Der erste schwul-lesbische Newsletter der Volksrepublik Polen – ein Beispiel für transnationale politische Interaktionen

Mitte der 1980er-Jahre erschienen in der Volksrepublik Polen in unregelmäßigen Abständen kleine Auflagen eines schreibmaschinengeschriebenen mehrseitigen Newsletters. Die kurzen Textezirkulierten inoffiziell, etwa indem sie von ihren Lesern (und wenigen Leserinnen) per Hand abgeschrieben oder – falls es möglich war – fotokopiert und an interessierte Bekannte weitergereicht wurden. [...].

Der erste schwul-lesbische Newsletter der Volksrepublik Polen – ein Beispiel für transnationale politische Interaktionen[1]

Von Magda Wlostowska

Mitte der 1980er-Jahre erschienen in der Volksrepublik Polen in unregelmäßigen Abständen kleine Auflagen eines schreibmaschinengeschriebenen mehrseitigen Newsletters. Die kurzen Textezirkulierten inoffiziell, etwa indem sie von ihren Lesern (und wenigen Leserinnen) per Hand abgeschrieben oder – falls es möglich war – fotokopiert und an interessierte Bekannte weitergereicht wurden. Für die damalige Zeit ist dies in Polen, in dem sich seit Jahren oppositionelle Gruppen klandestin gegen einen autoritären Staatssozialismus organisierten, sicherlich kein ungewöhnliches Phänomen – wovon allein das vom Institut für Nationales Gedenken betriebene Onlinearchiv der polnischen Untergrundpresse[2] einen Eindruck vermitteln mag. Bemerkenswert an diesen kurzen, zwischen 1983 und 1987 erschienenen Publikationen war allerdings ihre Zielgruppe: Sie richteten sich offen an Homosexuelle, an männerliebende Männer und sporadisch an frauenliebende Frauen. Das war neu, denn obwohl Homosexualität, verstanden als sexueller Akt zwischen Erwachsenen gleichen Geschlechts, in der Volksrepublik Polen nicht gesetzlich verboten war, stießen gleichgeschlechtliche Liebe und Lebensweise auf Ablehnung, bestenfalls Ignoranz,wurden vielfach mit einem gesellschaftlichen Tabu belegt und konnten oftmals nur im privaten oder nichtöffentlichen Raum gelebt werden. Damit unterschied sich die Lage von polnischen Homosexuellen in der damaligen Zeit nicht wesentlich von der Homosexueller in westlichen europäischen Ländern wie etwa der Bundesrepublik Deutschland.Schließlich war dort erst seit den 1970er-Jahren (männliche) gleichgeschlechtliche Sexualität straffrei[3], und auch diese Errungenschaft der Homosexuellenrechtsbewegung konnte nicht über die Diskriminierungen hinwegtäuschen, mit denen Lesben und Schwule in der Bundesrepublik konfrontiert waren. Doch während in Nordamerika und im westlichen Europa politische Bewegungen in der Lage waren, einen sozialen Wandel anzustoßen, ließ sich dieser in Gesellschaften ohne oder mit nur eingeschränkter Versammlungs- und Pressefreiheit nicht ohne weiteres initiieren. Gleichgeschlechtliche Liebe war als soziale Realität kaum in der Öffentlichkeit der Volksrepublik Polen präsent, es existierten auch keine Gruppen oder Zeitschriften, in denen sich eine schwul-lesbische Sphäre öffentlich hätte manifestieren können.Somit war der Newsletter das erste schwul-lesbische Periodikum in Polen – und es wies darüber hinaus noch eine weitere Besonderheit auf: Der Newsletter entstand nicht vor Ort, sondern wurde in Wien von einem aus Polen stammenden Aktivisten und der schwul-lesbischen Nichtregierungsorganisation Homosexuelle Initiative Wien (HOSI) im Auftrag der International Gay Association[4] (weiter: ILGA) regelmäßig produziert und zur Verbreitung in die Volksrepublik Polen gebracht.

Im Folgenden werden die erste Ausgabe dieses Newsletters und weitere ausgewählte Dokumente des Projekts, in dessen Rahmen er entstand, vorgestellt und mit dem Beginn schwul-lesbischer politischer Aktivitäten im östlichen Europa in Beziehung gesetzt. Beispielhaft sollen an den Entwicklungen in der Volksrepublik Polen die gesellschaftspolitischen Zielsetzungen dieser Bewegung, die beteiligten Akteure sowie die transnationale Dimension des von der ILGA initiierten politischen Projekts herausgearbeitet werden.

