Karl Kautsky, Demokratie oder Diktatur, 2. Aufl. Berlin 1918

[...] Bisher hatte es in den Reihen der Sozialdemokratie für eine Selbstverständlichkeit gegolten, daß der Sozialismus aus der Demokratie bei entwickelter kapitalistischer Produktionsweise entspringen müsse. Die Bolschewiki setzten in ihrer Notlage an Stelle dieser Auffassung eine ganz andere, völlig neue. Sie forderten die Diktatur im Gegensatz zur Demokratie. [...]

Karl Kautsky, Demokratie oder Diktatur, 2. Aufl. Berlin 1918.

[...] Bisher hatte es in den Reihen der Sozialdemokratie für eine Selbstverständlichkeit gegolten, daß der Sozialismus aus der Demokratie bei entwickelter kapitalistischer Produktionsweise entspringen müsse. Die Bolschewiki setzten in ihrer Notlage an Stelle dieser Auffassung eine ganz andere, völlig neue. Sie forderten die Diktatur im Gegensatz zur Demokratie. [...]

In den alten Demokratien des Westens dachte freilich kein ernsthafter Mensch daran, die bolschewistische Parole der Diktatur zu der seinen zu machen. So weit dort bolschewistische Sympathien zutage traten, galten sie dem sozialistischen Ziel, dem proletarischen Charakter der „kommunistischen“ Partei, nicht ihren politischen Methoden.

Wir in Deutschland dagegen, namentlich in Preußen, haben bisher unter einem Regime der Militärautokratie und der Polizeiwillkür gelebt, das dem russischen so verwandt war, daß sich in manchen Schichten eine Geistesverfassung bilden konnte, die sich empfänglich zeigte für die der russischen Eigenart entsprungenen Gedanken der Diktatur (S. 5). [...]

Der Gegensatz zwischen Demokratie und Diktatur fand in Rußland seinen auffallendsten Ausdruck in der Frage der Konstituante, in der Frage, ob es richtig sei, alle politische Macht in die Hände einer nach allgemeinem, gleichem, direktem und geheimem Wahlrecht erwählten Volksvertretung zu legen, wie Engels es noch 1891 forderte, oder ob wir an Stelle dieser Nationalversammlung eine Versammlung setzen sollen, die nach indirektem, öffentlichem, ungleichem, ständischem, beschränktem Wahlrecht von einigen privilegierten Schichten von Arbeitern, Soldaten und Bauern gewählt ist (S. 6). [...]

Man unterscheidet mitunter zwischen der Demokratie und dem Sozialismus, also der Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel und der Produktion in der Weise, daß man sagt, diese sei unser Endziel, der Zweck unserer Bewegung, die Demokratie bloßes Mittel zu diesem Zweck, das unter Umständen untauglich, ja sogar hinderlich sein könne.

Genau genommen ist jedoch nicht der Sozialismus unser Endziel, sondern dieses besteht in der Aufhebung „jeder Art der Ausbeutung und Unterdrückung, richte sie sich gegen eine Klasse, eine Partei, ein Geschlecht, eine Rasse“. (Erfurter Programm.) [...]

Würde uns nachgewiesen, daß wir darin irren, daß etwa die Befreiung des Proletariats und der Menschheit überhaupt auf der Grundlage des Privateigentums an Produktionsmitteln allein oder am zweckmäßigsten zu erreichen sei, wie noch Proudhon annahm, dann müßten wir den Sozialismus über Bord werfen, ohne unser Endziel im geringsten aufzugeben, ja wir müßten es tun, gerade im Interesse dieses Endzieles. Demokratie und Sozialismus unterscheiden sich also nicht darin, daß die eine Mittel ist und der andere Zweck. Beide sind Mittel für den gleichen Zweck (S. 7). [...]

Wir verstehen unter dem modernen Sozialismus nicht bloß gesellschaftliche Organisierung der Produktion, sondern auch demokratische Organisierung der Gesellschaft. Der Sozialismus ist demnach für uns untrennbar verbunden mit der Demokratie. Kein Sozialismus ohne Demokratie.

Jedoch ist der Satz nicht ohne weiteres umzukehren. Demokratie ist sehr wohl möglich ohne Sozialismus. Selbst die reine Demokratie ist denkbar ohne Sozialismus, zum Beispiel in kleinbäuerlichen Gemeinwesen, in denen völlige Gleichheit der ökonomischen Bedingungen für jedermann auf der Grundlage des Privateigentums an Produktionsmitteln besteht (S. 8). [...]

Jede Beschränkung auf die beruflichen Interessen verengert den Sinn; dies bildet eine der Schattenseiten des Nurgewerkschaftertums, hier liegt die Überlegenheit der sozialdemokratischen Parteiorganisation. Hier liegt auch die Überlegenheit eines unterschiedslosen gegenüber einem Wahlrecht, das die Wähler nach Kategorien einteilt. Ein solches Kategorienwahlrecht bildet auch die Einschachtelung der Wähler in die besonderen Kategorien von Arbeitern, Soldaten, Bauern, von denen jede ihre besonderen „Räte“ wählte.

In den Kämpfen um die hier erwähnten politischen Rechte ersteht die moderne Demokratie, reift das Proletariat. Damit ersteht aber auch ein neuer Faktor: der Schutz der Minoritäten, der Opposition im Staate. Die Demokratie bedeutet Herrschaft der Majorität. Sie bedeutet aber nicht minder Schutz der Minderheit (S. 22). [...]

Eine Klasse kann herrschen, aber nicht regieren, denn eine Klasse ist eine formlose Masse, regieren kann jedoch nur eine Organisation. Die politischen Parteien sind es, die in der Demokratie regieren (S. 23). [...]

Die Demokratie entwickelt Massenorganisationen mit massenhafter Verwaltungsarbeit; sie ruft die Staatsbürger auf zur Diskutierung und Erledigung zahlreicher Fragen des Alltags, oft der kleinlichsten Art (S. 27). [...]

Immer wieder spricht hier [bezüglich der Pariser Kommune, D.L.] Marx vom allgemeinen Stimmrecht des gesamten Volkes, nicht vom Wahlrecht einer besonderen privilegierten Klasse. Die Diktatur des Proletariats war ihm ein Zustand, der bei überwiegendem Proletariat aus der reinen Demokratie notwendig hervorgeht. [...]

Die Diktatur als Regierungsform ist gleichbedeutend mit der Entrechtung der Opposi-tion. Ihr wird das Wahlrecht genommen, die Preß- und Vereinsfreiheit (S. 30). [...]

