Interview mit Eva G. Reichmann (1981)

H. L.: Wenn man Sie 1930 gefragt hätte, was Sie sind, dann hätten Sie gesagt, eine deutsche Jüdin oder eine jüdische Deutsche, wie es Ihnen gerade eingefallen wäre. Heute 1981 in London, was würden Sie auf die Frage heute antworten, wenn ich Sie fragen würde: Was sind Sie denn? Und ich meine nicht Ihren Beruf, sondern Ihr Selbstverständnis. Fr. R.: Also, das ist eine sehr komplizierte Sache. Also eine Deutsche bin ich nicht mehr. Eine Engländerin, im wahren Sinne des Wortes, werde ich nie sein. Denn englisch kann man nicht werden. Man kann Amerikaner werden, aber man kann nicht Engländer werden. Sogar die eingesessenen und eingeborenen Juden in England nennen sich Briten und nicht Engländer. Das ist hier üblich. Man ist gewöhnt hier in Stämmen zu rechnen. So ist der jüdische Stamm eben auch ein Stamm unter anderen, wie die Waliser und die Schotten. Also, ich bin eine Deutsche nicht mehr, eine Engländerin werde ich nie sein. [...]

Interview mit Eva G. Reichmann (1981)

Transkript[1]

[Weitere Artikel Version 2012]

H. L.:Wenn man Sie 1930 gefragt hätte, was Sie sind, dann hätten Sie gesagt, eine deutsche Jüdin oder eine jüdische Deutsche, wie es Ihnen gerade eingefallen wäre. Heute 1981 in London, was würden Sie auf die Frage heute antworten, wenn ich Sie fragen würde: Was sind Sie denn? Und ich meine nicht Ihren Beruf, sondern Ihr Selbstverständnis.

Fr. R.: Also, das ist eine sehr komplizierte Sache. Also eine Deutsche bin ich nicht mehr. Eine Engländerin, im wahren Sinne des Wortes, werde ich nie sein. Denn englisch kann man nicht werden. Man kann Amerikaner werden, aber man kann nicht Engländer werden. Sogar die eingesessenen und eingeborenen Juden in England nennen sich Briten und nicht Engländer. Das ist hier üblich. Man ist gewöhnt hier in Stämmen zu rechnen. So ist der jüdische Stamm eben auch ein Stamm unter anderen, wie die Waliser und die Schotten. Also, ich bin eine Deutsche nicht mehr, eine Engländerin werde ich nie sein.

Ich bin eine britische Staatsangehörige jüdischer Tradition, jüdischer Herkunft und bemühe mich, meine nie versagende und nie dahingegangene deutsche Loyalität noch zu bewahren, neben meiner britischen Loyalität, die von meinem ganzen Dank dafür, daß mir England eine Heimat gegeben hat, als Deutschland mir die Heimat zu nehmen begann, ...

H. L.: Was heißt Loyalität, liebe Frau Dr. Reichmann? Sind Sie dem Staat loyal, der Sie ja zur Emigration zwang?

Fr. R.: Ich bin der deutschen Kultur und der deutschen Sprache loyal. Und auch zum Teil meinen deutschen Landsleuten. Nämlich denen, die sich bewährt haben, und es gab eine große Menge von ihnen. Ich fühle mich nicht unter Fremden, wenn ich nach Deutschland komme.

H. L.: Fühlen Sie sich unter Fremden in London?

Fr. R.: Nein. Aber ich mochte doch sagen, daß Englisch, wenn ich es auch in der Zeit meines Hierseins erlernt habe, ist nicht meine Muttersprache.

H. L.: Und Sie schreiben ja auch Englisch.

Fr. R.: Ja. Es ist aber nicht meine Muttersprache geworden. Und eine Muttersprache kann man nur einmal haben. Eine Heimat kann man nur einmal haben. Ich habe geglaubt, ich habe eine Heimat als ich in Deutschland lebte. Es war vielleicht eine Illusion, vielleicht auch keine.

H. L: Die Deutschen haben nach dem Zweiten Weltkrieg die Juden, die emigriert sind oder die politischen Auswanderer, nicht aufgefordert zurückzukehren. Vielleicht hatten sie andere Sorgen, vielleicht waren sie froh, daß sie sie draußen hatten. Der Ruf kam ganz spät erst im Zusammenhang der Wiedergutmachung und so weiter. Wenn aber, vielleicht darf ich diese hypothetische Frage stellen, ein deutscher Staatsmann, ein deutscher Publizist oder eine deutsche Öffentlichkeit im Jahr 46 an die Emigranten, die politischen, die rassischen und die religiösen, unter ihnen die Juden, den Ruf hätten ergehen lassen: Kommt zurück. Es war ein Unrecht, euch zur Auswanderung zu zwingen. Wir haben zwar nichts zu bieten an materiellen Gütern. Wir sind arm und ausgebombt. Wir hungern, aber wir wollen, daß ihr zurückkehrt. – Wie hätten Sie reagiert?

Fr. R.: Ein solcher Ruf hätte uns nachdenklich gemacht. Denn während des Krieges haben wir oft, mein Mann und ich, davon gesprochen, daß wir wohl nach dem Kriege zurückkehren würden. Wir haben oft daran gedacht und erst als das große Grauen in seiner Furchtbarkeit, in seiner unglaublichen Furchtbarkeit auf uns herniederkam, da haben wir uns klargemacht, daß wir in dieses Land nicht mehr zurückgehen könnten.

H. L.: Nicht mehr zurücksiedeln würden?

Fr. R.: Nicht mehr zurückgehen können aus innerem Widerstand.

H. L.: Sie halten [sic!] auch den Ruf, nicht zu reagieren. Denn der Ruf erging nicht.

Fr. R.: Der Ruf erging nicht. Und das war mit einer der Gründe, die uns dazu bestimmten, auf jeden Fall hier zu bleiben.

[…]

H. L.: Darf Ich vielleicht Ihre eigene Haltung charakterisieren als eine große Liebe zum Geburtsland Deutschland, ein vielleicht unerwiderte oder eine partiell erwiderte, aber eine respektvolle Dankbarkeit für das, was Sie England nennen.

Fr. R.: Das ist wunderschön gesagt. Ich, danke Ihnen. [S. 29-33, Film 43.47-46.30 min.]

H. L.: Nun, steigen wir mal […] in den Inhalt Ihres Buches ein. „Flucht in den Haß“ stellt verschiedene Thesen auf und ganz am Anfang sprechen Sie, die Sie ja von Hause aus Soziologin waren und es auch heute noch sind, Sie sprechen davon, daß Sie sich bemühen, das Phänomen des Anti-Semitismus der Vor-Hitler-Zeit und der Hitler-Zeit zu verstehen. Wobei Sie gleich in Abwandlung eines Wortes der Madame [de Staël, K.H.] sagen, daß Verstehen nicht Vergebung heißt. Sie schrieben das Buch während die Greuel […] gegen die Juden tobten ...