„Lieber Freund!“[5], setzt der in der ersten Person Singular verfassteText wie ein Brief an und verspricht „Dich“ – den Leser – statt mit Klatsch und Tratsch regelmäßig mit Nachrichten zu „diesem Thema“ aus dem Ausland, aber auch aus dem Inland zu versorgen. Wie erst aus dem dritten Absatz hervorgeht, ist damit das Thema Homosexualität gemeint. Durch die männliche Anrede „Freund“ und den Verweis auf eine Statistik, der zufolge fünf Prozent der männlichen Bevölkerung homosexuell seien, wird deutlich, dass sich der Schreibende, der sich Marek nennt, an schwule Männer wendet. Dies wird in den folgenden Ausgaben des Newsletters beibehalten; nur sporadisch werden lesbische Frauen adressiert.[6] Im dritten Absatz fährt der Verfasser fort: In „unserer modernen demokratischen Welt“ – gemeint sind Nordamerika und das westliche Europa – bedeutet „Homosexualität keine Krankheit oder sexuelle Abweichung“ mehr und nehmen Homosexuelle Diskriminierung nicht länger hin; schließlich habe eine „nicht unbedeutende Zahl von Homosexuellen dasselbe Recht auf Liebe und Privatleben wie alle anderen Bürger“. Er verweist auf politische Bewegungen, die sich für die Gleichstellung von Homosexuellen und Heterosexuellen (genau wie der zwischen Männern und Frauen) einsetzten. In einer Organisation namens International Gay Association engagierten sich tausende von Aktivisten für die Rechte von Homosexuellen und tauschten sich bei regelmäßigen Treffen über ihre Arbeit aus. Die Gruppe Homosexuelle Initiative Wien habe bei einem Vernetzungstreffen den Auftrag erhalten, ein „Informationsbüro für den Ostblock“ einzurichten, um „über die Lage von Homosexuellen in den einzelnen Ländern des Ostblocks“ zu berichten. Marek ruft Interessierte auf, sich schriftlich bei der HOSI zu melden, falls sie zudem Projekt beitragen wollten.

So lässt sich die erste Ausgabe des Newsletters zusammenfassen, der in den darauffolgenden vier Jahren noch 17 weitere Ausgaben folgen sollten. Ein Originaldokument wird heute im Archiv der Wiener HOSI verwahrt.[7] Der Brief enthält kein Datum, entstanden ist er jedoch im Frühjahr 1983, als die HOSI im Rahmen des kurz zuvor gestarteten Projekts Eastern Europe Information Pool (EEIP), also dem im Newsletter erwähnten „Informationsbüro für den Ostblock“, Kontakte zu Schwulen und Lesben im östlichen Europa aufbauen sollte, wie es auf einem Vernetzungstreffen schwul-lesbischer Organisationen im italienischen Turin 1981 beschlossen worden war.[8]

In jenem Jahr wurde die HOSI Wien Mitglied der international agierenden Nichtregierungsorganisation ILGA[9] und somit Teil der institutionalisierten internationalen schwul-lesbischen Bewegung. Die ILGA setzt sich seit ihrer Gründung für die rechtliche und soziale Gleichstellung zunächst nur homosexueller, später aller Personen ein, die nicht heteronormativen Schemata entsprechen, und fungiert heute als Dachorganisation vieler LGBT[10]-Gruppen auf der ganzen Welt. Auf ihrer Gründungsversammlung 1978 in Coventry in Großbritannien erklärte die Organisation ihre politische Zielsetzung so:

„To maximize the effectiveness of gay organizations by coordinating political action on an international level in pursuit of gay rights and in particular to apply concerted political pressure on governments and international institutions“[11] sowie „To set up an information center todistribute information on gay matters between gay organizations to promote a wider knowledge of gay oppression and identify areas where international political pressure is appropriate.“[12]

Zum einen verfolgt die ILGA also eine Strategie, mit der sie gezielt auf politische Entscheidungsträger und -prozesse Einfluss nehmen will, zum anderen wird die Wissensbildung innerhalb der Bewegung, auch um die eigene Diskriminierung, als zentral für ihre politische Schlagfertigkeit ausgemacht. Das 1981 in Turin etablierte EEIP-Projekt kann daher als direktes Instrument zur Beseitigung des Informationsdefizites angesehen werden.