Aber ein Regime, das die Massen hinter sich weiß, wird die Gewalt nur anwenden, um die Demokratie zu schützen, und nicht, um sie aufzuheben. Es würde geradezu Selbstmord üben, wollte es seine sicherste Grundlage beseitigen, das allgemeine Stimmrecht, eine starke Quelle gewaltiger moralischer Autorität (S. 32). [...]

Ihre kraftvollste Stütze findet die Diktatur einer Minderheit stets in einer ergebenen Armee. Aber je mehr sie die Gewalt der Waffen an Stelle der Majorität setzt, desto mehr drängt sie auch jede Opposition dahin, ihr Heil im Appell an die Bajonette und Fäuste zu suchen, statt im Appell an die Wahlstimmen, der ihr versagt ist; dann wird der Bürgerkrieg die Form der Austragung politischer und sozialer Gegensätze (S. 34). [...]

Für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft gibt es gar kein größeres Hindernis wie den inneren Krieg. In dem heutigen Stadium weitgehender geographischer Arbeitsteilung ist der industrielle Großbetrieb überall auf das stärkste abhängig von der Sicherheit des Verkehrs sowie von der Sicherheit der Verträge (S. 35). [...]

Die bürgerlichen Revolutionen brachen aus in Staaten, in denen ein Despotismus, gestützt auf ein vom Volke getrenntes Heer, alle freien Regungen unterdrückte, wo es keine Freiheit der Presse, der Versammlungen, der Vereine, kein allgemeines Wahlrecht gab, wahrhafte Volksvertretungen nicht bestanden. Da nahm der Kampf gegen die Regierung notwendig die Form des Bürgerkrieges an. Das heutige Proletariat kommt, wenigstens in Westeuropa, zur politischen Macht in Staaten, in denen seit Jahrzehnten die Demokratie, wenn auch nicht die „reine“, so doch ein gewisses Ausmaß von Demokratie tiefe Wurzeln gefaßt hat, auch das Militär nicht mehr so ganz wie ehedem vom Volke losgelöst ist. Auf keinen Fall brauchen wir da anzunehmen, daß sich in Westeuropa die Vorgänge der großen französischen Revolution wiederholen werden (S. 36). [...]

Je mehr die Demokratie herrscht, nicht bloß formal, sondern tatsächlich in der Kraft der arbeitenden Massen verankert, um so größer die Wahrscheinlichkeit, daß die politische Revolution eine friedliche sein wird (S. 37). [...]

Wir können unter der Diktatur des Proletariats nichts anderes verstehen, als seine Herrschaft auf der Grundlage der Demokratie (S. 38). [...]

Den Inhalt des Sozialismus können wir populär in die Worte zusammenfassen: Freiheit und Brot für alle. Das ist es, was die Massen von ihm erwarten, weshalb sie für ihn eintreten. Die Freiheit ist nicht minder wichtig wie das Brot (S. 39). [...]

Der Sozialismus, das heißt allgemeiner Wohlstand innerhalb der modernen Kultur, wird nur möglich durch die gewaltige Entfaltung der Produktivkräfte, die der Kapitalismus mit sich bringt, / durch die enormen Reichtümer, die er schafft und die sich in den Händen der kapitalistischen Klasse konzentrieren. Ein Staatswesen, das diese Reichtümer durch eine unsinnige Politik, etwa einen erfolglosen Krieg, vergeudet hat, bietet von vornherein keinen günstigen Ausgangspunkt für die rascheste Verbreitung von Wohlstand in allen Schichten. Wenn als Erbe der bankrotten Staatsgewalt nicht ein demokratisches, sondern diktatorisches Regime auftritt, verschlimmert es noch die Situation, da es den Bürgerkrieg zur notwendigen Folge hat. Was da an materiellen Mitteln noch übrig bleibt, wird durch die Anarchie verwüstet (S. 40/41). [...]

Der Ruf nach der Diktatur wäre bei uns nur ein Zeichen innerer Schwäche, des Mißtrauens zu unsern eigenen Leistungen, des Zweifels, ob unser Anschauungsunterricht derart sein kann, daß es ihm gelingen werde, die Volksmassen unserer Fahne treu zu erhalten (S. 45). [...]

Das Endergebnis des Versuchs der Aufhebung oder Vorenthaltung des allgemeinen gleichen Wahlrechts, der definitiven Ersetzung einer Nationalversammlung durch eine dauernde Zentralversammlung von Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräten wäre nur Bürgerkrieg, völliger ökonomischer Ruin und daher schließlicher Sieg der Gegenrevolution.

Und darum wollen und müssen wir festhalten an der Demokratie, an dem allgemeinen, gleichen, direkten, geheimen Wahlrecht, um das wir seit einem halben Jahrhundert gerungen haben (S. 46).

Demokratie und Diktatur. 100 Jahre nach der Epochenzäsur von 1918[1]

Von Detlef Lehnert

„Soziale Ursprünge von Diktatur und Demokratie“[2] wurden mit einem die Hintergründe – gerade auch der russischen Revolutionen – wesentlich aus unterschiedlichen agrargesellschaftlichen Strukturen erklärenden Ansatz thematisiert. Dass 1917 mit dem Kriegseintritt der USA und dem russischen Revolutionsgeschehen eine bis um 1990 ausstrahlende westlich/östliche Weltkonstellation grundformiert war, ist seither immer wieder betont worden. An das bevorstehende Jahrhundert-Jubiläum der Weimarer Nationalversammlung und ihres Verfassungswerks 1919 wird sicher auch in breiterer Öffentlichkeit noch intensiv zu erinnern sein. Die Bedeutung der Epochenzäsur von 1918, gerade auch für die Polarität von Demokratie und Diktatur, könnte zwischen den Bezugnahmen auf 1917 und 1919 in den Hintergrund geraten. Aktuelle Gefährdungen einer demokratischen politischen Kultur in Europa und den USA, teilweise sogar Übergriffe gegen demokratisch-verfassungsstaatliche Institutionen, würden das aber durchaus problematisch erscheinen lassen. Dieser Beitrag greift die Stichworte der vor genau 100 Jahren erschienenen Schrift von Karl Kautsky „Demokratie oder Diktatur“ auf; sie ist dabei in historische Kontexte dieser Umbruchsperiode zu stellen, auch über die vom Autor ins Zentrum der Argumentation gerückte Polarität von demokratischem Sozialismus und bolschewistischer Diktatur hinaus.

