Territoires Contestés de Guyane

Quelle:

Territoires Contestés de Guvane

J. Hansen, Territoires Contestés de Guyane, in: Henri A. Coudreau, La France Équinoxiale, Band 3: Atlas, Paris: Challamel Ainé 1888, Planche VIII. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt.

Quelle 2: Emil Göldi, Eine Naturforscherfahrt nach dem Litoral des südlichen Guyana zwischen Oyapock und Amazonenstrom (Oktober bis November 1895), in: Dr. A. Petermanns Mitteilungen aus Justus Perthes' Geographischer Anstalt, S. 59-68.

61: „Unzählige Ausflüge wurden nach und nach unternommen, allmählich immer weiter entfernt liegende Strecken begangen; kein Tag, ja keine Stunde ging unbenutzt vorüber. Das von uns in verhältnismäßig kurzer Zeit zusammengebrachte Material (…) repräsentiert eine tüchtige Leistung. (…) Jedenfalls dürfte dasselbe die erste und zuverlässigste Quelle zur naturwissenschaftlich-historischen Kenntnis dieses Küstenstrichs von Guyana bilden, der thatsächlich früher von keinem nennenswerten, d.h. mit den nötigen wissenschaftlichen Vorkenntnissen ausgerüsteten Reisenden betreten worden ist.“

„(…) Wir reisten keineswegs, um Karten aufzunehmen, haben aber nachgerade genug Gelegenheit gehabt, zu konstatieren, wie mangelhaft, unzureichend und oberflächlich nicht etwa bloß in nebensächlichen Dingen das von uns mitgeführte Kartenmaterial war, welches nun einmal leider immer noch als das beste gilt und von Leuten stammt, die ja nichts andres thaten, was der Mühe wert wäre. Wir sind überhaupt zu der unerschütterlichen Überzeugung gelangt – und dies muß gesagt und festgenagelt werden –, daß, wer diese Küstenregion Guyanas kartographisch bearbeiten wollte, einfach von neuem anfangen müßte und von all dem Bestehenden als zuverlässigen Ausgangspunkt kaum mehr benutzen könnte als etwa die Küstenumrißlinien, wie sie auf der Seekarte von Mouchez gegeben sind. Es wird von uns tief bedauert, daß wir der speziell geographischen Seite bloß eine sekundäre Rolle zuweisen konnten, aber man kann nun einmal nicht alles gleichzeitig betreiben. Sahen wir uns aus Kürze der Zeit auch nicht in der Lage, die bisherigen falschen Karten durch neue, gute zu ersetzen, so dürfte doch auf der anderen Seite der Geographie schon ein Dienst erwiesen werden dadurch, daß wir uns der negativen Beweisführung anheischig machen. Wenn zwei Autoren über Dinge, die mit den Sinnen zu erfassen und mit den Händen zu greifen sind, so diametral verschiedene Ansichten kundgeben, wie sie die unsrigen darstellen gegenüber denen gewisser andrer Reisenden, so muß notwendig einer von beiden mit der Wahrheit auf gespanntem Fuße stehen. Und solcher Situationen gibt es unzählige im vorliegenden Fall. – Doch zu unserer ersten größern Exkursion nach dem Lago Tralhoto zurück!

Am 17. Oktober frühmorgens (…) machte ich mich mit drei Leuten der Expedition, begleitet von unserm Gastwirt Ezequiel und drei Trägern, zum Besuche eines Sees auf, von dem wir in sehr oberflächlicher Weise hatten erzählen hören, und der landeinwärts in der Richtung des Rio Cassiporé liegen sollte.“

63: „Die Sonne begann allmählich ihre volle Glut einzusetzen. Die ebenen Savannen wurden dabei immer länger, und ihre Durchquerung immer unerquicklicher. (…) Ich allein hätte den Weg durch dieselben nicht gefunden, meine einheimischen Begleiter erkannten ihn jedoch mit großer Sicherheit (…) und verloren die Spur jeweils bloß auf Momente, und zwar nie in der offenen Savanne, sondern an feuchten Waldstellen (…)“ „Endlich war das Reiseziel erreicht. Unsre vor Schweiß tropfenden Kleider zu wechseln, uns der Schuhe und Strümpfe zu entledigen, Flinten und Patronen zu ergreifen und uns in die zwei vorhandenen Kähne zu werfen, war das Werk eines kurzen Augenblicks. (…) Die Kahnfahrten am Abend und nächsten Morgen auf jenem auf keiner Karte verzeichneten und vor uns noch von niemand besuchten, der Geographie wirklich unbekannten See gehören zu unseren erhabensten, unverwischlichsten [!] Reiseerinnerungen. Das klare Wasser des vom Abendwind leicht gekräuselten Sees, die grünen Eichhornia-Inselchen, in das Silber seines Spiegels eingestreut, die frischen Canarána-Wiesen gerade uns gegenüber, vorgelagert einem majestätischen Wald riesig hoher und schlanker Miritý-Palmen, auf denen blaue Hyazinth-Aráras jeden Augenblick krächzend einfielen (…) das Durcheinanderschreien einer Menge der verschiedenartigsten Wald- und Wasservögel, abwechselnd mit dem Geheul der Brüllaffen und dem Gegurgel der Krokodile und dem Plätschern des farbenprächtigen Pirarucú, das alles bildete ein geradezu großartiges, einzig, dastehendes Landschaftsbild. Entzückend war die Naivität, die geradezu paradiesische Zutraulichkeit, mit der uns die außerordentlich mannigfaltige Tierwelt entgegentrat: (…), ein Zustand wie auf der Arche Noah, (…) eine Tierbevölkerungs-Dichtigkeit (…), die den Konzentrationsgrad einer wahren Mutterlauge annimmt. Alles verriet den absolut unberührten Urzustand; diese Wälder, diese Tiere hatten offenbar außer uns und (64) der kleinen Familie unsres Piracucú-Fischers noch keinen Menschen gesehen, nie in ihm einen Feind kennengelernt.“ (…) „Der vor uns liegende ‚Lago do Tralhoto‘ war – diese Vermutung stieg in mir sofort auf – überhaupt bloß der Anfang eines ganzen Systems von Süßwasserseen, welches in die auf allen Karten leerstehende Küstenzone zwischen unterm Counaný und unterm Cassiporé eingeschoben zu denken ist (…) und so ist denn die bisher völlig neue Thatsache festgestellt, daß jenes Phänomen der Küstenseen mit Süßwasser, wie es gewiß charakteristisch ist für die südlich gelegene Zone zwischen Counaný und Araguarý, – seine höchste Entwicklung zwischen Amapá und Araguarý erreichend –, sich in gleicher Weise auch noch weiter nach Norden bis zum Cassiporé wiederholt. Der Zusammenhang des ‚Lago Tralhot‘ mit ähnlichen andern Süßwasserseen, größern und kleinern, längs des Küstensaums war übrigens auch sowohl für Jeronymo Tavares wie für José da Luz, den derzeitigen Gouverneur von Counaný, eine unerschütterlich feststehende Annahme. (…) Einen nicht zu unterschätzenden Wink für die Richtigkeit der Annahme ausgedehnter Küsten-Süßwasserseen zwischen Counaný und Cassiporé erblicke ich sodann im Vorkommen des Pirarucú. Derselbe nimmt bekanntlich nicht mit jeder Pfütze vorlieb, er ist dem Brackwasser ebenso abhold, wie er Fluß- und Bachwasser meidet. Er ist ein ziemlich schwieriger Fisch, der an seine Wohnortverhältnisse weitgehende Ansprüche erhebt: er verlangt ruhige, klare, durchaus süße, ausgedehnte Binnenseen, am liebsten vom Urwald beschattet. Der den ‚Lago Tralhoto‘ ausbeutende Fischer Jeronymo Tavares hatte sich nun die sehr vernünftige, weil direkt auf Naturbeobachtung beruhende Frage gestellt: ‚Woher kommen die Piracucús, die ich fange?‘ Er gelangte zu der Ansicht, daß sie durch Verbindungsarme des Sees mit benachbarten andern, weiter nördlich gelegenen Seen einwandern müssen, und machte die Erfahrung, daß zu gewissen Zeiten aus einer bestimmten Richtung, die er mir mit dem Finger wies, stets wieder neuer Nachschub eintreffe für die nicht geringe Zahl der fortwährend von ihm weggefangenen. Gegen diese Schlußfolgerung ist schlechterdings keine Widerrede möglich.

