Totalität statt Totalitarismus? Europäische Themen, nationale Variationen

Jörg Baberowski und Anselm Doering-Manteuffel formulieren in ihrem Essay „Ordnung durch Terror“ apodiktisch: „Überall, wo Herrschaft ausgeübt wird, herrscht eine Ordnung. Sie beruht auf Informationen und Wissen, mit denen Unverstandenes kategorisiert und klassifiziert wird. Jede Klassifizierung aber ist ein Gewaltakt, der die Menschen zwingt, sich einer Ordnung zu unterwerfen. Wer sich nicht fügt, fällt aus der Ordnung heraus.“ Am Beispiel der nationalsozialistischen bzw. stalinistischen Diktatur beschreiben sie dann, im Anschluss an die Metaphorik Zygmunt Baumans, detailliert, was dieses „Herausfallen“ im 20. Jahrhundert bedeuten konnte: Wie „Gärtner“ „jäteten“ Hitler und Stalin das „Unkraut“, sie entsorgten den „Abfall“, der „der Klassifikation trotzt[e] und die Sauberkeit des Rasens zerstört[e]“, d.h. sie vernichteten Menschen, die nicht in ihre rassistischen bzw. nationalistischen Konzepte passten.[...]

Totalität statt Totalitarismus? Europäische Themen, nationale Variationen[1]

Von Thomas Etzemüller

Jörg Baberowski und Anselm Doering-Manteuffel formulieren in ihrem Essay „Ordnung durch Terror“ apodiktisch: „Überall, wo Herrschaft ausgeübt wird, herrscht eine Ordnung. Sie beruht auf Informationen und Wissen, mit denen Unverstandenes kategorisiert und klassifiziert wird. Jede Klassifizierung aber ist ein Gewaltakt, der die Menschen zwingt, sich einer Ordnung zu unterwerfen. Wer sich nicht fügt, fällt aus der Ordnung heraus.“[2] Am Beispiel der nationalsozialistischen bzw. stalinistischen Diktatur beschreiben sie dann, im Anschluss an die Metaphorik Zygmunt Baumans, detailliert, was dieses „Herausfallen“ im 20. Jahrhundert bedeuten konnte: Wie „Gärtner“ „jäteten“ Hitler und Stalin das „Unkraut“, sie entsorgten den „Abfall“, der „der Klassifikation trotzt[e] und die Sauberkeit des Rasens zerstört[e]“,[3] d.h. sie vernichteten Menschen, die nicht in ihre rassistischen bzw. nationalistischen Konzepte passten. Zweifellos waren die beiden Diktatoren besonders brutale „Gärtner“, doch Ambivalenz fürchtete man auch in anderen Teilen Europas. Deshalb ist für Bauman der Nationalsozialismus zugleich ein Sonderfall wie auch „normal“. Er ist normal, weil er im Rahmen der europäischen Geschichte zu verstehen ist, und zwar als Radikalisierung einer Sehnsucht nach Eindeutigkeit, Ordnung und Löschung von Ambivalenz.

Genau hier liegt ein Problem der bisherigen Historiographie: die Konzentration auf Extremfälle. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik war so außerordentlich und ist so unverständlich, dass sich Historiker und die europäische Öffentlichkeit nach wie vor von dieser Epoche herausgefordert fühlen. Zwar wird das ‚Dritte Reich’ seit jeher in die transnationale Geschichte eingeordnet, sei es durch Historiker, die den Nationalsozialismus geradewegs zum Kind der Französischen Revolution erklärten, weshalb also Deutschland durch einen „egalitären und totalitären Demokratismus“ auf fürchterliche Weise europäisiert worden ist, sei es durch die Hypothese eines „deutschen Sonderweges“, der Deutschland bereits im 19. Jahrhundert vom angloamerikanischen Normalweg pluralistischer Demokratien habe ausscheren lassen, weshalb der Nationalsozialismus überhaupt erst möglich geworden ist.[4] Und der Bezug zu Osteuropa wird hergestellt, wenn Ernst Nolte den berüchtigten „Nexus“ behauptet – der Bolschewismus als „Prius“ des Nationalsozialismus[5] - oder indem Baberowski und Doering-Manteuffel die gegenseitigen Lernprozesse der beiden Diktaturen bei der Massenvernichtung von Menschen hervorheben. Doch ob nun Europa Geißel, Vorbild oder Sparringspartner war – Referenzpunkt vieler Historiker ist die Löschung von Ambivalenz durch Vernichtung.

Es gab freilich andere Möglichkeiten, mit Ambivalenz umzugehen. Die wichtigste dürfte die Sozialpolitik gewesen sein, also die Integration von Menschen, die potentiell außerhalb der Ordnung zu stehen drohten. Götz Aly hat gezeigt, wie beide Seiten zusammenhängen konnten: Europa und die Juden wurden systematisch ausgeplündert, um die ‚Deutschen’ (nach nationalsozialistischer Definition) mit immer besseren Sozialleistungen bei Laune und wehrfähig zu halten. Und durch den Vergleich des amerikanischen New Deal mit dem deutschen bzw. italienischen Faschismus wies Wolfgang Schivelbusch auf, dass demokratische und totalitäre Problemlösungsstrategien weniger weit auseinander liegen müssen, als das bislang stillschweigend angenommen wurde.[6] Kein Regime hat ausschließlich „gejätet“. Seine „Gärtner“ konnten mit großer Sorgfalt und Enthusiasmus die Bevölkerung hegen und pflegen, damit die Menschen sich wie die Halme auf einem (englischen) „Rasen“ verhielten, klar angeordnet und in ein überschaubares Ganzes integriert.