Wie auch aus dem „Preliminary Report“[13] – dem Mission Statement – des EEIP aus dem Jahr 1982 hervorgeht, war die Grundidee das Sammeln von Informationen über die sozialen und rechtlichen Lebensumstände von Schwulen und Lesben in osteuropäischen Ländern, da es dazu kaum Informationen aus öffentlichen Dokumenten und Presseerzeugnissen gab, politischer Druck hingegen nur mit gezieltem Verweis auf konkrete Missstände aufgebaut werden konnte. Die Zielländer des Projekts waren Albanien, die DDR, die Tschechoslowakei, Polen, die Sowjetunion, Rumänien, Bulgarien, Ungarn und Jugoslawien, wobei sich die HOSI nach eigenem Bekunden insbesondere aufgrund bereits bestehender Kontakte auf die Tschechoslowakei, Polen und Ungarn konzentrierte, die zudem liberalere Gesetzgebungen hatten – so wurden z. B. in der Zwischenkriegszeit in der Zweiten Polnischen Republik sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern 1932 dekriminalisiert, die Volksrepublik Polen behielt den relevanten Paragraphen bei und verfügte somit über eine der liberalsten Gesetzgebungen in Bezug auf Homosexualität weltweit.

Der betrachtete Newsletter, der in diesem Rahmen erschien, war nur eine unter vielen Aktivitäten des EEIP. Während des Projekts in den Jahren 1981 bis 1990 wurden in Wien jährlich Berichte über die rechtliche und soziale Lage von Schwulen und Lesben im östlichen Europa veröffentlicht. 1985 publizierte das EEIP-Team in einem Hamburger Verlag auch ein 150-seitiges Buch auf Deutsch, mit dem Titel „Rosa Liebe unterm Roten Stern“[14], das diese detaillierten Informationen zusammenfasste. Neben dem Newsletter zählten die seit 1987 veranstalteten Konferenzen zu den Aktivitäten, die direkt in den Zielländern des EEIP stattfanden und zum Teil lokale Akteure aktiv einbezogen.

Die Aktivisten aus Wien stellten jedoch nach ersten Sondierungen im östlichen Europa ein Problem fest:

„The gay situation in [...] all of the Eastern European countries is quite different from what it is in Western Europe or America. It is impossible to set up a gay rights movement or organization due to both social and legal barriers. [...] A gay liberation movement, such as HOSI is, is a foreign idea to many of them [gay men]. It is therefore even more important to intensify our efforts in support of our gay colleagues in Eastern Europe.“[15]

Wie bereits im ersten Newsletter, in dem rhetorisch die beiden Pole „unsere moderne demokratische Welt“ und die „Länder des Ostblocks“ gesetzt werden, wird auch in diesem Statement deutlich, dass die HOSI eine klare Linie zwischen Ost und West zieht und unterschiedliche Entwicklungsstufen der homosexuellen Emanzipation ausmacht. Die ursprüngliche Strategie, in Ländern des Ostblocks Gruppen nach in westlichen europäischen Ländern etablierten Vorbildern zu gründen, um stetigen politischen Druck auf politische Entscheidungsträger und Regierungen auszuüben, musste modifiziert werden, als offensichtlich wurde, dass sich die ursprünglichen Pläne nicht umsetzen ließen:

„[...] we have had to abandon our utopian idea of establishing an official gay organization together with offices and newspaper in the East-bloc. A more realistic approach is to encourage the forming of informal interest-groups in some countries whose members follow up on the gay situation in their countries, and in some circumstances even try to do something against discrimination.“[16]

Ein simpler Transfer in westlichen Ländern erprobter politischer Strategien erwies sich als nicht umsetzbar. Als Gründe dafür wurden zum einen die rechtlichen Gegebenheiten in den jeweiligen EEIP-Zielländern ausgemacht, die politischen Aktivismus abseits staatlich anerkannter Strukturen kriminalisierten, aber auch die Einstellungen und Vorstellungen der lokalen Aktivistinnen und Aktivisten selbst, die sich mit nichtöffentlichen Freiräumen zufrieden zu geben schienen und keine rechtliche Gleichstellung anstrebten.[17]