Bis einschließlich 1917 wurde die (moderne westliche) politische Demokratie bzw. der „Volksstaat“, wie ein zunächst sozialdemokratisch und linksliberal gebräuchliches Synonym lautete, deutschsprachig noch kritisch gegenüber dem „Obrigkeitsstaat“ polarisiert, den (nicht nur) dessen Verteidiger zumeist als konstitutionelle Monarchie bezeichneten. Als ein Jahrzehnt vor dem epochalen zweibändigen Werk von James Bryce „Modern Democracies“ (1921) das ebenfalls sehr umfangreiche Buch des Kieler Staatswissenschaftlers Wilhelm Hasbach erschien, kam selbst dessen früherer akademischer Mentor, der konservativ-sozialpolitische Nationalökonom Gustav Schmoller, in seiner Rezensionsabhandlung nicht umhin, bei Hasbach „Die Demokratie auf der Anklagebank“ zu sehen.[3] Hasbach hat 1919 die Kapitel von 1912 über „Die soziale Demokratie“ (S. 333ff.) und „Sozialismus und Sozialdemokratie“ (S. 358ff.) als „den Kern“ bezeichnet, „um den sich die anderen im Laufe eines Vierteljahrhunderts gelagert haben“.[4] So machte er kenntlich, dass sein Blick auf moderne Demokratie der in vielem noch traditionelle eines Vertreters der Bismarckschen Sozialpolitik blieb, die bekanntlich mit dem Sozialistengesetz flankiert war.

Das antidemokratische Kontrastprofil moderner Diktaturen mit eigenem Massenanhang bildete sich erst seit 1918 deutlicher heraus.[5] Dafür war einerseits die quasi-diktatorische Macht der Obersten Heeresleitung unter Hindenburg/Ludendorff mit der (im Herbst 1917 gegründeten) „Vaterlandspartei“ als neurechte sammlungspolitische Organisationsbasis symptomatisch; diese beanspruchte für sich bis zum Sommer 1918 die Unterstützung von über einer Million Mitgliedern.[6] Andererseits leitete die gewaltsame Auflösung der russischen parlamentarischen Konstituante im Januar 1918[7] schon unter Lenin, theoriebezogen umrahmt von seiner vorbereitenden Schrift über „Staat und Revolution“ (1917/18), zum ebenso neuartigen Typus der beginnenden kommunistischen (Partei-)Diktatur über.[8] Wenn kollektive Identität auch immer antithetisch konstruiert wird, gewann politische „Demokratie“ als Identifikationsbegriff seit 1918 in nun doppelter Abgrenzung vom kriegsmobilisierten Obrigkeitsstaat und neuen Diktaturformen eine Profilierung, die in Grundzügen bis in die Gegenwart erhalten geblieben ist.[9]

Die Entstehungsgeschichte des angehängten Textauszugs zu Demokratie oder Diktatur erstreckt sich über die gesamte Epochenzäsur von 1918, nachdem der Menschewist Alexander Stein bereits zum Jahresende 1917 in der (vorwiegend anders orientierten) führenden USPD-Tageszeitung das erste Stichwort geliefert hatte[10]: Schon am 3. Januar 1918 wurde in dem USPD-Blatt „Sozialistische Auslandspolitik“ (Nr. 1) ein Beitrag von Karl Kautsky mit dem programmatischen Titel „Demokratie und Diktatur“ publiziert – noch vor der Auflösung der russischen Konstituante vielleicht schon eine derartige Entwicklungsrichtung vorausahnend. In dieser Zeitschrift der Kriegskreditgegner – im Sinne der Vorkriegssozialdemokratie, nicht einer neuen bolschewistischen Inspiration – ist von Kautsky am 22. August 1918 (Nr. 34) nun unter dem zugespitzten Beitragstitel „Demokratie oder Diktatur“ eine diesbezügliche Schrift angekündigt worden: Die Diktatur des Proletariats erschien im Folgemonat als 63-seitige Broschüre angesichts deutscher Zensurbedingungen in Wien. Dort wurde der 1854 in Prag geborene Kautsky in seiner Jugend- und Studienzeit bis 1880 geprägt, bevor er über Stationen in Zürich und London erst nach Aufhebung des Sozialistengesetzes 1890 in Deutschland seine legendäre Rolle als „SPD-Cheftheoretiker“ wahrnehmen konnte.

„Der größte Teil der Schrift befasst sich mit den russischen Verhältnissen. Alles, was ich darüber ausführte, ist durch die Tatsachen leider bestätigt worden“, leitete Kautsky den Vorspann zum 46-seitigen Separatdruck von Demokratie oder Diktatur ein; dieser konnte nach dem Sturz des Kaiserreichs und der militärdiktatorischen Zensurgewalt nun mit der bibliographischen Angabe „Verlegt bei Paul Cassirer Berlin 1918“ und diesem ebenso zeitgeschichtlichen wie politisch-theoretischen Leitmotiv erscheinen: „Heute haben wir selbst eine Revolution. Heute stehen wir nicht für Rußland, sondern für Deutschland vor der Frage: ob Diktatur, ob Demokratie“ (ebd., S. 6). Kautsky positionierte also die gekürzte Fassung unmittelbar als Debattenbeitrag im Umfeld der sozialdemokratischen Neuordnungsdiskussionen in der Novemberrevolution[11], wie sich die bis zum Jahreswechsel 1918/19 reichende erste, noch relativ entwicklungsoffene Phase der Revolution 1918/19 weiterhin bezeichnen lässt – vor der konfrontativeren zweiten, nach tatsächlich schon getroffenen Entscheidungen: der Wahl zur Nationalversammlung im Januar und deren Weichenstellungen in Richtung der Weimarer Demokratie. Eine wichtige Rolle spielte Kautskys Schrift auch bei der Rekonstruktion der sozialdemokratischen Internationale, die mit der Polarität von „Demokratie und Diktatur“ aus den nationalpolitischen Gegensätzen der Kriegsjahre herauszufinden versuchte. In dieser internationalen Flankierung einer von ihm angestrebten Wiederannäherung von SPD und USPD blieb er aber dann auf dem Märzparteitag 1919 der USPD in der Minderheit.[12]

Zur Einordnung in den historischen Entstehungskontext erscheint dennoch eine knappe Rekapitulation der Einschätzung der (zweiten) russischen Revolution in Kautskys Langfassung Die Diktatur des Proletariats vorab sinnvoll.[13] Aus seiner geschichtstheoretischen Perspektive insistierte er darauf, ein dortiges sozialstatistisches „Übergewicht der Bauernschaft“ zeige „den bürgerlichen Charakter dieser Revolution“ und gleichzeitig eine politische Tendenz zu einer „Diktatur der Bauern“ (S. 52). Weil diese von den Bauern (wie schon die Marxsche Bonapartismusthese nahelegte) nicht selbst ausgeübt werden konnte, musste das zu einem autoritären Regime führen. Die ökonomische Zuweisung der Bauernschaft an die bürgerliche Formation der Revolutionshistorie resultierte für ihn aus deren Bindung an die Eigentumsordnung: „Das Interesse des Bauern an der Revolution erlischt daher, sobald sein neues Privateigentum gesichert ist“ (S. 51).

