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Die Internationalen Antijüdischen Kongresse von 1882 und 1883 in Dresden und Chemnitz. Zum Antisemitismus als europäischer Bewegung[1]

Von Ulrich Wyrwa

Der Begriff Antisemitismus ist bekanntlich im Herbst 1879 im Kreis des einst radikaldemokratischen, nunmehr zutiefst frustrierten und hoffnungslosen Schriftstellers Wilhelm Marr geprägt worden.[2] Gleichzeitig hatte der preußische Hofprediger Adolf Stoecker die mit diesem Neologismus intendierte neue judenfeindliche Einstellung in breiten Teilen des Mittelstandes populär gemacht und der Berliner Historiker Heinrich von Treitschke zur Verbreitung des Antisemitismus im Bildungsbürgertums, vor allem unter der akademischen Jugend, beigetragen.[3] Nicht zuletzt die von über einer Viertel Million Menschen unterzeichnete „Antisemiten-Petition“ von 1880/81 trug wesentlich dazu bei, dass der neue Terminus eine sehr rasche Verbreitung im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch fand. Vor allem der Philosoph Eugen Dühring schließlich sorgte für die rassistische Aufladung des neuen Begriffs, auch wenn die Sprache des Rassismus nicht von allen Judenfeinden dieser Zeit geteilt wurde.

Sehr bald ging der Begriff Antisemitismus auch in die europäischen Sprachen ein. So tauchte das Lemma Antisemitismus beispielsweise bereits 1884 in der dänischen Realenzyklopädie Nordisk Conversationslexikon auf, in dem unter anderem auch ein kurzer Hinweise auf die Antisemitenliga und Stoecker gegeben wurde.[4] 1889 brachte das tschechische Nachschlagewerk Ottuv Slovník naucný. Illustrovaná encyklopaedie obechných védomosti einen kurzen Eintrag in dem Drumont und Dühring genannt wurden,[5] und 1893 enthielt die ungarische Enzyklopädie A Pallas Nagy Lexikon das Stichwort „Antisemiták“.[6] 1898 tauchte der Terminus „Antisemitism“ in dem rumänischen Lexikon Enciclopedia Română auf, wobei in diesem Fall der Text, der vor allem auf Deutschland, Österreich und Russland einging, selbst antisemitischen Charakter trug.[7] 1903 enthielt das schwedische Lexikon Ordbok öfer svenska spraket einen kurzen Eintrag mit Bezug auf Stoecker,[8] und im folgenden Jahr brachte das schwedische Konversationslexikon Nordisk Familjebok. Konversationslexikon och Realencyclopedi einen ausführlicheren Artikel, mit Hinweisen nicht nur auf Stoecker, Marr, Glagau und Treitschke, sondern auch auf den österreichischen Antisemiten Schönerer und den Franzosen Drumont.[9] Ähnlich detailliert informierte 1905 das holländische Nachschlagewerk Winkler Prins’ Geïllustreede Encyclopaedie, wobei für Deutschland auf Sachsen und Bayern, darüber hinaus auf die Judenverfol­gun­gen in Russland und auch auf einen niederländischen Antisemiten wie Pfarrer Thyssen eingegangen wurde.[10]

Einen der präzisesten und informativsten lexikalischen Einträge enthielt die 1910 erschienene 11. Auflage der Encyclopaedia Britannica.[11] Auf dreizehn Seiten gab der britisch-jüdische Historiker Lucien Wolf einen Überblick der Entwicklung des Antisemitismus in Europa, in der er die Bedeutung von Deutschland und Österreich-Ungarn für die Entstehung des Antisemitismus herausstrich, gleichzeitig die Entwicklung in Russland, Rumänien sowie Frankreich thematisierte und auch die Situation in Großbritannien nicht aussparte.

Was Lucien Wolf mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgte war die Tatsache, dass der in den 1880er Jahren sich formierende politische Antisemitismus zu einer europäischen Bewegung wurde. Diese nahm in Deutschland ihren Ausgang, griff auf verschiedene Teile der Habsburgmonarchie über, formierte sich auch in Frankreich als politische Bewegung und nahm in Russland und Rumänien besonders gewalttätige Gestalt an. Im Kontext der Dreyfus-Affäre in Frankreich wurde die neue politische Form von Judenfeindschaft nach Wolf zu einem „europäischen Antisemitismus“.

Während zur Entstehung und Entwicklung des Antisemitismus im 19. Jahrhundert für die einzelnen Ländern zahlreiche Studien vorliegen und insbesondere die Herausbildung der neuen Judenfeindschaft in Deutschland breit erforscht ist,[12] mangelt es noch immer an europäisch-vergleichenden Arbeiten, sowie an Studien über die europäischen Dimensionen des Antisemitismus und insbesondere an europäisch angelegten Synthesen.[13]

Diese Defizite sind umso erstaunlicher, als die antisemitischen Akteure der 1880er Jahre nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt in der Berliner Bewegung und den anschließenden Parteibildungsprozessen in Deutschland durchaus versucht hatten, sich auch als eine europäische Bewegung zu konstituieren. Den Anlass dazu bot der ‚Fall Tisza-Eszlar’, ein Ritualmordvorwurf in einer ungarischen Kleinstadt, der eine breite öffentliche Resonanz in Europa hervorgerufen hatte und in dessen Kontext die Herausbildung einer europäischen Öffentlichkeit beobachtet werden konnte.

Vor allem ungarische und deutsche Antisemiten suchten die europäische Aufmerksamkeit, die der Fall erregt hatte, für ihre Zwecke zu nutzen. Ihr Ziel war es, die antisemitische Bewegung zu einer europäischen Bewegung zu machen.[14] Zu den Initiatoren dieses Projektes gehörten insbesondere der Vorsitzende des antisemitischen Dresdner Reformvereins Alexander Pinkert und der ungarische Antisemit Győző Istóczy.[15]

Schon am 10. Juni 1882 erschien in einer Beilage der von Hector de Grousilliers – Mitbegründer der Antisemitenliga und einer derjenigen, die den Begriff Antisemitismus erstmals publik hatten[16] – herausgegebenen Zeitschrift Die Wahrheit. Humoristisch-satirisches Wochenblatt die Ankündigung, dass voraussichtlich im September 1882 in Dresden ein internationaler „Antisemiten-Congreß“ stattfinden werde. Als Gäste, so de Grousilliers, würden unter anderem Győző Istóczy aus Ungarn, der stellvertretende Vorsitzende des Österreichischen Reformvereins, Robert Pattai, und „andere österreichische Antisemiten“ erwartet. Um den europäischen Charakter des Kongresses zu unterstreichen wies de Grousilliers darauf hin, dass auch „russische und französische Antisemitenführer“ an dem Treffen teilnehmen werden.[17]

