Artikel 1d (1) des Statuts der Beamten der Europäischen Union in der Fassung der VO (EG, Euratom) Nr. 723/2004 des Rates (22. März 2004)

Artikel 1d (1) des Statuts der Beamten der Europäischen Union in der Fassung der VO (EG, Euratom) Nr. 723/2004 des Rates (22. März 2004)[1]

Artikel 1 d

(1) Bei der Anwendung dieses Statuts ist jede Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder einer sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung verboten.


[1] Quelle zu dem Essay: Paweł Lewicki, Modern sein im Herzen Europas. Polyvalenzen der Europäisierung in den EU-Institutionen nach den Erweiterungen der EU 2004 und 2007, 2022, URL: <https://www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-129670>.


Modern sein im Herzen Europas. Polyvalenzen der Europäisierung in den EU-Institutionen nach den Erweiterungen der EU 2004 und 2007[1]

Von Paweł Lewicki

„Bei der Anwendung dieses Statuts ist jede Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Rasse, der Hautfarbe, der ethnischen oder sozialen Herkunft, der genetischen Merkmale, der Sprache, der Religion oder der Weltanschauung, der politischen oder einer sonstigen Anschauung, der Zugehörigkeit zu einer nationalen Minderheit, des Vermögens, der Geburt, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung verboten.“[2]

Dies ist der erste von insgesamt 142 Artikeln einer Verordnung der Europäischen Union (EU), die die Arbeit der BeamtInnen der EU-Institutionen reguliert. Es ist fast eine Präambel zu diesem Statut, was die Stellung der Antidiskriminierungspolitik innerhalb der EU-Verwaltung unterstreicht. Diese Verwaltung ist über ganz Europa verstreut, aber die meisten EU-Institutionen befinden sich in Brüssel, darunter die Kerninstitutionen, die direkt in den politischen Prozess involviert sind wie z.B. die EU-Kommission. In der EU-Kommission arbeiten Menschen aus allen EU-Mitgliedsstaaten sowie aus den Staaten des Europäischen Wirtschaftsraumes (European Free Trade Agreements, EFTA). Diese multinationale Zusammensetzung und die Aufgaben, die die europäischen Traktate der EU-Kommission zuweisen, setzen einerseits die kulturelle Vielfalt des BeamtInnenapparates voraus, andererseits machen sie aus der Kommission eine zentrale Institution, die in fast alle Entscheidungsprozesse innerhalb der EU involviert ist. Die kulturelle Vielfalt und die institutionell-politischen Kompetenzen bewirken, dass sowohl bei der Durchsetzung der politischen Ziele als auch beim Streben der Beschäftigten nach beruflichem Aufstieg im Verwaltungsapparat kulturelle Zuschreibungen und nationale Repräsentationen eine sehr große Rolle im Kampf um Einflussnahme spielen. Der oben zitierte Artikel des Statutes scheint nicht ohne Grund die Diskriminierung besonders breit aufzufassen und auf den Schutz vor jeglicher Ausgrenzung gerichtet zu sein.

Meine ethnografische Forschung in der EU-Kommission hat denn auch gezeigt, dass in alltäglichen Gesprächen mit EU-BeamtInnen durch die Oberfläche des offiziellen Toleranz -und Gleichstellungsdiskurses Meinungen und Aussagen durchsickern, die auf eine starke Hierarchisierung der als Container aufgefassten und stereotypisierten Kulturen hinweisen, die die BeamtInnen der unterschiedlichen Herkunft repräsentieren, gar – wie das oft intern zum Ausdruck gebracht wird – personifizieren sollen. Diese Stereotypisierungen und Essentialisierungen werden im politischen Kampf genutzt, um die Formen der politischen Entscheidungen und die Besetzung der wichtigen Posten innerhalb des BeamtInnenapparates zu beeinflussen. Im Rahmen meiner Untersuchung, die ich in den Jahren 2007 bis 2011 in der EU-Kommission durchgeführt habe, brachte eine Kluft zwischen dem offiziellen Diskurs des modernen, toleranten und rationalen Europa einerseits und den alltäglichen, wenig sichtbaren Praktiken der Stereotypisierung, Hierarchiebildung, der symbolischen Ausgrenzung und Diskriminierung anderseits zum Vorschein.

Die Diskurse, die durch und von dieser Institution produziert werden, sowie die Alltagspraktiken, die dort ausgeübt werden und die EU-Kommission prägen, lassen sich, wie ich meine, mit der Latourschen Konstitution der Moderne erfassren, in der sich „die Modernen“ öffentlich sehr „modern“ zeigen, weil sie eine strikte Trennung der Diskurse zu Natur, Politik und Religion behaupten und sich vehement von der Vergangenheit abschotten. Im Handeln und im Alltag mischen sie aber diese Entitäten auf eine weniger sichtbare Art und Weise, um ihren Status als „Moderne“ und um ihre symbolische Macht aufrecht zu erhalten.[3] In Interviews haben fast alle EU-BeamtInnen gesagt, dass die Arbeit in der EU-Kommission sie gelehrt hat, wie man Vorurteile vermeidet und abbaut. Gleichzeitig, in inoffiziellen und entspannteren Situationen – als mein Aufnahmegerät ausgeschaltet war, bei einem gemeinsamen Bier oder auf einer Party – waren diese sehr wohl präsent. Meine GesprächspartnerInnen wollten alle „modern sein“ und für tolerant und „europäisch“ gehalten werden, was sie aber in der Tat nicht waren. Solche Performanz kann in Anlehnung an Latour als eine Ambivalenz der Moderne betrachtet werden. Sie wird in der EU-Kommission und im EU-Brüssel nicht auf den ersten Blick sichtbar und entpuppt sich als dem Europäischen Projekt inhärent – wie die HerausgeberInnen in der Einleitung dieses Bandes argumentieren. Diese Ambivalenz genauer zu betrachten dient dem Zweck, den der Europäisierung innewohnenden normativen Charakter des Modernisierungsdiskurses, auch als trajectorism erkennbar[4], zu hinterfragen. Beim genauen Hinschauen wird klar, dass in der EU-Verwaltung, im Kern EU-Europas, die Stereotypisierungen, Essentialisierungen und die Hierarchisierung der Kulturen immer noch sehr präsent sind – eine weniger moderne Seite dieses Europa. Wie dies alltäglich und alltagspolitisch geschieht, möchte ich hier zeigen und darauf hinweisen, dass dieses moderne Europa sich auf unterschiedlichen Ebenen und Achsen in Distinktionen und Abgrenzungen im EU-Brüsseler Alltag etabliert, was ich als Polyvalenzen bezeichne. Die Ambivalenz, die der Latourschen Moderne inhärent ist, wird in Europäisierungsprozessen, in der Politikentwicklung und im Brüsseler Alltag als Machtinstrument benutzt, um die eigene, symbolisch überlegene und angeblich „europäischere“ Position zu bewahren. Dieses Machtinstrument ist aber polyvalent und ein Aspekt der wenig sichtbaren Seite der europäischen Moderne in Brüssel. Mit diesem Beitrag, in dem ich meine Forschung in den Brüsseler EU-Institutionen nach der EU-Erweiterung 2004/2007 und die darin beobachteten Ambivalenzen der Moderne vorstelle, möchte ich zur kritischen Europäisierungsforschung beitragen.

