Jan Józef Lipskis Europäischer Traum Zur Geschichtskultur in Polen, Russland und Deutschland nach 1989

Das Beziehungsdreieck Russland, Polen und Deutschland gehört zu den zentralen Konfliktkonstellationen des modernen Europa. Die europäische Katastrophe im Zeitalter der Extreme hatte ihr geographisches Zentrum in Polen, das 1939 Opfer deutscher und sowjetischer Aggression wurde und auf dessen Territorium das Deutsche Reich den Völkermord an den europäischen Juden verübte. Nach 1945 verschwand Polen dann als unfreiwilliger Vasall hinter dem Eisernen Vorhang. Bis 1956 litt das Land – wie seine Nachbarn – unter der stalinistischen Gewaltherrschaft. Die totalitäre Herrschaft erzwang eine gesellschaftliche Transformation, die neben der politisch-wirtschaftlichen Umgestaltung auch eine nationalkommunistische Umgestaltung des Geschichtsbildes beinhaltete. [...]

Jan Józef Lipskis europäischer Traum. Zur Geschichtskultur in Polen, Russland und Deutschland nach 1989[1]

Von Jan C. Behrends

„Ich fürchte die Deutschen und die Russen, ich verachte die einen wie die anderen, ich bewundere beide. Vielleicht ist es das polnische Schicksal, unentwegt über den eigenen Ort in Europa und der Welt zu meditieren. Pole sein, heißt in völliger Vereinsamung leben. Pole sein, heißt, der letzte Mensch östlich des Rheins zu sein. Denn für einen Polen sind die Deutschen so etwas wie gut konstruierte Maschinen, Roboter; die Russen dagegen sind schon ein wenig wie Tiere. Die Nachbarschaft zur Slowakei im Süden spendet da wenig Trost.“[2]

Das Beziehungsdreieck Russland, Polen und Deutschland gehört zu den zentralen Konfliktkonstellationen des modernen Europa. Die europäische Katastrophe im Zeitalter der Extreme hatte ihr geographisches Zentrum in Polen, das 1939 Opfer deutscher und sowjetischer Aggression wurde und auf dessen Territorium das Deutsche Reich den Völkermord an den europäischen Juden verübte. Nach 1945 verschwand Polen dann als unfreiwilliger Vasall hinter dem Eisernen Vorhang. Bis 1956 litt das Land – wie seine Nachbarn – unter der stalinistischen Gewaltherrschaft. Die totalitäre Herrschaft erzwang eine gesellschaftliche Transformation, die neben der politisch-wirtschaftlichen Umgestaltung auch eine nationalkommunistische Umgestaltung des Geschichtsbildes beinhaltete. Doch der totalitäre Anspruch schlug sich nicht in einer stringenten Meistererzählung wieder. Vielmehr verfolgte das kommunistische Polen seit 1945 eine widersprüchliche Geschichtspolitik. In der parteistaatlichen Propaganda stand ein völkischer Nationalismus in unaufgelöstem Widerspruch mit der erfundenen Freundschaft zur Sowjetunion. Das offizielle Verhältnis zu Deutschland war ebenfalls ambivalent: Die polnischen Kommunisten legitimierten ihre Macht mit der Angst vor deutscher Revanche. Die Sowjetunion, so ihr Credo, sei die einzige Garantiemacht der Grenzen an Oder und Neiße. Doch bereits 1950 mussten sie auf das offizielle Deutschlandbild des sowjetischen Imperiums einschwenken. So stand neben dem Feindbild Westdeutschland, das eng an die Topoi des Antifaschismus und Antiamerikanismus gekoppelt war, die verordnete Freundschaft zur DDR.

Trotz der Zwangslage zwischen der sowjetischen Hegemonialmacht und dem geteilten Deutschland gingen schon in den sechziger Jahren aus der polnischen Gesellschaft Initiativen hervor, die Verheerungen des 20. Jahrhunderts aufzuarbeiten. So adressierten die katholischen Bischöfe Polens im November 1965 einen Brief an ihre deutschen Amtsbrüder, der den Satz „Wir vergeben und bitten um Vergebung“ enthielt. In dieser Tradition historischer Aufklärung und Aufarbeitung auf christlicher Grundlage steht auch der hier gekürzt vorgestellte Aufsatz von Jan Józef Lipski zum Thema „Zwei Vaterländer, zwei Patriotismen“ von 1981. Der Literaturwissenschaftler und Dissident Lipski ging freilich noch weiter als die Bischöfe; er forderte die polnische Gesellschaft auf, ihre Beziehungen zu Deutschen, Russen und zu ihren jüdischen Mitbürgern zu überdenken. Er wollte die Geschichtspolitik des kommunistischen Regimes, deren Grundpfeiler das Ressentiment gegenüber den deutschen „Revanchisten“, die verordnete Freundschaft mit der UdSSR und antisemitische Kampagnen waren, durch einen zivilen Diskurs zwischen freien Gesellschaften ablösen, um einen aufgeklärten Patriotismus zu etablieren. Lipski ermahnte seine Landsleute 1981, ihre Feindbilder zu überwinden und so den Weg für eine Rückkehr Polens in ein vereintes Europa zu ebnen. Nach seiner Auffassung konnte nur diejenige Gesellschaft frei sein, der die Fragwürdigkeit ihrer nationalen Mythen bewusst ist und die darum ringt, Ressentiments zu überwinden. Lipski forderte, die Polen sollten sich für Europa entscheiden und denjenigen eine klare Absage erteilen, die den „Ulanentschako“ der Kommunisten und Nationalisten aufbehalten wollten. Er wandte sich mit seinem Text nicht an die Historiker: Nein, Lipski wollte die Geschichtskultur seiner Gesellschaft verändern. Die traurige Aktualität seines Aufsatzes im kritischen Durchgang der polnischen, deutschen und russischen Geschichtskultur ist mein Thema.