Der 1983 ins Leben gerufene Newsletter kann daher als ein Versuch angesehen werden, schwule Subjektivität[18] zu bilden und eine politische Konsolidierung unter den Aktivisten nach den Vorstellungen der HOSI zu initiieren. Die erste Ausgabe erschien in einer polnischen, tschechischen, ungarischen und deutschen Version – die Ausgaben am Ende des ersten Jahres nur noch auf Polnisch – und wurde in die entsprechenden Zielländer verschickt oder vertrauten Personen übergeben, die sie dortzirkulieren lassen sollten.[19] Da es sich nicht um eine offizielle – und damit legale – Publikation handelte, war die Rolle des HOSI-Aktivisten Andrzej Selerowicz dabei entscheidend. Selerowicz, der sich hinter dem Pseudonym Marek verbirgt und aus dessen Feder die Newsletter hauptsächlich stammen, war, wie er berichtet[20], als junger Mann von Polen nach Österreich emigriert und arbeitete nach kurzer Zeit als Handelsvertreter für ein österreichisches Chemieunternehmen, eine Tätigkeit, die ihn oft auf Dienstreisen führte, insbesondere nach Polen, Ungarn und in die Tschechoslowakei. Aufgrund seiner regelmäßigen Reisen durch das östliche Europa fungierte er für viele Aktivisten als Kontaktperson zum EEIP-Projekt und konnte so auch Exemplare des in Wien erstellten Newsletters durch dieses Netzwerk verbreiten.

Der etwa quartalweise erscheinende Newsletter wurde entweder über persönliche Kontakte verteilt oder, nach der Anleitung in der ersten Ausgabe, als Kettenbrief innerhalb eines kleinen Netzwerkes verschickt. Wie Selerowicz hochrechnet, musste die Publikation nach kurzer Zeit mehrere hundert Leser erreicht haben, denn viele folgten den Aufrufen, die jeder Newsletter enthielt, sich bei Interesse oder Fragen postalisch mit der HOSI in Wien in Verbindung zu setzen. Aus diesen Zusendungen, die ebenfalls im Archiv der HOSI in Wien aufbewahrt werden, lässt sich schließen, dass die Newsletter zum überwiegenden Teil männliches Publikum erreicht haben, da keine Zuschriften von Frauen überliefert sind. Die Newsletter, die die Leser seit 1983 empfingen, bestanden wie bereits die erste Ausgabe aus Nachrichten über internationale Entwicklungen der Situation von Schwulen (später auch Lesben) und die Aktivitäten der ILGA. Sie beinhalteten Hinweise auf kulturelle Veranstaltungen in Polen, Film- und Buchrezensionen mit homosexuellen oder homoerotischen Inhalten, Informationen zur Krankheit AIDS und Hinweise zur HIV-Prävention. Außerdem gab es vermehrt Neuigkeiten aus Polen, etwa über eine unter dem Namen Hiacynt[21] laufende repressive Aktion der polnischen Behörden gegenüber schwulen und mutmaßlich schwulen Männern, die sich 1985 ereignete.

1987 haben sich einige Leser des Newsletters verständigt, um in Breslau eine sich regelmäßig treffende, nicht legal agierende, Gruppe mit dem Namen Etap [Etappe] zu gründen. Laut EEIP-Jahresbericht bildeten sich in Danzig, Lodz und Warschau ebenfalls kleine Gruppen.[22] Etap beschäftigte sich vor allem mit dem Zirkulieren des in Wien erstellten EEIP-Newsletters, der nun auch unter dem Namen Etap erschien und in einigen Darstellungen fälschlicherweise als die erste polnische Schwulenzeitschrift genannt wird.[23]

Im gleichen Jahr gab es eine weitere Entwicklung beim EEIP[24], denn nun kam zu den in Wien publizierten Jahresberichten und den dort produzierten Newslettern ein weiteres Format hinzu: Ein erstes internationales EEIP-Treffen im östlichen Europa wurde organisiert, das im November 1987 in einem Budapester Restaurant stattfand. 30 Personen, vor allem Schwule, aber auch ein paar Lesben aus Jugoslawien, Polen, Ungarn, der DDR und der Tschechoslowakei nahmen teil, daneben AktivistInnen der HOSI aus Wien und der damalige ILGA-Generalsekretär Jean-Claude Letist. Im Jahresbericht des EEIP ist zu lesen, die Teilnehmenden hätten sich über die gesellschaftlichen und rechtlichen Bedingungen für Homosexuelle in den jeweiligen Staaten ausgetauscht und dann Gemeinsamkeiten und Unterschiede diskutiert. Das abgedruckte Konferenzstatement unterstreicht den aus Sicht der AktivistInnen erreichten Erfolg des EEIP-Projekts:

„One of the major points of success achieved at the meeting was the exchange of ideas, information and working concepts among the participants. They expressed their dedication to strengthening these contacts and to coordinating efforts among the lesbian and gay groups in Eastern and Southeastern Europe.“[25]

Um diese Plattform des Austauschs und der Koordinierung zu gewährleisten, folgten weitere jährliche Treffen. Die Regionalkonferenzen waren insofern eine Erweiterung des EEIP-Projekts, weil die AktivistInnen nun direkt miteinander in Kontakt treten und sich austauschen konnten. Der kurze Zeit später eintretende Wandel der Jahre 1989/90 blieb nicht ohne Folgen für das EEIP-Projekt: Die Mittlerrolle, die die HOSI Wien bis dahin beansprucht hatte, wurde obsolet, und die AktivistInnen aus dem östlichen Europa konnten nun direkt an den internationalen, im westlichen Europa abgehaltenen Vernetzungstreffen und anderen Plattformen der ILGA teilnehmen. Die vierte EEIP-Konferenz im Jahre 1990 in Leipzig markierte daher das Ende des Projekts.

In den Jahren des Bestehens des EEIP waren die initiierten Formate nicht die einzige Möglichkeit für lesbische und schwule AktivistInnen aus Polen, internationale Kontakte zu knüpfen oder miteinander in Kontakt zu treten­ – der EEIP fügte den bereits bestehenden privaten Netzwerken aber oftmals eine politische Dimension hinzu und gab den neuen Formationen Impulse zur Adaption bereits in anderen nationalen Kontexten erfolgreich erprobter Organisationsformen und politischer Strategien.[26] Darüber hinaus trug das damalige politische Regime, etwa durch die erwähnte repressive Operation Hiacnyt, zur Katalysierung der politischen Aktivitäten bei.[27] Es mag die staatlich organisierte Repression gewesen sein oder auch die Diskriminierung aufgrund der neu aufkommenden, noch unerforschten Krankheit AIDS und ihre konstruierte Verbindung zur Homosexualität, die protopolitische Aktivitäten unter schwulen Männern in Polen initiiert haben. Unter den gegebenen Umständen war das EEIP-Projekt ein dankbarer Partner für eine sich institutionalisierende schwul-lesbische Bewegung in Polen.

Auch wenn die Entwicklung nicht gradlinig verlief, zeigt der polnische Fall dennoch, dass die EEIP-Aktivisten aus Wien Informationen zu Gesetzen und Aktivitäten westlicher schwul-lesbischer Organisationen und Konzepte durch ihre Newsletter verbreitet haben und die Zirkulationswege dieser Texte zugleich Netzwerkstrukturen erzeugt haben, die Möglichkeiten zur einer homosexuellen Identifikation und Subjektivität sowie einer daraus abgeleiteten politischen Agency boten. Trotz seines vergleichsweise kleinen Formats trug das EEIP-Projekt während der Dekade seines Bestehens zur Formierung schwul-lesbischer Zusammenhänge in Polen bei, die ab 1990 einen Ausgangspunkt für sich formierende Gruppen und Zeitschriften bildeten. An der Genese polnischer LGBT-Sphären lassen sich damit Auswirkungen transnationaler politischer Interaktionen auf gesellschaftliche Transitionsprozesse aufzeigen.

[1] Essay zur Quelle: Erster Newsletter des Eastern Europe Information Pools in der Volksrepublik Polen aus dem Frühjahr 1983.

[2] URL: http://repozytorium.encysol.pl/wiki/WCB_Katalog_alfabetycznyY (30.10.2018).

[3] § 175 des Deutschen Strafgesetzbuches stellte bis zu seiner Novellierung 1969 sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern unter Strafe. Der Paragraph stammte aus dem preußischen Reichsstrafgesetzbuch und erhielt eine verschärfte Form in der nationalsozialistischen Gesetzgebung. Sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Frauen waren nicht Gegenstand des Paragraphen.