Dabei stütze ich meine Argumentation auf die schon erwähnte Auffassung der Moderne Bruno Latours, er nannte sie die Konstitution der Moderne. In ihr trennen „die Modernen“ die diskursiven Entitäten von Gott, Natur und Gesellschaft ständig und auf eine sichtbare Art und Weise voneinander, was er als „reinigen“ bezeichnet. Modern sind nur diejenigen, die zeigen können, dass sie Gott/Glaube, Natur/Wissenschaft und Politik/Gesellschaft nicht miteinander vermischen, sie voneinander reinigen: „Die Moderne geht aus der gemeinsamen Schöpfung aller drei – Menschen, andere Wesen, gesperrter Gott – hervor, sodann aus der Kaschierung dieser gemeinsamen Geburt und ihrer getrennten Behandlung. Unter der Oberfläche breiten sich jedoch die Mischwesen immer weiter aus, und zwar gerade als Folge der getrennten Behandlung.“[5] Diese Entitäten werden also im Verborgenen ständig vermischt, was den Modernen, die diese Vermischung unsichtbar unternehmen, einen symbolischen Machtvorsprung zusichert. Diejenigen jedoch, die dabei ertappt werden, diese Entitäten zu vermischen oder nicht zu reinigen, werden auf der Trajektorie der Moderne nach hinten verschoben – in dem Sinne, dass sie „noch nicht so weit“ und nicht modern genug seien. Latour schreibt: „Niemand ist wirklich modern, wenn er nicht bereit ist, Gott aus dem Spiel der Gesetze der Natur und der Republik zu entfernen.“[6] Diese Trennung muss allerdings sichtbar gemacht werden, die Mischung erfolgt heimlich und weniger sichtbar. „Die Modernen hatten zwar die politischen Kräfteverhältnisse von den wissenschaftlichen Begründungszusammenhängen getrennt, aber stets die Macht auf die Begründung und die Begründung auf die Macht gestützt. Dadurch hatten sie immer zwei Eisen im Feuer. Sie wurden unbesiegbar.“[7]

Die Latoursche Konstitution der Moderne geht aus seiner ethnografischen Forschung in einem naturwissenschaftlichen Forschungslabor hervor, in dem er untersucht hat, wie Wissen produziert wird. Dabei stellte er fest, dass dort nicht alles so rein abläuft, dass viele Praktiken nicht hinterfragt, aber auf eine bestimmte Art und Weise destilliert und nach außen präsentiert wurden. Was ich mit Latour zeigen möchte, ist, wie ähnlich ein Diskurs über das moderne, fortschrittliche und rationale Europa zwar nach außen produziert wird, wie aber die Praktiken unter EU-BeamtInnen in Brüssel davon abweichen. Insbesondere möchte ich durch meine ethnografischen Beobachtungen veranschaulichen, wie die europäische Moderne im Alltag ambivalent ist, wie Moderne und Konstitution der Moderne, wie Latour sie beschreibt, als Machtinstrument im alltagspolitischen Geschäft in der EU-Bürokratie eingesetzt werden, um die Vorherrschaft der „Modernen“ und „echten EuropäerInnen“ zu sichern. Diese Moderne wird in der EU-Kommission von allen erwartet, besonders aber von denen, die einen unklaren Status haben, die neu in die EU kommen und die angeblich die Trennung der Entitäten Natur, Kultur und Gott nicht beherrschen. Weil sie dies nicht können bzw. nicht geschickt genug tun, werden sie als „nicht-modern“ und damit „nicht europäisch genug“ betrachtet.

In meiner Argumentation ist mir jedoch auch die postkoloniale Wissenschaft behilflich, um zu zeigen, wie manche kulturelle Prozesse den Alltag im Herzen Europas bestimmen und wie tief die Mechanismen der Ausgrenzung im Europäisierungsprozess verwurzelt sind. Die postkoloniale Wissenschaft hat mehrfach gezeigt, wie der Kontakt mit dem kolonialisierten Anderen zur Etablierung einer zivilisatorischen Ideologie des ‚weißen Mannes‘ in einem historischen Prozess geführt hat und sich Europa somit immer wieder in seinem Anspruch als die Wiege der Aufklärung, der transzendenten Ratio, des technischen Fortschritts und der Menschenrechte positioniert hat.[8] Diese zivilisatorische Ideologie wird in dem in der Einleitung zu diesem Band erwähnten Konzept des trajectorism sichtbar, das ein immenses Machtinstrument in der Bildung kultureller Hierarchien ist, und das die Messung der Zivilisiertheit und Moderne in dem einzig denkbaren und durch Europa bestimmten Modernisierungsprozess möglich macht. Moderne ist aber auch in der Herstellung von symbolischen Grauzonen sichtbar, von denen man sich distinguieren und abgrenzen kann und soll, um die eigene „zivilisierte“ Identität zu bestätigen und zu bekräftigen.[9] Diese zivilisatorische Ideologie – als kulturelle Machtausübung – hat sich, wie Ann Laura Stoler zeigt, im Laufe der Zeit vom direkten kolonialen Kontext abgekoppelt und macht sich heute in sogenannten imperialen Formationen sichtbar, also in Machtmechanismen, die ständig darauf ausgerichtet sind, eine Differenz von all denjenigen zu produzieren, die als „Andere“ gelten.[10] Was ich hier zeigen möchte ist, dass sich diese Differenzierungs- und Distinktionsmechanismen mit dem Konzept der Latourschen Konstitution der Moderne beschreiben lassen. So wird sichtbar, wie all diejenigen, die angeblich nicht „reinigen“ können, als nicht modern und damit „nicht-ganz-Europäisch“ abgestempelt werden. Eine solche „Anwendung“ der Konstitution der Moderne führt dazu, dass in der EU-Kommission eine kulturelle Landschaft entsteht, die von einer formellen Inklusion, aber einer tatsächlichen Exklusion geprägt ist.

