Claude-François Michéa (1815-1882), „Über krankhafte Abweichungen des geschlechtlichen Triebes“ („Des déviations maladives de l’appétit vénérien“)

Quelle:

Claude-François Michéa (1815-1882), „Über krankhafte Abweichungen des geschlechtlichen Triebes“ („Des déviations maladives de l’appétit vénérien“).[1]

Übersetzung Bernhard Unterholzner, Hervorhebungen im Original

[…] „Die öffentliche Meinung, die leicht Analogien bildet und Vergleiche zieht, hat die Raserei Bertrands vor allem mit jener des Vampirismus verbunden; aber, abgesehen von der Schändung der Gräber und der Verstümmelung der Leichen, haben diese beiden Arten der geistigen Umnachtung absolut keinerlei Gemeinsamkeiten. Der Vampirismus, der vor anderthalb Jahrhunderten epidemisch im Norden Europas, in Ungarn, Schlesien, Mähren, Böhmen, Polen usw. grassierte, war eine Variante des Albtraums, ein nächtliches Delirium, das sich in den Wachzustand verlängerte und von dem Glauben gekennzeichnet war, dass Menschen, die seit mehr oder weniger langer Zeit tot waren, aus ihren Gräbern stiegen, um das Blut der Lebenden zu saugen; von daher trieb ein Wunsch nach Rache jene Kranken an, gemeinsam mit unwissenden und abergläubischen Personen die Leichen der vorgeblichen Vampire auszugraben, zu verbrennen, ihnen das Herz zu durchstechen, ihnen den Kopf abzuschneiden.

In der Raserei Bertrands bemerkt man das Gegenteil. Diese ist umgekehrter Vampirismus: Anstatt eines Verstorbenen, der den Schlaf der Lebenden beunruhigt und ihnen den Tod zu bringen versucht, ist er ein Lebender, der den Frieden der Gräber stört, der die Leichen besudelt und verstümmelt. Außerdem impliziert der Vampirismus das Delirium im eigentlichen Sinne, die Störung der intellektuellen Fähigkeiten. Bei Bertrand betrifft die Abirrung allein die moralischen oder affektiven Fähigkeiten. Das ist räsonierende Raserei, Wahn ohne Delirium […].“

Original

„L’opinion publique, d’habitude peu difficile en matière d’analogies et de comparaisons, assimila tout d’abord la folie de Bertrand à celle du vampirisme ; mais, sauf la violation des sépultures et la mutilation des cadavres, ces deux genres d’aliénation mentale n’ont absolument rien de commun. Le vampirisme, qui régna d’une façon épidémique, il y a un siècle et demi, dans le nord de l’Europe, en Hongrie, en Silésie, en Moravie, en Bohème, en Pologne, etc., était une variété du cauchemar, un délire nocturne, prolongé durant l’état de veille, et caractérisé par cette croyance, savoir, que des hommes, morts depuis un temps plus ou moins considérable, sortaient de leurs sépultures pour venir sucer le sang des vivans [sic]; de là un désir de vengeance qui poussait ces malades, de concert [339] avec des personnes ignorantes et superstitieuses, à déterrer les cadavres des prétendus vampires, à les brûler, à leur percer le cœur, à leur couper la tête. Dans la folie de Bertrand, on remarque le contraire. C’est le vampirisme retourné: au lieu d’un décédé qui inquiète le sommeil des vivants en cherchant à leur donner la mort, c’est un vivant qui trouble la paix des tombeaux, qui souille et mutile des cadavres. D’ailleurs le vampirisme implique le délire proprement dit, le désordre dans les facultés intellectuelles. Chez Bertrand, l’aberration porte exclusivement sur les facultés morales ou affectives: C’est la folie raisonnante, la monomanie sans délire […].“


[1] Claude-François Michéa (1815-1882), „Über krankhafte Abweichungen des geschlechtlichen Triebes“ („Des déviations maladives de l’appétit vénérien“), L’Union médicale III/85, 17.7.1849, S. 338–339, Auszug S. 338–339. (Übersetzung Bernhard Unterholzner, Hervorhebungen im Original).