Die Vorbereitungen waren bis Mitte August so weit gediehen, dass in der Berliner Zeitung Die Tribüne am 19. August 1882 die Nachricht erschien, der „internationale Antisemiten-Congreß“, auf dem über die „nächsten Ziele der judenfeindlichen Bewegung“ gesprochen werden solle, werde am 11. September in Dresden stattfinden. Zu denjenigen, die zu der Versammlung aufriefen, gehörten dem Bericht zufolge der Berliner Agitator Ernst Henrici, der ungarische Reichsratsabgeordnete Géza Ónódy, der Verleger Ernst Schmeitzner aus Chemnitz, Richard Szkalla aus Mähren und der Berliner Hofprediger Adolf Stoecker.[18] Das antisemitische Deutsche Tageblatt berichtete daraufhin am folgenden Tag, dass „bereits Einladungen erlassen worden“ seien.[19]

In Berlin trafen sich daraufhin am 22. August zur Vorbereitung auf den Dresdner Kongress und zur Koordination der dortigen Linie siebzig Aktivisten der vier größeren antisemitischen Organisationen der Stadt. Nicht aber die europäischen Fragen oder die internationalen Aspekte standen in der Debatte im Vordergrund, sondern die internen Konflikte und politischen Gegensätze zwischen den verschiedenen Richtungen des antisemitischen Lagers. Zu einer gemeinsamen Linie kam es nicht, nach heftigen Auseinandersetzungen musste festgehalten werden, dass jeder Verein einzeln auf dem Kongress seine Vorstellungen vertreten und Anträge einbringen werde.[20]

Nachdem das Gerücht kursierte, dass der Antisemiten-Kongress „maßgebenden sächsischen Kreisen nicht gerade erwünscht“ sei, berichtete die Zeitung der Dresdner Antisemiten Deutsche Reform von der Nachricht, „daß einer internationalen Besprechung der Judenfrage keine Hindernisse im Wege ständen“.[21] Als der aus Mähren stammende und zum Christentum konvertierte Herausgeber der Berliner Politischen Nachrichten, Victor Schweinburg, gemeldet hatte,[22] dass der internationale Antisemitenkongress in Dresden „entweder gar nicht wird tagen dürfen oder doch jedenfalls schärfster Überwachung“ unterstellt werde, brachte der konservative Berliner Antisemit Max Liebermann von Sonnenberg in seiner Neuen Deutschen Volkszeitung, den höhnischen Kommentar: „Aber Herr Victor! Herr Victor! Wo bleibt da die Toleranz?“[23] Auch ließ es sich Liebermann von Sonnenberg nicht nehmen, hämische Bemerkungen über die jüdische Herkunft des Herausgebers anzufügen und die Frage zu stellen, ob wohl „Herrn Schweinburgs neuer Taufschein ihm als Passepartout, den Eintritt in die ‚hiesigen maßgebendsten Kreise’“ geöffnet und er so die diesbezüglichen Meldungen erhalten habe.

Irritiert zeigte sich angesichts dieser Berichte die sozialdemokratische Volkszeitung, die sich am 23. August nicht nur darüber wunderte, welche Aufmerksamkeit dem Antisemiten-Kongress überhaupt geschenkt werde, sondern auch über die bereits genannte Nachricht, dass „maßgebenden Kreisen“ die „ganze Bewegung unangenehm“ sei.[24] Diese Wendung könne nach den in Berlin „gemachten Erfahrungen einigermaßen in Erstaunen setzen“. Zweifellos stehe fest, „daß die gefürchteten ‚Ausschreitungen’ [...] hier tagtäglich in den Versammlungen der Antisemiten unter den Augen der Polizei vorgekommen sind, ohne daß ein Grund zum Einschreiten darin gefunden wäre.“

Weder die antisemitischen noch die nicht-antisemitischen Zeitungen dieser Tage aber nahmen Bezug auf den anvisierten europäischen Charakter, den der Kongress haben sollte. Nachdem die Versammlung am 11. September 1882 in Dresden eröffnet worden war, wurde offensichtlich, wie wenig von den europäischen Ansprüchen eingelöst werden konnte. Weder waren die angekündigten Teilnehmer aus Frankreich eingetroffen, noch hatten sich Antisemiten aus anderen westeuropäischen Ländern eingefunden, und selbst aus Rumänien war kein Antisemit erschienen. Zwar sprachen die Veranstalter von Delegierten aus Russland, doch handelte es sich dabei offenbar eher um in Sachsen lebende russisch-stämmige Studenten. Die versammelten Antisemiten kamen nahezu ausschließlich aus dem Deutschen Kaiserreich und der Habsburgmonarchie. Damit entsprach die Zusammensetzung der in Dresden versammelten Antisemiten eher dem Rahmen des alten Reiches, als den propagierten europäisch-internationalen Ambitionen. Wie sehr der Reichsgedanke zur unerklärten Leitidee und uneingestandenen politischen Option der antisemitischen Bewegung in Mitteleuropa wurde, zeigte sich zudem im zeremoniellen Teil des Kongresses. Auf der Rednertribüne waren Büsten des deutschen und österreichischen Kaisers sowie – als gastgebendem Patron – des sächsischen Königs aufgestellt, und am Ende des Kongresses wurde entsprechend auf alle drei Herrscher ein Toast ausgebracht.[25]

Insgesamt waren vermutlich etwa zweihundert Personen versammelt, zur Hälfte Vertreter antisemitischer Organisationen.[26] Die antisemitische Staatsbürger-Zeitung hingegen sprach von dreihundertfünfzig Teilnehmern.[27] Den Vorsitz des Kongresses hatte ein Rittmeister a.D. von Bredow sowie Iván Simonyi, Mitbegründer der ungarischen Antisemiten-Partei.

Zwar wurde in den Vorträgen, Manifesten und Resolutionen der internationale Charakter der Versammlung betont, überwiegend beschäftigten sich die versammelten Antisemiten jedoch eher mit den internen Konflikten und unterschiedlichen politischen Konzepten. Zum Ausdruck kamen die Divergenzen schon in der Frage der Bezeichnung des Kongresses. War im Vorfeld der Dresdner Versammlung vom „Internationalen Antisemiten-Kongress“ die Rede, eine Formulierung, die auch auf den Einladungskarten zur Berliner Vorbesprechung verwendet wurde,[28] so lautete die offizielle Bezeichnung bald „Erster Internationaler Antijüdischer Kongress“. Unabhängig davon, dass sich der angeblich internationale Charakter allein auf Europa bezog, tauchte auch die Formulierung „Internationaler Congress zur Wahrung nichtjüdischer Interessen“ auf, eine Bezeichnung, die auch in der Berichterstattung der antisemitischen Staatsbürger-Zeitung gewählt wurde.[29]