Der Blick auf den Alltag innerhalb der EU-Institutionen durch die Linse der postkolonialen Theorie zeigt zudem verschiedene Spannungsfelder und Spannungsachsen, die entlang der Kämpfe um die Bedeutung der unterschiedlichen (nationalen) Versionen der westlichen Moderne und den unterschiedlichen Versionen der Nicht-ganz-Moderne entstehen.[11] Damit wird der polyvalente Charakter der Distinktionsmechanismen, die der Moderne inhärent sind, sichtbar.

Ambivalenzen – oder eher Polyvalenzen?

Ambivalenz kann unterschiedlich verstanden werden. Zum einen setzt sie eine Dualität voraus – die eine und die andere Seite eines Phänomens. Sie kann aber auch Mehrdeutigkeit bedeuten. Ich möchte zeigen, dass Moderne und Europa zusammen eine relationale und unstabile Kategorie sind, ad hoc definiert werden und einen distinktiven bzw. hierarchiebildenden Charakter haben. So folge ich der These der HerausgeberInnen dieses Bands von der Unstabilität und Relationalität der Moderne. Dabei richte ich meinen Blick auf beide Seiten der Moderne, wie Latour sie versteht: die sichtbare und offene Seite, die Ordnung, Rationalität und Fortschritt verspricht – wie im Zitat aus dem Statut der BeamtInnen sichtbar wird. Ich schaue aber auch und vor allem auf die weniger sichtbare und inoffizielle Seite, die Schattenseiten[12], die in den Praktiken der EU-BeamtInnen sichtbar werden, wenn sie die Entitäten von Gott, Natur und Politik vermischen.

Die beiden Perspektiven, aus denen ich meinen Blick auf die Praktiken und Dynamiken innerhalb der erweiterten EU-Kommission richte, zeigen, dass Europäisierung nicht nur ambivalent ist. Die Ambivalenz der Europäisierung ist in Dynamiken der Hierarchiebildung und kulturellen Markierungen sichtbar, die unter Anwendung der Konstitution der Moderne vorangetrieben und die immer wieder auf eine neue Art und Weise gegenüber „Anderen“, „Nicht-Passenden“ angesetzt werden. So erhalten „Modern“ und „Europa“ immer wieder neue Bedeutungen und Signifikate, die im Alltag der EU-Bürokratie herangezogen werden, obwohl bei der Bedeutungsbildung gar nicht „modern“ gehandelt wird, weil man die Entitäten von Gott, Natur und Politik vermischt. Die Ambivalenz der Moderne, wie ich sie in der EU-Kommission beobachtet habe, ist also nicht nur zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, sondern bezieht sich auch auf die verschiedenen, variablen Signifikate und Markierungen der Moderne im Alltag, in Praktiken, die weniger sichtbar sind. Sie ist dynamisch, vielseitig und in unterschiedlichen Richtungen eingesetzt, um Hierarchie herzustellen und kulturelle Macht zu festigen oder zu erlangen. Damit ist Europa durch Mehrdeutigkeit gekennzeichnet, durch Instabilität und Situiertheit der Begriffe Europa und Moderne, was ich eher als polyvalent denn als ambivalent betrachte. Europäisierung ist komplex und facettenreich in ihrer Alltagsanwendung, weil sie Distinktionen und kulturelle Grenzen dynamisch, kontinuierlich und oft auf vielen Ebenen gleichzeitig aufbaut. In der Europäisierung gibt es mehrere Ambivalenzen (und Mehrdeutigkeiten), so wie die HerausgeberInnen in der Einleitung zu diesem Band bemerken. Diese Ambivalenzen, oder eher Polyvalenzen, werden in unterschiedlichen Positionen und Positionierungen sowie Versionen des „Europäischen“ und des „Nicht-Europäischen“ im Verhältnis zueinander und zu den „Anderen“ in der EU-Kommission und EU-Brüssel sichtbar, wobei jede dieser Positionen immer aufs Neue im EU-Alltag verhandelt wird, unter Anwendung der Merkmale, die auf unterschiedlichen Ebenen zu finden sind und deren Signifikate (signifié) sich ändern. Dabei werden jedoch oft die alten, gut bekannten Machtmechanismen und Trennlinien (wie z.B. religiös/säkular, Fortschritt/Rückständigkeit, zivilisiert/unzivilisiert) reproduziert.

Mein Vorschlag wäre also, sich die Polyvalenzen der Europäisierung aus der postkolonialen Perspektive anzuschauen und zu zeigen, wie das imperiale Erbe und die damit verbundene Europäisierung und Modernisierung nicht nur zwischen Europa und Nicht-Europa[13], sondern auch, wie Todorova betont, innerhalb Europas und in Grauzonen, in „Noch-nicht-ganz-Europa“[14] zu betrachten sind. Somit wird Europa nicht nur in Dichotomien zwischen Metropole und Kolonie emergent, sondern auch in vielfältigen, subtilen, konstanten und dynamischen Distinktionsbemühungen der Modernen, der „echten EuropäerInnen“, die gleichzeitig auf vielen Achsen und in Bezug auf verschiedene Zuschreibungen und damit verbundene Machtpositionen produziert werden. So möchte ich in diesem Beitrag zeigen, dass es gilt, nicht nur eine Ambivalenz zwischen Innen und Außen, bzw. die Ambivalenz als Dichotomie oder zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, Modernen und Nicht-ganz-Modernen, sondern in Polyvalenzen im Alltag zu betrachten, wo es mehrere Verflechtungen und Spannungen gleichzeitig gibt und unterschiedliche und fluide Kennzeichnungen, was europäisch und modern bedeutet, produziert werden. Denn Europa ist nicht nur durch eine Achse der Modernisierung und deren Ambivalenz entstanden, sondern vielmehr in und durch mehrere unterschiedlichen Ambivalenzen – in Polyvalenzen – gleichzeitig geschaffen, auch oder vielleicht vor allem in wenig sichtbaren Arenen.

Imperiale Formationen im Herzen der EU

In den Praktiken der EU-BeamtInnen werden nicht nur die Ambivalenzen der Latourschen Moderne sichtbar, auch sogenannte imperiale Formationen treten in Erscheinung, die sich im historisch kolonialen Kontext etabliert haben. Heute entpuppen sie sich durch subtile Markierungen derjenigen, die angeblich nicht modern sind, sowie in verschiedenen Hierarchisierungen, die gegen den gleichen Zugang zu Rechten wirken. Ich benutze hier den Begriff imperiale Formationen von Ann Laura Stoler[15], der beleuchten soll, wie imperiale Macht in wenig sichtbarer Form immer noch präsent ist und wie deren Wirkung die soziale und materielle Lebenswelt beeinflusst. Sie ermöglicht Hierarchisierungen und Markierungen und wirkt auf eine kaum greifbare Art und Weise gegen die im Statut der BeamtInnen eingeschriebenen Antidiskriminierungsklausel.