Fr. R.:... aber noch nicht bekannt waren.

H. L.:...die Greuel gegen die Juden vollzogen wurden, aber noch nicht voll bekannt waren und als das Buch zum Druck ging, da ahnten oder wußten Sie schon den vollen Schrecken. Was sind denn die Hauptthesen des Buches, von dem einmal Professor Krausnick, der damals Leiter des Instituts für Zeitgeschichte in München gewesen war, zu Ihrem Mann gesagt hat: „Ich staune darüber, daß ein Opfer dieses Vorurteils oder mehr als Vorurteils mit jener Objektivität über das Phänomen schreiben konnte.“

Fr. R.: Ja. Ja ich darf gestehen, daß das nicht leicht war. Aber ich hatte mir vorgenommen, mir über das Geschehen, das ja bis dahin nur in unserer Austreibung und dem grenzenlosen Anti-Semitismus in Deutsch­land vor allen Dingen ja auch in jenem November-Pogrom, in dem Anzünden der Synagogen und so weiter, bestand. Ich wollte mir Rechenschaft darüber ablegen, wie das in dem Lande, das ich als meine Heimat gekannt und geliebt hatte, und geschätzt und verehrt hatte, wie das in meinem Lande zustande kommen konnte. Darüber wollte ich mir Rechenschaft ablegen und daraus ist das Buch entstanden, und so mußte ich also vollkommen objektiv zu sein versuchen und ich glaube, das ist mir gelungen.

H. L.: Sie sprechen von der deutschen Judenfrage. Würden Sie uns klar machen, worin sich die deutsche Judenfrage wesensmäßig von der Judenfrage in anderen Ländern, in Rußland, in Polen, in Frankreich, in England, den Vereinigten Staaten unterschieden hat, und wie Sie die Judenfrage - ich erinnere mich, Sie sprechen von einer objektiven und subjektiven Judenfrage -, wie Sie die Ent­wicklung und die Eigenart der Judenfrage in Deutschland gesehen haben?

Fr. R.: Tatsächlich besteht eine Judenfrage, wo immer Juden leben. Aber sie sieht in jeder Gemeinschaft anders aus. Sie sah selbstverständlich in Osteuropa, wo es jüdische Massensiedlungen gab, mit fremdem Recht, mit fremder Sprache, mit fremder Tracht sozusagen, sah sie vollkommen anders aus als in Deutschland und in Deutschland wiederum anders als etwa in Italien, wo es nur eine winzig kleine Minderheit gab. Sie sah überall anders aus. Man hat sogar manchmal eingewandt und sogar der Kreis, dem ich angehöre, nach dem Sie vielleicht noch fragen werden, nach dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sich um volle Gleichberechtigung bemühte, hat manchmal davon gesprochen, in Wirklichkeit gibt es in Deutschland gar keine Judenfrage mehr. Es ist eine Antisemiten-Frage. Ich bin dieser Auffassung entgegen getreten. Nicht in voller Wucht, denn ich glaubte nicht, daß die eigentliche Judenfrage in Deutschland noch irgendein Ärgernis oder Zerwürfnis bot, an dem sich furchtbare Haßgefühle und Verfolgungsabsichten hätten entzünden können, aber ich glaubte, daß Reste eines dessen, was ich objektive Judenfrage nannte, noch bestanden. Die deutschen Juden waren eine deutlich sichtbare Minderheitengruppe innerhalb der Mehrheit des deutschen Volkes. Sie gehörten bedingungslos ihrem Bewußtsein nach zu Deutschland. Sie empfanden sich als Deutsche, bis auf eine ganz geringe zionistische Minderheit, die aber vor dem Krieg überhaupt keine Rolle spielte. Und sie waren trotzdem noch als eine Minderheitengruppe sichtbar. Das lag an der Kürze der Zeit, die sie seit ihrer vollen Emanzipation zurückgelegt hatten. Das Ganze der Emanzipation ist ja nicht eine Tatsache, sondern ein Prozess. Sie waren eigentlich erst im Jahr 1918 zu voller Emanzipation gekommen. Bis dahin gab es immer noch gewisse Beschränkungen trotz legaler Gleichberechtigung. Es gab gewisse Beschränkungen, die sie von soundsovielen Berufen zurückhielten. Es gab wenige Juden in der Schwerindustrie, zum Beispiel, und die sich in anderen Berufsgruppen zusammendrängten, in einer ganz natürlichen Entwicklung der Situation, in der sie diesen Emanzipationsprozess begonnen hatten.

H. L.: Können wir, wenn ich Sie unterbrechen darf, versuchen, diese objektive Judenfrage zu illustrieren am Erlebnis Ihrer eigenen Jugend? Sie sind aufgewachsen in einem kleinen Städtchen im damaligen Oberschlesien, in Oppeln. Und ich glaube zu wissen, daß unter den Rechtsanwälten dieser Stadt nach dem Ersten Weltkrieg etwa ein Drittel Juden waren, obwohl die jüdische Bevölkerung einen wesentlich geringeren Prozentsatz der Gesamtbevölkerung darstellte. Würden Sie das als ein Symptom dessen, was Sie objektive Judenfrage nennen, bezeichnen?

Fr. R.: Ja. Das würde ich. Und zwar, weil ja diese Schichtung typisch für die allgemeine Berufssituation der Juden in ganz Deutschland [war, K.H.]. Ich kann von unserem kleinen Städtchen ausgehen, aber es war überall mindestens so, wenn nicht noch deutlicher sichtbar. Der Drang der Juden in die akademischen Berufe konnte sie noch nicht in die Beamtenlaufbahn führen, konnte sie noch kaum an die Hochschulen führen, wo ihnen die ordentliche Professuren noch verschlossen blieben. Deswegen wurden sie zusammengedrängt unter den freien Berufen innerhalb der akademischen Berufe, zum Beispiel dem Anwaltsberuf und dem Ärzteberuf. Das war eines der Zeichen der Anomalie unserer jüdischen Gruppe innerhalb der gesamtdeutschen Mehrheit.

H. L.: Sie würden also, wenn ich Sie recht verstehe, diese objektive Judenfrage als ein soziologisches Faktum wertfrei hinstellen?

Fr. R.: Ganz richtig.

H. L.: Nicht gut, nicht schlecht, aber so war es. Ihr Vater, glaube ich, war selbst ein führender Jurist in Oppeln und wenn ich, was ich später eigentlich erst vorhabe, in Ihr persönliches Leben hineinleuchten darf, würde Ihr Vater diese Diskrepanz empfunden haben, daß unter den Juden oder unter den Anwälten mehr Juden waren als unter anderen Berufen, oder würde er das mit der Nonchalance des Natürlichen akzeptiert haben?

