Michael Berns, „Endeckung des Greuel Wesens“, Stellungnahme des Pastors zu Wandesbeck über die Biblia Pentapla (Hamburg, 1710), [Transkript, gekürzt]

Michael Berns, „Endeckung des Greuel Wesens“, Stellungnahme des Pastors zu Wandesbeck über die Biblia Pentapla (Hamburg, 1710), [Transkript, gekürzt][1]

Geneigter Leser!

Es ist dergleichen That noch nie erhört / da man sich so directe dem Göttlichen Worte hat entgegen gesetzet / als durch diese Biblia Pentapla wird vorgenommen; Denn sie wird gedruckt / um die Bibel oder die Heilige Schrifft / gäntzlich auffzuheben / aufs wenigste ein Babel und Verwirrung daraus zu machen; Wie sich denn solches von selbst offenbahret / wenn man das Wesen auch nur nach seiner eusserlichen Gestalt ansiehet: Denn wie jetzo dem Alten Testament des verfluchten Juden / des Athiae Version, wird beygedruckt / so alle Loca Classica von Christo / und der Dreyeinigkeit corrumpirt in sich enthält / über dem so undeutsch ist / daß sie zu nichts als zur Boßheit nütz: Wie denn der Indifferentismus Religionum, und daß man aus Gottes Wort suche ein Babel und Verwirrung zu machen / mehr hierdurch als am Tage lieget.

Und so stehet es auch ums Neue Testament / als dem die so genandte neue Ubersetzung beygefügt / welche / wie des Juden seine / gleichfals ex Socinianismo & Naturalismo hergeflossen: Beyderseis [sic] Corrumpirung aber / und so schändliche Verdrehung und Verfälschung des Göttlichen Worts / ist diesem Hauffen dennoch nicht genug / sondern da hat man die allerärgsten Exemplaria bey der Hand / derer Feder von keiner bessern Art gewest / als dieser Menschen; Oder sie sind auch wohl gar ein fingirtes / denn es wird nicht beygeschrieben / wo sich solche Exemplaria aufhalten / sonder man verfährt bloßhin nach gefallen; Was denen alten und unverfälschten Exemplarien / als wornach des seeligen Lutheri Version ergangen / schnur zu widern läufft / das wird hingesetzet; und das geschicht eben an solchen Oertern / wo es die Vergewisserung (ἀσφάλεια) Göttl. Worts / oder sonst einen Glaubens-Articul betrifft / damit den Einfältigen / welchen es Gott zur Seeligkeit hat angeschrieben / würcklich zum Babel und zur Verwirrung möge gereichen / und sie darauf ihr Teufflisches Evangelium denen Einfältigen desto sicherer können anbringen / ingegentheil das wahre Evangelium bey ihnen anschwärtzen und verlöschen. Uber dem sind die Loca paral. einer jeden Version beygedruckt / damit man aus derselben Unterschiedenheit / die Detorsiones scripturæ recht erlerne.

Und da nun das Werck so gar greßlich und schändlich eingerichtet / und es mit dem Neuen Testament zur Endschafft gekommen / darauf hat man einen kurtzen Begriff des neuen Bundes vorgedruckt / worinn keine gesunde Reihe zu finden / sondern eine rechte garstige Feder wird daselbst geführet / und nichts als Greuel lieset man durchhin: Das Wort der Versöhnung / der Gerechtigkeit / der Warheit / dis Evangelium von unserer Seeligkeit / wird verflucht / ein Wiederchristisch Evangelium genandt / von dem Siebenköpffigten Drachen / der alten Schlangen / erdacht / ingegentheil schiebet man ein gantz anderes ein / so doch eben des SIebenköpffichten Drachens ist. Denn keine λόγια Θεοῦ nichts Schrifftmäßiges / nichts Göttliches wird daselbst gefunden: Und damit die Sachen dennoch ihr Ansehen und ihre Absichten mögen behalten / so wird darauf ein Vorbericht von dem gantzen Bibel Wercke gestellet / worinn der Grund-Text umgestossen / und an dessen statt ihr eigner Geist und Sinn angebracht; und denen Ubersetzungen wird durchhin ein Babel und Verwirrung beygelegt / als worzu sie dieselbe nunmehro durch ihre Verfälschung gemacht; denn dahin zielet eben dis ihr gantzes Wesen.

Weil auch das Neue Testament biß dahin noch keine Libri Apocryphi zur Seite führet / so siehet man nun auch solche diesem Wesen beygedruckt / damit auch dadurch sich die Confusion vermehre: So haben auch Anmerckungen und Erinnerungen bey einer jeden Version müssen ergehen; Da denn die bey der neuen Ubersetzung mehr den Betrug und Falschheit im Munde führen / und das allerschändlichste Führhaben gnugsam offenbahren / so stehet es um die eusserliche Gestalt.

Mag nun wohl ein greßlichers / unverantwortlichers / verdammlicheres Fürnehmen / als dieses erdacht werden? Denn mit eines redlichen Mannes Schrifft so zu verfahren / wie straffbar fält es nicht? Was wird es denn nicht seyn / da man mit dem Evangelio von unserer Seeligkeit / mit dem Worte / so da von Göttl. Krafft ist / selig zu machen alle / die dran Glauben / so betrieglich und fälschlich verfährt? wie wird selbst dis Wort diese Menschen am jüngsten Tage richten / Joh. 12.48. und welch eine Verdammnuß wird ihnen begegnen müssen?

Dis Werck nun ist allhier wider mein Wissen und Willen angefangen / und wie ich dessen Anfang sahe / habe ich meinen Wiederwillen dargegen bezeuget / aber ohne Effect; wiewohl ich auch das Wesen so nicht angesehen / und das solch ein Greuel Vorhaben solte darhinter stecken / als sich nun bey dem completen Wercke angiebet. So bald ich aber solchs erblickte / habe mich so gleich solchem Greuel Wesen wiedersetzet / meine Gemeine dafür gewarnet / und weil ich im Gebrauch habe / nach gehaltener Predigt öffentlich in der Kirche aus derselben ein Examen zu halten / als habe bey solcher Gelegenheit das Werck öffentlich vorgelesen / und das darinn enthaltene so gar garstige Wesen und Vorhaben / der Gemeine gezeiget / und für solchen mehr den Höllischen Gifft dieselbe gewarnet / die auch durch Gottes Gnade gerettet / da sonst schon viele angesteckt.

Weil aber das Alte Testament nicht nur angefangen / sondern man auch darauf bestehet / mit solchen Druck fortzufahren / und in solchem Greuel Wesen zu verharren / und darunter des Siebenköpffichten Drachens Willen zu vollenbringen; woraus man denn dieser Menschen unverschämte Stirn lieset / und daß sie rechte Sclaven und Leibeigene des Teuffels; als habe mich genöthiget befunden / dis Schand und Greuel Wesen durch öffentlichen Druck auch an aller Welt / zur Verhütung und Warnung / kund zu machen [...].

Der geneigte Leser wird nach der Liebe davon urtheilen / wie ich es denn aus Liebe zu Gott und meinem Nechsten geschrieben habe. Wandesbeck / den 14. October 1710.


[1] Quelle zum Essay: Lennart Gard, Rückkehr zu den Wurzeln oder religiöser Neuanfang? Der Streit über die Biblia Pentapla im lutherischen Protestantismus des frühen 18. Jahrhunderts, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2023, URL: <https://www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-98391>.


