Apologien der ‚Pädophilie‘ in den 1970er Jahren. Transnationale Zirkulationen und westdeutsche Spezifika

„Pedophilic contacts do not damage the psychic development of a child“, konstatierte das englische Abstract eines Artikels, der 1972 in der deutschen Ärztezeitschrift Sexualmedizin erschien. Der Autor referierte, eine Studie mit 30 erwachsenen „Probanden“, die über sexuelle Kontakte in ihrer Kindheit zu älteren Männern berichtet hätten, habe die Unschädlichkeit solcher Kontakte erwiesen. Die „Opfer“ – im Original in Anführungszeichen – seien gar „weniger verkrampft“ als der „durchschnittliche Niederländer“. Sie seien „selbstkritischer“ und vermutlich auch „harmonischer“ – ein sogenannter „ABV-Test“ habe das ergeben. Autor war der niederländische Pädophilenaktivist Frits Bernard, ein promovierter Psychologe.

Apologien der ‚Pädophilie‘ in den 1970er Jahren. Transnationale Zirkulationen und westdeutsche Spezifika[1]

Von Sonja Levsen

„Pedophilic contacts do not damage the psychic development of a child“, konstatierte das englische Abstract eines Artikels, der 1972 in der deutschen Ärztezeitschrift Sexualmedizin erschien.[2] Der Autor referierte, eine Studie mit 30 erwachsenen „Probanden“, die über sexuelle Kontakte in ihrer Kindheit zu älteren Männern berichtet hätten, habe die Unschädlichkeit solcher Kontakte erwiesen. Die „Opfer“ – im Original in Anführungszeichen – seien gar „weniger verkrampft“ als der „durchschnittliche Niederländer“. Sie seien „selbstkritischer“ und vermutlich auch „harmonischer“ – ein sogenannter „ABV-Test“ habe das ergeben.[3] Autor war der niederländische Pädophilenaktivist Frits Bernard, ein promovierter Psychologe. Sexualmedizin war eine 1972 neu gegründete Zeitschrift, die sich in wissenschaftlicher Aufmachung einer ganzen Bandbreite ‚sexualmedizinischer‘ Themen widmete bzw. das Feld der ‚Sexualmedizin‘ überhaupt erst zu etablieren suchte. Sexuellen Befreiungsbewegungen aller Art brachte sie dabei ausgeprägte Sympathie entgegen. Zahlreiche Medizinprofessoren, daneben Sexualwissenschaftler wie Volkmar Sigusch, waren „beratende Wissenschaftler“ des Blattes.[4] Wie fand ein solcher Artikel Eingang in ein Ärzteblatt, woher nahm er seine Argumente, und wofür stand er?

Der zitierte Artikel war einer von zahlreichen Beiträgen zur ‚Pädophilie‘, so die Terminologie der Aktivisten, die Bernard zwischen den späten 1960er und den 1980er Jahren in Zeitschriften in verschiedenen europäischen Ländern publizierte. Aus der Vogelperspektive erscheinen sie als Teil eines transnationalen Trends: Legitimationen sexuellen Kontakts zwischen Erwachsenen und Kindern fanden in den späten 1970er Jahren in vielen westeuropäischen Gesellschaften einen Höhepunkt. Seit dem Beginn der Dekade hatten sich dort Pädophilenbewegungen formiert, die eine Entkriminalisierung und darüber hinaus die gesellschaftliche Anerkennung solcher sexuellen Kontakte forderten. Besonders früh war eine Pädophilenbewegung in den Niederlanden entstanden. Frits Bernard war ihr Gründer und einer ihrer aktivsten Vertreter.[5] In der ersten Hälfte der 1970er Jahre waren es daher zunächst niederländische Publikationen, die grenzübergreifend zirkulierten. Aber auch neuentstehende Gruppen in anderen Ländern wie das 1974 gegründete britische Paedophile Information Exchange oder die Schweizerische Arbeitsgemeinschaft Pädophilie gaben eigene Zeitschriften heraus und vernetzten sich grenzübergreifend. Zeitungen wie die Libération und die taz trugen phasenweise zur Popularisierung des Kampfes um eine Absenkung oder Abschaffung der Altersuntergrenzen legalen Geschlechtsverkehrs bei.[6] Trotz der transnationalen Welle der Organisationsgründungen und der Diskurse über ‚Pädophilie‘ hat sich die Forschung diesem Phänomen bisher fast ausschließlich in nationaler Perspektive gewidmet und dem transnationalen Kontext allenfalls beiläufige Aufmerksamkeit geschenkt.[7] Die Welle der Legitimationen der ‚Pädophilie‘ wird bisher primär als transnationale Folge von 1968 gedeutet, als Fortführung und eine Art überschießender Entgrenzung sexueller Befreiungsbewegungen. Weder der Prozess der grenzübergreifenden Ideenzirkulation selbst jedoch wurde bisher näher betrachtet, noch wurde in komparativer Perspektive nach nationalen Spezifika und ihren Konsequenzen gefragt.