Als hochriskant stufte Kautsky das Kalkül ein, die innere Not durch Revolutionsexport auffangen zu können: „Die bolschewistische Revolution war aufgebaut auf der Voraussetzung, daß sie den Ausgangspunkt bilde zu einer allgemeinen europäischen Revolution“ (S. 28). Zwar wusste er um die historische Erblast, „daß der Kampf gegen den Zarismus geheimzuführen war, die Verschwörung entwickelt aber die Sitten und Gewohnheiten der Diktatur, nicht der Demokratie“ (S. 58). Somit galt für ihn das Fazit: „Die Diktatur als Regierungsform ist in Rußland ebenso begreiflich wie ehedem der bakunistische Anarchismus. Aber begreifen heißt noch nicht anerkennen, wir müssen jene ebenso entschieden ablehnen wie diesen“ (S. 63).

Ein Anknüpfungspunkt aus der ersten russischen Revolution von 1905 war Kautsky bewusst, wenn er konstatierte: „Als die zweite russische Revolution im März 1917 ausbrach, erstand auch sofort wieder die Sowjetorganisation“, und zwar in Rätegremien auf „höherer Grundlage“, nämlich stärker überregional ausgreifend (S. 31). Den entscheidenden politischen Missgriff der Bolschewiki sah er in deren Konzeption, die Arbeiterräte von einer „Kampforganisation“ zur „Staatsorganisation“ umfunktioniert zu haben. Das war für ihn die historische Bruchstelle, die er auch terminologisch mit dem neuen (russischen) Parteinamen (seit März 1918) fixierte: „Dementsprechend hörten die Bolschewiki auf, sich Sozialdemokraten zu nennen. Sie bezeichnen sich als Kommunisten“ (S. 33). Der zuvor, auch wegen des Kommunistischen Manifests von Marx/Engels (1848), kaum trennscharfe Wortgebrauch gewann nun deutliche Konturen.

Sogar Rosa Luxemburg, die unbeschadet ihrer Lenin-Kritik nicht von der „Diktatur des Proletariats“ abrückte, hätte zum Jahreswechsel 1918/19 lieber die zur westlichen Linken anschlussfähigere terminologische Zwischenform einer „Sozialistischen Partei“ statt die KPD mitgegründet.[14] Ihre kritische Schrift „Zur russischen Revolution“ (1918) wurde aber erst 1922 von Paul Levi – als Teil dessen politischen Übergangs von der KPD über die USPD zur äußersten Linken der SPD – aus dem Nachlass veröffentlicht.[15] Explizite Kommunisten und tendenzielle „Leninisten“ waren 1918 bereits die aus den „Bremer Linksradikalen“ hervorgegangenen „Internationalen Kommunisten Deutschlands“ um die Zeitschrift „Arbeiterpolitik“, als die zweite Säule der KPD-Gründung neben dem Spartakusbund um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.

Die Analysen von Kautsky, die natürlich immer auch den langen und mühsamen Weg zur modernen Demokratie sowie deren Gefährdung durch etwaige Rechtsdiktaturen mit im Auge behielten, waren keine bloße Theoretiker-Denkleistung in der Einsamkeit der Studierstube. Vielmehr bewegten diese sich in einem historisch-politischen Kontext von Einschätzungen zum russischen Revolutionsjahr 1917 in der Sozialdemokratie.[16] Dabei können gleichermaßen deutsche wie österreichische Diskussionen seit längerem als recht gut erforscht gelten.[17] Die überwiegende Grundhaltung auch gegenüber den Bolschewiki war bis Ende 1917 keineswegs unfreundlich gewesen, weil sie nun als russische Friedenspartei galten. Das verband sie mit den Kriegskreditgegnern von der USPD, die sonst nur die Menschewiki-Internationalisten um Julius Martow als Partner finden konnten, und weckte sogar positive Erwartungen bei weiterhin kreditbewilligenden Mehrheitssozialdemokraten: Diese sahen nach Entlastung an der Ostfront die Chancen eines „Scheidemann-Friedens“ der Verständigung – gemäß der revolutionären Formel aus Russland „ohne Annexionen und Kontributionen“ – sich wieder verbessern.[18]

Die in Deutschland und Österreich vorrevolutionäre Langfassung Kautskys Die Diktatur des Proletariats wurde im SPD-Zentralorgan „Vorwärts“ noch im Oktober 1918 bereits im Sinne der nachfolgenden Kurzfassung mit antithetisch zugespitztem Leitartikel „Diktatur oder Demokratie?“ ausdrücklich begrüßt: „Es ist in dieser Schrift kaum ein Wort, das wir nicht unterschreiben möchten“, und diese sei voller „Worte, die verdienen, überall öffentlich angeschlagen zu werden, wo Arbeiter verkehren“. Mit dem Hinweis auf Kautskys Schrift wurde zugleich die politische Stoßrichtung gegen die rivalisierende USPD gerichtet: „Eine Partei, die sich mit der einen Hälfte zu bolschewistisch-diktatorischen Auffassungen, mit der anderen zu marxistisch-sozialdemokratischen bekennt, ist ein Unding.“[19] Kautskys Version des sozialdemokratischen Marxismus lief in der Tat immer schon, ohne auf eine letztlich revolutionäre Überwindung des vordemokratischen politischen Systems in Preußen-Deutschland zu verzichten, auf eine parlamentarische Demokratie hinaus, zumal er direktdemokratische Modelle nach Art der Schweiz eher für bäuerlich-kleinbürgerlich und nicht hochindustriell-klassengesellschaftlich geprägt ansah.[20] Der wie Kautsky als Kriegskreditgegner zur USPD gehörende „Revisionist“ Eduard Bernstein bekräftigte als Parteisprecher auf einer gemeinsamen Veranstaltung mit SPD-Vertretern im November 1918 diese übereinstimmende Deutung einer Formulierung von Marx: „Wir haben uns die Diktatur nie anders vorgestellt, als daß sie durch die Demokratie ausgeübt wird.“[21] Vor den bis 1918 unbekannten neuen Formen von Diktatur war dieser Begriff somit ähnlich wie später die „Vorherrschaft“[22] bzw. Hegemonie zu verstehen.