Rückkehr zu den Wurzeln oder religiöser Neuanfang? Der Streit über die Biblia Pentapla im lutherischen Protestantismus des frühen 18. Jahrhunderts[1]

Von Lennart Gard

„Es ist dergleichen That noch nie erhört“, mit diesen Worten eröffnete der lutherische Pfarrer Michael Berns (1657–1728) sein vernichtendes Verdikt. „Babel und Verwirrung“ wolle man stiften, vielleicht strebe man sogar an, das Wort Gottes „gäntzlich auffzuheben“.[2] Seine Endeckung [sic] des Greuel Wesens richtete sich gegen Johann Otto Glüsings (1675/76–1727) Biblia Pentapla, eine Veröffentlichung, deren Umgang mit den Grundtexten des christlichen Glaubens nicht so recht zu den absoluten konfessionellen Wahrheitsansprüchen der Frühen Neuzeit zu passen scheint. Synoptisch in Parallelspalten präsentierte das in den Jahren 1710 bis 1712 in drei Quartbänden veröffentlichte Werk je fünf Übersetzungen des Alten und des Neuen Testaments.[3] Vollständig abgedruckt waren drei besonders bedeutende deutschsprachige Bibelübertragungen der großen christlichen Konfessionen – die Lutherbibel, die katholische Mainzer Bibel und die reformierte Textfassung des Johannes Piscator (1546–1625) – sowie viertens die niederländische Staatenbibel. Für das Neue Testament kam die erst wenige Jahre zuvor entstandene Version des reformierten Theologen Johann Heinrich Reitz (1665–1720) hinzu.[4] Mit der Übersetzung des Joseph von Witzenhausen enthielt die Pentapla schließlich zum ersten Mal überhaupt eine jüdische Übertragung des Alten Testaments ins Deutsche in lateinischen Buchstaben.[5] Als die Endeckung erschien, lag mit dem Neuen Testament gerade einmal der erste Band der fünffachen Bibel vor. Druckort war der bei Hamburg gelegene, damals noch eigenständige Ort Wandsbek, wo Michael Berns Pfarrer war. Die Kritik des Pastors bewirkte, dass der Drucker des inkriminierten Werkes, Hermann Heinrich Holle († 1736), Wandsbek verlassen musste. Abgeschlossen wurde das Vorhaben dann im wenige Kilometer entfernten Schiffbek. Für den Wandsbeker Pastor wurde der Kampf gegen die Pentapla zur Lebensaufgabe, der er sich noch in zahlreichen weiteren Veröffentlichungen widmete. Was genau Glüsing und Berns voneinander trennte und was sie möglicherweise miteinander verband, beleuchtet der folgende Essay.

Für den europäischen Protestantismus gelten die Jahrzehnte rund um die Veröffentlichung der Biblia Pentapla traditionell als bedeutende Umbruchsphase. Angetreten, wie es in historischen Lehrbüchern heißt, um die Reformation der Lehre des 16. Jahrhunderts durch eine Reformation des Lebens, das heißt der Glaubenspraxis, zu vervollständigen, sei der Pietismus um 1700 zu einer der bedeutendsten religiösen Reformbewegungen seit der Reformation aufgestiegen. Wie ein Lauffeuer habe er sich quer durch das protestantische Europa verbreitet und die Vorherrschaft der alten, in lebensfremdem Dogmatismus erstarrten Orthodoxien nach und nach gebrochen.[6] Gerade die vermeintlich radikaleren Vertreter des Pietismus, diejenigen, die sich von der Amtskirche, ihren Werten und Gebräuchen distanzierten, gelten daneben als Wegbereiter der europäischen Aufklärung. Zu diesen radikalpietistischen Neuerern zählt die Forschung gemeinhin auch Johann Otto Glüsing. In der Pentapla erkennt gerade die jüngere Historiographie einen wichtigen Meilenstein auf dem Weg zu „Bekenntnistoleranz und ökumenischem Denken“[7] sowie einem aufgeklärten Umgang mit der Bibel.[8] Den vermeintlich „orthodoxen Glaubenswächter“[9] Michael Berns bedenkt sie demgegenüber allenfalls mit knappen Randbemerkungen. Die Auseinandersetzung zwischen Berns und Glüsing, so scheint es, war ein typischer Konflikt im großen Rückzugsgefecht des Alten gegen die modernisierenden Kräfte des Neuen.

Der Perspektive der Menschen um 1700 entspricht die Gegenüberstellung von Bewahrern und Erneuerern nur bedingt, und dies zeigt sich nicht zuletzt an der damaligen Semantik von Begriffen wie Pietismus und Orthodoxie. Innovation, zumal in Fragen des Glaubens, war bis weit ins 18. Jahrhundert auch und gerade bei denjenigen verpönt, die heute als Modernisierer gelten. Dass die protestantischen Konfessionen der Frühen Neuzeit in ideeller, glaubenspraktischer, sozialer und kommunikativer Hinsicht plurale Erscheinungen darstellten, wurde gemeinhin als etwas Negatives aufgefasst. Verantwortlich für religiöse Lagerbildungen machte man grundsätzlich die jeweils anderen.[10] „Pietist“ war in diesem Sinne üblicherweise nichts, was man sein wollte, sondern zunächst und vor allem ein Spottbegriff für diejenigen, die mit „Frömmelei“ und „Irrlehren“ den reformatorischen Pfad verlassen und eine neue, per definitionem unchristliche Gemeinschaft gebildet hatten. Aus der Verteidigung gegen den Pietismusvorwurf entstand auch das Bild von der verknöcherten Orthodoxie: Die vermeintlichen Glaubenshüter, so der Vorwurf, hätten sich in ihrem Formalismus und ihrem Verfolgungswahn von den Ursprüngen des Glaubens schon lange entfernt.[11] Den sogenannten Pietisten genau wie ihren „orthodoxen“ Gegnern selbst ging es in aller Regel nicht um Neubildung, sondern um Rückkehr zu den Wurzeln des Christentums.

Mit dem Gebrauch von Begriffen wie „Pietismus“ und „Orthodoxie“ als analytischen Kategorien verbinden sich verschiedene Probleme.[12] Als Epochenbegriffe stehen sie für ein Modernisierungsdenken, das dem frühneuzeitlichen Protestantismus fremd war. Als Gruppenbegriffe evozieren sie klare Grenzziehungen und eindeutige Zugehörigkeiten, die zum Selbstbild der historischen Akteure nur bedingt passen und über die auch historiographisch keine Klarheit besteht. Ob es sich beim Pietismus um ein Phänomen handelt, das seinen Ursprung im frühen oder im späten 17. Jahrhundert hat, ob der Pietismus im deutschen Luthertum wurzelt und von dort seinen Weg in die Welt fand oder ob er sich parallel in verschiedenen Teilen Europas entwickelte – derartige Fragen mündeten in der Vergangenheit in intensive, teils erbittert geführte Debatten.[13] Die jüngere Forschung hat sich vom Essentialismus dieser Kontroversen verabschiedet, an den diskutierten Begriffen indes festgehalten. Der Preis, der dafür bezahlt wird, besteht in begrifflicher Unschärfe: Was genau warum als pietistisch und was als orthodox zu gelten hat, bleibt oft unklar.

Angesichts dieser Schwierigkeiten präsentieren die folgenden Ausführungen Berns’ Auseinandersetzung mit Glüsing nicht als Konflikt zwischen Neuem und Altem, zwischen Pietismus und Orthodoxie, sondern als Dissens über unterschiedliche Vorstellungen vom religiös Wahrhaftigen und Ursprünglichen. Für Glüsing war die Kirche seiner Zeit korrumpiert. Der Bibelvergleich war für ihn ein Instrument, um zu einem Ideal wahren Glaubens zurückzukehren, wie er es im Urchristentum verkörpert sah. Für Berns hingegen war das wahre Christentum bereits in der lutherischen Kirche in ihrer gegenwärtigen Gestalt realisiert. In der Biblia Pentapla sah er einen Versuch, das kirchliche Lehrgebäude in Zweifel zu ziehen und unter dem Deckmantel des Vergleichs die Grundlage einer neuerlichen Abspaltung von der wahren Kirche zu schaffen.

