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Claß, Heinrich: Zweck und Ziele des Alldeutschen Verbandes (1908)[1]

Die Bestimmung dieses Handbuches, das unsere Mitglieder nicht nur über die inneren Verhältnisse des Verbandes, seine Satzungen, seine Gliederung, seine Verbreitung unterrichten soll, sondern das ihnen zugleich ein Mittel zu wirksamer Werbetätigkeit in die Hand geben will, verlangt es, in kurzen Sätzen hier einen Überblick über die Aufgaben, Ziele und Bestrebungen des Alldeutschen Verbandes zu geben.

Indem dies in den nachstehenden Zeilen versucht wird, bitten wir unsere Mitglieder von dem Inhalt Kenntnis zu nehmen und überall da, wo ihnen Unkenntnis oder falsches Urteil über den Verband entgegentreten, hiervon Gebrauch zu machen.

Daran schließen wir die dringende Bitte, bei der Arbeit, die der Alldeutsche Verband zum Wohle unseres Volkstums sich vorgesetzt hat, werktätig mitzuhelfen und insbesondere uns durch die Werbung neuer Mitglieder zu unterstützen.

Die Grundlage der für unser Volk zu erstrebenden Weltmachtstellung bildet das glücklich geschaffene Reich: in ihm muß das deutsche Volk wirklich Herr sein. Es muß vor allem seine Grenzen sauber und sicher halten: deshalb muß eine zielbewußte, kräftige und vor allem stetige Grenzmarkpolitik dafür sorgen, daß die Feinde unseres Volkstums in den Grenzmarken zurückgedrängt werden. Dies gilt in gleicher Weise für Polen, Dänen und Französlinge.

Von wesentlicher Bedeutung ist weiter die Lage des deutschen Volkes auf dem europäischen Festlande, wo der Sitz unserer Kraft ist: es kann uns nicht gleichgültig sein, was aus den Deutschen Österreichs wird, ob die Sachsen und Schwaben Ungarns magyarisiert werden, ob das Deutschtum in Rußland vernichtet wird, ob die Deutschen in der Schweiz und die Alamannen Belgiens verwelscht werden. Ohne uns in die inneren Angelegenheiten dieser Staaten einzumischen, werden wir, was in unserer Kraft steht, tun, um in jenen Ländern alle Bestrebungen, die auf Erhaltung des Deutschtums gerichtet sind, nachdrücklich zu unterstützen.

Auch das überseeische Deutschtum gilt es zu erhalten. So begrüßen wir mit Freuden das Erwachen der Deutschen in den Vereinigten Staaten Nordamerikas, so hoffen wir, daß die Buren ihr Volkstum behaupten werden, wenn sie auch, im Felde unbesiegt, durch Hunger und eine brutale Kriegführung des Gegners zu einem Friedensschlusse gezwungen wurden, der die beiden früheren Burenrepubliken von der Landkarte tilgte. Die bisherige Entwickelung in Südafrika hat gezeigt, daß das Burenvolk mitnichten dem Untergang geweiht ist; mit Zähigkeit und Besonnenheit verteidigt es sein Daseinsrecht und hat es durchgesetzt, in der Transvaalkolonie eine maßgebende Rolle zu spielen. Wie unser Eintreten für die Buren nicht allein der Bewunderung des Mannesmutes, der Tapferkeit und der Freiheitsliebe entsprungen war, die diese Bauern niederdeutschen Stammes in dem zähen Ringen um ihre Unabhängigkeit bewiesen, sondern auch sehr kühlen realpolitischen Erwägungen, so gilt dasselbe jetzt von der Genugtuung, die wir darüber empfinden, daß die Buren sich politisch durchgesetzt haben. Denn durch die Vernichtung der Burenrepubliken ist das politische Gleichgewicht Südafrikas, das uns den ruhigen Besitz unserer südwestafrikanischen Kolonie sicherte, gestört worden und es ist für uns von Belang, daß durch die Erhaltung der Buren als Volk und ihrer Sprache die nationalen Gegensätze in Südafrika bestehen bleiben und die Bildung eines einheitlich britisch-südafrikanischen Reiches verhindert wird.

Unser Wirtschaftsleben braucht gegenüber den sich bildenden ungeheuren fremden Wirtschaftsgebieten eine räumliche Ausbreitung, die die Möglichkeit gewährt, sich selbständig neben jenen zu erhalten: Deshalb erstreben wir die Schaffung eines mitteleuropäischen Zollbundes.

Die Auswandernden dürfen unserem Volke nicht verloren gehen: deshalb müssen wir über See Gebiete gewinnen suchen, in denen der Deutsche leben und sich fortpflanzen kann, wir müssen zu den wenigen Kapitalisten-Kolonien wirkliche Volkskolonien erwerben.

