Auszüge aus einer Korrespondenz des Schweizerischen Konsulats bezüglich in Neuseeland internierten Deutsch-Tonganern (1941/1942)

Herr Minister,

Mit meinem Telegramm Nr. 16, vom 13. Juni 1941, betreffend unterstützungsbedürftige deutsche Internierte auf Somes Island für das zweite Quartal 1941, habe ich Sie darauf aufmerksam gemacht, dass sich dort zwei unterstützungsbedürftige Internierte W.G. und F.C. W o l f g r a m m aus Tonga befinden, deren Nationalität jedoch nicht abgeklärt sei.

In meinem bezüglichen Kabel teilte ich Ihnen auch mit, dass der Vater der beiden im Jahre 1888 bezw. 1886 auf Tonga geborenen Internierten, nämlich Gustav Wolfgramm, in Pyritz, Pommern, geboren worden sei, und dass das ehemalige Deutsche Generalkonsulat in Wellington angeblich zwecks Feststellung der Nationalität der Herren W.G. und F.C. Wolfgramm am 22. Februar 1939 an die deutsche Regierung geschrieben habe. [...]

Auszüge aus einer Korrespondenz des Schweizerischen Konsulats bezüglich in Neuseeland internierten Deutsch-Tonganern (1941/1942)

I. Unterstützung aus deutschen Mitteln für die in Neuseeland internierten Deutsch-Tonganer W.G. und F.C. Wolfgramm


CONSULATE OF SWITZERLAND

WELLINGTON, N.Z.


 Wellington, N.Z.
 16. September 1941.



Schweizerische Gesandtschaft,

Special Division,

Duke of York Steps,

LONDON, S.W.1.

Herr Minister,

Mit meinem Telegramm Nr. 16, vom 13. Juni 1941, betreffend unterstützungsbedürftige deutsche Internierte auf Somes Island für das zweite Quartal 1941, habe ich Sie darauf aufmerksam gemacht, dass sich dort zwei unterstützungsbedürftige Internierte W.G. und F.C. W o l f g r a m m aus Tonga befinden, deren Nationalität jedoch nicht abgeklärt sei.

In meinem bezüglichen Kabel teilte ich Ihnen auch mit, dass der Vater der beiden im Jahre 1888 bezw. 1886 auf Tonga geborenen Internierten, nämlich Gustav Wolfgramm, in Pyritz, Pommern, geboren worden sei, und dass das ehemalige Deutsche Generalkonsulat in Wellington angeblich zwecks Feststellung der Nationalität der Herren W.G. und F.C. Wolfgramm am 22. Februar 1939 an die deutsche Regierung geschrieben habe.

Der deutsche Lagerälteste auf Somes Island, Herr R.P. Berking, möchte für die beiden Internierten Wolfgramm die bedürftigen deutschen Internierten quartalsweise zukommende Unterstützung aus öffentlichen deutschen Mitteln ermöglichen und hat mir unter dem 7. September den beiliegenden Brief nebst Beilagen zukommen lassen.

Ich darf Sie bitten, die Sache evtl. an die deutschen Behörden durch Vermittlung unserer Regierung weiterzuleiten.

Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung.


 Schweizerisches Konsulat,
 Vertretung der deutschen Interessen,
 (gez.) SCHMID
 Konsul.
 
 
 
 





Sender: Tonga-German Internees.

Somes Island


7th September, 1941.

The Swiss Consul,

Dr. W. Schmid,

Wellington.


Dear Sir,


Re: Wolfgramm Brothers.

Bezüglich der Reichsangehörigkeit der beiden Genannten und der damit in Verbindung stehenden monatlichen Hilfsgelder ist nunmehr weitere Auskunft mit der letzten Post von Tonga vorgestern hier eingetroffen.

Beiliegend überreiche ich Ihnen ergebenst ein Originalschreiben des Herrn General-Konsul Ramm vom 20.März 1939, wonach die Familie des dritten Bruders der Familie Wolfgramm im Konsulat eingetragen wurde. Des weiteren hat Frau Wolfgramm an ihren Ehemann mitgeteilt, dass damals, als Herr G.K. Ramm in Vavau war, er mit Herrn Schülke sich die genaueste Auskunft über die Vavau-Deutschen geben liess und zwar schriftlich, worauf dann später Herr G.K. Ramm den Empfang dieser Auskünfte bestätigte, indem er mitteilte, dass er nunmehr alles eingetragen habe, "placed on record". Hierzu bemerkt W. Wolfgramm, dass er, sowie Fr. Wolfgramm, ihre Anmeldungen durch ihren Bruder Otto Wolfgramm im General-Konsulat in Wellington machen liessen, weil Otto in Vavau wohnt, während die beiden hiesigen weit ausserhalb auf anderen Inseln etabliert sind und nur gelegentlich nach Vavau kommen.

Wie dem nun auch sein mag, ich glaube, dass kein Zweifel berechtigt sein dürfte, am Deutschtum der beiden Genannten, wenn auch der dokumentarische Beweis hierfür nur für den dritten Bruder vorliegt. Die Insel-Leute sind nun mal so, wenn der eine seinem Bruder eine Sache zur Besorgung gibt, nimmt er an, dass damit die Sache seine Erledigung gefunden hat, weil es meistens ja dann auch so ist. Ich von mir aus kann nur nachdrücklichst Ihnen, werter Herr Konsul, erklären, dass ich die Familien-Mitglieder der ganzen Wolfgramm'schen Familien immer als gute Deutsche gekannt habe und sollte es mich besonders freuen, dass Sie sich in der Lage gesehen haben, den Anträgen dieser beiden Wolfgramms auf gütige Gewährung der monatlichen Unterstützungen mit Beginn des zweiten Vierteljahres, wie bei den anderen Tonganern, zu entsprechen. Ich erlaube mir daher, diesen Antrag des W. Wolfgramm und des F.C. Wolfgramm hiermit ergebenst vorzulegen.

Ich füge noch hinzu, dass ich selbstverständlich bereit bin, später die nötigen Schritte zu unternehmen, die nötig sein sollten zur Wiedereinziehung dieser Gelder nach diesem Krieg.


 Ich verbleibe inzwischen
 Stets Ihr ergebener
 gez. R.P. BERKING





II. Wunsch der Internierten, Familienangehörige aus Tonga nach Neuseeland evakuieren zu lassen, und Beschwerden über deren Lebensumstände in Vava'u.