Was Jan Józef Lipski über das polnische Geschichtsbild schrieb, das galt in den achtziger Jahren auch für die anderen Schenkel des hier beschriebenen Länderdreiecks. Insbesondere die DDR und die Sowjetunion, aber auch die selbstbezogene und vornehmlich nach Westen orientierte Bundesrepublik, verfügten im Jahr 1981 über keine europäische Geschichtskultur. Auf unterschiedliche Weise dominierten nationale Mythen, die häufig aus dem 19. Jahrhundert stammten, und die Obsessionen des Kalten Krieges die kollektiven Vorstellungswelten. Frische Impulse aus der Szene ostmitteleuropäischer Dissidenten vermochten jedoch vermeintliche Gewissheiten auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs zu erschüttern – neben Lipski engagierten sich beispielsweise Václav Havel oder György Konrád für einen europäischen Dialog. So fungierte die Dissidentenszene vor 1989 als Ideenlaboratorium für ein Europa, das die Ordnung von Jalta überwindet. Und nach dem Ende des Kommunismus bestand die Chance, dass europäisch gesinnte Eliten in Mitteleuropa tonangebend würden. Schließlich kamen seit Mitte der achtziger Jahre selbst aus dem Zentrum des sowjetischen Imperiums europäische Signale: In Russland, wo gesellschaftliche Veränderungen in der Regel von den Mächtigen angestoßen werden, sprach Michail Gorbatschow vom „gemeinsamen europäischen Haus“, das es zu bauen gelte. Ein solches Haus erforderte auch eine gemeinsame Geschichtskultur.

Nach der Auflösung des sowjetischen Imperiums bestand zum ersten Mal seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts die Chance, die deutsch-russisch-polnische Dreiecksgeschichte zu analysieren und die Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte jenseits nationaler Perspektiven voranzutreiben. Und tatsächlich trat der Nationalismus in den neunziger Jahren zunächst in den Hintergrund. Auf verschiedenen politischen, wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Ebenen wurden Kontakte geknüpft und gemeinsame Projekte angestoßen. Dies galt auch für die Erforschung kommunistischer Herrschaft: So entstanden grenzübergreifende Forschungen zu Themen wie Krieg und Besatzung, zum sowjetischen Massaker von Katyn oder den Vertreibungen nach 1945. Jenseits des schon zeitgenössisch belächelten Versöhnungskitsches der neunziger Jahre arbeiteten junge Historiker und etablierte Wissenschaftler eng zusammen. Doch die Geschichtswissenschaft stieß auch an Grenzen der Kooperation. Die Zusammenarbeit konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zeitgeschichtsschreibung in Polen, Russland und Deutschland ein überwiegend nationales Metier blieb. Eine vertiefte Kooperation wie sie etwa die Forschung zur Frühen Neuzeit kennzeichnet, wurde in der Zeitgeschichte nicht erreicht. Weitaus dramatischer als die Defizite in der Wissenschaft war jedoch die Entwicklung der nationalen Geschichtskulturen: In keinem der hier besprochenen Länder gelang es, hier die nationale Perspektiven zu überwinden.

Wie steht es heute um Jan Józef Lipskis europäischen Traum von der überwundenen Antipathie zwischen Polen, Deutschland und Russland? Insbesondere die Entwicklung der nationalen Geschichtskulturen bietet, so meine ich, Anlass zur Sorge. Beginnen wir mit Lipskis polnischer Heimat und werfen wir dann unseren Blick auf Russland und Deutschland.

Als Lipski seinen „zwei Vaterländer“-Aufsatz zu Zeiten der Solidarnosc schrieb war die Aussicht auf eine Rückkehr Polens nach Europa mehr leichtsinnige Zuversicht als realistische Erwartung. Heute ist sie Wirklichkeit: Polen ist sowohl Mitglied der atlantischen Verteidigungsgemeinschaft als auch der Europäischen Union. Selbstgespräche der Polen über ihre Geschichte finden nur noch selten statt; zu vielen Themen polnischer und europäischer Geschichte existiert ein lebhafter Dialog. Wissenschaftliche Kooperation und kollegialer Streit sind – selbst bei heiklen Themen – unter Historikern eine Selbstverständlichkeit geworden. In den Beziehungen zwischen deutschen und polnischen Historikern – insbesondere in der jüngeren Generation – hat sich eine Atmosphäre entwickelt, die Lipskis europäischem Traum durchaus nahe kommt. Die Debatte um den Judenmord in Jedwabne bildete den Höhepunkt dieser Entwicklung. Doch trotz der institutionellen und professionellen Integration Polens deutet einiges darauf hin, dass der Austausch wieder ins Stocken geraten ist.

