Peter und Aljoscha: Zwei entsorgte imperiale Denkmäler in Tallinn und ihr Potential als europäische Erinnerungsorte

Wie wird man seine Vergangenheit los? Zwei Mal im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde Estland unabhängig, zwei Mal, 1918 und 1991, verließ das Land die Konkursmasse eines russisch dominierten Vielvölkerreichs. Gleichsam als Symbol des jeweils angestrengten Wandels darf der Umgang der neuen nationalen Exekutive mit der monumentalen Erinnerung an den früheren transnationalen Staatszusammenhang gelten. In diesem Beitrag werden zwei Denkmäler behandelt, die in idealtypischer Weise dafür stehen, wie lokale Gemeinschaften bestimmte Aspekte ihrer Vergangenheit im Kontext der jeweilig dominierenden Narrative verhandeln. [...]

Peter und Aljoscha: Zwei entsorgte imperiale Denkmäler in Tallinn und ihr Potential als europäische Erinnerungsorte[1]

Von Karsten Brüggemann


Tallinner Standbilder

Wie wird man seine Vergangenheit los? Zwei Mal im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde Estland unabhängig, zwei Mal, 1918 und 1991, verließ das Land die Konkursmasse eines russisch dominierten Vielvölkerreichs. Gleichsam als Symbol des jeweils angestrengten Wandels darf der Umgang der neuen nationalen Exekutive mit der monumentalen Erinnerung an den früheren transnationalen Staatszusammenhang gelten. In diesem Beitrag werden zwei Denkmäler behandelt, die in idealtypischer Weise dafür stehen, wie lokale Gemeinschaften bestimmte Aspekte ihrer Vergangenheit im Kontext der jeweilig dominierenden Narrative verhandeln. Während die Jahre 1918 und 1991 die politischen Zäsuren der estländischen, d.h. nicht nur ethnisch estnischen, Geschichte markieren, erzählt die Geschichte der beiden Denkmäler zum einen etwas darüber, wie das Land zu Beginn des 18. und Mitte des 20. in ein russisch dominiertes Vielvölkerreich kam bzw. wie diese Vergangenheit zurzeit der Errichtung der beiden Denkmäler interpretiert wurde. Dass beide Standbilder, die an den überregionalen Staatsverband erinnerten, nach den genannten politischen Zäsuren abgerissen bzw. aus dem erinnerungspolitisch sensiblen Stadtzentrum versetzt wurden, hat nicht nur etwas mit veränderten Perspektiven auf die eigene Geschichte, sondern auch mit dem Verlangen nach einer Purifizierung des historisch aufgeladenen innerstädtischen Raums der estnischen Hauptstadt zu tun.

Beide Denkmäler stehen in einer ‚ewigen‘ städtischen Topografie keine 500 m voneinander entfernt auf dem Mitte des 19. Jahrhunderts zur Bebauung freigegebenen ehemaligen Festungsstreifen südlich der Altstadt. In ihrer unmittelbaren Nähe stehen mit der Johannes- und der Karlskirche die protestantischen Hauptkirchen der städtischen Esten. Bei dem einen handelt es sich um eine Statue für den russischen Zaren Peter I., „den Großen“, die auf Betreiben der Stadt aus Anlass des 200. Jahrestages des Anschlusses der einstmals schwedischen Ostseeprovinzen an das Russländische Reich 1910 errichtet wurde. Die zweite Anlage wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Befreiung der Stadt von der deutschen Okkupation durch die Rote Armee gewidmet. Während die Regierung das Peter-Monument Anfang der 1920er Jahre einschmelzen ließ, um es, wie es heißt, zu Münzen zu verarbeiten, wurde „Aljoscha“, wie die Rotarmistenfigur des zweiten Denkmals im Volksmund genannt wurde, im April 2007 auf Regierungsbeschluss aus dem Zentrum auf den zentralen Militärfriedhof der Hauptstadt verlegt. Während es bei der ersten Aktion zu keinerlei nennenswerten Protesten kam – selbst der Rat der Volkskommissare in Moskau dürfte sich höchstens bestätigt gefühlt haben –, erregte die Versetzung Aljoschas den offiziellen Protest der Russländischen Föderation und führte zu diplomatischen Konflikten zwischen Moskau und der Europäischen Union.

Nach einem knappen Überblick über das Schicksal der beiden symbolisch besetzen Figuren soll gefragt werden, was die jeweilige Form der „Entsorgung“ unliebsamer Vergangenheiten auf nationaler Ebene im Kontext von Überlegungen aussagen kann, sich im Rahmen der EU auf eine gemeinsame europäische Erinnerung berufen zu wollen.