[…]

6. Mai 1942

An die Sonderabteilung

der Schweizerischen Gesandtschaft

Duke of York Steps

LONDON S.W. 1


Herr Minister,

Betrifft: Evakuierte deutsche Frauen und Kinder

_ aus Tonga in Auckland, Neuseeland. __

[…]

Klassifizierung der Evakuierten.

[…] Durch allgemein verbindliche Instruktionen des "High Commissioner for the Western Pacific" in Suva, in dessen Regierungsbereich das Britische Protektorat Tonga faellt, wurde die Evakuierung aller Frauen und Kinder (bis zu 16 Jahren) europaeischer Rasse verfuegt. Ein Unterschied zwischen eigenen, neutralen oder feindlichen Staatsangehoerigen sei dabei nicht gemacht worden, sodass grundsaetzlich deutsche Frauen und Kinder nach den gleichen Prinzipien evakuiert werden sollten wie britische Staatsangehoerige oder Angehoerige neutraler Staaten. […]

[…]

Evakuierung z. Zt. noch in Tonga zurueckgelassener deutscher Staatsangehoeriger:

U. W. befinden sich z. Zt. noch in Tonga die Frau und 11 Kinder eines in Neuseeland internierten deutschen Staatsangehoerigen, sowie der 18jaehrige Sohn eines anderen deutschen Internierten, dessen Frau und Tochter bereits evakuiert wurden. Alle sind europaeischer Rasse und waeren, vielleicht mit Ausnahme des 18jaehrigen jungen Mannes, somit unter die obligatorische Evakuierung gefallen. Aus Gruenden der Sicherheit und wegen ihres Auskommens verlangen dieselben nun auch ihre Evakuierung nach Neuseeland. Ich habe in beiden Faellen die tonganische Regierung nun um ihre Auffassung in der Sache gebeten. In drei weiteren Faellen haben hier internierte deutsche Staatsangehoerige, deren Familien in Tonga zurueckgeblieben sind, auch ein Gesuch um Evakuierung derselben nach Neuseeland gestellt. Es handelt sich dabei jedoch um Frauen tonganischer oder gemischter Abstammung, welche allem Anscheine nach nicht unter die obligatorische Evakuierung fallen konnten. Im Hinblick auf die auch in diesen Faellen vorgebrachten Klagen wegen Bedrohung ihrer Sicherheit und mangelhaften Auskommens haben wir die tonganischen Behoerden auch hier um Bekanntgabe ihrer Auffassung gebeten und sie zudem ersucht, uns wenigstens die Zusicherung zu geben, dass die noetigen Massnahmen getroffen werden, um diesen Familien, falls Klagen wegen bedrohter Sicherheit, die sie vorgebracht haben, begruendet sind, den noetigen Schutz angedeihen zu lassen. Auch die Frage ausreichender monatlicher Unterstuetzungen haben wir bei den tonganischen Behoerden schriftlich aufgeworfen. Kleine Familien ( z.B. Frau und 1 Kind ) unterstuetzt die tonganische Regierung z.Zt. angeblich mit £ 1 im Monat, groessere ( z.B. Frau mit 4 und mehr Kindern ) mit £ 2. […] Vergleichsweise erwaehne ich hier, dass seiner Zeit einer in Nukualofa zurueckgelassenen Frau mit 4 unerwachsenen Kindern ( jetzt in Auckland evakuiert ), nebst 2 erwerbstaetigen Soehnen, von der tonganischen Regierung auf unsere Intervention hin monatliche Unterstuetzungen im Betrage von £ 6.10.0 gewaehrt wurden. […] Es handelte sich in diesem Falle jedoch um Vollweisse, welche nach europaeischem Standard leben, waehrend es sich bei den nun noch in Tonga zurueckgebliebenen Leuten meistens um Mischlinge handelt oder im Falle einer vollweissen Familie angeblich um Personen, welche "native style" leben sollen. Aus diesem Grunde duerfte sich die Abstufung der Unterstuetzungsbetraege erklaeren. […]

Genehmigen Sie, Herr Minister, die Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung.


 Schweizerisches Konsulat,
 Vertretung der deutschen Interessen,
 

(Schmid)

Konsul.






CONSULATE OF SWITZERLAND

WELLINGTON



 WELLINGTON, N.Z.
 11th September 1942


Swiss Legation

Special Division

Duke of York Steps

LONDON S.W.l.


Monsieur le Ministre,

 Re families left behind in Tonga of German internees
 on Somes Island, New Zealand.



[…]

EVACUATION

It would seem that the British authorities can hardly be requested on any legal ground to evacuate German women and children from Tonga to New Zealand, although as you already know, they have evacuated a number of them on the same basis as British and neutral women and children belonging to the European race. The government evacuation plan embraces only women and children who are classified as belonging to the European race, and according to the advice of the British Consul no Tongans (racially) have been evacuated. […]

There are still a few German women and children belonging to the European race left in Tonga, as for instance, the wife of the German internee H. E. Guttenbeil, with a number of children, for whom the Tongan Government does not contemplate any further evacuation. However, due to our representations to the British Consul, their allowance has now been raised from £2 to £5 monthly. The internee H.E. Guttenbeil, when I recently saw him, advised me that he would not insist further on the evacuation of his family to New Zealand, so that this case, in my opinion, may be regarded as satisfactorily settled.

[…]

SCHOOLING OF GERMAN CHILDREN LEFT BEHIND IN TONGA

We are advised that there are no European (white) teachers left in Tonga and that therefore the European schools are closed down altogether. I am reluctant to assume that the British Authorities can be requested to evacuate German families from Tonga to New Zealand at the British Government's expense to enable these families to have their children educated in New Zealand. In his report the British Consul observes that 'there have never been any other schools in Vavau except those run by the Tongan Government which are still available', and that complaints made by these people about lack of schooling are not understood.