Die neuerlich angelegte Piccade nach dem Cassiporé[1] hinüber ist keineswegs identisch mit den punktierten ‚sentier‘, den H. Coudreau auf seinen Spezialkärtchen Bl. II auf Grund von vagen Informationen aufs Geratewohl hingemalt hat; der Landweg ist zwar früher einmal von einem seiner Landsleute begangen worden, aber längst verloren, eingegangen, und nach unsern an Ort und Stelle eingezogenen Erkundigungen existiert keine Spur mehr, welche an denselben erinnerte. Die neue Piccade verläuft näher der Küste und geht direkt von der Ortschaft Counaný und nicht, wie die alte, oberhalb derselben ab. Bei dieser Gelegenheit sei denn auch noch fernerhin bemerkt, daß der von demselben Autor noch bedeutend weiter gegen das Innere verlegte ‚Lac du Transport‘ ein Phantasie-Gebilde ist, erfunden von einem vor alter Zeit aus Cayenne entsprungenen Sträfling, oder aber es liegt eine durch Generationen hindurch vererbte und arg entstellte, dunkle Erinnerung an die thatsächlich viel weiter der Küste nähergerückten Seen vor, deren ersten Anfang im ‚Lago Tralhoto‘ wir überhaupt zum erstenmal konstatiert und mit eignen Augen gesehen hatten. Dieser Autor kann freilich kaum noch ernstlich in Betracht kommen in kartographischen Details über die in Frage stehende Zone, da in Counaný jedermann aufs Bestimmteste in Abrede stellt, daß er jemals überhaupt nur auf eine halbe Stunde Entfernung außerhalb der Ortschaft sich in der Umgebung umgesehen habe.“

Quellen Territoires Contestés de Guyane, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2020, .

Auf diese Quelle bezieht sich ein einführender und erläuternder Essay von Sebastian Dorsch, Europäisches Begrenzen in den Guyanas: Europas Grenzen – Grenzen des Europäischen?, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2020, .


[1] Ein praktikabler Landweg von Counaný nach dem Cassiporé hinüber ist für die jene Zone Südguyanas bewohnenden Kolonisten – fast ausschließlich Brasilianer (…) Da der Seeweg, welcher allerdings bequemer wäre, sich als unthunlich herausgestellt hat, bleibt bloß der Ausweg eines Straßenbaus durch das Binnenland.


Europäisches Begrenzen in den Guyanas: Europas Grenzen – Grenzen des Europäischen?[1]

Sebastian Dorsch

Die Corona-Krise zeigt eindrücklich, wie zentral das Thema Grenzen in den politischen, wissenschaftlichen, aber auch Alltagsdebatten zu Europa ist. Obwohl ExpertInnen wie beispielsweise die europäische Epidemie-Agentur ECDC von Beginn an die Devise verkündeten, Kooperation sei essentiell, um einer universellen Herausforderung wie Corona zu begegnen, schlossen fast alle europäischen Länder wie auch die EU selbst reflexartig ihre Grenzen.[2]

„Die Geschichte Europas, der Europäer/innen und des Europäischen“ kritisch zu behandeln, dieses Ziel hat sich das Themenportal Europäische Geschichte gesteckt. Was aber ist das: Europa, die EuropäerInnen und das Europäische? Wie werden sie definiert, das heißt vom Nicht-Europäischen, vom Anderen abgegrenzt? Welche Rolle spielt dabei „die Geschichte“? Mit Hilfe der beiden ausgesuchten Quellen unternimmt dieser Artikel vielfache Grenzgänge, um diese Fragen zu reflektieren.

Wenn es wie in diesem Text gen Guyana, also über den Atlantik und damit über eine vermeintlich fixe, natürliche Grenze geht, scheint die Frage nach den Grenzen Europas auf den ersten Blick relativ einfach. Komplizierter und interessanter wird es, da die Untersuchung einen bis heute bestehenden historischen Sonderfall behandelt, nämlich die einzig verbliebene überseeische Festlandsgrenze der Europäischen Union: die Grenze zwischen Französisch-Guyana und Brasilien. Selbst der zunächst natürlich begrenzte Begriff „Europa“ ist hier also verunsichert und bietet Potential zur historischen Reflexion über die Position Europas in der Welt.

Um den eingangs aufgeworfenen Fragen nachgehen zu können, wandert der Blick des Beitrags nicht nur über den Atlantik, sondern auch über zeitliche Grenzen, nämlich in die Zeit um 1900, als diese letzte überseeische Festlandsgrenze festgelegt wurde, und damit in die Hochzeit des europäischen Kolonialismus (Abschnitt 1). Besonders interessant an der behandelten Konstellation ist, dass auch die untersuchten Akteure zahlreiche raumzeitliche Grenzüberschreitungen, aber auch ‑stabilisierungsversuche unternommen haben: Im Fokus steht ein um 1900 schon Jahrhunderte währender Grenzkonflikt zwischen Frankreich und Brasilien (bis 1821 als Teil Portugals) im Bereich der Guyanas. Die als Guyanas bezeichnete Landschaft zwischen Amazonas, Orinoco und Atlantik war in Europa lange diskursiv mit der Suche nach der „Neuen Welt“ (Amerigo Vespucci, 1502) und dem „El Dorado“ (bspw. Walter Raleigh, 1595) verbunden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Region auch darüber hinaus verstärkte Aufmerksamkeit: Sowohl BrasilianerInnen als auch EuropäerInnen verschiedener Herkunft suchten in der Region nach Gold, bauten Kautschuk ab und/oder siedelten dort.