Fr. R.: Er hat das natürlich festgestellt. Vor allen Dingen, weil in dieser Beziehung eine große Veränderung mit dem Ersten Weltkrieg eintrat. Vor dem Ersten Welt­krieg gab es relativ wenig jüdische An­wälte. Nach dem Ersten Weltkrieg strömten eine viel größere Anzahl ein und er würde das festgestellt haben ohne auch nur den geringsten Argwohn zu haben, daß sich daraus mal eine Gefahr für die Juden entwickeln würde.

H. L.: Also, in dieser objektiven Judenfrage sah er keinen Zündstoff?

Fr. R.: Nein.

H. L.: Gut. Wollen mir mal versuchen zu illustrieren, was Sie subjektive Judenfrage nennen. Ich erinnere mich, zum Beispiel, daß, ich glaube, im Jahr der Nürnberger Gesetze 1935, Julius Streicher eine Sondernummer seiner berüchtigten Zeitschrift „Der Stürmer“ herausgebracht hat, eine Ritualmord-Nummer. Nun, Sie und ich wissen, daß es Ritualmorde nie gab. Würden Sie jenen krankhaften Haß, der sich im Mittelalter und dann in unserem Jahrhundert wieder mit solchen Falschbeschuldigungen verknüpft hat, würden Sie das als Ausgeburt der subjektiven Judenfrage bezeichnen?

Fr. R.: Ja. Allerdings haben Sie nun einen ganz besonders prominenten Vertreter dieser sogenannten subjektiven Judenfrage gewählt. Ich habe sie ja mehr auf die Volksmenge angewandt, in der an sich von der Sonderstellung der jüdischen Gruppe, von der also noch eine Art von Problematik ausging, die ist ja kaum empfunden worden, die wurde erst ...

H. L.: ...Verzeihung, von wem nicht empfunden? Von den Juden oder den Nichtjuden?

Fr. R.: …von den Nichtjuden kaum empfunden worden. Sie wurden erst zu einer psychologischen, massenpsychologischen Macht, als sie unter den Geißelhieben der nationalsozialistischen Propanganda den Menschen ins Bewußtsein, und zwar in ein falsches Bewußtsein umgefälscht worden war. Man führte damals nun einfach alles, was schlecht war im Lande, worunter die Menschen litten – Arbeitslosigkeit, Inflation und so weiter, politische Verbrechen – das wurde alles den Juden in die Schuhe geschoben, und das ist es, was mit der ursprünglichen, relativ schwachen Gruppenspannung, die ich aber der Wahrhaftigkeit wegen nicht vernachlässigen wollte, was mit der im Grunde genommen gar nicht mehr zusammenhing, sondern was nur noch künstlich in sie hineingelenkt wurde. [S. 40-46, 2.54-13.01 min.]

[1] Transkript Interview mit Eva G. Reichmann, 4.-6.2.1981, ZDF-Archiv Nr. 0012521501, Produktions-Nr. 6351/0827, S. 29-33 und S.40-46. Teilweise gesendet als: „Zeugen des Jahrhunderts. Eva G. Reichmann im Gespräch mit Hans Lamm“ 8.2.1982. Die Interviewpassagen, die nicht gesendet wurden, sind kursiv formatiert. Stellen, die offensichtlich im Transkript falsch wiedergegeben waren, wurden korrigiert.

[2] „Zeugen des Jahrhunderts. Eva G. Reichmann im Gespräch mit Hans Lamm“, ZDF, 8.2.1982, hier Minute Teil 1 43.47-46.30, Teil 2 2.54-13.01. Die Veröffentlichung dieser Filmausschnitte erfolgt mit Unterstützung und freundlicher Genehmigung des ZDF. © 2004 ZDF, URL:  <http://www.zdf.de>.


„Also, ich bin eine Deutsche nicht mehr, eine Engländerin werde ich nie sein.“ Erfahrungen und Deutungen einer emigrierten Wissenschaftlerin[1]

Von Kirsten Heinsohn

[Frühere Version des Artikels: 2009]

Als die Soziologin Eva Reichmann 1981 gefragt wurde, wie sie denn ihr Selbstverständnis beschreiben würde, sagte sie als erstes: „das ist eine sehr komplizierte Sache.“ Und in der Tat war es für sie, als liberale Jüdin, die 1939 aus Deutschland vertrieben worden war, außerordentlich schwierig, sich eindeutig zu einem Land zu bekennen, geschweige denn sich mit ihm zu identifizieren. Die Gewalterfahrung der Juden in Europa zwischen 1933 und 1945 fügten – auch im Fall von Eva Reichmann – den persönlichen Biografien der Überlebenden eine schwere Hypothek hinzu.[2]Die Einführung ungleicher Bürgerrechte im Zuge der sogenannten Nürnberger Gesetze 1935 sowie die Aberkennung der Staatsangehörigkeit insgesamt waren Schritte in einem umfassenden Entrechtungsprozess. Aus der Rückschau ist deutlich erkennbar, dass diese sukzessive Entrechtung eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Ermordung gewesen ist. Aus der Perspektive von Verfolgten des NS-Regimes haben gleiche Bürgerrechte sowie jene Rechte, die die eigene Staatsangehörigkeit betreffen und die vom Staat prinzipiell geschützt werden, daher eine zentrale Bedeutung. Diese staatsbürgerliche Grundausstattung haben viele Jüdinnen und Juden im Exil erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegeswiedererhalten, so auch Eva Reichmann, die 1945 britische Staatsangehörige wurde. Als Jüdin hätte sie nach der Verabschiedung des Rückkehrgesetzes 1950 auch die israelische Staatsbürgerschaft beanspruchen können, wählte diese aber nicht. Stattdessen blieb sie in London, wo im Juni 1981 auch das Interview stattfand, aus dem hier einige Auszüge vorgestellt werden.[3]

