen Königs an Missionare der London Missionary Society, eine transkulturelle Dynamik, die die madagassische Gesellschaft grundlegend veränderte, gleichzeitig aber auch die fremde protestantisch-christliche Religion zu einer genuinen madagassischen Kirche werden ließ. Anfangs fast unmerklich, gewann der Prozess zunehmende an Kraft. Je stärker staatliche Repression angewandt wurde, desto rascher nahm die Entwicklung an Fahrt auf. Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde die Zugehörigkeit zur christlichen Religion vom Zeichen des Protestes und der Subversion zum Bekenntnis zu Königin und Staat.

[1] Essay zur Quelle: Brief von Radama, König von Madagaskar, an die London Missionary Society.



Literaturhinweise:

  • Bechtloff, Dagmar, Madagaskar und die Missionare. Technisch-zivilisatorische Transfers in der Früh- und Endphase europäischer Expansionsbestrebungen, Stuttgart 2002.
  • Burke, Peter, Kultureller Austausch, Frankfurt am Main 2000.
  • Ralaimihoatra, Edouard, Histoire de Madagascar, des origines à la fin du IXXe siècle, 2 Bde., Paris 1965.
  • Sandkühler, Hans Jörg (Hg.), Transculturality – epistemology, ethics, and politics, Frankfurt am Main 2004.

Zugehörige Quellen:
Brief von Radama, König von Madagaskar, an die London Missionary Society, 1820

Quelle: Brief von Radama, König von Madagaskar, an die London Missionary Society, 1820



Quellentext auf Französisch[1]

“Radama Roi de Madagascar

A la Societé missionaire ordinairemente appellé la Societé missionaires à Londres.

Messieurs,

D’apprès l’alliance faite entre moi et le gouverneur Farquhar qui a pour but la cessation de l’Exportation des Esclaves dans l’isle de Madagascar le missionaire Mr. Jones d’aussi accompagné des Enoyés du gouvernement britanique est arrivé á Tananarive Ville Capitale de mon Royaume. Dans l’intention de me rendre une visite pour solliciter auprès de moi la permission de l’établir, lui et d’autres missionaires de votre Société dans ma state (mon Etat?) j’ai adheré à la demande avec beaucoup de plaisir apprès mêtre informé auprès de lui de sa profesion et de sa mision.

Ayant eté parfaitemént instruir par Mr. David Jones votre misionaire que les envoyés de votre société n’ont pour but que D’eclaires les peuples par la Conviction et la persuasion, et a decouvrir les moyens de les rendrent heureux en les evangelisation et les sivilisante comme les autres nations Europenne et non par par la force contraire a leur lumière.

C’est pourqoi messieurs je vous fais la Demande de menvoyé s’il convient a votre Société autant de missionaires que vous pouvez ou que vous jugerez convenable avec leurs familles s’ils le désirent pourvu que vous envoyez des personnes de métiers et de talents de faire de mon peuple des ouvriers et ds bon Chretiens. Je profite aussi de la meme occasion pour vous assurer messieurs toute la protection de salut de Respect et la tranquillité quancont (concernant?) messieurs les missionaires de moi et de la pars de mes sujets.

Qu’aux (ceux?) missionaires les plus nesssésaires pour le moments: sont des personnes pour enseigner mon peuple dans la religion Chretienne et dans les differents métiers telsque tisserands Charpantiers botanistes Etc. Etc. Etc. ..

J’attends messieurs de vous une Réponse satisfassantes par la plus prompte occasion.

Tananarive le 29bre 1820 Recevez messieurs l’assurance de mon Estime et de mon Affection

Radamamanzaka”

Englische Übersetzung des Textes, angefertigt von einem unbekannten Mitarbeiter der London Missionary Society. Der maschinengeschriebene Text wurde zu einem späteren Zeitpunkt dem französischen Brief des Königs beigelegt

„Translation of Letter from Radama

Radama, King of Madagascar, to the Missionary Society, generally called London Missionary Society.

Sirs,

Since the alliance made between me and Governor Farquhar, which has for its aim the cessation of the export of slaves in the island of Madagascar, the missionary, Mr. David Jones, accompanied by the representatives of the British Government, has arrived at Tananarive, the capital of my kingdom, with the intention of visiting me to ask permission to establish himself and other missionaries of your Society in my state. I have agreed to his request with much pleasure, after being informed of his profession and his mision.

Having been clearly instructed by Mr. David Jones, your missionary, that the representatives of your Society have for their sole aim to enlighten the people by conviction and persuasion, and to find means of making them happy by evangelising them and civilising them like the other European nations, and not by force contrary to their lights.

This is why, gentlemen, I ask you to send, if it is agreeable to your Society, as many missionaries as you can, or as you judge suitable, with their families if they wish, provided that you send people of professions and talents to make my people good workmen and good Christians. I take advantage of this occasion to assure you, gentlemen, that the missionaries shall receive every protection and safety, respect and tranquillity, both from me and from my subjects.

Those missionaries most necessary at the moment are those who can instruct my people in the Christian religion, and in different trades such as weavers, carpenters, botanists, etc. etc.

I hope, gentlemen, for a favorable and speedy answer.

With assurance of my esteem and affection,

RADAMAMANZAKA.Tananarive, 29bre 1820.”


Die Veröffentlichung der Abbildung und Übersetzung erfolgt mit Unterstützung und freundlicher Genehmigung der School of Oriental and African Studies, Archieves and Special Collections, Thornhaugh St, Russel Square, London, WC1H OXG. © 2010 Copyright Council of World Mission, Ipalo House, 32-34 Great Peter Street, London SW1P 2DB, UK.


[1] Transkription nach Dagmar Bechtloff.


Für das Themenportal verfasst von

Dagmar Bechtloff

( 2010 )
Zitation
Dagmar Bechtloff, Der Sprung in die Moderne oder die Dynamik transkultureller Prozesse Die Einladung des madagassischen Königs Radama I. an die Handwerkermissionare der London Missionary Society (LMS) vom 29. Oktober 1820, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2010, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1525>.
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