Als Teil einer Geschichte des europäischen Christentums verfolgt der vorliegende Essay zwei Ziele. Erstens versteht er sich als Beitrag zu einer konzeptionellen Diskussion: Mit der Ersetzung der Differenz orthodox / pietistisch durch das Konzept eines Wahrhaftigkeitsstreits wird fallstudienartig versucht, ein präziseres Bild von Vorstellungswelten und Mechanismen der religiösen Lagerbildung im frühneuzeitlichen Protestantismus zu gewinnen. Selbstbild und Wahrnehmung der historischen Akteure werden dabei berücksichtigt, ohne dass die polemischen Begriffsbildungen der Vergangenheit einfach übernommen würden. Zweitens führt der Beitrag exemplarisch vor Augen, wie religiöse Konflikte im frühneuzeitlichen Mitteleuropa konkret abliefen: Anhand des Ringens zwischen Berns und Glüsing wird gezeigt, wie sich Auseinandersetzungen über das Schicksal des gesamten Christentums unter den Bedingungen vorstaatlicher Kleinräumigkeit mit lokalen Konflikten verbanden.

Schlaglichtartig wird im Folgenden zunächst das Programm der Glüsing’schen Bibel beschrieben. Sodann wird dargelegt, wie sie von Berns interpretiert wurde. Am Ende steht ein kurzer Ausblick auf die Langzeitwirkungen der Auseinandersetzung.

Die ersten Verse des Matthäusevangeliums im ersten Band der Biblia Pentapla (Staatliche Bibliothek Regensburg, Signatur: 999/Script.56(3, urn:nbn:de:bvb:12-bsb11116129-2)

Johann Otto Glüsing: Die Biblia Pentapla als religiöses Restaurationsprojekt

Der 1675 oder 1676 in Altenesch bei Delmenhorst geborene Johann Otto Glüsing führte ein äußerst wechselhaftes Leben, das ihm europaweit Aufmerksamkeit bescherte.[14] Nach einem Theologiestudium in Jena verbrachte er einige Jahre in Kopenhagen und in Christiania, dem heutigen Oslo, wo er sich wie viele seiner kirchenkritischen Standesgenossen als Hauslehrer durchschlug. Nachdem man ihn wegen seiner religiösen Ansichten aus beiden Orten ausgewiesen hatte, lebte er von 1707 bis zu seinem Tod 1727 in Hamburg und dem benachbarten, damals für seine großen religiösen Freiräume berüchtigten Altona. Neben der Biblia Pentapla veröffentlichte er zahlreiche weitere Schriften, darunter mehrere Arbeiten zum Urchristentum wie auch eine Gesamtausgabe der Werke des Lausitzer Laientheologen Jacob Böhme (1575–1624). Glüsings vielseitiges Schaffen, das von der bisherigen Forschung nur ausschnittweise wahrgenommen wurde, verbindet einen frühaufklärerischen Gelehrsamkeitsanspruch mit einem dezidiert kirchenkritischen Programm.

Dass ein Projekt wie die Biblia Pentapla unter den religiösen Rahmenbedingungen der Frühen Neuzeit begonnen und vor allem abgeschlossen werden konnte, verdankte sich zu einem nicht geringen Teil einer komplexen politisch-territorialen Gemengelange, wie sie für das frühneuzeitliche Mitteleuropa typisch war. Dominierende Kräfte im Raum um die Freie Reichsstadt Hamburg waren das dänische Königshaus und dessen Nebenlinie Schleswig-Holstein-Gottorf, die einerseits in einem oft kriegerisch ausgetragenen Konfliktverhältnis standen, andererseits jedoch zahlreiche landesherrliche Kompetenzen nur gemeinschaftlich ausüben konnten. Weder Altona, wo Glüsing in den Jahren der Veröffentlichung der Pentapla lebte, noch Wandsbek oder Schiffbek waren damals Teil Hamburgs. Während Altona eine der wichtigsten Städte des dänischen Königreichs war, unterstand das kleine Gut Wandsbek dem Adligen Joachim von Ahlefeldt (1670–1744), der sich energisch gegen etwaige Besitzansprüche der umliegenden Mächte zur Wehr setzte.[15] Schiffbek schließlich gehörte zum herzoglich-gottorfischen Territorium. Aus der Konkurrenz unterschiedlicher Machthaber auf kleinstem Raum entstanden vielfältige Freiräume.[16] Als Berns 1710 die Ausweisung des Verlegers Holle aus Wandsbek bewirkte, konnte sich dieser daher ins wenige Kilometer entfernte Schiffbek absetzen und dort seine Aktivitäten fortsetzen.[17]

In ihrer Aufmachung knüpfte die Biblia Pentapla an große historische Vorbilder an. Die Darstellung des Textes in Spalten erinnert an sogenannte Polyglotten – höchst ambitionierte Publikationen, die seit Beginn des 15. Jahrhunderts überall in Europa entstanden waren.[18] Doch während die Polyglotten die Bibel in ihren Ausgangsidiomen Hebräisch und Griechisch und verschiedenen altsprachlichen Übertragungen wie Latein, Chaldäisch und Syrisch zugänglich machten, nutzte Glüsing das synoptische Organisationsprinzip für einen überkonfessionellen Vergleich neusprachlicher Übersetzungen. In einem knappen „Vor-Bericht“ beschrieb er die Vorteile einer derartigen Gegenüberstellung: Sie helfe bei sprachlichen oder inhaltlichen Verständnisschwierigkeiten genau wie bei der Erschließung des Textes in seiner Ausgangssprache. Zuvorderst galt ihm die fünffache Bibel aber als Hilfsmittel, um zu prüfen „ob sichs also verhalte / was gelehret wird“.[19] Das vergleichende Lesen wurde bei ihm zu einem Mittel, um die Deutungshoheit der Konfessionskirchen über die Schrift infrage zustellen. Ohne Rücksicht auf Bekenntnisgrenzen sollte der Kern der biblischen Botschaft freigelegt werden.

Mit seiner Bibeledition wollte Glüsing zurück zu den Ursprüngen des christlichen Glaubens, von denen sich die Kirche seiner Zeit seines Dafürhaltens schon lange entfernt hatte. Inspiriert wurde er durch den heute als Lichtgestalt des radikalen Pietismus geltenden lutherischen Theologen Gottfried Arnold (1666–1714). Dieser hatte um 1700 mehrere publizistische Erfolge erzielt. Als Kontrast zur vermeintlich verkommenen Kirche der Gegenwart zeichnete sein Werk Die erste Liebe ein idealisierendes Portrait des Urchristentums.[20] Seine Unparteyische Kirchen- und Ketzerhistorie wartete mit der im wahrsten Sinne revolutionären These auf, dass die Kirche seit Jahrhunderten im Niedergang begriffen sei und es sich bei den wirklichen christlichen Bekennern um diejenigen handele, die über die Jahrhunderte als Ketzer verfolgt wurden.[21] Als „unparteyischer“ Beobachter verschonte Arnold keine Konfessionsgruppe, vor allem nicht seine eigene, mit Kritik. Konsequent argumentierte er im Sinne einer überkonfessionellen Gemeinschaft der wahren Frommen.[22] Spuren der Arnold’schen Lesart ziehen sich durch Glüsings gesamtes Werk. In einem Kurtze[n] Begriff des Neuen Bundes“, den er noch vor der Vorrede platzierte, entkoppelte er den wahren Glauben von der Institution Kirche und beschrieb „geistliche und leibliche Verfolgung“ als ein Kernmerkmal wirklicher Christusnachfolge.[23] Mit dem Neuen Testament des ebenfalls als Pietist verschrienen Johann Heinrich Reitz integrierte er in seine Auswahl dann eine Übersetzung, die eine minutiöse Orientierung am altgriechischen Urtext gegenüber sprachlicher Eleganz privilegierte.[24] Schließlich ließ er auf den neutestamentlichen Haupttext eine Serie von Apokryphen – also von nicht kanonischen Schriften – folgen, die Arnolds Ideen mit ihrem Fokus auf Martyrien der frühen Kirche zu bestätigen schienen und teilweise auch direkt von diesem übersetzt waren.[25] All dies zeugte von Glüsings Orientierung an der Alten Kirche.