So kam es 1895 zu einer eintägigen lokalen militärischen Auseinandersetzung in der als Contesté/Contestado bezeichneten, in der Karte abgebildeten Grenzregion. Die (indirekt) beteiligten Regierungen Frankreichs und Brasiliens einigten sich 1897 auf internationalen Druck hin, den Schweizer Bundesrat als Schiedsrichter mit dem Auftrag der „endgültige[n] Bestimmung der Grenzen von Brasilien und französisch [!] Guyana“[3] anzurufen. Der Schiedsrichter habe „seine Untersuchung darauf zu richten, welcher Fluss nach dem sens précis des Artikels 8 des Utrechter Vertrages der Japoc oder Vincent Pinçon ist. Der als solcher von ihm erkannte Fluss ist der Grenzfluss, und sein Thalweg bildet die Grenzlinie”.[4] Der Andalusier Vi(n)cente Pinçon (Pinzon) hatte nicht nur an Kolumbus‘ erster Atlantik-Überquerung teilgenommen, sondern war um 1500 auch einer der ersten Europäer gewesen, der die Nordküste Südamerikas bereist hatte. Ein nach ihm benannter Fluss in dieser Region war zwar im Frieden von Utrecht 1713 als Grenze festgelegt worden, über seinen Verlauf und seine Existenz aber herrschte Uneinigkeit, nicht zuletzt aufgrund uneindeutiger Karten. Zur Diskussion standen im 19. Jahrhundert insbesondere der von den Franzosen präferierte Araguary und der von den Brasilianern bevorzugte, weiter nördlich fließende Oyapock (siehe Karte oben).

Bei der zu fällenden Entscheidung handelte es sich laut Urteil „um die Feststellung einer historischen Thatsache; der Schiedsrichter hat hierbei die Wahrheit zu erforschen“.[5] Um diese „Wahrheit“ zu finden und das „endgültige“ Urteil fällen zu können, zog der angerufene Schweizer Bundesrat „die Hülfsmittel“ heran, „welche ihm die Wissenschaft in Geschichte und Geographie zu bieten vermag“.[6] Durch den dezidiert wissenschaftlichen Blick in die vergangene Zeit (Geschichte) und in den Raum (Geographie) sollte die Wahrheit gefunden werden, damit der Schweizer Bundesrat eine endgültige, also zeitlich unbegrenzte und gleichzeitig eindeutige räumliche Grenzlinie feststellen konnte.

Diese Konstellation bietet sich für die Untersuchung und Reflexion einer „Geschichte Europas, der Europäer/innen und des Europäischen“ im Besonderen an. Dazu nimmt der Artikel verschiedene raumzeitliche Grenzbewegungen und Lokalisierungen der untersuchten Akteure (Abschnitt 2) ebenso in den Blick wie ihren Umgang mit dem Europäischen in Form der „Wissenschaft“ (Abschnitt 3). Die zwischen den Raum-Zeiten liegenden (kolonialen) Macht- und Deutungsgefälle spielen dabei eine zentrale Rolle. Abschließend werden Hypothesen zur Diskussion gestellt.

1 „Geschichte Europas“: eine europäische Kolonialgrenze in Südamerika?

Die Existenz von Französisch-Guyana erinnert an die bis heute fortdauernde europäische Kolonialgeschichte. Um 1900 war territorial betrachtet ein Höhepunkt erreicht: Verschiedene europäische Kolonialreiche teilten sich große Teile des Globus außerhalb der schon um 1800 unabhängig gewordenen Amerikas (siehe unten) untereinander auf. Das zentrale Medium zur Repräsentation dieser Ansprüche wurden Karten der Kolonien. Sie waren meist „totally detached from its geographic context“,[7] entscheidend war also weniger das Betrachtete, hier die „Kolonien“, sondern der meist europäische Standpunkt des Karten-Machenden und -Betrachtenden. Diesen eurozentrischen kartographischen Blick umschrieb Benedict Anderson entsprechend als „a practice of imperial states of coloring their colonies on maps with an imperial dye“.[8] Das lässt sich gut bei den bekannten Karten zum „Scramble for Africa“ (Wettlauf europäischer Kolonialinteressen im Afrika des 19./20. Jahrhunderts) beobachten oder eben bei der oben abgebildeten französischen Guyana-Karte von 1886. Karten hatten – das zeigt eine umfassende Forschung hierzu[9] – einen herausragenden Einfluss auf den Blick auf die Erde und trugen im 19. und 20. Jahrhundert maßgeblich zur Bildung von imperialem „Wissen von der ganzen Welt“[10] bei. Seit dem Ersten Weltkrieg und bis in die 1980er Jahre setzten sich dann staatliche Dekolonisierungsbewegungen auch in den asiatischen und afrikanischen Festlandsgebieten durch. Heute existieren noch zahlreiche europäisch kolonisierte Inseln in den verschiedenen Weltmeeren – und als historische Ausnahme Französisch-Guyana, das als Département d‘outre-mer ein Teil Frankreichs und der Europäischen Union ist und damit das letzte größere europäisch besetzte Festlandsgebiet außerhalb des eurasischen Kontinents.[11] Französisch-Guyana erscheint damit – das zeigt übrigens auch der Blick auf jeden Euro-Schein (linke untere Ecke der Rückseite) – als besonderer Teil der Geschichte und der Kolonialgeschichte Europas. Aber wie präsentiert sich das Verhältnis zu „Außer-Europa“, hier Brasilien, das auf den Euro-Scheinen im Gegensatz zu anderen Grenzgebieten wie Nordafrika, Kleinasien und Russland durch eine Linie ausgegrenzt ist und damit (neben dem gleichfalls südamerikanischen Surinam) als einziger unmittelbarer Nachbarstaat der EU nicht zu sehen ist?

Der erwähnte Grenzstreit verweist auf die Historizität der Frage des Verhältnisses von Europa und Außer-Europa, konkret Brasilien. In den Guyanas stießen Ende des 19. Jahrhunderts brasilianische Expansionsbestrebungen auf venezolanische sowie auf französische, britische und niederländische Herrschaftsansprüche. In Frankreich beanspruchten imperiale Kreise, wie die obige Karte zeigt, einen maßgeblichen Anteil der Nord-Amazonas-Region. Der Titel des Buches, in dem die Karte abgedruckt ist, steht hierfür programmatisch: La France Équinoxiale – eine gezielte Anspielung auf die (wenig erfolgreichen) Kolonisationsversuche Frankreichs im 17. Jahrhundert. Auf den Autor des Bandes, Henri Coudreau, kommen wir im nächsten Abschnitt zu sprechen.