Für die Diskussionsoffenheit bemerkenswert ist die Tatsache, dass der „Vorwärts“ wenige Tage darauf zu Kautskys Bolschewismuskritik eine Stellungnahme des russischen Staatslenkers Lenin abdruckte, die mit dessen Information begann, er habe „eine Broschüre zu schreiben begonnen, die der Kritik der soeben in Wien erschienenen Broschüre Kautskys ‚Die Diktatur des Proletariats’ gilt“. Das erwies sich recht bald als zutreffende Ankündigung.[23] Lenin wandte sich polemisch gegen Kautsky als „Führer der Zweiten Internationale“, der nun in der genannten Schrift ein „Buch“ veröffentlicht habe, „das hundertfach beschämender, empörender, renegatenhafter ist, als die berühmten ‚Voraussetzungen des Sozialismus’ von Eduard Bernstein“ (1899). Neben ironisch den „menschewistischen Weisheiten“ und der „liberalen Furcht vor dem Bürgerkrieg“ zugerechneten Darlegungen zur russischen Revolution hielt ihm Lenin die Verkennung der „Diktatur des Proletariats“ als erforderliche „Maschine zur Unterdrückung der Bourgeoisie“ vor und verwies auf die eigene Programmschrift über „Staat und Revolution“.[24]

Eine Diktatur gleich Lenins Bolschewiki lag aber Sozialdemokraten wie dem als promovierter Jurist staatswissenschaftlich gebildeten dritten Volksbeauftragten (neben Ebert und Scheidemann) Otto Landsberg fern. Das hielt er in einer Versammlungsrede den eine demokratische Nationalversammlung ablehnenden USPD-Radikalen entgegen, wenn er gleichzeitig versöhnlicher daran erinnerte, dass der Streit über die Kriegskredite „in der Vergangenheit liegt“ und man nun wieder „Schulter an Schulter zu kämpfen“ habe: „Das deutsche Volk hat sich nicht von der Diktatur der Junker befreit, um unter eine andere Diktatur zu kommen.“ Indem der Vorredner einer parallelen Veranstaltung (im Berliner Zirkus Busch), der Geschäftsführer des Zentralbildungsausschusses der SPD (seit 1906), Heinrich Schulz, auch die überwundene „Diktatur der Militärkaste“ kontrastierend erwähnte, bezeichnete dieser zugleich die „Demokratie“ als die „Mutter“ für die „sozialistische Bewegung“. Nach solcher Einstimmung, am Tag der Eröffnung des Reichsrätekongresses, konnte „Volksbeauftragter Genosse Ebert“ die politischen Weichen in Richtung des raschen Übergangs zur parlamentarisch-repräsentativen (dann freilich mit einem starken Präsidentenamt modifizierten) Demokratie stellen: „Gegen wenige, ganz vereinzelte Stimmen sprach sich die Riesenversammlung im Sinne Eberts für die Ansetzung der Wahlen auf den 19. Januar aus“.[25]

Als der kommende „Weimarer Verfassungsvater“ Hugo Preuß am 14. November 1918 im „Berliner Tageblatt“ die weltpolitische Alternative „Wilson oder Lenin“ formulierte, zitierte er darin wohlbemerkt den französischen Sozialisten (und baldigen langjährigen Direktor der internationalen Arbeitsorganisation des Völkerbundes) Albert Thomas aus dessen Parteiorgan L’Humanité. Dem Zitat unmittelbar vorausgehend hatte aber Preuß seine Version der Alternative Demokratie oder (zuvor noch) Obrigkeitsstaat, nun vielleicht stattdessen Diktatur präsentiert: „Hier scheiden sich die Wege sofort und unbedingt. Hier handelt es sich um die Frage ‚östlicher oder westlicher Orientierung’ in einem neuen verhängnisschweren Sinne. Wie haben uns die Reaktionäre die Entwicklung in der Art der ‚westlichen Demokratien’ zu verekeln gesucht; und nicht nur Liberale, auch Sozialdemokraten sind ihnen auf den Leim gegangen. Wollen wir jetzt statt dessen den Bolschewismus nachahmen, die negative Platte des russischen Zarismus?“[26] Dieser Zeitungsartikel trug wesentlich dazu bei, dass Preuß am Folgetag vom (aus drei SPD- und drei USPD-Vertretern besetzten) „Rat der Volksbeauftragten“ zum Staatssekretär des Innern berufen wurde; damit war er zuständig für die Vorbereitung der Wahlen zu einer konstituierenden Nationalversammlung und einen dieser vorzulegenden Entwurf der neuen demokratischen Verfassung.[27]

In gewisser Weise konnte es für eine historisch wirkungsmächtige Zäsur in der internationalen Konstellation jedoch zuvor auch Wilson und Lenin heißen; denn Präsident Wilsons am 8. Januar 1918 im US-Kongress vorgestelltem 14-Punkte-Programm für eine Neuordnung Europas folgte in den Wochen darauf, nach Rückzug von Lenins Revolutionsregierung auf die Festigung der inneren Macht, ein von der Obersten Heeresleitung unter Hindenburg/Ludendorff oktroyierter Diktatfriede von Brest-Litowsk.[28] In den zugleich gegen die im vierten Kriegswinter schlechte Versorgungslage wie eine imperialistische Gewaltpolitik zielenden Januarstreiks 1918 in Deutschland bzw. dem Jännerstreik in Österreich bahnten sich erstmals vorrevolutionäre Situationen auch in Mitteleuropa an.[29]

Es hing gewiss mit dem Erscheinungsort Wien von Kautskys Die Diktatur des Proletariats zusammen, dass ein im Zeitungs-Untertitel sich als „Demokratisches Organ“ präsentierendes „Neues Wiener Tagblatt“ eine der ganz wenigen nicht-sozialdemokratischen redaktionellen Buchbesprechungen veröffentlichte, und zwar in einem Leitartikel „Demokratie oder Diktatur?“ nach zunächst skeptischer Betrachtung der Revolutionsregierung in Deutschland. Doch wurde der „hervorragende Theoretiker des Marxismus Karl Kautsky“ dort für seine Bolschewismuskritik gelobt, nämlich „eine vernichtende Streitschrift gegen diese Diktatur und für die Demokratie“ vorgelegt zu haben. Nach einem längeren Zitat von Kautsky über den Eigenwert auch des Minderheitenschutzes in der Demokratie ließ das bürgerlich-liberale Blatt den Artikel in einen sehr gewagten Vergleich zugunsten eigener Belange ausmünden: „Gegenüber der vorläufigen sozialistischen Republik Deutschland befindet sich aber Deutschösterreich in ähnlicher Lage wie die Ukraine gegenüber Rußland. Diese selbständige Ukraine will ja durchaus wieder russisch werden, aber keinesfalls bolschewistisch. Deutschösterreich ist entschlossen, eine demokratische Republik zu sein. Aber es kann, gerade nach der Lehre des Karl Marx, nach seiner wirtschaftlich-sozialen Struktur unmöglich eine sozialistische Republik sein.“[30] Damit wurde von der für Kautskys Urteil wesentlichen Dominanz der Bauernschaft in Russland gegenüber dem minoritären Industrieproletariat über eine Deutschland viel nähere Verteilung der politisch-sozialen Kräfte Österreichs interessengeleitet hinwegformuliert: Die 40,8 Prozent Stimmen der österreichischen Sozialdemokraten (SDAP) am 16. Februar 1919 unterschieden sich nur graduell von 37,9 Prozent SPD und 7,6 Prozent USPD am 19. Januar 1919 zur jeweiligen Konstituierenden Nationalversammlung.[31]