[…]

MEDICAL ATTENTION TO GERMAN NATIONALS IN TONGA

The attention of the British Consul in Tonga has been drawn to this subject in one case and his reply of the 24th June 1942, states 'Mrs. Sanft is pure Tongan and gets the same medical attention (free) as other Tongans do'. This reply of the British Consul does not cover the question of whether or not dental treatment is included in the free medical treatment, although, in the specific case which brought up the question of medical attention, dentist's bills were an integral part. […]

MONTHLY ALLOWANCES PAID TO GERMAN NATIONALS IN TONGA BY THE TONGAN GOVERNMENT

After the amount of the regular monthly allowance for the full white family of H.E. Guttenbeil, referred above, had been increased from £2 to £5, there were only 3 complaints left open, namely as regards

1. Mrs. R.F. Sanft, pure Tongan with 4 children of the ages 9,11,13,15, wife of a half-caste German internee on Somes Island, New Zealand, receiving an allowance of £2 per month.

2. The children of O.E.Wolfgramm (widower) half-caste German internee on Somes Island, New Zealand. 10 quarter-caste children in Tonga ages 6,8,10, 12, 14, 22 and four over 22, receiving a monthly allowance of £2.

3. Mrs. W.G. Wolfgramm, full Tongan wife of half-caste German internee on Somes Island, New Zealand, with one dependent child of 11 years, and a number of grown-up children, receiving a monthly allowance of £1.

[…]

R.F. Sanft’s family: ' […] Mrs. Sanft is pure Tongan by birth, her father has plenty of land, and she herself has land and is not being pressed to pay her leases. She has many Tongan relations who help her. The Acting Chief Justice reported that the family was well-dressed and had cigarettes and similar luxuries (which the Europeans themselves find extremely hard to obtain). The daughter was given work by Messrs. Morris Hedstrom Ltd. recently, and left after a week of her own accord, apparently from laziness. Since Sanft's internment Mrs. Sanft has made three pleasure trips to Nukualofa, paying her passage on the Government schooner 'Hifofua', and her daughter, one. The allowance of £2 per month is considered adequate and the Acting Chief Justice opinion is that the family is better off for Sanft's internment. '

O.E. Wolfgramm’s family: 'The eldest daughter, a reliable and trustworthy girl, received £9 per month from Burns Philp and draws the whole of her Sergeant Major husband's salary amounting to £7.15.0. This man is stationed in Nukualofa. The family also receive an allowance of £2 per month. Since they live together, their total income at present amounts to £18.15.0. per month. […]

It will be seen that they are more than adequately provided for financially, and indeed, the Tonga Government’s ex gratis payment of £2 per month appears unnecessarily generous.

Wolfgramm states that six of his nine children are grown up. There is plenty of work for all adults in Tonga now if they care to do it. '

W.G. Wolfgramm’s family: ' Mrs. Wolfgramm is a Tongan woman and Wolfgramm's statement that his profession allowed his family to live on a European standard is untrue, they have, in fact, always lived as Tongans, and the Acting Chief Justice reports that the family are in every way Tongan. The family is grown up, one daughter is married to a Tongan schoolmaster who earns £3.5.0. per month, and the eldest son is married to a Tongan woman. The other sons have land near the family homestead where they plant food for the use of all. They are allowed the use of their small boat for fishing (local Europeans would pay high prices for fish, if it was offered them), and they can make copra and sell it at the present high rates, or take advantage of the work offering with good wages. […]'

CARRYING ON OF RETAIL TRADE

Only two cases of this nature have come to our attention […]. In the second case the opening of the closed store was not allowed because of the impending foreclosure. The report of the British Consul at Tonga on this is as follows: 'Wolfgramm before his internment owed Messrs. Burns Philp some £8,000, and the Company have now foreclosed, which they intended to do whether Wolfgramm was interned or not. Messrs. Burns Philp's action in foreclosing is, of course, entirely legal.'

[…]

Accept, Monsieur le Ministre, the expression of my highest esteem.


 (Schmid)
 Consul of Switzerland
 in charge of German Interests





Deutschsein in der Südsee. Berichte des Schweizerischen Konsuls in Neuseeland über Internierte aus Vava'u (Tonga-Inseln) während des Zweiten Weltkriegs[1]

Von Reinhard Wendt

In Neuseeland wurden während des Zweiten Weltkriegs nicht nur Deutsche und Deutschstämmige, die dort lebten, als enemy aliens interniert. Vielmehr kamen in die Lager auch manche aus Samoa und von den Tonga-Inseln. Samoa war nach dem Ende der deutschen Kolonialherrschaft als Mandatsgebiet des Völkerbunds in neuseeländische Verwaltung übergegangen, und Tonga, das seit dem 18. Mai 1900[2] als britisches Protektorat zum Empire gehörte, hatte vor allem ökonomisch enge Kontakte zu Neuseeland. Die Mehrzahl der tonganischen Internierten mit deutschen Wurzeln stammte aus Vava'u im Norden des Archipels. Es handelte sich um insgesamt zehn Personen: Hermann E. Guttenbeil, seinen Neffen Gustav F. Guttenbeil, die Vettern Otto G. Sanft und Rudolf F. Sanft, Otto P. Schaumkel, Arthur E.E. Schulke, Karl F.T. Witzke sowie die drei Brüder Friedrich C. Wolfgramm, Otto E. Wolfgramm und William G. Wolfgramm.[3]

Ihre Familien waren privat und geschäftlich eng miteinander verflochten, und zwar nicht erst, seit sie in Vava'u ein neues Zuhause gefunden hatten. Eine ganze Gruppe von Deutschen hatte sich in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts dorthin aufgemacht. Mit Ausnahme von Schulke und Witzke waren die übrigen Internierten bereits auf Tonga geboren. Sie hatten euro-polynesische, samoanische und vor allem tonganische Mütter, lediglich Hermann Guttenbeil war als Sohn einer Britin aus Samoa rein europäischer Abstammung. Zahlreiche Kinder und noch mehr Enkel ließen die Familien rasch anwachsen, und nach und nach entstand eine europäisch-polynesische Bevölkerungsgruppe, in deren Lebensweise sich deutsche mit tonganischen Elementen verbanden.[4]

Die Quellenauszüge, die in diesem Essay vorgestellt werden, geben Hinweise darauf, wie sich die "Vava'u-Deutschen", um eine Benennung aus den Dokumenten zu übernehmen, kulturell verorteten, inwieweit sie sich als Deutsche sahen und wie sie von außen wahrgenommen wurden. Dabei geht es weniger um die Faktizität der Aussagen, die den Quellen zu entnehmen ist, als vielmehr darum, Merkmale aus ihnen herauszufiltern, die es erlauben, aus verschiedenen Perspektiven den Charakter ihres "Deutschseins" zu beschreiben. Das geschieht aus neuseeländischer, aus reichsdeutscher und aus der Selbstsicht der Internierten.