Bei den Rekursen auf Europa handelte es sich indes lediglich um beiläufig und plakativ vorgetragene Statements. Das auf dem Kongress beschlossene Manifest begann pathetisch mit der Warnung, dass eine „fremde Race“ „die Zukunft der europäischen christlichen Völker“ bedrohe,[30] und dass die Juden insbesondere in Europa den größten Teil der Presse besäßen oder dominierten.[31] Beiläufig wurde im Weiteren von den „europäisch-arischen Völker[n]“ gesprochen und darauf insistiert, dass Europa „den christlichen Völkern“ gehöre.[32] Von der Emanzipation der Juden habe Europa „die Verschmelzung der Judenschaft“ erwartet, doch sei sie in einem vollständigen Fiasco geendet.[33] Im Gegenteil hätten die Juden die europäischen Völker, „hauptsächlich in Mittel- und Ost-Europa“ in „Sklavenketten“ geschlagen.[34] So schloss das Manifest mit einem Appell an die „europäische christliche Gesellschaft“.[35]

Auch fehlte es in dem ‚Manifest’ selbstredend nicht an Bezügen auf die Alliance Israélite Universelle,[36] und so heißt es in der ersten der auf dem Kongress beschlossenen Thesen: „Eine internationale Vereinigung zu dem Zweck, die Übermacht des Judenthums zu brechen ist eine unabweisliche Kulturaufgabe der christlichen Welt.“ In der zweiten These wird darauf insistiert, dass die Judenfrage auch einen universellen Charakter habe. In den weiteren sechs Thesen aber wird weder auf den europäischen noch den internationalen Charakter der eigenen Strategie Bezug genommen.[37]

Mit großer Mehrheit wurde auch der Vorschlag von Willibald Hentschel, „sich mit den in Süd-Rußland gebildeten antisemitischen Vereinen in Verbindung zu setzten“, angenommen.[38] Der ungarische Vertreter Győző Istóczy hielt der „Rothschild Dynastie“ vor, von „jedem europäischen Kriege“ zu profitieren.[39] Ähnlich verkündete Adolf Stoecker in seinem Grußwort, dass alles Große international sein müsse, was auch „die Goldene und Rothe Internationale“ der Gegner beweise.[40]

Diese Erwähnungen Europas blieben jedoch ebenso rhetorische Wendungen wie die internationalistischen Ansprüche des Kongresses. Insgesamt trat nicht nur das Missverhältnis zwischen den europäischen Ambitionen und den in Dresden vertretenen Ländern hervor, ebenso eklatant war der Widerspruch zwischen dem universalistischen Forderungen auf der einen Seite und den inneren Konflikten sowie konzeptionellen Unklarheiten auf der anderen Seite. Tatsächlich standen die Gegensätze zwischen den verschiedenen Strömungen der antisemitischen Bewegung im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen.[41] So traten vor allem die Widersprüche und Konflikte zwischen den christlich-sozialen und konservativen Antisemiten auf der einen Seite, und antikonservativen und rassistischen Fundamentalantisemiten auf der anderen Seite hervor.[42] Adolf Stoecker etwa wies die Forderung dieses Flügels der antisemitischen Bewegung nach einer Ausweisung der Juden aus Europa mit der bemerkenswerten Einsicht zurück, dass eine Volksabstimmung nicht zur Ausweisung der Juden sondern zur Ausweisung der Antisemiten führen würde. Wenn „man heute in Deutschland abstimmen lassen würde, ob Juden oder Antisemiten Europa verlassen sollen, so würde man dies von letzteren fordern“; eine Bemerkung die, wie das Protokoll notierte, unter den Kongressteilnehmern „Unruhe und Widerspruch“ und in der öffentlichen Meinung vielerlei Spott hervorrief.[43]

Über die Divergenzen zwischen den verschiedenen Flügeln des Antisemitismus, oder wie es polemisch in einem Artikel der Staatsbürger-Zeitung hieß, zwischen „Bierbankantisemiten“ und „Vollblutantisemiten“, gingen die europäischen Ansprüche und die Ideen einer europäischen Koordination und Kooperation der antisemitischen Bewegung gänzlich verloren.[44]

Abschließend wurde von dem Kongress „ein ständiges Komitee eingesetzt“, in dem erneut allein Delegierte aus dem Deutschen Reich und der Habsburgmonarchie vertreten waren, und das damit wiederum in den Dimensionen des alten Reiches verblieb. Zum Vorsitzenden des ständigen Komitees wurde der Chemnitzer Verlagsbuchhändler Ernst Schmeitzner gewählt.[45]

Zwar wurden alle „Zeitungen antijüdischer Tendenz“ aufgefordert, ein Belegexemplar an den Schmeitzner-Verlag zu schicken, sowie die Adresse „in deutscher, französischer, russischer oder englischer Sprache“ mitzuteilen, ebenso erging „an alle Vereine der Erde, welche eine antijüdische Tendenz vertreten, die Bitte, ihre Adresse in einer der angeführten Sprachen“ einzusenden,[46] auch wurde für den März des kommenden Jahres ein zweiter ‚Internationaler Antijüdischer Kongress’ angekündigt, wie wenig jedoch von den Zielen und Ideen der Versammlung umgesetzt werden konnte, offenbarte sich indes schon auf den getrennten Veranstaltungen, die von den verschiedenen antisemitischen Gruppierungen Berlins im Anschluss an das Dresdner Treffen einberufen wurden, um dessen Ergebnisse und Erfahrungen zu diskutieren.[47]

Nicht-antisemitische Zeitungen haben über das Scheitern der Versammlung aufmerksam berichtet. Der Antisemiten-Kongress, so heißt es in der Vossischen Zeitung, „werde schwerlich den Erwartungen entsprochen haben, die man von Seiten der Antisemiten auf ihn gesetzt hat. [...] Von irgendwelchen greifbaren Resultaten des antisemitischen Glaubensbekenntnisses war nichts zu spüren“.[48] Die Neue Freie Presse aus Wien fragte gar, ob man lachen oder weinen solle, „wenn man die Berichte über die seltsame Versammlung liest“, und bemerkte: „Der erste Eindruck, den die Verhandlungen hervorbringen, ist der einer ungebundenen Heiterkeit“. [49] Der Kongress sei, so heißt es in dem Bericht weiter, „von unwiderstehlicher Komik“ gewesen, und er habe „zur Unterhaltung Europas ein Bedeutendes beigetragen“. Gleichwohl merkte der Autor an, stecke „unverkennbar ein trauriger Ernst hinter all dieser possenhaften Narrheit. Daß während des letzten Viertels des neunzehnten Jahrhunderts mitten im Herzen Deutschlands dreihundert Männer von normaler Schulbildung sich zusammenfinden, für die es augenscheinlich keine französische Revolution und keine Kant’sche Philosophie, keinen Voltaire und keinen Lessing gegeben hat, das ist ein so schwerwiegendes Symptom culturellen Rückschritts, ein solches Zeichen von Verwilderung und Verrohung der Sitten, daß unser Zeitalter allen Grund hat, sich desselben zu schämen. [...] Das unsäglich Traurige dieser Verirrung ist, daß sie auf eine Anschauung zurückgreift, die seit einem Jahrhundert von dem ganzen civilisierten Europa verworfen ist“. Die Wiener humoristische Zeitschrift Der Floh schließlich spottete: „Erst sah ich gar nichts, so tief stand die Menge der Flachköpfe unter dem Niveau der platten Alltäglichkeit“. [50] Für die Allgemeine Zeitung des Judenthums wiederum hat der Kongress lediglich gezeigt, „daß die ganze Agitation in der Abnahme begriffen und durch keine Reden und Manifeste zu erhalten ist“.[51]