Rückkehr zu den Ursprüngen bedeutete für Glüsing auch, dass man sich nicht allein an der schriftlichen Überlieferung des Wortes Gottes orientieren dürfe. Den eigentlichen „Grund-Text“ bildete aus seiner Sicht nämlich die fortlaufende Offenbarung des Heiligen Geistes. Im Hier und Jetzt könne man derartige Eingebungen unmittelbar von den Lippen „wahrhafftig bekehrete[r] treue[r] Zeugen“ empfangen.[26] Eine derartige Privilegierung unmittelbarer göttlicher Eingaben war die Essenz einer Geisteshaltung, die heutzutage üblicherweise als spiritualistisch bezeichnet wird und die in der Frühen Neuzeit gemeinhin als ketzerisch galt.[27] Richtschnur in religiösen Fragen war gemäß der reformatorischen Theologie ausschließlich die Bibel. Dass im Grunde keine Übersetzung vollkommen sei, war um 1700 zwar seit langem herrschende Meinung.[28] Mit der Preisgabe des Schriftprinzips ließ Glüsing den kirchlichen Konsens aber weit hinter sich.

Und auch mit einem weiteren lutherischen Kernprinzip schien die Pentapla zu brechen: der Rechtfertigung des Menschen allein aus göttlicher Gnade – und nicht etwa, wie im Katholizismus, auch aufgrund eigener Verdienste. Im „Kurtze[n] Begriff des Neuen Bundes“ hieß es zunächst scheinbar harmlos, dass „JEsus Christus der Gecreutzigte“ im Zentrum des Neuen Testaments und der gesamten Offenbarung stehe. Theologische Sprengkraft gewann dies allerdings dadurch, dass dem „Christus pro nobis“, der für die Sünden der Menschheit gestorben war, ein „Christus in nobis“, also ein Vergöttlichungspotenzial im Menschen, beigeordnet wurde.[29] Damit verbunden wurde ein direkter Nachvollzug der Erlösungstat gefordert. Der Mensch dürfe sich, anders gesagt, nicht vollends auf das ihm zugerechnete Heil verlassen, sondern müsse selbst Anteil an seinem Schicksal nehmen. Eine Rückkehr zur Werkgerechtigkeit deutete sich hier unmittelbar an.

Bei einer derartig kontroversen Veröffentlichung verwundert es nicht, dass Glüsing nicht nur seinen eigenen Namen aus der Biblia Pentapla heraushielt, sondern auch über Unterstützer beharrlich schwieg. In der Forschung werden die fünffache Bibel und ihr Herausgeber regelmäßig in Verbindung mit dem Spiritualisten Johann Georg Gichtel (1638–1710) gebracht.[30] Durch eine intensive Korrespondenzaktivität hatte dieser seit dem späten 17. Jahrhundert eine verstreute Anhängerschaft gefunden, von der er als vermeintlicher Träger unmittelbaren göttlichen Offenbarungswissens verehrt wurde. Dass Glüsing an ihn dachte, als er von den „wahrhafftig bekehrete[n] treue[n] Zeugen“ im Hier und Jetzt schrieb, darf indes bezweifelt werden. Einzelne Aspekte wie etwa das auch von Gichtel vertretene überkonfessionelle Ideal könnten zwar auf eine Beeinflussung hinweisen, doch ist dies alles andere als gewiss. Ob Glüsing tatsächlich, wie es regelmäßig behauptet wird, mit Gichtel korrespondierte, ist fraglich.[31] Er pflegte einige Zeitlang Kontakt zu Gichtels Schüler Johann Wilhelm Überfeld (1659–1731), aber diese Beziehung stellte sich offenbar erst ein, als der erste Band der Biblia Pentapla schon erschienen war.[32] Ein „gichtelianisches“ Werk war die fünffache Bibel somit nicht.

Bei allen kirchenkritischen Andeutungen blieb Glüsings Werk offen für moderatere Lesarten. Dies lag nicht allein an seinem gekonnten Versteckspiel mit Namen und Einflüssen, sondern auch daran, dass viele Formulierungen bewusst mehrdeutig waren.[33] Bezeichnend ist ein anonymes Traktat, das einige Zeit später aus dem Umfeld Glüsings lanciert wurde, um die Biblia Pentapla gegen die von Berns und anderen erhobenen Vorwürfe zu verteidigen. Um die Konformität der fünffachen Bibel mit der herrschenden Lehre zu erweisen, bezog man darin etwa die Rede von den „bekehrete[n] treue[n] Zeugen“ auf Luther, die Verfasser des Augsburger Bekenntnisses und gegenwärtige Prediger, die das „wahre Wort GOttes predigen“, und auch gegen andere Vorwürfe wie denjenigen der Sektiererei setzte man sich energisch zur Wehr.[34] Berns wiederum beschuldigte man blinder Verfolgungswut und „heilig=Päbstischen Eyfer[s]“. Im Wandsbeker Prediger erkannten die Urheber des Traktats auch einen persönlichen Gegner: Als man Berns ein Jahr vorher über die Pläne für die Pentapla informiert habe, sei von ihm „nichts dawider eingewendet“ worden. Umso überraschender seien dann letztlich sein „Donnern und Blitzen von der Cantzel“ sowie seine „gantz unchristliche Schrifft“ gekommen.[35] In der Darstellung ihrer Verteidiger war die Biblia Pentapla ein im besten Sinne orthodoxes Werk, ihr Gegner aber ein scheinorthodoxer Heuchler.

Insgesamt ging es Glüsing und seinen Mitstreitern um die Restauration des ursprünglichen Christentums als überkonfessionelle Gemeinschaft der wahren Frommen. Der Vergleich unterschiedlicher Bibelübersetzungen war für sie ein Hilfsmittel, um einer korrumpierten Glaubenspraxis den Boden zu entziehen. Das Anliegen einer Rückkehr zu den Wurzeln machte die Biblia Pentapla zu einem wortwörtlich radikalen Projekt. Die fünffache Bibel wollte ihrem Anspruch nach jedoch nicht das Gründungsdokument einer neuen Gemeinschaft sein. Dazu wurde sie erst in den Schriften ihres Kritikers Michael Berns.

Michael Berns: Die Biblia Pentapla als religiöses Innovationsprojekt

Michael Berns wollte sich nicht vorwerfen lassen, nicht alles in seiner Macht Stehende versucht zu haben: Gleich als er auf die Arbeiten an der Biblia Pentapla aufmerksam geworden sei, so berichtete er es in der Vorrede seiner Endeckung, habe er den Verantwortlichen gegenüber seinen „Wiederwillen dargegen bezeuget“. Da dies „ohne Effect“ geblieben sei, habe er „öffentlich in der Kirche aus derselben ein Examen“ gehalten und den daraus sprechenden Irrglauben aufgedeckt. Doch nicht genug: Auch das große Publikum wollte gewarnt sein.

Berns, der in Gießen sowie in den Bastionen des traditionellen Luthertums Jena und Wittenberg Theologie studiert hatte, war zeit seines Lebens ein umtriebiger Polemiker, der gegen die großen philosophischen Entwürfe von Autoren wie Thomas Hobbes (1588–1679) oder Baruch de Spinoza (1632–1677) genauso zu Felde zog wie gegen vermeintliche Unruhestifter vor Ort.[36] Seine knapp 70 Seiten umfassende Endeckung veröffentlichte er, als gerade einmal der erste Band des Bibelwerks – die Schriften des Neuen Testaments – vorlag. Berns wusste indes bereits, was folgen sollte – Drucker und Herausgeber waren ihm aus seiner Predigertätigkeit persönlich bekannt[37] –, und so ging es ihm nicht zuletzt darum, die Fortsetzung des Drucks zu verhindern. Als er damit scheiterte, avancierte der Kampf gegen die Pentapla für ihn zu einer Lebensaufgabe. Noch in seinem letzten Werk, einer Gesamtschau religiöser Irrlehren unter dem Titel Das Cabinet der Pietisten, referierte er ausführlich auf die fünffache Bibel.