Die Collage setzt sich aus Auszügen von Quellen zusammen, die aus dem Schweizerischen Bundesarchiv in Bern stammen. Materialien zu den Internierten und zu den Lagern in Neuseeland sind an verschiedenen Orten überliefert. Am wichtigsten sind die Western Pacific Archives in Auckland, die die Unterlagen des Britischen Hochkommissariats für den westlichen Pazifik aufbewahren, das auch für Tonga zuständig war, das neuseeländische Nationalarchiv in Wellington und das Schweizerische Bundesarchiv. Während sich in Auckland und Wellington vor allem offizielle britische und neuseeländische Unterlagen befinden, ermöglich die Bestände in Schweiz einen genaueren Blick auf die Lage der Internierten. Der Grund dafür ist, dass die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs die deutschen Interessen in Neuseeland wahrnahm. Dazu gehörte es, sich um die Internierten zu kümmern, die Lebensbedingungen in den Lagern zu prüfen, Beschwerden der Insassen entgegenzunehmen, weiterzuleiten und auf Besserung monierter Zustände zu drängen. Der Schweizerische Konsul W. Schmid informierte eine Sonderabteilung der ihm vorgesetzten Gesandtschaft in London, die ihrerseits die Abteilung für fremde Interessen beim Schweizerischen Außenministerium (Eidgenössischen Politischen Departement) in Bern kontaktierte, bevor die deutsche diplomatische Vertretung in der Schweiz in Kenntnis gesetzt wurde. Alle diese Fragen und Vorgänge lassen sich in Bern nachvollziehen.

Die Collage besteht aus zwei Teilen. Im ersten stehen drei der Internierten im Mittelpunkt[5], im zweiten geht es um ihre Familien, ihre mögliche Evakuierung nach Neuseeland und die Lebensumstände in Vava'u.[6] Insgesamt sind Auszüge aus vier Schreiben versammelt. Drei sandte Schmid nach London, das vierte war an ihn adressiert und stammte von R. P. Berking, dem "Lagerältesten", also dem Sprecher der deutschen Internierten auf Somes Island, einer kleinen Insel in der Bucht von Wellington.

Im ersten Brief des ersten Teiles berichtete Schmid am 16. September 1941, dass sich Berking dafür einsetzte, W. G. und F. C. Wolfgramm aus Tonga die finanzielle Zuwendung aus deutschen öffentlichen Mitteln zu gewähren, die bedürftige deutsche Internierte vierteljährlich erhalten konnten. Allerdings bestand Unklarheit über die Nationalität der Brüder. Ihr Vater, so informierte Berking, war in Pyritz in Pommern geboren, und das deutsche Generalkonsulat in Wellington hatte sich angeblich bereits 1939 an die deutsche Regierung gewandt, um ihre Staatsangehörigkeit klären zu lassen. Um die Sache der Wolfgramms zu unterstützen, hatte Berking am 7. September 1941 ein empfehlendes Schreiben an Schmid verfasst, das dieser seinem Brief beilegte. Es bildet das zweite Dokument in diesem Teil der Auszüge. Berking informierte Schmid darin, dass er klärende Angaben aus Tonga erhalten habe, was die Frage der Nationalität der beiden Wolfgramms betraf.

Der zweite Teil der Collage setzt sich aus zwei weiteren Briefen Schmids zusammen. Er sprach darin Wünsche und Beschwerden der Internierten an, die sich auf die Lebensumstände ihrer Frauen und Kinder in Vava'u bezogen, und skizzierte die Antworten, die er auf seine entsprechenden Eingaben an die tonganischen Behörden und den britischen Konsul in der Hauptstadt Nuku'alofa erhalten hatte.

Dass sich Deutsche auf Tonga aufhielten, ist weniger überraschend, als es auf den ersten Blick scheinen mag. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Deutsche auf allen größeren und vielen kleineren Inseln des Pazifiks anzutreffen. Im Handel nahmen sie häufig hinter den Engländern die zweite Position ein, und an einer Reihe von Orten spielten sie sogar die führende Rolle. Für ihre Geschäfte waren die Produkte der Kokosnuss am wichtigsten. Aus ihrem Fleisch presste man zunächst Öl, später trocknete man es zu Kopra, das sich in Säcke gepackt leichter nach Europa verschiffen ließ, wo man es als Grundstoff für Seifen und als Speisefett schätzte. Bedeutendstes kaufmännisches Unternehmen dieser Zeit im westlichen Pazifik war die Hamburger Firma Johann Cesar Godeffroy & Söhne und nach deren Konkurs 1879 die Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft der Südseeinseln zu Hamburg. Wenig später erwarb das Deutsche Reich im gleichen Raum seine ozeanischen Kolonien.[7]

Der Pionier, der im Fall der Vava'u-Deutschen die Kettenwanderung Richtung Tonga auslöste, hieß August Sanft. Er kam aus Pyritz in Pommern, war Sohn eines Müllers, erlernte das Bäckerhandwerk, soll 1848 Deutschland verlassen haben und über die Goldfelder Kaliforniens und Australiens nach Tonga gelangt sein, gelockt von der Aussicht, im boomenden Geschäft mit Kopra mehr Erfolg zu haben als im ungewissen Schürfen nach Gold. Die Rechnung ging auf, und August Sanft erwarb ein Vermögen, das sich umgerechnet auf rund zwei Millionen Euro belief.[8] Persönlich wurde er jedoch nicht glücklich, verlor in Vava'u Frau und zwei Kinder und entschloss sich, mit zwei Töchtern nach Pyritz zurückzukehren, wohin er zwei Söhne bereits zur Ausbildung gesandt hatte.