An zwei Tagen befragte Hans Lamm die 84-jährige Eva Gabriele Reichmann (1897–1998). Geboren als Eva Jungmann in Oppeln (Schlesien) hatte sie nach ihrer Promotion im Fach Nationalökonomie ab 1924 beim Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) in Berlin als kulturpolitische Referentin gearbeitet und sich dort, zusammen mit ihremMann Hans Reichmann, unter anderem der Abwehrarbeit gegen den Antisemitismus gewidmet. 1938/39 musste das Ehepaar Deutschland verlassen; Hans Reichmann war nach dem Novemberpogrom in Sachsenhausen inhaftiert worden, seine Freilassung war nur unter der Bedingung der sofortigen Ausreise möglich gewesen.[4]Ohne Besitz und Einkommen kam das Ehepaar 1939 in London an. Doch erst Mitte der 1950er-Jahre, nachdem Zahlungen im Rahmen der Wiedergutmachung erfolgt waren, konnten die Reichmanns wieder eine eigene Wohnung einrichten – bis dahin hatten sie nur in möblierten Zimmern gewohnt. Hans Reichmann arbeitete bis zu seinem Tod im Jahr 1964 für jüdische Organisationen, die mit Wiedergutmachungs-aufgaben betraut waren. Eva Reichmann promovierte 1943 bis 1945 an der London School of Economics mit einer Arbeit über die sozialen Ursachen des Antisemitismus, die 1950 unter dem Titel Hostages of Civilisation veröffentlicht wurde. 1956 erschien eine deutsche Übersetzung mit dem Titel Flucht in den Haß. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe.[5]Zwischen 1945 und 1959 war Eva Reichmann dann Forschungsdirektorin in der Wiener Library[6], wo sie eine umfangreiche Sammlung an Zeitzeugenberichten über die Verfolgung der europäischen Juden aufbaute und weiter zu diesen Themen publizierte. Aufmerksam beobachtete sie die politische Entwicklung in Deutschland, wohin sie vor allem nach ihrer Pensionierung oft zu Vorträgen reiste. Eine besondere Resonanz fanden ihre Reden anlässlich der Woche der Brüderlichkeit 1960 sowie auf den Evangelischen Kirchentagen 1961 und 1967.[7]Für ihr Engagement in der politischen Bildung sowie vor allem in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit erhielt Reichmann viele Auszeichnungen. 1969 bekam sie das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 1983 folgte das Große Bundesverdienstkreuz.

Auch der Interviewer Hans Lamm (1913–1985) hatte Deutschland 1938 verlassen müssen, weil er als Jude verfolgt wurde.[8]Lamm, in München geboren und aufgewachsen, musste 1933 sein Studium der Zeitungswissenschaften aufgeben, weil ein Abschluss nach der nationalsozialistischen Gesetzgebung für ihn nicht mehr möglich war. Lamm arbeitete daraufhin in verschiedenen Aufgabenbereichen der Israelitischen Kultusgemeinde in München und im Landesverband Bayern. 1938 wanderte er in die USA aus, wurde 1939 durch die nationalsozialistische Regierung ausgebürgert und nahm 1944 die US-amerikanische Staatsangehörigkeit an. In den USA studierte Lamm Soziologie und Sozialwesen, war nach erfolgreichem Abschluss dann beim American Zionist Emergency Council in New York tätigund wurde schließlich von 1945 bis 1946 Gesandter der American Jewish Conference in Deutschland. Bis 1952 arbeitete er als Gerichtsdolmetscher für die US-amerikanischen Behörden und promovierte parallel an der Universität Erlangen. Aufgrund fehlender Erwerbsmöglichkeiten kehrte Lamm von 1952 bis 1955 in die USA zurück, übernahm dann aber die neu geschaffene Stelle des Kulturdezernenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Er siedelte nun endgültig in die Bundesrepublik Deutschland über. Bis 1960 war Lamm für den Zentralrat tätig, danach, bis 1978, als Abteilungsleiter der Münchner Volkshochschule. Überdies arbeitete er erfolgreich als freier Journalist. 1962 beantragte Lamm die deutsche Staatsbürgerschaft, die US-amerikanische wurde 1963 verlängert. Von 1970 bis kurz vor seinem Tod war Hans Lamm zudem Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sowohl in dieser Funktion als auch als Journalist[9]trat er häufig in der Öffentlichkeit auf: 1977 erhielt er den Bayerischen Verdienstorden, 1981 außerdem das Bundesverdienstkreuz.

In dem Interview von 1981 erzählte Eva Reichmann ausführlich über ihr persönliches Leben und ihre wissenschaftlichen Arbeiten zum deutschen Antisemitismus sowie zur Soziologie und Geschichte der deutschen Juden. Weitere gewichtige Themen waren, neben zahlreichen jüdischen Einrichtungen und Persönlichkeiten, auch der Staat Israel und die jüdische Diaspora. Aus dem umfangreichen Film- und Tonmaterial erstellte das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) eine Ausgabe der bekannten Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“, die am 8. Februar 1982 gesendet wurde. 1979 hatte das ZDF diese Reihe gestartet, bis 1997 wurden rund 250 Zeuginnen und Zeugen von unterschiedlichen Persönlichkeiten befragt.[10]Der zuständige Redakteur beschrieb den besonderen Charakter der Sendereihe als „untypisch für das Medium Fernsehen“: Hier sollten die „Ruhe und Dauer eines Gesprächs zwischen zwei Menschen“ der „Vergeßlichkeit und Flüchtigkeit des Augen­blicks“ entgegengesetzt werden, wobei dann die spätere Sendung die „Quintessenz des Dialogs“ darstellen sollte.[11]

Tatsächlich ist diese Beschreibung für das vorliegende Fernsehinterview in mancher Hinsicht treffend. Man sieht die beiden Gesprächspartner in der Wohnung Eva Reichmanns in London sitzen, etliche Bücher stehen in Regalen und eine Stehlampe beleuchtet nur schwach einen kleinen Tisch mit weiteren Büchern. Die Außenwelt oder gar andere Personen sind unsichtbar. Der Blick der Zuschauenden wird von der Kamera wechselweise auf Hans Lamm oder Eva Reichmann gerichtet, alles andere rückt in den Hintergrund und wird undeutlich. Auf diese Weise entsteht der Eindruck unmittelbarer Teilnahme an einem gerade erst entstehenden Gespräch. Mit der Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“ etablierte das ZDF Ende der 1970er-Jahre erfolgreich ein neues mediales Format in der sich wandelnden Geschichts- undErinnerungskultur der alten Bundesrepublik.[12]Nicht zufällig fiel der Start dieser Reihe mit der „Geburt des Zeitzeugen“[13]zusammen. Prominente Personen der Zeitgeschichte waren schon immer von Historikern oder Journalisten befragt worden; neu war nun, dass auch weniger bekannte Personen meist an persönlichen oder beruflichen Orten interviewt wurden und dass eine interessierte Öffentlichkeit einen Zusammenschnitt der Gespräche sehen konnte. Das Interview mit Eva Reichmann wurde insgesamt an zwei Tagen geführt, die Sendung selbst dauerte nur 52 Minuten. Vieles wurde also nicht gezeigt – die Redaktion hatte aber nicht nur Material weggelassen, sondern auch Passagen neu angeordnet. Damit handelt es sich bei dem gesendeten Interview um eine Quelle mit zwei Ebenen: zum einen werden Erinnerungen einer intellektuellen Jüdin und Wissenschaftlerin präsentiert, zum anderen sehen wir eine Interpretation dieser Aussagen durch die Redaktion des ZDF. Die Regeln des Mediums spielten womöglich in der Bearbeitung des Materials eine wichtige Rolle; diese Überlegungen sind allerdings im Nachhinein nur schwer zu rekonstruieren. Die Besonderheit der vorliegenden Quelle besteht nun darin, dass diese beiden Ebenen sichtbar gemacht werden können, denn es liegt ein Transkript des gesamten Interviews mit handschriftlichen Eintragungen der Redaktion zur Auswahl der Ausschnitte vor und es gibt die Sendung selbst. Auf diese Weise können die Eingriffe bzw. die Bearbeitung der Redaktion thematisiert und auch interpretiert werden. In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Interviews mit prominenten wie unbekannten Personen gesendet worden, ja das Zeit­zeugeninterview hat vor allem durch die Geschichtssendungen des ZDF unter der Regie von Guido Knopp ein ganz besonderes Format erhalten – allerdings eines, in dem der aktuelle Kontext, in dem und aus dem die Personen sprechen, immer stärker negiert wurde.[14]Die Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“ steht am Anfang dieser medialen Nutzung von Zeitzeugen zur Gestaltung eines Narrativs, aber sie gibt den Zeitzeugen noch sehr viel mehr Raum für eigene Interpretationen als es heutige Sendungen tun.