Ein zweites Problem zeichnet zahlreiche vergleichende Studien aus. Sie lassen uns geistig in einem engen geographischen Korridor laufen. Er beginnt tief im Osten, verläuft über Mitteleuropa (Deutschland, Frankreich und Großbritannien) und reicht in gerader Linie über den Atlantik bis in die USA. Wenn wir ihn durchwandern, treffen wir auf unterschiedliche Protagonisten, auf den Osten, der Opfer und Bedrohung zugleich ist; auf Frankreich, Großbritannien und die USA, unsere Vorbilder in punkto Demokratie und aufgeklärtem Denken; und in der Mitte auf Deutschland, den zu erklärenden barbarischen Sonderfall. Auf den Westen zielen viele Neuzeithistoriker tatsächlich, wenn sie vermeintlich allgemeingültige Aussagen über ‚Europa’ treffen. Ostmitteleuropa und erst recht Italien, Spanien und Skandinavien bleiben Sache spezialisierter Kollegen. So wird seit Jahrzehnten ein Bild konturiert, das die Moderne des 20. Jahrhunderts unterteilt in die prinzipiell demokratischen Staaten des Westens und die Diktaturen der Mitte und des Ostens. Entsprechend erscheinen der pluralistische, demokratische Sozialstaat und die totalitäre, eliminatorische Herrschaft als die beiden entscheidenden Weisen, die ‚Ambivalenz der Moderne’ in den Griff zu bekommen; als zwei konträre, unvereinbare Arten, Ordnung zu schaffen.

Doch was passiert, wenn man auf den Norden schaut? In Schweden beispielsweise findet man eine tief verwurzelte Demokratie, die seit 1920 mit wenigen Unterbrechungen von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei regiert wird, die seit Mitte der 1930er einen vielgerühmten Sozialstaat aufbaute, und die in Zeiten der Weltwirtschaftskrise und autoritär-faschistischer Ordnungsmodelle auf dem Kontinent keinerlei Neigungen für derartige Experimente erkennen ließ. Im Vergleich zum ‚Dritten Reich’ sieht das wie ein vorbildlicher Staat aus.[7] Freilich hatte auch Schweden mit der ‚Ambivalenz der Moderne’ zu kämpfen. Eine späte, aber rasante Industrialisierung; ein rascher Wandel der sozialen Strukturen, Arbeitsverhältnisse und Geschlechterrollen; Urbanisierung, Konsum und die vermeintliche demographische Krise – das Leben schien uneindeutig, alte Werte erodierten, der neulich noch arme Agrarstaat schien in seinem Aufstreben bereits unter die Räder der Moderne zu kommen. Das Gefühl von Ambivalenz und die Sehnsucht nach Eindeutigkeit finden wir auch in Schweden. Wie ging diese Nation damit um? Und warum sollte diese Frage kontinentaleuropäische Neuzeithistoriker interessieren?

Die zweite Frage möchte ich beantworten, indem ich eine Antwort auf die erste skizziere. Um es vorab zusammenzufassen: Schweden war eine demokratische Volksgemeinschaft, die auf Inklusion durch Sozialpolitik und Exklusion durch eugenische Maßnahmen setzte, die nicht politisch totalitär wurde, sondern durch eine totale soziale Durchstrukturierung des Volkskörpers auf die Löschung von Ambivalenz und damit auf Ordnung zielte. Schweden zeigt, und das macht das Land für eine europäische Geschichte der Moderne so wichtig, dass Ordnung eben nicht notwendig an totalitäre Herrschaft gekoppelt ist, dass sie in einem demokratischen, aber – im westlichen Sinne – dezidiert antipluralistischen Staat mit Mitteln erreicht werden konnte, die auf den ersten Blick verdächtig an den Nationalsozialismus erinnern können. Die schwedische Gesellschaftsverfassung selbst ist höchst ambivalent, das unterscheidet sie von den eindeutigen Bildern, die Historiker manchmal bevorzugen. Die ‚Ambivalenz der Moderne’ mit einem in unseren Augen höchst ambivalenten Modell erfolgreich bewältigt zu haben, das passt nicht wirklich zu den Vorstellungen von demjenigen „Europa“, das im Korridor liegt. Deshalb greifen für Schweden auch nicht die analytischen Kategorien eines westlichen ‚Pluralismus’ oder einer totalitären ‚Herrschaft’, sondern man muss, mit Michel Foucault, von „Normalisierung“ und „Gouvernementalität“ sprechen.[8] Berücksichtigen wir Schweden, verändert sich unser Sprechen über Europa.

Ich möchte das an zwei Feldern knapp beschreiben: Sozialpolitik (Inklusion) und Eugenik (Exklusion). Grundlage der schwedischen Situation war, wie etwa in Deutschland, die Krise der Moderne, wie ich sie oben angerissen habe. Ähnlich wie auf dem Kontinent schien aber die Lösung greifbar — wenn man nur die technischen Mittel zu nutzen verstand, die paradoxerweise gerade die Moderne bereitstellte.[9] Ingenieure, Ärzte, Statistiker, Architekten und andere Fachleute verstanden sich europaweit als gut ausgebildete, strikt leistungsorientierte und unpolitische Experten, die effizient technische Probleme diagnostizierten und lösten. Aus diesem Selbstverständnis heraus beanspruchten sie auch, ‚Krankheiten’ und ‚Fehlfunktionen’ der Gesellschaft wissenschaftlich präzise zu diagnostizieren, um dann gezielt zu intervenieren — durch die Gestaltung des Raumes, der Städte und der Wohnungen, durch eugenische Praktiken sowie durch Reformen der Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialpolitik. Sie zielten auf eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft, und zwar in Form einer Gemeinschaft. Verbesserte Lebensbedingungen der Menschen sollten den Volkskörper stärken; eine konditionierte Lebensführung die Menschen in die Gemeinschaft einpassen; ‚kranke’ Teile des Volkskörpers waren durch (Zwangs-)Sterilisierungen zu eliminieren.