Vampirismus als imaginäre Vorlage für sexuelle Pathologien in der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts – Claude-François Michéas „Über krankhafte Abweichungen des geschlechtlichen Triebes“ [1]

Von Bernhard Unterholzner

Im Juli 1849 elektrisierte der aufsehenerregende Prozess gegen den „Vampir von Montparnasse“ die französische Öffentlichkeit. Als Angeklagter stand der 25-jährige Unteroffizier François Bertrand vor einem Pariser Militärgericht, den man beschuldigte, zwischen 1847 und 1849 auf Friedhöfen in Paris und Umgebung mehrfach Leichen ausgegraben und verstümmelt zu haben. Die Presse hatte die ungeheuerlichen Fälle von Anfang an fasziniert verfolgt und den unbekannten Täter, der die zerstückelten Leichen in grausigen Arrangements anordnete, bald „Vampir“ genannt. Polizei und Friedhofsverwaltungen setzten einiges daran, ihn zu fassen. Nach knapp zwei Jahren hatten sie Erfolg: Im März 1849 wurde Bertrand von einer Selbstschussanlage schwer verletzt, die man auf dem Friedhof Montparnasse installiert hatte, um die Ruhe der Toten gegen den „Vampir“ zu verteidigen. Er konnte noch in ein nahegelegenes Militärkrankenhaus fliehen, wo er aber gestand.

Der Prozess gegen Bertrand war ein zeitgenössisches Medienereignis, das eine Reihe von Quellen – Presseberichte, Gerichtsakten und medizinisch-psychiatrische Gutachten – hervorbrachte.[2] Die wichtigste darunter ist der Artikel „Des déviations maladives de l’appétit vénérien“ („Über krankhafte Abweichungen des geschlechtlichen Triebes“) des Gerichtsgutachters Claude-François Michéa (1815-1882) in der medizinischen Fachzeitung L'Union médicale.[3]

Der Fall Bertrand und Michéas Text stehen an der Schnittstelle eines einsetzenden sexualpathologisch-psychiatrischen Diskurses mit dem rund hundert Jahre älteren Diskurs über Vampire und Vampirismus. Fall und Text stellen ein Ereignis dar, das in dreifacher Weise nachwirkt. Zuerst – das betrifft den psychiatrischen Diskurs – gilt „Über krankhafte Abweichungen des geschlechtlichen Triebes“ als Schlüsseltext des Übergangs zum Zeitalter der modernen Psychiatrie und der modernen Sexualität. Zweitens führt der Text den Vampirismus in den Diskurs der Psychiatrie ein, wo er später zum Vorbild für den Sadismus wird. Die langjährige Verhandlung des „Vampirs“ in der psychiatrischen Literatur wirkt umgekehrt auf die Imagination von Vampiren zurück, die zunehmend als Triebtäter vorgestellt werden. In diesem Essay soll der Frage nachgegangen werden, wie der Vampir über Michéas Text in die psychiatrische und sexualwissenschaftliche Fachliteratur einging und welche Rolle die Gestalt aus dem Volksglauben in diesen Diskursen einnahm.

Michéas Aufsatz ist die Ausarbeitung seines Gerichtsgutachtens, in welchem der noch junge Arzt dem Erstgutachter – der Koryphäe Marchal de Calvi – in einem zentralen Punkt widersprach: Im Gegensatz zu Marchal de Calvi sah er nicht Zerstörungswut, sondern sexuellen Lustgewinn als die ursächliche Triebkraft, die Bertrands Taten auslöste. Dies betrachtete Michel Foucault als Schlüsselereignis in der Verschiebung psychiatrischer Paradigmen, die um 1845 den Anfang einer Psychiatrie markierten, „die um Impulse, Triebe und Automatismen herum organisiert“ war.[4] Michéa entkoppelte die Sexualität von der Fortpflanzung, was bislang als undenkbar galt, und entwickelte eine erste, wegweisende Klassifikation sexueller Abweichungen (Knabenliebe, Verkehr mit Tieren, Anziehung durch ein unbelebtes Objekt, Anziehung durch eine menschliche Leiche) als „lustvolle Betätigungen, die nicht einem Fortpflanzungstrieb unterliegen“, so der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch.[5] Der Psychiater gehörte demnach zu einer Generation „neuer, noch recht unsicherer Experten“, die sich der Erforschung der Sexualität und vor allem deren Verirrungen widmeten.[6]