Wie also mit der in der Kapitelüberschrift gestellten Frage umgehen, wie sich die Geschichte Europas definieren lässt? Eine klare Grenzlinie wie auf (Welt-)Karten oder auf Euro-Scheinen lässt sich nicht ziehen. Die Geschichte Europas ist – das zeigt die Passage – bis heute mit der Geschichte „Nicht-“ oder „Außer-Europas“ aufs Engste verwoben – nicht nur, aber durchaus zentral durch koloniale Machtbeziehungen: Europa, hier Frankreich, besitzt Territorien außerhalb des europäischen Festlands, während das andersherum kaum denkbar erscheint. Europa ist in der Kolonialgeschichtsschreibung Akteur, nicht (potentielle) Kolonie. Wie der Absatz aber auch zeigte, stießen diese kolonialen Ansprüche in den Amerikas auf andere expansive Bestrebungen. Zu hinterfragen ist damit das dichotome (hier zugespitzte) Narrativ vom europäischen, aktiven Ausgreifen in eine außereuropäische, passive Um-Welt, das im Scramble for Africa besonders anschaulich gemacht wurde. Wie der nächste Absatz zeigt, spielen Erzählungen von EuropäerInnen, die Außer-Europa „erforschten“, für dieses Narrativ eine zentrale Rolle.

2 „Geschichte der EuropäerInnen“: Göldi/Goeldi als brasilianischer Europäer oder europäischer Brasilianer – eine europäische Frage?

Die Existenz von Französisch-Guyana erinnert über die Kolonialgeschichte im engeren Sinne hinaus also auch an fortdauernde Machtverhältnisse, die sich nicht zuletzt beim Ziehen von Grenzen äußern: Auf diskursiver, politischer, materiell-wirtschaftlicher und auch epistemisch-methodischer Ebene beansprucht Europa bis heute eine zentrale Macht- und Deutungsposition für sich. Der peruanische Sozialwissenschaftler Aníbal Quijano entwickelte für die Untersuchung dieser Machtverhältnisse, die den formal-staatlichen Kolonialismus überdauer(te)n, das Konzept der „Colonidad del Poder“: Diese „Kolonialität der Macht“ wirkt(e) ideologisch und nicht nur zwischenstaatlich, sondern auch inner-gesellschaftlich/zwischen-menschlich und im Alltag, beispielsweise über rassistische und nationalistische Differenzierungen, über neokoloniale Wissens- oder Wirtschaftsbeziehungen.[12]

Mit diesem Ansatz soll im nächsten Schritt der Untersuchung des brasilianisch-französischen Grenzstreits nun die zweite aufgeworfene Frage nach der Geschichte der EuropäerInnen und ihrer Grenzen fokussiert werden. Der Urheber des oben zitierten Artikels in Petermanns Geographischen Mitteilungen (kurz PGM) bietet sich hierfür als mehrfacher Grenzgänger im Besonderen an: Emil Göldi wurde 1859 im Schweizer Kanton St. Gallen geboren. Nach Zoologiestudium und Promotion verließ er 1884 Europa und ging ans Kaiserlich-Brasilianische Nationalmuseum in Rio de Janeiro. In dieser Zeit wanderten jährlich ca. hunderttausend EuropäerInnen nach Brasilien aus, vor allem in den Süden und Südosten. Die meisten gingen zunächst in die Landwirtschaft, besonders auf die Kaffeeplantagen, in den Handel oder in die Verwaltung, einige aber auch in das stark expandierende Wissenssystem (Hochschulen, Schulen, Forschungseinrichtungen, Museen, etc.). So bot das Nationalmuseum in der Hauptstadt auch dem 24-jährigen Göldi attraktive Arbeitsbedingungen und den Posten des Vizedirektors. Nach dem Sturz von Kaiser Pedro II., der das Ende des Kaiserreichs (1889) bedeutete, wurde Göldi aus dem Museum entlassen. Danach arbeitete er einige Jahre nicht nur wissenschaftlich, sondern auch am Kolonisationsprojekt „Colonia Alpina“, betrieben vom Schweizer Vater seiner in Brasilien geborenen Ehefrau. Auch in dieser Zeit sammelte er weitere politische und wissenschaftliche Kontakte sowohl in Brasilien als auch in Europa. 1894 dann wurde Göldi als Direktor ans Museu Paraense de História Natural e Etnografia in Belém im Amazonasstaat Pará berufen. In seine Amtszeit fällt damit der Grenzstreit. 1907, nach insgesamt 23 Jahren im Land, verließ er als Emílio Augusto Goeldi das nach ihm 1901 umbenannte Museu Goeldi wieder Richtung Schweiz. 1917 starb er in Bern. Göldi lebte also als gebürtiger St. Galler – seine kantonale Zugehörigkeit war ihm mindestens genauso wichtig wie seine Schweizer Herkunft – einen Großteil seines Erwachsenenlebens an verschiedenen Orten in Brasilien. Menschen beider Länder waren, wie sich unter anderem am Projekt Colonia Alpina zeigen lässt, stark durch „Kolonialitäten der Macht“ (Quijano) geprägt. Für die Schweiz und andere Teile Europas hat das erst eine jüngere Forschungsrichtung verstärkt untersucht und herausgestellt.[13] In Brasilien wie in vielen anderen „außer-europäischen“ Gesellschaften ist die koloniale Prägung weit über die eigentliche Kolonialzeit hinaus schon lange fester Bestandteil historischer Narrative. Bei Brasilien stehen dabei die Position als Rohstofflieferant im transatlantischen Handel und nicht zuletzt die bis 1888 offiziell anhaltende Sklaverei und die an weißen Idealen orientierte Politik des branqueamento (whitening) im Mittelpunkt. Die Historikerin Barbara Weinstein verdichtete dies in ihrer Studie „Color of Modernity“ mit der an Edward Said angelehnten Formel des „Orientalism in one country“: Weiße Oberschicht-BrasilianerInnen insbesondere des reichen Südens und Südostens grenz(t)en sich von den lokalen, „farbigen“ Bevölkerungsgruppen ab und produzier(t)en „Brasilien“ und „Brasilianer“ über dieses koloniale Othering als modern und weiß.[14] Anders als für europäische Gesellschaften war (und ist) damit die Auseinandersetzung mit dem im lokalen Alltag erlebbaren kolonialen Erbe von Beginn an fundamentaler Bestandteil der gesamtgesellschaftlichen Selbstverständigung.