Anlass zur Sorge gibt die Ebene der politischen und publizistischen Öffentlichkeit. Wo in den neunziger Jahren im Verhältnis Polens zu seinen Nachbarn Verständnis gezeigt und gelegentlich auch zelebriert wurde, lassen sich nun wieder Empfindlichkeit und gezielte Gehässigkeit beobachten. Mit dem politischen Sieg der Nationalkonservativen kam es in Teilen der polnischen Öffentlichkeit zu einer Rückkehr des Ressentiments als Mittel der Politik. Verständliche Irritationen Polens über die Russophilie der rot-grünen Bundesregierung und die Spaltung Europas im Konflikt um den Irakkrieg gingen dieser Entwicklung voraus. Doch darüber hinaus versucht die Warschauer Führung, sich durch gezielt geschürte Konflikte mit Berlin nationale Legitimation zu verschaffen. Dadurch hat sich in den bilateralen Beziehungen eine negative Dynamik entfaltet. Die Renationalisierung der Geschichtsbilder geht dabei mit einer gezielten Wiederaufwertung derjenigen Mythen einher, die Jan Józef Lipski 1981 ins Visier nahm. Dabei sticht ein Paradox ins Auge: Eine Regierung, die behauptet, radikal mit der kommunistischen Vergangenheit zu brechen, bedient sich aus dem Repertoire der Feindbilder, die in der „Volksrepublik“ autoritäre Herrschaft legitimierten. Diejenigen, die eine „vierte Republik“ ausriefen, stehen tatsächlich in der autoritären Tradition des nationalen Kommunismus. Es ist zu befürchten, dass aufgrund des Staatsverständnisses der Nationalkonservativen mittelfristig auch die polnische Geschichtswissenschaft an Pluralität einbüßen wird. Der politische Druck aus Warschau legt dies nahe. Anstatt das europäische Erbe der Dissidenten zu pflegen, spielen Regierung und ein Teil der Medien mit dem Feuer geschürter Vorurteile, die sich häufig auf historische Analogien berufen.

Doch die Rückkehr zu nationalen Mythen ist beileibe kein polnischer Sonderweg. Im vereinten Deutschland lässt sich eine zunehmende Distanz zwischen der Arbeit professioneller Historiker und den populären Erzählungen der von Phillip Ther „Memorians“ getauften Dramaturgen des Histotainments beobachten. Letztere dominieren die Darstellung der deutschen Geschichte in den Massenmedien. Diesen Laienpriester, stets emotionaler Aufwallung verpflichtetet, ist es gelungen, selbst in öffentlich-rechtlichen Medien historische Aufklärung durch Kitsch und NS-Trivia zu ersetzen. So prägen Bilder der Deutschen als Opfer von Krieg und Gewalt wieder zunehmend die öffentliche Wahrnehmung. Neben der „Wiederentdeckung“ des angeblich tabuisierten Bombenkrieges gegen die deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg sei hier auf die häufig entkontextualisierten Darstellungen der Vertreibung aus Ostmitteleuropa verwiesen. Der anhaltende Streit über ein staatliches Zentrum gegen Vertreibungen dokumentiert, dass auch hierzulande Teile der Politik primär nationale Interessen verfolgen. Auch wenn auf wissenschaftlicher Ebene die Europäisierung der Geschichtswissenschaft vorankommt, durchziehen die Massenmedien Erzählungen von verlorener Größe, eigenem Leid und deutschen Opfern. Diese Fixierung auf das eigene Schicksal versperrt den Weg zum einem europäischen Verständnis deutscher Zeitgeschichte. Sie wirkt zudem wie die Ruhe vor dem Sturm eines allgemein anerkannten Geschichtsrevisionismus. Deutschland ist keineswegs das Musterland einer europäischen Geschichtskultur; das deutsche Publikum liebt vielmehr die Nabelschau und die deutsche Politik zelebrierte unlängst – zum Entsetzen der Polen – die Freundschaft mit einem Russland, dass sich wieder imperialer Rhetorik bedient.

Trotz der problematischen Tendenzen in Polen und Deutschland muss Russland als der eigentliche geschichtspolitische Problemfall hervorgehoben werden. Als die UdSSR 1991 zusammenbrach, bot sich hier die Chance, sich der Katastrophengeschichte des sowjetischen Weges in die Moderne zu stellen. Dies ist jedoch nur in Ansätzen geschehen. Während die russische Geschichtswissenschaft einen Prozess der partiellen Professionalisierung durchlief, fand die während der Perestroika begonnene Debatte über die sowjetische Geschichte ein schnelles Ende. Gegenüber historischer Aufarbeitung gewann Großmachnostalgie schnell die Oberhand. Und seit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges werden in Russland die Voraussetzungen für ein vernünftiges Gespräch über die eigene Geschichte gezielt demontiert. Wenn es in Polen und Deutschland irritierende Tendenzen im öffentlichen Diskurs sind, die uns verstören sollten, so ist in Russland das Ende pluraler Öffentlichkeit eine alarmierende Entwicklung. Spätestens mit dem Mord an Anna Politkovskaja, jener wachsamen Chronistin russischer Zustände, wurde offensichtlich, dass kritische Meinungsäußerung in Russland lebensgefährlich ist. Der russische Staat, so könnte man in freier Anlehnung an Jan Józef Lipski formulieren, hat seine Gesellschaft darauf verpflichtet, die Budjonnymütze wieder aufzusetzen. Dies zeigt sich in der neosowjetischen Geschichtskultur mit ihren martialischen Feiern nationaler Gedenktage, deren Massenaufmärsche die stalinistischen Schauspiele der Stärke und Einheit imitieren. Die xenophoben Mythen der sowjetischen Zeit werden erneut gepflegt, das antiwestliche – insbesondere auch das antipolnische – Ressentiment genährt und sogar als Feiertag inthronisiert. Als neuen „Tag der nationalen Einheit“ etablierte der Kreml im Jahr 2005 den 4. November, der den alten Jahrestag der Oktoberrevolution ersetzt: An diesem Tag begeht das offizielle Russland nun die Vertreibung eines polnischen Besatzungsheeres aus Moskau am 4. November 1612.