Foucault hatte in seinen Vorlesungen darauf hingewiesen, wie sehr die Psychiatrie des 19. Jahrhunderts nach Begriffen und Narrativen für die diversen Symptome in ihren Fallstudien suchte, so dass die Texte der Psychiater von einem „Zittern und Beben der Wörter“ durchzogen waren.[7] Die Formierung und Abgrenzung der Disziplin Psychiatrie (wie auch später der Sexualwissenschaft und der Psychoanalyse) ging einher mit einer immensen Sammeltätigkeit. Die Ärzte beschrieben zahlreiche Fälle aus ihren Praxen und versuchten, diese in ihre stetig weiter- und umgeschriebene Diagnosen einzuordnen. Auf der Suche nach besseren Begriffen und Beschreibungen für die Ursachen hinter den Symptomen der Kranken bedienten sich die Psychiater an Erzählungen aus Mythologie, Literatur und Alltagsleben, die sie als Steinbruch für ihre diagnostischen Gebäude nutzten. In der Regel rezipierten sie diese Narrative und Imaginationen bruchstückhaft und fügten nur diejenigen Bausteine ein, die sie benötigten, um die Lücken im medizinisch-psychiatrischen Wissen auszugestalten und darstellbar zu machen.

Wie kommen die Presse und Michéa dabei ausgerechnet auf Vampire? Die kurze Antwort lautet: Weil es so gut passt. Es ist kein Zufall, dass Micheá die Bezeichnung der Presse dankbar aufgreift; der Vampir bot sich als imaginäres Vorbild geradezu an. Ursprünglich waren Vampire wiederkehrende Tote der slawischen Folklore, welche die Lebenden plagten und Schaden an Vieh, Haus und Hof anrichteten. Zu den verschiedenen Abwehrritualen des Volksglaubens gehörte als extremstes Mittel der Gang auf den Friedhof, wo man die Gräber vermeintlicher Vampire öffnete und die betreffenden Leichen zerstörte. Im Jahr 1732 wurde eine derartige Vampirexekution zu einem Medienereignis der Aufklärung, das Medizinern, Theologen, Philosophen und dem gebildeten Publikum der Salons Anlass zu allerhand Überlegungen über die Grenzbereiche von Leben und Tod sowie die Macht der Einbildungskraft und des Aberglaubens gab.[8]

Die Figur des Vampirs erschien darin als Störfall in der aufgeklärten Wissensordnung, indem er sowohl die Grenze zwischen Leben und Tod als auch jene zwischen Ratio und Wahn in Frage stellte. Die kurze, aber heftige Debatte versuchte den Vampirismus damit zu erledigen, dass sie ihn als eine wahnhafte Einbildung des Volkes kategorisierte, die es durch Aufklärung und Gesetze auszutreiben gelte. Allerdings funktionierte diese Austreibung nie nachhaltig, das sprichwörtliche Wiedergehen des Vampirs gilt auch für die hartnäckige Wiederkehr der Diskurse über Vampirismus. Dabei bewegte die Figur des Vampirs sich häufig an der Schnittstelle von Wissenschaft und Erzählungen. So wurden beispielsweise bei der Entdeckung und zoologischen Beschreibung der Vampirfledermaus Ende des 18. Jahrhunderts die Motive aus dem Medienereignis der 1730er-Jahre reaktiviert.[9] An diesen Schnittstellen von Diskursen erscheint der Vampir als eine Symbolisierung von „Nicht-Wissen“, wo er – wie Michael Gamper die Rolle von „Nicht-Wissen“ beschrieb – als „Abjekt von gesetzten Ordnungen“ wiederholt verdrängt und vergessen wurde, deshalb aber auch immer wieder neu für Wissenskonzepte produktiv gemacht werden konnte.[10] Die Bezugnahme Michéas auf den Vampir erfolgte kaum zwanzig Jahre nach dessen größten Erfolgen in der Literatur und vor allem auf Theater- und Opernbühnen. In den 1820er-Jahren waren Vampire in der Hoch- und Trivialkultur Mittel- und Westeuropas omnipräsent. Seit dieser Einschreibung ins kulturelle Gedächtnis kann man den Vampir als „Kollektivsymbol“ begreifen, der über unterschiedliche Diskurse hinweggleitet und dort in neue Kontexte integriert werden kann.[11] Dabei war Mitte des 19. Jahrhunderts der Glauben an Vampire und andere Wesen generell auf dem Rückzug, allerdings betrachteten noch späte Vertreter der romantischen Naturphilosophie, die sich den rätselhaften Grenzzuständen des menschlichen Daseins widmeten, Vampire als wirklich existierende Untote, die den Lebenden deren Lebensenergie absaugten.[12]

