„Längst kein Privileg der Männer mehr“? Die Frauenhose in der europäischen Mode am Beispiel der DDR (1949-1965)

Der für die europäischen Nachkriegsgesellschaften charakteristische Widerstreit zwischen tradierten und modernen Orientierungs- und Ordnungsmustern manifestierte sich auch im Rahmen der Etablierung der Hose in der europäischen Damenmode nach 1945. Mit ihrem Eingang in die Damenfreizeitmode entwickelte sich eine Kleiderpraxis, die mit den herkömmlichen Wahrnehmungsmustern von Weiblichkeit brach und die Symbolik sowie den Bezugsrahmen der vestimentären Geschlechterkonstruktion in Frage stellte. Dagegen veranschaulicht sich in den Entwürfen der zeitgenössischen Tages- und Festmode das von wertkonservativen Einstellungen gekennzeichnete Bestreben, die in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit aus den Fugen geratenen Geschlechterverhältnisse und -rollen wieder in gewohnte Bahnen zu lenken.[...]

„Längst kein Privileg der Männer mehr“? Die Frauenhose in der europäischen Modeam Beispiel der DDR (1949–1965)[1]

Von Susanne Oesterreich

[Frühere Version des Artikels: 2014]

Der für die europäischen Nachkriegsgesellschaften charakteristische Widerstreit zwischen tradierten und modernen Orientierungs- und Ordnungsmustern manifestierte sich auch im Rahmen der Etablierung der Hose in der europäischen Damenmode nach 1945. Mit ihrem Eingang in die Damenfreizeitmode entwickelte sich eine Kleiderpraxis, die mit den herkömmlichen Wahrnehmungsmustern von Weiblichkeit brach und die Symbolik sowie den Bezugsrahmen der vestimentären Geschlechterkonstruktion in Frage stellte. Dagegen veranschaulicht sich in den Entwürfen der zeitgenössischen Tages- und Festmode das von wertkonservativen Einstellungen gekennzeichnete Bestreben, die in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit aus den Fugen geratenen Geschlechterverhältnisse und -rollen wieder in gewohnte Bahnen zu lenken. Die für die europäische Nachkriegsmode prägende Modelinie New Look des französischen Modeschöpfers Christian Dior entwarf ein Weiblichkeitsbild, welches durch die Akzentuierung der sekundären Geschlechtsmerkmale in der Tradition der vestimentären Geschlechterinszenierung des 19. Jahrhunderts stand. Wadenlange, „weite Röcke, Wespentaillen, enge Oberteile, gepolsterte Hüften und schmale abfallende Schultern“[2]konstituierten einen stark idealisierten weiblichen Geschlechtskörper, mittels dessen die Geschlechterdifferenz den gesellschaftlichen Vorstellungen entsprechend performativ zur Darstellung gebracht wurde.

Während die Bekleidungsgestalt der konventionellen Damenmode den weiblichen Körper in scharfem Kontrast zum männlich definierten Geschlechtskörper modellierte und den Unterleib sowie Gesäß und Oberschenkel großzügig verhüllte und unsichtbar erscheinen ließ, brach die Hosenmode mit dieser stilisierten Vorstellung von Weiblichkeit und machte die tabuisierten Körperregionen deutlich wahrnehmbar. Damit ergaben sich innerhalb der Damenmode zwei konkurrierende, ausgesprochen divergente Körperbilder, die sich aufgrund der verknüpften Bedeutungsgehalte konsolidierend respektive destabilisierend auf die binäre Geschlechterkonstruktion auswirkten.

Seit dem ausgehenden Mittelalter waren der Besitz und das Tragen von Hosen im westlichen Kulturkreis ein Symbol für Männlichkeit und soziale Vormachtstellung. Als Kennzeichnung des männlichen Geschlechts nach dem Pars-Pro-Toto-Prinzip wurde die Hose in der Folge zum männlichen Privileg und geschlechtsspezifischen Distinktionsmittel, das bisin die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts Bestand hatte.[3]Zwar traten Hosen zuvor bereits als zweckmäßige Sport- und Arbeitsbekleidung sowie vereinzelt als modische Extravaganz von Schauspielerinnen und Künstlerinnen in Erscheinung, als allgemein üblicher Bestandteil der Damenoberbekleidung konnten sie sich allerdings erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durchsetzen.