Wie werden die Akteure im PGM-Artikel von Göldi dargestellt? Neben dem „Ich“ Göldis taucht dort häufig ein „Wir“ auf. Dieses „Wir“ bezieht sich interessanterweise nicht auf „wir Europäer“ oder „wir Schweizer“, sondern fast durchgängig auf das sechsköpfige, gemischt brasilianisch-schweizerische Expeditionsteam. Diesem gehörten neben Göldi drei brasilianische Kollegen aus Belém und zwei Schweizer an: Der Forscher und Leutnant Aureliano Pinto de Lima Guedes, dessen Sohn Manuel de Lima Guedes, ein angehender Botaniker, und der Angestellte des Zoos in Belém Manoel Paula Jacques Huber (Botaniker aus Schaffhausen) und Max Tanner (Präparator, ebenfalls St. Gallen) komplettierten das Team – und das „Wir“ des Narrativs. Göldi unterscheidet hier also nicht zwischen Europäern und Nicht-Europäern. In diesem Sinne werden bspw. auch „Brasilianer“ in Guyana als „Kolonisten“ skizziert, also ähnlich wie die Europäer als Ortsfremde: „die jene Zone Südguyanas bewohnenden Kolonisten – fast ausschließlich Brasilianer …“.[15]

Wenn schon nicht die eben genannten brasilianischen Kollegen, sind die Anderen bei Göldi dann die direkt vor Ort Lebenden, die sogenannten Einheimischen oder Indigenen? Dies würde gut zu der oben beschriebenen Beobachtung von Barbara Weinstein u.a. passen, wie sich weiße BrasilianerInnen von den „farbigen“ Anderen abgrenz(t)en. Wie also beschrieb Göldi die Akteure, die er vor Ort antraf? „Am 17. Oktober frühmorgens […] machte ich mich mit drei Leuten der Expedition, begleitet von unserm Gastwirt Ezequiel und drei Trägern, zum Besuche eines Sees auf“ (61). Vor dem Hintergrund, dass indigene BegleiterInnen in zeitgenössischen europäischen Reiseberichten meist Befehlsempfänger waren und „in der Regel […] namenlos“[16] oder sogar vollkommen unerwähnt blieben, also zu Nicht-Akteuren bzw. zum Anderen wurden, ist die Nennung des Gastwirts Ezequiel und der Träger als konkrete Akteure bemerkenswert. Noch bemerkenswerter wird es, da ihre Expertise, insbesondere ihre Ortskenntnis im nächsten Abschnitt als entscheidend eingeschätzt wurde – die ansonsten heroischen Europäer wären demnach ohne sie verloren gewesen: „Die ebenen Savannen wurden dabei immer länger, und ihre Durchquerung immer unerquicklicher. […] Ich allein hätte den Weg durch dieselben nicht gefunden, meine einheimischen Begleiter erkannten ihn jedoch mit großer Sicherheit“ (63).

Besonders bemerkenswert ist die folgende Beschreibung des „den ‚Lago Tralhoto‘ ausbeutende[n] Fischer[s] Jeronymo Tavares“. Dieser habe sich bezüglich der Piracucús, der von ihm gefangenen Fische „die sehr vernünftige, weil direkt auf Naturbeobachtung beruhende Frage gestellt: ‚Woher kommen die Piracucús, die ich fange?‘ Er gelangte zu der Ansicht, daß sie durch Verbindungsarme des Sees mit benachbarten andern, weiter nördlich gelegenen Seen einwandern müssen, und machte die Erfahrung, daß zu gewissen Zeiten aus einer bestimmten Richtung, die er mir mit dem Finger wies, stets wieder neuer Nachschub eintreffe für die nicht geringe Zahl der fortwährend von ihm weggefangenen. Gegen diese Schlußfolgerung ist schlechterdings keine Widerrede möglich.“ (65)

Göldi skizzierte Tavares also als letzte Instanz; gegen seine „sehr vernünftige, weil direkt auf Naturbeobachtung beruhende“ Aussage sei „schlechterdings keine Widerrede möglich“. Damit machte Göldi Tavares zum natürlichen Gewährsmann seiner Methode, die er mit der häufig wiederholten Phrase der Forschung oder Beobachtung „an Ort und Stelle“ umschreibt.[17] Entscheidend ist für Göldi in dieser Konstruktion also nicht, ob jemand Europäer ist oder nicht, sondern von welchem Standpunkt aus er/sie beobachtet bzw. spricht. Durchaus interessant in diesem Kontext ist, dass Göldi, aber auch andere Schweizer jeweils stark mit ihrem Geburtsort bzw. -kanton in Verbindung gebracht wurden, also auch hier das Lokale gegenüber dem Nationalen einen hohen Stellenwert hatte. Im Falle von Tavares wird besonders deutlich, wie Göldi lokal und empirisch gewonnene Erkenntnisse und ihre Träger zu naturalisieren versucht: Widerrede ist aus methodischen Gründen unmöglich, gerade weil (Göldi-Lesart) der Beobachtende von vor Ort und nicht von Europa aus spricht. Damit setzte Göldi der kolonialen Lesart, die kolonialen Subjekten keine Stimme zugesteht, seine Argumentation entgegen.

Warum ihm das so wichtig ist, zeigt sich im nächsten Absatz des Artikels. Dort wird der Franzose Henri Coudreau (1859-1899) als Gegenentwurf des „Vor-Ort“-Beobachters kritisiert, er wird zum imperialen Beobachter von oben bzw. aus der Ferne stilisiert. Zunächst zum Hintergrund: Coudreau war in den 1880er und 1890er Jahren ein international anerkannter Guyana- und Nordbrasilien-Forschungsreisender. Gleichzeitig beschrieb er sich im oben erwähnten Buch La France Équinoxiale (1886) selbst als Anhänger französischer Kolonialpläne in der Region: „Je suis grand partisan de l’expansion française.“[18] Die eingangs gezeigte, von ihm entwickelte Karte macht die weitreichenden Ansprüche besonders deutlich.

Diesen Coudreau zeichnete Göldi im PGM-Artikel also als Gegenentwurf zum „Wir“ der Vor-Ort-Akteure, seien diese BrasilianerInnen oder EuropäerInnen. Coudreau wird zu jemand, der, ohne „jemals überhaupt nur auf eine halbe Stunde Entfernung außerhalb der Ortschaft sich in der Umgebung umgesehen“ (S. 65) zu haben, Karten „auf Grund von vagen Informationen aufs Geratewohl hingemalt hat“ (S. 65): Coudreau malt (nicht: zeichnet!) also Karten, nachdem er fehlerhafte Informationen aus zweiter Hand und eben nicht wie Göldis Exkursion „an Ort und Stelle“ gesammelt hat. Auffälligerweise kritisierte Göldi insbesondere Coudreaus kartographische Arbeiten, er desavouierte (im zweiten Teil des PGM-Artikels) die „,berühmten‘ Karten von C.“, sie seien „offenbar unrichtig“ und in ihnen sei – „gesagt muß es nun doch einmal sein – eigentlich gar nichts zuverlässig, kein Punkt ist wirklich an der richtigen Stelle“.[19] Mit diesem nicht den Tatsachen vor Ort entsprechenden kartographischen Blick – als Kontrast zum empirischen Vor-Ort-Blick – könne Coudreau laut Göldi „freilich kaum noch ernstlich in Betracht kommen in kartographischen Details über die in Frage stehende Zone“ (S. 65).[20] Der Text macht klar, dass Göldi die Karten von Coudreau nicht für wissenschaftlich hielt, sondern für politische Mittel, um die französischen Ansprüche in den Guyanas zu untermauern.