Daran glaubten die Beteiligten des Prozesses gegen Bertrand zwar nicht, jedoch barg der Wahn des jungen Mannes ein Rätsel, dem sich die Gutachter mit Verweisen auf Dämonen und Vampire näherten. Die Sachlage an sich war eindeutig, Bertrand hatte ein detailliertes Geständnis abgelegt, das zu den Spuren an den Tatorten passte. Das Gericht stand allerdings vor dem Problem, Bertrands Zustand zu diagnostizieren. Der Unteroffizier sprach vor Gericht höflich und ruhig und wirkte, als sei er bei klarem Verstand. Manche Prozessbeobachter beschrieben ihn als sympathische Erscheinung, der man diese Gräueltaten kaum zutraue. Was war also los mit diesem jungen Mann, der wiederholt Leichen geschändet hatte?

Beide Gutachter attestierten Bertrand Varianten der „Monomanie“, dem zeitgenössischen Sammelbegriff für zeitweisen Wahn. Zur Erläuterung verließen sie das medizinische Vokabular und nahmen Anleihen bei Erzählungen über Zwischenwesen: Früher hätte man in solchen Fällen von Besessenheit durch einen Dämon gesprochen, sagte der Hauptgutachter de Calvi vor Gericht.[13] Michéa verglich in seinem Aufsatz Vampirismus und die Symptome Bertrands. Oberflächlich betrachtet, so Michéa, mochten Bertrands Taten an Vampirismus erinnern, jedoch hätten die Störungen unterschiedliche Ursachen. Während der Vampirismus klassischerweise ein in den Wachzustand fortgesetzter Albtraum sei, ein Delirium, das mit dem Glauben an Vampire einherginge, fände man bei Bertrand nichts dergleichen. Man habe es mit einer „Störung des Gefühlslebens“ zu tun, so der Gutachter, nicht mit einer Störung der „intellektuellen Fähigkeiten“ [Hervorheb. i. Orig.]. Bertrand habe seine Taten offenbar in einer Art sexueller Raserei begangen, die jedoch ohne eine wahnhafte Entrückung wie im Delirium vonstatten ging. Diesen Widerspruch versuchte Michéa mit seiner in der weiteren Psychiatriegeschichte einflussreichen Erfindung der Lust als Triebkraft aufzulösen.

Bezüglich des Vampirismus fällt an Michéas Text auf, dass er innerhalb eines Absatzes dessen Definition wechselt. Im ersten Absatz bezeichnet er mit „Vampirismus“ den Wahn der „abergläubischen Personen“, die glaubten, von einem Vampir geplagt zu werden und in der Folge auf den Friedhof gingen, um diesen auszugraben und zu vernichten. Im zweiten Absatz bezeichnet er damit die Heimsuchung „eines Verstorbenen, der den Schlaf der Lebenden beunruhigt und ihnen den Tod zu bringen versucht“. Diese Doppeldeutigkeit im Begriff „Vampirismus“ – Glauben an Vampire und Wirken des (womöglich existierenden) Vampirs – zieht sich seit dessen Entdeckung durch die einschlägigen Texte. Dass im Gegenzug die Lebenden die Toten heimsuchten, gehörte zwar zu den Ritualen des Vampirglaubens, für Michéa stellte dies im Fall Bertrand allerdings die Umkehrung des Vampirismus dar. Dessen Wahn sei „umgekehrter Vampirismus“, denn man habe es mit „einem Lebenden zu tun, der den Frieden der Gräber stört, der die Leichen besudelt und verstümmelt“.