Das Konzept der imperialen Formationen zeigt auf, wie dieses Europa auch eine Folge der unterschiedlichen Spannungen ist: nicht nur der zwischen Imperien und ihren Kolonien, sondern auch zwischen Nationalstaaten in Europa selbst und zwischen Imperien und deren Nachbarn im Süden und Osten, Balkan und Mittel- und Osteuropa, oder sogar den USA oder Lateinamerika. Solche imperialen Formationen in ihrer lokalen Auslegung sind über die Jahre hinweg präsent gewesen und wurden in unterschiedlichen Transformationen der Europäischen Gemeinschaft (EG) und der EU und durch Erweiterungen verfestigt.

Die imperialen Formationen zusammen mit der Latourschen Konstitution der Moderne schärfen aber auch den Blick auf die kontinuierlichen, eher unsichtbaren und langgezogenen distinktions- und hierarchiebildenden Mechanismen, die subtil die alltäglichen und politischen Positionen und kulturellen Dynamiken innerhalb der EU-Bürokratie bestimmen und gegen das offenliegende und „moderne“ Antidiskriminierungsprinzip wirken. In einer Umwelt, durchdrungen von Netzwerken und komplizierten, oft intransparenten Prozeduren, trägt dies zur Ausgrenzung aus Handlungsspielräumen und dem Einfluss auf politische Entscheidungen bei.

Historische Positionen und Positionierungen: Polyvalenzen bei der Bestimmung, was Europa bedeuten soll

Wie postkoloniale TheoretikerInnen zeigen, war Moderne in der zweiten Phase der Kolonialisierung im 19. Jahrhundert ein wichtiger Antrieb der Selbstdefinition des Weiß- und Europäisch-seins, ein Marker der Zivilisiertheit. Jean und John Comaroff schreiben dazu:

„Whether the Enlightenment is seen as an epoch or an ‚attitude‘, as vested in Kantian critique or positivist science, in self-possessed subjectivity or civic democracy, in Arendt’s (1958, 4) ‚labouring society‘ or Marx’s capitalist mode of production, in the free market or liberal humanism – or in various ensembles of these things – the modern has its fons et origo in the West; this notwithstanding the fact in the West itself, the term has always been an object of contestation and ambivalence. Pace Cheikh Anta Diop (1955), the Senegalese polymath for whom civilization arose in Egypt thence to make its way northward, other ‚modernities‘ are taken to be either transplants or simulacra, their very mention marked by ironic scare quotes. The accomplishment of anything like the real thing, the Euro-original, is presumed, at best, to be deferred into a distant, almost unimaginable future – to which, as Fanon put it (1967, 121), if the colonized ever do arrive, it is ‚[t]oo late. Everything is [already] anticipated, thought out, demonstrated, made the most of.‘ To the degree that, from a Western perspective, the Global South is embraced by modernity at all, then, it is as an outside that requires translation, conversion, catch-up.“[16]

Das Zitat zeigt, wie vielfältig und flexibel Bezeichnung und Signifikate von Moderne sein können, wie Moderne einen kulturellen Machtmechanismus darstellt um sich von den angeblich Nicht-modernen zu distanzieren. Solche Dynamiken haben auch eine Geschichte in EU-Brüssel und sie wurden bei jeder Erweiterung sichtbar. Dabei sind unterschiedliche Kriterien des „Europäisch-seins“ in Verbindung mit „Moderne“ herangezogen worden. Früher waren es die Kriterien der „Zivilisiertheit“ – besonders bei Erweiterungen auf die südlichen Mitgliedsstaaten Griechenland, Spanien, Portugal.[17] Wie mir in einem Interview eine hochrangige Beamtin einer EU-Agentur erzählte, wurden „bei einem Dinner bei einem hochrangigen EG-Beamten […] Menschen aus Gründungsstaaten bzw. aus England eingeladen und nur eine oder zwei Personen aus Spanien, Portugal oder Griechenland“. Weiter erzählte sie mir, dass ein Direktor der EU-Kommission aus Holland mit Empörung reagierte, als er erfuhr, dass er bei einem Dinner neben einem Portugiesen platziert wurde. „Es war unerhört für ihn und er hat dem so eine Bedeutung gegeben, als ob man einen Bauern an den herrschaftlichen Tisch eingeladen hätte.“ Interessanterweise wurde in mehreren meiner Interviews Großbritannien implizit als Gründungsstaat eingestuft. Auf meine Frage bei einem Interview mit einem deutschen Referatsleiter in der EU-Kommission mit fast 30-jähriger Erfahrung, worauf man diese Einstufung begründen könnte, erzählte er mir, dass die Höhe der Beiträge zum EG/EU-Haushalt einschlägig wäre sowie die dichte Besetzung von hohen Ämtern in den Institutionen durch BürgerInnen aus Großbritannien. Großbritannien galt zur Zeit meiner Forschung als ein wichtiger bzw. Kern-Mitgliedsstaat, obwohl es nicht zu den Gründungsstaaten gehörte. Diese Einstufung hat – nach den Worten meines Interviewpartners – objektive Gründe (Höhe der Beiträge zum EU-Haushalt), aber auch ein – wie ich meine – koloniales und imperiales Erbe, das sich in dieser Kategorisierung fortsetzt. Dies zeigt deutlich die imperialen Formationen in der EU-Kommission. Und wenn man zudem in Betracht zieht, dass im selben Jahr (1973) die EG um Irland erweitert wurde und Irland intern bei Weitem nicht ein so hoher Status zugeschrieben wurde. Wie mir eine hochrangige Beamtin der Generaldirektion der EU-Kommission aus Irland sagte, hat Irland jahrelang daran gearbeitet, sein Image eines peripheren, landwirtschaftlichen und katholischen Landes zu verändern. Kaum war dies in den 2000er-Jahren, in denen Irland zu einem „europäischen Tiger“ aufgestiegen ist, gelungen, kam die Krise 2009, in deren Zuge Irland als ein PIGS[18]-Land ausgerufen wurde. Die Beamtin betonte, dass solche stereotypisierten Bilder das Leben in der EU-Verwaltung erschwerten. IrInnen hätten in der EU-Verwaltung starke Netzwerke ausgebildet – unter anderem, um diesem Bild entgegenzuwirken. Hier wird sichtbar, wie trajectorism am Werk ist, wie die Linie der Entwicklungen einen bestimmten Verlauf haben muss, um sich ein Bild und den Status eines „modernen“ Landes erarbeiten zu können, den man sich anscheinend auch in den Augen derjenigen, die Deutungsmacht besitzen und schon länger „drin“ und implizit „fortschrittlicher“ sind, erarbeiten muss. Ständig werde vor Augen geführt, dass es ein mehr oder weniger definiertes Ideal gibt, das ein nicht-modernes Mitglied in der Realität nie wirklich erreichen kann: der moderne europäische Kern. Diese Aussage über die Entwicklung des Irlandbildes machte die irische Beamtin auf meine Frage nach der Position und Haltung der neuen Mitgliedsländer im Jahr 2008. Damit gab sie zu verstehen, dass ein Land sich eine „Reputation“ erarbeiten müsse und dass dies ein „normaler“, wenngleich fragiler Prozess sei. Die Aussage weist darauf hin, was J. & J. Comaroff in obigem Zitat ausdrücken: Wenn „die Anderen“ in der Modernität ankommen, ist es immer zu spät. Sie können diesen Status nie vollständig erreichen, weil sich die Modernen schon wieder weiterentwickelt haben. Die EngländerInnen aber erhielten diesen Status fast selbstverständlich aufgrund ihres imperialen Erbes. Das irische Beispiel zeigt zudem, wie imperiale Hierarchien nicht nur ostwärts, sondern auch westwärts funktionieren und somit die Polyvalenzen der Europäisierung und Modernisierung im Brüsseler Alltag zeigen. Menschen aus einem Mitgliedsstaat, die als nicht-ganz-modern und nicht-ganz-europäisch gelten, erlangen auch weniger Gehör und sind – wie das Beispiel des Dinners zeigt – auch an bestimmten Orten nicht willkommen: dort, wo informell Interessen verhandelt werden.