Als die schwedischen Sozialdemokraten 1932 nach politisch turbulenten Jahren erneut (und jetzt dauerhaft) an die Regierung kamen, verkündeten sie, oberflächlich betrachtet, Vorstellungen. Ministerpräsident Per Albin Hansson definierte den Staat als folkhem (Volksheim), als ein recht und gerecht geordnetes Zuhause für jedermann. Niemand sollte länger Not leiden, alle sollten die gleichen Möglichkeiten haben, die Klassengesellschaft sollte eliminiert werden. Natürlich war Sozialpolitik keine Erfindung der Arbeiterpartei. Seit dem späten 19. Jahrhundert bereits hatten bürgerliche Regierungen eine Reihe von Sozialgesetzen aufgelegt. Ziel war es gewesen, Sozialhilfe als Hilfe zur Selbsthilfe zu gewähren, damit die Unterstützungsempfänger selbst den Weg zurück in ein bürgerliches Berufs- und Sozialleben fanden. Dahinter stand eine paternalistische Erziehungsideologie, die sich durch die Unterscheidung von ‚würdigen’ und ‚unwürdigen’ Leistungsempfängern und ein Minimum an Leistung auszeichnete, um eine ‚Empfängermentalität’ zu verhindern. Darauf konnten die Sozialdemokraten aufbauen, freilich wollten sie Sozialhilfen als materielle Grundsicherung gewähren, die prinzipiell allen Mitbürgern zustand und nach einheitlichen Bemessungsgrundlagen zuerkannt wurde. Damit war das universalistische Prinzip in der schwedischen Sozialpolitik verankert.

Freilich zog auch die neue Regierung charakteristische Differenzen in die Bewilligungspraxis ein. Zwar musste der Staat allen Bürgern in Not helfen, aber das durfte nicht auf Kosten des schützenden Kollektivs geschehen, des gesellschaftlichen Ganzen (samhället). Diese Gemeinschaft verpflichtete den Staat zur doppelten Aufgabe, nämlich die Lebensbedingungen der Mitbürger zu verbessern und gleichzeitig deren Lebensführung zu kontrollieren: Dem Recht auf Hilfe stand die Pflicht zur ordentlichen Lebensführung gegenüber, damit die Solidarität des Kollektivs nicht ausgenutzt wurde. Sozialpolitik zielte damit erziehend auf die ‚ordentlichen’ Arbeiter und die Mittelschicht, auf die Familien und deren Heime, und ein ausgeklügeltes Kontrollsystem diente der Regulierung des täglichen Verhaltens. Durch eugenische Maßnahmen eliminiert wurden ‚asoziale’ und ‚parasitäre’ Elemente. Sozialpolitik diente weiterhin als moralisches Regime.[10]

Das kann nur auf den ersten Blick überraschen. Tatsächlich nämlich zeichnet sich die schwedische Gesellschaft durch ein tief verwurzeltes kollektivistisches und korporatistisches Denken aus. Die Gemeinschaft beansprucht das Primat vor den Individuen. Das ist keine von ‚oben’ oktroyierte, ideologisierte Volksgemeinschaft, sondern resultiert aus den Erfahrungen sozialer grass root-Bewegungen (folkrörelser), die durch strenge Selbstdisziplinierung und Selbstbildung seit dem 19. Jahrhundert zunehmend an politischem Einfluss gewannen. Und auch die Biologisierung des gesellschaftspolitischen Denkens war den Schweden alles andere als fremd. Sozialpolitik im demokratischen Wohlfahrtsstaat hieß explizit, ein ‚gesundes’ und ‚vitales’ Volk zu schaffen und für die Anforderungen der Moderne zu rüsten, d.h. die physische und psychische Grundausstattung der Menschen so zu konditionieren, dass sie sich in die Lebensformen der radikal beschleunigten, modernen Industriegesellschaft einpassen konnten. Organische Gemeinschaft, soziale Harmonie, Warnungen vor einem ‚übersteigerten Individualismus’, Sorge vor sozialer Desintegration sowie die Unterscheidung von ‚nützlichen’ und ‚schädlichen’ Gliedern des ‚Volkskörpers’ – all das zeichnet als Prinzip nicht nur eine nationalsozialistische Gesellschaftskonzeption aus, sondern auch die sozialdemokratische in Schweden.[11]

Der zentrale Unterschied ist der, dass die schwedische Gesellschaft auch in der Hochzeit des biologistischen Denkens dezidiert auf Inklusion setzte. Je stärker ein Individuum abwich, desto maßgeschneiderter wurden die Maßnahmen, um ihm die Rückkehr in die Gemeinschaft zu ermöglichen.[12] Erst wenn sich einzelne Individuen als besonders ‚gemeinschaftsgefährdend’ erwiesen, wurden sie aus dem Volkskörper herausgeschnitten – aber, und das ist der zweite wichtige Unterschied, nicht durch die Tötung von Menschen, sondern ‚nur’ durch die Verhinderung ungeborenen Lebens durch (Zwangs-)Sterilisierungen. Der schwedische Rassenhygieniker Herman Lundborg formulierte die Grenze in einer deutschen Publikation und lange vor dem ‚Dritten Reich’ folgendermaßen: Es gebe ein Recht auf Leben und ein Recht, Leben zu spenden. Ersteres gebühre Allen, letzteres nicht.[13]