Michéas Verknüpfung von Vampirismus und erotischer Raserei transportierte den Vampir in die psychiatrische Fachliteratur, wo er zum Prototypen des perversen Triebtäters avancierte. Zuerst befassten sich französische Ärzte und Psychiater mit dem Fall,[14] darüber hinaus ging Bertrand als „French Vampire“[15] in die englische Fachliteratur ein. Was Michéa „umgekehrten Vampirismus“ nannte, bezeichnete der belgische Psychiater Joseph Guislain drei Jahre später – es zittern und beben die Wörter – anhand des Falles Bertrand als Nekrophilie.[16]

In der weiteren Ausformulierung der Krankheitsbilder, die aus „Vampirismus“ und „umgekehrtem Vampirismus“ entwickelt wurden, erwies sich insbesondere die Arbeit des deutschen Psychiaters Richard von Krafft-Ebing als einflussreich. Im Jahr 1886 wurde Bertrand in dessen wichtigem Werk Psychopathia Sexualis zum „modernen Vampir“, der Krafft-Ebing die Vorlage für die von ihm formulierte Diagnose „Sadismus“ lieferte.[17] Die Symptome, die Psychiatrie und Sexualwissenschaft bis Ende des 19. Jahrhunderts unter „Vampirismus“ subsumierten, umfassten sowohl die Lust nach dem Blut oder Fleisch von Lebenden als auch den Wunsch nach der Zerstörung von Leichen. Die zahlreichen unterschiedlichen Vampirerzählungen erleichterten diese Einführung in die Archive der Psychiatrie. Elemente aus Vorstellungen und Praxis des Volksglauben, Züge der literarischen Figur und pathologische Fallgeschichten verbanden sich in den psychiatrischen Texten zur Figur des Vampirs als Triebtäter. „Vampirismus“ wurde zu einem Syndrom zwischen Sadismus und Nekrophilie. Bis in die 1920er-Jahre blieb der „Vampir von Montparnasse“ in der deutschsprachigen Psychiatrie und Sexualwissenschaft ein wichtiges Beispiel für diese – wie es der Psychoanalytiker Wilhelm Stekel nannte – „krassesten sadistischen Handlungen“.[18]

Der Glaube an die Existenz von Vampiren – also Vampirismus im ursprünglichen Sinne – interessierte die Psychiater dagegen nur am Rande. Vielmehr dienten Vampire als kollektiv verfügbares Symbol für die Grenzbereiche Tod und Wahn, so dass Micheá sich nicht in die Texte der Aufklärung zum Vampirismus einlesen musste, sondern auf die kollektiv bekannten Symbole verweisen und daran anknüpfend seine Diagnose entwickeln konnte. Erst um 1900 begannen Sexualwissenschaft und Psychoanalyse sich verstärkt für Volkserzählungen und Träume von Vampiren zu interessieren, in denen sie die dunkle Seite des Unbewussten suchten.[19]

François Bertrand wurde wegen Grabschändung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Nach seiner Entlassung diente er in der französischen Kolonialtruppe Armée d'Afrique und baute Straßen in Algerien. Später kehrte er ins zivile Leben zurück, heiratete und schlug sich in Le Havre mit Gelegenheitsarbeiten durch. Während Bertrands Jahren in der Hafenstadt wurden dort einige Grabschändungen aktenkundig, die nicht aufgeklärt werden konnten.



[1] Dieser Aufsatz befasst sich mit einer Quelle, die ich im Rahmen meiner Dissertation ausgewertet habe: Bernhard Unterholzner, Die Erfindung des Vampirs. Mythenbildung zwischen populären Erzählungen vom Bösen und wissenschaftlicher Forschung, Wiesbaden 2019.

[2] Vgl. Jonathan Strauss, Human Remains. Medicine, Death, and Desire in Nineteenth-century Paris, New York 2012, S. 16–22, S. 67–77.

[3] Claude-François Michéa, Des déviations maladives de l’appétit vénérien, in: L’Union médicale, III/85, 17.7.1849, S. 338–339.