Ich habe tatsächlich von vielen BeamtInnen gehört, manchmal nicht ohne Bewunderung und Respekt in der Stimme, dass Irland es geschafft hat, eigene Leute in vielen hohen Leitungspositionen zu platzieren und dichte Netzwerke auszubauen, die bei der Durchsetzung der nationalen Interessen helfen. Irland wurde – neben den Niederlanden – auch in Interviews mehrmals als ein Land bezeichnet, das „über sein Potential hinaus spiele“. Das heißt, im Vergleich zur Größe und der daraus resultierenden formellen Gewichtung in der Stimmenverteilung offenbart dies die Kompetenz Irlands, eigene Interessen sehr erfolgreich durchzusetzen. Einmal wurde mir bei einem informellen Gespräch eher als Anekdote erzählt, dass es eine irische Mafia in der EU-Kommission gebe. Wenn es also ein Land schafft, sich im allgemeinen Bewusstsein und in der Welt „da draußen“ von dem Bild eines „rückständigen“ Landes zu befreien, werden Geschichten von mafiösen Machenschaften in die Welt gesetzt, dass es angeblich klandestine, intransparente und damit nicht ganz moderne und legitime Methoden verfolgt, sich bei der Vertretung von Interessen durchzusetzen. In der Latourschen Leseweise wird den Nicht-ganz-Modernen also vorgeworfen, dass sie die objektive Ordnung mit kulturellen Spezifika vermischen. Mittels eines solchen Vorwurfes wird Irland automatisch wieder als nicht ganz modern und europäisch eingestuft – und dieses Mittel ist beliebig einsetzbar.

Diese Aussagen gewinnen noch mehr Bedeutung, wenn man beachtet, dass laut der offiziellen Beschäftigungspolitik BeamtInnen nach dem Prinzip der geografischen Balance eingestellt werden, was praktisch nationale Quoten in allen Institutionen der EU und auf allen Hierarchieebenen bedeutet. Diese Quoten betreffen auch den Aspekt Gender. Zumindest auf dem Papier gibt es eine „rationale“ und „faire“ Politik bezüglich der Frage[19], wie viele Menschen aus welchen Ländern auf welchen Positionen eingestellt werden dürfen. Das irische Beispiel zeigt jedoch, dass es nicht ganz so ist. Demzufolge gibt es Methoden, in der informellen Hierarchie aufzusteigen und darauf in der formellen Hierarchie befördert zu werden. Der Aufbau der informellen Hierarchie ist aber sehr unklar, und man kann schnell entweder heruntergestuft oder beschuldigt werden, sich intransparent – also nicht modern – zu verhalten.

Die Ambivalenz der europäischen Moderne wird auch auf einer weiteren Ebene sichtbar, nämlich dass die EU sich nach außen als rational präsentiert, nach innen jedoch Distinktionen und Aufteilungen aufgrund von imperialen Mechanismen sowie den alten Hierarchien und Trajektorien wirksam werden. Das Beispiel zeigt jedoch auch, wie subtil die Distinktionsmechanismen sind, welch unterschiedliche Faktoren Einfluss auf die kulturelle und moderne/europäische Position eines Landes haben und wie ambivalent Länder, die kein imperiales Erbe haben, erscheinen können. Imperiale Formationen tragen zur Aufrechterhaltung der alten Hierarchiebildungen bei, aber diese werden polyvalent, und damit subtiler, verdeckter und situativer hergestellt, weshalb man ihnen schwieriger entgegenwirken kann.

Die gleiche Beamtin aus Irland hat ebenfalls berichtet, dass der Status von osteuropäischen Ländern, die im Jahre 2004 der EU beigetreten sind, unklar ist, denn sie verhielten sich in vielerlei Hinsicht politisch so wie die nordischen Staaten, also „rational“ und „vernünftig“ (ihre Worte). Sie seien aber zugleich so arm wie die Staaten im Süden, namentlich Portugal und Griechenland. Deswegen sei ihr Status nicht so leicht bestimmbar. Auf die Nachfrage, was eine „vernünftige Politik“ sei, antwortete sie, dass dies die Abwägung der politischen Positionen gegen deren Durchsetzbarkeit bedeute und eine europäische Position in sich trage. Europäisch bedeute in der EU-Kommission eine Argumentation, die als nicht offen nationalistisch und egoistisch bezogen auf nationalstaatliche Interessen empfunden werde. Eine europäische Position dagegen gekennzeichnet, dass die eigenen, vom Nationalstaat vertretenen Interessen in einen europäischen Diskurs verpackt werden und damit rational wirken, weil sie sich direkt auf frühere europäische Politiken bzw. Gesetze beziehen, weil sie andere Länder mit einbeziehen und mit nachweisbaren Argumenten unterfüttert werden. „Rational“ bedeutet also in der EU-Politik, keine nationalistischen, als egoistisch empfundenen Argumente zu benutzen; national dagegen gilt als irrational und nicht modern.