Innerhalb weniger Jahre avancierte die Hose nun zu einem unentbehrlichen weiblichen Kleidungsstück für Strand, Wanderausflüge und kühlere Urlaubstage. In Zeitschriften dominierte sie die Modeseiten zu Freizeit- und Urlaubsgarderobe. Trotz zahlreicher länderspezifischer Unterschiede weisen die grundlegenden Entwicklungslinien des Etablierungsprozesses der Frauenhose nach 1945 in den europäischen Staaten grundlegende Ähnlichkeiten auf, so dass die modehistorisch relevanten Befunde zur Etablierung der Hose in der weiblichen Freizeitmode der DDR exemplarisch die gesamteuropäische Entwicklung repräsentieren.[4]Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich die verknüpften Diskurse und Debatten entsprechend der jeweiligen nationalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prädispositionen begünstigend respektive hemmend auf die Durchsetzung der Hosenmode auswirkten. So ergab sich beispielsweise aus der offiziellen Auffassung der DDR-Führung zur kulturpolitischen Bedeutung der Mode ein sich auf die Etablierung der Frauenhose stark befördernd auswirkendes Umfeld.

Aufgrund der symbolischen Aufladung der Hose und ihrer damit verknüpften Funktion für die Geschlechterdistinktion waren für den Gebrauch der Frauenhose zunächst noch spezielle soziale Regulierungsprozesse erforderlich. Diese fanden sowohl in der ausführlichen Gebrauchsnormierung der Frauenhose als auch deren spezifischer ästhetisch-stofflicher Bekleidungsgestalt Ausdruck. Ihre Rekonstruktion gibt zum einen Aufschluss über den Grad der gesellschaftlichen Akzeptanz sowie den symbolischen Gehalt des Kleidungsstückes. Zum anderen veranschaulichen sie angesichts der Erosion der traditionellen binären Geschlechterkonstruktion mittels Kleidung neue Strategien zur vestimentären Modellierung des weiblichen Geschlechtskörpers, um dessen performative Darstellung in der sozialen Praxis aufrechtzuerhalten.

In der DDR wurden die entsprechenden Regeln, Auflagen und Normen vor allem mittels Ratgeberjournalismus und -literatur verbreitet.[5]Vor allem Frauenzeitschriften vermittelten im Rahmen sogenannter Moderatgeber kontinuierlich die vielfältigen und umfangreichen Vorgaben und Anleitungen rund um das neue Kleidungsstück der weiblichen Freizeitgarderobe. Zudem erörterten die zeitgenössische Anstandsliteratur, die im Sinne einer normativen Autorität auf die Vermittlung der in einer Gesellschaft als Ideal geltenden Wert- und Moralvorstellungen sowie Verhaltensnormen abzielte, wie auch allgemeiner angelegte Ratgeber mit explizit weiblichem Adressatenkreis zum Teil bis in die Mitte der 1970er-Jahre Reglementierungen und Empfehlungen zum richtigen Umgang mit der Frauenhose.

Gesichert wurde die Einhaltung von Bekleidungsregeln durch die Verknüpfung des Kleidungsverhaltens mit Moral und Anstand. Geschmackvolle und passende Kleidung galt als Ausdrucksmittel guten Benehmens und „Ausweis von moralischer Integrität und Anpassungswilligkeit“[6]. Deviantes Kleidungsverhalten wurde dagegen als ästhetische Beleidigung sowie als Zeichen für moralisches Versagen interpretiert. Vereinzelt wurden die „richtigen Formen des Auftretens und gutgewählter Kleidung“[7]auch explizit als staatsbürgerliche Pflicht der weiblichen Bevölkerung der DDR definiert.[8]

Insbesondere in den 1950er-Jahren häuften sich auf dem Buchmarkt der DDR Neuerscheinungen von Anstands- und Benimmbüchern, die „Herr und Frau Jedermann“[9]zu Lebensstil und Moral der sozialistischen Gesellschaft unterweisen sollten. Üblicherweise verfügten sie über ausgedehnte Kapitel zum Thema angemessener Bekleidung. Allerdings blieben die neuen Benimmfibeln in der Regel weitgehend den bürgerlichen Normen und Wertvorstellungen verhaftet, während am vermeintlich proletarischen Gebaren und Kleidungsstil massiv Anstoß genommen wurde.[10]