August Sanft wollte nicht aufgeben, was er aufgebaut hatte. Er ermunterte etliche seiner Neffen, ebenfalls Richtung Vava'u aufzubrechen, und diese wiederum zogen weitere Verwandte und Freunde mit sich. Insgesamt umfasste die Gruppe, die nun nach und nach dorthin ging, 19 Personen. 18 von ihnen waren Männer, 14 stammten aus Pyritz, nur zwei kehrten wieder nach Deutschland zurück. Vier trugen den Namen Sanft, acht hießen Wolfgramm, außerdem zählten Hermann Guttenbeil und Karl Witzke dazu. Ihre Väter kamen aus dem sozialen Milieu von Handwerkern und Landwirten. Schon in Deutschland waren die Familien Sanft, Wolfgramm und Witzke verschwägert. Die einzige Frau der Gruppe stammte ebenfalls aus Pyritz und ehelichte einen der Auswanderer, als der sich bereits in Vava'u etabliert hatte. Dort heirateten Angehörige der Familien Kronfeld, Schaumkel und Schultz, die ebenfalls aus Deutschland stammten und im selben Kontext nach Tonga gekommen waren, in die Gruppe ein.

Ihr Auskommen fanden sie alle im Koprahandel. Sie betrieben Import-Export-Geschäfte, bei denen sie sich eingeführte Waren mit Kopra bezahlen ließen, das sie dann exportierten. Einige unterhielten auch selber Pflanzungen und dörrten das Kokosnussfleisch in ihren Anwesen. Viele besaßen kleinere Boote, mit denen sie Außenstationen und entlegenere Inseln ansteuerten, um Kopra einzusammeln und Waren auszuliefern. Die Geschäftsbeziehungen reichten über Tonga hinaus, in manchen Fällen von Australien bis Tahiti, von Samoa bis Neuseeland.

Deutschland hatte mit Tonga 1876 einen Freundschaftsvertrag abgeschlossen. Der damalige König und sein wichtigster Berater versprachen sich von den Kontakten zum Reich ein Gegengewicht zum Einfluss des Britischen Empire in der Region. Mit dem Erwerb seiner ozeanischen Kolonien wuchs die Bedeutung Deutschlands im westlichen Pazifik. Zu Neuguinea, Palau, den Karolinen, Marianen und den Marschallinseln kam 1899 Samoa, was für die Vava'u-Deutschen zu einem Wendepunkt wurde. England verzichtete auf seine Ansprüche auf Samoa, während Deutschland seinen Einfluss in Tonga aufgab, das nun britisches Protektorat wurde. Bis zum Ersten Weltkrieg bestimmten allerdings gerade im Norden des Archipels weiterhin deutsche Kaufleute das Handelsgeschehen.

Im Ersten Weltkrieg erklärte man sie jedoch zu enemy aliens, sie durften ihre Geschäfte nicht mehr ausüben, die Deutsche Handels- und Plantagengesellschaft wurde liquidiert und ihre drei führenden Manager in Neuseeland interniert, darunter auch einer der Vava'u-Deutschen. Australische und neuseeländische Firmen und Personen bewarben sich regelrecht darum, die Geschäfte der deutschen Konkurrenz zu übernehmen. Nach Kriegsende konnten zwar die meisten der Vava'u-Deutschen ihre wirtschaftlichen Aktivitäten wieder aufnehmen, doch nicht mehr in dem gleichen prominenten Umfang wie zuvor. Zurück blieb Bitterkeit, die sie auf Distanz zum Empire gehen ließ. Aus diesen Ressentiments, weniger aus Sympathie für die Ideologie des Nationalsozialismus intensivierte sich seit den 1930er-Jahren eine prodeutsche Stimmung, oder zumindest glaubten viele Briten eine solche wahrzunehmen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden schließlich erneut Vava'u-Deutsche in Neuseeland interniert.

Das Deutsche Reich gewährte unterstützungsbedürftigen Internierten eine finanzielle Zuwendung. Eine solche hatten auch W.G. und F.C. Wolfgramm beantragt. Sie werden das mit dem Argument getan haben, sie seien Deutsche. Konsul Schmid schienen die Gründe zu überzeugen, zumal sie von Berking mit einer Reihe von weiteren Belegen und Argumenten untermauert wurden. Zumindest ein weiterer Bruder der Wolfgramms, Otto E., der zum Zeitpunkt von Schmids Schreiben noch nicht interniert war, hatte sich beim Generalkonsulat in Wellington registrieren lassen. Die beiden anderen konnten das nach eigenen Angaben nicht, weil sie zu isoliert lebten, und hielten das auf Grund ihrer pazifischen Mentalität vermutlich auch nicht für nötig, wie Berking ergänzend kommentierte. Der deutsche Generalkonsul Ramm hatte sich zudem in Vava’u persönlich ein Bild gemacht, wobei der später selber internierte Arthur Schülke sein Hauptgewährsmann war. Schmids befürwortendes Statement gipfelte in Berkings Aussage, er habe alle Angehörigen „der ganzen Wolfgramm'schen Familien“ immer als gute Deutsche gekannt.

Rudolf Peter Berking[9] lebte vor seiner Internierung auf Samoa. Zwischen Vava'u und Apia bestanden regelmäßige Kontakte, sodass es durchaus glaubhaft erscheint, dass er die Wolfgramms kannte. Er gehörte zu der Gruppe von Internierten, die eindeutig pro-deutsche Positionen vertraten und mit den Nationalsozialisten sympathisierten.[10] Das wird nicht für alle Internierten gegolten haben und man wird bei Berking vermuten können, er wollte möglichst viele der Lagerinsassen an seine Fraktion binden. Deshalb befürwortete er das Gesuch der Wolfgramm-Brüder. Ein Satz in seinem Schreiben deutet jedoch an, dass er ihr Deutschsein mit Einschränkungen versah. „Insel-Leute“ nannte er sie, und daraus kann man schließen, dass er sie eigentlich als recht weit adaptiert an die tonganische Kultur betrachtete. Es spricht also einiges dafür, dass aus Berkings Sicht das Deutschsein der Wolfgramms vor allem politischer Natur war. Ähnliches kann man bei Ramm vermuten. Wie andere Diplomaten[11] versuchte er, die Auslandsdeutschen auf seine und die Seite des Reiches zu ziehen.