Göldi kritisierte damit den kartographischen Blick, den Blick von oben im Gegensatz zu dem von vor Ort als imperiales Instrument, als „imperial dye“ (Benedict Anderson) oder auch als „god trick“ (Donna Haraway).[21] Gegen diese imperiale Technik stellte Göldi mit den Worten von Haraway das situierte Wissen und mit Walter Mignolo das „border thinking/sensing“ seiner Akteure, inklusive seiner selbst. Sie werden zu Akteuren „dwelling and thinking in the borders of local histories confronting global designs“,[22] hier in der Konfrontation mit dem globalen kartographischen Blick. Ob er sich selbst bzw. seine Schweizer Landsleute oder auch seine brasilianischen Kollegen (nur Männer) als „colonial subjects“ bezeichnet hätte, bleibt offen. Aber im Gegensatz zum (vermeintlich) gängigen dichotomen Narrativ der europäischen Akteure im außereuropäischen Raum zeigt die Diskussion eine deutlich komplexere Verwobenheit über den Atlantik hinweg: Er beschreibt einerseits ein Wir, das Europäer und Außer-Europäer umfasst, nämlich seine brasilianisch-schweizerischen Kollegen bis hin zum Fischer Tavares. In anderen Texten „brasilianisiert“ Göldi seinen Namen, wenn er seine Briefe zunehmend nicht mehr mit „Emil Göldi“, sondern mit „Emilío Goeldi“ unterschreibt. Es ist also ein mestizisches, brasilianisch-europäisch verwobenes Wir.[23] Andererseits grenzt er Coudreau und Frankreich, also einen Teil Europas und dessen politisch-imperiale Ambitionen im nördlichen Südamerika, strikt von diesem ab.

In der untersuchten Konstellation gibt es also weder eine klare Trennung zwischen Europa und Außer-/Nicht-Europa (Abschnitt 1) noch eine zwischen Europäern und Nicht-EuropäerInnen (Abschnitt 2) – und übrigens auch keine klare Trennung zwischen BrasilianerInnen und Nicht-BrasilianerInnen oder SchweizerInnen und Nicht-SchweizerInnen. Trotz dieser Unabgegrenztheit spielte das Europäische und das Grenzenziehen bei Göldi und für die gesamte Konstellation eine entscheidende Rolle.

4 Resümee: Das neutrale Ziehen von endgültigen Grenzlinien: Geschichten des Europäischen

Laut Urteil von 1900 sollte der Schweizer Bundesrat als neutraler Schiedsrichter mit den „Helfsmitteln […] der Wissenschaft in Geschichte und Geographie“ eine „historische Thatsache“ und „die Wahrheit erforschen“, um damit den „Thalweg“ eines Flusses als endgültige Grenzlinie zwischen Brasilien und Frankreich festzulegen. Anhand dieser Konstellation und der im Artikel diskutierten Aspekte lassen sich resümierend zahlreiche historisch gewachsene raumzeitliche Annahmen des Europäischen und des europäischen Welt-Ordnens reflektieren.

Flüsse als Grenzlinien: Der kartographische Blick

Wie im Europa der Zeit weit verbreitet, wurden Flüsse auch für diesen Konflikt alternativlos als „natürliche“ Grenzen behandelt.[24] Wie europäisch oder gar eurozentrisch diese Annahme ist, wird im Kontrast zu Alltagspraktiken in Guyana – übersetzt „Land der Gewässer“ – besonders deutlich: Hier galten und gelten Flüsse in erster Linie als Verbindungsräume, angesichts der unwegbaren Wälder und Landschaften oft sogar als die einzigen. Hinzu kommt, dass Flüsse in dieser häufig flachen Region auch deutlich weniger „stabil“ sind, sie verändern häufig ihr Flussbett. Den Verfassern des Urteils war dies durchaus bewusst, wenn sie davon schreiben, hier gebe es „Flüsse, die erst in ferner Zukunft erwarten dürfen, ihre Gleichgewichtslage zu erreichen“.[25] Flüsse waren im Alltag in Guyana – und ähnliches lässt sich entgegen gängiger Narrative auch für viele Teile Europas behaupten[26] – für die meisten nicht stabile Grenzlinien,[27] sondern eher das Gegenteil: sich verändernde Verbindungsräume.

Um diese sich verändernden Verbindungsräume als endgültige und eindeutige Grenzlinie zu betrachten, bedarf es – so eine weitere Annahme – einer europäischen Kulturtechnik, die hier als „kartographischer Blick“ bezeichnet werden soll. Bis heute sind wir es gewohnt, Grenzen auf europäischen Karten als Linien zu sehen, und auch nicht nur Grenzen, sondern fast alles andere auf Karten, mit Ausnahme farbiger Flächen, also Flüsse, Straßen, Bahn- und Seeverbindungen, Berge (Höhenlinien), Meere (Tiefenlinien), Städte, Breiten- und Längengrade, etc.[28] Phänomene wie Flüsse, die mit der Euklidischen Geometrie gesprochen in der Natur zwei, drei oder sogar vier Dimensionen besitzen, je nachdem ob man sie als (Ober-)Fläche, als Körper (mit Höhen und Tiefen) oder als etwas sich Bewegendes betrachtet, um also Flüsse in eindimensionale Linien zu übersetzen, bedarf es des abstrahierenden kartographischen Blicks. Der kartographische Blick übersetzt bzw. abstrahiert also natürliche Phänomene, so dass sie auf Karten fest-gestellt und anschaubar werden – und zwar mit wenigen Ausnahmen als Linien. Linien werden damit im durch Karten geprägten Blick auf die Erde zum ordnenden Element und Inbegriff europäisch-westlichen Welt-Ordnens. Diese Aussage lässt sich – wie die folgenden – ins Metaphorische übertragen.

Grenzlinien statt Grenzräume: Dichotomisierung

Der kartographische Blick ist nicht nur in der untersuchten Konstellation mit einer weiteren Technik eng verbunden, die die Forschung in intensiven Zusammenhang mit Europa und dem Europäisch-Westlichen stellt: der Dichotomisierung. Durch die Grenzlinie wurde eine eindeutige dichotome Ordnung festgestellt: auf der einen Seite des Talwegs Brasilien, auf der anderen Französisch-Guyana. Damit wurde der historisch gewachsene, uneindeutige Zustand des umstrittenen Grenzraums (Contestado/Contesté) in eine endgültig-eindeutige, dichotome Lösung überführt. Bruno Latour bezeichnete das als Trennungsarbeit der Modernen.[29] An anderer Stelle haben Benjamin Steiner und ich dieses Phänomen als „rigorose Dichotomisierung“[30] des Aufklärungsdenkens beispielsweise eines Immanuel Kant historisiert und mit dem Kant’schen kartographischen Blick, der in seinem enorm wirksamem Werk eine zentrale Rolle spielte, verbunden: Von einem abstrakten „Land der Vernunft“[31] aus auf die Erde blickend, wurde diese dichotomisch-ordnend aufgeteilt, sei es „auf dem Papier“ (Daston/Gallison), im Kopf oder bei materiellen und persönlichen Grenzziehungen und Ausgrenzungen.[32] Nicht immer sind diese Ordnungsversuche so erfolgreich wie im vorliegenden Fall, wie auch die Abschnitte 1 und 2 bezüglich der Aufteilung Europa/Außer-Europa[33] und EuropäerInnen/Nicht-EuropäerInnen gezeigt haben.