Auch in Russland reichen die problematischen Entwicklungen weiter zurück. Vom „gemeinsamen europäischen Haus“, in das Michail Gorbatschow einziehen wollte, war schon unter seinem Nachfolger kaum noch die Rede. Doch seit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges ist es die Rückkehr des Imperialen, die sich zunächst diskursiv Bahn brach und mittlerweile nicht nur die Vergangenheitspolitik, sondern auch die russische Außenpolitik bestimmt. Der Streit um das sowjetische Kriegerdenkmal in Estland vor wenigen Monaten verdeutlichte, dass die russische Regierung ihr neosowjetisches Geschichtsbild auch jenseits der eigenen Grenzen konservieren möchte. Wo das nicht geschieht, da ist sie gewillt, zu sowjetischen Methoden der Mobilisierung zu greifen, um ihre Gegner einzuschüchtern. In Russland ist staatlich sanktionierte Xenophobie – vor den Esten bekamen dies die Georgier zu spüren – wieder zu einem Mittel der Abschottung gegen die als bedrohlich wahrgenommene Pluralität des Westens geworden. Die restaurative Entwicklung des Landes besteht nicht nur in den Repressionen, denen sich die russische Zivilgesellschaft ausgesetzt sieht. Noch fundamentaler ist, dass Zivilisierungsprozesse, denen sich jede posttotalitäre Gesellschaft aussetzen muss, zunehmend abgebrochen wurden. Die Rückkehr der Gewalt wird dabei von der Renaissance einer Figur begleitet, die in Europa ausgestorben war: des Dissidenten. Bereits Jan Józef Lipski wies auf das andere Russland hin, jenes Land, in dem samizdat entstand und dessen intelligencija sich der totalitären Macht verweigerte. Mit ihrer mutigen Ablehnung der postsowjetischen Ordnung stand Anna Politkovskaja in dieser Tradition.

Die hier skizzierten Entwicklungen verdeutlichen, wie aktuell Jan Józef Lipskis Appell an die polnische Nation, ihr Geschichtsbewusstsein zu hinterfragen und sich den Nachbarn zu öffnen, auch heute noch ist. Es ist ein Aufruf, der sich nicht nur an die polnische Gesellschaft richtete und richtet, sondern ebenso ihre Nachbarn betrifft. Der Versuch, eine europäische Geschichtskultur zu etablieren, setzt die Kenntnis der Geschichte der Anderen voraus. Neben den Respekt vor der anderen Perspektive tritt jedoch auch das Recht, die Geschichtskultur der Nachbarn zu kritisieren. Dabei gilt es zu betonen, dass nur freiheitlich strukturierte Gesellschaften dazu in der Lage sind, ein pluralistisches Verständnis der eigenen Vergangenheit zu entwickeln. Wo staatliche Zensur und autoritäre Herrschaft den öffentlichen Diskurs einschränken, werden es Nationalismus und Xenophobie stets leichter haben. Sie waren in der Moderne stets die Legitimationshilfen der Despoten.

Der Blick auf Polen, Deutschland und Russland zeigt, wie prekär Prozesse der Europäisierung von Geschichtskultur immer noch sind. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts bleibt die Wirkungsmächtigkeit nationaler Mythen des 19. und des 20. Jahrhunderts ungebrochen. Sie wird noch verstärkt, wenn die politische Elite oder die Massenmedien sich ihrer bedienen. Insbesondere die elektronischen Medien mit ihrer nationalen Ausrichtung konterkarieren dabei Prozesse der Europäisierung, die durch Kontakte auf der Ebene der Zivilgesellschaft, der Kirchen oder der Wissenschaft erreicht wurden. Diese Problematik sollte jedoch uns nicht entmutigen – Lipski formulierte seine Kritik, seine europäische Utopie unter schwierigeren Verhältnissen. Die polnische, deutsche und russische Gesellschaft sollten das Gespräch weiter suchen. Es steht jedoch zu befürchten, dass der russischen Gesellschaft die Voraussetzungen genommen werden, im Trialog über das 20. Jahrhundert eine eigenständige Rolle zu spielen. Doch trotz staatlicher Repression gibt es auch vage Hoffnung: Vielleicht ist es ja wieder ein Dissident, der die Russen, Polen und Deutschen zum Austausch über ihre gemeinsame Geschichte ermahnt. Jan Józef Lipski ging 1981 mit großem Beispiel voran.