Das Recht auf Leben hat der schwedische Staat stets geachtet, das auf körperliche Unversehrtheit nicht. In den Jahren 1935 und 1941 legalisierte er die Sterilisierung mündiger und unmündiger Personen, bis 1975 ließ er etwa 60.000 Personen sterilisieren, wohl 20.000 gegen ihren Willen; zwischen 1946 und 1951 ließ er systematisch die Zähne von 436 geistesschwachen Anstaltspatienten zerstören, um im Dienste der Gemeinschaft die Kariesforschung voranzutreiben.[14] Das waren tiefe Eingriffe in die Integrität der Menschen. Niemals jedoch scheint ein Pendant zur deutschen „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ auch nur diskutiert worden zu sein. Ähnlich wie in anderen Staaten war die schwedische Bevölkerungsdiskussion seit Ende des 19. Jahrhunderts durch die Sorge vor einem Geburtenrückgang, vor Überalterung, ‚Überfremdung’ und einem zukünftig untragbaren Anstieg der Versorgungslasten geprägt. Ähnlich war auch die Befürchtung, dass das schwedische Volk durch eine unaufhaltsame Vermehrung der ‚Geistesschwachen’ und ‚Asozialen’ allmählich degeneriere, dass sich vermeintliche Erbkrankheiten wie Epilepsie, Alkoholismus, Schizophrenie oder Gaumenspalten dramatisch ausbreiteten und ‚Verbrechersippen’ Sittlichkeit und Sozialetats bedrohten.[15] Bereits 1898 hatte sich Lundborg auf den Weg nach Südschweden gemacht, in die Provinz Blekinge, um in mühsamer Feldarbeit die Erbpathologie eines 2.232-köpfigen Bauerngeschlechtes zu erstellen. 1913 konnte er die Ergebnisse in einem aufwendigen Foliantenwerk publizieren, und zwar auf Deutsch, der damals noch wichtigsten Wissenschaftssprache. In hunderten von Abstammungstafeln und Tabellen eröffnet sich ein irrwitziges Tableau an Personen, Verwandtschaftsbeziehungen, Erbkrankheiten und Verbrechen, der Musterfall einer seit 1720 biologisch und sozial degenerierenden Familie.[16] Für die Fachkollegen in Deutschland und Schweden warf die Studie (sie wurde auszugsweise ins Schwedische übersetzt) einen Blick in die Zukunft. Diese Entwicklung schien allen westlichen Industriegesellschaften zu drohen, wenn sie nicht einen eugenischen Schutzwall errichteten.

In der Folge war die demographische Debatte stets mit eugenischen Argumenten gekoppelt. Stets war die Frage, inwieweit sinkende Geburtenzahlen in der eugenisch und sozial ‚wertvollen’ Mittelschicht konterkariert würden durch dramatisch steigende Geburtenzahlen und die Einwanderung eugenisch ‚wertloser' Menschen, inwieweit die Mittelschicht durch sie geradezu zermahlen zu werden drohte. Lundborgs Foliowerk ist deshalb paradigmatisch für die europäische Geschichte. Er war eng in die internationalen Netzwerke der Rassenhygieniker eingebunden, als Direktor des Instituts für Rassenbiologie kooperierte er selbst nach 1933 problemlos mit deutschen Eugenikern (auch deshalb wurden seine Arbeiten oft zunächst in Deutschland publiziert oder rasch übersetzt). Seine Ideen befanden sich im mainstream eines biologistischen Denkens, das auch linksliberale Intellektuelle teilten – etwa die Schweden Alva und Gunnar Myrdal, die aller faschistischen Sympathien unverdächtig waren. Beide forderten in ihrem Klassiker „Kris i befolkningsfrågan“ („Krise in der Bevölkerungsfrage“) 1934 eine radikale Gesellschaftsreform, um Frauen trotz Haushaltsarbeit die Berufstätigkeit zu ermöglichen, um dadurch die Familien von verschleißenden Konflikten zu befreien, um dadurch wiederum die Geburtenrate zu erhöhen. Mit großem publizistischen Erfolg verschmolzen sie Sozialpolitik, die Rationalisierung der Lebensführung durch technische Errungenschaften und die Emanzipation von Frauen, um ‚neue Menschen’ zu schaffen, freiwillige, gesunde, kollektive Mitbürger, die sich auf (für sie selbst) harmonische und (für die Gesellschaft) optimierte Weise dem sozialen Leben einzupassen vermochten. Dieser Entwurf korrespondierte dem sozialdemokratischen folkhem und war dezidiert gegen die nationalsozialistische Unterordnungsgemeinschaft gerichtet. Wer sich allerdings aus physischen und psychischen Gründen nicht produktiv in das Kollektiv einpassen konnte, für den waren Spezialarbeitsplätze und Pflegeeinrichtungen zu schaffen; ein ‚Bodensatz’ an Problemfällen war zu sterilisieren. Noch 1946 forderte Alva Myrdal, den Ausbau der Sozialsysteme durch extensive Sterilisierungsprogramme begleiten zu lassen.[17]