Das heißt aber nicht, dass Nationalismus in einer anderen Form nicht existierte, wie ich im Weiteren zeigen werde. In diesen oben beschriebenen Repräsentationen von Nationalismus spiegelt sich nämlich die Latoursche Konstitution der Moderne wider. Denn wer „modern“ und damit offenbar „ausreichend europäisch“ ist, präsentiert sich nach außen als rational, ringt aber tatsächlich bei den Verhandlungen und der Politikentwicklung um die Interessen des (eigenen) Nationalstaates in Netzwerken, die nicht offen sichtbar sind. Wer diese Form politischen Agitierens nicht kennt, repräsentiert seine nationalen Interessen in einer direkten und unverpackten Form, was als rückständig und vor allem als nicht-europäisch interpretiert wird. Ein solches Vorgehen wird den Neuen als Nationalismus angekreidet, was sie dann zugleich als „nicht-europäisch“ einstuft. Damit werden die Interessen der Neuen oft als zu nationalistisch und ihre Stimme als nicht rational empfunden, weshalb sie nicht ernst genommen werden. Hier wird die Wirkung der Konstitution der Moderne und folglich der imperialen Formationen sichtbar: in dem Vorwurf, dass es bestimmten Akteuren an Rationalität und Moderne mangele sowie in der subtilen Ausgrenzung bzw. der Nichtbeachtung und Marginalisierung ihrer Interessen. Der polyvalente Charakter der Europäisierung kommt zum Vorschein, wenn distinktive Machtmechanismen der Moderne auf unterschiedlichen Ebenen angewendet werden: Nicht nur in der Netzwerkbildung und im Einfluss auf die Besetzung der höheren Ämter in der EU-Kommission, sondern auch in der Argumentation bei der Politikentwicklung: Man ist nach außen modern und verlangt das von anderen, aber in der Tat mischt man die Politik – und, wie ich gleich zeigen werde, vor allem nationale Interessen – mit objektiven Fakten. Auch die Argumentation in der Politikführung muss nach außen europäisch und damit rational sein, dass dies aber in der Realität nicht unbedingt so ist, zeige ich im Weiteren.

Ambivalenzen der Politikentwicklung

Die Wirkung der imperialen Formationen, also Diskurse und Praktiken der subtilen und kontinuierlichen Ausdifferenzierung und Hierarchisierung sowie der symbolischen Grenzbildung, werden durch die Anwendung der Konstitution der Moderne – im Latourschen Sinne – perpetuiert, wenn einerseits Purifikation/Reinigung und Trennung der Diskurse zu Natur, Politik und Gott erwartet, diese Entitäten aber im Versteckten vermischt werden, um die eigene Machtposition zu erhalten. Prozesse, die nach diesem Schema abliefen, habe ich in Brüssel beobachtet, als die Direktiven zu erneuerbaren Energien und zur Qualität von Kraftstoffen verhandelt wurden. Die Direktive zu erneuerbaren Energien war politisch brisant und für viele Lobbygruppen von großer Bedeutung, weil mit ihnen Kriterien für die nachhaltige Herstellung von Biokraftstoffen aufgestellt wurden. Dabei gingen die Interessen der beteiligten Verhandlungsparteien sehr auseinander, denn die meisten Lobbygruppen der Industrie (Ethanolindustrie, Biodieselhersteller, Landwirtschaft, Rohölindustrie, Automobilindustrie) waren daran interessiert, die Kriterien der Nachhaltigkeit zur Herstellung von Biokraftstoffen möglichst lax und niedrig zu halten. Die Nichtregierungsorganisationen (engl. NGOs) aus dem Bereich Umweltschutz und Ökologie sowie das EU-Parlament waren hingegen bemüht, diese Kriterien der Umwelt zuliebe streng zu gestalten. Bei den Verhandlungen hatte der zuständige Referatsleiter[20], der federführend die Verhandlungen führte und Beamter der Generaldirektion für Energie der EU-Kommission war, schnell die politischen Positionen der jeweiligen AkteurInnen erkannt. Er plädierte für schwache Kriterien für den Anbau von Pflanzen für Biokraftstoffe – im Wissen, dass eine solche Haltung der EU-Kommission eine rasche Verabschiedung der Direktive bedeutete. Ihm selbst versprach es Erfolg und Prestige, was seine berufliche Karriere in der EU-Kommission beschleunigen konnte. Die Gegenseite hatte dabei keine Chance: Obwohl die VertreterInnen der Umwelt-NGOs in Interviews erklärten, dass der Verhandlungsleiter mit Zahlen und Daten zur Bemessung des CO2-Ausstoßes bei der Herstellung der jeweiligen Biokraftstoffe getrickst hat und beklagten, dass er dem politischen Willen der starken Lobbygruppen nachgab; obwohl die Generaldirektion für Forschung (Joint Research Centre) der EU-Kommission in einem eigenen Bericht festgestellt hat, dass beide Direktiven in dieser Form keine nachhaltige Herstellung von Biokraftstoffen garantierten; obwohl Forschungsergebnisse und -expertisen die Biokraftstoffpolitik generell infrage stellten, weil sie im Rahmen der von der Mehrheit präferierten Konditionen im Endeffekt zur Erhöhung des CO2-Ausstoßes führen würde und obwohl die EU-Kommission im Entwicklungsprozess neuer Politiken zur Berücksichtigung der neuesten Expertise und des aktuellen Wissens verpflichtet ist[21], verließ sich der führende Referatsleiter auf seine Netzwerke und seine Kenntnis des politischen Umfeldes im Themenfeld Nachhaltigkeit und Energie. Er wollte die politischen Prozeduren, um die Direktive möglichst zügig durch den politischen Entscheidungsprozess zu bringen, kurz halten und setzte die Interessen der Mehrheit auf Kosten der Debatte und der Berücksichtigung wissenschaftlicher Expertise durch. Persönlich profitierte er, wie ich später erfahren habe, durch eine Beförderung.

