Karikaturen zu den serbischen Kriegen in Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo (ca. 1993/1999)

Karikaturen zu den serbischen Kriegen in Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo (ca. 1993/1999)

Quelle 1: „Felix“ (= Puntaric, Srecko), Ohne Titel („Don’t know much about history“), in: Vjesnik[Zagreb], ca. 1993.


Die Veröffentlichung dieser Abbildung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Srecko Puntaric.




Quelle 2: Zehentmayr, Dieter: Erklärung der Spielregeln, in: Berliner Zeitung Nr. 25, 30./31. Januar 1999, S. 4.


Stefan Troebst dankt Dieter Zehentmayr für seine im Februar 1999 mündlich erteilte Genehmigung zur Verwendung der Karikatur 'Erklärung der Spielregeln'.

Binnensicht und Aussenperspektive. Die serbischen Kriege in Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo in der Karikatur[1]

Von Stefan Troebst

„Balkankriege“ - „Jugoslawienkrieg“ - „serbische Kriege“

Dass die im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens geführte Bürger- und Staatenkriege wenig bis gar nichts mit „dem Balkan“, viel aber mit den Grundwidersprüchen des Titoschen Bundesstaates zu tun hatten, ist eine Erkenntnis, die sich nur langsam durchsetzt.[2] In der Außensicht auf den Südosten Europas überwiegt daher weiterhin das ambivalente, teils heroisierend-verklärende, vor allem aber barbarisierend-perhorresziernde Regionalstereotyp des Musters „Die sind da alle so!“. Dabei handelt es sich nicht, wie Maria Todorova vermutet hat, um ein ausschließlich „westliches“ Vorurteil, sondern um eines, das in ganz ähnlicher Form auch in Gesellschaften wie Polen oder Russland dominant war und ist. [3]

„Serbien muss schwach sein, damit Jugoslawien stark ist!“ lautete eine dem Staatsgründer Josip Broz-Tito zugeschriebene Parole, deren Umsetzung in der Struktur der aus sechs Republiken, de facto aber acht Subjekten bestehenden Föderation erkennbar war. Als einzige Republik wies die serbische mit der stark ungarisch geprägten Vojvodina und dem mehrheitlich albanisch besiedelten Kosovo zwei autonome Provinzen auf, die im Föderationspräsidium Sitz und Stimme besaßen. Den Serben in der kroatischen Teilrepublik oder den Albanern in Makedonien hingegen wurde keine Territorialautonomie gewährt. Dies war aber nur einer der Gründe, warum die Teilrepublik Serbien, die im Besitz der Bundeshauptstadt Belgrad sowie der Kontrolle über die Jugoslawische Volksarmee (JNA) war, die große Krise nach Titos Tod zu einem staatsstreichähnlichen Griff nach der Macht über ganz Jugoslawien zu nutzen suchte. Eigentliches Ziel war die Umwandlung Jugoslawiens wenn nicht in ein Großserbien, so doch in ein von Belgrad aus autoritär regiertes und serbisch dominiertes Staatswesen. In einem ersten Schritt wurde 1989 unter Bruch der Bundesverfassung die Autonomie des Kosovo kassiert, und einer bitteren Ironie der Geschichte zufolge endete der serbische Hasard ein Jahrzehnt später wiederum im Kosovo – in Form einer verheerenden militärischen Niederlage gegen die NATO.

Der italienische Politikwissenschaftler Daniele Conversi hat die Geschichte vom serbisch induzierten Zerfall der staatlichen Einheit der Südslawen in dezidiertem Gegensatz zur auch in anderen Teilen Europas verbreiteten serbisch-etatistischen Sichtweise als „Sezession des Zentrums“, nicht etwa als Abspaltung der „Peripherien“, charakterisiert: Nicht Slowenien und Kroatien sind Conversi zufolge widerrechtlich aus dem gemeinsamen Staatsverband ausgeschieden; vielmehr sind Serbien, Belgrad und die JNA, die zusammen das „Zentrum“ Jugoslawiens bildeten, eigenmächtig aus dem Verbund mit den anderen Teilrepubliken ausgeschert.[4] Welche Deutung man auch immer anlegt, so ist unbestreitbar, dass in allen post-jugoslawischen Kriegen eine der zwei bzw. drei Kriegsparteien eben dieses „Zentrum“ war – sei es in Gestalt regulärer JNA-Truppen oder als bewaffnete Formationen Rumpf-Jugoslawiens, der Republik Serbien bzw. in Bosnien der Republika Srpska oder als serbische Freischärler.