Mit Blick auf Frankreich und Großbritannien haben Historiker:innen sich den Legitimationen der ‚Pädophilie‘ in den 1970er Jahren häufig im Kontext der Geschichte homosexueller Befreiungsbewegungen gewidmet.[8] Das liegt insofern nahe, als die Pädophilenbewegungen in dieser Zeit an die Erfolge der Homosexuellenbewegungen anzuknüpfen versuchten. Nach der Entkriminalisierung der Homosexualität gelte es, so argumentierten sie, nun auch Altersuntergrenzen des Geschlechtsverkehrs abzuschaffen. Diese Schutzaltersgrenzen divergierten entlang nationaler Grenzen und hatten sich historisch gewandelt. Zudem formulierten die Gesetze in den meisten Ländern nach der Entkriminalisierung der Homosexualität für homosexuelle Kontakte immer noch höhere Altershürden als für heterosexuelle.[9] Die Gesetzgebung spiegelte damit die Vorstellung des Homosexuellen als Verführer Minderjähriger, ein Relikt einer langen Tradition, in der Homosexuelle vielfach generell als ‚Päderasten‘ qualifiziert worden waren. Das beförderte phasenweise Allianzen zwischen beiden Bewegungen: Eine Reihe männlicher Homosexuellenbewegungen unterstützte die Anliegen der Pädophilenbewegungen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und in unterschiedlicher Dauer.[10]

Die Pädophilenbewegungen und andere Verfechter eines umfassenden Normenwandels argumentierten jedoch, es gelte nicht nur der Sexualität Pädophiler Anerkennung zu verschaffen, sondern auch jener der Kinder. Gerade dieses Argument entwickelte in den 1970er Jahren eine ungeahnte Zugkraft. Wie viele andere rekurrierte auch Frits Bernard immer wieder auf diese vermeintlichen kindlichen Bedürfnisse.[11] Solche unterdrückten und damit zu befreienden sexuellen Bedürfnisse wurden Jungen wie Mädchen zugeschrieben; Bezüge auf Jungen überwogen jedoch in den Texten der anfangs fast ausschließlich männlichen Aktivisten. Die engen grenzüberschreitenden Verflechtungen der Pädophilenbewegungen und die intensive grenzübergreifende Zirkulation von Schriften trugen zur raschen Verbreitung solcher Ideen bei. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Grenzen des Sagbaren seit der Mitte der 1960er Jahre in westeuropäischen Gesellschaften verschoben, ist ohne die dynamisierende Wirkung dieser Zirkulationen nicht erklärbar.

Schon ein Blick auf die Publikationen von Frits Bernard allerdings macht deutlich, dass es sich lohnt, die Transnationalität des Phänomens genauer unter die Lupe zu nehmen und nach nationalen Spezifika der Rezeption, nach Asymmetrien in der transnationalen Verbreitung neuer Annahmen über Sexualität und Kinder zu fragen. Eine solche Perspektive erhellt zugleich die Grenzen bisheriger Erklärungen der zeitgenössischen Entgrenzungen. Bernard publizierte Beiträge in niederländischen, britischen, belgischen, schweizerischen und französischen Zeitschriften, die meist von Pädophilenbewegungen herausgegeben wurden oder solchen nahestanden.[12] Nur in Deutschland fanden seine Beiträge auch wiederholt Eingang in Zeitschriften mit quasi-wissenschaftlichem Anspruch wie Sexualmedizin und in sich als progressiv verstehende pädagogische Zeitschriften wie betrifft: Erziehung.[13] Auch Bernards 1975 publiziertes Buch Pedofilie stieß entgegen seiner Selbstdarstellung jenseits der niederländischen Grenzen offenbar nur in Deutschland auf größere Resonanz. Hier erschien das Buch 1979 in einer erweiterten Version als Pädophilie. Von der Liebe mit Kindern, 1980 erschien eine zweite, 1982 eine dritte Auflage.[14] Zehn Jahre nach dem Original erschien zwar auch eine englischsprachige Ausgabe, jedoch in einem niederländischen Verlag, der eng mit der Pädophilenbewegung verbunden war, nicht aber in Großbritannien.[15] In andere europäische Sprachen übersetzt wurde das Buch nicht; weder das niederländische Original noch die späte englische Übersetzung erfuhren Neuauflagen.[16] Bernard war transnational vernetzt, in Spanien aufgewachsen, sprach englisch und französisch. Aus seinem Lebenslauf ergibt sich somit kein zwingender Anhaltspunkt, dass die deutsche Rezeption auf ein nur hier vorbestehendes persönliches Netzwerk zurückzuführen war.

Stießen Legitimationen der ‚Pädophilie‘ und die Verherrlichung kindlicher ‚sexueller Lust‘ demnach in der Bundesrepublik auf eine besonders ausgeprägte Resonanz? Einiges deutet darauf hin. Zu beobachten ist zunächst ein ähnliches Verbreitungsmuster einer Reihe weiterer Publikationen. So wurde ein weiteres Buch eines niederländischen Aktivisten, das von dem niederländischen Politiker Edward Brongersma publizierte Werk Pedofilie, 1970 nicht nur ins Deutsche übertragen, sondern der Umfang der deutschen Ausgabe Das verfemte Geschlecht. Dokumentation über Knabenliebe war nach Aussage des Autors gegenüber dem Original mehr als verdoppelt.[17] Und nicht nur niederländische Schriften fanden in Westdeutschland Übersetzer und Verleger. 1973 war in Frankreich die Zensur gelockert worden; 1974 erschienen verschiedene Monografien, die sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern legitimierten und idealisierten. Dazu gehörte etwa Émile perverti, ou Des rapports entre l’éducation et la sexualité aus der Feder des Pariser Philosophieprofessors René Schérer. Schérer argumentierte, sexuelle Beziehungen zwischen Kindern und Erwachsenen seien normal, und die verbreitete Idee einer asexuellen Distanz zwischen den Generationen sei „essentiellement perverse“.[18] In Frankreich zirkulierten seine Schriften vor allem im Intellektuellenmilieu. Ihre grenzüberschreitende Ausstrahlung blieb begrenzt und sehr spezifisch: Übersetzt wurde Scherers Buch nur ins Deutsche, und das sehr schnell – es erschien 1975 als Das dressierte Kind. Sexualität und Erziehung im Verlag Klaus Wagenbach.[19]Das dressierte Kind erlebte bald zwei Neuauflagen, während es in Frankreich zunächst bei der Erstausgabe blieb.