Die Titel zweier Neuerscheinungen zur deutschen „Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie“[32] und „Am Anfang war Gewalt“[33], verweisen auf eine Polarität, die anlässlich des bevorstehenden 100-Jahre-Jubiläums zum neuen Überdenken führen könnte: Ob denn anders als bei der Unterscheidung einer russischen Februar- und Oktoberrevolution 1917 wirklich das gewollte Zusammenziehen deutscher Ereignisse vom November 1918 bis April/Mai 1919 die überzeugendste historiographische Variante ist. Die politische „Novemberrevolution“ bis hin zur erstmals volldemokratischen Wahl der konstituierenden Nationalversammlung am 19. und nachfolgend der Preußischen Landesversammlung am 26. Januar 1919 deutlicher von einer zweiten (sozialrevolutionären) Phase im Frühjahr 1919 zu unterscheiden, könnte eigenen Sinn machen, ohne den übergreifenden Begriff einer deutschen Revolution 1918/19 aufgeben zu müssen. Bezeichnenderweise taucht der Name Kautskys in der Neuerscheinung mit Gewaltschwerpunkt nur einmal auf, und zwar in einer Aufzählung mit anderen gemäßigten USPD-Politikern zugunsten der Gewaltvermeidung.[34] Hingegen wird er im Buch mit Demokratieschwerpunkt zwar mehr als zehnfach erwähnt, jenseits der Vorgeschichte bis 1917 aber nur als ein Vorsitzender der im Dezember 1918 berufenen Sozialisierungskommission, als Beigeordneter im Auswärtigen Amt, ebenfalls als um Gewaltvermeidung im Januar 1919 bemüht und hinsichtlich der Aufbereitung von Dokumenten zur deutschen Verantwortung in den Tagen der Kriegsentfesselung 1914.[35]

Diese Aspekte können zusätzlich unterstreichen, dass gerade der 100. Jahrestag der Epochenzäsur von 1918 und des Erscheinens von Kautskys Broschüre Demokratie oder Diktatur ein geeigneter Anlass ist, an deren historische Bedeutung zu erinnern. Das gilt umso mehr, als mit Fertigstellung dieses Textes nun ein umfangreicher Konferenzband[36] vorliegt, der mit dem längsten Abschnitt „Demokratie und/oder Diktatur des Proletariats“ (S. 194–371) den Beitrag zu Kautsky (S. 230–242) in den politischen und theoretischen Kontext mit anderen Exponenten von USPD und SPD des erweiterten Umbruchszeitraums 1916–1922 einordnet. Allerdings ist Kautsky, der als österreichischer Staatsbürger nicht wie sein „revisionistisches“ Pendant Bernstein langjähriger deutscher Reichstagsabgeordneter sein konnte[37], bereits seit den Konflikten unter anderem mit Rosa Luxemburg um die Konsequenzen der ersten russischen Revolution von 1905 stets wesentlich im gleichzeitigen Blick auf drei imperiale Staatsgebilde zu verstehen: Diese waren die Schauplätze der manifesten europäischen Revolutionen 1917 bis 1919 bei den – zuvor noch obrigkeitsstaatlichen – Kriegsverlierern (Preußen-)Deutschland, Österreich(-Ungarn) und (Groß-)Russland, zugleich mit einem Grundcharakter als „Aufstand gegen den Krieg“[38]. Die Gastländer Schweiz und Großbritannien in der Zeit des Sozialistengesetzes bis hin zum Sterbeort (Amsterdam 1938) standen für die Erweiterung des Horizonts dieses klassischen Mitteleuropäers nach Westen hin.

Im betrachteten historischen Rahmen durchaus fruchtbar kann vor allem die Einbeziehung von pseudo- bzw. quasi-revolutionären Situationen, parallel zur deutschen und österreichischen Revolution des November 1918, in den Niederlanden und vor allem der „weit stärker industrialisierten Schweiz“ sein; dort bewirkte, nach einer schon im Oktober 1918 das Proportionalwahlrecht durchsetzenden Volksabstimmung als Teil einer „Bewegung für die Demokratisierung“, ein Landesstreik immerhin eine „Beschleunigung sozialer Reformen“ wie z.B. den Achtstundentag.[39] Von der – anders als hinsichtlich der insoweit mehr reformistischen Niederländer – bald eher der USPD als der SPD verwandten Sozialdemokratischen Partei der Schweiz war 1915 die Initiative zur Zimmerwalder Konferenz der Kriegsgegner ausgegangen.[40] In deren Gefolge fand sich dann im Schweizer SP-Programm von 1920 die (offiziell erst 1935 entfernte) Formulierung von der „Diktatur des Proletariats“, wie sie auch modifiziert 1926 im Linzer Programm der österreichischen Sozialdemokratie – neben eindeutigen Bekenntnissen zu demokratischen Wegen, sozusagen noch als Abschreckungsdoktrin nach rechts hin – enthalten war.

Auch in Skandinavien, im Ersten Weltkrieg neutral wie die Schweiz und die Niederlande, zeigten sich insgesamt mit der mitteleuropäischen Sozialdemokratie vergleichbare Differenzierungen. Während in Dänemark und Schweden (wo unter dem Eindruck der deutschen Ereignisse im Spätherbst 1918 der endgültige Durchbruch zu einer weiteren Demokratisierung erfolgte) nur Minderheiten gegen den reformistisch-demokratischen Kurs opponierten, entwickelte sich von 1917 bis 1920 in Norwegen ein stärker ausgeprägtes sozialrevolutionäres Potenzial. Dieses führte 1919 im Bekenntnis zur „Diktatur des Proletariats“ sogar den vorübergehenden Beitritt der norwegischen Arbeiterpartei zur Kommunistischen Internationale herbei – ein „historisches Missverständnis“ hinsichtlich nicht beabsichtigter Unterordnung, das von 1921 bis 1923 wieder schrittweise beendet wurde.[41]