Sowohl im journalistischen als auch gebrauchsliterarischen Kontext wurden häufig Negativbeispiele herangezogen, um die vorgebrachten Argumente mittels entsprechender Ausführungen und Abbildungen zu veranschaulichen und zu bekräftigen. Dabei bewegten sich die Reaktionen auf fehlerhaftes Bekleidungsverhalten in der Regel zwischen harscher Kritik und beißendem Spott. Dies gilt insbesondere, wenn das Tragen von Hosen den Anlass lieferte – wie die zugehörige Quelle in Text und Bild beispielhaft aufzeigt. In der Diktion moralischer Belehrung beurteilen die Autoren des erfolgreichen Benimmbuches Guten Tag, Herr von Knigge die Nicht-Einhaltung der bestehenden Reglementierungen als Verstoß gegen die gesellschaftlichen Umgangsformen und geben die Protagonistin der beschriebenen Szenerie der Lächerlichkeit preis.[11]Dies wird mit der Begleitillustration nochmals unterstrichen. Die Zeichnung zeigt zwei nebeneinander gehende Frauen unterschiedlicher Statur, die beide mit dreiviertellangen Hosen bekleidet sind. Während die schlanke Frauenfigur mit ihrem Erscheinungsbild als positives Beispiel dient, wird ihr die korpulente und auf die im Text beschriebene Protagonistin rekurrierende Frauenfigur mittels einer karikativ anmutenden Überzeichnung als Negativbeispiel gegenübergestellt. Die satirisch-humoristisch gestaltete Zuspitzung auf der Text- und Bildebene ermöglichte es, die mit normativem Anspruch dargelegten Bekleidungsregeln auf für die Leserschaft unterhaltsame Weise zu vermitteln. Zugleich diente die pointierte Darstellung aber auch der Verdeutlichung der inhaltlichen Botschaft, indem das angestrebte sowie das unerwünschte Bekleidungsverhalten klar herausgestellt wurden.

Dabei nehmen die Autoren explizit Bezug auf Auflagen und Richtlinien aller vier Kategorien der umfangreichen Gebrauchsnormierung der Frauenhose: Reglementierungen zu Trageanlass und -situation, Reglementierungen zur Kombination mit anderen Kleidungsstücken und Accessoires sowie Reglementierungen zu Figur und Alter der Trägerin.

Bis Ende der 1950er-Jahre nahmen besonders die Darstellung und Diskussion der Reglementierungen zu Trageanlass und -situation breiten Raum ein. Ausführlich wurde erörtert, zu welchen Anlässen das neue Kleidungsstück ohne Bedenken getragen werden könne und wann es besser durch Röcke oder Kleider ersetzt werden sollte. Zunächst war das Tragen von Frauenhosen vor allem auf sportlich-aktive Freizeitunternehmungen wie Klettern, Wandern oder Rad fahren beschränkt. Aber auch als Hausbekleidung, für die Fahrt mit dem Auto oder Motorroller sowie den Aufenthalt am Strand oder auf dem Campingplatz galt die Hose als passende Kleidung. Außerhalb dieser Sphären war ihr Gebrauch allerdings stark eingeschränkt. Für weniger sportlich-aktive Freizeitbereiche wie den Café-Besuch oder Stadtbummel im Urlaubsort wurden Kombinationen aus Hosen und einem darüber getragenen, abnehmbaren Rock empfohlen. Als Bestandteil der weiblichen Tages- und Straßenmode war die Hose zu diesem Zeitpunkt noch undenkbar.

Die Reglementierungen zur Kombination mit anderen Kleidungsstücken und Accessoires betrafen vor allem Elemente der weiblichen Standard- und Festgarderobe. Das Tragen von Schuhen mit Absätzen zu Hosen galt als Modesünde: Lediglich flache Schuhe stellten eine angemessene Kombination dar. Ebenso waren elegante Blusen, Handtaschen, taillierte Mäntelund Schmuck ausgeschlossen. Sowohl die situative Begrenzung als auch die Kombinationsverbote zeugen von dem Bemühen, die Frauenhose als ein vornehmlich sportlich konnotiertes Kleidungsstück zu begründen, das ausschließlich im informellen, semi-öffentlichen Raum der Freizeit getragen werden sollte. Dies blockierte den Eingang der Hose in die Tagesmode bis Mitte der 1960er-Jahre. Allerdings weisen zeitgenössische Medienberichte darauf hin, dass sich die tatsächliche Hosenpraxis in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre zunehmend von der proklamierten Gebrauchsnormierung emanzipierte.