Übersetzungen und Auflagen mögen in ihrer Aussagekraft begrenzt sein, lassen sich jedoch als Indiz dafür lesen, dass pädophile Agitation im Westdeutschland der frühen 1970er Jahre auf eine im transnationalen Vergleich ausgeprägte Resonanz stieß. Greift man chronologisch in die 1960er Jahre zurück, fallen weitere Spezifika ins Auge, die die These einer zeitweise besonderen westdeutschen Offenheit für pro-pädophile Agitation bestärken und erste Ansätze zu ihrer Erklärung liefern. Seit der Mitte der 1960er Jahre war die Sexualerziehung verstärkt in das Blickfeld europäischer Gesellschaften gerückt. Innerhalb dieser transnationalen Konjunktur gab es signifikante nationale Unterschiede mit Blick auf Periodisierung und Inhalte der Debatten: Die schwedische Diskussion etwa um Sexualaufklärung in der Schule hatte vor allem auf den Umfang und die Form der Vermittlung biologischer Inhalte fokussiert und flaute Ende der 1960er Jahre bereits wieder ab. Chronologisch am anderen Ende des transnationalen Booms zu verorten sind die Debatten in Frankreich: Hier blieben Diskussionen über Sexualaufklärung vor 1968 randständig, weckten erst Anfang der 1970er Jahre das Interesse einer breiten Öffentlichkeit und fokussierten dann ebenfalls auf die Vermittlung biologischen Wissens.[20]

In Westdeutschland hingegen gewannen in den Diskussionen über eine Reform der Sexualerziehung seit etwa 1965 Argumente für eine notwendige Förderung kindlicher Sexualität und Lustvermittlung immer größere Aufmerksamkeit. Im Unterschied zu Frankreich und Großbritannien waren es in der Bundesrepublik nicht Pädophilie-Aktivisten, die zuerst mit einer Verherrlichung ‚kindlicher Sexualität‘ an die Öffentlichkeit traten. Vielmehr etablierte sich die Forderung einer zu befreienden kindlichen Sexualität hier in Teilen der Pädagogik. In der westdeutschen Neuen Linken erfuhr zu diesem Zeitpunkt die Deutung des Nationalsozialismus als Produkt unterdrückter Sexualität einen ungeahnten Aufschwung, häufig mit Bezug auf die Theorien Wilhelm Reichs.[21] In der Konsequenz erschien die Befreiung der Lust als demokratisches Projekt.

Im Zuge dessen popularisierten pädagogische Schriften die Idee, bereits Kinder müssten sexuelle Lust lernen, damit die westdeutsche Gesellschaft sich von ihrer ‚Untertanenmentalität‘ befreien könne. In diesem Sinne trat seit etwa 1965 der Sozialpädagoge Helmut Kentler dezidiert dafür ein, Sexualerziehung als ‚politische Erziehung‘ zu verstehen. Die gängige, auf „Triebunterdrückung“ zielende Erziehung bringe eine „Untertanenhaltung“ und „autoritäre Persönlichkeiten“ hervor, so argumentierte er; auch für ihn stand eine solche ‚sexualfeindliche‘ Erziehung in direkten Zusammenhang mit dem Faschismus.[22] Das Ausleben der Lust galt Kentler und anderen als Voraussetzung für eine Demokratisierung der Gesellschaft. Diese Deutungslinie fand sich Ende der 1960er Jahre in einer wachsenden Zahl von Beiträgen zur Sexualerziehung.

Auch wenn die Assoziation einer Lustbefreiung mit positiver Gesellschaftsveränderung transnational Anziehungskraft entfaltete, erfuhr sie doch in Westdeutschland in dieser Phase eine besondere Ausprägung. Die westdeutsche Neue Linke entwickelte seit Mitte der 1960er Jahre ein ungewöhnlich starkes Interesse an Sexualität, und dieses verschränkte sich von Beginn an mit einem sehr ausgeprägten pädagogischen Impetus.[23] Kentler, 1965 ein noch unbekannter junger Sozialpädagoge, etablierte sich innerhalb weniger Jahre als vielgefragter Experte. Häufig mit Bezug auf seine Texte, aber auch jenseits davon entwickelte sich seit etwa 1970 ein breites Spektrum von Beiträgen, die eine Förderung der kindlichen Lust forderten.

Aufgegriffen wurde das nicht zuletzt in der westdeutschen Kinderladenbewegung, die in ihrem Fokus auf Erziehung als Projekt der Gesellschaftsveränderung bereits ein deutsches Spezifikum darstellte. Kinder, so die hier in verschiedenen Varianten formulierte Idee, sollten mittels sexueller Spiele unter Gleichaltrigen früh Lusterfahrungen machen. Diese Lust sollte dabei nicht nur toleriert, sondern gefördert, geübt und erlernt werden. Sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern galten in dieser Argumentation meist als sekundäre oder Ersatzpraxis für Kontakte zwischen Kindern, waren aber keineswegs auszuschließen. Der Argumentationshorizont der Idee des ‚Erlernens der Lust‘ war dabei häufig nicht das individuelle Wohlbefinden des Kindes, wenngleich Annahmen über die Entwicklung einer ‚gesunden‘ Sexualität eine Rolle spielten. In den Vordergrund aber rückte die Utopie der Gesellschaftsbefreiung.[24]

