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Geschäftsfeld Europa. Kaufmännisches Reisen am Ende des 18. Jahrhunderts[1]

Von Dorothea Trebesius

Eine konkrete Vorstellung von der Größe des europäischen Raumes konnten sich im 18. und 19. Jahrhundert Fernhandelskaufleute mehr noch als andere bürgerliche Berufsgruppen verschaffen, führten ihre Kontakte doch zu zahlreichen Reisen in andere Städte und Länder. Die Reichweite der geschäftlichen und privaten Beziehungen der Dufours in Leipzig, einer im 18. Jahrhundert aus Frankreich eingewanderten hugenottischen Kaufmannsfamilie, erstreckte sich von Russland und Polen über Italien bis nach Holland, Dänemark und England. Fernhandelskaufleute und ihre Angehörigen agierten durch die alltägliche Praxis des Reisens in einem spezifischen europäischen Handlungsraum, der jenseits von politischen Konjunkturen eigene Vorstellungen von Europa begründete. Hier entstanden Beziehungen und Freundschaften, die für den erfolgreichen Abschluss von Geschäften unerlässlich waren, und darüber hinaus erwarben die Familienmitglieder interkulturelle Erfahrungen und Kontakte, die nicht zuletzt ihr alltägliches Leben an ihrem Heimatort bestimmten. Die Briefe von Anne Louise Dufour (1747-1798) an ihren Sohn Ferdinand Dufour (1766-1817) verdeutlichen diese Erfahrungen in spezifischer Weise.

Die Familie Dufour lebte seit dem Ende des 17. Jahrhunderts in Leipzig und betrieb seit dieser Zeit den Handel mit Seide. Mitglieder der Familie waren nach Leipzig geflohen, als Ludwig XIV. mit dem Edikt von Fontainebleau im Jahr 1685 die Toleranzpolitik gegenüber den Reformierten in Frankreich beendete und diese offen verfolgte und unterdrückte. In Leipzig konnten sich die Dufours wirtschaftlich gut etablieren und gehörten in dieser Hinsicht zum Leipziger Bürgertum. Sie besaßen allerdings auch einhundert Jahre nach ihrer Einwanderung noch kein volles Stadtbürgerrecht, sondern lediglich einen Status als „Schutzverwandte“. Die Dufours nahmen am Ende des 18. Jahrhunderts eine gewisse Sonderstellung im Leipziger Bürgertum ein, die sich vor allem durch fehlende politische Rechte, aber auch durch eine spezifische Verbindung zur französischsprachigen Welt ausdrückte, eine Verbindung, die sie zur Zeit der napoleonischen Besatzung für das Wohlergehen der Stadt Leipzig einsetzten. Die Dufours verkörperten den Typus des Fernhandelskaufmanns und seiner Familie, die als Angehörige einer konfessionellen Minderheit ein internationales Netz an Beziehungen unterhielten und pflegten. Aufgrund ihrer Erfahrungen im europäischen Raum verfügten sie über Kenntnisse, die sie, wenn nicht auf der politischen, so doch auf der kulturellen und sozialen Ebene in die lokalen Eliten integrierten.

Die Hugenotten in Leipzig erhielten nur gegen die Zahlung eines jährlichen Schutzgeldes ein dauerndes Bleiberecht. Mit diesem Status gingen vielfältige Restriktionen einher; so war ihnen die Vereinigung in Zünften oder Innungen untersagt. Nur der Großhandel war ohne Einschränkungen möglich und ein Großteil der Hugenotten betätigte sich auf diesem Gebiet. Wie vielen Minderheiten blieb auch den Hugenotten eine freie Berufswahl verschlossen, und sie investierten, um wirtschaftlich existieren zu können, viel Energie und Risikobereitschaft in diejenigen Berufe, die ihnen zugänglich waren. Ihr konfessioneller Zusammenhalt innerhalb Europas begründete dann allerdings jenen „Vertrauensvorschuss“, der für Fernhandelsbeziehungen, Kreditgewährung und Unternehmererfolge notwendig war. Sie trugen damit wesentlich zu einem wirtschaftlichen Aufschwung an ihren Wohnorten bei. Indem die Leipziger Hugenotten ihre Beziehungen im europaweiten Fernhandel ausbauten, banden sie auch Leipzig fester in das europäische Handelsnetz ein.