Wofür Berking und Ramm die Vava'u-Deutschen zu gewinnen suchten, das sahen britische Stellen und neuseeländische Behörden als gegeben an: sie hielten sie für feindliche Ausländer. Wesentliches Merkmal des Deutschseins aus dieser Außenperspektive war ebenfalls ein politisches. Illoyalität zum Empire, anti-britische Einstellung und Unterstützung der Achsenmächte standen dabei im Zentrum. Die Vorwürfe waren jedoch vage und wenig substantiell. Sie seien „of full German blood“, hieß es fälschlicherweise in einem Bericht. Sie sollen sich über deutsche und auch über japanische Siege gefreut, Loyalität zum Reich bekundet, Hitler gelobt und die Briten verunglimpft haben. Gefürchtet wurde, sie könnten für das Reich spionieren und dafür ihre Boote und ihre Radios nutzen. Auch Sabotage traute man ihnen zu. Kontakte nach Deutschland oder zu Deutschen und Verwandten in anderen Ländern galten als negatives Indiz und wurden registriert, da die Post offenbar offizieller Kontrolle unterlag.[12]

Da spielte es keine Rolle, dass die große Mehrzahl der Vava'u-Deutschen am Vorabend des zweiten Weltkriegs polynesische Mütter hatten, auf Tonga geboren waren, nicht Deutsch sprachen, niemals in Deutschland waren und allenfalls oberflächliche Kontakte zur Heimat ihrer Väter unterhielten. Selbst diese Väter hatten sich bereits weit von ihren Wurzeln entfernt. Sie sprachen tonganisch und akkulturierten sich. Aufgrund ihrer Beziehungen zu einheimischen Frauen hätten sie, wenn wir uns im afrikanischen Kontext bewegen würden, als "verkaffert" gegolten.[13] Allerdings war der nicht deutsche Teil an ihnen polynesisch, und Samoaner ebenso wie Tonganer wurden in der stereotypen, rassisch geprägten und vermutlich auch von Berking und Ramm geteilten deutschen Wahrnehmung im Gegensatz zu Afrikanern positiv gesehen.

 Doch die Vava'u-Deutschen bewahrten andererseits auch Merkmale und Eigenschaften, die mit dem Attribut "deutsch" versehen werden können. In ihrem kulturellen Gedächtnis war – und ist bis heute – die Erinnerung an die deutschen Wurzeln fest eingegraben. Deutlich wird das etwa an den Namen, die sie ihren Kindern gaben: Emil, Emilie, Friedrich, Gustav, Hermann, Martha, Otto, Sophie oder Wilhelm. Wichtige Distinktionsmerkmale in der Selbstsicht der Gruppe, die sie verbanden und die sie, wie sie glaubten, von ihrer Residenzgesellschaft abhoben, waren Sauberkeit und Ordnung, die sie hoch schätzen, Arbeit und Fleiß und der Stolz auf das, was sie mit eigener Mühe und Kraft erreichen und aufbauen konnten. Nicht zuletzt aus diesen Gründen war es für sie wichtig, ihren Kindern eine gute Ausbildung zukommen zu lassen. Während die Woche dem Berufsleben gewidmet war, trafen sich die Männer samstags und sonntags in ihren Häusern oder im Club, wo sie sich unterhielten, Lieder sangen, spielten, ausgiebig Alkohol konsumierten und ihre Gruppenidentität pflegten.

Unter den Zuwanderern der ersten Generation waren Bäcker und wie vielfach in deutschen Auslandsgemeinden buken einige ihrer Kinder und Enkel auch in der zweiten und dritten Generation Brot und verdienten Geld damit. Zudem pflegten die Vava'u-Deutschen einen wenn auch vielleicht nicht typisch deutschen, aber doch europäischen Lebensstil. Die tonganischen Fales, in denen sie zunächst wohnten, wichen bald prächtigen Häusern, errichtet aus edlen Hölzern und ausgestattet mit vielen Gerätschaften und Einrichtungsgegenständen, die für die tonganische Gesellschaft dieser Zeit fremd waren. Man abonnierte Zeitschriften, und Musikinstrumente, selbst Klaviere, wurden importiert. Auch Radios oder Funkgeräte hatte man angeschafft, aus geschäftlichen Gründen, aber auch um mit der Welt außerhalb Tongas in Kontakt zu bleiben. In vielen dieser Häuser hing, auch nachdem Tonga britisches Protektorat geworden war, ein Bild Kaiser Wilhelms II. und wenn sein Geburtstag gefeiert wurde, ruhte in ganz Neiafu, dem Hauptort Vava'us, das öffentliche Leben.[14] Gepflegt wurde etwas, was Johannes Voigt nostalgischen Nationalismus nennt.[15] Bei einigen mag er ausgeprägter gewesen sein als bei anderen, denn nicht alle Vava'u-Deutschen gerieten in das Visier der "Heimatschützer".

Wenn Friedrich und William Wolfgramm also auch für sich eine finanzielle Unterstützung seitens des Reichs beantragten und das mit dem Argument taten, sie seien Deutsche, dann war das nicht unbegründet. Andererseits ist unübersehbar, dass sie sich an das Leben in einem britischen Protektorat in der Südsee angepasst hatten. Ihre Namen etwa besaßen nicht nur einen englischen, sondern auch einen tonganischen "Anstrich": So wurde Wilhelm zu William und Viliami, Friedrich zu Frederick oder Fred und Feleti. Ihre Väter hatten mit der Auswanderung auf die Zugehörigkeit zum Preußischen Unterthanen Verband verzichtet[16], und sie selber bemühten sich nur ausnahmsweise darum, die deutsche Staatsangehörigkeit wieder zu erhalten. Von den Wolfgramm-Brüdern, von denen hier die Rede ist, hatte nur Otto zu diesem Zweck das Konsulat aufgesucht. Anders als sie es Berking darstellten, lebten sie auch keineswegs isoliert. William wohnte als Bootsbauer auf Utungake, Friedrich als Kopraproduzent auf Vaka'eitu, beides kleine Inseln, die leicht und schnell von Neiafu erreichbar waren. Problemlos hätten sie dort an Bord eines der Dampfschiffe gehen können, die regelmäßig Richtung Auckland oder Apia verkehrten. Auch dass sie später als andere Internierte die Unterstützung beantragten, spricht nicht für ganz große Nähe zum Reich.