Mit besonderem Spott ist Adolf Stoeckers Eingeständnis über die Schwäche der antisemitischen Bewegung bedacht worden. Für die Neue Freie Presse war die Bemerkung Stoeckers, „wenn es in Deutschland jetzt zur Volksabstimmung käme, ob die Semiten oder die Antisemiten ausgetrieben werden sollen, die Abstimmung zweifellos für die Austreibung der Antisemiten ausfallen würde“, von „unwiderstehlicher Komik“, eine Episode, die nicht nur der Kladderadatsch,[52] sondern auch die Kölnische Zeitung aufs Korn nahm: „Die antisemitische Bewegung kann nicht schärfer verurtheilt werden, als durch die Äußerung des Herrn Stoecker auf dem Congreß der Antisemiten in Dresden, daß eine Volksabstimmung in Deutschland nicht zur Austreibung der Semiten, sondern zur Austreibung der Antisemiten führen würde“.[53]

Nach dem Scheitern des ersten europäischen Antisemitenkongresses, wie es von nicht-antisemitischen zeitgenössischen Beobachtern festgehalten worden war, geriet der zweite europäische Kongress im kommenden Jahr zu einem gänzlichen Reinfall. In ihrer ersten Nummer des neuen Jahres kündigte die Zeitschrift Die Wahrheit an, dass der „zweite internationale antijüdische Congress“ voraussichtlich im Frühjahr stattfinden werde.[54] Mitte März berichtete Die Post, dass sich die europäischen Antisemiten am 27. und 28. April 1883 in Chemnitz versammeln werden. Einen Monat später schrieb die antisemitische Zeitschrift Der Reichsbote, dass sich die Anmeldungen zum zweiten Kongress mehren würden, wobei sich neben Antisemiten aus Deutschland auch „Czechen, Ungarn, Polen und Serben ihre Beteiligung fest zugesagt“ hätten und „selbst Russen“ bereits im „Besitz von Eintrittskarten“ seien.[55]

Nachdem der Kongress zusammengetreten war, erschien in der von Adolf Glaßbrenner begründeten und nunmehr von Richard Schmidt-Cabanis herausgegebenen Berliner Montags-Zeitung ein kurzer Bericht, in dem mitgeteilt wurde, dass der am 27. April in Chemnitz tagende internationale antijüdische Kongress lediglich aus fünfunddreißig Personen bestehe.[56] Vollmundig verkündete demgegenüber die antisemitische Neue deutsche Volks-Zeitung, dass Vertreter aus Deutschland, Österreich, Ungarn, Russland, Rumänien und Serbien erschienen seien. Die Veranstalter aber konnten die geringe Zahl der Besucher nicht ignorieren und erklärten sie schlicht damit, dass dieser Kongress eine andere Aufgabe habe als der im Vorjahr in Dresden zusammengekommene. „Während der erste antisemitische Congreß“, so heißt es in dem Artikel weiter, „einen demonstrativen Charakter trug, und durch seinen starken Besuch den Beweis lieferte wie mächtig und tiefgehend die antisemitische Bewegung in ganz Europa sei, liegt dem 2. jetzt in Chemnitz zusammengetretenen Congresse die Aufgabe ob, auf den in Dresden gewonnenen Grundlagen organisch und praktisch weiter zu bauen.“ Aus praktischen Erwägungen sei daher nur eine beschränkte Zahl von Einladungen erlassen worden.[57] Trotz der großsprecherischen, französischen Bezeichnung des einladenden Vereins, Alliance antijuive universelle, waren keine Vertreter aus Frankreich erschienen, und trotz der hochtrabenden Hinweise auf die europäischen Gäste traten auch auf dem zweiten Kongress allein Redner aus dem deutschen Kaiserreich und der Habsburgmonarchie auf. Die reale Teilnahme der gemeldeten russischen, rumänischen und serbischen Antisemiten blieb im Dunkeln, weder sind Namen genannt worden, noch sind sie auf dem Kongress hervorgetreten. Gleichwohl nahmen die Redner auf Europa Bezug. Otto Glagau etwa sprach in seiner Ansprache als Vorsitzender des Kongresses davon, dass die „Judenfrage“ als „Kernpunkt der sozialen Frage“ bereits „ganz Europa unterminirt habe“. Gegen die zeitgenössischen nationalistischen Bewegungen betonte Glagau den europäischen Charakter der antisemitischen Bewegung: „Wenn heute die Völker und Nationalitäten sich mehr als je abschließen, und mehr oder weniger gegen einander Front machen, so ist dagegen unsere Vereinigung ein Band, welches die Völkerschaften Europa’s wieder einander nähert, und mit einander verbündet. Die Judenfrage ist ihrem Wesen nach eine internationale.“ Was die Atmosphäre auch dieses Kongresses kennzeichnete waren wiederum eher die Gegensätze und Konflikte zwischen den Antisemiten, als die Einheit des europäischen Antisemitismus. Die Debatte wurde, wie es gleichlautend in der Berliner Montags-Zeitung und der Neuen Freien Presse aus Wien hieß, „stellenweise höchst erregt und gereizt geführt und ließ deutlich erkennen, daß innerhalb der deutschen Antisemiten-Partei die schärfsten principiellen und persönlichen Gegensätze bestehen.“[58] Aufgrund dieser internen Spaltungen ist auch ein Antrag eines Anhängers von Eugen Dühring abgelehnt worden, in dem die „geistige Bevormundung Europa’s“ durch die jüdische Presse und die Zersetzung der europäischen Kultur durch „jüdische Denkweise und jüdisches Handeln“ beklagt wurde.[59]