Die Reglementierungen zu Figur und Alter der Trägerinnen besaßen zu Beginn der Etablierungsphase der Frauenhose ebenfalls eine starke normative Geltung. Zunächst wurde das Tragen von Hosen in der Freizeit nur jungen und schlanken Frauen zugestanden; Ältere und Mollige sollten besser auf Röcke und Kleider zurückgreifen. Die Einschränkungen verdeutlichen, dass das offizielle Schönheitsideal in der DDR an der jungen, aktiven, schlanken Frau orientiert war. Übergewicht widersprach der sozialistischen „Gesundheitspflicht“[12]und galt als persönliches Versagen, dem jeder Mensch in jedem Alter vorbeugen könne. Um zu verhindern, dass der als unästhetisch empfundene mollige Frauenkörper durch Hosen besonders hervorgehoben wird, waren übergewichtige Frauen von ihrem Gebrauch zunächst grundsätzlich ausgeschlossen. Denn die modischen Hosen mit schmalem, die Körperform nachzeichnendem Schnitten waren deutlich weniger figurverhüllend als Röcke, welche die Beine auch oberhalb des Knies verdeckten und die Gesäßregion weniger stark unterstrichen. Dieses Deutungsmuster manifestiert sich auch bildhaft in der Begleitillustration der zugehörigen Quelle.

Ende der 1950er-Jahre kam es zu ersten Lockerungen der figurbezogenen Reglementierungen, wobei jedoch das Ideal der schlanken Frau weiterhin Bestand hatte. Etwas fülligeren Frauen wurde nun das Tragen von Hosen zugestanden, wenn sie bestimmte Auflagen in Bezug auf Schnitt der Hose und Kombination mit anderen Kleidungsstücken befolgten und die als unästhetisch empfundenen Körperregionen beispielsweise durch längere Oberteile verdeckten.

Da die offiziellen Kleidungsvorstellungen der DDR forderten, dass sich Frauen mit zunehmendem Alter weniger figurbetont und zurückhaltender, beziehungsweise eleganter in Farbe und Schnitt kleiden sollten, galten Hosen für ältere Frauen als unpassend. Aus diesem Grund empfahlen Frauenzeitschriften und Ratgeberliteratur der Frau ab 35 Jahren, die Hose gegen seriösere Kleider einzutauschen. Erst als im Verlauf der 1960er-Jahre die strikte Gliederung der Frauenmode nach Lebensalter zunehmend an Bedeutung verlor, lockerten sich auch die mit dem Hosentragen verknüpften Altersbeschränkungen.

Durch die umfangreichen Bekleidungsregeln zur weiblichen Freizeithose fand die Hose in den 1950er- und frühen 1960er-Jahren zunächst nur in engen Grenzen und sehr beschränktem Umfang Eingang in die Damenmode. Doch in dem Maße, in dem die Hose ihre geschlechtsspezifische Konnotation sukzessive einbüßte und zu einem selbstverständlichen Kleidungsstück für beide Geschlechter wurde, verloren die spezifischen mit dem Hosentragen verbundenen Reglementierungen zunehmend ihre Gültigkeit – bis gesonderte Bekleidungsregeln schließlich vollständig hinfällig waren. Damit einher ging eine grundlegende Modifikation des Bedeutungsgehalts der Hose, die maßgeblich durch ihre stofflich-ästhetische Bekleidungsgestalt in der weiblichen Freizeitmode bedingt wurde. Ein charakteristischer Schnitt kennzeichnete das neue Kleidungsstück explizit als Frauenhose und grenzte es zunächst deutlich von Männerhosen und der vestimentären Modellierung des männlichen Geschlechtskörpers ab. So war die Freizeithose für Damen bis Mitte der 1960er-Jahre durchweg schmal geschnitten und verfügte über einen seitlichen oder rückwärtigen Verschluss. Auch durch die verwendeten Materialien, weiche, leicht fallende Stoffe in dezenten Farbtönen, unterschied sich die neue Hosenform von ihrem als männlich markierten Pendant. Neben langen Hosen waren dreiviertel- und siebenachtellange Hosen die häufigsten Erscheinungsformen.