In der Forschung ist umstritten, inwieweit das Bekenntnis zur Förderung der kindlichen Lust mit Entgrenzungen in der Praxis einherging. Allein der wortmächtige Diskurs der Kinderladenbewegung über kindliche Sexualität, ‚Enttabuisierung‘ und ‚Befreiung‘ aber fand in Frankreich oder Großbritannien keine Parallele. In pädagogischen Debatten ebenso wie in der Praxis der frühkindlichen Erziehung beider Gesellschaften erlangte Sexualität keine vergleichbare Aufmerksamkeit. Auch die Bilderstrecken nackter Kinder, die in Periodika der Neuen Linken wie dem Kursbuch, in Eigenpublikationen von Kinderläden, aber auch etwa im Zeit Magazin erschienen, erscheinen als deutsches Spezifikum. In der Argumentation der Fotografen bewiesen die Bilder, die vielfach auf Geschlechtsteile fokussierten, dass Kinder, wenn sie „erst einmal freigelassen“ würden, sexuelle Tabus brächen.[25]

Neben der Abgrenzung zum als sexualrepressiv verstandenen Faschismus gewann dabei im westdeutschen Diskurs ein zweiter, bisher wenig beachteter Argumentationsstrang große Wirkmacht: der Bezug auf die Forschungen der Ethnologie. Seit etwa 1966 entwickelte es sich in deutschen Debattenzu einem Topos, ‚friedliche Naturvölker‘ würden sexuelle Kontakte zwischen Kindern, aber auch zwischen Erwachsenen und Kindern ab einem frühen Alter zulassen. Das war etwa auch das Argument, das der Feuilleton-Chef der ZEIT, Rudolf Walter Leonhardt, im April 1969 in einem ZEIT-Artikel vorbrachte. „Bei den Lepcha in Indien“ gebe es nach dem zwölften Lebensjahr, „bei den Ila in Afrika nach dem zehnten Lebensjahr kaum noch Virginität. Es kommt bei den Lepcha vor, daß Männer mit Achtjährigen koitieren“, hielt Leonhardt dort fest.[26]

Der Artikel war Teil einer zweiseitigen Serie, in der Leonhardt nicht zuletzt sexuelle Beziehungen zwischen erwachsenen Männern und jungen Mädchen idealisierte. Der Verweis auf die Sexualität von ‚Naturvölkern‘ und die Erkenntnisse der Ethnologie wurde gerade in der Bundesrepublik der 1970er Jahre populär. So stützten etwa die Nürnberger Lehrer Thilo und Hartmut Castner 1970 in einer vom städtischen Schul- und Kultusreferat geförderten Studie über Sexualrevolution und Schule ihr Plädoyer für eine Pädagogik der „lustbejahenden Trieberfüllung“ auf „eine Reihe ethnologischer Studien über Völker, die die Verneinung des Lustprinzips nicht kennen“. Sie zitierten etwa das Volk der „Lesu“, dessen Angehörige es als ganz natürlich ansähen, „wenn die Kinder versuchen, den Geschlechtsverkehr auszuführen“.[27] Solche Zuschreibungen fanden sich in einer Vielzahl von Schriften und waren meist nicht willkürlich gewählt, sondern nahmen Bezug auf Forschungen von Margaret Mead, Verrier Elwin, Bronisław Malinoswki, Clellan S. Ford, Frank Ambrose Beach und anderen.[28] Hier ist nicht der Ort, den in der Ethnologie bereits diskutierten Motiven und Problemen dieser Studien nachzugehen; von Interesse sind jedoch die Formen und Wege ihrer Rezeption. Und auch hier zeigen sich westdeutsche Spezifika, zumindest im Vergleich mit Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien: Dort spielte in den öffentlichen Debatten der Verweis auf vermeintlich lustfreundliche Naturvölker nur eine untergeordnete Rolle. Das Vorbild der freien Naturvölker entwickelte seine Anziehungskraft vor allem in Westdeutschland; hier wurde es zum Argument gegen Grenzen des sexuell Erlaubten.

Mit Bezug auf die Folie des Nationalsozialismus einerseits und die ‚friedlichen Naturvölker‘ andererseits, die als Gegenentwurf zum ‚deutschen Untertanen‘ präsentiert wurden, entwickelte sich demnach in der Bundesrepublik seit Mitte der 1960er Jahre eine Pädagogik der Lust, die hier erkennbar breitere Kreise zog als in anderen westeuropäischen Gesellschaften. Gerade diese frühe Phase, innerhalb derer das zentrale Argument zur Förderung kindlicher Sexualität ein politisches war, erscheint in ihrer Periodisierung, in ihrer Intensität und in der Betonung des notwendigen Lernens der Lust als spezifisch deutsch. Sie entgrenzte die Debatte schon einige Jahre bevor die Schriften der Pädophilenbewegungen in Europa zu zirkulieren begannen. Eine wichtige Grundlage für die interessierte Aufnahme dieser Schriften war damit gelegt.