Zeitgenössische jüdische Beobachter haben das Debakel des zweiten europäischen antijüdischen Kongresses mit Befriedigung zur Kenntnis genommen. In der in Berlin erscheinenden Zeitung Die jüdische Presse heißt es: „Wie haben sie in die Lärmtrompete geblasen, die Herren Antisemitenhäuptlinge? In spaltenlangen Artikeln ihrer Presse, in ‚Volksversammlungen’ in Privatconventikeln, in Flugblättern aller Art und Sprachen mit tönender Beredsamkeit wieder und immer wieder ihren Heerbann aufgeboten zu dem großen Spektakelstück, das sich am 27. und 28. April in Chemnitz abspielen sollte? Und wie kläglich war das Resultat?! [...] Fünfunddreißig Antisemiten als ‚Vertreter von ganz Europa!’“ Der Bericht schloss mit der Bemerkung: „ein wahrhaft jämmerliches Resultat.“[60]

Das Desaster der beiden Kongresse war derart, dass Erich Lehnhardt, der der Stoecker-Richtung zuneigende Autor der 1884 erschienenen geschichtlichen Darstellung der antisemitischen Bewegung, darin über die Kongresse tunlichst schwieg.[61] Selbst Theodor Fritsch, der auf dem ersten Kongress anwesend aber nicht als Redner hervorgetreten war, hatte bald nur Hohn und Spott über die dort versammelten Antisemiten übrig. Lediglich den ungarischen Antisemiten Iván Simonyi nahm er aus: „Mir ist das plumpe, dumme und ungebildete Wesen von Grousilliers u. Pinkert, wie seinerzeit das von Schmeitzner schon lange zuwider (Simonyi hat noch am meisten Grütze, Kenntnisse und Geschick, er hat mir seinerzeit auf dem Dresdener Congress recht gut gefallen“).[62]

Ein klägliches Nachspiel hatten die europäischen Organisationsversuche im Jahr darauf in Frankreich. Wiederum gehörte der ungarische Antisemit Győző Istóczy zu den treibenden Kräften. Drei Monate nach dem Chemnitzer Debakel, am 30. Juli 1883, schickte Istóczy einen offenen Brief an die französische Zeitschrift L’Anti-Semitique und rief diese zur Gründung einer „Alliance Anti-Israelite Universelle“ in Paris auf.[63] Nachdem die Zeitschrift am 11. August über einen weiteren, angeblich in Dresden geplanten Antisemitenkongress berichtet hatte, an dem wiederum, wie es hieß, die ungarischen Antisemiten Istóczy, Ónódy und Simonyi teilnehmen würden,[64] schrieb Istóczy einen weiteren Brief an die Zeitschrift L’Anti-Semitique und erklärte, dass er und seine ungarischen Freunde wegen der unfruchtbaren Streitereien der deutschen Oberantisemiten an keinem Kongress mehr in Deutschland teilnehmen würden. Er zöge es daher vor, einen internationalen Kongress in Paris einzuberufen.[65] Wenig später erklärte die Zeitschrift, dass sie die Entscheidung von Istóczy, deutsche Antisemitenkongresse nicht mehr zu besuchen, sehr gut verstehen könne. Umso nachdrücklicher machte sich die Redaktion den Vorschlag zu Eigen, in Paris einen internationalen Kongress zu organisieren. Unmittelbar darauf rief sie die Leser auf, ihr Teilnehmerlisten zuzuschicken und gab bereits ein vorläufiges Programm bekannt.[66] Nun aber bremste Istóczy den Elan der französischen Antisemiten. Bald sah sich die Zeitschrift L’Anti-Semitique genötigt, den ungarischen Antisemiten beizupflichten und die Angelegenheit nicht zu überstürzen.[67] Die französischen Antisemiten wollten den Kongress nun im November 1883 stattfinden lassen, Istóczy, Odony und Simonyi warnten jedoch, dass eine bessere Planung und längerfristige Vorbereitung notwendig sei und schlugen den Mai des kommenden Jahres vor. Die französischen Antisemiten drängten aber in ihrer Antwort auf einen früheren Termin,[68] und im Dezember 1883 kündigten sie den internationalen Antisemiten-Kongress in Paris für den Februar 1884 an. In einem Supplement-Blatt verteilten sie auch schon Vordrucke für die Teilnahmeerklärungen.[69] Im Februar 1884 wurde der Kongress jedoch aus nicht offengelegten Gründen auf März verschoben,[70] und als die Zeitung im Juni 1884 ihr Erscheinen einstellen musste, hatte der Kongress noch immer nicht stattgefunden; das Vorhaben war damit gescheitert.[71]

Trotz der Fehlschläge der bisherigen europäischen Kongresse kam es 1886 zu einem weiteren Versuch, die europäischen Antisemiten zusammenzubringen. Diesmal ging die Initiative jedoch weder von Deutschland noch von Ungarn oder Frankreich sondern von Rumänien aus. Vom 7. bis 9. September 1886 fand in Bukarest auf Einladung des rumänischen Antisemiten Constantin Moroiu und unter Vorsitz des Abgeordneten Eduard Gherghely ein weiterer europäischer Antisemiten-Kongress, Congresul Anti-semitic, statt. Ziel der Veranstalter war es wiederum, wie es im Bericht der Allgemeinen Zeitung des Judenthums hieß, ein „von allen Antisemiten-Vereinen Europas“ besuchtes „Protest-Meeting“ zu organisieren.[72] Angekündigt wurde gar die Teilnahme von Eduard Drumont, Győző Istóczy oder Adolf Stoecker. Wie in Dresden und Chemnitz aber waren nur sehr wenige Antisemiten aus anderen europäischen Ländern anwesend, aus Frankreich Jacques de Biez etwa und aus Ungarn Ferened Komlóssy. Trotz der geringen internationalen Teilnahme, hielten die Versammelten an ihren ambitionierten Zielen fest und gründeten die internationale antijüdische Organisation Alianţa Universală Anti-israelită. Auch dieser Kongress aber konnten die europäischen Ansprüche nicht einlösen, und auch die Allianz war weit davon entfernt einen internationalen Charakter zu haben.

Im Unterschied zu den Treffen in Dresden und Chemnitz jedoch hatte die Bukarester Versammlung unmittelbare Folgen für die jüdische Bevölkerung. In Craiova, der etwa 230 Kilometer westlich von Bukarest gelegenen Hauptstadt der Provinz Kleine Walachei, sind unmittelbar nach dem Treffen gewalttätige Ausschreitungen gegen Juden ausgebrochen.[73]

Nach dem Debakel der europäischen Vereinigungsversuche hat die antisemitische Bewegung keinen weiteren Ansatz zur Organisierung des Antisemitismus auf europäischer Ebene mehr unternommen. In Deutschland stand nunmehr der Wunsch im Vordergrund, zumindest auf nationaler Ebene eine einheitliche Organisation zu bilden. Aus diesem Grund wurde im Juni 1886 ein Antisemitenkongress in Kassel abgehalten. Eine Einigung kam aber selbst auf nationaler Ebene nicht zustande. Ursache dafür war wiederum der Kampf zweier Linien, diesmal der Gegensatz zwischen Vertretern des Antisemitismus als einer sozialen Bewegung, die eine Mitarbeit in den Parlamenten ablehnten, und denjenigen, die eine antisemitische politische Partei gründen und sich an den Wahlen beteiligen wollten.[74] So ging auch dieser Kongress ohne Erfolg zu Ende.