Wiederum in sämtlichen Teilkonflikten des postjugoslawischen Kriegsgeschehens präsent war die Staatengemeinschaft – sei es in Gestalt der KSZE/OSZE, der EG/EU, der Vereinten Nationen, der NATO oder anderer Konstellationen. Aufgrund ihrer in der Region als Bevorzugung bestimmter Kombattanten gedeuteten Passivität wurde die internationale Gemeinschaft zunehmend als zusätzliche Kriegspartei perzipiert – bis sie 1995 in Bosnien und Herzegowina sowie 1999 in Serbien und Kosovo in der Tat mittels militärischen Eingreifens als solche auftrat.

Versuche zur Analyse dieser vielschichtige Konfliktstruktur unternahmen während des Kriegsjahrzehnts von 1991 bis 1999 nicht nur Militär- und Regionalexperten in Politik, Diplomatie, Medien, Kultur und Wissenschaft, sondern auch und gerade Karikaturisten – sowohl solche, die für die Printmedien im implodierenden Jugoslawien tätig waren, als auch außen stehende. Auch wenn die Geschichte der Karikatur zu den Jugoslawien-Kriegen noch nicht geschrieben ist und auch keine umfassende Sammlung dazu vorliegt, kann doch festgehalten werden, dass es vor allem Karikaturisten waren, welche die verworrenen historisierenden Rechtfertigungsstrategien der Akteure sowie das uninformiert-unbeholfene Agieren externer Player kundig aufgespießt und dem zeitgenössischen Betrachter dadurch nicht selten ein Aha-Erlebnis verschafft haben.

„Felix“: Die Binnensicht

Ein beredtes Beispiel dafür, wie sich Performanz und Bilanz der Staatengemeinschaft, insonderheit der Vereinten Nationen, im Zeichen der serbischen Aggression in der Sicht der Gesellschaften des zerfallenden Jugoslawien ausnahm, ist ein nicht betiteltes Cartoon aus dem Jahr 1993 aus der Feder eines kroatischen Karikaturisten. Srecko Puntaric (*1952) ist seit seinem Debut 1975 einer der bekanntesten jugoslawischen Cartoonisten, der als Mitarbeiter von Nebelspalter (Schweiz) und Eulenspiegel (Deutschland) auch international erfolgreich ist.[5] In der ersten Hälfte der 1990er Jahre hat er in der Zagreber Tageszeitung Vjesnik zahlreiche ironische wie bittere Karikaturen zu den serbischen Militäraktionen gegen Slowenien und Kroatien sowie zum Krieg der bosnischen Serben gegen die bosnischen Kroaten und Muslime samt den Reaktionen der Außenwelt veröffentlicht; und seit 1995 erscheint in der Zeitung Vecernji list seine Cartoon-Serie unter dem nom de plume „Felix“, „der Glückliche“ - eine wörtliche Übersetzung seines kroatischen Vornamens.

Das aus drei Bildebenen bestehende Cartoon zeigt drei Handlungen bzw. Ereignisse: Im Vordergrund sitzen drei dem Betrachter zugewandte Personen um ein Lagerfeuer und singen klatschend zur Gitarre ein Lied, dessen Text - „Don’t know much about history don’t know much about geography “ - in einer Sprechblase eingefügt ist. Zwei von ihnen tragen Stahlhelme mit der Aufschrift „UN“, der dritte ein Barett. In der Mitte des Bildes treiben zwei mit Maschinenpistolen Bewaffnete sechs an den Händen Gefesselte vor sich her. Und im Hintergrund ist zwischen Hügeln ein Dorf erkennbar, über dem eine schwarze Rauchsäule steht.