Im Kern ging es Berns darum, die Biblia Pentapla als Gründungsdokument einer neuerlichen Abspaltung von der Kirche, einer neuen Sekte darzustellen. Bereits der Titel seiner Schrift machte dies deutlich; die Urheber des Werkes bezeichnete er darin als „so genandte Neue Christen“. Mit dieser Bezeichnung knüpfte er an den „Kurtze[n] Begriff des Neuen Bundes“an, den er als eine Art sektiererisches Manifest verstand und in seinem Traktat entsprechend prominent diskutierte. Seine Interpretation fußte auf einer gravierenden Reinterpretation. Aus Glüsings Sicht hatten die knappen Ausführungen die Aufgabe, die Grundidee des Neuen Testaments zusammenzufassen: Beschrieben wurde darin der neue Bund, den Gott durch Christus geschlossen hatte und der an die Stelle des im Alten Testament bezeugten alten Bundes getreten war. Für Berns hingegen war der neue Bund dasjenige, was Glüsing und seine Mitstreiter gegründet hatten, eine neue Gemeinschaft in Opposition zur Kirche, wie sie in den Jahren zuvor scheinbar so zahlreich entstanden waren. Diese Umdeutung war die Grundlage seiner gesamten Argumentation.

Seinen Platz in den religiösen Kontroversen der Zeit fand der Konflikt insbesondere dadurch, dass Berns Glüsing zum Pietisten stilisierte.[38] In der Endeckung wurde dieser Vorwurf wohlgemerkt noch nicht offen artikuliert. Wohl um ein Einschreiten gegen die Veröffentlichung weiterer Bände des inkriminierten Werks umso dringlicher erscheinen zu lassen, beschrieb er die Pentapla als Manifest einer neuartigen, eigenständigen Sekte. Die Grundlehren der „neuen Christen“, die Berns im Hauptteil seines Traktats wiederum vorrangig anhand des „Begriff[s] des Neuen Bundes“ermittelte, mussten bei einem zeitgenössischen Publikum jedoch Assoziationen wecken. Besonders hervor hob der Pastor die kategorische Abgrenzung von altem und neuem Menschen sowie die Forderung nach aktiver Wiedergeburt als Erneuerung des sündlosen Urzustandes.[39] All dies waren Kernbegriffe antipietistischer Polemiken. Später wies Berns auf diese Übereinstimmungen auch explizit hin. Vor allem in seinem letzten Werk, dem Cabinet der Pietisten von 1724, präsentierte er Glüsings Veröffentlichung als Paradebeispiel pietistischer Umtriebe.[40] Die fünffache Bibel war dadurch klar als Teil einer größeren Bedrohung des Luthertums identifiziert.

Zuvorderst bezog sich Berns’ Separationsvorwurf auf Glüsings Umgang mit der Bibel. Einfallstor für sämtliche seiner widerchristlichen Innovationen sei der Gedanke unmittelbarer Offenbarungen, durch den das Schriftprinzip vermeintlich außer Kraft gesetzt werde. Selbst die abwegigsten eigenen Einfälle könnten so als göttliche Eingebungen dargestellt werden. Einen weiteren Angriffspunkt bildete Glüsings Art, den Schrifttext zu präsentieren. Immer wieder würden alternative Übersetzungsvorschläge angegeben, ohne dass deren Herkunft klar gemacht werde. Der ausufernde Verweis auf Parallelstellen vergrößere die Konfusion noch, und durch den Abdruck der neutestamentlichen Apokryphen würde der biblische Kanon in unzulässiger Weise erweitert. All dies belege ohne Zweifel, dass es den Urhebern der Pentapla nicht um exegetische Studien ginge, sondern um die Aufhebung der Heiligen Schrift als unumgängliche Autorität.[41]

Auch die Auswahl der einzelnen Bibeln wurde von Berns kritisiert. Sein Furor entzündete sich insbesondere an der Übertragung des Johann Heinrich Reitz sowie der für das Alte Testament angekündigten jüdischen Textfassung. Beiden warf er vor, „ex Socinianismo & Naturalismo hergeflossen“[42] zu sein, also im Sinne der italienischen Humanisten Lelio und Fausto Sozzini (1525–1562, 1539–1604) Trinität und Göttlichkeit Christi zu leugnen und ähnlich wie Spinoza eine Differenz zwischen Gott und Natur abzustreiten. Dass Reitzens 1703 erstveröffentlichtes Neues Testament in der Pentapla mit „Neue Übersetzung“ überschrieben war, konnte Berns als weiteren Beleg für den Abspaltungswillen der „neuen Christen“ werten. Den Umstand, dass die Pentapla eine katholische sowie drei reformierte Übersetzungen enthielt, berührte er in der Endeckung hingegen mit nahezu keiner Silbe. Erst ein Jahr später, in einer Schrift, die erneut gegen die Pentapla und die vermeintlichen neuen Christen austeilte, sich jedoch maßgeblich gegen Glüsings Bekannten Christian Anton Römeling (1675–1752) und dessen publizistische Ankündigung des Untergangs der Konfessionskirchen richtete, nahm er zu diesen Übertragungen explizit Stellung: Alles Gute an der Mainzer Bibel und an Piscators Übersetzung sei demnach „aus Lutheri Version entlehnet / und das übrige ist keines Hellers werth.“ Die „Holländische“ Übersetzung wolle er hingegen ausdrücklich „in ihren Würden“ lassen.[43] Bei aller Kritik bemühte sich Berns also um Differenzierung.

Selbst der interkonfessionelle Vergleich konnte aus Sicht des Pastors erkenntnisfördernd sein. In der erwähnten Schrift aus dem Jahr 1711 machte er darum einen bemerkenswerten Vorschlag: Als Gegenprojekt zur Biblia Pentapla wollte er selbst eine Biblia Sextupla, also eine sechsfache Bibel, veröffentlichen. Als neusprachliche Polyglotte sollte sie neben der Lutherbibel eine portugiesisch-jüdische Übertragung der hebräischen Bibel, die italienische Übersetzung des Giovanni Diodati (1576–1649), eine französisch-katholische, eine französisch-reformierte und schließlich eine englische Übertragung enthalten.[44] Es ging Berns also ausdrücklich nicht um die pauschale Verdammung des Übersetzungsvergleichs. Problematisch war die Pentapla aus seiner Sicht, da sie ausschließlich Übertragungen in einer Sprache bzw. Sprachfamilie enthielt. Dies machte sie auch für religiöse Laien verständlich und damit zu einem möglichen Quell von „Babel und Verwirrung.“ Für Berns hingegen war der Übersetzungsvergleich eine Domäne universitär gebildeter Theologen. Auch sein Werben um Mitstreiter bestätigt dies. Noch bevor er – letztlich vergeblich – die gelehrte Öffentlichkeit adressierte, versuchte er nach eigenem Bekunden den Theologen Glüsing für die Sextupla zu gewinnen.[45] Als dieser auf seinen Plänen für eine Pentapla beharrte, erkannte Berns in ihm einen Widersacher und begann mit seiner Serie publizistischer Angriffe. Die Frage nach der korrekten Art des Vergleichs wurde so zu einem theologischen Richtungsstreit.

Alles in allem wollte Berns also, wo es den Urhebern der Biblia Pentapla um Restauration ging, nur ein verfehltes Streben nach Innovation erkennen. Unter dem Deckmantel des Übersetzungsvergleichs würden Glüsing und die Seinen den Grundstein für eine Gemeinschaft von „neuen Christen“ legen. Die Einzelgruppe beglaubigte dadurch zugleich, dass auch der Pietismus insgesamt für nichts als „äusserste Confusion“ und den Zerfall in „unzählige Secten“ stünde.[46] In der Verteidigung der reinen lutherischen Lehre erkannte Berns wiederum seine eigene Aufgabe. Dies machte auch das Polemisieren gegen die Biblia Pentapla zu einer lebenslangen Mission.