Peters Geschichte

Die Phase der ersten russischen Revolution 1905/06 hatte die Machtverhältnisse in den Ostseeprovinzen des Russländischen Reiches dramatisch verschoben. Spuren der Gewalt zogen sich nun zwischen die verschiedenen ethnischen Gruppen der Region. Während es auf estnischem Gebiet im urbanen Umfeld vornehmlich estnische Opfer zu beklagen gab – eine friedliche und bewilligte Demonstration war von Regierungstruppen am 16. Oktober 1905 niederkartätscht worden –, waren Esten über das Land gezogen und hatten zahlreiche Gutshöfe verwüstet sowie deutsche Gutsherren und Pastoren ermordet. Erst der massive Einsatz von staatlicher Macht konnte die Unruhen unterdrücken, durch den die „Grenzen der Gemeinsamkeit“ der ethischen Milieus nur unterstrichen worden.[2] Doch war zugleich die tradierte politische Ordnung – hier die von St. Petersburg gestützte dünne deutsche Oberschicht, dort die überwältigende demografische Mehrheit der estnischen Bevölkerung – unmittelbar vor der Revolution erschüttert worden, da im Dezember 1904 erstmals eine estnisch-russische Liste die Stadtverordnetenwahlen in Tallinn für sich entscheiden konnte. Die Jahrhunderte währende politische Dominanz der Deutschen in der Hansestadt Reval, wie Tallinn auf Deutsch heißt, war gebrochen, und die estnische Nationalbewegung hatte einen ersten bemerkenswerten Erfolg errungen.[3]

Mit der Krise der Jahre 1905/06 musste nun eine vor allem estnische Exekutive fertigwerden. Um die russische Gouvernementsverwaltung zu besänftigen, war mit Erast Hiazintov zunächst ein Russe Bürgermeister geworden, der sich jedoch im Laufe des Jahres 1905 aufgrund der Ereignisse zurückzog. Mit Voldemar Lender, der in St. Petersburg studiert hatte, wurde 1906 erstmals ein Este Bürgermeister Tallinns. In der Zeit zwischen Revolution und dem Ausbruch des Weltkriegs musste er sich vor allem um Ausgleich bemühen. In diesem Kontext ist auch die Initiative für die Errichtung eines Peter-Denkmals aus Anlass der Jubiläumsfeierlichkeiten 1910 zu sehen, die indes von der Estländischen Ritterschaft ausging: Um die Loyalität der ganzen Provinz zu zeigen, zogen die unterschiedlichen Kräfte an einem Strang. Im August 1908 wurde ein offizielles Komitee gegründet, dem führende russische Beamte der Gouvernementsadministration, deutsche Adlige als Vertreter der Ritterschaft und Esten aus der Tallinner Stadtverwaltung angehörten. Zar Nikolaus II. erklärte sich bereit, als Schirmherr für eine reichsweite Spendenaktion zu fungieren. Der Gouverneur Izmail Korostovec hatte die Situation recht gut erfasst, als er im Mai 1908 die Regierung erstmals auf den Plan aufmerksam machte: Jede der ethnischen Gruppen der Stadt würde am liebsten im Alleingang solch ein Denkmal errichten, weshalb er seine Person als Vermittler ins Spiel brachte, um Esten und Deutsche zusammenzuhalten.[4] In Anbetracht der Differenzen auf ethnischer Grundlage war die Durchführung eines Projekts dieser Größenordnung durchaus ein Beweis für die Funktionstüchtigkeit der multiethnischen Kommune Reval-Tallinn, wobei es nicht zu verhindern war, dass sich in der in Stein gehauenen Figur Peters des Großen zahlreiche Versionen der Vergangenheit spiegelte und nicht einmal jedes ethnische Milieu sich auf ein Bild der Rolle des Herrschers einigen konnte.

In der Perspektive der konservativen deutschen Eliten der Ritterschaft stellte Peter den Garant ihrer ständischen Privilegien dar, die in den Kapitulationen von 1710 festgehalten worden waren. Um diese Privilegien hatte es seit den 1860er Jahren heftige Auseinandersetzungen mit der russischen Seite gegeben, welche das Recht des Autokraten einklagte, sie jederzeit zugunsten des Reichs zu verändern. Es ist bezeichnend, dass Ritterschaftshauptmann Eduard von Dellingshausen noch in seinen Erinnerungen den Gegenstand, den das Peter-Denkmal in der Rechten trug, als „Bestätigungsurkunde der Landesprivilegien“ identifizierte[5]; indes handelte es sich dabei um ein Fernrohr, während die Linke eine Karte der Ostsee hielt. Somit handelte es sich bei diesen Attributen eher um Insignien des Eroberers als um die eines Repräsentanten einer ständisch orientierten Innenpolitik und entsprach der russischen Perspektive auf Peter.