[1] Essay zur Quelle: Lipski, Jan Józef: Zwei Vaterländer – Zwei Patriotismen. Bemerkungen zum nationalen Größenwahn und zur Xenophobie der Polen (1981).

[2] Andrzej Stasiuk im Interview in Die Welt, 14.3.2007.

Literaturhinweise:
  • Behrends, Jan C., Kind; Friederike, Vom Untergrund in den Mainstream: Samizdat, tamizdat und die Neuerfindung „Mitteleuropas“ in den achtziger Jahren, in: Archiv für Sozialgeschichte 45 (2005), S. 427-448.
  • Behrends, Jan C., Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und in der DDR, Köln 2006.
  • Behrends, Jan C., Entfernte Verwandte. Stalinismusforschung und DDR-Geschichte, in: Gieseke, Jens (Hg.), Staatssicherheit und Gesellschaft. Studien zum Herrschaftsalltag in der DDR, Göttingen 2007, S. 48-75.
  • Schulze Wessel, Martin, Russlands Blick auf Preußen. Die polnische Frage in der Diplomatie und der politischen Öffentlichkeit des Zarenreiches und des Sowjetstaates 1697–1947, Stuttgart 1995.
  • Zernack, Klaus: Polen und Russland. Zwei Wege in der europäischen Geschichte. Berlin 1994 (poln. Ausgabe: Warschau 2000).
  • Zernack, Klaus, Negative Polenpolitik als Grundlage deutsch-russischer Diplomatie in der Mächtepolitik des 18. Jahrhunderts, in: Liszkowski, Uwe (Hg.), Rußland und Deutschland. Georg von Rauch zum 70. Geburtstag, Stuttgart 1974, S.144-159.

Lipski, Jan Józef: Zwei Vaterländer – Zwei Patriotismen. Bemerkungen zum nationalen Größenwahn und zur Xenophobie der Polen (1981)[1]

Das Vaterland existiert nur, wenn es auch ein fremdes Land gibt; es gibt keine „eigenen“ Landsleute, wenn es keine „Fremden“ gibt. Von dem Verhältnis zu den „Fremden“ mehr als zu den „eigenen“ Landsleuten, hängt die Gestalt des Patriotismus ab. Es steckt immer etwas Paradoxes darin, daß die Liebe zum eigenen Land und zum eigenen Volk erst durch das Verhältnis zu anderen Ländern und anderen Völkern bestimmt wird, doch ist dieses Paradoxon für jede gedankliche und gefühlsmäßige Unterscheidung charakteristisch.

Wer ist das „eigene Volk“, und wer sind die „Fremden“? Worin unterscheidet sich „mein“ Land von einem, das nicht „mein“ ist? Meine Nation – von einer, die nicht die meinige ist?

Es handelt sich bei diesen Fragen nicht um irgendwelche deskriptiven Inhalte dergestalt: Daß wir polnisch, „sie“ aber eine andere Sprache sprechen, daß wir in einer anderen kulturellen Struktur leben als „sie“ – denn wir haben doch das Christentum im 10. Jahrhundert vom Westen empfangen, weil aus dem Westen die Renaissance, die Aufklärung, die Romantik usw. zu uns gekommen sind; und selbst wenn einer von uns meint, Goethe oder Dante oder Shakespeare sei der größte Dichter, den je die Menschheit hervorgebracht hat, so leben Mickiewicz und Slowacki doch irgendwie anders in uns (oder wir in ihnen). Denn die Jahre der Fremdherrschaft und der Kämpfe um die Befreiung von dieser Fremdherrschaft sind wohl für immer in das Gedächtnis der Nation eingeschrieben usw. usf.; vielleicht weil (obwohl dies strittig ist) uns in der Mehrheit so etwas wie ein polnischer Nationalcharakter kennzeichnet. Es geht nicht um diese deskriptiven Feststellungen, sondern vielmehr um Werte und Urteile. Halten wir uns für besser als andere, oder aber nur für anders; meinen wir, daß in diesem Anderssein ein besonderer Wert (welcher?) enthalten sei; glauben wir, daß uns aus irgendeinem Grund besondere Rechte und Privilegien zustünden – oder auch Pflichten erwachsen würden? Je nach der Antwort auf diese Fragen vertreten wir unterschiedliche Auffassungen von Patriotismus. In extremen Fällen gehören wir eben zu verschiedenen Vaterländern – wenn sich zum Begriff „Vaterland“ vor allem geistige Güter und Werte zusammenfügen und nicht die bloße Tatsache einer gerade solchen und keiner anderen ethnischen Zugehörigkeit. […]