Ausblick und Schluss

Am Ende seines Kampfes gegen die Biblia Pentapla hatte Berns nur eine gemischte Bilanz vorzuweisen. Den Abschluss des Glüsing’schen Publikationsprojektes hatte er nicht verhindern können. Und auch in der publizistischen Öffentlichkeit fielen die Reaktionen auf seine Endeckung eher verhalten aus. In der theologischen Zeitschrift Unschuldige Nachrichten, die für gewöhnlich gegen alles zu Felde zog, was auch nur im entferntesten nach Pietismus aussah, wurde Berns’ Werk zwar erwartungsgemäß wohlwollend besprochen,[47] aber selbst hier kam man nicht umhin, der Pentapla einen gewissen Nutzen zuzuerkennen: „Ubrigens“, so hieß es in der anonymen Rezension, „kan man diese fünfferley Ubersetzungen sonderlich darzu brauchen / wenn man mit Papisten / Reformirten / Libertinern und Neulingen sich zu besprechen hat / daß man aus ihren eigenen teutschen Bibeln mit ihnen disputiren und exceptionem falsi abwenden kan“.[48] Andere Rezensenten schlossen sich diesen Nützlichkeitserwägungen an, und so kam es, dass die Pentapla bei allen Warnungen vor dem Fanatismus ihres Urhebers auch Jahrzehnte später noch als theologisches Arbeitsinstrument empfohlen wurde.[49] Berns hingegen, der seine eigenen Pläne einer Biblia Sextupla nie realisieren konnte, geriet weitgehend in Vergessenheit.

Lektionen über die europäische Geschichte hält der Fall der Biblia Pentapla mindestens zwei bereit. Zum einen zeigt die Auseinandersetzung, wie sich in der religiösen Streitkultur der Frühen Neuzeit translokale Debatten mit lokalen Konflikten vermischten. Berns war ein theologischer Gegner der fünffachen Bibel und denunzierte das Werk publizistisch als eine Bedrohung des gesamten Christentums. Zugleich war er ein persönlicher Intimfeind Glüsings und Holles, der auch vor Ort gegen seine Kontrahenten mobilmachte. Die Urheber der Pentapla wiederum verstanden sich bestens darauf, die publizistische Klaviatur zu bedienen, um ihren Widersacher in ein schlechtes Licht zu rücken. Dem obrigkeitlichen Zugriff wussten sie sich durch den Umzug von Wandsbek nach Schiffbek, und damit in ein fremdes Hoheitsgebet, leicht zu entziehen. Das Europa der Biblia Pentapla war medial eng vernetz,t und zugleich prägten die Bedingungen politischer Kleinräumigkeit die großen Richtungskonflikte. Was in Wandsbek geschah, konnte so zu einem Fanal für das gesamte Christentum werden.

Zum anderen ergeben sich aus dem Konflikt Einsichten in die Reichweite, die Hintergründe, und Mechanismen religiöser Lagerbildungen im europäischen Protestantismus der Frühen Neuzeit. Zwischen Glüsing und Berns gab es unübersehbare Gemeinsamkeiten: Beide waren akademisch ausgebildete Theologen, die auf ihrem Werdegang in unterschiedliche Zentren des protestantischen Europas gekommen waren und im Zuge einer regen Publikationstätigkeit gelehrte Methoden für die Verwirklichung ihrer religiösen Ziele einsetzten. Beide hatten eine grundsätzlich positive Haltung zum überkonfessionellen Bibelvergleich, den sie als Instrument sahen, um den wahren Glauben zu sichern und zu verteidigen. Was sie voneinander trennte, war insbesondere ihre Stellung zur Amtskirche und ihre Haltung dazu, was zum biblischen Kanon zählte. Während der überkonfessionelle Schriftvergleich Glüsing zufolge grundsätzlich allen offenstehen sollte, die sich um eine Rückkehr zum wahren Glauben bemühten, war das Vergleichen für Berns ein Vorrecht der nicht nur dogmatisch, sondern auch philologisch gebildeten Theologen. In der polemischen Auseinandersetzung schreckte man nicht vor persönlichen Angriffen und Verzerrungen zurück. Dem jeweils anderen das Etikett des Pietisten bzw. des scheinorthodoxen Eiferers zu verleihen, war auf beiden Seiten Teil der rhetorischen Strategie. Die Historiographie hat derartige Etiketten im Widerspruch zum Selbstbild der historischen Akteure zu positiven Gruppenbegriffen umfunktioniert. Damit einhergehend wurde die Kohärenz protestantischer Lagerbildungen in der Frühen Neuzeit überbetont. Im Europa der Biblia Pentapla – dies sollte der vorliegende Essay gezeigt haben – sah man sich jedoch nicht als Parteienvertreter, sondern vielmehr als Repräsentant der einen, der wahrhaftigen und ursprünglichen Kirche. Neuerungen galten als Wurzel der Zwietracht und als Waffen, mit denen der religiösen Gegner die Einheit des Christentums gefährdete.



[1] Der Autor dankt der Gerda Henkel Stiftung für die finanzielle Unterstützung seiner Forschungen.Essay zur Quelle: Michael Berns, „Endeckung des Greuel Wesens“, Stellungnahme des Pastors zu Wandesbeck über die Biblia Pentapla (Hamburg, 1710), [Transkript, gekürzt], in: Themenportal Europäische Geschichte, 2023, URL: <https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-78326>.

[2] Michael Berns, Endeckung Des Greuel Wesens / Welches Die so genandte Neue Christen / Mit der biß dahin In Wandesbeck gedruckten Biblia Pentapla vorhaben / Allen rechtschaffenen Christen und geheiligten Seelen Zur Warnung und Verhütung auffgesetzet / Von Michael Berns / Past. zu Wandesbeck, Hamburg 1710, Vorrede (ohne Seitenangaben).

[3] [Johann Otto Glüsing (Hrsg.),] Biblia Pentapla, Das ist: Die Bücher der Heiligen Schrift Des Alten und Neuen Testaments / Nach Fünf-facher Deutscher Verdolmetschung [...], 3 Bde., Wandesbeck bey Hamburg / [Schiffbek] 1710–1712. Das Neue Testament wurde in einem, das Alte in zwei Bänden veröffentlicht; zur Biblia Pentapla siehe etwa Hans-Jürgen Schrader, Lesarten der Schrift. Die Biblia Pentapla und ihr Programm einer „herrlichen Harmonie Göttlichen Wortes“ in „Fünf-facher Deutscher Verdolmetschung“ [1996], in: ders., Literatur und Sprache des Pietismus. Ausgewählte Studien, hrsg. von Markus Matthias / Ulf-Michael Schneider, Göttingen 2019, S. 285–305; Hermann Patsch, Verstehen durch Vergleichen, in: Manfred Beetz / Giuseppe Cacciatore (Hrsg.), Die Biblia Pentapla von 1710–1712, Köln u.a. 2000, S. 113– 130; Douglas H. Shantz, Pietism as a Translation Movement, in: ders. (Hrsg.), A Companion to German Pietism, 1660–1800, Leiden 2014, S. 319–437.

[4] Glüsing begründete seine Auswahl im Vorbericht zum Neuen Testament mit dem hohen Bekanntheitsgrad der verschiedenen Bibeln (Glüsing, Biblia Pentapla, Bd. 1, Vor-Bericht). Zumindest die Aufnahme der Reitzschen Bibel lässt sich daneben auch inhaltlich begründen. Mehr dazu im folgenden Abschnitt. Für weiterführende Informationen zur Mainzer Bibel Marius Reiser, Die Mainzer Bibel von 1662 im Kontext der Übersetzungs- und Exegesegeschichte, in: ders.: Die Autorität der Heiligen Schrift im Wandel der Zeiten, Föhren-Linden 2016, S. 67–88; zur Piscatorbibel Bruce Gordon, German Bibles outside the Lutheran Movement, in: Euan Cameron (Hrsg.), The New Cambridge History of the Bible, Bd. 3: From 1450 to 1750, Cambridge 2016, S. 263–284, hier S. 280–283; zur Staatenbibel Dirk van Miert, The Emancipation of Biblical Philology in the Dutch Republic, 1590–1670, Oxford 2018, S. 78–102. Aus der schier endlosen Forschung zur Lutherbibel siehe etwa den Überblicksartikel von Euan Cameron, The Luther Bible, in: ders. (Hrsg.), Cambridge History of the Bible, S. 218–238.