Zunächst ist zu erstreben, daß unser jetziger Kolonialbesitz durch Bauten und andere der Erschließung dienende Maßregeln in den Stand gesetzt wird, eine größere Zahl Deutscher aufzunehmen und zu ernähren. Wir begrüßen die darauf gerichteten Bemühungen der Regierung mit um so größerer Freude, als wir seit dem Bestehen des Verbandes solche Maßregeln verlangt haben.

Es ist anerkannt, von welcher Bedeutung für das Deutschtum im Ausland das Schul- und Konsulatswesen ist; beide stecken noch in ihren Anfängen, weshalb wir eine kräftige Ausgestaltung fordern.

Seit den ersten Versuchen des deutschen Volkes, sich wirtschaftlich und politisch auf der Weltbühne zu betätigen, begegnete es dem ständig steigenden Übelwollen Englands, das durch uns seinen Handel und den anmaßenden Anspruch, Alleinherrscher der Meere zu sein, bedroht sieht. Wir können nur Weltpolitik treiben, wenn wir sie mit unseren Machtmitteln zu vertreten imstande sind.

Die Waffe der Weltpolitik ist aber die Flotte: deshalb fordern wir den steten Ausbau, bis jene Stärke erreicht ist, die den Interessen des deutschen Volkes entspricht. Um aber die Flotte mit Erzen verwenden zu können, müssen wir genügende Kohlenstationen und eigene Kabelnetze besitzen: deshalb dringen wir auf die Erwerbung und Schaffung beider.

Seit seiner Gründung arbeitet der Alldeutsche Verband an der Verwirklichung dieser Ziele; vieles hat er schon erreicht, das im einzelnen hier anzuführen nicht angeht.

Das Wichtigste aber was erreicht ist, dünkt uns die zum guten Teile auf unsere Arbeit zurückzuführende Vertiefung des nationalen Gedankens, die Ausbreitung einer nationalen Weltanschauung, die beginnende politische Selbstbestimmung unseres Volkes und die daraus erwachsende Bildung einer gesunden nationalen Selbstsucht, vor allem aber die Erkenntnis, daß jeder vor der Zukunft mitverantwortlich ist für das Schicksal seines Volkstums.

Die Reichstagswahlen dieses Frühjahres haben gezeigt, daß unsere Arbeit nicht vergebens war: sie haben eine Volksvertretung gebracht, die erfreuliches Verständnis für die nächsten nationalen Aufgaben zeigt und sie – unter Zurücksetzung der beengenden Parteianschauungen – hoffentlich auch erfüllen wird.

Leider zeigt sich im deutschen Bürgertum die Neigung, nach der Leistung jener Wahlen wieder in die alte Ruhe und Gleichgültigkeit zu verfallen: das wäre ein verhängnisvoller Fehler und ein Verkennen der Lage unseres Volkes. Diese Wahl bedeutet erst den Anfang der politischen Gesundung – noch nicht die Gesundung selbst.

Deshalb halten wir es gerade jetzt für unsere Pflicht, dahin zu wirken, daß die politisch führenden Schichten unseres Volkes vorn bleiben.

Auf dem beschrittenen Wege werden wir fortschreiten, wie wir ihn gegangen sind, unbekümmert um den Spott und Hohn unserer Gegner.

Jeder Tag bringt neue Aufgaben. Gewaltige Anstrengung wird es das deutsche Volk kosten, bis es die Stellung unter den großen Mächten erworben hat, die seinen Bedürfnissen und Ansprüchen genügt.

Das aber wird nur gelingen, wen jeder im Volke sich seiner Pflicht bewußt ist und mitarbeitet!

Dazu rufen wir unsere Volksgenossen auf!

Wer mit aller Kraft seiner Seele als Sohn der deutschen Gaue sich fühlt, wer mit aller Glut seines Herzens sein Volkstum liebt, wer mit Stolz sich einen Deutschen nennt, wer mit Zuversicht an eine große Zukunft unseres Volkes glaubt, und wer mit Hand anlegen will, daß diese große, schöne Zukunft erreicht werde, der gehört zu uns.

Der bekenne sich aber auch zu uns und werde ein Glied unserer Gemeinschaft, die strebt und kämpft nach des Großen Kurfürsten Mahnwort, das sie zu ihrem Wahlspruch erkoren:

Gedenke, daß du ein Deutscher bist!


[1] Handbuch des Alldeutschen Verbandes Jg. 1908, S. 42–44, Hervorhebungen im Original, bearbeitet von Andreas C. Hofmann.



Zitationsempfehlung:
Claß, Heinrich: Zweck und Ziele des Alldeutschen Verbandes (1908). In: Themenportal Europäische Geschichte (2014),  URL: http://www.europa.clio-online.de/2014/Article=700.

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