Die Idealisierung des sexuellen Kontakts zwischen Erwachsenen und Kindern einerseits und der kindlichen ‚sexuellen Bedürfnisse‘ andererseits überzeugte viele nicht zuletzt aufgrund der Schwäche der zeitgenössischen Gegenargumente. Diese beruhten vielfach auf traditionell-religiösen Unzuchtskonzepten; kindliche Verletzlichkeit und Schutzbedürftigkeit hingegen spielten auf allen Seiten der Debatte nur eine geringe Rolle. So sehr die sexuellen Befreiungsutopien gerade des westdeutschen alternativen Milieus ein Charakteristikum der 1970er Jahre waren, so deutlich offenbaren sich in ihnen doch auch Kontinuitäten älterer gesellschaftlichen Annahmen über Kinder, Sexualität, Verletzlichkeit, Gewalt und Geschlecht. Die Idee des sexuell aktiven Kindes etwa, die im alternativen Milieu gefeiert wurde, zeigte deutliche Anknüpfungspunkte an die Tradition, minderjährigen Betroffenen sexueller Gewalt eine aktive Verführerrolle zuzuschreiben. Und die von Aktivisten häufig gewählte Darstellung sexuellen Kontakts zwischen Erwachsenen und Kindern als ‚gewaltlos‘, ja geradezu als Gegensatz zu erzieherischer Gewalt, entfaltete eine zeitgenössische Überzeugungskraft auf Grundlage eines lange etablierten Gewaltverständnisses, in dem psychische Verletzlichkeit noch nicht in den Blick geriet.

Der Blick auf solche Kontinuitäten schafft nicht zuletzt Distanz zur zeitgenössischen Semantik der ‚Enttabuisierung‘ und ‚Befreiung‘.[29] Ansätze der Wissensgeschichte könnten dazu beitragen, genauer zu erkennen, warum in dieser Dekade gerade jene Argumente über Kinder, über Sexualität und Gewalt auf Resonanz stießen, die Entgrenzungen beförderten. Die Rolle der Wissenschaften – der Pädagogik, der Psychologie, der Medizin – in diesen Debatten der 1970er Jahre ist bisher kaum untersucht.[30] Dabei spricht viel für einen spezifischen Einfluss der in ihrer Ausprägung ungewöhnlichen westdeutschen Sexualwissenschaft. Sie gälte es in vergleichender Perspektive genauer zu analysieren, ebenso wie die Rolle der westdeutschen Pädagogik.[31] Beide Disziplinen profitierten von hohen gesellschaftlichen Erwartungen, neue Normen für Grundlagen menschlichen Zusammenlebens wie auch politischen Handelns zu entwickeln. Die Pädagogik entwickelte in Westdeutschland dabei eine vergleichsweise ungewöhnliche Deutungsmacht. Ein umfassender Erziehungsglaube prägte viele Experimente.

‚Wissenschaftlichkeit‘ war aber auch für Pädophilenbewegungen ein zentrales Argument. Ihre Vertreter nahmen vielfach und geradezu emphatisch ‚Objektivität‘ und ‚Nüchternheit‘ für sich in Anspruch. Frits Bernard etwa verwies wiederholt auf seine Sammlung von „Fakten“ und unterstrich die Notwendigkeit, „nüchterne, realistische“ Beschreibungen der Realität zu geben. Erst mit dem Erscheinen seiner Bücher, so behauptete er, habe eine Entwicklung „in Richtung einer objektiveren psychiatrischen und juristischen Betrachtung begonnen“.[32] Analytisch betrachtet beinhaltete seine Methodik hingegen Strategien wie ausgeprägte, teils durch Pseudonym verschleierte Selbstzitationen, das Einflechten hoch emotionalisierter Appelle und Schicksalsgeschichten, das suggestive Behaupten von angeblichen Fakten sowie eine sehr selektive bis weitgehend fehlende Belegpraxis. Damit einher ging eine Nicht-Überprüfbarkeit vermeintlich durchgeführter Studien und Tests.

Dass die emphatische Behauptung der Wissenschaftlichkeit dennoch Wirkmacht entfaltete, verweist nicht zuletzt auf einen ausgeprägten Expertenglauben in den westdeutschen 1970er Jahren. Bernards Doktortitel, erlangt mit einer Arbeit über die Rotterdamer Hafenberufsschule, verhalf ihm zu einem Expertenstatus als ‚Psychologe‘ und ‚Sexualwissenschaftler‘. Auch die Reputation von Akteuren wie Helmut Kentler gründete sich nicht zuletzt auf akademische Weihen. Solche und andere etablierte Hierarchien und Denkmuster trugen dazu bei, dass Legitimationen der ‚Pädophilie‘ in den 1970er Jahren breite Resonanz fanden und Entgrenzungen beförderten. Um den Charakter der Dekade zwischen Bruch und Kontinuität genauer zu erfassen, müssten die Entgrenzungen der 1970er Jahre daher in eine transnationale Wissensgeschichte der Kindheit, der Sexualität wie auch der Gewalt im 20. Jahrhundert eingeordnet werden.[33] In Kombination mit dem Vergleich immunisiert eine solche Perspektive gegen die Annahme, dass eine Idealisierung sexuellen Kontakts zwischen Erwachsenen und Minderjährigen eine fast unvermeidliche Folge von 1968 war.



[1] Essay zu den Quellen: Frits Bernard, Pädophilie – eine Krankheit? (1972) und Buchdeckel des Buchs: Réne Schérer, Das dressierte Kind (1975), in: Themenportal Europäische Geschichte, 2021, https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-60626.

[2] Frits Bernard, Pädophilie – eine Krankheit? Folgen für die Entwicklung der kindlichen Psyche, in: Sexualmedizin 9, Dezember 1972, S. 438-440.

[3] Ebd., S. 438.

[4] Vgl. das Impressum in Sexualmedizin 1, April 1972, S. 58.

[5] Alexander Hensel / Tobias Neef / Robert Pausch, Von „Knabenliebhabern“ und „Power-Pädos“. Zur Entstehung und Entwicklung der westdeutschen Pädophilen-Bewegung, in: Franz Walter / Stephan Klecha / Alexander Hensel (Hrsg.), Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte, Göttingen 2015, S. 136-159, hier S. 142f.