Ein mehr als nur in Nuancen anderes Thema wäre „Demokratie nach dem Ersten Weltkrieg“[42] auch unter Einbeziehung von dessen Siegermächten. Im Zusammenhang mit dem Beitragstitel ist dies aber fast eine Ironie der Geschichte: Im Frühjahr 1919 erfolgte die Linkswende der (bis dahin nicht gespaltenen) französischen Sozialisten unter dem sonst eher reformistischen Léon Blum in verbaler Orientierung an einer „Diktatur des Proletariats“ mit Berufung auf konsequente Oppositionspolitik im Sinne einer „Resolution Kautsky“ – vom Pariser Kongress 1900 der Zweiten Internationale.[43] Damit war in überlieferter Terminologie wiederum das gemeint, was der austromarxistische Theoretiker Otto Bauer in seiner Revolutionsgeschichte als die „Vorherrschaft“ (im Sinne von politischer Hegemonie) einer demokratisch legitimierten – zumindest relativen – Mehrheit bezeichnete.[44]

[1] Essay zur Quelle: Karl Kautsky, Demokratie oder Diktatur (1918).

[2] So der Titel einer historisch-soziologischen Studie von Barrington Moore (engl. 1966, dt. 1969).

[3] Schmoller, Gustav, Die Demokratie auf der Anklagebank, in: Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich 37 (1913), Heft 4, S. 421–450, Rezension zu: Hasbach, Wilhelm, Die Moderne Demokratie. Eine politische Beschreibung, Jena 1912.

[4] Hasbach, Wilhelm, Die parlamentarische Kabinettsregierung. Eine politische Beschreibung, Stuttgart 1919, S. XII.

[5] Wenn der (1921 ein historisch weit ausholendes Buch über „Die Diktatur“ publizierende) Schmitt, Carl, Diktatur und Belagerungszustand, in: Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft 38 (1917), Heft 1, S. 138–161, hier S. 138 eingangs die „als Belagerungszustand, Kriegszustand oder Diktatur bezeichneten Ausnahmezustände“ erwähnte, war das noch eine frühere Terminologie.

[6] Hagenlücke, Heinz, Deutsche Vaterlandspartei. Die nationale Rechte am Ende des Kaiserreiches, Düsseldorf 1997, bes. S. 180ff.

[7] In dem knapp auch Kautskys Debattenbeiträge erwähnenden, politiktheoretisch orientierten Standardwerk von Llanque, Marcus, Demokratisches Denken im Krieg. Die deutsche Debatte im Ersten Weltkrieg, Berlin 2000, ist fehlerhaft von einer „gewaltsamen Auflösung der russischen Nationalversammlung im November 1917 durch die Bolschewisten“ (S. 297) die Rede. Tatsächlich konnte die Konstituante am 25. November (unserer Zeitrechnung) noch gewählt werden, brachte den nach der (am 7. November vollzogenen) „Oktoberrevolution“ regierenden Bolschewiki aber nur 9,8 vom 41,7 Mio. Stimmen bzw. 168 der 703 Mandate – und auch mit den Bündnispartnern der linken Sozialrevolutionäre bei weitem keine Mehrheit; deswegen erfolgte dann sozusagen über Nacht des Zusammentritts bereits die Auflösung (18./19. Januar 1918). Das Auflösungsdekret mit Vorgeschichte: URL: (9.10.2017).

[8] Als Überblick (auch zur Literatur) Schmeitzner, Mike, Lenin und die Diktatur des Proletariats. Begriff, Konzeption, Ermöglichung, in: Totalitarismus und Demokratie. Zeitschrift für Internationale Diktatur- und Freiheitsforschung 14 (2017), Heft 1, S. 17–69, bes. S. 46ff. (in jenem Heft auch u. a. Siegfried Heimann S. 91–103 zum Einfluss der in Georgien von Mitte 1918 bis Anfang 1921 regierenden Menschewiki auf Kautskys Russlandbild).

[9] Auf das erweiterte Verständnis einer zugleich sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Demokratisierung kann aus Umfangsgründen hier nicht eingegangen werden.

[10] Stein, Alexander, Demokratie oder Diktatur?, in: Leipziger Volkszeitung, Nr. 293, 17.12.1917.

[11] Lehnert, Detlef, Sozialdemokratie und Novemberrevolution. Die Neuordnungsdebatte 1918/19 in der politischen Publizistik von SPD und USPD, Frankfurt am Main 1983.

[12] Wheeler, Robert F., USPD und Internationale. Sozialistischer Internationalismus in der Zeit der Revolution, Frankfurt am Main 1975, S. 59f. u. 65–67.

[13] Seitenzahlen in Klammern dieses und der nächsten beiden Absätze aus jener Schrift (Wien 1918).

[14] Nach einem Zeitzeugenbericht von Hugo Eberlein, in: Weber, Hermann u. a. (Hgg.), Deutschland, Russland, Komintern II: Dokumente (1918–1943), Teilbd. 1, Berlin 2015, S. 84–87, hier S. 84f.

[15] In: Luxemburg, Rosa, Gesammelte Werke, Bd. 4, 6. Aufl. Berlin 2000, S. 332–362.

[16] Lehnert, Detlef, Die Oktoberrevolution in der Wahrnehmung der deutschen Sozialdemokratie, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2017, Berlin 2017, S. 117–130.

[17] Lösche, Peter, Der Bolschewismus im Urteil der deutschen Sozialdemokratie 1903–1920, Berlin 1967; Zarusky, Jürgen, Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische Auseinandersetzung und außenpolitische Konzeption 1917–1933, München 1992; Schöler, Uli, „Despotischer Sozialismus“ oder „Staatssklaverei“. Die theoretische Verarbeitung der sowjetrussischen Entwicklung in der Sozialdemokratie Deutschlands und Österreichs (1917–1929), Bd. 1, Münster 1991.

[18] Miller, Susanne, Burgfrieden und Klassenkampf. Die deutsche Sozialdemokratie im Ersten Weltkrieg, Düsseldorf 1974, S. 352ff.

[19] Vorwärts, Nr. 290, 21.10.1918.

[20] Belege dazu: Lehnert, Detlef (Hg.), Sozialdemokratie und Parlamentarismus, Köln 2016, S. 9–12.

[21] Eduard Bernstein für Einigkeit, in: Vorwärts, Nr. 352, 23.12.1918.

[22] Bauer, Otto, Die österreichische Revolution, Wien 1923, ging in seinem Phasenmodell von einer „Vorherrschaft der Arbeiterklasse“ (S. 116ff.) in den Revolutionsmonaten aus, dann folgend eine „Zeit des Gleichgewichts der Klassenkräfte“ (S. 196ff.), zunächst auch noch im „Kampf um die Institutionen der Republik“ (S. 213ff.), und schließlich die „Restauration der Bourgeoisie“ beginnend mit der „Währungskatastrophe“ (S. 249ff.).