Die von der ZDF-Redaktion hergestellte „Quintessenz des Dialogs“ zwischen Reichmann und Lamm umfasst mehrere Ebenen, die unterschiedlich behandelt werden: Eine, die Frage der nationalen Zugehörigkeit, wird offen in ihrer schwierigen Komplexität angesprochen, eine andere, die „Betroffenheit“ beider Interviewpartner, wird gar nicht thematisiert und eine dritte, die Frage der Remigration, kommt in der gesendeten Version am Schluss nicht mehr vor.

1. Zur Frage der nationalen Zugehörigkeit brachte Reichmann in dem vorliegenden und in einigen anderen Interviews immer wieder zum Ausdruck, dass ihre Vertreibung aus Deutschland zu einer „komplizierten“ Existenz zwischen den verschiedenen nationalenGemeinschaften geführt hatte. So wurde ihr die Zugehörigkeit zu Deutschland von den Nationalsozialisten abgesprochen, was sie persönlich verletzte. Denn Eva Reichmann fühlte sich bedingungslos als Deutsche und verteidigte ihre Zugehörigkeit nachdrücklich. So bezog sie sich auch im Interview 1989 ausdrücklich auf einen ihrer 1934 publizierten Artikel mit dem Titel „Vom Sinn deutsch-jüdischen Seins“, den sie im Übrigen 1974 wieder veröffentlichen ließ.[15]In diesem Beitrag betonte Reichmann die geistige und kulturelle Integration der deutschen Juden nach der Emanzipation und beantwortete auch die Frage, ob es noch eine deutsch-jüdische Zukunft geben könne, mit einem dreifachen Ja. Das jüdische Ja gründe sich auf der Überzeugung, dass die Diaspora Teil jüdischer Geschichte und Existenz sei, das deutsche Ja enthalte das Bekenntnis zur „Deutschheit unseres Wesens“, während das ethische Ja sich auf die jüdische Religion beziehe, die unabhängig von den Ereignissen der Zeit weiterexistiere. Für die Zukunft hoffte sie, „daß eine Zeit kommen wird, in der das [deutsche] Volk selbst wiederum eine andere Regelung unseres Rechtes in Deutschland fordert“. Diese Zeit sei weder „durch die starre Forderung nach Rückkehr früherer Zustände noch durch die deklamatorische Hervorhebung unseres Deutschtums“ zu erreichen.[16]

Im Kontext der 1930er-Jahre argumentierte sie damit sowohl gegen die nationaldeutschen Juden[17], die sich (zunächst) an die gegebenen politischen Verhältnisse anpassen wollten, als auch gegen eine vollständige Assimilation unter Preisgabe des Jüdischen, und schließlich wandte sie sich auch gegen das Primat einer jüdischen Nationalität als Grundlage des Zionismus. Demgegenüber warb sie für eine positive, selbstbewusste Identifikation mit dem liberalen Judentum. Aber auch die deutsche Kultur und ihr Zugehörigkeitsgefühl zu Deutschland wollte sie sich von niemandem nehmen lassen: „[…] das war noch ein ganz starkes Bekenntnis zu dem Deutsch-Jüdischen. Ich konnte mir etwas anderes gar nicht vorstellen. Ich bin auch heute noch keine Engländerin. Ich meine, ich habe immer noch sehr stark meine deutsche Identität behalten“[18], betonte sie ebenfalls 1989. Auch in dem Interview aus dem Jahr 1981 war die Frage nach der Loyalität zentral. Hier bezog sie sich positiv auf die „deutsche Kultur“ und „die deutsche Sprache“, die sie nachhaltig geprägt hatten, verweigerte sich aber zugleich einer offensiv negativen Antwort auf die Frage, ob sie gegenüber dem Staat, der sie vertrieben hatte, noch loyal sei. Eva Reichmann schien sich 1981 nicht mehr als deutsche Staatsangehörige zu sehen, sonst hätte sie darauf hinweisen können, dass es den nationalsozialistischen Verfolgerstaat so nicht mehr gab. Gegenüber der Bundesrepublik hattesie keine Berührungsangst, dorthin war sie oft gereist, dort hatte sie 1969 das Bundesverdienstkreuz angenommen und sogar eine Erlaubnis der englischen Königin erwirkt, diese Auszeichnung in Großbritannien offiziell tragen zu dürfen.[19]

Zugleich hatte ihr das erzwungene Exil aber auch neue Einsichten und Möglichkeiten eröffnet. Beruflich hatte sie sich in London eine neue Existenz aufgebaut, in London eine neue Heimat gefunden und die britische Staatsbürgerschaft erhalten. In der Rückschau gesehen sei die Exilzeit, so Reichmann, vielleicht sogar eine „Kompensation“ gewesen für das Unrecht, das ihrer Familie widerfahren sei: „Zwei Völker von innen heraus“ kennenzulernen, habe ihr die Augen für nationale Pathologien geöffnet.[20]Und auch erst die Exilzeit habe ihr geholfen, die eigene Verstrickung in den deutschen Nationalismus, etwa ihre nationalistische Begeisterung zu Beginn des Ersten Weltkrieges, kritisch zu reflektieren. Zudem hatte sie schon in den 1930er-Jahren den nationalistischen Grundton des Zionismus kritisiert und eine Staatsgründung auf dieser Grundlage als gefährlich angesehen. Für Reichmann trug der „nationale Gedanke […] eine Eigengesetzlichkeit“ in sich, die „aus der Sphäre der Idee sehr zielbewußt in die Sphäre des machtpolitischen Tageskampfes hineintreibt. Man begibt sich nicht ungestraft einer rein gedanklichen Daseinsform zugunsten einer realen – die Wirklichkeit entledigt sich des lautersten Formungswillen und drängt zu einer ihr gemäßeren, macht- und schuldbeladenen Existenz“.[21]Damit wandte sich Reichmann gegen jegliche Verabsolutierung des nationalen Prinzips und dies galt für sie auch im Falle Israels: Zwar fühlte sie sich mit dem neuen Staat solidarisch, doch wandte sie sich gegen die Sicht, jüdisches Leben könne nur in Israel überleben und gedeihen. Nicht zuletzt aufgrund der eigenen Biografie verteidigte Reichmann stattdessen die Diaspora als einen wichtigen und notwendigen Teil des Judentums in der Welt.[22]