Wahrheit, „historische Thatsachen“ und Wissenschaften: Objektivations-Versuche vom Nullpunkt

Trotz aller Kritik, beispielsweise schon eines Zeitgenossen von Kant, Friedrich Schiller, wandten die im Beitrag untersuchten Akteure die Dichotomierungs-Technik für eine konkrete Situation an, indem sie von einem bewusst nicht dem Papier anvertrauten, verheimlichten und vermeintlich neutralen Standpunkt aus durch das Ziehen von (Grenz-)Linien die Welt ordneten. Raumzeitlich vertraten sie, wenn man so will, ihren Standpunkt von einem Nicht-Standpunkt aus, von einem in keine Richtung ausschlagenden Nullpunkt im Koordinatensystem oder – mit Haraway – „from nowhere“. Die Akteure legten, wie gesehen, großen Wert darauf, dass die Entscheidungen als wissenschaftlich-neutral erschienen und persönliche Interessen nicht sichtbar wurden: Sowohl das Schiedsverfahren, das Urteil, die Schweiz, die PGM, Perthes/Stieler und Göldi selbst wurden als das Objektive stilisiert. Dadurch konnte – so das genannte Ziel – eine „historische Thatsache“, „die „Wahrheit“ gefunden und eine (tatsächlich bis heute) endgültige und eindeutige Grenzlinie gesetzt werden. Von politischen Interessen getrieben und damit unwissenschaftlich war die diskursiv davon streng getrennte Gegenseite, konkret die Franzosen. Dieses Setting kann als Beleg für die These von Lorraine Daston und Peter Gallison gelten, nach der die Zeit um 1900 die „Hochzeit der Objektivität“ war: „Objektivität war das Verlangen, ein leidenschaftlicher Entschluß, den Willen zu unterdrücken und die sichtbare Welt ohne Interventionen auf dem Papier erscheinen zu lassen“.[34] Auch Göldi wollte, mit der gleichen Metapher arbeitend, seine subjektiven Beweggründen nicht „dem Papiere“[35] anvertrauen, wie er 1896 in einem vertraulichen Brief an den PGM-Chefredakteur Alexander Supan herausstellte.[36] In eine ähnliche Richtung arbeitete der Historiker Reinhart Koselleck in Auseinandersetzung mit dem Historismus und insbesondere mit Leopold von Ranke heraus: Das „Ziel ist die Vergegenwärtigung der vollen Wahrheit“, der Weg dorthin führt über die „unparteiische Auffassung“ und die „objektive Darstellung”.[37] Den Versuch, die raumzeitliche Standortbindung von HistorikerInnen (bzw. auch anderer „WissenschaftlerInnen”) zu überwinden, bezeichnete Koselleck als Versuch der „Objektivation“.[38]

Das „Versuchen“ und „Verlangen“ ist dabei durchaus wichtig, denn den konkreten Akteuren war, wie der Beitrag zeigt, sehr bewusst, dass die von ihnen im Abstrakten verwendete Denkfigur, der „god trick“, in ihrem konkreten Handeln nicht funktionierte: Standort- und interessengebundenes Handeln war die Grundlage des politischen Erfolgs; dies wurde aber verheimlicht. Gleichzeitig griff Göldi Coudreau insbesondere aufgrund von dessen politischer Herangehensweise („kartographischer Blick“) an, während er für sich in Anschlag nahm, „an Ort und Stelle“, rein wissenschaftlich und mit den Personen vor Ort gearbeitet zu haben. Im Konkreten drehte er also das abstrakte Modell in sein Gegenteil. Damit war er, wie gesehen, sehr erfolgreich, da er einerseits die Klaviatur des kartographischen Blicks und andererseits seine persönlichen Netzwerke geschickt einsetzte.

An der Episode lässt sich gut zeigen, dass Europäisches (Blicken, Verhalten, Agieren, …) erstens nicht an Europa oder an EuropäerInnen gebunden ist, sondern eine relationale und damit auch veränderbare Zuschreibung darstellt: Europäisch verhalten kann sich beispielsweise auch ein im nicht-europäischen Raum, beispielsweise ein in Brasilien geborener oder dort lebender Mensch. „Europäisch“ ist aber damit, zweitens, auch eine Machtbeziehung und -zuschreibung – und zwar eine historisch, nicht zuletzt durch koloniale Beziehungen gewachsene und dynamische Relation. Das Ziehen von Grenzen und Linien, das Feststellen von „Thatsachen“ und Wahrheiten, diese Objektivationsversuche sind letztlich raumzeitliche Stillstellungs- und Ordnungsversuche, deren „Erfolg“ von Machtbeziehungen abhängt. Wie hier gesehen, beruht diese Macht nicht notwendig auf wirtschaftlichen oder politischen Ressourcen – Frankreich war zu der Zeit eine der größten Kolonialmächte, während sich in Brasilien die republikanische Regierung erst allmählich festigen konnte. Einer der zentralen Machtmechanismen nicht nur im untersuchten Fall war vielmehr das Inszenieren des Europäischen oder europäischer Attribute (wie Wissenschaft, Vernunft …) als vermeintlich objektiver Abgrenzungsversuch durch einen kartographischen Blick von einem entzeitlichten und enträumlichten, ortlosen Nullpunkt aus.

Sebastian Dorsch, Europäisches Begrenzen in den Guyanas: Europas Grenzen – Grenzen des Europäischen?, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2020, .



[1] Essay zur Quelle:Territoires Contestés de Guyane, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2020, .

[2] Vgl. die Auswertung des Recherchenetzwerks Investigate Europe:Paulo Pena,Europe’s failure to cooperate on Covid-19 is a universal problem, in: Investigate Europe, https://www.investigate-europe.eu/europes-failure-to-cooperate-on-covid-19-is-a-universal-problem/ (01.04.2020).

[3] Schiedsvertrag von 1897, abgedruckt in: Urteil des Bundesrates der Schweizerischen Eidgenossenschaft über den franko-brasilianischen Grenzstreit vom 1. Dezember 1900, Bern 1900, S. 5.

[4] Urteil, S. 809 f.

[5] Ebd., S. 26.

[6] Ebd., S. 16.

[7] Christopher GoGwilt,The Invention of the West: Joseph Conrad and the Double Mapping of Europe and Empire, Stanford 1995, S. 7.

[8] Benedict Anderson, Imagined Communities, London 1991, S. 175.

[9] Überblick bei Sebastian Dorsch / Iris Schröder,Introduction Spatiotemporalities of Cartographic Empire-Building, in: Holt Meyer / Susanne Rau / Sabine Schmolinsky (Hrsg.),SpaceTime of the Imperial, Berlin 2016, S. 333-337.