Das Beispiel hat uns gezeigt, wie ein Referatsleiter unter Nutzung von Netzwerken und der Manipulation von Daten die diskursiven Entitäten der Politik und der „objektiven“ Natur zugunsten branchenspezifischer und eigener Interessen vermischte. Zugleich wird durch die Etablierung einer neuen Nachhaltigkeitspolitik nach außen der Anschein erweckt, die EU wäre modern – im Sinne „in die Zukunft schauend“ – und engagiere sich für die Umwelt und gegen Klimawandel. Tatsächlich führte diese Politik jedoch zur Ausweitung der sogenannten indirect land use change[22], was zur weiteren Zunahme des weltweiten CO2-Ausstoßes beiträgt. Die negativen Folgen der europäischen Entscheidungen werden hier nicht sichtbar – die tragen vor allem ehemals kolonialisierte Länder beispielsweise in Form der Rodung tropischen Waldbestandes. So kann sich die EU in Europa offiziell als nachhaltigkeitsorientiert präsentieren, obwohl ihre Politik global gesehen schädlich ist. Imperiale Dynamiken und koloniale Kontinuitäten kommen hier zum Vorschein, die symbolischen Distinktionen werden unter Anwendung der Latourschen Moderne auch gegenüber nicht-europäischen Ländern hergestellt. Nach innen ist Europa „modern“ und wird dank der Anwendung der Mechanismen der Konstitution der Moderne als fortschrittlich angesehen. Anderswo aber produziert Europa ruinierte Landschaften, in denen Menschen, Tiere und Pflanzen langfristig kaum noch überleben können. Die Nachhaltigkeitspolitik der EU, wie sie im Jahre 2009 verabschiedet wurde, wurde gekippt; im Jahr 2012 wurden aufgrund von rasant steigenden Preisen für Ernährungsmittel im Globalen Süden die Vorschriften der Direktiven verändert. Erneut zeigen sich hier die Polyvalenzen, also die unterschiedlichen Ebenen der kulturellen und politischen Machtausübung, die Europäisierung und Modernisierung mit sich bringen.

Die Latoursche Moderne als symbolisches Machtinstrument innerhalb der EU, das imperiale Formationen hervorbringt, wurde auch in den Verhandlungen der REACH-Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung, und Beschränkung von Chemikalien im Jahre 2007 sichtbar. Ein Mitarbeiter des EU-Parlaments, der die Verhandlungen aus der Nähe beobachtete, berichtete mir, dass der politische Druck aus der ständigen Vertretung Frankreichs und vieler französischer Abgeordneter des EU-Parlaments aus unterschiedlichen Parteien darauf abzielte, mit dieser Verordnung bestimmte, angeblich umweltschädliche und nach veralteten Methoden hergestellte Chemikalien, die in der Kosmetikindustrie verwendet werden, zu verbieten. Dabei fiel im Laufe der Verhandlungen auf, dass diese Chemikalien vor allem in der Kosmetikindustrie der neuen EU-Mitgliedsländer genutzt wurden, in denen die örtlichen Hersteller mit ihren Produkten immer noch den größten Anteil am Markt hatten. Wie mir mein Interviewpartner erklärte, „wussten alle, dass dahinter L’Oreal steht“ – also einer der größten Kosmetikhersteller der Welt, der für Frankreich eine ähnlich zentrale Marke ist wie Ikea für Schweden oder für Deutschland die Automarken – eine Marke, die ein bestimmtes nationales Bild und einen entsprechenden Lebensstil repräsentiert. Umweltschutz – auch hier ein Symbol der Zukunftsorientierung und Verantwortung – wird sichtbar, während er im Unsichtbaren als ökonomische Waffe genutzt wird, um sich Wettbewerbsvorteile auf den Märkten der neuen Mitgliedsländer zu verschaffen. Die „Modernen“ vermischen demzufolge wissenschaftliches Wissen sowie Zahlen und Daten mit Politik und Wirtschaft. Dabei versuchen sie, sich öffentlich als rational oder zumindest umweltfreundlich und damit zukunftsgewandt darzustellen. Das Beispiel zeigt, dass hinter verschlossenen Türen und in Netzwerken ökonomische und politische Argumente mit objektivem Wissen über Natur, hier konkret Chemikalien, vermischt werden, um ökonomische und politische Ziele zu erreichen. Die „Modernen“ sind nicht so modern und sind nie modern gewesen, wie es Latour ausdrückt. Das Beispiel zeigt auch, wie flexibel und polyvalent der Diskurs zur Moderne ist und neue Formen annimmt, um neue Ausschlusskriterien zu etablieren – hier etwa Umweltschutz und Verantwortung – um andere als „nicht-modern“ bzw. „nicht-verantwortlich“ zu markieren.

Fazit

Wie die oben angeführten Beispiele zeigen, wird, um Differenzen und Hierarchien herzustellen, im politischen Alltag in der EU-Kommission auf Verhaltensweisen und Strategien zurückgegriffen, die sich mithilfe des Modells der Latoursche Moderne enttarnen lassen. Es wird manchen „mangelnde Reinigung“ vorgeworfen, während man selber die Entitäten von Gesellschaft/Politik, Natur/Wissenschaft und Religion im Verborgenen vermischt. Eine solche kulturelle Dynamik zeigt die Relevanz der Kategorien modern, fortschrittlich und europäisch, die in einer Reihe von Situationen, wie Politikentwicklung oder Netzwerkbildung auftauchen, wenn Stereotypisierung und Essentialisierung der nationalen Kulturen vorgenommen werden. Die Herstellung der von mir beschriebenen Differenzen, macht die drei Kategorien soziokulturell relevant und greifbar. Die postkoloniale Wissenschaft hat gezeigt, dass die Anwendung von „Moderne“ eine lange Geschichte hat. Und ich zeige, wie die ambivalente Latoursche Konstitution der Moderne im Alltag der EU-Bürokratie angewendet wird und wie diese Anwendung den kolonialen Mechanismen der kulturellen Machtausübung ähneln. Es kann als imperiale Formationen bezeichnet werden, wenn kulturelle Mechanismen der Distinktion und des soziokulturellen Ausschlusses subtiler, differenzierter und nuancierter werden. Diese imperialen Formationen wirken auf der unsichtbaren Ebene, im Verborgenen, ähnlich wie Latour es beschreibt. Sie sind auch im subtilen Ausschluss aus sozialen Netzwerken präsent, der „natürlich“ passiert, wenn geopolitische Machtverhältnisse verfestigt werden. Bei der genaueren Betrachtung wird klar, dass eine solche Dynamik es den „Modernen“ ermöglicht, sich nach außen als modern zu präsentieren, de facto aber handeln sie unmodern, indem sie die Diskurse zu Natur/Wissenschaft, Kultur/Politik und Gott vermischen. Dies drückt sich in allseits präsenten Vorurteilen aus, obwohl die Modernen ständig von sich behaupten, dass sie frei davon und stattdessen besonders rational, europäisch und tolerant seien.

Die oben beschriebenen Prozesse finden auf unterschiedlichen symbolischen und alltäglichen Ebenen statt. Es werden Deutungen und Markierungen herangezogen, die darauf hinweisen, dass kulturell und symbolisch auf verschiedenen Achsen gleichzeitig gekämpft wird, was zur Herstellung von sich überlappenden Trennlinien, Hierarchien und Distinktionen führt. Daher möchte ich behaupten, dass es nicht nur eine Ambivalenz der Europäisierung und Modernisierung gibt, die eine – wie ich es verstehe – Dualität voraussetzt, sondern es sich vielmehr um eine Polyvalenz der Europäisierung handelt, die ständig Differenzen und Hierarchisierungen mit sich bringt, die „Europa“ und „Moderne“ symbolisch und kulturell auf unterschiedlichen Ebenen des Alltags und der symbolischen Ordnung immer auf der Siegesseite positioniert. Die „Anderen“ bzw. diejenigen, die sich in einer symbolischen Grauzone befinden, sind immer zu spät, wie J. & J. Comaroff andeuten.