Eine weitere Facette der komplizierten Zugehörigkeitsfrage war die Integration als deutsche Exilantin in die britische Gesellschaft, die sich für sie als schwierig erwies, „denn englisch kann man nicht werden“. Englisch hatte sie zwar gut und schnell gelernt, doch fühlte sie sich wie viele Emigranten in der Sprache nicht heimisch. Die deutsche Sprache und Kultur blieben für sie maßgeblich bei der Frage nach der eigenen Zugehörigkeit. Eva Reichmann wählte für sich den Weg, sich der verschiedenen Loyalitäten bewusst zu sein und diese auch zu kommunizieren. Wenn sie immer wieder nach ihrer nationalen Zuordnung gefragt wurde, versuchte sie stets eine umständlich wirkende, ausführliche Beschreibung der einzelnen Komponenten zu geben, mit denen sie ihre hybride Existenz als Exilantin in Worte zu fassen suchte: „Ich bin eine britische Staatsangehörige jüdischer Tradition, jüdischer Herkunft undbemühe mich, meine nie versagende und nie dahingegangene deutsche Loyalität noch zu bewahren“, so lautete ihre Antwort in dem vorgestellten Interview. Diese Antwort formulierte Hans Lamm um, in „eine große Liebe zum Geburtsland“ und eine „respektvolle Dankbarkeit“ für das Exilland, wodurch er Reichmanns Äußerung eine eigene, eindeutigere Lesart hinzufügte, die ihre Aussage aber nur teilweise traf.

Ein anderer Bereich von Zugehörigkeit wurde in dem Interview überhaupt nicht angesprochen: Reichmanns Leben als Frau in männlich geprägten Gesellschaften und Wissenschaften in Deutschland und England. Diese Leerstelle ist allerdings recht typisch für Frauen, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihren Weg in Wissenschaft und Öffentlichkeit suchten.[23]Eine Thematisierung der Geschlechterordnung (in der Wissenschaft) und ihrer Folgen fand erst im Kontext der zweiten Frauenbewegung seit den 1970er-Jahren statt. Wie viele andere ihrer Generation sprach Eva Reichmann von sich aus nicht öffentlich über ihre Erfahrungen als Frau und in allen publizierten Interviews wurde sie auch nicht dazu befragt. Hierhin zeigte sich vermutlich weniger die ohne Zweifel nicht vorhandene Sensibilität der Interviewer, sondern mehr, dass jüdische Wissenschaftler und Wissenschaftler­in­nen in der Öffentlichkeit zuerst (und manchmal ausschließlich) als Juden und Jüdinnen wahrgenommen wurden.

2. Hinsichtlich der Ebene der Betroffenheit war der Dialog zwischen Reichmann und Lamm besonders: In dieser Sendung unterhielten sich zwei Zeitzeugen, die zwar ähnliche Erfahrungen gemacht, aber andere Konsequenzen daraus gezogen hatten. Der amerikanisch-deutsche Remigrant befragte eine im Exil lebende ehemalige Deutsche, die Britin geworden war. Damit repräsentierten die Gesprächspartner idealtypisch zwei unterschiedliche lebensgeschichtliche Entscheidungen von überlebenden Juden. Nicht nur Hans Lamm und Eva Reichmann fragten sich nach 1945, ob man einen erneuten Anfang in Deutschland wagen oder lieber dem Land der Täter endgültig den Rücken kehren sollte. Nur knapp vier Prozent der deutsch-jüdischen Emigranten kamen bis Ende der 1950er-Jahre nach Deutschland zurück.[24]Selbst Lamm war, wie viele andere Vertriebene auch, erst in einem längeren Reflexions- und Erfahrungsprozess zu seiner Entscheidung gelangt. Dieses Abwägen und Abwarten fand ebenso bei denjenigen statt, die sich letztlich gegen die Rückkehr entschieden, also rund 96 Prozent aller jüdischen Emigranten. Eva Reichmann repräsentierte im Fernsehinterview diese große Gruppe, während der Interviewer, obwohl gleichfalls ein „Betroffener“, aufgrund seiner Position im Hintergrund bleiben musste und so auch keine Gelegenheit hatte, seine eigenenlebensgeschichtlichen Entscheidungen erklärend einzubringen. Damit reduzierte die Gesprächsanordnung die vielfältigen Möglichkeiten des Interviews. Tatsächlich fand ein Gespräch über das Für und Wider der Remigration nach Deutschland deshalb hier nicht statt – und das obwohl dies ein zentrales innerjüdisches Thema der Nachkriegsjahrzehnte war.

3. Aber nicht nur die Aufgabenteilung der beiden Gesprächspartner schränkte das Interview inhaltlich ein, hinzu kam auch die redaktionelle Entscheidung über den Schnitt der Sendung, die maßgeblich die dritte Ebene des Interviews, die Frage der Remigration, beeinflusste. Auf Lamms Frage, ob sie und ihr Mann einmal erwogen hätten, nach Deutschland zurückzukehren, antwortete sie dezidiert, dass das Wissen um die Ermordung der europäischen Juden und der nicht erfolgte Rückkehrruf der Deutschen sie letztlich daran gehindert hätten. Dieser Passus enthielt eine deutliche Kritik am Verhalten der Deutschen – und wurde nicht gesendet. Dabei wäre diese Bemerkung wichtig gewesen, um die Frage der Zugehörigkeit weiter aufzufächern und zu klären. Reichmann betonte stets, dass sie nicht alle Deutschen verurteilen wollte, dann aber doch feststellen musste, dass es keine kollektive Auseinandersetzung mit der Geschichte und dementsprechend auch kein deutliches Signal an die jüdischen Emigranten zu deren Rückkehr gegeben habe. Auch an diesem Punkt hätte Lamm – im Sinne eines echten Gespräches – erläutern können, warum er für sich zu einer anderen Entscheidung gekommen war; stattdessen fragte er nach der Dankbarkeit der emigrierten Juden gegenüber Großbritannien. Damit umging er die brisante Frage nach der „zweiten Schuld“ der Deutschen nach 1945. In der Sendefassung des Interviews tauchten beide Themen überhaupt nicht mehr auf. Eva Reichmanns Verbleib in London erschien so als natürliche Folge ihrer Auswanderung.