Während der kroatische Zeitungsleser des Jahres 1993 zur Dechiffrierung der Oberfläche des Cartooninhalts keine Hilfestellung benötigte, ist diese in der externen Retrospektive erforderlich: Einer der beiden Bewaffneten auf der mittleren Bildebene ist an seiner Kopfbedeckung, der Šajkaca, als serbischer Freischärler erkennbar, und auch die schwarzen langen Bärte beider Bewaffneter deuten auf den Habitus von Cetniks hin. Folglich sind die Gefangenen Nicht-Serben, Kroaten etwa oder, was wahrscheinlicher ist, Muslime. Denn die unbewaldeten Hügel im Hintergrund erinnern an die Landesnatur Bosniens und Herzegowinas, wie auch die Hanglage des brennenden Dorfes auf ein muslimisches Dorf hinweist. Offenkundig werden die sechs Gefangenen von den beiden Serben zu ihrer Hinrichtung geführt. Keine Reaktion sowohl auf den Brand des Dorfes als auch auf die Verschleppung bzw. die bevorstehende Erschießungsaktion zeigen die drei als UN-Blauhelme identifizierbaren musizierenden Militärpersonen, die unverkennbar der in Kroatien, Bosniens und Herzegowina stationierten Schutztruppe United Nations Protection Force (UNPROFOR) angehören. Sie singen und spielen einen aufgrund eines Fernsehwerbespots für „Levi’s 501 Jeans“ von 1986 erneut populär gewordenen Hit aus dem Jahr 1960 des US-amerikanischen Soulsängers Sam Cooke (1931-1964), der 1962 mit „Twistin’ the Night Away“ Weltruhm erlangt hatte.[6] Den Text hat Puntaric dabei geringfügig verändert, denn in der ersten Strophe des Original ist nicht von „geography“ sondern von „biology“ die Rede - allerdings beginnt die dritte Strophe mit „Don’t know much about geography“.

Setzt man die skizzierten Elemente zusammen, ergibt sich folgende Kernbotschaft des Cartoons: Die „westlichen“ UN-Blauhelme, die wenig bis nichts über „Geschichte“ und „Geographie“ des Kriegsgebietes wissen, in dem sie stationiert sind, ignorieren die massiven Menschenrechtsverletzungen, die sich hinter ihrem Rücken abspielen – ob aufgrund ihrer Unkenntnis der Lage, genereller Indolenz oder wegen eines Hangs zu seichter Unterhaltungsmusik samt Lagerfeuerromantik bleibt offen. Das Cartoon „lebt“ folglich von einem harten Kontrast zwischen „balkanischem“ Konfliktgeschehen, das durch in die Vergangenheit verweisende Brutalität und Grausamkeit gekennzeichnet ist, und „westlichem“ Pseudoaktionismus, der seiner Ignoranz wegen keinerlei konfliktmindernden Folgen zeitigt.

Aber das musikalische Zitat verweist noch auf eine zweite, dritte und vierte Deutungsebene: Denn der Titel von Cookes Hit, der im Refrain enthalten ist, kann sowohl als Zynismus als auch als Utopie gedeutet werden: „Wonderful World“. Einerseits ist die im Cartoon gezeigte Welt mitnichten „wundervoll“ eingerichtet; sie ist im Gegenteil ein apokalyptischer Alptraum. Andererseits jedoch handelt das Cooke’sche Liebeslied nicht von unerfüllter Liebe, sondern von einer, welche die Chance auf Erfüllung besitzt: „But I know that I love you, / And I know that if you love me too, / What a wonderful world this would be.“[7] Dabei ist diese Botschaft nicht von den „westlichen” Blauhelmen an die kroatischen Vjesnik-Leser, sondern umgekehrt von einem „balkanischen” Intellektuellen in bester ostmitteleuropäischer Antemurale christianitatis-Manier an die Weltöffentlichkeit bzw. an das „Abendland” gerichtet: Denn wie „wundervoll“ wäre „die Welt“ eingerichtet, wenn nicht nur „ich Dich“ sondern auch „Du mich liebtest“ – statt „mir“ mit Indifferenz und Desinteresse zu begegnen! Dazu passt auch die selbstkritische dritte Strophe „Now I don’t claim to be an ’A’ student, / But I’m trying to be. / For maybe by being an ‘A’ student, baby, / I can win your love for me.” Mit anderen Worten: Der Sänger weiß um seine Unzulänglichkeiten und gelobt Besserung, erwartet dann aber auch Belohnung in Form von „Liebe“ und „Glück“ – wie bereits der Künstlername des Karikaturisten verheißt.