[5] In hebräischen Buchstaben wurde diese Übersetzung bereits 1679 im Amsterdamer Verlag des Joseph Athias (um 1635–1700) erstveröffentlicht. Die Auseinandersetzung Glüsings und Berns’ mit dem Judentum muss im Folgenden weitgehend außen vor bleiben. Für weiterführende Informationen siehe Hans-Jürgen Schrader (Hrsg.), Sulamiths verheißene Wiederkehr. Hinweise zu Programm und Praxis der pietistischen Begegnung mit dem Judentum [1988], in: ders., Literatur und Sprache, S. 169–204.

[6] Vgl. etwa Johannes Wallmann, Der Pietismus, 2. Aufl. Göttingen 2019 (1. Aufl. 2005). Einführend zum Phänomen auch Wolfgang Breul (Hrsg.), Pietismus Handbuch, Tübingen 2021; Douglas H. Shantz, An Introduction to German Pietism. Protestant Renewal at the Dawn of Modern Europe, Baltimore 2013.

[7] Schrader, Lesarten, S. 291.

[8] Jonathan Sheehan, The Enlightenment Bible. Translation, Scholarship, Culture, Princeton u.a. 2005, hier S. 54–85.

[9] Schrader, Lesarten, S. 303.

[10] Dies bedeutete nicht, dass man – zumal in konkreten Konflikt- und Konkurrenzssituationen – nicht zwischen Freund und Feind unterschieden hätte, vgl. etwa zu den Unterstützern des Halleschen Theologen August Hermann Francke am preußischen Hof Benjamin Marschke, „Wir Halenser“. The Understanding of Insiders and Outsiders among Halle Pietists in Prussia under King Frederick William I (1713–1740), in: Jonathan Strom (Hrsg.), Pietism and Community in Europe and North America, 1650–1850, Leiden 2010, S. 81–93. Zu den Mechanismen des theologischen Streitens um 1700 siehe insbesondere Martin Gierl, Pietismus und Aufklärung. Theologische Polemik und die Kommunikationsreform der Wissenschaft am Ende des 17. Jahrhunderts, Göttingen 1997; Alexander Schunka, Fighting or Fostering Confessional Plurality? Ernst Salomon Cyprian and Lutheran Orthodoxy in the Early Eighteenth Century, in: Jesse Spohnholz et al. (Hrsg.), Archeologies of Confession. Writing the German Reformation 1517–2017. New York u.a. 2017, S. 151–172.

[11] Hierzu detailliert Christian Volkmar Witt, Lutherische „Orthodoxie“ als historisches Problem. Leitidee, Konstruktion und Gegenbegriff von Gottfried Arnold bis Ernst Troeltsch, Göttingen 2021.

[12] Vgl. zum Folgenden die begrifflichen Überlegungen von Veronika Albrecht-Birkner, „Reformation des Lebens“ und „Pietismus“ – Ein historiographischer Problemaufriss, in: dies. / Alexander Schunka (Hrsg.), Pietismus in Thüringen – Pietismus aus Thüringen. Religiöse Reform im Mitteldeutschland des 17. und 18. Jahrhunderts, Stuttgart, 2018, S. 21–47, bes. S. 21–29; Christian Volkmar Witt, Protestantische Kirchengeschichte der Frühen Neuzeit ohne ‚Orthodoxie‘? Kategoriale Beobachtungen zur Erkundung eines Forschungsproblems, in: Kerygma und Dogma 65 (2019), S. 47–67.

[13] Siehe aus dieser Kontroverse z.B. Johannes Wallmann: Pietismus – ein Epochenbegriff oder ein typologischer Begriff?, in: Pietismus und Neuzeit 30 (2004). S. 191–224.

[14] Den umfassendsten, wenn auch teils revisionsbedürftigen biographischen Überblick bietet nach wie vor Hans Haupt, Der Altonaer Sektierer Johann Otto Glüsing und sein Prozeß von 1725/26, in: Schriften des Vereins für Schleswig-Holsteinische Kirchengeschichte, 2. Reihe (Beiträge und Mitteilungen), Bd. 11 (1952), S. 136–163.

[15] Dass die Herrschaft über Wandsbek umstritten war, geht hervor aus der von Berns selbst verfassten Historia ecclesiae Wandesbecensis: Michael Berns [hier: Behrens], Historia ecclesiae Wandesbecensis, ediert durch Paul Eickhoff, in: Schriften des Vereins für schleswig-holsteinische Kirchengeschichte, 2. Reihe (Beiträge und Mitteilungen), Bd. 6 (1914–1917), S. 63–96; weiterführend Eckardt Opitz, Vor den Toren Hamburgs. Das adlige Gut Wandsbek in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Michael Hundt (Hrsg.), Geschichte als Verpflichtung. Hamburg, Reformation und Historiographie. Festschrift für Rainer Postel zum 60. Geburtstag, Hamburg 2001, S. 99–121.

[16] Dazu aus pressehistorischer Sicht etwa Holger Böning, Welteroberung durch ein neues Publikum. Die deutsche Presse und der Weg zur Aufklärung, Hamburg und Altona als Beispiel, Bremen 2002; ders., Periodische Presse. Kommunikation und Aufklärung. Hamburg und Altona als Beispiel, Bremen 2002.

[17] Dazu bereits mit weiterer Literatur Haupt, Glüsing, 150; Vgl. auch die Verlegerangaben der beiden ersten Bände der Pentapla: 1710 hieß es: „Gedruckt und verlegt durch Herman Heinrich Holle, Buchdr. in Wandesbeck bey Hamburg.“ 1711 hingegen: „[...] Hoch-Fürstl. Hollstein. Gottorff privilegirter Buchdrucker.“

[18] Für einen Überblick zu diesem Phänomen siehe Alastair Hamilton, In Search of the Most Perfect Text. The Early Modern Printed Polyglot Bibles from Alcalá (1510–1620) to Brian Walton (1654–1658), in: Cameron (Hrsg.), Cambridge History of the Bible, S. 138–156.

[19] Glüsing, Biblia Pentapla, Bd. 1, Vor-Bericht, ohne Seitenangaben.

[20] Gottfried Arnold, Die Erste Liebe Der Gemeinen Jesu Christi / Das ist / Wahre Abbildung Der Ersten Christen / Nach Ihren Lebendigen Glauben und Heiligen Leben [...], Franckfurt am Mayn 1696.

[21] Gottfried Arnold, Unparteyische Kirchen- und Ketzer-Historie [...], 2 Bde., Franckfurt am Mayn 1699–1700.

[22] Zu diesem Gedanken und seiner Verankerung im Protestantismus um 1700 siehe etwa Lucinda Martin, Noch eine „res publica literaria“? Die Briefe der unsichtbaren Kirche als diskursiver Raum, in: Aufklärung. Interdisziplinäres Jahrbuch zur Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte 28 (2017), S. 135–172.

[23] Glüsing, Biblia Pentapla, Bd. 1, Kurtzer Begriff des Neuen Bundes / welchen GOtt durch Jesum Christum mit uns Menschen gemachet / Wie er im Kupfer Titul zum weitern Nachdencken bildlich fürgestellet ist, ohne Seitenangaben.

[24] Zu dieser Methodik siehe Hans-Jürgen Schrader, „red-arten u[nd] worte behalten / die der Heil[ige] Geist gebrauchet“. Pietistische Bemühungen um die Bibelverdeutschung nach und neben Luther [2014], in: ders., Literatur und Sprache, S. 307–345, hier insbesondere S. 328–332; Sheehan, Enlightenment Bible, S. 64–73.