[4] Abkürzungzunächst IGA, ab 1986 International Lesbian and Gay Association (ILGA), seit 2008 International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA). Die Namensänderungen der Organisation spiegeln die schrittweise Entwicklung von einer Organisation von Schwulen hin zu einer Vertretung für eine Vielzahl von Menschen mit nicht-heteronormativen Identitäten wider. Im vorliegenden Text wird durchgängig die etablierte Abkürzung ILGA verwendet.

[5] HOSI Wien, Bulletin (Newsletter) 1 (1983), S. 1, HOSI-Archiv Wien. In Publikationen der HOSI wird die Bezeichnung Bulletin für den Newsletter verwendet.

[6] Der sich Marek nennende Aktivist griff beim Lancieren des Newsletters auf sein persönliches Netzwerk zurück, das vorwiegend aus Schwulen bestand und die er auch adressieren wollte. Zudem gingen Homosexuellenrechtsbewegungen in verschiedenen Ländern häufig aus schwulen Zusammenhängen hervor, da meist nur die männliche Sexualität Gegenstand von Gesetzgebung war und Männer daher stärker von juristischen und öffentlichen Diskriminierungen betroffen waren als Lesben.

[7] In Polen befinden sich Fotokopien der Quelle im Archiv der Nichtregierungsorganisation Stowarzyszenie Lambda in Warschau, daneben auch in Privatsammlungen oder nicht öffentlich zugänglichen Beständen anderer NGOs. Das Lambda-Archiv ist der einzige öffentlich zugängliche Ort.

[8] HOSI Wien, Eastern European Information Pool. Preliminary Report 1982, HOSI-Archiv Wien.

[9] Siehe Anm. 4.

[10] Das Akronym wird seit den 1980er-Jahren, zunächst im englischen Sprachraum, später international verwendet und steht für Lesbian, Gay, Bisexual and Trans. Gebräuchlich ist zunehmend die umfassendere Abkürzung LGBTQIA*, die das Spektrum des Akronyms um die Identitäten Queer, Inter, Asexuell ergänzt und sich durch das Sternchen Essentialisierungen verwehren will. In diesem Text werden, den Selbstbeschreibungen zeitgenössischer AkteurInnen folgend, nur die Bezeichnungen „schwul“ und „lesbisch“ verwendet.

[11] Zitiert nach: ILGA 1978-2007. A chronology, URL: https://ilga.org/ilga-1978-2007-a-chronology (30.10.2018).

[12] Ebd.

[13] HOSI Wien, Eastern European Information Pool. Preliminary Report 1982, HOSI-Archiv Wien.

[14] HOSI Wien (Hrsg.), Rosa Liebe unterm roten Stern. Zur Lage von Lesben und Schwulen in Osteuropa, Hamburg 1984.

[15] HOSI Wien, Eastern European Information Pool. Preliminary Report 1982, S. 1 f., HOSI-Archiv Wien.

[16] HOSI Wien, Eastern European Information Pool. Annual Report 1983, S. 2, HOSI-Archiv Wien.

[17] Ebd.

[18] Siehe John D’Emilio, Capitalism and Gay Identity, in: Ann Snitow / ChristineStansell / Sharan Thompson (Hrsg.), Powers of Desire. The Politics of Sexuality, New York 1983, S. 100–113, hier S.102.

[19] Ebd.

[20] Gespräch mit Andrzej Selerowicz, geführt am 1. Dezember 2016 in Wien.

[21] Siehe dazu Łukasz Szulc, Operation Hyacinth and Poland’s Pink Files, URL: http://notchesblog.com/2016/02/02/operation-hyacinth-and-polands-pink-files/ (Zugriff 30.10.2018).

[22] HOSI Wien, Eastern European Information Pool. Annual Report 1987, S. 9, HOSI-Archiv Wien.

[23] Vgl. Krzysztof Tomasik, Gayzety [Gayzines], in: Replika 44 (2013), S. 31–33, hier S.31.

[24] Eine auf Polen konzentrierte detaillierte Chronologie des EEIP-Projekts liefert Agata Fiedotow, Początki ruchu gejowskiego w Polsce 1981-1990 [Die Anfänge der Schwulenbewegung in Polen 1981-1990], in: Marcin Kula (Hrsg.),Problemy z seksem w PRL. Rodzenie nie całkiem po ludzku, aborcja, choroby, odmienności [Probleme mit dem Sex in der Volksrepublik Polen: Unmenschliches Gebären, Schwangerschaftsabbruch, Krankheiten, Differenz], Warszawa 2015, S. 241–358, insbesondere S. 309–341.