[6] Zur Libération etwa Jean Bérard, De la libération des enfants à la violence des pédophiles. La sexualité des mineurs dans les discours politiques des années 1970, in: Genre, sexualité & société 11 online (2014), http://journals.openedition.org/gss/3134; DOI 10.4000/gss.3134; in Großbritannien ließ sich keine Zeitung ausfindig machen, die sich ähnlich positionierte – der Guardian etwa blieb deutlich distanzierter.

[7] Einen sehr knappen Überblick in transnationaler Perspektive liefert David Paternotte, Pedophilia, Homosexuality and Gay and Lesbian Activism, in: Gert Hekma / Alain Giami (Hrsg.), Sexual Revolutions, Basingstoke 2014, S. 264-278; kursorisch daneben auch Sven Reichardt, Pädosexualität im linksalternativen Milieu und bei den Grünen in den 1970er bis 1990er Jahren, in: Meike Sophia Baader et al. (Hrsg.), Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968, Köln 2017, S. 137-160.

[8] Vgl. etwa zu Großbritannien Lucy Robinson, Gay Men and the Left in Post-War Britain. How the Personal got Political, Manchester 2011, bes. Kapitel V.; für Frankreich Julian Bourg, Boy Trouble. French Pedophiliac Discourse of the 1970s, in: Axel Schildt / Siegfried, Detlef (Hrsg.), Between Marx and Coca-Cola. Youth Cultures in Changing European Societies, 1960-1980, New York 2006, S. 287-312; Antoine Idier, Les alinéas au placard. L’abrogation du délit d’homosexualité 1977-1982, Paris 2013; jenseits der Homosexualität u.a. Pierre Verdrager, L'enfant interdit. Comment la pédophilie est devenue scandaleuse, Paris 2013.

[9] Als Überblick vgl. Matthew Waites, The Age of Consent. Young People, Sexuality and Citizenship, Basingstoke 2005.

[10] Zur Positionierung der deutschen Homosexuellenbewegungen u.a. Magdalena Beljan, Rosa Zeiten? Eine Geschichte der Subjektivierung männlicher Homosexualität in den 1970er und 1980er Jahren der BRD, Bielefeld 2014.

[11] Frits Bernard, Pädophilie. Von der Liebe mit Kindern, hrsg. und mit einem Nachwort von Joachim S. Hohmann, Lollar 1979, S. 119; zeitgenössisch daneben etwa Helmut Kentler, Sexualerziehung, Reinbek 1970; vgl. dazu auch Sonja Levsen, Autorität und Demokratie. Eine Kulturgeschichte des Erziehungswandels in Westdeutschland und Frankreich, 1945-1975, Göttingen 2019, S. 584ff.

[12] Eine Übersicht seiner Publikationen hat Bernard selbst zusammengestellt, vgl. Frits Bernard, Selected Publications of Dr. Frits Bernard. An International Bibliography, Rotterdam 1989; auch online unter https://www.ipce.info/booksreborn/bernard/publications.htm (20.03.2020). Die Korrektheit und Vollständigkeit ist zwar nicht überprüfbar, die Liste aber offenbar darauf angelegt, die Breite und Internationalität seiner Publikationstätigkeit herauszustreichen.

[13] Neben dem eingangs zitierten Artikel publizierte Sexualmedizin bis 1977 sieben weitere (teils sehr kurze) Beiträge Bernards; betrifft: erziehung wandte sich 1973 der ‚Pädophilie‘ zu, siehe Frits Bernard, Pädophilie – eine Krankheit? in: betrifft: erziehung, April 1973, S. 21-23. Zum Stand der Forschung in deutscher Perspektive und mit weiterer Literatur vgl. Jan-Henrik Friedrichs, „Freie Zärtlichkeit für Kinder“. Gewalt, Fürsorgeerziehung und Pädophiliedebatte in der Bundesrepublik der 1970er Jahre, in: Geschichte und Gesellschaft 44 (2018), S. 554-585.

[14] Bernard, Pädophilie. Von der Liebe mit Kindern; Auflage von 1982 unter dem Titel: Kinderschänder? Pädophilie. Von der Liebe mit Kindern, Berlin 1982; niederl. Original: Pedofilie, Bussum 1975.

[15] Ders., Paedophilia. A Factual Report, Rotterdam 1985.

[16] Alle Aussagen zur Nicht-Existenz von Übersetzungen hier auf der Basis der Bibliothekskataloge der jeweiligen Nationalbibliotheken sowie weiterer übergreifender Bibliothekskataloge.

[17] Edward Brongersma, Das verfemte Geschlecht. Dokumentation über Knabenliebe, vom Autor stark erw. dt. Ausg., aus dem Niederländischen von Johannes Werres. Mit einem Vorwort von Willhart S. Schlegel, München 1970, 267 Seiten. Die Angabe findet sich im Vorwort des Autors, S. 14; eine dort erwähnte französische Ausgabe konnte allerdings nicht nachgewiesen werden.

[18] René Schérer, Émile perverti, ou Des rapports entre l'éducation et la sexualité, Paris 1974, S. 192; 2006 erschien allerdings eine weitere Auflage; daneben auch Gabriel Matzneff, Les moins de seize ans, Paris 1974 und weitere Schriften desselben Autors. Matzneffs Werke wurden nicht ins Deutsche übersetzt.