Reichmann wurde in der Sendung Zeugen des Jahrhunderts als Jüdin im Exil befragt, die nach 1945 die Auseinandersetzung mit der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft suchte, indem sie diese über die Geschichte der vertriebenen Juden und über die Geschichte des Antisemitismus aufklären wollte.[25]Eine Vielzahl von Berichten über ihre Vorträge in Deutschland sowie eine große Anzahl von Rezensionen ihres Buches „Flucht in den Hass“ zeugen davon, dass sie in den 1950er- und 1960er-Jahren in den wissenschaftlichen und bildungspolitischen Zusammenhängen der Bundesrepublik und Westeuropas eine bekannte Figur war.[26]Ihr Buch wurde in Westeuropa, Israel und den USA gelesen und galt lange als Standardwerk zur Geschichte des deutschen Antisemitismus.[27]Aber schon seit Ende der 1960er-Jahre nahm ihre Prominenz ab, Anfang der 1980er-Jahre war Eva Reichmann nur nochWenigen ein Begriff. Die Sendung bot ihr noch einmal Gelegenheit, ihre Theorien über den Antisemitismus in Deutschland vor 1933 einem breiteren Publikum vorzustellen. Der Zuschnitt des Interviews für die Sendung unter­stützte dieses Anliegen, denn ihr Buch wurde gleich am Anfang der Sendung präsentiert, während die komplizierte Frage der nationalen Zugehörigkeit zusammengeschnitten erst im letzten Interviewteil aufkam.

In den fast ungekürzt gesendeten Passagen zu ihrem Buch erläuterte Reichmann ihre These, dass es eine „objektive“ und eine „subjektive Judenfrage“ in den europäischen Ländern gegeben habe. Unter einer „objektiven Frage“ verstand sie eine „echte Frage“, d.h. Probleme, die sich aus real vorhandenen Unterschieden zwischen sozialen Gruppen ergäben, z.B. aufgrund von unterschiedlichen Berufsstrukturen. Der Gegensatz dazu sei eine „unechte“, eben „subjektive“ Frage, weil in dieser individuelle „Unlustgefühle“ zum Ausdruck gebracht würden. In einigen Ländern habe die „objektive Frage“ seit dem 19. Jahrhundert keinen Anlass mehr für gesellschaftliche Auseinandersetzungen gegeben – so unter anderem in Deutschland oder Großbritannien –, in anderen hingegen schon, etwa in Polen oder Russland. Für Deutschland insbesondere sei nur die „subjektive Judenfrage“ ausschlaggebend für den Aufstieg des Nationalsozialismus gewesen. Mit dieser Unterscheidung meinte Eva Reichmann als Soziologin und als Zeitzeugin aus eigener Erfahrung erklären zu können, warum der Antisemitismus trotz erheblicher Emanzipations- und Assimilationsfortschritte der deutschen Juden dennoch virulent geblieben war. Gerade als Jüdin war es ihr wichtig, das Vorhandensein einer „objektiven Judenfrage“ nicht zu negieren. Im Interview wird dieser Kontext durch den Hinweis auf die sogenannte Anomalie in der Berufsstruktur der deutschen Juden erläutert.

Von zentraler Bedeutung in Reichmanns Analyse ist gleichwohl die „subjektive Judenfrage“ bzw. ihre politische Funktionalisierung. Auf der Suche nach den Ursachen für die starken „Unlustgefühle“ gegen Juden nennt sie neben ökonomischen Gründen, einer zunehmenden Erschütterung religiöser Wertesysteme sowie einem aggressiven Nationalismus (insbesondere in Deutschland) auch die „Schwächung des Gewissens“ als eine kollektive gesellschaftliche Erscheinung in Zeiten der Krise.[28]Der Nationalsozialismus habe erfolgreich die Möglichkeiten der Demokratie für eine antirationale, gefühlsbetonte Politik gegen die Demokratie selbst gewandt. Damit verweist Reichmann auf zwei Verantwortliche für den Aufstieg des Nationalsozialismus: die politischen Führer der NS-Bewegung und die „Massen“, die lieber einer gefühlsorientierten Ideologie glaubten, als sich vernunftgeleitet mit Krisenprozessen auseinanderzusetzen. Eva Reichmann ließ somit eine einseitige These von der Verführung der Massen nicht gelten, sondern betonte gerade die Verantwortlichkeit der Menschen, die zur Masse wurden. Dies war eine Argumentation, die ihr im Nachkriegsdeutschland vermutlich nicht nur Freunde bescherte. Reichmanns Ziel war, einen gesellschaftlichen Prozess des Nachdenkens anzuregen, um aus dieser Reflexion zu einerverantwortlichen Haltung gegenüber der Vergangenheit zu gelangen. Allerdings war sie zunächst enttäuscht über die geringe Resonanz auf den Ruf nach Selbstreflexion der Deutschen nach 1945.[29]Als Wissenschaftlerin hoffte sie gleichwohl auf die moderne Zeitgeschichte, die politisch und moralisch aufklären und so zu der 1945 ausgebliebenen „geistigen Revolution“ der Deutschen beitragen solle.[30]Zugleich war ihr Buch, das sie schon während der Kriegsjahre konzipiert hatte, auch eine Art Rechenschaftsbericht über ihre eigene Erfahrung als Jüdin in Deutschland. Ihre Unterscheidung in „objektive“ und „subjektive Judenfrage“ ermöglichte es ihr persönlich, sich ohne Zorn, aber in Trauer zu erinnern[31]und weiter an „deutscher Kultur“ zu erfreuen. Anders als viele Zionisten, die aus ihren Erfahrungen in Deutschland die Lehre zogen, sich zuerst und vorrangig als Juden im nationalen Sinne zu verstehen, zog es Reichmann vor, „komplizierter“ zu denken und sich einer eindeutigen nationalen Identität zu verweigern. Sie verstand das als Gewinn, nicht als Verlust.

[1] Essay zur Quelle: Interview mit Eva G. Reichmann (1981). URL:www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-4732.

[2] Karady, Victor, Gewalterfahrung und Utopie. Juden in der europäischen Moderne, Frankfurt am Main 1999, S. 174–198.

[3] Transkript Interview mit Eva G. Reichmann, 4.–6.2.1981, ZDF-Archiv Nr. 0012521501, Produktions-Nr. 6351/0827, S. 29–33 und S. 40–46. Teilweise gesendet als: „Zeugen des Jahrhunderts. Eva G. Reichmann im Gespräch mit Hans Lamm“ 8.2.1982. Die Interviewpassagen, die nicht gesendet wurden, sind kursiv formatiert. Stellen, die offensichtlich im Transkript falsch wiedergegeben waren, wurden korrigiert. Im Folgenden stammen alle Quellen-zitate, soweit nicht anders ausgewiesen, aus den hier abgedruckten Quellenausschnitten.

[4] Reichmann, Hans, Deutscher Bürger und verfolgter Jude. Novemberpogrom und KZ Sachsenhausen 1937 bis 1939, bearb. von Michael Wildt, München 1998.