Im damaligen Geschäftsfeld Europa existierten weder feste Preise noch normierte Gewichte oder stabile Wechselkurse, es herrschten unterschiedliche Geschäftspraktiken, und die Kenntnis der Bedingungen in den Herkunftsländern der Waren bestimmten die Qualität, die Quantität und den Preis der Waren mit. Aus diesen Gründen waren stabile Beziehungen der Kaufleute zu ihren Geschäftspartnern ein zentrales Element der geschäftlichen Risikominimierung. Die dazu notwendigen persönlichen und familiären Beziehungen, wie auch die Kenntnisse der jeweiligen Gepflogenheiten des Landes, erwarben die Kaufleute nicht zuletzt auf Reisen, die trotz großer Anstrengungen und Unannehmlichkeiten unerlässlich waren. Nur durch das Reisen bot sich die Gelegenheit, mit Geschäftspartnern in Kontakt zu treten und sich eine persönliche Meinung über sie zu bilden, bestehende Beziehungen zu festigen oder zu erneuern und neue Partnerschaften aufzubauen. So war es sicher nicht zufällig, dass Ferdinand Dufour schon in jungen Jahren längere Aufenthalte in Lyon absolvierte – bildete Lyon als Produktionsstandort doch den wichtigsten Bezugspunkt für den Seidenhandel der Familie Dufour.

Reisen lässt sich nicht nur als eine kaufmännische und berufliche Praxis begreifen, sondern in spezifischer Weise auch als eine bürgerliche Praxis, die von unterschiedlichen bürgerlichen Gruppen gepflegt wurde. Wenn ein junger Bürgersohn zum Abschluss seiner Erziehung eine Bildungsreise unternahm, imitierte das Bürgertum damit in gewisser Hinsicht die ursprünglich adelige Praxis der „Grand Tour“ oder „Kavalierstour“, die ein junger Adliger zu seiner persönlichen Vervollständigung absolvieren musste. Auch die bürgerliche Reise bildete den Abschluss der Erziehung, sollte jedoch gleichzeitig dazu dienen, verwertbares Wissen wie die Kenntnis der Geschäftspraktiken eines Landes zu erwerben. Der bürgerliche Reisende war zudem, so das Ideal, als Mensch unterwegs und begegnete dem Fremden ohne ständische Konventionen auf der menschlichen Ebene.[2] Das Ziel dieser Praxis lag darin, die eigenen Erfahrungen zu erweitern und vor allem ein gewisses Maß an Weltläufigkeit zu erwerben. Mit großer Häufigkeit unternahmen junge Bürgerssöhne und später neben ihnen die Bürgerstöchter Bildungsreisen in andere Länder.

Reisen erwies sich als ein kostspieliges Unterfangen, und nicht jeder konnte die persönlichen und ökonomischen Ressourcen aufbringen und ausgedehnte Aufenthalte in der Fremde nachweisen. Umso gewinnbringender erschien damit die Möglichkeit zur Distinktion, dem Erwerb von feinen Unterschieden, die dann in der Heimatstadt betont und ausgespielt werden konnten. Die Akkumulation von kulturellem Kapital war für eine Familie wie die Dufours umso bedeutsamer, da sie politisch nicht vollständig anerkannt waren und daher die Integration in die Leipziger Gesellschaft auf kultureller Ebene anstreben mussten. Anne Louise Dufour hob diese kultivierende Funktion des Reisens in den Briefen an ihren Sohn Ferdinand Dufour ausdrücklich hervor, denn der Empfänger war noch zu jung, um eigenständig geschäftliche Beziehungen zu knüpfen. Nach Meinung seiner Mutter sollte er daher die Reisezeit nutzen, um „etwas von der Welt zu sehen“. Gleichzeitig zählte sie ihm ein ganzes Bündel bürgerlicher Tugenden auf, die er in der Fremde pflegen und verfeinern sollte. Fast idealtypisch stehen hier Bildung und Persönlichkeitsbildung im Zentrum – Bildung als „zentrales Gestaltungsprinzip“[3] von bürgerlichen Werten und Normen – und daran geknüpfte Tugenden, wie eine strenge Einteilung und Ausnutzung der Zeit, Selbstdisziplin, stetige Betätigung und Mäßigung.

Anne Louise Dufour ging offensichtlich davon aus, dass in Lyon vergleichbare Werte und Normen gelten wie in Leipzig. Der Sohn würde, so die Mutter, mit einem Schatz an Erfahrungen zurückkommen, von denen er sein Leben lang zehren könne und die ihm nicht zuletzt in seinem weiteren Leben als Kaufmann und als Einwohner Leipzigs dienlich sein würden. In späteren Jahren unternahm Ferdinand Dufour weitere Reisen nach England, Holland oder Italien mit dem Ziel der Vervollkommnung privater und nun auch geschäftlicher Kenntnisse und Fähigkeiten.[4]

Mit ihren Reisen knüpften die Dufours, wie andere Kaufleute auch, ein dichtes Netz an europaweiten Kontakten. Wichtige Knotenpunkte in diesem Beziehungsnetz bildeten die Privathäuser mit ihren Geselligkeiten. In Handelsstädten wie Leipzig, Lyon oder Genf fanden sich neben den einheimischen meist auch fremde Gäste ein. Im gemeinsamen Gespräch, beim Tanzen, Spielen oder im Umgang mit Kunst wurden dabei Normen und Werte überregional vermittelt. Tugenden wie Weltläufigkeit und Gewandtheit im Verhalten konnten nur im Kontakt mit Fremden und in der Fremde erworben werden und brauchten bestimmte soziale Räume, in denen sie verinnerlicht wurden. Die geselligen Zusammenkünfte in den europäischen Bürgerhäusern boten als Orte der informellen Soziabilität die Gelegenheit, zusammen mit Einheimischen und Fremden ein kultiviertes und weltläufiges Verhalten als Teil der bürgerlichen Kultur einzuüben. Diese ließ sich auch über ein offenes Haus, die richtige Auswahl der Gäste und angemessene Umgangsformen nachweisen.