Stabilität durch Gemeinschaft, Inklusion durch Sozialpolitik und Technik, (partielle) Exklusion des beharrlich widerspenstigen Restes – das zeichnet den Umgang Schwedens mit der Ambivalenz der Moderne aus. Dazu kamen zahllose Versuche des Staates, von Experten und Verbänden, das Alltagsleben der Menschen zu rationalisieren und zu versachlichen: Hygiene, Wohnbau, Ernährung, Freizeit, Gymnastik, Konsum, in allen Bereichen sollten die Individuen zu einem Kollektiv geformt werden, das sein Leben vernünftig organisierte, um gesellschaftszersetzende Konflikte auf allen Ebenen zu vermeiden, und das zugleich gesund lebte, um den Volkskörper biologisch in Form zu halten. Eugenische Versatzstücke durchzogen weite Bereiche des gesellschaftspolitischen Denkens. Bis in die Anzeigen der ‚Milchpropaganda’ hinein wurde zwischen A- und B-Menschen unterschieden und die individuelle Gesundheit auf die Volksgesundheit bezogen. Deshalb überrascht es nicht, dass auf Photographien zwischen nationalsozialistischen und schwedischen Gymnastikfesten ästhetisch keine Unterschiede festzustellen sind. In beiden Fällen demonstrieren sichtbar gesunde Körper in serieller Anordnung die Macht der Ordnung gegen die desintegrativen Tendenzen der Moderne.

Schweden ist der Musterfall einer „Normalisierungsgesellschaft“ im Sinne Michel Foucaults. Durch die systematische und totale Durchdringung der Gesellschaft sollten die Individuen dazu gebracht werden, sich selbst auf eine Normalkurve rationalen Verhaltens einzuschwingen. Es gab auch für schwedische Experten ‚vernünftiges’ und ‚unvernünftiges’ Verhalten, allerdings akzeptierten sie immer eine Zone der Unbestimmtheit, einen Raum erlaubter Abweichung. Diese Zone konnte ihre Ausdehnung und Lage verändern, je nachdem, wie sich die Gesellschaft entwickelte, je nachdem, wie die Normalkurve schwang. Entscheidend war es, die Grenze zur Unordnung vor ihrer Auflösung zu bewahren, indem eine sich selbst regulierende Lebensführung implementiert wurde. Einordnung und Freiheit, das war die schwedische Antwort auf die ‚Ambivalenz der Moderne’. Die totale Durchdringung des alltäglichen Lebens schlug gerade nicht in totalitäre Herrschaft um – und bietet vielleicht dadurch aus Sicht westlich orientierter Historiker eine besonders ambivalente Antwort auf die ‚Ambivalenz der Moderne’, eine irritierend andere Form der Ordnung.

Statt „Sonderwegen“ also, das zeigt eine in die europäische Geschichte integrierte schwedische Geschichte, haben wir es im 20. Jahrhundert eher mit Variationen europaweiter Themen zu tun, mit nationalen Ausformungen übergreifender Formationen. Deutschland stellt in dieser Perspektive vor allem die extrem brutale, Schweden die äußerst gouvernementale Variante dar. Mit gewissen Variationen gilt das auch für Dänemark, Norwegen und Finnland. Durch eine solche Lesart der europäischen Geschichte werden eingefahrene, manchmal schablonenhafte Deutungsmuster instabil. Das relativiert nicht die Verbrechen des Nationalsozialismus, doch es ergeben sich als Forschungsauftrag drei Fragen: Wie konnte das spezifische Ordnungsdispositiv der „Gärtner“ entstehen und sich in Europa neben anderen Versuchen, Gesellschaft zu strukturieren, etablieren? (Auf dieser Analyseebene muss zwischen dem modernen social engineering auf der einen und vormodernen, individualistischen, religiösen, avantgardistischen oder anarchistischen Gesellschaftsvorstellungen auf der anderen Seite unterschieden werden.) Wie konnten sich innerhalb des Gärtner-Dispositivs die Ordnungsvorstellungen auf die Dualität von Exklusion und Inklusion reduzieren? (Hier finden sich Länder wie Deutschland, Schweden oder die USA mit ihren Versuchen, Gesellschaft als Gemeinschaft zu restabilisieren, strukturell in einem Boot.) Und wieso wendeten, trotz einer stabilen gemeinsamen weltanschaulichen Basis – der Unterscheidung von ‚Ordnung’ vs. ‚Desintegration’ –, die einzelnen Gesellschaften am Ende dieselben Techniken der Stabilisierung zu so unterschiedlichen Zielen an: der umfassenden Inklusion bzw. der radikalen Exklusion? (Hier stößt man auf die Weggabelung, an der der Nationalsozialismuseinen definitiv anderen Weg einschlug als New Deal und folkhem.) Erst wenn man diese drei Ebenen europaweit untersucht, kann man m. E. den geographischen Korridor verlassen und diesen spezifischen, aber für viele Menschen so einschneidenden Versuch, die ‚Ambivalenz der Moderne’ zu eliminieren, in seinen erschreckenden wie faszinierenden Dimensionen erfassen. Dann versteht man, dass die serielle Ordnung der Turner dieselbe Problemwahrnehmung visualisierte und zugleich einen tiefgreifenden Unterschied verbarg. Aber der ist nicht auf der Ost-West-Achse in der Mitte Europas lokalisiert. Er mäandert durch den Kontinent.

Literaturhinweise

[1] Essay zur Quelle: Lundborg, Herman: Rassenbiologische Übersichten und Perspektiven (1921).

[2] Baberowski, Jörg; Doering-Manteuffel, Anselm, Ordnung durch Terror. Gewaltexzesse und Vernichtung im nationalsozialistischen und stalinistischen Imperium, Bonn 2006, S. 15.

[3] Bauman, Zygmunt, Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Hamburg 1992, S. 29.