[19] René Schérer, Das dressierte Kind. Sexualität und Erziehung: Über die Einführung der Unschuld, Berlin 1975; weitere Ausgaben 1976 und 1980.

[20] Vgl. Levsen, Autorität und Demokratie, Kap. 7; auch Tamara Chaplin, Émile perverti? ou „Comment se font les enfants?“ Deux siècles d’éducation sexuelle en France, in: Véronique Blanchard / Régis Revenin / Jean-Jacques Yvorel (Hrsg.), Les jeunes et la sexualité. Initiations, interdits, identités (19e-21e siècle), Paris 2010, S. 21-35.

[21] Vgl. grundlegend Dagmar Herzog, Die Politisierung der Lust. Sexualität in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts, München 2005.

[22] Helmut Kentler, Fernhalten und Ablenken. Tendenzen der „Aufklärungsliteratur“, in: Deutsche Jugend 13 (1965), S. 397-407, hier S. 403f.; ders., Repressive und nichtrepressive Sexualerziehung im Jugendalter, in: ders. u.a. (Hrsg.), Für eine Revision der Sexualpädagogik, München, 21968, S. 9-48; ders., Eltern lernen Sexualerziehung, Reinbek 1975 und zahlreiche Neuauflagen.

[23] Für eine Analyse des westdeutschen Fokus auf Sexualität vgl. Sonja Levsen, Sexualität und Politik um 1968. Eine transnationale Geschichte?, in: Journal of Modern European History 17.1 (2019), S. 98-115.

[24] Vgl. etwa Monika Seifert, Zur Theorie der antiautoritären Kindergärten, in: konkret 3 (1969), S. 42-43; Gerhard Bott (Hrsg.), Erziehung zum Ungehorsam.Kinderläden berichten aus der Praxis der antiautoritären Erziehung, Frankfurt am Main 1970; dazu u.a. Till van Rahden, Eine Welt ohne Familie. Der Kinderladen als ein demokratisches Heilversprechen, in: ders. / Oliver Kohns / Martin Roussel (Hrsg.), Autorität. Krise, Konstruktion und Konjunktur, Paderborn 2016, S. 255-282.

[25] Hans-Norbert Burkert / Jean-Gil Bonne, Doktorspiele, in: Zeit-Magazin, 28.9.1973, S. 10-18, Zitat S. 10; Liebesspiele im Kinderzimmer, Kursbogen (lose Beilage) zu Kursbuch 17, Juni 1969. Absenzen sind methodisch stets schwierig nachzuweisen; die Aussage beruht auf umfangreichen Recherchen in britischen und französischen zeitgenössischen Periodika.

[26] Rudolf Walter Leonhardt, Unfug mit Unschuld und Unzucht. Streicheln ist gefährlicher als Schlagen, in: Die Zeit, 18.4.1969, S. 70f., Zitat S. 71. Der Text war ein Auszug seines Buches, vgl. ders., Wer wirft den ersten Stein? Minoritäten in einer züchtigen Gesellschaft, München 1969.

[27] Thilo Castner / Hartmut Castner, Sexualrevolution und Schule. Materialien zu der Frage: „Was halten Schüler von einer schulischen Sexualerziehung?“, Neuwied / Berlin 1970, S. 15, 21; mit Bezug auf die Lesu als Zitat von Clellan S. Ford / Frank Ambrose Beach, Formen der Sexualität, Reinbek 1968.

[28] Vgl. dazu ausführlicher Levsen, Autorität und Demokratie, S. 576; es kamen sogar Raubdrucke dieser Schriften auf den Markt, so etwa Bronisław Malinowski, Kindliche Sexualität bei Naturvölkern [Raubdr.], Osnabrück: Archiv antiautoritäre Erziehung, ca. 1970.

[29] Meike Sophia Baader, Zwischen Enttabuisierung und Entgrenzung. Der Diskurs um Pädosexualität und die Erziehungs-, Sexual- und Sozialwissenschaften der 1970er bis 1990er-Jahre, in: Erziehungswissenschaft 28 (2017), S. 27-37; sowie dies. et al., Einleitung, in: dies. et al. (Hrsg.), Tabubruch und Entgrenzung. Kindheit und Sexualität nach 1968, Köln 2017, S. 9-16. Zu Gewaltkonzeptionen im Wandel vgl. insbesondere Svenja Goltermann, Gewaltwahrnehmung. Für eine andere Geschichte der Gewalt im 20. Jahrhundert, in: Mittelweg 36/29 (2020), S. 23-46.

[30] Erste Ansätze in Baader, Enttabuisierung.

[31] Erste Eindrücke zu Netzwerken in der westdeutschen Sexualwissenschaft der 1970er Jahre liefert etwa Teresa Nentwig, Bericht zum Forschungsprojekt: Helmut Kentler und die Universität Hannover, Hannover 2019.

[32] Bernard, Pädophilie. Von der Liebe mit Kindern, 1979,S. 7 (Einleitung),12; vgl. auch im britischen Kontext Mark Cook / Chris Howells (Hrsg.), Adult Sexual Interest in Children, London 1981.

[33] Erste Perspektiven der longue durée liefern für Großbritannien, knapp, etwa Lucy Delap, “Disgusting Details Which Are Best Forgotten”: Disclosures of Child Sexual Abuse in Twentieth-Century Britain, in: Journal of British Studies 57 (2018), S. 79-107; Carol Smart, Reconsidering the Recent History of Child Sexual Abuse, 1910-1960, in: Journal of Social Policy 29 (2000), S. 55-71; zu Frankreich Anne-Claude Ambroise-Rendu, Histoire de la pédophilie, XIXe-XXIe siècle, Paris 2014; für Österreich Sonja Matter, Die Grenzen der Kindheit und die Grenzen der „Schutzwürdigkeit“: Sexuelle Kindesmisshandlung vor österreichischen Gerichten (1950-1970), in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 28.3 (2017), S. 133-156.