Nach dem fulminanten Wahlsieg von Otto Böckel bei den Wahlen zum deutschen Reichstag im Jahr 1887 wurde die Frage der Parteibildung jedoch immer drängender, zumal der Erfolg Böckels nicht nur eine neue Welle der antisemitischen Agitation eingeleitet, sondern auch der Gründung von antisemitischen Organisationen neuen Auftrieb verliehen hatte. Daher versammelten sich deutsche Antisemiten im Juni 1889 in Bochum zu einem weiteren Antisemitenkongress mit dem Ziel der Gründung einer geschlossenen antisemitischen Partei. Auch dieser Kongress aber scheiterte wiederum an internen Konflikten innerhalb des antisemitischen Lagers. Ausgetragen wurden diese nunmehr über konträre parteipolitische Linien. Anstelle einer geschlossenen antisemitischen Organisation gingen aus diesem Kongress zwei konkurrierenden antisemitische Parteien hervor, eine konservative Partei mit antisemitischem Programm und eine fundamentalantisemitische Protestpartei mit antikonservativem Profil.[75]

Nach dem Scheitern der europäischen Organisationsversuche setzte in Deutschland mit dem Wahlerfolg von Otto Böckel der politische Aufstieg desjenigen Antisemiten ein, der wohl am stärksten in seiner Agitation und Propaganda die europäischen Dimensionen des Kampfes gegen die Juden in den Blick genommen hatte. Zwar hatte sich schon Wilhelm Marr in seiner programmatischen Schrift ‚Der Sieg des Judenthums über das Germanentum’ immer wieder auf die europäischen Zusammenhänge seiner Untergangsvision bezogen,[76] und auch Eugen Dühring hatte im November 1879 einen Vortrag über die Entstehung der Judenfrage in Europa gehalten,[77] doch erst Otto Böckel ist in seiner unter dem Pseudonym ‚Capistrano’ im Jahr 1886 erschienenen Schrift dezidiert auch im Titel auf Europa eingegangen und hat darin programmatisch von der „europäischen Judengefahr“ gesprochen.[78]

Die Entstehung des Antisemitismus war ein europäisches Phänomen, das mit der Emigration nach Übersee ebenso auf den amerikanischen Kontinent ausgriff. Auch wenn hinter dem Begriff Antisemitismus jeweils besondere Erfahrungen, Deutungen und Erwartungen sowie unterschiedliche politische Kontexte standen,[79] verbreitete sich durch den intellektuellen Austausch und kulturellen Transfer nicht nur dieser Neologismus, auch die entsprechenden Sprechakte und habituellen Artikulationsformen strahlten auf alle Teile Europas aus. Das Besondere dieser neuen Aversion gegen Juden bestand darin, dass sie nicht mehr religiös, sondern politisch ausgerichtet war. Das Christentum war die dominante Religion in Europa, und ohne den kulturellen Hintergrund der christlichen Judenfeindschaft hätten sich die neuen Ressentiments und Aversionen nicht auf die Juden richten können. Die neue Form der Judenfeindschaft aber ging dezidiert, wie es Wilhelm Marr prägnant im Titel seiner programmatischen Schrift formuliert hatte, von einem „nichtconfessionellen Standpunkt“ aus. Selbst die Kirche, die zu den aktivsten Protagonisten des Antisemitismus gehörte, bediente sich in ihrer Agitation weniger der Motive der christlichen Judenfeindschaft als der Sprache des politischen und säkularen Antisemitismus. Die antisemitischen Teile des Klerus richteten sich weniger gegen die jüdische Religion als gegen die imaginierte Rolle der Juden in der Welt.

Der Begriff Antisemitismus diente dazu eine Erklärung zu finden für die sozialen Konflikte und krisenhaften Erfahrungen, die mit dem Übergang von der Subsistenz- zur Marktwirtschaft verbunden waren. Die Juden wurden in der Rhetorik des Antisemitismus nicht bloß als Repräsentanten des Kapitalismus gesehen, sondern zu „Personifikationen der unfassbaren, zerstörerischen, unendlich mächtigen, internationalen Herrschaft des Kapitals“.[80] Die traditionelle Abdrängung der Juden in den Handel schlug mit der Kommerzialisierung des Alltagslebens in einen Startvorteil in der Entstehung der Konsumgesellschaft in Europa um, ein Phänomen, das gleichsam als eine Dialektik der Ausgrenzung beschrieben werden kann. Folge dieser Entwicklung war ein rasanter sozialer Aufstieg und eine nachhaltige Verbürgerlichung der europäischen Juden. Mit dem darüber hinaus europaweit sich vollziehenden Prozess der Emanzipation gehörten die Juden in weiten Teilen Europas zum Kern der bürgerlichen Gesellschaft.[81] Wie Paul W. Massing in seiner bahnbrechenden, und noch immer nicht überholten Studie über die Entstehung des politischen Antisemitismus im deutschen Kaiserreich pointiert formuliert hat, entzündeten sich die Leidenschaften der antisemitischen Gesellschaftsstimmung aber „nicht an den lebendigen Juden“, sondern am „Phantom des ‚Juden’“.[82]

Die neue Form der säkularen Judenfeindschaft wurde zu einem europäischen Phänomen. Als europäisch-politische Bewegung ist der Antisemitismus indes in genau dem Sinne gescheitert, wie auch die nationalen antisemitischen Bewegungen im Europa des langen 19. Jahrhunderts keinen Erfolg hatten, auf nationaler Ebene eine einheitliche politische Organisation zu etablieren. Mit den sozialen Erschütterungen, politischen Umstürzen und mentalen Verwüstungen des Ersten Weltkriegs trat der sich radikalisierende europäische Antisemitismus dann in eine neue, rassistische Phase ein.



Für kritische Lektüre des Manuskripts und hilfreiche Anregungen danke ich Werner Bergmann und Christoph Jahr, sowie für Hinweise auf die Kongresse in Rumänien bzw. die französischen Quellen Iulia Pop und Damien Guillaume.

[1] Essay zur Quelle: Staatsbürger-Zeitung Nr. 213 vom 12. September 1882.

[2] Bergmann, Werner, Ein “weltgeschichtliches ‘Fatum’”. Wilhelm Marrs antisemitisches Geschichtsbild in seiner Schrift: „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“, in: Ders.; Sieg, Ulrich (Hgg.), Antisemitische Geschichtsbilder, Essen 2009, S. 61-82.