[4] Beispielsweise Gerhard Ritter in einem Brief an Andreas Dorpalen vom 3.7.1962 (Bundesarchiv Koblenz, N 1166/351); vgl. auch Wehler, Hans-Ulrich, „Deutscher Sonderweg“ oder allgemeine Probleme des westlichen Kapitalismus?, in: ders., Preußen ist wieder chic..., Frankfurt am Main 1983, S. 19-32.

[5] Nolte, Ernst, Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte, in: „Historikerstreit“. Die Dokumentation der Kontroverse um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung, München 1987, S. 39-47.

[6] Aly, Götz, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt a. Main 2005; Schivelbusch, Wolfgang, Entfernte Verwandtschaft. Faschismus, Nationalsozialismus, New Deal 1933-1939, München 2005.

[7] Und so hat Norbert Götz seinen Vergleich der beiden Gesellschaften angelegt. Freilich handelt es sich um den bislang einzigen systematischen Vergleich dieser beiden Ordnungsmodelle. Vgl. Götz, Norbert, Ungleiche Geschwister. Die Konstruktion von nationalsozialistischer Volksgemeinschaft und schwedischem Volksheim, Baden-Baden 2001.

[8] Foucault, Michel, Geschichte der Gouvernementalität, 2 Bde., Frankfurt a. Main 2004.

[9] Raphael, Lutz, Die Verwissenschaftlichung des Sozialen als methodische und konzeptionelle Herausforderung für eine Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: Geschichte und Gesellschaft 22 (1996), S. 165-193; Hirdman, Yvonne, „Social Planning Under Rational Control“. Social Engineering in Sweden in the 1930s and 1940s, in: Kettunen, Pauli; Eskola, Hanna (Hgg.), Models, Modernity and the Myrdals, Helsinki 1997, S. 55-80.

[10] Nilsson, Roddy, Kontroll, makt och omsorg. Sociala problem och socialpolitik i Sverige 1780-1940, Lund 2003; Åmark, Klas, Hundra år av välfärdspolitik. Välfärdsstatens framväxt i Norge och Sverige, Umeå 2005.

[11] Ausführlicher: Etzemüller, Thomas, Die Romantik des Reißbretts. Social engineering und demokratische Volksgemeinschaft in Schweden: Das Beispiel Alva und Gunnar Myrdal (1930-1960), in: Geschichte und Gesellschaft 32 (2006), S. 445-466.

[12] Die Techniken der „Normalisierung“ qua Inklusion hat Ulf Olsson mustergültig analysiert: Olsson, Ulf, Drömmen om den hälsosamma medborgaren. Folkuppfostran och hälsoupplysning i folkhemmet, Stockholm 1999.

[13] Lundborg, Herman: Rassenbiologische Übersichten und Perspektiven (1921).

[14] Als zusammenfassender Forschungsüberblick: Etzemüller, Thomas, Sozialstaat, Eugenik und Normalisierung in skandinavischen Demokratien, in: Archiv für Sozialgeschichte 43 (2003), S. 492-510.

[15] Zur Parallele zwischen Deutschland und Schweden: Etzemüller, Thomas: Ein ewigwährender Untergang. Der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2007.

[16] Lundborg, Herman, Medizinisch-biologische Familienforschungen innerhalb eines 2232köpfigen [sic] Bauerngeschlechtes in Schweden (Provinz Blekinge), Jena 1913.

[17] Ausführlicher: Etzemüller, Romantik, S. 452-455.


  • Broberg, Gunnar; Roll-Hansen, Nils (Hgg.), Eugenics and the Welfare State. Sterilization Policy in Denmark, Sweden, Norway, and Finnland, East Lansing/MI 1996.
  • Etzemüller, Thomas, Die Romantik des Reißbretts.
  • Etzemüller, Thomas: Sozialstaat, Eugenik und Normalisierung in skandinavischen Demokratien, in: AfS 43 (2003), S. 492-510.
  • Hirdman, Yvonne, Att lägga livet till rätta — studier i svensk folkhemspolitik. Stockholm 2000.
  • Olsson, Ulf, Drömmen om den hälsosamma medborgaren.

Lundborg, Herman: Rassenbiologische Übersichten und Perspektiven (1921)[1]

IV. Die Versündigungen der Industrie gegen Rasse und Volksgesundheit.

Bedauerlicherweise hat zwischen den verschiedenen Kulturvölkern der Neuzeit ein förmlicher Wettlauf stattgefunden, als es sich darum handelte, alle denkbaren Industrieerzeugnisse, bessere und minderwertige, nützliche und notwendige Dinge wie auch Luxusartikel in Unmasse herzustellen und zu verkaufen. [...]

Die Industrie hat im Laufe von Jahrzehnten diese und andere Länder um Milliarden bereichert. Der allgemeine Wohlstand hat sich unerhört vermehrt, höchst bedeutende Milieuverbesserungen sind zustande gekommen, und trotzdem liegt unsere moderne Kultur heute nahezu in Trümmern. Alle diese Reichtümer haben uns demnach nichts genützt, im Gegenteil, sie haben ungeheuren Schaden angerichtet. Von vielen Seiten in England und auch anderwärts wird in den Berichten nachgewiesen, daß die Industrie die größte Volks- und Rassenverderberin ist. Ein englischer Militärrapport über die Körperuntersuchungen während des Krieges an 2 ½ Millionen jungen Engländern aus allen Teilen des Landes konstatiert, daß nur 36%, militärtauglich gewesen sind. Mehr als 10% waren so minderwertig, daß sie zu allen, sowohl Militär- als auch Zivilarbeiten als untauglich angesehen werden mußten und daß sie aus diesem Grunde darauf angewiesen waren, auf Kosten anderer zu leben.