[25] HOSI Wien, Eastern European Information Pool. Annual Report 1988, S. 3, HOSI-Archiv Wien.

[26] Wie John Stanley herausgearbeitethat, ist es bemerkenswert, dass es während der gesamten 1980er-Jahre auf organisatorischer Ebene keine Kontakte zwischen den verschiedenen Dissidentengruppen oder dem Solidarność-Umfeld mit den polnischen schwul-lesbischen AktivistInnen gab, auch wenn der potenzielle Konnex der Menschenrechte, insbesondere das Vorgehen gegen staatliche Repression, wie sie sich etwa in der Operation Hiacynt zeigte, gegeben gewesen wäre: John Stanley, Sex and Solidarity, in: Canadian Slavonic Papers 52 (2010), H. 1/2, S. 131–151, hier S.146.

[27] Dieser Argumentation folgt: Krzysztof Tomasik, Gejerel. Mniejszości seksualne w PRL-u [Sexuelle Minderheiten in der Volksrepublik Polen], Warszawa 2012, S. 44 f.


Literaturhinweise

  • D'Emilio, John, Capitalism and Gay Identity, in: Snitow, Ann / Stansell, Christine / Thompson, Sharan (Hrsg.), Powers of Desire. The Politics of Sexuality, New York 1983, S. 100–113.
  • Slootmaeckers, Koen / Touquet, Heleen / Vermeersch, Peter (Hrsg.),The EU Enlargement and Gay Politics. The Impact of Eastern Enlargement on Rights, Activism and Prejudice, London 2016.
  • Stanley, John, Sex and Solidarity. 1980-1990, in: Canadian Slavonic Papers / Revue Canadienne des Slavistes 52 (2010), Heft 1/2, S. 131–151.
  • Szulc, Łukasz, Transnational Homosexuals in Communist Poland. Cross-Border Flows in Gay and Lesbian Magazines, London 2018.

Erster Newsletter des Eastern Europe Information Pools in der Volksrepublik Polen aus dem Frühjahr 1983[1]

Ort und Datum

Lieber Freund!

Mit wirklicher Freude komme ich auf unser letztes Gespräch zurück und freue mich sehr, daß Du meine Meinung teilst, daß ständiger Tratsch um das Thema „Wer gerade mit wem und warum“ letzten Endes nur langweilig sein kann. In unserer Gesellschaft ereignen sich so viele schöne Sachen, worüber man diskutieren sollte, daß wir die Sensationen, Intrigen, anonymen Sex jenen überlassen können, die sonst nichts tun können und ohne dem nicht leben können.

Ich habe mich also entschlossen, Dich regelmäßig darüber zu informieren, was sich Neues im Ausland ereignet. Ich hoffe, daß Du diese Informationen unter Deinen Bekannten verteilen wirst. Es ist nämlich für mich schwierig, an alle selbst einen Brief zu schreiben. Es reicht, wenn Du diesen Brief abschreibst und an einen oder mehrere Freunde schickst. Das ist nicht viel Arbeit, die Dir dann Spaß machen wird, wenn Du die Überzeugung hast, etwas Nützliches zu tun. Die ausländischen Nachrichten werde ich durch inländische ergänzen, die ich aus anderen Quellen erfahre. Du wirst also einen vollen Überblick über alles, was mit diesem Thema zusammenhängt, erhalten. Heute nur einige einleitende Bemerkungen:

Obwohl für immer mehr Leute in unserer modernen neuen Welt Homosexualität keine Krankheit oder sexuelle Abweichung mehr bedeutet, werden wir ständig mit der Intoleranz der Mehrheit der Bevölkerung konfrontiert. So muß man immer noch ein Doppelleben führen und unter Demütigung Spott und Schikanen in Kauf nehmen. In letzter Zeit zeigt sich jedoch eine deutliche Wende, die vielleicht mit der wachsenden Popularität verschiedener alternativen und „grünen“ Gruppierungen zu tun hat. Es werden Organisationen ins Leben gerufen, deren Ziel die Schaffung einer Gleichberechtigung zwischen Hetero- und Homosexuellen, genauso wie zwischen Männer und Frauen, ist. Der Kampf gegen Aberglauben und Vorurteile (denn mit Homosexualität werden oft die Verführung Minderjähriger, Sadismus und brutaler Sex assoziiert) hat den Zweck zu zeigen, daß die nicht unbedeutende Zahl von Homosexuellen (der amerikanische Sexologe Kinsey schätzt sie auf mindestens 5% der männlichen Population) dasselbe Recht auf Liebe und Privatleben wie alle anderen Bürger hat.