Über diese als explizit weiblich definierten Elemente konstituierte sich eine spezifische Bekleidungsgestalt, die ein neues mittels Kleidung modelliertes Körper- und Geschlechterbild hervorbrachte. Dieses erweiterte die in der sozialen Praxis maßgebenden Darstellungs- und Wahrnehmungsmuster von Weiblichkeit entscheidend, indem es die Geschlechterdifferenz auch abseits der über Jahrhunderte ritualisierten ideellen Formung des weiblichen Geschlechtskörpers mittels den Unterleib und die Beine verhüllender Kleidung performativ zur Darstellung brachte. In diesem Sinne führte die erhebliche Irritation der binären Geschlechterkonstruktion, welche die weibliche Hosenmode durch die Abkehr vom tradierten vestimentären Weiblichkeitsleitbild induzierte, zu Umdeutungsprozessen, in deren Verlauf wesentliche Gestaltungselemente der Freizeithose verbindlich als eindeutige Bedeutungsträger für Weiblichkeit respektive das weibliche Geschlecht definiert wurden, um die textile Wahrnehmbarkeit der Geschlechterdifferenz weiterhin aufrechtzuerhalten. Da die Freizeithose damit wiederum stabilisierende Wirkung auf die binäre Geschlechterkonstruktion hatte, war sie auch nie dem Vorwurf der Vermännlichung ausgesetzt. Anders als beispielsweise im Bereich der weiblichen Arbeitsbekleidung, deren Bekleidungsgestalt im Wesentlichen dem männlich konnotierten Vorbild entsprach, wurde die Hose in der Freizeitmode nicht direkt mit deren Maskulinität verkörpernden Attributen konfrontiert, sondern als spezifisch weibliche Variante eines Kleidungsstückes aufgefasst.

Dagegen setzten die als Niethosen bezeichneten Jeans, welche in den 1950er-Jahren zunehmend die männliche wie weibliche Jugendfreizeitmode eroberten, einen wesentlichnachhaltigeren Erosionsprozess der vestimentär vermittelten Geschlechterdifferenz in Gang. Indem sich ihre stofflich-ästhetische Bekleidungsgestalt geschlechterunabhängig am Schnitt einer Herrenhose orientierte, stellten Jeans die augenfällige geschlechtsspezifische Zuordnung der Hose in Frage. Weiterhin sorgte die sehr enge, körperbetonte Passform mit röhrenförmigen Hosenbeinen in weiten Teilen der Gesellschaft für moralische Entrüstung. Von der Staatsführung der DDR wurde die jugendliche Jeansmode zudem aufgrund politisch-ideologisch motivierter Vorbehalte als Symbol der US-amerikanischen respektive westlichen Jugendkultur missbilligt, diskreditiert und sanktioniert, weshalb es Jugendlichen beider Geschlechter vielfach bis in die 1970er-Jahre strikt untersagt war, in der Schule und auf Veranstaltungen der FDJ Jeans zu tragen.[13]Damit sahen sich weibliche Jugendliche, die Jeans als Freizeit- und Alltagsgarderobe nutzten, nicht nur dem Vorwurf einer fragwürdigen weltanschaulichen Orientierung ausgesetzt. Interpretiert als Bedrohung der etablierten Geschlechterordnung und den damit verknüpften Vorstellungen von Weiblichkeit galt diese unisexuelle Bekleidungspraxis als Symptom einer alarmierenden Entwicklung innerhalb der sozialistischen Jugend. In der zeitgenössischen Frauenpresse zeichnen sich vielfach die Bemühungen ab, geschmacksbildend auf das jugendliche Bekleidungsverhalten einzuwirken. Dabei wurden den geltenden Bekleidungskonventionen entsprechend Modelle der konfektionierten Jugendmode empfohlen, welche die als männlich und weiblich attribuierten Geschlechtscharaktere abbildeten und voneinander abgrenzten. Auf diese Weise würden nach Ansicht der Frauenzeitschrift „Sibylle“ aus den Jeans tragenden, „raubeinigen, einige Nuancen zu burschikosen ‚schauen Puppen‘ […] hübsche, moderne, nette Mädchen“[14].