Schließlich ist eine Besonderheit von Cookes in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren im gesamten erodierenden Jugoslawien gern gespielten „Wonderful World“-Hit hervorzuheben, nämlich dessen melodische Eingängigkeit bei simplem Text und damit leichter Singbarkeit. Dies gilt neben dem Refrain gerade auch für die lautmalerischen Elemente in der vierten Strophe - „Latatatatatatahuwaah – history / Oehwoewoe – biology / Latatatatatatahuwaah – science book / Oehwoewoe – French I took“ –, die auch des Englischen Unkundigen ein Mitträllern des gesamten Liedes erlauben. Doch genau seiner an ein Kinderlied erinnernden Melodie und des gleichfalls kindlichen Lalalas wegen weist das Lied zugleich etwas Infantiles, ja Läppisches auf – was auf Puntarics Cartoon den beschriebenen Kontrast zwischen dem Verhalten der Blauhelme und dem sich in ihrem Rücken abspielenden Geschehen kontrapunktartig verstärkt.

Dieter Zehentmayr: Die Außenperspektive

Ein Paradebeispiel für die Ambivalenz des „westlichen“ Blicks auf das Konfliktgeschehen im ehemaligen Jugoslawien ist das Cartoon „Erklärung der Spielregeln“, welches die Berliner Zeitung in ihrer Wochenendausgabe vom 30. Januar 1999 veröffentlichte. Unmittelbar nach einem serbischen Massaker an Albanern im Kosovo-Dorf Reçak und kurz vor der internationalen Kosovo-Konferenz von Rambouillet zielte der seit 1997 für das deutsche Blatt arbeitenden österreichische Karikaturist Dieter Zehentmayr (1941-2005)[8] damit auf die augenfällige Diskrepanz zwischen dem bürgerkriegsähnlichen Geschehen vor Ort einerseits, das vom brutalem Vorgehen der beiden Kriegsparteien, also der Sicherheitskräfte Rest-Jugoslawiens sowie der albanischen Kosovo-Befreiungsarmee UÇK, geprägt war, und andererseits den wiederholten, aber zaghaften Versuchen der Staatengemeinschaft, die Kontrahenten zu einer gütlichen Einigung zu bewegen.

Zehentmayrs Cartoon zeigt am linken Bildrand vier ältere lächelnde Herren in Sandalen, weißen kurzen Hosen und ebensolchen kurzärmligen Hemden, von denen drei Brillen tragen und deren einer einen Federball sowie eine Art Tennis-Racket hochhält. Sein Hemd trägt die Aufschrift „Kontaktgruppe“ und vor seinem Fuß sitzt ein kleiner Vogel – das Signet des Karikaturisten Zehentmayr. Die sogenannte Kosovo-Kontaktgruppe der internationalen Gemeinschaft bestand damals aus den Außenministern der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands, Italiens und der Russländischen Föderation. In der Bildmitte sind neun mit Maschinenpistolen, Patronengurten und einer Panzerfaust bewaffnete sowie sämtlich bärtige Uniformierte zu sehen, die eine Fahne mit dem albanischen Adler und der Aufschrift „UCK“ tragen. Aus dem Gewehr eines von ihnen steigt Rauch auf. Vor ihnen liegen drei gleichfalls uniformierte leblose männliche Gestalten, die offenkundig tot sind. Und am linken Bildrand steht eine Gruppe von sieben Männern, die der ersten Gruppe nach Uniformierung, Bewaffnung sowie Barttracht aufs Haar gleicht, indes eine Fahne mit einem kreuzähnlichen Symbol hochhält. Auch hier raucht die Mündung der MP eines der Gruppenmitglieder.