Es gibt bereits eine internationale Organisation, die als Dachverband für mehr als 110 Homosexuellen-Organisationen in aller Welt darstellt: die International Gay Association (IGA) mit Sitz in Stockholm, Schweden. Die einzelnen Mitgliedsorganisationen sind sehr unterschiedlich. Einige zählen über mehrere tausend Mitglieder (z.B. im verhältnismäßig tolerantem Holland), andere Vereinigungen haben nur wenige Aktivisten, vor allem dort, wo sich die Bewegung erst in der Anfangsphase befindet. Bisher gibt es noch in keinem Land des Ostblocks eine solche Organisation, obwohl die Gesetzeslage bezüglich Homosexualität (mit Ausnahme der Sowjetunion und Rumäniens) eher liberal ist.

Zum Austausch von Erfahrungen und zur Bestimmung gemeinsamer Aktionen werden jährliche Konferenzen von der IGA organisiert. Die Letzten derartigen Kongresse fanden statt:

Ostern 81 in Turin, Italien (IGA-3)

Sommer 81 in Stockholm, Schweden (Informelles Europa-Treffen)

Ostern 82 in Straßburg, Frankreich („   „   „)

Sommer 82 in Washington, USA (IGA-4)

Dezember 82, Edinburgh, Schottland (Europa-Treffen)

Die nächsten IGA-Tagungen werden stattfinden:

11 – 16 JULI 1983 IN WIEN, ÖSTERREICH (IGA-5)

Dezember 83 in Köln (Regionaltreffen), BRD

Juli 84 in Helsinki, Finnland (IGA-6)

Auf der Konferenz in Turin hat die IGA die österreichische Organisation „Homosexuelle Initiative (HOSI) Wien“ (Adresse: Novaragasse 40, A-1020 Wien) beauftragt, ein Informationsbüro für den Ostblock einzurichten. Die HOSI hat ca. 300 Mitglieder. Aus den Mitgliedsbeiträgen werden alle Aktivitäten und laufenden Ausgaben (z.B. für Lokal, Bürobetrieb) bezahlt. In der HOSI gibt es folgende teilgruppen: Theorie, Religion, Ausland, Theater, Selbsterfahrung und Zeitung. Die Zeitung HOSI („Lambda-Nachrichten“) erscheint 4 x im Jahr mit einer Auflage von 1050 Exemplaren). In ihr erscheinen regelmäßige Berichte über die Lage der Homosexuellen in den einzelnen Ländern des Ostblocks. Der letzte Bericht über Polen weckte breites Interesse und wurde in 7 ausländischen Zeitschiften abgedruckt.

Obiges Thema (Lage der Homosexuellen im Ostblock) wird zum erstenmal das Gesprächsthema (eigener Arbeitskreis) auf der bevorstehendeIGA-Konferenz in Wien.

Alle, die zu diesem Projekt beitragen möchten, sind gebeten, sich an die HOSI zu wenden.

Soviel für heute.

Liebe Grüße

Marek

[1] Auszug aus dem ersten Newsletter des Eastern Europe Information Pools in der Volksrepublik Polen, Frühjahr 1983. Der erste Newsletter erschien in vier inhaltlich identischen Sprachversionen (Deutsch, Tschechisch, Ungarisch und Polnisch), zum besseren Verständnis wird hier auf die deutschsprachige Version zurückgegriffen.


Für das Themenportal verfasst von

Graduate School "Global and Area Studies", Universität Leipzig Magda Wlostowska

( 2019 )
Zitation
Graduate School "Global and Area Studies", Universität LeipzigMagda Wlostowska , Der erste schwul-lesbische Newsletter der Volksrepublik Polen – ein Beispiel für transnationale politische Interaktionen, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2019, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1982>.
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