Die bürgerlichen deutschen Wirtschaftseliten hatten ebenfalls eine eigene Interpretation parat, warum Peter ein Denkmal verdiente. Er symbolisierte die Pax Rossica, die der Region – abgesehen von Irritationen während des napoleonischen Russlandfeldzugs und des Krimkriegs – zweihundert Jahre friedlicher Entwicklung beschert hatte, desgleichen die angestrebte „Europäisierung“ des Russländischen Reiches und schließlich die Bewahrung des lutherischen Glaubens im orthodoxen Staat. Hierin stimmte man mit den Ritterschaften weitgehend überein: Peters vermeintliche Agenda – Frieden sichern, provinzielle Eigenheiten bewahren und Estland weitgehend in Ruhe lassen – hatte schließlich die Dynastietreue der lokalen Eliten begründet. Allein der liberale deutsche Diskurs hatte in den Jahren vor 1910 einen Föderalismus in der Politik des „großen“ Zaren entdeckt, der in einer durchaus utopischen Note auf die „liberale“ Politik Nikolaus‘ II. in Reaktion auf die Revolution von 1905/06 bezogen wurde. Der politisch immer noch dominierenden deutschen Minderheit der Ostseeprovinzen war angesichts der drückenden demografischen Überlegenheit der Esten und Letten durchaus klar, dass die Bewahrung der eigenen Position ohne Rückendeckung aus St. Petersburg unhaltbar geworden war.[6]

Für die Esten als aufstrebende nationale Gruppe konnte Peter kaum als Repräsentant einer positiven Vergangenheit in Frage kommen. Er hatte das Land mit Krieg überzogen und die Macht der (deutschen) Gutsherren über die leibeigenen (estnischen) Bauern nicht angetastet. Wenn die Stadtverwaltung das Denkmalprojekt dennoch unterstützte, verfolgte sie die Strategie, nach der Revolte von 1905 in der Hauptstadt um Sympathie zu werben – schließlich war es die russische Stadtordnung, deren Regeln die eigene Vorherrschaft in Tallinn sicherte. Immerhin mag die Figur des „Europäisierers“ auch unter Esten einige Popularität genossen haben.

In russischer Sicht schließlich, in der Peter immer schon umstritten gewesen war, konnte „Europäisierung“ auch als Bruch mit den eigenen Traditionen gewertet werden, dominierte das Bild des Imperators als Eroberer der Ostseeküste. Genau diese Aussage machte auch das Denkmal selbst, das in erster Linie den Geschmack von Nikolaus II. traf. Dieser hatte das Ergebnis eines Wettbewerbs verworfen und als echter Autokrat den Bildhauer Leopold Bernstamm, der in St. Petersburg studiert und bereits Denkmäler für die Literaten Puškin, Dostoevskij und Goncarov konzipiert hatte, den Entwurf der Revaler Peter-Statue übertragen. Am 29. September 1910 (alter Stil) wurde auf dem Heumarkt südlich der Altstadt ein gut elf Meter hohes Monument des militärischen Eroberers eingeweiht. Um die reichsweite Bedeutung dieses Denkmals zu unterstreichen, leitete Korostovec die Zeremonie, während der Stadt nur blieb, den Heumarkt in „Petersplatz“ (russ. Petrovskaja plošcad’; estn. Peetriplats) umzubenennen und die „Eroberung“ auch in der städtischen Toponymie zu verankern.