Die Hauptaussage des Cartoons ist ebenso leicht entschlüsselbar wir sarkastisch: Die Staatengemeinschaft in Gestalt der leicht bekleideten Kontaktgruppe glaubt allen Ernstes, die sich bis vor kurzem gegenseitig unter Feuer nehmenden und bis an die Zähne bewaffneten kosovoalbanischen und serbischen Kombattanten würden sich auf die Regeln eines neuen, unblutigen und gleichsam federleichten „Ballspiels“ einlassen. Und die bärbeißigen Kämpfer scheinen ihrerseits die Abgehobenheit der Vertreter der Weltgemeinschaft kaum fassen zu können. Wer so naiv wie diese ist, so Zehentmayrs Botschaft, braucht sich nicht zu wundern, wenn die ihren wechselseitigen Beschuss kurzzeitig unterbrechenden Kriegsparteien nach einem Moment der Verwunderung über so viel Weltfremdheit umgehend wieder aufeinander schießen. Dass das Angebot „Badmintonschläger statt Bazookas!“ ausgeschlagen werden wird, liegt dem Zeichner zufolge auf der Hand. Den eigentlich bösen Witz des Cartoons stellt aber der krasse Gegensatz zwischen dem Habitus der in sommerliche Sportkleidung gewandeten und ebenso freundlichen wie ahnungslosen Brillenträger aus dem „Westen“ und dem paramilitärischen Outfit der grimmigen und waffenstarrenden „balkanischen“ Guerilleros und Freischärler dar – hier ist ein grundlegendes kulturelles Missverständnis in knappen Strichen aufs Blatt geworfen.

Just darin jedoch steckt zugleich eine „orientalisierende“ Interpretation aus überheblich-„westlicher“ Perspektive, sind doch beide Kombattantengruppierungen, Albaner wie Serben, in völlig identischer Art und Weise dargestellt. Hätte nicht jede Gruppe ihre eigene Fahne, wären sie ununterscheidbar. Mit anderen (und bewusst überspitzten) Worten: „Alles eine Suppe da unten“! Hier schwingt die Ansicht von der Vergeblichkeit vermittelnden Eingreifens von außen in durch „ancient ethnic hatreds“ geprägte „innerbalkanische Händel“, ja die isolationistische Haltung, ein „Ausblutenlassen“ des Konflikten sei angezeigt, gar die wenige Monate später auf die zweite Runde im Kosovo-Krieg gemünzte Parole „Give war a chance!“ mit.[9] Nicht nur der konkrete Vorschlag zur Konflikttransformation der Kontaktgruppe, so die Botschaft von Zehentmayrs Cartoon, ist naiv – die Vorstellung externer konstruktiver Konfliktbearbeitung überhaupt ist es. Zwar war diese resignative Sicht im Januar 1999, nach dem Scheitern der Hoolbroke-Miloševic-Absprache vom 12. Oktober 1998 im konkreten serbisch-kosovoalbanischen Fall nachvollziehbar. Sie enthält aber zugleich ein fatalistisches Element.

Bemerkenswert ist, dass Zehentmayr dem deutschen Betrachter zwar bezüglich der Deutung des albanischen Adlersymbols eine Interpretationshilfe in Form der Abkürzung „UCK“ gegeben hat, dies aber beim serbischen Flaggensymbol nicht tut. Die zu einem Kreuz angeordneten „vier serbischen [Großbuchstaben] ‚S’“, die er abbildet und die für Parole „Samo sloga Srbina spasava!“ – „Nur die Einheit rettet die Serben!“[10] – steht, finden sich zwar auch auf der offiziellen Flagge der Serbisch-Orthodoxen Kirche, wurden aber in den 1990er Jahren vor allem von serbischen Cetniks und anderen Freischärlern sowie von den Truppen der Republika Srpska als Symbol des Serbentums an sich und damit des totalen serbischen Machtanspruches verwendet. Zwar verrät hier der Karikaturist seine Sachkunde, überfordert aber ganz offenkundig sein Publikum.

Resümee

Aufgrund des zentralen Ausdrucksmittels des schockierenden Kontrastes gelingt es sowohl Puntaric wie Zehentmayr die jeweils beabsichtigte Aussage sarkastisch zuzuspitzen und sie damit effizient zu transportieren. Beide haben zielsicher den Nerv der Zeit getroffen, indem sie beim Betrachter nicht nur einen Zustimmungsreflex auslösen, sondern zugleich zwei Bereiche der Emotionsskala, Lachen und Weinen, Erheiterung und Resignation, aktivieren. Aber beide Künstler sind zugleich nicht frei von den Auto- und Heterostereotypisierungen ihrer jeweiligen Gesellschaft, mit denen sie mal bewusst spielen, die bei ihnen aber auch unbewusst aufscheinen. Trotz ihrer Ignoranz stehen bei Puntaric die klampfenden Blauhelme für eine bessere Welt als es die eigene ist, und ungeachtet seiner beißenden Kritik an der Naivität der Staatengemeinschaft porträtiert Zehentmayr Albaner und Serben als kaum unterscheidbare ewige Rabauken.