Frits Bernard, Pädophilie – eine Krankheit? (1972) und Buchdeckel des Buchs: René Schérer, Das dressierte Kind (1975)

Pädophilie – eine Krankheit?

Folgen für die Entwicklung der kindlichen Psyche[1]

von Dr. Frits Bernard, Psychologe, Rotterdam

Summary: Pedophilic contacts do not damage the psychic development of a child. A Group of 30 adult probands who had pedophilic relations during childhood was examined. The biographical evaluation and a questionnaire test (ABV-test) showed no signs for more frequent psycho- or functional-neurotic troubles or deviant social behaviour compared to average citizens. On the other hand, a more self-critical and less defensive personality characteristic was observed. Further examinations will have to prove these first results.

[….] Psychiater und Juristen sind stets um die Folgen pädophiler Beziehungen beim jüngeren Partner besorgt. Zu diesem wichtigen Punkt sollen nähere Einzelheiten zusammengetragen werden. Unsere Problemstellung war: Haben sexuelle Kontakte oder länger anhaltende Beziehungen eines Kindes mit einem erwachsenen Mann oder einer Frau nachteilige Folgen für den Jugendlichen? Wenn ja, welcher Art sind sie? Unsere Untersuchung bestand aus einem biographischen Teil und einem psychologischen Test. In dem Buch „Sex met kinderen“ (Sex mit Kindern), 1972, berichten wir über eine eigene Untersuchung dieser Folgen. Unsere Absicht war zu prüfen, was mit Kindern geschieht, die eine sexuelle Beziehung – oder einen sexuellen Kontakt– mit einem oder mehreren Erwachsenen haben. Dafür erschien uns allein folgende Methode brauchbar: Die Untersuchung Erwachsener, die als Kinder pädophile Beziehungen hatten, um daraus Rückschlüsse – über den Einfluß dieser Geschehnisse oder dieser Periode ihrer Jugendzeit – auf ihre Persönlichkeit zu ziehen.

30 Probanden wurden gebeten, uns eine kurze Lebensbeschreibung zu geben. Darin sollte vor allem zum Ausdruck kommen, wie sie diese Kontakte oder Lebensperiode erlebt haben und wie sie jetzt – so viele Jahre später – diesen Erfahrungen gegenüberstehen. Dazu wurden sie mit Hilfe von Fragebogen (ABV-Test) psychologisch untersucht. Mit diesem Test können wir verschiedene Persönlichkeitsaspekte messen, u. a. die neurotische Labilität oder die geistige Unausgeglichenheit. Weiterhin zeigt dieser Test das Maß der sozialen Extraversion an und vermittelt Fakten über die selbstdefensive und selbstkritische Haltung bei der Beantwortung der Fragen. Der Vergleich mit einer Gruppe unauffälliger Niederländer sollte Unterschiede aufzeigen. Hypothese: Wenn die Kindheitserlebnisse schädliche Auswirkungen haben, müßte das im Testprofil zum Ausdruck kommen. Es wäre dann eine erhöhte Neigung neurotischem Verhalten zu erwarten.

Der Test ergab folgendes: Die Häufigkeit psycho- und funktionell-neurotischer Beschwerden und das soziale Verhalten weichen nicht vom Durchschnitt der niederländischen Bevölkerung ab. Hingegen zeigt der Test, daß die „Opfer“ sich nicht so oft bedroht fühlen und weniger verkrampft sind als der „durchschnittliche Niederländer“. Das ist in der Tat bemerkenswert. Sind sie durch die sexuellen Beziehungen in Jugendjahren freier und harmonischer geworden? Es scheint so, als ob sie sich selbst besser kennen, selbstkritischer und weniger defensiv sind. Weitere Untersuchungen werden dies bestätigen müssen […].

[…]

Die psychologische Untersuchung hat gezeigt, daß junge Menschen sexuelle Kontakte und Beziehungen zu Erwachsenen oft als positiv erleben. Sie suchen neben dem sexuellen Aspekt auch Zuneigung, Gefühl und Geborgenheit. Ein traumatisierender Einfluss oder Angstgefühle gegenüber Erwachsenen sind nicht nachweisbar. Die spätere sexuelle Triebrichtung wird offenbar nicht beeinflusst. Die ersten Kontakte beginnen schon während der Grundschulzeit. Die sexuellen Handlungen sind meist masturbatorischer Art. Manchmal bleibt die freundschaftliche Verbindung nach sexuell gefärbten Perioden fortbestehen, in einigen Fällen das ganze Leben. Von schädlichen Folgen kann also nicht gesprochen werden. Und schließlich: Die Haltung der Gesellschaft gegenüber pädophilen Beziehungen wirkt sich negativ aus. Eine Veränderung ist pädagogisch wünschenswert […].“

Buchdeckel des Buchs: René Schérer, Das dressierte Kind (1975)


[1] Frits Bernard, Pädophilie – eine Krankheit?Folgen für die Entwicklung der kindlichen Psyche, in: Sexualmedizin 9, Dezember 1972, S. 438-440.


Für das Themenportal verfasst von

Sonja Levsen

( 2021 )
Zitation
Sonja Levsen, Apologien der ‚Pädophilie‘ in den 1970er Jahren. Transnationale Zirkulationen und westdeutsche Spezifika, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2021, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1782>.
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