Einsicht in die eigene Schuld

„Liebe zu allem, was polnisch ist“. das ist eine oft wiederholte Formel der nationalen, „patriotischen“ Stupidität. Denn „polnisch“ waren doch auch die ONR[2] und die Pogrome in Lemberg, Przytyk und Kielce[3], das „Bänkeghetto“[4] und die „Befriedung“ ukrainischer Dörfer[5], polnisch waren Brest, Bereza und das Lager in Jablonna im Jahre 1920[6] um uns nur auf zwanzig Jahre unserer Geschichte zu beschränken. Patriotismus bedeutet nicht nur Achtung vor der und Liebe zur Tradition, sondern auch eine schonungslose Selektion der Elemente dieser Tradition, die Verpflichtung zu intellektueller Arbeit in diesem Bereich. Die Schuld für eine falsche Einschätzung der Vergangenheit, für eine Verewigung nationaler Mythen, für ein dem nationalen Größenwahn dienendes Verschweigen dunkler Recken der eigenen Geschichte ist vom moralischen Standpunkt aus gewiß kleiner als die Schuld, die man auf sich lädt, wenn man dem Nächsten ein Übel zufügt, aber sie ist die Voraussetzung für das gegenwärtige und eine Vorbereitung für das künftige Übel. […]

Zum polnisch-deutschen Verhältnis

Fremdenfeindlichkeit und nationaler Größenwahn nähren und stützen sich gegenseitig. Wir wissen, was Polen seitens der Russen und der Deutschen erlitten hat, das kann aber die Überschreitung der Grenzen von Dummheit und Haß gegenüber diesen Völkern nicht rechtfertigen; durch Dummheit und Haß schadet ein Mensch und ein Volk vor allem sich selbst. […] Den Deutschen haben wir seit Jahrhunderten vieles vorzuwerfen. […] Über die Ungeheuerlichkeit der Hitler-Verbrechen auf polnischem Boden braucht man sich nicht auszulassen.

Es mußte aber der Augenblick kommen – wenn wir im Bereich der christlichen Ethik und der westeuropäischen Zivilisation bleiben wollen, zu sagen: „Wir vergeben und bitten um Vergebung.“ In einer Lage, da das Volk geknechtet war, sagte dies die höchste abhängige moralische Autorität, die uns geblieben ist: die polnische Kirche. Diesen Satz müssen wir – ungeachtet aller Ressentiments, die auf tatsächlich erlittenem Unrecht beruhen – als den unseren anerkennen. Um ihn zu übernehmen, genügt bereits sein moralischer Inhalt. Aber neben dem moralischen hat er auch einen nationalen und kulturellen Inhalt: Als eine· Nation. die sich dem westlichen Mittelmeer-Kulturkreis zugehörig fühlt, träumen wir von einer Rückkehr in unser größeres Vaterland Europa. Daher die Notwendigkeit der Aussöhnung mit den Deutschen, die schon in diesem Europa sind und darin bleiben werden. Daß die polnischen Bischöfe ihren deutschen Amtsbrüdern die Hand entgegenstreckten, war die mutigste und weitblickendste Tat der polnischen Nachkriegsgeschichte. […]

Über die Beziehungen zu den Russen

Anders ist das Verhältnis des durchschnittlichen Polen zu den Russen. Gegenüber den Deutschen hat sich viel Haß, vermischt mit Furcht, angestaut aber auch viel Respekt. Was die Russen betrifft, überwiegt, ebenfalls neben dem Haß (einem wohl weniger tief verwurzelten, milderen Haß als gegenüber den Deutschen) und Furcht (der Alptraum von sowjetischen Panzern, die auf polnische Aufständische schießen) Geringschätzung, ein Gefühl der Überlegenheit. […]

Sich einem Volk gegenüber kulturell überlegen zu wähnen, das einen Dostojewski, einen Tolstoj hervorgebracht hat – ohne mindestens zwanzig andere Namen zu nennen, die jeder europäischen Kultur zum Ruhme gereichen würden – gegenüber dem Volk eines Rubljow, Mendelejew, Strawinski – scheint mir ein krasses Mißverständnis zu sein. Dieses Volk hat die Byliny (die altrussischen Heldensagen – A. d. Ü.) und eine großartige Kirchenmalerei geschaffen, als wir Polen noch eine recht dürftige nationale Literatur besaßen und als unsere Malerei noch in den Kinderschuhen steckte.

Kein polnischer Dichter hat einen so großen Einfluß auf die Literatur des Westens – jenes Westens, dem wir uns zugehörig fühlen – ausgeübt wie Dostojewski, Tolstoi, Turgenjew, Tschechow. Nichts deutet darauf hin, daß die geistige Kultur der polnischen Bauern reichhaltiger gewesen wäre als die der russischen. Etwas Groteskes und zugleich Jämmerliches steckt in dem größenwahnsinnigen Überlegenheitsgefühl vieler Polen gegenüber den Russen. […]

Vergessen wir nicht, daß die Befreiung ganz Osteuropas vom sowjetischen Totalitarismus hauptsächlich von den Freiheitsbewegungen in der Sowjetunion abhängt. Das zahlenmäßig größte und im Imperium die wichtigste Rolle spielende russische Volk ist noch weit davon entfernt, seine demokratischen Rechte einzufordern. Als das unterdrückende Volk ist es zudem naturgemäß ganz besonders demoralisiert. Hier treibt eine neue Erscheinung, der sogenannte sowjetische „Patriotismus“, üppige Blüten (leider sind sie nicht nur bei den Russen anzutreffen); hier begegnet man am ehesten Anhängern einer Politik der Interventionen und Befriedungsaktionen, die die Satellitenvölker am sowjetischen Zügel halten soll; hier weckt die bloße Tatsache, daß das Selbstbestimmungsrecht der Völker der UdSSR Wirklichkeit werden könnte, überwiegend Zornausbrüche. Um so größere Achtung und lebendigere Brüderlichkeit – frei von groteskem und törichtem Überlegenheitsgefühl – sollten uns mit den Russen verbinden, die um die Freiheit kämpfen. Noch vor wenigen Jahren gab es in Polen nicht allzu viele Mutige, die bereit waren, sich dem polizeilichen und totalitären System entgegenzustellen. Zählt man hingegen die Russen, die es gewagt haben, vergleicht man die Repressionen hier und dort, dann kann man für die russischen Freiheitskämpfer nur Hochachtung und Bewunderung empfinden.