Ungeachtet dessen aber ist das Analysepotential der beiden Cartoons auf derselben Höhe zu veranschlagen, wie dasjenige so mancher umfangreichen Monographie. Auf einen, gar auf mehrere großflächige militärische Konflikte an der unmittelbaren Peripherie der Europäischen Gemeinschaft war zu Beginn der 1990er Jahre weder diese noch die NATO vorbereitet. Und auch am Ende des Jahrzehnts setzte man ungeachtet der negativen Erfahrung mit der serbischen Seite im Bosnien-Krieg ganz auf Zureden, Verhandlungen und Anreize. Erst die Massakerstrategie Slobodan Miloševics, seine Politik der flächendeckenden ethnischen Säuberung sowie die massive Brüskierung der Staatengemeinschaft in Rambouillet führten zur Entscheidung der NATO vom 24. März 1999 zum Angriff auf das serbisch dominierte Rumpf-Jugoslawien.


[1] Essay zur Quelle: Karikaturen zu den serbischen Kriegen in Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo (ca. 1993/1999).

[2] Grundlegend dazu Melcic, Dunja (Hg.), Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen (2. aktualisierte Auflage), Wiesbaden 2007.

[3] Vgl. Todorova, Maria, Imagining the Balkans, New York 1997. Die deutsche Übersetzung: Die Erfindung des Balkans. Europas bequemes Vorurteil (Darmstadt 1999) genügt wissenschaftlichen Standards nicht.

[4] Vgl. Conversi, Daniele, Central secession: Towards a new analytical concept? The case of former Yugoslavia, in: Journal of Ethnic and Migration Studies 26 (2000), H. 2, S. 333-355.

[5] Vgl. den Eintrag über ihn auf der Website des Verbandes der bildenden Künstler für angewandte Kunst Kroatiens, < http://www.ulupuh.hr/hr/straniceclanova.asp?idsekcije=16&idclana=720> (11.05.2010).

[6] Wolff, Daniel J. u. a., You Send Me: The Life and Times of Sam Cooke, New York 1995. Vgl. auch O. A., Popmusik: Des Toten Hose. Eine Jeans-Werbekampagne sorgte für das Comeback des Soul-Stars Sam Cooke – 22 Jahre nach seinem Tod, in: Der Spiegel Nr. 31 vom 28. Juli 1986, (11.05.2010).

[7] Text nach der Version unter URL (11.05.2010).

[8] Widmann, Arno, Dieter Zehentmayr ist tot, in: Berliner Zeitung vom 26. Januar 2005, S. 3.

[9] Luttwak, Edwar N., Give War a Chance, in: Foreign Affairs 78 (1999), H. 4 (July/August), S. 36–44.

[10] Wörtlich „den Serben“ (Singular).



Literaturhinweise:

  • Conversi, Daniele,Central secession: Towards a new analytical concept? The case of former Yugoslavia, in: Journal of Ethnic and Migration Studies 26 (2000), H. 2, S. 333-355.
  • Dunja Melcic (Hg.), Der Jugoslawien-Krieg. Handbuch zu Vorgeschichte, Verlauf und Konsequenzen (2. aktualisierte Auflage), Wiesbaden 2007.
  • Luttwak, Edwar N.,Give War a Chance, in: Foreign Affairs 78 (1999), H. 4 (Juli/August), S. 36–44.
  • Todorova, Maria, Imagining the Balkans, New York 1997.

Zugehörige Quelle:
Karikaturen zu den serbischen Kriegen in Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo (ca. 1993/1999)
Zitation
Karikaturen zu den serbischen Kriegen in Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo (ca. 1993/1999) , in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2010, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-3856>.
Quelle zum Essay
Binnensichten und Außenperspektive Die serbischen Kriege in Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo in der Karikatur
( 2010 )
Zitation
Karikaturen zu den serbischen Kriegen in Bosnien und Herzegowina sowie Kosovo (ca. 1993/1999), in: Themenportal Europäische Geschichte, 2010, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-3856>.
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