[3] Zu Treitschke vgl. Krieger, Karsten (Bearb.), Der Berliner Antisemitismusstreit 1879-1881. Kommentierte Quellenedition, 2 Bde., München 2003.

[4] Nordisk Conversationslexikon, Bd. 1, A-B, Kopenhagen 1884, S. 194.

[5] Ottuv Slovník naucný. Illustrovaná encyklopaedie obechných védomosti, Bd. 2, Al-Az, Prag 1889.

[6] A Pallas Nagy Lexikona. Az Összes Ismeretek Enciklopédiája, Bd. 1, Budapest 1893, S. 713.

[7] Enciclopedia Română, Bd. 1, A-C, Sibiiu 1898, S. 195.

[8] Ordbok öfver Svenska Spraket. Utgifven af Svenska Akademien, Bd. 2, Lund 1903, Sp. 1913.

[9] Nordisk Familjebok. Konversationslexikon och Realencyclopedi, Bd. 1, A-Ar, Stockholm 1904, Sp. 1157-1160.

[10] Winkler Prins’ Geïllustreede Encyclopaedie derde, geheel om- en bijgewerkte druk, Bd. 1, A -Ar, Amsterdam 1905, S. 750.

[11] The Encyclopaedia Britannica. A Dictionary of Arts, Sciences, Literature and General Information, 11. Aufl., Bd. 2, And-Aus, New York 1910, S. 134-146.

[12] Zu den einzelnen europäischen Länder vgl. Strauss, Herbert A. (Hg.), Hostages of Modernization. Studies on Modern Antisemitism 1870-1933/39. Germany – Great Britain – France – Austria – Hungary – Poland – Russia, 2 Bde., Berlin 1993; vgl.. dazu auch den neuen Forschungsüberblick: Nonn, Christoph, Antisemitismus, Darmstadt 2008.

[13] Eine der wenigen, bisher vorliegenden Versuche einer europäischen Synthese, die Studie von Brustein, William I., Roots of Hate. Anti-Semitism in Europe before the Holocaust, Cambridge 2003, ist aus methodischen und konzeptionellen Gründen gänzlich unbefriedigend. Vgl. dazu meine Rezension: Sehepunkte 5 (2005), Nr. 1, <http://www.sehepunkte.de/2005/01/6263.html> (22.04.2009). Zur Frage nach den europäischen Dimensionen des Antisemitismus in der Phase seiner Entstehung von 1879 bis zum Ersten Weltkrieg läuft am Zentrum für Antisemitismusforschung derzeit ein Doktorandenkolleg, vgl. dazu: Ulrich Wyrwa, Antisemitismus in Europa (1879-1914). Fragestellung, Konzeption und Aufbau des Forschungskollegs am Zentrum für Antisemitismusforschung, in: Jahrbuch des Zentrums für Antisemitismusforschung 16 (2007), S. 327-342; siehe auch <http://zfa.kgw.tu-berlin.de/projekte/europa.htm> (22.04.2009).

[14] Grundlage dieses Beitrages ist die im Landesarchiv Berlin reponierte ‚Acta des Königlichen Polizei-Präsidii zu Berlin betreffend den Internationalen Congress zur Wahrung nichtjüdischer Interessen’: A PR. Br. Rep. 030 Nr. 15226.

[15] In zeitgenössischen Quellen wurde häufig auch der Vorname Victor gebraucht.

[16] Vgl. Zimmermann, Moshe, Deutsch-jüdische Vergangenheit: Der Judenhaß als Herausforderung, Paderborn 2005, S. 30f.

[17] Die Wahrheit. Humoristisch-satirisches Wochenblatt vom 10. Juni 1882.

[18] Die Tribüne Nr. 419 vom 19. August 1882.

[19] Deutsche Tageblatt Nr. 226 vom 20. August 1882.

[20] Die Post Nr. 228 vom 23. August 1882.

[21] Nach dem Bericht in: Deutsches Tageblatt Nr. 230 vom 24. August 1882.

[22] Pulzer, Peter, Die jüdische Beteiligung an der Politik, in: Mosse, Werner E.; Paucker, Arnold (Hgg.), Juden im Wilhelminischen Deutschland 1890-1914, Tübingen 1976, S. 217.

[23] Neue Deutsche Volkszeitung Nr. 195 vom 23. August 1882.

[24] Volkszeitung Nr. 196 vom 23. August 1882.

[25] Staatsbürger-Zeitung Nr. 213 vom 12. September 1882.

[26] Vgl. Ferrari Zumbini, Massimo, Die Wurzeln des Bösen. Gründerjahre des Antisemitismus: Von der Bismarckzeit zu Hitler, Frankfurt am Main 2003, S. 260f.

[27] Ebd.

[28] Landesarchiv Berlin, A PR. Br. Rep. 030 Nr. 15226, S. 19.

[29] Staatsbürger-Zeitung Nr. 213 vom 12. September 1882.

[30] Manifest an die Regierungen und Völker der durch das Judenthum gefährdeten christlichen Staaten laut Beschluss des Ersten Internationalen Antijüdischen Kongresses zu Dresden am 11. und 12. September 1882, Chemnitz 1882, S. 1; wiedergegeben in: Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern, Bd. 4, Reichsgründung: Bismarcks Deutschland 1866-1890, <http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=581> (22.04.2009).

[31] Ebd., S. 3.

[32] Ebd., S. 4.

[33] Ebd., S. 8.

[34] Ebd., S. 7.

[35] Ebd., S. 10.

[36] Ebd., S. 6.

[37] Ebd., S. 12f.

[38] Nicht nachgewiesener Zeitungsbericht, in: Landesarchiv Berlin, A PR. Br. Rep. 030 Nr. 15226, S. 9.

[39] Staatsbürger-Zeitung Nr. 213 vom 12. September 1882.

[40] Ebd.

[41] Vgl. dazu: Ferrari Zumbini, Die Wurzeln des Bösen, S. 260f.

[42] Zu den internen Konflikten auf dem Dresdner Antisemitentag vgl. Wawrzinek, Kurt, Die Entstehung der deutschen Antisemitenparteien (1873-1890), Berlin, 1927, S. 50-53; zu den verschiedenen Flügeln des antisemitischen Lagers siehe auch Helmut Berding, Moderner Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt am Main 1988, S. 86-110.

[43] Staatsbürger-Zeitung Nr. 213 vom 12. September 1882.

[44] Staatsbürger-Zeitung Nr. 214 vom 13. September 1882.

[45] Polizeibericht vom 28. September 1882, S. 49.

[46] Manifest an die Regierungen, S. 16.

[47] Vgl. dazu die Polizeiberichte in: Landesarchiv Berlin, A PR. Br. Rep. 030 Nr. 15226.

[48] Vossische Zeitung, zit. nach der Wiedergabe in: Allgemeine Zeitung des Judenthums Nr. 39 vom 26. September 1882.