Sie haben es schwerer als wir, weil sie Jahrzehnte des blutigsten inneren Terrors in der Weltgeschichte durchlitten haben, eine entsetzliche, in hohem Maße blutige negative Auslese seit ebenso langer Zeit und die Repressionen, denen sie zum Opfer fallen, sind um vieles rücksichtsloser und brutaler.

Wenn von den Russen die Rede ist, wollen wir Polen nicht wahrhaben, daß die UdSSR zwar Erbin und Nachfolgerin des Machtstrebens und sogar des Stils des russischen Zarismus ist und daß daher der russische Nationalismus eine große Rolle in der sowjetischen Expansionspolitik spielt, daß aber zugleich der Sowjetismus, der die nationale Identität der Polen, Litauer, Letten, Ukrainer, Georgier, Armenier usw. auszulöschen sucht, auch die nationale Identität, die Tradition, die Kultur der Russen mit aller Macht zerstört. Der Sowjetismus ist gefährlich und mörderisch sowohl für Polen als auch für Russen. […]

Über den Antisemitismus

Der Antisemitismus ist eine spezifische Art der Xenophobie und erfüllt eine so andersartige Funktion und Rolle in der Geschichte, daß er eine besondere Behandlung erfordert.

Es stellt sich vor allem die Frage, was eigentlich Fremdenfeindlichkeit ist. Als in Polen noch Menschen lebten, die sich von ihrer Umgebung in allem unterschieden – in der Sprache und dem nationalen Bewußtsein, in der Tradition, in den Sitten und Bräuchen, häufig auch in der Kleidung usw. –war Antisemitismus gewiß eine Erscheinungsform der Xenophobie. Als der Antisemitismus sich auch gegen Menschen richtete, die sich in Sprache und Kleidung nicht von anderen Polen unterschieden und auch die Religion ihrer Väter abgelegt hatten, da konnte man eventuell annehmen, daß dem doch eine tatsächliche oder mutmaßliche Solidarität mit jenen zugrunde läge, also handelte es sich immer noch um Xenophobie. Als der Antisemitismus jedoch auch Menschen umfaßte, die oft schon seit Generationen polonisiert waren, die sich häufig nicht nur formell, sondern faktisch zu demselben Glauben bekannten wie die Mehrzahl der Polen, die bis ins Mark von der polnischen Kultur durchdrungen waren und sich häufig aktiv am Kampf Polens um Unabhängigkeit und Freiheit beteiligt hatten – dann war das mehr und schlimmer als gewöhnliche Fremdenfeindlichkeit, die zwar etwas Negatives und Unerwünschtes ist, aber nicht unbedingt bereits an soziale Psychopathologie grenzt. […]

Die Vertreibung Tausender Juden und Polen jüdischer Herkunft aus Polen im Jahre 1968 ist ein Schandfleck in der Geschichte unseres Landes. Der sowjetische Polizeiantisemitismus, der in der UdSSR wütete, als noch nichts seine Wiedererweckung in der polnischen Volksrepublik ankündigte (u. a. die Ermordung eines großen Teils der jüdischen Intelligenz in der UdSSR, darunter fast aller in Jiddisch schreibenden Schriftsteller), wurde damals nach Polen verpflanzt. Nicht ohne Grund wurde einige Monate später die ganze Spitzengruppe der „März“-Publizisten[7] mit dem Goldenen Abzeichen der Gesellschaft für Polnisch-Sowjetische Freundschaft dekoriert. […]

Ich bekenne mich zu keinem gemeinsamen Vaterland mit den „März“-Publizisten und den Apparatschiks, die 1968 die antisemitische Hetze organisierten. […]

Entscheidung für Europa

Die hier dargelegten Ideen sind keineswegs eine Offenbarung, und viele der angeschnittenen Probleme würden gewiß eine vertiefte Analyse erfordern. Ich stelle mir aber vor, daß sie für einen ziemlich großen Leserkreis zumindest kontrovers, wenn nicht gar überhaupt unannehmbar sein werden. Gerade deshalb ist diese Skizze entstanden – im Gedanken daran, wie sehr sich in Polen Xenophobie und nationale Megalomanie verbreiten, wenn ich auch nicht der Ansicht bin, daß sie immer in scharfen Chauvinismus ausarten. Darüber hinaus verwischen sich in vielen Fällen die Grenzen des Verhaltens erheblich, zum Teil infolge geschichtlicher Erfahrungen, die der Herausbildung einer christlichen Haltung in den Beziehungen zwischen den Völkern nicht sonderlich günstig waren, zum Teil infolge anerzogener Gewohnheiten. So kommt es, daß auch der Schreiber dieser Worte sich manchmal dabei ertappt, daß er zwar das, was er schreibt, für richtig hält, sich aber die von ihm vertretene Auffassung nicht in allen Punkten so weit zu eigen gemacht hat, daß er sich in allen seinen emotionalen Reaktionen ohne jeden Fehltritt von ihr leiten ließe. Um so notwendiger ist es, sie zu propagieren. Ich bin davon überzeugt, daß die Überwindung des nationalen Größenwahns und der Fremdenfeindlichkeit oder zumindest eine solche Entschärfung beider, daß sie ein für das künftige Schicksal des polnischen Volkes ungefährliches Ausmaß annehmen, eines der wichtigsten Probleme unserer Gegenwart und Zukunft darstellt.