Wie sich anhand der differenten Auswirkungen der Freizeithose und der Jeans auf die soziale Geschlechterkonstruktion deutlich zeigen lässt, fungierte die Hose seit ihrem Eingang in die weibliche Freizeitmode Mitte der 1950er-Jahre nicht mehr per se als Marker zwischen den Geschlechtern. Ihre Geltung als Distinktionsmittel ergab sich nun aus der Beschaffenheit der Hose, anhand derer die sozialen Kategorien Männlichkeit und Weiblichkeit in der Alltagsinteraktion repräsentiert und ausgehandelt wurden. Dass die Hose nicht mehr prinzipiell als Bedeutungsträger für Männlichkeit diente, zeigt auch der massenhafte Eingang der behosten Frau in die Printwerbung der 1950er-Jahre. In einem spezifisch weiblich konnotierten Kontext wurde das Hosentragen nun als modern und fortschrittlich, als Ausdruck eines von Unternehmungslust, Agilität und Selbstbewusstsein bestimmten Lebensgefühls interpretiert. Ob für Gesichtscreme, Hygieneartikel, Motorroller oder Fotofilme: Die weiblichen Werbefiguren trugen nun in der Regel die schmalen, figurbetonten Freizeithosen, wobei auch hier stets an der engen situativen Begrenzung der Hose festgehalten wurde. In diesem Sinnegeben die entsprechenden Anzeigen Aufschluss über den Etablierungsgrad der Frauenhose und deren fortschreitende gesellschaftliche Akzeptanz in den 1950er-Jahren.

Mit der fortschreitenden Verbreitung der Frauenhose in den 1960er-Jahren nahmen Anzahl und normativer Anspruch der Reglementierungen sukzessive ab. Als die Hose im Herbst 1965 in Form des Hosenanzuges Eingang in die Tagesmode der DDR fand, wandelten sich neben den Richtlinien zu Trageanlass und -situation auch die Reglementierungen zu Figur und Alter der Trägerin deutlich. Durch die Ausdifferenzierung in verschiedene Grundschnitte entstanden Modelle für unterschiedliche Figurtypen und Altersgruppen. Nun waren nur noch kleine Frauen mit breiten Hüften und sehr kurzen Beinen vom Hosentragen ausgeschlossen. Zum anderen veränderte sich mit dem Hosenanzug gänzlich die ästhetisch-stoffliche Bekleidungsgestalt der Frauenhose. Die neuen Modelle waren durch ihren geraden Schnitt weniger figurbetonend und verfügten über einen deutlich weiteren Fußsaum sowie einen Verschluss an der Vorderseite. Auch die verwendeten Materialien wie Kord und Tweed grenzten den Hosenanzug von der Freizeithose ab und näherten die Frauenhose wieder dem männlichen Vorbild an.

Dass in der Tagesmode sowohl weitschweifige Reglementierungen als auch eine spezifisch weiblich konnotierte Variante der Hose obsolet wurden, ist auf den zunehmenden Abbau beziehungsweise den Verlust der tradierten mit der Hose verknüpften Sinn- und Vorstellungsgehalte zurückzuführen. Da sie ihre geschlechtsspezifische Konnotation und ihre Distinktionsfunktion bereits weitestgehend verloren hatte, kam der Hose für die performative Darstellung der sozialen Geschlechterkonstruktion keine maßgebliche Bedeutung mehr zu. Mit dem Eintritt der Frauenhose in die Festmode um 1970 war die Hose schließlich in allen Bereichen des weiblichen Kleiderspektrums vertreten. Seitdem galt sie als ein selbstverständliches Kleidungsstück für beide Geschlechter, dessen Gebrauch keiner besonderen Reglementierung bedurfte. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Körperbilder der zeitgenössischen Damenmode erheblich pluralisiert: Sowohl die Hosenmode als auch die Mini-, Midi- und Maxi-Mode hatten Bekleidungsgestalten hervorgebracht, die nebeneinander bestanden und den weiblichen Adressatinnen Wahlmöglichkeiten offerierten.