Diese Denkmalserrichtung darf somit als ein imperiales Projekt angesehen werden, das sich dem lokalen Kontext nur unwesentlich anpasste. Schon das Ritual der Einsegnung des Standortes auf dem Heumarkt durch den orthodoxen Klerus hatte das Interpretationsmodell der Regierung unterstrichen: Auf Wunsch des Zaren fand sie am 27. Juni 1909 statt, dem 200. Jahrestag des Sieges Peters I. gegen den schwedischen König Karl XII. bei Poltava. Die anwesenden Vertreter der Gouvernements- wie der Stadtverwaltung und der Ritterschaft hatten dabei unter dem Läuten der Kirchenglocken und dem Salut der im Hafen liegenden Schiffe die Knie zu beugen, für den Zaren zu beten und Peter sowie der bei Poltava auf russischer Seite Gefallenen zu gedenken. Die Stadt schuf sich also ein steinernes Zeugnis ihrer legitimen Zugehörigkeit zum Russländischen Reich. Übereinstimmend heißt es, dass am Tag der Einweihung keine rechte Feststimmung aufkommen wollte, vielleicht auch deshalb, weil der Zar es vorzog nicht zu erscheinen. An seiner Stelle war Großfürst Konstantin Konstantinovic zu den Feierlichkeiten erschienen. Diese wurden mit einem Gottesdienst in der 1900 errichteten Alexander-Newski-Kathedrale auf dem Domberg eröffnet und trugen einen betont russischen Charakter. Auf dem Petersplatz sangen Kinder die Hymne „Gott schütze den Zaren“ sowie Lieder über das alte Russland, die Wolga und den Sieg über die Schweden. Im Anschluss an die Enthüllung machte sich der Großfürst zu den Repräsentanten der ethnischen Milieus auf, die er nacheinander begrüßte. Die traditionelle ständische Gesellschaft, das musste offenbar auch die Dynastie akzeptieren, hatte ausgedient. Das zarische Vielvölkereich war an seiner Peripherie dabei, sich in partikulare ethnische Identifikationen aufzulösen, für welche die Autokratie samt Scheinparlament keine Integrationskraft mehr besaß. Als das Jubeljahr vorbei war, blieben dem Imperium noch gut sechs Jahre bis zur Abdankung der Romanovs. Die Peter-Statue wurde im seit 1918 unabhängigen Freistaat Estland 1922 von seinem Standort entfernt. Während der Kopf vor dem Peter-Häuschen im Park des einst vom Imperator errichteten Zarenschlosses Katharinental (estn. Kadriorg) aufgestellt und wohl erst im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, führte man den Rest offenbar einer pragmatischen Weiterverwendung zu: Das imperiale Denkmal wurde zu Münzen der Estnischen Mark recycelt.

Aljoschas Geschichte

Im Unterschied zur Aufstellung seines zarischen Vorgängers begann die Geschichte des Rotarmisten Aljoscha bereits wenige Jahre nach dem Ereignis, das dessen Errichtung symbolisieren sollte. Im September 1944 kehrte die Rote Armee, die bereits im Juni 1940 der estnischen Unabhängigkeit ein vom Hitler-Stalin-Pakt initiiertes Ende bereitet hatte, nach Tallinn zurück. Was in sowjetischer Terminologie stets als Befreiung von faschistischer Besatzung interpretiert wurde (was es für eine wichtige historische Sekunde sicher auch war), bedeutete für die Mehrheit der im Lande verbliebenen Esten nur die Fortsetzung der Annexion vom Sommer 1940, die indes bis 1991 andauern sollte. Zum dritten Jahrestag der „wiedererrichteten“ sowjetischen Herrschaft wurde auf der Grünfläche neben der Karlskirche ein Dutzend Rotarmisten beigesetzt. An dieser Stelle hatte zuvor bereits ein kleines hölzernes Denkmal gestanden, das aber 1946 von zwei estnischen Schülerinnen als Zeichen des Protests zerstört worden war. Die Verlagerung der Grabstätten an diesen Ort war eine symbolische Tat, denn in Tallinn hatten 1944 keinerlei Kämpfe mehr stattgefunden, die Soldaten waren auf anderen Schlachtfeldern des Krieges umgekommen. Hier sollte ein zentraler Erinnerungsort für den Sieg gegen den Faschismus errichtet werden, wie ihn viele sowjetische und ostmitteleuropäische Städte in diesen Jahren erhielten, der vor allem zeremoniellen Bedürfnissen Rechnung tragen musste: Er war zentral gelegen und geeignet für Kranzniederlegungen und politische Manifestationen des Regimes.

Für sowjetische Verhältnisse erstaunlich zurückhaltend und sensibel stellte das 1947 errichtete Standbild einen trauernden Rotarmisten mit gesenktem Kopf dar, der seinen Helm in der Hand trägt. Die Statue wurde von einer Kalksteinwand gerahmt, wodurch der Blick immer wieder auf den Soldaten gerichtet wird. Gewidmet war das Ensemble den „Befreiern Tallinns“. Die Bedeutung dieser Gedenkstätte wurde mit den Jahren immer größer als unter Leonid Brežnev der Kult um den Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ systemlegitimierende Funktionen erhielt.[7] Nachdem 1964 ein Ewiges Feuer hinzugefügt worden war, wurden die Feierlichkeiten aus Anlass des „Tag des Sieges“ am 9. Mai und des „Tages der Befreiung“ am 22. September immer pompöser. Die Stätte wurde zu dem zentralen Ort der symbolischen Manifestation der Sowjetmacht in Estland.