Gelingt uns dies nicht, wird der erste beste Agent, der sich den Ulanentschako aufsetzt und den Halsharnisch an die Brust hängt, unser Volk führen. wohin er will, wenn er die Trommel des „nationalen Stolzes“ rührt und verschiedene Phobien manipuliert.


[1] Die hier verwendete deutsche Ausgabe findet sich abgedruckt in: Lipski, Jan Józef, Wir müssen uns alles sagen. Essays zur deutsch-polnischen Nachbarschaft, Warschau 1996, S. 185-228. Originaltitel: Dwie ojczyzny – dwa patriotyzmy. Uwagi o megalomanii narodowej i ksenofobii Polaków, zuerst erschienen in Polen (im Untergrund) in: Nowa 144 (Juni 1981) und im Exil in: Kultura 409-10 (1981).

[2] ONR (Nationalradikales Lager), im April 1934 entstandene nationale Organisation junger Polen; das ONR war antisemitisch, antikapitalistisch, profaschistisch, aber gleichzeitig antideutsch. Schon im Sommer 1934 aufgelöst, arbeitete ONR illegal weiter; eine Abspaltung hieß „Falanga“.

[3] Orte, wo Judenpogrome stattfanden, in Lemberg und Przytyk vor dem Zweiten Weltkrieg, in Kielce am 04.07.1946: letzteres Pogrom, das 41 Menschenleben forderte, wurde von der Sicherheitspolizei provoziert und angeführt.

[4] Bänkeghetto, eine 1938 von der Regierung erlassene Verfügung, nach der an allen Hochschulen die jüdischen Studenten nur auf den Bänken der linken Seite sitzen durften; die jüdischen Studenten protestierten dagegen, indem sie die ganze Vorlesung über standen; dies taten auch viele antifaschistische Studenten und Professoren, um so ihre Solidarität zu bekunden.

[5] Am 15.09.1930 befahl Józef Pilsudski, damals selbst Ministerpräsident, die Bekämpfung der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung, vor allem der mit Terrormethoden vorgehenden Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) durch Militäreinheiten, vor allem der Kavallerie, die Dorf für Dorf besetzten, die ukrainischen Einwohner verprügelten, Häuser in Brand steckten und Ergebenheitserklärungen erzwangen, um dem Regierungslager bei den im November stattfindenden Wahlen zu einem Erfolg zu verhelfen.

[6] Brest, (pol. Brzesc), Festung, in der Józef Pilsudski bei der gegen die Opposition vor den Wahlen vom November 1930 gerichteten brutalen Kampagne 13 prominente polnische Abgeordnete der Sozialistischen Partei und der Bauernpartei sowie 5 ukrainische Abgeordnete ohne Gerichtsverfahren monatelang gefangen halten ließ; die Abgeordneten wurden schikaniert, geprügelt, z.T. durch Scheinhinrichtungen terrorisiert; ein Teil der Verhafteten wurde im Januar 1932 in einem aufsehenerregenden Prozeß wegen „Aufhetzung der Bevölkerung“ und ähnlichen Delikten zu mäßigen Gefängnisstrafen verurteilt. In Bereza Kartuska in der Wojewodschaft Polesien wurde nach der von ukrainischen Nationalisten am 15.06. 1934 verübten Ermordung des Innenministers Pieracki ein Konzentrationslager errichtet, in dem vor allem ukrainische Nationalisten, aber auch Kommunisten, Sozialisten und Mitglieder der rechtsradikalen ONR ohne Gerichtsurteil festgehalten wurden; das Lager, für das der als Sadist bekannte Wojewode von Polesien Kostek-Biernacki verantwortlich war, bestand bis zum Kriegsausbruch 1939. In Jablonna, östlich von Warschau, dort wurden während des polnisch-sowjetischen Krieges im Sommer 1920 Personen festgehalten, die kommunistischer Sympathien verdächtigt wurden.

[7] März-Publizisten, im März 1968 begann, nach Studentendemonstrationen, eine antisemitische Kampagne.


Zitation
Jan Józef Lipskis Europäischer Traum Zur Geschichtskultur in Polen, Russland und Deutschland nach 1989, in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2007, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3366>.
Für das Themenportal verfasst von

Jan C. Behrends

( 2007 )
Zitation
Jan C. Behrends,
Jan Józef Lipskis Europäischer Traum Zur Geschichtskultur in Polen, Russland und Deutschland nach 1989, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2007, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3366>.
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