Das anfangs angeführte Zitat aus dem Statut der BeamtInnen der EU-Institutionen ist demnach lediglich ein rhetorisches Manöver, das zwar das Problem der Diskriminierung anspricht, gleichzeitig aber jene Distinktions- und Ausgrenzungsmechanismen in die Unsichtbarkeit abdrängt[23], die im Alltag und auf eine subtile, vielschichtige Art und Weise ausgeübt werden. Diese Praktiken können nicht offen als Diskriminierung bezeichnet werden, weshalb dieses Zitat ein weiteres Beispiel der ambivalenten Moderne darstellt, die oberflächlich rational ist. Bei genauerem Hinsehen hat sich gezeigt, dass ständig die Ordnungen vermischt werden und dass es in den EU-Institutionen nicht so rational und modern zugeht. Eine solche Moderne führt zur Perpetuierung von imperialen Formationen, die gegen Gleichstellung, Demokratie und Mitbestimmung wirken und damit die grundlegenden Prinzipien der europäischen Einigung infrage stellen, wenn sie nicht zu deren massiver Delegitimierung führen.



[1] Essay zu der Quelle: Artikel 1d (1) des Statuts der Beamten der Europäischen Union in der Fassung der VO (EG, Euratom) Nr. 723/2004 des Rates (22. März 2004), in: Themenportal Europäische Geschichte, 2022, URL: <https://www.europa.clio-online.de/quelle/id/q63-76869>.

[2] Europäische Wirtschaftsgemeinschaft; Europäische Atomgemeinschaft, Artikel 1d des Statuts der Beamten und über die Beschäftigungsbedingungen für die sonstigen Bediensteten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft, in: EUR-Lex, URL: <https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:01962R0031-20160910&qid=1477295701335&from=DE> (02.07.2020). Im Folgenden beziehen sich alle Quellenzitate, soweit nicht anders vermerkt, auf die hier abgedruckte Quelle.

[3] Latour, Bruno, Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft; 1861), Frankfurt am Main 2017.

[4] Appadurai, Arjun, Thinking Beyond Trajectorism, in: Heinlein, Michael et al. (Hgg.), Futures of Modernity. Challenges for Cosmopolitical Thought and Practice (Sozialtheorie), Bielefeld 2012, S. 25–32.

[5] Latour, Wir sind nie modern gewesen, S. 22.

[6] Ebd., S. 47.

[7] Ebd., S. 53.

[8] Conrad, Sebastian; Randeria, Shalini; Römhild, Regina, Das Postkoloniale Europa. Verflochtene Genealogien der Gegenwart. Einleitung zur erweiterten Neuauflage, in: dies. (Hgg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2013, S. 9–31; Grosfoguel, Ramón, The Epistemic Decolonial Turn. Beyond Political Economy Paradigms, in: Cultural Studies 21 (2007), H. 2–3/6, S. 211–223; Randeria, Shalini, Geteilte Geschichte und verwobene Moderne, in: Rüsen, Jörn; Leitgeb, Hanna; Jegelka, Norbert (Hgg.), Zukunftsentwürfe. Ideen für eine Kultur der Veränderung, Frankfurt am Main 1999, S. 87–96.

[9] Todorova, Maria, Imagining the Balkans, Oxford 1997.

[10] Stoler, Ann Laura, Introduction, The Rot Remains. From Ruins to Ruination, in: dies. (Hg.), Imperial Debris. On Ruins and Ruination, Durham 2013, S. 1–38.

[11] Said, Edward W., Orientalism. Western Conceptions of the Orient, Middlesex 1995; Stoler, Ann Laura; Cooper, Frederick, Between Metropole and Colony. Rethinking a Research Agenda, in: dies. (Hgg.), Tensions of Empire. Colonial Cultures in a Bourgeois World, Berkeley 1997, S. 1–58; Todorova, Imagining the Balkans; Wolff, Larry, Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994.

[12] Bauman, Zygmunt, Liquid Modernity, Cambridge 2000.

[13] Beck, Ulrich; Grande, Edgar, Das kosmopolitische Europa. Gesellschaft und Politik in der zweiten Moderne (Suhrkamp Taschenbuch; 3873), Frankfurt am Main 2007.

[14] Todorova, Imagining the Balkans.

[15] Stoler, The Rot Remains.

[16] Comaroff, Jean; Comaroff, John L., Theory From the South. Or, How Euro-America is Evolving Toward Africa, in: Anthropological Forum 22 (2012), H. 2/3, S. 113–131, Kursivschrift und Klammer im Original.

[17] McDonald, Maryon, Trying To Be European in Brussels, in: Berliner Blätter 41 (2006), H. 2/2, S. 84–101.

[18] Portugal, Irland, Griechenland, Spanien – Länder, die die Bankenkrise im Jahre 2009 besonders hart getroffen hatte. Man bemerke die Übereinstimmung der Abkürzung „PIGS“ mit dem englischen Wort für Schweine.

[19] Ahmed, Sara, On Being Included. Racism and Diversity in Institutional Life, Durham 2012.

[20] Laut den EU-Traktaten hat die EU-Kommission die Gesetzesinitiative und begleitet aktiv den politischen Entscheidungsprozess.

[21] European Commission, The Collection and Use of Expertise by the Commission. Principles and Guidelines, in: EC 2002 COM 2002 713 final, Brüssel 2002.

[22] Indirect land use change (ILUC) beschreibt das Problem sich verlagernder Produktionsketten, wenn etwa der Konsum von pflanzlichem Öl im Lebensmittelbereich z.B. in Deutschland nicht von Rapsöl aus Deutschland gedeckt wird, weil dieser der Herstellung von bezuschussten Biokraftstoffen dient, sondern etwa durch Palmöl, dessen Herstellung wiederum in den Herkunftsländern ein zentraler Grund für massive Rodungen tropischer Wälder ist.

[23] Ahmed, On Being Included.


( 2024 )
Citation
Artikel 1d (1) des Statuts der Beamten der Europäischen Union in der Fassung der VO (EG, Euratom) Nr. 723/2004 des Rates (22. März 2004), in: Themenportal Europäische Geschichte, 2024, <www.europa.clio-online.de/searching/id/q63-76869>.
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