[4] Michel Foucault, Die Anormalen. Vorlesungen am Collège de France (1974–1975), Frankfurt am Main 2007, zu Bertrand S. 369–379, hier S. 369. Überblickend zur Psychiatriegeschichte vgl. Heinz Schott / Rainer Tölle, Geschichte der Psychiatrie. Krankheitslehren, Irrwege, Behandlungsformen, München 2006.

[5] Volkmar Sigusch, Geschichte der Sexualwissenschaft, Frankfurt am Main, New York 2008, S. 551.

[6] Ebd., S. 188.

[7] Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt am Main 1983, S. 67.

[8] Zur Einführung des Vampirs in der Aufklärung und den folgenden Diskurs vgl. Thomas M. Bohn, Der Vampir. Ein europäischer Mythos, Köln, Weimar, Wien 2016.

[9] Vgl. Unterholzner, Erfindung des Vampirs, S. 95–100.

[10] Michael Gamper, Einleitung, in: Michael Bies / Michael Gamper (Hg.), Literatur und Nicht-Wissen. Historische Konstellationen 1730–1930, S. 9–21, hier S. 14.

[11] Vgl. Philipp Sarasin, Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, in: ders., Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2003, S. 10–60., hier S. 35; der Begriff Kollektivsymbol stammt ursprünglich von Jürgen Link.

[12] Der Münchner Geschichtsprofessor Joseph Görres entwarf 1840 in seiner „Christlichen Mystik“ eine Theorie, derzufolge der Vampir den „Nervengeist“ als wichtigste Lebensenergie der Menschen absauge. Noch 1872 behauptete der Berner Zoologe Maximilian Perty, Vampire würden über eine magische Fernwirkung Blut saugen, vgl. hierzu Unterholzner, Erfindung des Vampirs, S. 157–179.

[13] Vgl. Ludger Lunier, Examen médico-légal d’un cas de monomanie instinctive. Affaire du sergent Bertrand, in: Annales medico-psychologiques 1 (1849), S. 351–379, hier S. 363.

[14] Vgl. Julie Mazaleigue-Labaste, Histoire de la perversion sexuelle. Emergence et transformations du concept de perversion sexuelle dans la psychiatrie de à 1912, [Diss.] Amiens 2010, S. 243–299, [Online-Publikation:] https://tel.archives-ouvertes.fr/tel-00780176, Stand 16.10.2020.

[15] George Sigmond, Impulsive Insanity – The French Vampire, in: Journal of Psychological Medicine and Mental Pathology 2 (1849), S. 577–589.

[16] Joseph Guislain, Leçons orales sur les phrénopathies ou traité théorique et pratique des maladies mentales, 3 vols., Gand 1852, vol. 1, S. 257.

[17] Die Bezeichnung „moderner Vampyr“ findet sich in: Richard von Krafft-Ebing, Psychopathia Sexualis. Eine klinisch-forensische Studie, Stuttgart 1886, S. 55–56; den Begriff „Sadismus“ führte Krafft-Ebing in der 7. Aufl. (1892) ein.

[18] Wilhelm Stekel, Sadismus und Masochismus. Für Ärzte und Kriminalogen dargestellt, Störungen des Trieb- und Affektlebens, 10 Bde., Berlin, Wien 1912–1928, Bd. 8, 1925, S. 581. Ausführlich zur Geschichte des Vampirs in Psychiatrie und Sexualwissenschaft vgl. Unterholzner, Die Erfindung des Vampirs, S. 187–207; S. 237–241.

[19] Vgl. Unterholzner, Erfindung des Vampirs, S. 216–246.


Quelle zum Essay
Vampirismus als imaginäre Vorlage für sexuelle Pathologien in der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts – Claude-François Michéas „Über krankhafte Abweichungen des geschlechtlichen Triebes“
( 2020 )
Zitation
Claude-François Michéa (1815-1882), „Über krankhafte Abweichungen des geschlechtlichen Triebes“ („Des déviations maladives de l’appétit vénérien“), in: Themenportal Europäische Geschichte, 2020, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-59715>.
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