Das System der Empfehlungsschreiben war neben eigenen Bekanntschaften ein Mittel, mit dem sich Eintrittshürden in die Gesellschaft anderer Städte und Länder nehmen ließen. Wer einen Brief der richtigen Personen vorwies, dem öffneten sich die Türen zu den lokalen Eliten. Die Reisenden verfügten mittels eines Empfehlungsbriefes über eine Adresse, an die sie sich wenden konnten, und vergrößerten auf diese Weise den eigenen Kontaktkreis. Empfehlungsschreiben bauten auf der Zugehörigkeit zur Familie und auf Bekanntschaften auf und erweiterten oder verfestigten die bestehenden sozialen Strukturen. In Abhängigkeit von den verwendeten Formeln, dem Absender des Empfehlungsschreibens oder den Beziehungen des Ankommenden wurden nämlich der Empfang und Aufwand für den Ankommenden recht unterschiedlich gestaltet.

Für die reisenden Kaufleute wie für die Gastgeber besaßen die interkulturellen Verflechtungen einen direkten Nutzen. Mit der Anwesenheit von Gästen erlangten die Gastgeber Informationen, pflegten Beziehungen und erschlossen sich neue Einflusssphären. Gleichzeitig fungierten die Besucher als kulturelle Mittler, und die Gastgeber erhielten die Möglichkeit, im persönlichen Gespräch von den jeweiligen Herkunftsländern und Gepflogenheiten zu lernen. Kaufleute fungierten aufgrund ihres Berufes als Mittler im Kulturtransfer, insofern sie nicht nur Waren transportierten, die sie kaufen oder verkaufen wollten. Sie führten auch materielle und immaterielle Elemente ihrer Kultur mit und vermittelten Formen und Praktiken der Bürgerlichkeit überregional und interkulturell. Obwohl das Reisen für viele Kaufleute sicher mehr Last als Lust war, bot sich hierbei auch die Möglichkeit, Unterschiede oder Gemeinsamkeiten der europäischen Länder und ihrer Bewohner wahrzunehmen. Diese Erfahrungen der Kaufleute minimierten einerseits das geschäftliche Risiko und machten andererseits Fernhandelskaufleute am Ende des 18. Jahrhunderts zu europäischen Bürgern.



[1] Essay zur Quelle: Briefe der Leipziger Kaufmannsfrau Anne Louise Dufour an ihren Sohn Ferdinand Dufour aus den Jahren 1781 und 1783.

[2] Grosser, Thomas, Reisen und soziale Eliten. Kavalierstour – Patrizierreise – bürgerliche Bildungsreise, in: Maurer, Michael (Hg.), Neue Impulse der Reiseforschung, Berlin 1999, S. 135-176, bes. S. 156.

[3] Hettling, Manfred; Hoffmann, Stefan, Zur Historisierung bürgerlicher Werte. Einleitung, in: Dies. (Hgg.), Der bürgerliche Wertehimmel, Göttingen 2000, S.7-21, bes. S. 14.

[4] Middell, Katharina, Hugenotten in Leipzig. Streifzüge durch Alltag und Kultur, Leipzig 1998, S. 143ff.



Literaturhinweise:

  • Espagne, Michel; Greiling, Werner (Hgg.), Frankreichfreunde. Mittler des französisch-deutschen Kulturtransfers (1750-1850), Leipzig 1996.
  • François, Etienne (Hg.), Sociabilité et société bourgeoise en France, en Allemagne et en Suisse (1750-1850), Paris 1986.
  • Grosser, Thomas, Reisen und soziale Eliten. Kavalierstour – Patrizierreise – bürgerliche Bildungsreise, in: Maurer, Michael (Hg.), Neue Impulse der Reiseforschung, Berlin 1999, S. 135-176.
  • Hettling, Manfred; Hoffmann, Stefan, Zur Historisierung bürgerlicher Werte. Einleitung, in: Dies. (Hgg.), Der bürgerliche Wertehimmel, Göttingen 2000, S. 7-21.
  • Middell, Katharina, Hugenotten in Leipzig. Streifzüge durch Alltag und Kultur, Leipzig 1998.

Briefe der Leipziger Kaufmannsfrau Anne Louise Dufour an ihren Sohn Ferdinand Dufour, 1781/83. Französisches Original

Zitationsempfehlung:
Trebesius, Dorothea: Geschäftsfeld Europa. Kaufmännisches Reisen am Ende des 18. Jahrhunderts. In: Themenportal Europäische Geschichte (2007),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2007/Article=224.

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