[10] Iris Schröder, Das Wissen von der ganzen Welt. Globale Geographien und räumliche Ordnungen Afrikas und Europas 1790-1870, Paderborn 2011.

[11] Die beiden Städte Melilla und Ceuta als spanische Exklaven in Nordafrika sind freilich noch zu ergänzen.

[12] Vgl. z.B. Aníbal Quijano, Colonialidad del Poder, Eurocentrismo y América Latina, in: Edgardo Lander (Hrsg.), La Colonialidad del Saber: Eurocentrismo y ciencias sociales.Perspectivas latinoamericanas, Buenos Aires 2000, S. 201-246; und zur Notwendigkeit auch einer methodischen Mestizisierung der europäischen Geschichtsschreibung jüngst: Helge Wendt, Geschichte des mestizischen Europas: Vermischung als Leitkategorie europäischer Geschichtsschreibung, Wiesbaden 2019.

[13] Vgl. Workshop „New Approaches to Swiss Colonial & Global History“, ETH Zürich, 16.11.2018; Patricia Purtschert / Harald Fischer-​​Tiné (Hrsg.), Colonial Switzerland. Rethinking Colonialism from the Margins, Basingstoke 2015.

[14] Barbara Weinstein, The Color of Modernity: São Paulo and the Making of Race and Nation in Brazil, Durham 2015.

[15] Emil Göldi, Eine Naturforscherfahrt nach dem Litoral des südlichen Guyana zwischen Oyapock und Amazonenstrom (Oktober bis November 1895), in: Petermanns Geographische Mitteilungen 43/3 (1897), S. 59-68, hier Seite 65, Fußnote 1. Alle folgenden Quellenzitate stammen, soweit nicht anders vermerkt, aus den hier abgedruckten Quellenausschnitten, die Seitenangaben in Klammern finden sich direkt im Text.

[16] Volker Matthies, Im Schatten der Entdecker. Indigene Begleiter europäischer Forschungsreisender, Berlin 2018, S. 87.

[17] Sebastian Dorsch, Wissen produzieren, lokalisieren und imaginieren. Von „falschen Karten“ und „wissenschaftlichen Expeditionen“ in der Auseinandersetzung um Guyana (1880er bis 1900er Jahre), in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 40 (2017), S. 39-64, hier S. 48 f.

[18] Henri A. Coudreau, La France Équinoxiale, Paris 1888, Bd. 1, S. XV.

[19] Emil Göldi, Eine Naturforscherfahrt nach dem Litoral des südlichen Guyana zwischen Oyapock und Amazonenstrom (Schluß) (Oktober bis November 1895), in: Petermanns Geographische Mitteilungen 43/5 (1897), S. 107-112, hier S. 109, 107 bzw. 108.

[20] Ausführlich vgl. Dorsch, Wissen produzieren, S. 48-50.

[21] Vgl. Dorsch / Schröder, Introduction.

[22] Mignolo, Geopolitics, S. 135.

[23] Vgl. auch Sebastian Jobs / Gesa Mackenthun (Hrsg.), Agents of Transculturation:Border-Crossers, Mediators, Go-Betweens(Cultural Encounters and the Discourses of Scholarship 6), Münster 2013; Wendt, Geschichte des mestizischen Europas.

[24] Vgl. bspw. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Dossier: Geschichte im Fluss. Flüsse als europäische Erinnerungsorte, unter: www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/geschichte-im-fluss/ (Erstellt am 25.01.2019)

[25] Urteil, S. 64.

[26] Bundeszentrale, Geschichte im Fluss.

[27] Rein technisch wurde für das Festlegen der Grenzlinie meist – so auch hier – der Talweg als Verbindung der tiefsten Punkte (hier des Flusses) herangezogen.

[28] Zahlreiche Ansätze weisen darauf hin, dass sich diese Betrachtung bezüglich der Grenzlinie im Zuge der Territorialisierung durchgesetzt hat und in enger Verbindung mit Landkarten dieser Territorien stand und steht; vgl. Sebastian Dorsch, SpatioTemporalities on the line.Interdisciplinary perspectives for a cartography of lines, in: Sebastian Dorsch / Jutta Vinzent (Hrsg.), SpatioTemporalities on the Line.Representations – Practices – Dynamics, Berlin/Boston, S. 3-12; Daniel Nordman, Frontières de France. De l’espace au territoire : XVIe-XIXe siècle, Paris 1998; Achim Landwehr, Die Erschaffung Venedigs. Raum, Bevölkerung, Mythos 1570-1750, Paderborn 2007.

[29] Vgl.Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie, Frankfurt am Main 2008.

[30] Sebastian Dorsch / Benjamin Steiner, „Was die Mode streng getheilt ...“. Materialität und Wahrnehmung von Grenzen in der Geschichtsschreibung der Moderne, in: Helene Breitenfellner et al. (Hrsg.), Grenzen. Kulturhistorische Annäherungen (Globalhistorische Skizzen 30), Wien 2016, S. 34-51, hier S. 45.

[31] Kant 1787/1983, 294 f.

[32] Durchaus bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, dass die derzeit „wirksamste“ Außengrenze der EU mit dem Mittelmeer wieder ein Grenzraum ist.

[33] Aktuelle Debatte zum Konzept „außereuropäische Geschichte“: Sebastian Dorsch et al. (Hrsg.), Editorial Diskussionsforum: „Außereuropäische Geschichte“, „Globalgeschichte“, „Geschichte der Weltregionen“? Neue Herausforderungen und Perspektiven, in: H-Soz-Kult, 07.11.2017,.

[34] Lorraine Daston / Peter Louis Galison, Objektivität, Frankfurt am Main 2007, S. 151.

[35] Brief Emil Göldis an Alexander Supan, 08.10.1896, Forschungsbibliothek Gotha, Sammlung Perthes, Archiv, Abteilung Schriftleitung, Mappe 495, 67; vgl. auch Dorsch, Wissen produzieren, S. 46 f.

[36] Noch deutlicher wurde er diesbezüglich gegenüber der Redaktion des Jahresberichts der St. Gallischen Naturwissenschaftlichen Gesellschaft: „Dies bloß privativo gesagt, ich wünsche im Interesse der Sache nicht, daß die Franzosen davon Wind bekommen und aus diesem Grunde ist Vorsicht vor der Tagespresse geboten” (Brief Emil Göldis an Bernhard Wartmann, 29.04.1897, St. Gallen, Kantonsbibliothek Vadiana, Nachlass Bernhard Wartmann, VadSlg NL 208.19, S. 1 f.).

[37] Leopold von Ranke, Einleitung zu den Analekten der Englischen Geschichte, Sämtliche Werke, Bd. 21, 3. Aufl. Leipzig 1879, S. 114.

[38] Vgl. insbesondere Reinhart Koselleck, Standortbindung und Zeitlichkeit. Ein Beitrag zur historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt, in: ders., Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichtswissenschaft, München 1977, S. 17-46, hier S. 22.