Da auch die „Mode in der DDR kein politikfreier Raum“[15]war, sind die dargelegten Entwicklungen der Damenmode der DDR ohne die Berücksichtigung politisch-ideologischer Einflussnahmen nur unvollständig. Nach Auffassung der politischen Führung der DDR manifestierte sich in der Mode nicht nur die materielle und kulturelle Prosperität von Staat und Gesellschaft, sondern sie fungierte „in Erfüllung kulturpolitischer und ökonomischer Aufgabengleichzeitig als Instrument der Weiterentwicklung der sozialistischen Gesellschaft“[16]und sollte im „Wettbewerb mit dem Kapitalismus, vor allem im Wettstreit mit Westdeutschland […] den Beweis der Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaft erbringen"[17]. In diesem Sinne wurde die Etablierung der Frauenhose als Ausdruck des gesellschaftlichen Fortschritts, als Beleg der vollzogenen sozialen Gleichberechtigung der Frau in der DDR interpretiert und forciert. Diese politisch-ideologische Instrumentalisierung diente nicht zuletzt der Abgrenzung von der Bundesrepublik Deutschland und der Demonstration der Überlegenheit der DDR über den deutschen Nachbarstaat.

Allerdings offenbart der Etablierungsprozess der Hose in der Damenmode auch Grenzen des umfassenden Gestaltungs- und Herrschaftsanspruchs der SED. Dass dieser hinsichtlich der privaten Lebenssphären bisweilen ins Leere lief, zeigen Diskrepanzen zwischen den medial und gebrauchsliterarisch reproduzierten Reglementierungen zu Trageanlass/-situation und der tatsächlichen Bekleidungspraxis. So verfolgte und kommentierte die Frauenpresse der DDR mit Sorge und Entrüstung, dass die Freizeithose das weibliche Bekleidungsverhalten in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre trotz ihrer strikten Reglementierung hinsichtlich des Trageanlasses immer häufiger auch jenseits sportlich-aktiver Freizeitaktivitäten bestimmte. Damit traten mit Hosen bekleidete Frauen vermehrt im öffentlichen Straßenbild in Erscheinung und zwar bevor die Hose offiziell als Tagesgarderobe in den Modekanon aufgenommen wurde. In der ostdeutschen Frauenpresse erntete dieses den geltenden Konventionen widersprechende Bekleidungsverhalten harsche Kritik und Missbilligung.[18]Wie das Beispiel zeigt, unterhöhlten Frauen die rigide und moralisch-ideologisch unterfütterte Gebrauchsnormierung zum Teil durch eigensinniges vestimentäres Verhalten entgegen der geltenden und gewünschten Bekleidungsregularien, indem sie sich ihr selbstbestimmt entzogen respektive sie bewusst verweigerten.

[1] Essay zur Quelle: Mode ist kein Zwang,sondern eine Erlaubnis (1964).

[2] Lehnert, Gertrud, Geschichte der Mode des 20. Jahrhunderts, Köln 2000, S. 43.

[3] Vgl. Wolter, Gundula, Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose, Marburg 1994. Metken, Sigrid, Der Kampf um die Hose. Geschlechterstreit und die Macht im Haus. Die Geschichte eines Symbols, Frankfurt u.a. 1996.

[4] Dies bestätigen die Ergebnisse einer inhaltsanalytischen Untersuchung bundesrepublikanischer Frauenzeitschriften für den Zeitraum 1949–1975. Sie zeigen signifikante Parallelen hinsichtlich der Durchsetzung der Hose in der Damenmode in der Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich. Dies betrifft neben den einzelnen Phasen des Etablierungsprozesses und der Entwicklung der stofflich-ästhetischen Bekleidungsgestalt der Frauenhose auch ihre Gebrauchsnormierung und gesellschaftliche Akzeptanz. Aufgrund ihrer ausgeprägten Vorreiterrolle gingen von der französischen Mode, die für die west- wie osteuropäische Modeentwicklung – in unterschiedlicher Ausprägung – als Referenzpunkt diente, maßgebliche Impulse für die Etablierung der Hose in der europäischen Mode aus.