[23] Lenin, W. I., Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky (1918), in: Ders., Werke, Bd. 28, S. 225–327.

[24] Lenin, Wladimir, Die Proletarier-Revolution und der Renegat Kautsky, in: Vorwärts, Nr. 294, 2. Beilage, 25.10.1918, – „Staat und Revolution“ (2. Aufl.) findet sich in Lenin, Werke, Bd. 25, S. 393–507.

[25] Drei Demonstrationen für die Sozialdemokratie, in: Vorwärts, Nr. 345, 16.12.1918.

[26] Preuß, Hugo, Volksstaat oder verkehrter Obrigkeitsstaat?, in: Berliner Tageblatt, Nr. 583, 14.11.1918.

[27] Lehnert, Detlef, Ein „obskurer“ Weimarer Verfassungsvater? Oder wie Hugo Preuß seinen Auftrag bekam und ihn nutzte, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen 43 (2012), Heft 4, S. 901–914.

[28] Dazu mit jeweils kritischen Akzenten Tooze, Adam, Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931, München 2015, S. 153–157 (Wilson) und S. 159ff. (Brest–Litowsk).

[29] Boebel, Chaja; Wentzel, Lothar (Hgg.), Streiken gegen den Krieg. Die Bedeutung der Massenstreiks in der Metallindustrie vom Januar 1918, Hamburg 2008; Koller, Christian, Streikkultur. Performanzen und Diskurse des Arbeitskampfes im schweizerisch-österreichischen Vergleich (1860–1950), Wien 2009, S. 289–315.

[30] Demokratie oder Diktatur?, in: Neues Wiener Tagblatt, Nr. 313, 16.11.1918.

[31] Bei den letzten Nationalratswahlen am 9.11.1930 in der Weltwirtschaftskrise erhielt die SDAP immer noch überaus stabile 41,1 Prozent gegenüber völlig marginalen 0,6 Prozent der KPÖ und auch nicht viel bedeutenderen 3,0 Prozent der NSDAP, während die Reichstagswahl kurz zuvor am 14.9.1930 eine stark geschwächte SPD mit 24,5 Prozent gegenüber 13,1 Prozent der KPD und gar 18,3 Prozent der NSDAP gezeigt hatte. Der seit 1924 wieder in Wien lebende Kautsky hat diesen Unterschied zwischen jedenfalls in dieser Stadt noch stabiler Demokratie und Diktaturneigungen anderswo (nicht allein im Mussolini-Italien) zu schätzen gewusst.

[32] Niess, Wolfgang, Die Revolution von 1918/19. Der wahre Beginn unserer Demokratie, München 2017; zur Sichtung der Historiographie auch ders., Die Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung. Deutungen von der Weimarer Republik bis ins 21. Jahrhundert, Berlin 2013.

[33] Jones, Mark, Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik, Berlin 2017 (engl. 2016 in anderer Textfassung).

[34] Ebd., S. 171 (die Angabe S. 172 im Personenregister S. 431 ist falsch).

[35] Niess, Revolution, 2017 (wie Fn. 32), S. 183, 290, 310, 386f. (gemäß Personenregister S. 461).

[36] Schöler, Uli; Scholle, Thilo (Hgg.), Weltkrieg – Spaltung – Revolution. Sozialdemokratie 1916–1922, Bonn 2018.

[37] Koth, Harald, „Meine Zeit wird wieder kommen ...“ Das Leben des Karl Kautsky, Berlin 1993, bes. S. 82. Zum Theoretiker/Programmatiker im Überblick Gilcher-Holtey, Ingrid, Das Mandat des Intellektuellen. Karl Kautsky und die Sozialdemokratie, Berlin 1986.

[38] Hobsbawm, Eric J., Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, München 122014, S. 93.

[39] Zimmermann, Adrian, Die Niederlande und die Schweiz im November 1918, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 63 (2013), S. 453–478, Zitate S. 459f. u. 467; Rossfeld, Roman, Streik! Wege und Desiderate der Forschung zur Geschichte des schweizerischen Landesstreiks vom November 1918, in: Archiv für Sozialgeschichte 57 (2017), S. 413–437.

[40] Degen, Bernard; Richers, Julia (Hgg.), Zimmerwald und Kiental. Weltgeschichte auf dem Dorfe, Zürich 2015.

[41] Brandt, Peter, Vom endgültigen Durchbruch der parlamentarischen Demokratie bis zu den Anfängen des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates. Nordeuropa in der Zwischenkriegszeit, in: Gusy, Christoph (Hg.), Demokratie in der Krise. Europa in der Zwischenkriegszeit, Baden-Baden 2008, S. 155–228, bes. S. 185f. u. 194f. (Zitat S. 194).

[42] Untertitel des Sammelbandes und Titel der Einleitung von Müller, Tim B.; Tooze, Adam (Hgg.), Normalität und Fragilität, Hamburg 2015, hier S. 9.

[43] Winkler, Heinrich August, Geschichte des Westens. Die Zeit der Weltkriege 1914–1945, München 2011, S. 261.

[44] Wie Fn. 22.


Literaturhinweise

  • Gilcher-Holtey, Ingrid, Das Mandat des Intellektuellen. Karl Kautsky und die Sozialdemokratie, Berlin 1986.
  • Lehnert, Detlef, Sozialdemokratie und Novemberrevolution. Die Neuordnungsdebatte 1918/19 in der politischen Publizistik von SPD und USPD, Frankfurt am Main 1983.
  • Schöler, Uli, „Despotischer Sozialismus“ oder „Staatssklaverei“. Die theoretische Verarbeitung der sowjetrussischen Entwicklung in der Sozialdemokratie Deutschlands und Österreichs (1917–1929), Bd. 1, Münster 1991.
  • Schöler, Uli; Scholle, Thilo (Hgg.), Weltkrieg – Spaltung – Revolution. Sozialdemokratie 1916–1922, Bonn 2018.
  • Zarusky, Jürgen, Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische Auseinandersetzung und außenpolitische Konzeption 1917–1933, München 1992.

Karl Kautsky, Demokratie oder Diktatur, 2. Aufl. Berlin 1918, in: Themenportal Europäische Geschichte, 28.06.2018, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-4526>.
Quelle zum Essay
Demokratie und Diktatur. 100 Jahre nach der Epochenzäsur von 1918
( 2018 )
Zitation
Karl Kautsky, Demokratie oder Diktatur, 2. Aufl. Berlin 1918, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2018, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-4526>.
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