Nach der Wiederherstellung der staatlichen Unabhängigkeit des Landes 1991 wurde das Ensemble zunächst kaum berührt – noch waren Einheiten der jetzt russischen Armee im Land stationiert. Nach deren Abzug wurde die Stätte dann dem Gedenken aller Gefallenen des Krieges umgewidmet, um die sowjetische Färbung – und damit das Denkmal als solches – semiotisch zu neutralisieren. Dies misslang, denn aufgrund der zunehmenden außenpolitischen Spannungen zwischen dem in EU und NATO strebenden Estland und der Russischen Föderation unter Vladimir Putin wurde der Platz des „Bronzenen Soldaten“ nicht mehr nur von Veteranen alljährlich aufgesucht, sondern durch eine generationenübergreifende Präsenz von russischsprachigen Einwohnern Estlands erinnerungspolitisch aufgewertet. Nach den Diskussionen um die Präsenz baltischer Staatsoberhäupter auf dem Roten Platz aus Anlass des 60. Jahrestages des Kriegsendes 2005[8] – der estnische Präsident Arnold Rüütel blieb zu Hause – kam es im Jahr darauf in Tallinn am 9. Mai zu Provokationen estnischer Nationalisten, woraufhin das Schicksal des Denkmals im Vorwege der Parlamentswahlen Anfang März 2007 zum öffentlichen Thema wurde. Auch dank des Versprechens, dieses Problem zu lösen, gewann die nationalliberale Reformpartei diese Wahlen, deren Regierung um Ministerpräsident Andrus Ansip nun nicht mehr viel Zeit blieb bis zum nächsten „Tag des Sieges“. Inzwischen hatte sich eine städtische russische Jugendinitiative, die sich nach einem populären russischen Horrorfilm „Nachtwache“ (nocnoj dozor) nannte, zum Wächter Aljoschas erkoren und sogar Petitionen an den Europarat verschickt, in denen sie gemahnten, die Erinnerung an die Befreiung vom Faschismus zu bewahren. Da aber die Tallinner Stadtverwaltung unter Führung der Zentrumspartei, die auf ihre russischen Wählerschichten angewiesen war, jegliche Aktion verweigerte, hatte noch die alte Regierung Ansip ein Gesetz durch das Parlament gebracht, mit dem die Sache des Schutzes von Kriegsgräbern in die Hände der Regierung gelegt worden war.

Am 26. April 2007 wurde die Umgebung des Denkmals unter einem großen Zelt verborgen und die Exhumierungsarbeiten eingeleitet. Im Laufe des Tages versammelten sich mehr als tausend meist russischsprachige Menschen um das von Polizisten – darunter ebenfalls zahlreiche ethnische Russen – geschützte Areal. Am Abend begannen Ausschreitungen in den Straßen der Innenstadt, die bald weltweites Aufsehen erregten: Geschäfte wurden geplündert, Autos umgeworfen und ein russischer Jugendlicher, der wohl in die Plünderungen involviert gewesen war, erstochen. Daraufhin beschloss die Regierung, das Denkmal sofort zu verlegen, woraufhin es zu einer zweiten Nacht der Gewalt kam, auf die sich die Stadt jetzt aber besser eingestellt hatte. Unter den mehreren hundert Personen, die verhaftet wurden, befanden sich indes auch zahlreiche Esten. Die sofort von den internationalen Medien aufgenommene Version von estnisch-russischen Auseinandersetzungen in den Straßen von Tallinn ist in dieser Trennschärfe indes nicht haltbar.[9]

Trotz der verbreiteten Auffassung vor allem russischer Medien, die Esten hätten Aljoscha zerstört oder zumindest zersägt, wurde das Denkmal Anfang Mai auf dem zentralen estnischen Militärfriedhof wieder aufgestellt. Die estnische Regierung, die wie die anderen europäischen Staaten auch, dem Ende des Krieges am 8. Mai gedachte, legte erstmals auch einen Kranz am Bronzenen Soldaten nieder und ließ den Verteidigungsminister erklären, das Denkmal sei nun wirklich ein „Symbol für unsere gemeinsame Trauer“ und nicht länger für die Gegensätze, die es an seinem früheren Standort versinnbildlicht hätte.[10] Interessanterweise fehlten am nächsten Tag, als die russische Bevölkerung Aljoscha an seinem neuen Standort die Reverenz erwies, rote Flaggen als Symbole des sowjetischen Erinnerungsnexus – dafür wurden orange-schwarze Bänder getragen, die den zarischen Militärorden des Heiligen Georg symbolisieren, der einst von Stalin revitalisiert worden war.