 So wie sich die Vava'u-Deutschen einmal mehr und einmal weniger deutsch präsentierten oder fühlten, so wechselte in anderen Kontexten auch das offizielle neuseeländische Verständnis von ihrem Deutschsein. Im Unterschied zu den internierten Männern und Vätern nämlich klassifizierte man ihre Frauen und Kinder in Vava'u als Tonganerinnen und Tonganer. Die Eingaben der Internierten wurden mit Begründungen abgelehnt, die im Wesentlichen auf rassischen Gesichtpunkten basierten. Evakuiert werden konnte, wer europäischer Rasse war. Frauen und Kinder gemischter oder polynesischer Herkunft, die, wenn sie überhaupt eine Staatsangehörigkeit besaßen, allenfalls über die deutsche verfügten, fielen nicht in diese Kategorie. Dabei spielte es weder eine Rolle, dass ihre ebenfalls "gemischten" Ehemänner und Väter aufgrund ihres "Deutschseins" interniert waren, noch dass die Familien in Vava'u weitgehend auf westliche Art und keineswegs durchweg im "native style" lebten. Für "diese Leute" waren jedoch aus Sicht der Behörden die Beträge, die gezahlt wurden, völlig ausreichend, da sie sich zu Recht an lokalen Standards orientierten.

Auch eine Schulbildung, die über das hinausging, was Tonganern offenstand, wurde den Kindern der Internierten nicht zugebilligt. Dabei bedachte man nicht, dass ihre Väter zumeist eine Ausbildung in Neuseeland genossen hatten und einige ihrer Vettern und Cousinen sogar nach Deutschland geschickt worden waren. Gute Ausbildung war zentraler Bestandteil des Deutschseins in der Südsee aus Vava'u-deutscher Sicht, und die Internierten wollten ihren Kindern solche Perspektiven offen halten.

Eine Reihe von Deutsch-Tonganern hatte bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in Neuseeland Fuß gefasst, und an sie legte man wiederum andere Maßstäbe an. Keiner von ihnen wurde nämlich interniert, auch wenn es zu Verdächtigungen und Benachteiligungen kam.[17] Das hat nicht nur damit zu tun, dass einige von ihnen – darunter zwei Neffen der drei internierten Wolfgramm-Brüder – auf neuseeländisch-britischer Seite im Zweiten Weltkrieg kämpften.[18] Vielmehr liegt der Schluss nahe, dass bei den Vava'u-Deutschen auf Tonga aus britischer Warte das Deutschsein deutlicher hervortrat. In Neuseeland dagegen rückte es gegenüber dem Tonganischsein in den Hintergrund.

 Was Deutschsein in der Südsee bedeutete, ist also in einem Spannungsverhältnis zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung zu sehen. In krisenhaften Zeiten beinhaltete es in der Außenwahrnehmung vor allem bestimmte politische Einstellungen. Loyalität zum Reich erwarteten und erhofften deutsche Stellen, während britische sie befürchteten oder als gegeben annahmen. Diese externe Zuschreibung blieb nicht ohne Folgen für die Binnensicht. Bei den Vava'u-Deutschen gewannen verschüttete Identitätsmerkmale wieder an Gewicht. Wer als enemy alien verdächtigt oder sogar interniert wurde, wen Konsuln drängten, sich als Deutscher zu bekennen, und wer sich im Wirtschaftsleben wegen seiner Herkunft benachteiligt sah, dem wurde dieser Teil seiner Identität wieder stärker bewusst und der konnte auch guten Gewissens eine finanzielle Unterstützung vom Reich beantragen. Deutschsein in der Südsee war nichts Artifizielles oder Imaginiertes, sondern gehörte zur Fremd- und auch zur Selbstwahrnehmung der Vava'u-Deutschen.

Allerdings hing es nicht von Merkmalen ab, die üblicherweise mit nationalen Identitäten in Verbindung gebracht werden. Sprache spielte keine Rolle und auch Religion nicht. Selbst die Hautfarbe – und damit die Rasse – stand keineswegs immer im Vordergrund, hatte nicht selten sogar keinerlei Bedeutung. Für die deutsche ebenso wie für die britische Seite beinhaltete Deutschsein im Wesentlichen politische Merkmale und manifestierte sich besonders in Loyalität zum Reich. Die Betroffenen selber verhielten sich pragmatisch. Für viele Jahre war die Frage ihrer Nationalität für sie nicht von zentraler Bedeutung. Sie pflegten Traditionen und Verhaltensweisen, die sie von ihren Vätern übernommen hatten und die ihnen wichtig waren. Damit unterschieden sie sich von der Residenzgesellschaft, die sie wiederum zumindest zeitweise benachteiligte, etwa in wirtschaftlicher Hinsicht. Die deutsche Diplomatie und der Argwohn des Empires luden die Situation dann national auf.

Deutschsein war allerdings nur ein Teil der facettenreichen Identität der Vava'u-Deutschen. Sie zeigte sich in Selbst- wie Fremdwahrnehmung wandelbar und fließend, weil die Vava'u-Deutschen als transnationale und -kulturelle Pendler zwischen verschiedenen Lebensrealitäten unterschiedliche Traditionen zu einer neuartigen hybriden Existenz zusammenführten.

Elemente von Deutschsein fungierten jedoch als wesentliche identitätsstiftende Faktoren in der sich allmählich herausbildenden Diasporasituation der Vava'u-Deutschen. Sie trugen entscheidend dazu bei, die Kohärenz der Gruppe zu sichern, als diese sich nach dem Zweiten Weltkrieg über weite Teile des Pazifikraums zerstreute. Vava'u-Deutsche und Nachfahren von ihnen sind nun auf Tonga ebenso anzutreffen wie auf Samoa, Fiji und Hawai'i, in Australien und besonders in Neuseeland und im Westen der USA. Der Rückbezug auf einen gemeinsamen Herkunftsort ist ein Kernelement des Diasporabewusstseins. Für die Gruppe der Internierten und ihre Familien und Verwandten rückten einerseits Vava'u und die Tonga-Inseln an diese Stelle und andererseits Pyritz und Deutschland.



[1] Essay zur Quelle: Auszüge aus Schreiben von in Neuseeland internierten Deutsch-Tonganern (1941/1942).

[2] Mückler, Hermann, Kolonialismus in Ozeanien, Wien 2012, S. 264

[3] Archives New Zealand Wellington (ANZW), AD1 1383, 336/2/120, 121, 139, 140, 141, 142, 143, 145, 146, 147; ANZW, AAAC 489 Box 265, AL 22977, 22987; Box 275, AL 23576, 23577, 23581, 23582, 23585.