[25] Zu Arnolds Anteil detailliert Hermann Patsch, Arnoldiana in der Biblia Pentapla. Ein Beitrag zur Rezeption von Gottfried Arnolds Weisheits- und Väter-Übersetzung im radikalen Pietismus, in: Pietismus und Neuzeit 26 (2000), S. 94–116.

[26] Glüsing, Biblia Pentapla, Bd. 1, Vor-Bericht.

[27] Zum Phänomen siehe Volkhard Wels, Manifestationen des Geistes. Frömmigkeit, Spiritualismus und Dichtung in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2014.

[28] Zum Hintergrund Sheehan, Enlightenment Bible, S. 1–25.

[29] Glüsing, Biblia Pentapla, Bd. 1, Kurtzer Begriff des Neuen Bundes; zu diesem Konzept Hans-Jürgen Schrader, Vom Heiland im Herzen zum inneren Wort. ‚Poetische‘ Aspekte der pietistischen Christologie [1994], in: ders., Literatur und Sprache, S. 115–133.

[30] Z.B. Schrader, Biblia Pentapla, S. 293f.; Sheehan, Enlightenment Bible, S. 62.

[31] In der gedruckten Edition der Briefe Gichtels befinden sich zwei Schreiben an einen nicht namentlich genannten, an einer Stelle mit „G.“ abgekürzten Empfänger in Altona. Aira Võsa vermutet dahinter Glüsing. Ausweislich Gichtels persönlichem Schreibkalender handelt es sich jedoch um einen Altonaer Schustergesellen namens Henrich Garn; Johann Georg Gichtel, Theosophia Practica [...]. Bd. 6, Nr. 97, Nr. 126; Aira Võsa, Von der Tugend der Ehelosigkeit. Johann Georg Gichtels Einfluss auf August Gottlieb Spangenberg, in: Unitas Fratrum 61/62 (2009), S. 9–21, hier S. 17f.; Schreibkalender J. G. Gichtel, Oberlausitzische Bibliothek der Wissenschaften Görlitz (OLB), LA III 151, Einträge vom 12.8. und 3.9.1707.

[32] Der Kontakt entspann sich an der Jahreswende 1710/1711, vgl. etwa die Zusammenfassung der Schreibkalender Überfelds, OLB, LA III 161, Einträge zum 9. und 20.2.1711. Zu Überfeld siehe etwa Günther Bonheim, Johann Wilhelm Überfeld und die Gemeinschaft der Engelsbrüder und -schwestern, in: Theodor Harmsen (Hrsg.), Jacob Böhmes Weg in die Welt. Zur Geschichte der Handschriftensammlung, Übersetzungen und Editionen von Abraham Willemszon van Beyerland, Amsterdam 2007, S. 365–381.

[33] Vgl. dazu Andreas Pietsch / Barbara Stolberg-Rillinger (Hrsg.), Konfessionelle Ambiguität. Uneindeutigkeit und Verstellung als religiöse Praxis in der Frühen Neuzeit, Gütersloh 2013; Hillard von Thiessen, Das Zeitalter der Ambiguität. Vom Umgang mit Werten und Normen in der Frühen Neuzeit, Köln u.a. 2021.

[34] Anonym, Christlich-Historischer Discours, Von der ohnfehlbahren Wahrheit und fürtrefflichen Unschätzbarkeit Göttlichen Wortes Der Canonischen Schrifften In der Heiligen Bibel; Wie auch des Pabstthums Anfang und Fortgang, o.O., o.J., S. 56f. Die Herkunft der Schrift aus dem Umfeld Glüsings wird deutlich ebd., S. 46f.

[35] Ebd. S. 42f, S. 46.

[36] Für einen kurzen biographischen Überblick siehe Walther Rustmeier, Art. Berns (Bern; Berens; Behrens), Michael, in: Olaf Klose (Hrsg.), Schleswig-Holsteinisches Biographisches Lexikon 1 (1970), S. 71f.; zu seiner Auseinandersetzung mit Glüsing bereits knapp Shantz, Introduction, S. 216–218.

[37] Schon in der Vorrede seiner Endeckung ereiferte Berns sich darüber, dass für das Alte Testament geplant sei, „des verfluchten Juden / Athiae Version“ abzudrucken (Berns, Endeckung, Vorrede). Dass Berns entsprechend informiert war, geht auch hervor aus Anonym, Christlich-Historischer Discours, S. 46.

[38] Zum weiteren Kontext Gierl, Pietismus.

[39] Berns, Endeckung, S. 15–24.

[40] Berns, Das Cabinet der Pietisten / Worin enthalten: Ihre doppelte Rechtfertigung; Und daß die guten Wercke nöthig zur Seligkeit [...], Hamburg 1724, besonders die Vorrede, § 5f. sowie S. 8.

[41] Berns, Endeckung, Vorrede.

[42] Ebd.

[43] Michael Berns, Das Natürliche Licht des Verstandes In seinem Centralischen Wesen [...], Hamburg / Leipzig 1711, Vorrede, § 56. Römlings Schrift erschien unter dem Titel: Die Zerstörung Babels Von Mitternach und Morgen / Nebst der darauff erfolgenden Grossen Bekehrung der Juden / Türcken und Heyden [...] Entworffen von Christian Anton Römeling, o.O. 1710.

[44] Berns, Licht, Vorrede, § 5f.

[45] Ebd.

[46] Berns, Cabinet, S. 9.

[47] Unschuldige Nachrichten von Alten und Neuen Theologischen Sachen [...], Leipzig 1711, S. 127–136. Zu dieser Zeitschrift siehe z.B. Christopher Voigt-Goy, Valentin Ernst Loeschers ‚Unschuldige Nachrichten‘ als Institution im Konflikt zwischen Frühaufklärung und Pietismus, in: Zeitsprünge. Forschungen zur Frühen Neuzeit 15 (2011), S. 312–324.

[48] Unschuldige Nachrichten von Alten und Neuen Theologischen Sachen [...], Leipzig 1710, S. 615–618, hier S. 618.

[49] Neuer Bücher-Saal der Gelehrten Welt oder Ausführliche Nachrichten von allerhand Neuen Büchern und Andern Sachen / so zur neuesten Historie der Gelehrsamkeit gehören XXIII. Oeffnung, Leipzig 1713, S. 786–792, hier S. 790–792; Johann Melchior Goeze, Verzeichnis seiner Samlung seltener und merkwürdiger Bibeln in verschiedenen Sprachen mit kritischen und literarischen Anmerkungen, Halle 1777, S. 6f.



Literaturhinweise:

  • Euan Cameron (Hrsg.), The New Cambridge History of the Bible. . Bd. 3: From 1450 to 1750, Cambridge 2016.
  • Martin Gierl, Pietismus und Aufklärung. Theologische Polemik und die Kommunikationsreform der Wissenschaft am Ende des 17. Jahrhunderts, Göttingen 1997.
  • Jonathan Sheehan, The Enlightenment Bible. Translation, Scholarship, Culture, Princeton u.a. 2005.
  • William Reginald Ward, The Protestant Evangelical Awakening, Cambridge 1992.
  • Christian Volkmar Witt, Lutherische „Orthodoxie“ als historisches Problem. Leitidee, Konstruktion und Gegenbegriff von Gottfried Arnold bis Ernst Troeltsch, Göttingen 2021.

Quelle zum Essay
Rückkehr zu den Wurzeln oder religiöser Neuanfang? Der Streit über die Biblia Pentapla im lutherischen Protestantismus des frühen 18. Jahrhunderts
( 2023 )
Citation
Michael Berns, „Endeckung des Greuel Wesens“, Stellungnahme des Pastors zu Wandesbeck über die Biblia Pentapla (Hamburg, 1710), [Transkript, gekürzt], in: Themenportal Europäische Geschichte, 2023, <www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-78326>.
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