Es gelang der estnischen Regierung nicht, die Affäre als rein interne Angelegenheit zu behandeln. Angela Merkel hatte in ihrer Eigenschaft als EU-Ratspräsidentin den Besuch einer Delegation der Moskauer Staatsduma nach Tallinn vermittelt, doch als deren Mitglieder gleich nach ihrer Ankunft den Rücktritt der estnischen Regierung verlangten, verpuffte diese Vermittlungsinitiative ohne die Spannungen auch nur ansatzweise geglättet zu haben. Der Ort der Auseinandersetzungen verlegte sich aber zunehmend nach Moskau, wo die vom Kreml unterstützte patriotische Jugendorganisation „Naši“ (Die Unsrigen) die estnische Botschaft blockierte und sogar versuchte, die Botschafterin Marina Kaljurand tätlich anzugreifen. Daraufhin schaltete sich allerdings die EU ein, um Russland an die Einhaltung der Wiener Konvention zu gemahnen. Erst als die EU auf ihrem Gipfeltreffen mit Vertretern der Russländischen Föderation in Samara Mitte Mai in dieser Frage – unerwartet für den Kreml? – Einigkeit zeigte, legte sich die Spannung allmählich.

Estnische, russische und europäische Erinnerungen

Es ist ein Unterschied, ob man ein Denkmal, das nur ein gutes Jahrzehnt existiert hat, zu Münzen macht, oder ob man eine Erinnerungsstätte, die ein halbes Jahrhundert Bestand hatte, an einen neuen Wirkungsort verpflanzt. So wie der alte Heumarkt, der heutige Freiheitsplatz (estn. Vabaduse väljak), erinnerungspolitisch bis 2009 nie genutzt wurde (abgesehen von der Bezeichnung als Siegesplatz zur Sowjetzeit), ist auch der alte Standort des Bronzenen Soldaten heute weitgehend als Grünanlage neutralisiert – von Aleksander Astrov etwas überpointiert unmittelbar nach den Ereignissen als Tallinner „Ground Zero“ bezeichnet.[11] Katherine Verdery zufolge wollen Denkmalszerstörungen oder -ver­legungen nicht nur die (vermeintliche) historische Wahrheit gerade rücken, sondern auch zu einer neuen moralischen Ordnung aufrufen.[12] In gewisser Weise hat die estnische Regierung mit der Verlegung Aljoschas versucht, das Ensemble aus dem Raum der demonstrativen Geschichtspolitik, für die es von den sowjetischen Machthabern errichtet worden war, in einen eher privaten Gedenkraum der Trauer zu überführen, zumal die sterblichen Überreste einiger der 1947 an diesem Ort begrabenen Rotarmisten zu ihren Verwandten in Russland bzw. der Ukraine verbracht wurden. Damit endete auch ihr Opfer für die Sakralisierung der sowjetischen Geschichte. Die moralisch einwandfreie Umbettung der Toten im Beisein eines orthodoxen Geistlichen sollte der Regierung auch symbolisches Kapital einbringen, indem auf dem Soldatenfriedhof eine Art universaler Moral wiederhergestellt wurde – und nicht die eine historische Wahrheit, sei es die der estnischen oder die der sowjetischen bzw. russischen Meistererzählung.

Neu scheint am durchaus kontrovers zu sehenden Verhalten der Regierenden in Tallinn indes zu sein, dass sie das Denkmal nicht, wie es der traditionelle Reflex der russischen Medien schon kommen sah, einfach vernichtet haben. Angesichts der nun nicht mehr im unmittelbaren Zentrum stattfindenden jährlichen Zusammenkünfte zumeist Russophoner am 9. Mai und 22. September darf man behaupten, dass ein zentraler Erinnerungsort für die estländischen Russen bewahrt oder sogar neu geschaffen worden ist. Bei aller Kritik an der Geschichtspolitik Estlands gerade auch angesichts der konsequent und dialogfrei durchgezogenen Errichtung einer dezidiert estnisch-nationalen Siegessäule auf dem Freiheitsplatz im Juni 2009[13] darf man in der Aktion des Jahres 2007 doch eine gewisse Abkehr vom sowjetischen Erbe in der Gedächtniskultur des Landes erkennen. Für das innenpolitische Klima im so genannten Prozess der „Integration“ der russischen Minderheit Estlands war die Denkmalversetzung indes ein harter Schlag – und nicht das reinigende Gewitter, das ursprünglich vielleicht in der Luft gelegen haben mag. Beide Milieus leben weiterhin mehr oder weniger nebeneinander her, auch wenn die jüngere Generation über immer weniger Bindungen zur Russländischen Föderation verfügt und sich eher im Rahmen der EU verortet. Es bleibt eine subkutane Sollbruchstelle des gesellschaftlichen Konsenses, die in Zeiten wirtschaftlichen Niedergangs jederzeit aktiviert werden kann.