[...]

Die sozial Minderwertigen gebären also ohne jegliches Verantwortungsgefühl eine große Menge Kinder, welche nicht nur eine hohe Sterblichkeit, sondern auch gleichwie die Eltern Minderwertigkeit aufweisen. Es wird das Los der Tüchtigeren, sich dieser Kinder anzunehmen, die ihnen von Menschen aufgezwungen werden, welche sich in der Regel nicht das Geringste um ihre eigenen Nachkommen kümmern. Höher steht unsere Kultur nicht, als daß derartiges ungestraft nahezu überall in der Welt geschehen darf. Das sind wahrlich jämmerliche Ziffern. Soweit ist es schon mit einem alten Kulturvolk gekommen, welches sich zuerst von allen industrialisiert hat. Man kann leicht verstehen, daß in England gegenüber den Schwäche- und Entartungszeichen, die nun so augenfällig zu werden beginnen, große Unruhe herrscht.

[...]

Von vornherein kann man ernstlich die Frage erörtern, ob die dem Lande zuströmenden Millionen für ein Volk von wirklichem Nutzen sind. Man ist berechtigt hieran zu zweifeln, denn die Erfahrung lehrt, daß ein rasch und stark vermehrter Wohlstand sowohl in alten Zeiten als auch heute Bedürfnisse in Unendlichkeit erzeugt, der Luxus nimmt zu, Verweichlichung tritt auf, die Arbeitslust nimmt ab usw. Das Wohlleben ruft eine allzu große Bequemlichkeit hervor, die bald genug auf die Kinder übergeht. Die Frauen entziehen sich immer mehr der Mutterschaft, und wir sehen es ja, wie überall das 0-1-2-Kindersystem von den besser gestellten Gesellschaftsklassen ausgehend gedeiht. Nach und nach greift dieser Prozeß in die Tiefe und vertilgt allmählich ein früher lebenskräftiges Volk. Es ist dies, was man mit dem Namen Rassenselbstmord bezeichnet.

[...]

Um nicht mißverstanden zu werden, will ich hervorheben, dass ich natürlich keineswegs unter den Menschen eine wahllose „Kaninchenzucht“ als etwas wünschenswertes erachte, aber ich wage bestimmt zu behaupten, daß gesunde und tüchtige Eltern in einigermaßen guten Verhältnissen ein Verbrechen gegen die Natur und ihre eigene Rasse begehen, wenn sie sich mit einem oder zwei Kindern begnügen, während die am schwächsten ausgerüsteten Volksschichten sich immer mehr vermehren, was keineswegs erstrebenswert ist.

Die Staatsmächte tragen gewiß eine beträchtliche Schuld an diesen eben berührten Umständen. Sie unterstützen die hochwertigen Volkselemente nicht genügend in ihrem Wunsche, ein Heim zu gründen und die Familien zu erhalten. Unsere individualistische Zeit nimmt weitaus zu große Rücksichten auf die „Rechte“ des einzelnen und fragt wenig danach, wie es um die Familien und um die Rasse steht. Es wird heutzutage, kann man beinahe sagen, ein Ausrottungskrieg gegen Familien und Kinder geführt, und die Behörden gehen oft mit schlechtem Beispiel voran. Lohnpolitik, Wohnungsnot und Teuerung helfen mit, den Bestand der Familien zu untergraben. Kann man unter solchen Umständen verlangen, daß sich die Rasse auf die Dauer konkurrenzkräftig oder gar lebenstauglich erhält? Wir müssen erwachen, um den Gefahren dieses Systems zu steuern. Die Zukunft des Geschlechtes und der Rasse müssen vor allem gesichert werden.

[...]

Daß die Frauen in den Konkurrenzkampf mit den Männern hineingetrieben wurden, besonders in die industrielle Tretmühle, ist entschieden schlimm sowohl für sie selbst als auch für die Gesellschaft. Eine ganze Reihe dieser Frauen ist sicher ein besseres Los wert, als ihnen zuteil wird. Hinter den Mauern der Fabriken sammeln sich alle möglichen Elemente, schlechte und gute. Ein großer Teil davon geht infolge des schlechten Milieus verloren. Sie haben es schwer, sich auf eigene Faust zu behelfen; fallen Vergnügungen, Genüssen, Unsittlichkeit, ja der Prostitution anheim. Alsbald knüpfen sie Liebesverhältnisse nach rechts und links an – in der Regel nicht aus Not, sondern infolge der Versuchungen und der Genußsucht. Leider gibt es mehr als genug Männer, welche, wenn ihnen solche Verbindungen leicht zu Gebot stehen, dieses unregelmäßige Leben bei Weibern, Alkohol, Tanz und Belustigungen, dem Wege der Entsagung in wirtschaftlicher Hinsicht, der zu einem eigenen Heim führt, vorziehen.

[...]