[4] Ich verfolge die Geschichte der Personengruppe, aus der ich in diesem Essay einen Ausschnitt vorstelle, über Raum und Generationen von der Auswanderung in die Südsee bis zur Entwicklung einer transnationalen Diasporagemeinschaft, die auf etlichen pazifischen Inseln sowie in Ländern rund um den Ozean Fuß gefasst hat. Meine Informationen basieren zu einem guten Teil aus über hundert Gesprächen, die ich mit Nachfahren geführt und aufgezeichnet habe, sowie aus Materialien, die sie mir überließen. Soweit nicht anders angegeben, beruht der Essay auf diesen Informationen.

[5] Schweizerisches Bundesarchiv Bern (BAR), E 2001-02#1000/115#402*, Aktenzeichen (2.b).B.24.2.(9).38, Unterstützungen an Wolfgramm, W.G. und F.C.

[6] BAR, E 2001-02#1000/115#87*, Aktenzeichen B.24.A.2.(4).7.B, Deutsche Interessen in England und seinen Besitzungen. Massnahmen gegen feindliches Eigentum in England und den Dominions (Séquestre). Neuseeland, Fidji, Samoa, Tonga, Schreiben von Konsul Schmid an die Gesandtschaft in London vom 6.5.1942; E 2200.197 1000/339 Bd. 2, Nr. 14: Property in Tonga. General Questions, Schreiben von Konsul Schmid an die Gesandtschaft in London vom 11.9.1942, Re families left behind in Tonga of German internees on Somes Island.

[7] Mückler, Kolonialismus in Ozeanien, S. 167–174.

[8] Sanft selber bezifferte sein Vermögen 1877 auf knapp 19.000 £. Laut Umrechnungstabelle von MeasuringWorth entspricht das heute mindestens – es gibt verschiedene Bemessungsgrundlagen – einem Betrag von knapp 1,5 Millionen £, URL: <http://www.measuringworth.com/calculators/index.php> (25.04.2013).

[9] ANZW, AL7, Box 1, No. 8.

[10] In einem Artikel in der "Deutschen Stacheldraht-Post", einem selbst gemachten Nachrichtenblatt der Internierten, vom 26. September 1942 pries er die Leistungen des "Führers" (BAR, E 2001-02#1000/11#87*, Aktenzeichen B.24.A.2.(4).7.B, Deutsche Interessen in England und seinen Besitzungen. Maßnahmen gegen feindliches Eigentum in England und den Dominions (Séquestre). Neuseeland, Fidji, Samoa, Tonga, Deutsche-Stacheldraht-Post, No 28, 26.9.1942, S. 3).

[11] Konsul Walter Hellenthal reiste 1936 nach Neuguinea (Winter, Christine, The NSDAP Stronghold Finschhafen, New Guinea, in: Turner-Graham, Emily; Winter, Christine (Hgg.), National Socialism in Oceania. A Critical Evaluation of its Effect and Aftermath, Frankfurt am Main 2010, S. 31-47, hier: S. 35) und 1937 nach Samoa (Ich danke Christine Winter, Australian National University Canberra, für diese Information).

[12] Western Pacific Archives Auckland, BCT 7/I/167/1940, Enemy Aliens, BCT 7/I/277/1940, Report by Commander R.D. Graham on Tonga Islands; ANZW, AAAC 489, Box 265, AL 22977.

[13] Unter "Verkafferung" wurde – mindestens in Deutsch-Südwestafrika – das „Herabsinken eines Europäers auf die Kulturstufe des Eingeborenen“ verstanden (Schnee, Heinrich, Deutsches Kolonial-Lexikon, 3 Bde., Leipzig 1920, Bd. III, S. 606).

[14] Church History Library Salt Lake City, MS 877 1-4, Winn, William Frank, Diaries, 1, S. 21.

[15] Voigt, Johannes, Australien und Deutschland. 200 Jahre Begegnungen, Beziehungen und Verbindungen, Hamburg 1988, S. 68.

[16] Archiwum Pánstwowe w Szczecinie, Regierung Stettin, Nr. 9684, Auswanderung nach Australien.

[17] William Schultz wäre beinahe als "enemy alien" registriert worden, weil er in einem Café eine Bemerkung gemacht haben soll, „which was deregatory to the British Empire“ (ANZW, AAAC 489, Box 39, AL 3581), und Fritz Falevai Kronfeld, der 1918 als "enemy alien" nicht auf einem Handelsschiff arbeiten durfte (ANZW, M1 1152, 25/453, 5), wurde 1942 nur nach einer Überprüfung wieder von der Liste gestrichen (ANZW, AAAC 489, Box 9, AL 1368), obwohl sein Vater Gustav deutsch-jüdischer Herkunft war.

[18] Auckland Star, 3.8., 7.8. und 14.11.1942, 10.3.1943.



Literaturhinweise

  • Mückler, Hermann, Kolonialismus in Ozeanien, Wien 2012.
  • Voigt, Johannes, Australien und Deutschland. 200 Jahre Begegnungen, Beziehungen und Verbindungen, Hamburg 1988.
  • Voigt, Johannes H., Tonga und die Deutschen oder: Imperialistische Geburtshilfe für eine Nation im Pazifik, in: Hiery, Hermann Joseph (Hg.), Die deutsche Südsee. Ein Handbuch, Paderborn 2001, S. 712–724.
  • Winter, Christine, The NSDAP Stronghold Finschhafen, New Guinea, in: Turner-Graham, Emily; Winter, Christine (Hgg.), National Socialism in Oceania. A Critical Evaluation of its Effect and Aftermath, Frankfurt am Main 2010, S. 31–47.

Zitation
Auszüge aus einer Korrespondenz des Schweizerischen Konsulats bezüglich in Neuseeland internierten Deutsch-Tonganern (1941/1942) , in: Themenportal Europäische Geschichte, 01.01.2013, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-3664>.
Quelle zum Essay
Deutschsein in der Südsee. Berichte des Schweizerischen Konsuls in Neuseeland über Internierte aus Vava'u (Tonga-Inseln) während des Zweiten Weltkriegs
( 2013 )
Zitation
Auszüge aus einer Korrespondenz des Schweizerischen Konsulats bezüglich in Neuseeland internierten Deutsch-Tonganern (1941/1942), in: Themenportal Europäische Geschichte, 2013, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/artikel-3664>.
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