[5] In der Bundesrepublik waren diese Vermittlungswege für die Gebrauchsnormierung der Frauenhose ebenfalls bestimmend. Es ist davon auszugehen, dass dieser Befund auch zu-treffend ist für andere europäische Länder.

[6] Ernst, Anna-Sabine, Vom „Du“ zum „Sie“. Die Rezeption der bürgerlichen Anstandsregeln in der DDR der 1950er Jahre, in: Mitteilungen aus der Kulturwissenschaftlichen Forschung 16 (1993), H. 33, S. 190–209, 169.

[7] Uhlmann, Irene (Hg.), Kleine Enzyklopädie. Die Frau, Leipzig 1963, S. 36.

[8] Vgl. Uhlmann, Frau, S.36.

[9] Ernst, Anstandsregeln, S. 193.

[10] Vgl. Röseberg, Dorothee, Wider den Proletkult. Anstandsbücher in der DDR zwischen Epochenumbruch und Erbaneignung, in: Krauss, Henning (Hg.), Psyche und Epochennorm. Festschrift für Heinz Thoma zum 60. Geburtstag, Heidelberg 2005, S. 449–468.

[11] Vgl. die zu diesem Essay mit veröffentlichte Quelle Mode ist kein Zwang, sondern eine Erlaubnis, in: Schweikert, Walter K.; Hold, Bert, Guten Tag, Herr von Knigge. Ein heiteres Lesebuch für alle Jahrgänge über alles, was „anständig“ ist, Berlin 1964, S. 80–85.

[12] Budde, Gunilla-Friederike, Der Körper der „sozialistischen Frauenpersönlichkeit“. Weiblichkeitsvorstellungen in der SBZ und frühen DDR, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft 26 (2000), H. 4, S. 602–628, 613.

[13] Vgl. Menzel, Rebecca, Jeans in der DDR. Vom tieferen Sinn einer Freizeithose, Berlin 2004; Janssen, Wiebke, Halbstarke in der DDR. Verfolgung und Kriminalisierung einer Jugendkultur, Berlin 2010, S. 118–127.

[14] Sibylle (1958), H. 2, S. 32.

[15] Ernst, Anna-Sabine, Von der Bekleidungskultur zur Mode. Mode und soziale Differenzierung in der DDR, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg (Hg.), Politische Kultur in der DDR, Stuttgart 1989, S. 158–179, S. 158.

[16] Ernst, Anna-Sabine, Mode im Sozialismus. Zur Etablierung eines ‚sozialistischen Stils‘ in der frühen DDR, in: Mänicke-Gyöngyösi, Kriztina; Rytlewski, Ralf (Hgg.), Lebensstile und Kulturmuster in sozialistischen Gesellschaften, Köln 1990, S. 73–94, 84.

[17] Deutsches Modeinstitut: Die Bedeutung der Mode in der DDR und die Aufgaben des DMI, Berlin 1962, Stadtmuseum Berlin SM 8-4, Bl. 2.

[18] Vgl. Für Dich. Illustrierte Zeitschrift für die Frau (1963), H. 25, S. 47.



Literaturhinweise

  • Budde, Gunilla-Friederike, Der Körper der „sozialistischen Frauenpersönlichkeit“. Weiblichkeitsvorstellungen in der SBZ und frühen DDR, in: Geschichte und Gesellschaft. Zeitschrift für historische Sozialwissenschaft 26 (2000), H. 4, S. 602–628.
  • Ernst, Anna-Sabine, Von der Bekleidungskultur zur Mode. Mode und soziale Differenzierung in der DDR, in: Landeszentrale für politische Bildung Baden Württemberg (Hg.), Politische Kultur in der DDR, Stuttgart 1989, S. 158–179.
  • Ernst, Anna-Sabine, Mode im Sozialismus. Zur Etablierung eines ‚sozialistischen Stils‘ in der frühen DDR, in: Mänicke-Gyöngyösi, Kriztina, Rytlewski, Ralf (Hgg.), Lebensstile und Kulturmuster in sozialistischen Gesellschaften, Köln 1990, S. 73–94.
  • Menzel, Rebecca, Jeans in der DDR. Vom tieferen Sinn einer Freizeithose, Berlin 2004.
  • Wolter, Gundula, Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose, Marburg 1994.

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