[49] Neue Freie Presse Nr. 6481 vom 14. September 1882. <http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=nfp&datum=18820914&seite=1&zoom=2> (22.04.2009).

[50] Der Floh, Nr. 38 vom 17. September 1882, <http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=flo&datum=18820917&seite=3&zoom=2> (22.04.2009).

[51] Allgemeine Zeitung des Judenthums Nr. 39 vom 26. September 1882, <http://www.compactmemory.de/> (22.04.2009).

[52] Kladderadatsch Nr. 43 vom 17. September 1882, <http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1882/0399> (22.04.2009).

[53] Kölnische Zeitung, zit. nach der Wiedergabe in: Allgemeine Zeitung des Judenthums Nr. 39 vom 26. September 1882.

[54] Die Wahrheit Nr. 1 vom 6. Januar 1883.

[55] Der Reichsbote Nr. 88 vom 17. April 1883.

[56] Montags-Zeitung Nr. 18 vom 31. April 1883.

[57] Neue Deutsche Volkszeitung Nr. 98 vom 29. April 1883; siehe auch Bericht über den 2. antijüdischen Congreß, einberufen durch die Allgemeine Vereinigung zur Bekämpfung des Judenthums (Alliance antijuive universelle), Chemnitz 1883.

[58] Berliner Montags-Zeitung Nr. 18 vom 31. April 1883; Neue Freie Presse Nr. 6706 vom 29. April 1883, <http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?apm=0&aid=nfp&datum=18830429&seite=7&zoom=2> (22.04.2009).

[59] Bericht über den 2. antijüdischen Congreß, S. 8.

[60] Die jüdische Presse. Organ für die Gesammtinteressen des Judenthums Nr. 18 vom 3. Mai 1883.

[61] Lehnhardt, Erich, Die Antisemitische Bewegung in Deutschland, besonders in Berlin, nach Voraussetzungen, Wesen, Berechtigung und Folgen dargelegt. Ein Beitrag zur Lösung der Judenfrage, Zürich 1884, <http://judaica-frankfurt.de/content/titleinfo/177236> (22.04.2009).

[62] Theodor Fritsch an Wilhelm Marr über neue Taktiken im Kampf gegen die Juden (1884-85). In: Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern, Bd. 4, Reichsgründung: Bismarcks Deutschland 1866-1890, <http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/docpage.cfm?docpage_id=3070> (22.04.2009).

[63] L’Anti-Semitique n° 10, 4 août 1883.

[64] L’Anti-Semitique n° 11, 11 août 1883.

[65] L’Anti-Semitique n° 15, 8 september 1883.

[66] L’Anti-Semitique n° 19, 6 octobre 1883.

[67] L’Anti-Semitique n° 21, 20 octobre 1883.

[68] L’Anti-Semitique n° 22, 27 octobre 1883.

[69] L’Anti-Semitique n° 27, 1 décembre 1883 ; n° 30, 22 décembre 1883.

[70] L’Anti-Semitique n° 39, 24 février 1884.

[71] Dazu demnächst ausführlicher in dem Dissertationsprojekt von Damien Guillaume über die Entstehung des Antisemitismus in Deutschland und Frankriech als einer Histoire Croisée, das derzeit in Kooperation mit der École des hautes études en sciences sociales, Paris, im Rahmen des Forschungskollegs zum Antisemitismus in Europa (1879-1914) am Zentrum für Antisemitismusforschung, Berlin, entsteht. Vgl. auch die kurze Notiz: Katz, Jacob, Vom Vorurteil bis zur Vernichtung. Der Antisemitismus 1700-1933, München 1989, S. 298.

[72] Allgemeine Zeitung des Judenthums Nr. 40 vom 28. September 1886, <http://www.compactmemory.de/> (22.04.2009).

[73] Vgl. dazu demnächst die im Rahmen des Forschungskollegs am Zentrum für Antisemitismusforschung entstandene und in Kürze abgeschlossene Dissertation von Iulia Pop zur Entstehung des Antisemitismus in Rumänien (1866-1914). Vgl. die knappen Notizen in: Iancu, Carol, Jews in Romania 1866-1919: From Exclusion to Emancipation, New York 1996, S. 139.

[74] Levy, Richard S., The Downfall of the Anti-Semitic Political Parties in Imperial Germany, New Haven 1975, S. 38-39.

[75] Ebd. S. 65.

[76] Marr, Wilhelm, Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum vom nicht confessionellen Standpunkt aus betrachtet, Bern 1879, <http://www.gehove.de/antisem/texte/marr_sieg.pdf> (22.04.2009).

[77] Dühring, Eugen, Sache, Leben und Feinde, 2. Aufl., Leipzig 1903, S. 241.

[78] Capistrano [ = Otto Boeckel], Die europäische Judengefahr, Kassel 1886.

[79] Vgl. zum Problem der Übersetzung: Leonhard, Jörn, Von der Wortimitation zur semantischen Integration. Übersetzung als Kulturtransfer, in: WerkstattGeschichte 17 (2008), S. 45-63.

[80] Postone, Moishe, Die Logik des Antisemitismus, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken 36 (1982), S. 13–25, hier S. 22.

[81] Wyrwa, Ulrich, Die Emanzipation der Juden in Europa, in: Elke-Vera Kotowski, Julius H. Schoeps, Hiltrud Wallenborn (Hgg.), Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa, Bd. 2, Darmstadt 2001, S.336-352.

[82] Massing, Paul W., Vorgeschichte des politischen Antisemitismus, Frankfurt am Main 1959, S. 114.



Literaturhinweise:

  • Bergmann, Werner, Geschichte des Antisemitismus, München 2002.
  • Ferrari Zumbini, Massimo, Die Wurzeln des Bösen. Gründerjahre des Antisemitismus: Von der Bismarckzeit zu Hitler, Frankfurt am Main 2003.
  • Karady, Victor, Gewalterfahrung und Utopie. Juden in der europäischen Moderne, Frankfurt am Main 1999.
  • Strauss, Herbert A. (Hg.), Hostages of Modernization. Studies on Modern Antisemitism 1870-1933/39. Germany – Great Britain – France – Austria – Hungary – Poland – Russia, 2 Bde., Berlin 1993.
  • Wyrwa, Ulrich, Antisemitismus in Europa (1879-1914). Fragestellung, Konzeption und Aufbau des Forschungskollegs am Zentrum für Antisemitismusforschung, in: Jahrbuch des Zentrums für Antisemitismusforschung 16 (2007), S. 327-342.


Zitationsempfehlung:
Wyrwa, Ulrich: Die Internationalen Antijüdischen Kongresse von 1882 und 1883 in Dresden und Chemnitz. Zum Antisemitismus als europäischer Bewegung. In: Themenportal Europäische Geschichte (2009),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2009/Article=362.

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