Claus Leggewie und Anne Lang verorten diesen Denkmalstreit auf dem „Schlachtfeld“ der europäischen Erinnerung im Kontext der Europäisierung peripherer Erfahrungen und setzen ihn in Bezug zu der nicht abreißenden Diskussion um die Frage, ob nun das NS- oder das stalinistische Regime Priorität in der Reihe der „Bösen“ genießen dürfen.[14] Das ist zweifellos wichtig, schon um den typisch osteuropäischen Erfahrungen mit sowjetischem und nationalsozialistischem Terror die Resonanz zu geben, die sie bislang in der westlich dominierten europäischen Erinnerung kaum hatten. Indes steht zu befürchten, dass ohne die gewaltsamen Auseinandersetzungen um den Tallinner Bronzenen Soldaten diesem typisch baltisch-russischen Konflikt um die Interpretation der lokalen Sowjetherrschaft der medial verwertbare Aufhänger gefehlt hätte, um europäische Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mit anderen Worten: Wäre baltisch-russische Geschichtsaufarbeitung eine Sache der Expertenkommissionen, d.h. Teil eines „europäischen“ Aushandlungsprozesses gewesen, und nicht auf die Straße getragen worden, hätte „Europa“ ihre Brisanz vielleicht gar nicht realisiert. Zu einem transregionalen Erinnerungsort wurde Aljoscha nur durch die mit seiner Versetzung verbundene Gewalt. Als typischer Erinnerungskonflikt zweier konträrer Meistererzählungen um das Erbe eines Vielvölkerreiches, aber auch als typische Erfahrung im Prozess der Diktaturüberwindung, ist der Verlauf dieses „Denkmalkriegs“ indes paradigmatisch.

Die in diesem Essay versuchte Verknüpfung zweier Denkmalsgeschichten aus Tallinn zeigt zwei Dinge: Zum einen wäre es aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive wünschenswert, die historische Tiefe derartiger, auf die politische Ebene durchschlagender historischer Kontroversen intensiver auszuloten. Tallinn ist nicht erst seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine multiethnische Stadt gewesen, und gerade die Rolle der Russen und ihres kulturellen Milieus ist für die Zeit vor 1918 noch kaum untersucht worden.[15] Demgegenüber wäre zum anderen aber festzuhalten, dass das historische Gedächtnis von ethnischen Kollektiven sehr leicht überlagert werden kann. Während 1940 für die neu errichtete Sowjetmacht in Estland zur Erlangung symbolischen Kapitals die Erhaltung des oben erwähnten Peter-Häuschens im Park Katharinental oberste Priorität genoss, spielt diese Schicht der historischen Patina der estnischen Hauptstadt in den heutigen Auseinandersetzungen keine Rolle mehr. Der Konflikt um das historische Gedächtnis mit Russland dreht sich um die Hinterlassenschaften der Parteisekretäre, nicht um die der Zaren. Für den europäischen Hintergrund mag dies heißen, dass der Zweite Weltkrieg, in dem sich die Linien des braunen und des roten Terrors in den Vergangenheitskonstruktionen der Europäer schneiden, früher oder später von historischen Ereignissen überlagert sein wird, die uns noch bevorstehen. Tröstlich ist dies freilich keineswegs.



[1] Essay zu den Quellen: Denkmäler Peters des Großen und des Bronzenen Soldaten in Tallinn (1910/2007). Die Abfassung dieses Beitrages wurde von der estnischen Wissenschaftsförderung (ETF8625) unterstützt.

[2] Für Riga demonstriert bei Hirschhausen, Ulrike von, Die Grenzen der Gemeinsamkeit. Deutsche, Letten, Russen und Juden in Riga 1860-1914 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, 172), Göttingen 2006.

[3] Zu Tallinn vgl. Woodworth, Bradley D., Patterns of Civil Society in a Modernizing Multiethnic City: A German Town in the Russian Empire Becomes Estonian, in: Ab Imperio 7 (2006), 2, S. 135-162.

[4] Brief von I.V. Korostovec an den Innenminister, 26. Mai 1908, in: Eesti Ajalooarhiiv (Estnisches Historisches Archiv, Tartu), Fond 3812, Findbuch 1, Akte 1, Bl. 1f.

[5] Dellingshausen, Eduard von, Im Dienste der Heimat (Schriften des Deutschen Ausland-Instituts Stuttgart, D.3), Stuttgart 1930, S. 157.

[6] Henriksson, Anders, Vassals and Citizens. The Baltic Germans in Constitutional Russia, 1905–1914 (Materialien und Studien zur Ostmitteleuropaforschung, 21), Marburg 2009.