Das Schuldregister der Industrie ist jedoch bei weitem damit noch nicht vollständig. Die am meisten rassenverderbenden Momente wären noch zu nennen. Eingehende Forschungen und statistische Zusammenstellungen zeigen, daß die Landarbeiterbevölkerung, besonders der Bauernstamm, in allen Ländern das Industrievolk an Gesundheit und Rassentüchtigkeit übertrifft. Dies beruht nicht, wie viele glauben, einzig und allein auf dem gesünderen Leben, das auf dem Lande geführt wird, sondern die Konstitution selbst, welche ihrerseits von gut und wohl angepaßten Erbanlagen abhängig ist, ist an und für sich besser. Die Bauernklasse trägt seit uralten Zeiten einen reichen Schatz guter Anlagen, eine starke Rassenkraft in sich. Dies ist also nicht in erster Linie ein Milieuphänomen, sondern von der Beschaffenheit der Erbeinheiten (Gene) und deren verschiedenartigen Kombinationen abhängig. Das Milieu wird zwar immer schlechter, je weiter hinunter in die Gesellschaftsschichten man kommt, doch ist dies nicht die eigentliche Ursache dafür, daß die Individuen, die dort hausen, eine schlechtere Konstitution haben. Überall stellt sich innerhalb eines Volkes, wo nicht unvernünftiger Despotismus oder Anarchie regiert, eine natürliche Schichtung ein. Diejenigen Menschen, welche ihr Dasein günstigeren Erbkombinationen zu verdanken haben, streben danach, höher zu kommen, die mit ungünstigeren sinken immer tiefer. Die niedrigsten Proletarier haben eine schlechte und wenig gut angepaßte Konstitution. Personen, welche sich mit einem schlechten Milieu begnügen oder damit begnügen müssen, sind in der Regel nicht rassentauglich.

Die wie Pilze aus dem Boden schießenden Fabriken ziehen die jungen Söhne und Töchter des Landes an sich. Die kürzere Arbeitszeit, die höheren Löhne, das abwechselnde Leben lockt mit wunderbarer Kraft. Das flache Land wird entvölkert. Die Städte und Industrieorte wachsen rasch. Die Milieuverhältnisse sind in diesen schlechter als auf dem Lande. Tuberkulose, Alkoholismus, Geschlechtskrankheiten und anderes Elend richten dort Verheerungen an und halten eine reichliche Ernte unter einer solchen Bevölkerung. Die Industrie verschluckt einen großen Teil des Bauernstammes; ein anderer Teil, der nicht ins Joch gehen will; wandert nach fremden Ländern aus und legt dort den Grund zu neuen, mit der Zeit vielleicht blühenden Völkern und Gemeinden. Das Ganze hat zur Folge, daß der Bauernstamm in den alten Ländern, wo sein Wert nicht mehr verstanden zu werden scheint und alles als käufliche Ware angesehen wird, verschwindet. Ein vollkommen gutes Volksmaterial kann man jedoch auf keinem Markte kaufen. Es nimmt Jahrhunderte und Jahrtausende in Anspruch, wieder eine rassentaugliche Bauernklasse aufzubauen, wenn die alte vernichtet worden ist.

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Die starke Zunahme der Bodenklasse ist das am meisten Bedenkliche in diesem Prozesse, denn körperliche und geistige Minderwertigkeit ist gerade ein kennzeichnender Zug in der Struktur dieser zahlreichen Bodenschicht. – Die höheren Arbeiterschichten werden natürlich hiervon nicht betroffen. – Verschiedene Industriearbeit fordert ein so geringes Maß von Intelligenz und Tüchtigkeit im übrigen, daß alle möglichen problematischen Individuen, die sich auf keine andere Weise versorgen können, nicht nur für sich selbst, sondern auch für eine Familie ein Auskommen finden. Viele von diesen, sowohl Männer als auch Frauen, wollen sich zwar nicht verheiraten, haben aber gleichwohl sexuelle Triebe und bekommen deshalb Nachkommen, welche dann meistens der Armenpflege zur Last fallen, und dies verbessert die Sache natürlich keineswegs. Da die Mittelklasse zusammenschrumpft, und die Oberklasse, welche in überwiegender Anzahl in den Städten wohnt, nur wenig Nachkommen hat, ist es ja klar, daß das Volk proletarisiert wird und insgesamt eine schlechtere Rassenbeschaffenheit als vor der Industrialisierung annimmt. Es entsteht mit anderen Worten ein ganzes Heer von mehr oder weniger schwach ausgerüsteten Individuen, und diese machen bald ihren Willen geltend. Geht es nicht im Guten, greifen sie zu revolutionären oder anarchistischen (bolschewistischen) Methoden und machen kurzen Prozeß mit allen, die dagegen sind, d. h. die höheren Klassen müssen es ausbaden. Es kommt ein Schreckensregiment. Alles gerät in Unordnung. Die Kultur sinkt. Das Volk entartet nun rasch und geht seinem Untergange entgegen. Neue Völker drängen sich ein, Es kann dann besser oder auch schlechter werden, was davon abhängt, wie das Volk, das sich zu Herren des Landes macht, beschaffen ist.

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Aus dem eben Gesagten geht mit aller Deutlichkeit hervor, daß wir auf unrechten Wegen wandeln. Wir setzen uns über die einfachsten Forderungen der Natur hinweg. Eine unbegrenzte Industrie veranstaltet immer einen Raub am Menschenmaterial und dies in einer solchen Ausdehnung, daß man berechtigt ist, die wunderlich lautende Paradoxe auszusprechen: wir sind nicht reich genug (haben wahrlich nicht die Mittel), die Industrie unaufhaltsam wachsen zu lassen, trotzdem sie uns Milliarden zuführt, denn unsere ganze Lebenskraft und Zukunft als selbständiges Volk steht auf dem Spiele.

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[1] Auszüge aus: Lundborg, Herman [sic]: Rassenbiologische Übersichten und Perspektiven, Jena 1921, S. 20-28.


Zitation
Totalität statt Totalitarismus? Europäische Themen, nationale Variationen, in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2007, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3372>.
Für das Themenportal verfasst von

Thomas Etzemüller

( 2007 )
Zitation
Thomas Etzemüller,
Totalität statt Totalitarismus? Europäische Themen, nationale Variationen, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2007, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3372>.
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