[5] Reichmann, Eva G., Hostages of Civilization. The Social Sources of National-Socialist Anti-Semitism, London 1950, dt: Die Flucht in den Haß. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe, Frankfurt am Main 1956.

[6] Barkow, Ben, Alfred Wiener and the Making of the Holocaust Library, London 1997.

[7] Beide Vorträge sind abgedruckt in Reichmann, Eva G., Größe und Verhängnis deutsch-jüdischer Existenz. Zeugnisse einer tragischen Begegnung, Heidelberg 1974, S. 173–182 und S. 211–224.

[8] Sinn, Andrea, „Und ich lebe wieder an der Isar“. Exil und Rückkehr des Münchner Juden Hans Lamm, München 2008.

[9] Lamm, Hans, Deutsch-Jüdischer Publizist. Ausgewählte Aufsätze 1933–1983 mit ausführ-licher Bibliographie, München 1984.

[10] Zeugen des Jahrhunderts: Literatur. Begleitheft zur Video-Edition, Mainz 1997, S. 5.

[11] Herrmann, Ingo, Vom Gespräch zur Erinnerung, in: ebd., S. 9.

[12] Frei, Norbert, Deutsche Lernprozesse. NS-Vergangenheit und Generationenfolge seit 1945, in: ders., 1945 und Wir. Das Dritte Reich im Bewußtsein der Deutschen, München 2005, S. 23–40.

[13] Sabrow, Martin; Frei, Norbert (Hgg.), Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012.

[14] Keilbach, Judith, Das Gedächtnis der Nation. Eine Online-Plattform, die Fernsehen ist, in: Andresen, Knud, u.a. (Hgg.), Es gilt das gesprochene Wort. Oral History und Zeitgeschichte heute, Göttingen 2015, S. 181–194. Kantsteiner, Wulf, Macht, Authentizität und die Verlockungen der Normalität, in: Sabrow; Frei, Geburt, S. 320–353.

[15] Reichmann, Eva G., „Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck“, in: Funke, Hajo, Die andere Erinnerung. Gespräche mit jüdischen Wissenschaftlern im Exil, Frankfurt am Main 1989, S. 311–335; Reichmann, Eva G., Vom Sinn deutsch-jüdischen Seins, in: C.V.-Zeitung Berlin (31. Mai 1934), wiederabgedruckt in: dies., Größe und Verhängnis deutsch-jüdischer Existenz, Heidelberg 1974, S. 48–62.

[16] Reichmann, Sinn, S. 61.

[17] Hambrock, Matthias, Die Etablierung der Außenseiter. Der Verband nationaldeutscher Juden 1921–1935, Köln 2003.

[18] Reichmann, „Tragt ihn mit Stolz“, S. 320.

[19] Leo Baeck Institute/Jüdisches Museum Berlin (LBI/JM), Eva Reichmann Collection AR 904/MF 915, Box 4: Brief Buckingham Palace an Eva Reichmann, 11.4.1969.

[20] Dieses und die vorangegangenen Zitate: Reichmann, „Tragt ihn mit Stolz“, S. 328.

[21] Reichmann, Sinn, S. 56.

[22] Reichmann, Eva G., Zwei Mittelpunkte. Juden in Israel – Juden in der Diaspora, in: Grohs, Gerhard (Hg.), Kulturelle Identität im Wandel. Beiträge zum Verhältnis von Bildung,Entwicklung und Religion. Dietrich Goldschmidt zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1980, S. 259–267.

[23] Auga, Ulrike, u.a. (Hgg.), Das Geschlecht der Wissenschaften. Zur Geschichte von Akademikerinnen im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am Main u.a. 2008.

[24] Maor, Harry, Über den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Deutschland seit 1945, Phil. Diss. Mainz 1961, S. 31–50, hier S. 32. Von den rund 499.000 deutschen Juden im Jahre 1933 wurden ca. 190.000 ermordet, 280.000 konnten auswandern und nur ein kleiner Teil von ca. 20.000 Menschen überlebte in Deutschland.

[25] Zum Beispiel Reichmann, Eva G., Die Lage der Juden in der Weimarer Republik, in: Die Reichskristallnacht. Der Antisemitismus in der deutschen Geschichte (Schriftenreihe der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.), Bonn 1959, S. 19–31.

[26] LBI/JM, Eva Reichmann Collection AR 904/ MF 915, Box 1, folders 17–23.

[27] Vgl. dazu den Überblick von Nonn, Christoph, Antisemitismus, Darmstadt 2008, S. 25–27, der allerdings die Thesen von Reichmann auf eine sogenannte „Realkonfliktthese“ verkürzt und damit den Gegensatz von „objektiver“ und „subjektiver“ Judenfrage, den Reichmann für zentral hält, nicht mehr erwähnt.

[28] Reichmann, Flucht, S. 94.

[29] Reichmann, Eva, Im Banne von Schuld und Gleichgültigkeit. Vortrag anlässlich der Woche der Brüderlichkeit in Bonn (1960), in: dies., Größe, S. 173–182, hier S. 177.

[30] Reichmann, Eva G., The Study of Contemporary History as a Political and Moral Duty, in: Beloff, Max (Hg.), On the Tracks of Tyranny, London 1960, S. 189–200, deutsche Fassung: Zeitgeschichte als politische und moralische Aufgabe, hg. vom Kuratorium für staatsbürgerliche Bildung, Hamburg 1962. Heinsohn, Kirsten, Welche Aufgabe hat die Zeitgeschichte? Antworten von Eva G. Reichmann und Hans Rothfels, in: Brämer, Andreas et al. (Hgg.), Aus den Quellen. Beiträge zur deutsch-jüdischen Geschichte. Festschrift für Ina Lorenz, Hamburg 2005, S. 378–387.

[31] Transkript Interview, S. 132.



Literaturhinweise

  • Aschheim, Steven E., Beyond the Border. The German-Jewish Legacy Abroad, Princeton 2007.
  • Brenner, Michael (Hg.), Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart. Politik, Kultur, Gesellschaft, München 2012.
  • Heinsohn, Kirsten; Schüler-Springorum, Stefanie (Hgg.), Deutsch-Jüdische Geschichte als Geschlechtergeschichte. Eine Zwischenbilanz, Göttingen 2006.
  • Lustig, Sandra; Leveson, Ian (Hgg.), Turning the Kaleidoscope. Perspectives on European Jewry, New York 2006.
  • Kauders, Anthony, Unmögliche Heimat. Eine deutsch-jüdische Geschichte der Bundesrepublik, München 2007.
  • Von der Lühe, Irmela; Schildt, Axel; Schüler-Springorum, Stefanie (Hgg.), „Auch in Deutschland waren wir nicht wirklich zu Hause“. Jüdische Remigration nach 1945, Göttingen 2008.

Interview mit Eva G. Reichmann (1981), in: Themenportal Europäische Geschichte, 19.03.2019, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-4732>.