[7] Weiner, Amir, Making Sense of War: The Second World War and the Fate of the Bolshevik Revolution, Princeton 2001.

[8] Onken, Eva-Clarita, The Baltic States and Moscow’s 9 May Commemoration: Analysing Memory Politics in Europe, in: Europe-Asia Studies 59 (2007), S. 23-46.

[9] Berg, Eiki; Ehin, Piret (Hgg.), Identity and Foreign Policy. Baltic-Russian Relations and European Integration, Farnham, Burlington 2009; vgl. auch Leggewie, Claus; Lang, Anne, Der Kampf um die europäische Erinnerung: Ein Schlachtfeld wird besichtigt, München 2011, vor allem S. 56-80.

[10] Zit. in: Brüggemann, Karsten; Kasekamp, Andres, The Politics of History and the War of Memories in Estonia, in: Nationalities Papers 36 (2008), S. 425-448, hier S. 439.

[11] Astrov, Aleksander, Liigsete sõnadeta [Ohne überflüssige Worte], in: Eesti Päevaleht vom 7.5.2007.

[12] Verdery, Katherine, The Political Lives of Dead Bodies. Reburial and Post-Socialist Change, New York 1999, S. 26 und 38.

[13] Brüggemann, Karsten, Denkmäler des Grolls: Estland und die Kriege des 20. Jahrhunderts, in: Osteuropa 58 (2008), S. 129-146.

[14] Leggewie, Lang, Der Kampf (wie Anm. 9).

[15] Ein erster Versuch bei Isakov, Sergej G., Put’ dlinoju v tysjacu let. Russkie v Estonii. Istorija kul’tury [Ein tausendjähriger Weg. Russen in Estland. Geschichte der Kultur], Teil I, Tallinn 2008; siehe hierzu auch Brüggemann, Karsten, Gedächtnis und Identität der Russen im Baltikum: Zur Konstruktion der Geschichte einer nationalen Minderheit, in: Forschungen zur baltischen Geschichte 6 (2011), S. 225-237.



Literatur

  • Brüggemann, Karsten; Kasekamp, Andres, The Politics of History and the War of Memories in Estonia, in: Nationalities Papers 36 (2008), S. 425-448.
  • Brüggemann, Karsten; Tuchtenhagen, Ralph, Tallinn. Kleine Geschichte der Stadt, Köln, Weimar, Wien 2011.
  • Kattago, Siobhan, War Memorials and the Politics of Memory: The Soviet War Memorial in Tallinn, in: Constellations 16 (2009), S. 150-166
  • Tamm, Marek, History as Cultural Memory: Mnemohistory and the Construction of the Estonian Nation, in: Journal of Baltic Studies 39 (2008), S. 499-516.
  • Woodworth, Bradley D., An Ambigous Monument: Peter the Great’s Return to Tallinn in 1910, in: Problemy nacional’noj identifikacii, kul’turnye i politiceskie svjazi Rossii so stranami Baltijskogo regiona v XVIII-XX vekach / Russia and the Baltic States: Political Relations, National Identity and Social Thought in XVIII-XX Centuries, ed. by Ruth Büttner, Vera Dubina, Michail Leonov, Samara 2001, S. 205-219.

Denkmäler Peters des Großen und des Bronzenen Soldaten in Tallinn (1910/2007)

Quelle 1: Das Denkmal Peters des Großen in Reval (1910)[1]


Quelle 2: Der Bronzene Soldat auf dem Militärfriedhof kurz nach der Versetzung im Mai 2007[2]


Quelle 3: Der Bronzene Soldat auf dem Militärfriedhof September 2007[3]



[1] Die Veröffentlichung dieser Abbildung erfolgt mit Unterstützung und freundlicher Genehmigung des Archivs des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa (IKGN e.V.), Sig. 1-Rev-Den-1. © 2012 Copyright Nordost-Institut, Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa e.V. an der Universität Hamburg, Conventstraße 1, 21335 Lüneburg.

[2] Bei diesem Bild handelt es sich um eine private Fotografie von Karsten Brüggemann.

[3] Bei diesem Bild handelt es sich um eine private Fotografie von Karsten Brüggemann.

Zitation
Peter und Aljoscha: Zwei entsorgte imperiale Denkmäler in Tallinn und ihr Potential als europäische Erinnerungsorte , in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2012, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3609>.
Für das Themenportal verfasst von

Karsten Brüggemann

( 2012 )
Zitation
Karsten Brüggemann , Peter und Aljoscha: Zwei entsorgte imperiale Denkmäler in Tallinn und ihr Potential als europäische Erinnerungsorte, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2012, <www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3609>.
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