Krieg zwischen Gewaltmonopol, Privatisierung und Kommerz Niccolò Machiavelli oder die Rückkehr der Condottieri

Niccolò Machiavelli gilt als kühl argumentierender Begründer politischer Rationalität, die zweckorientiert und ohne moralische Schranken operiert. Ein skrupellos nach Macht strebender Herrscher erscheint insofern als ideale Ausgeburt des Machiavellismus. Daher sind wir es gewohnt, Machiavelli durch die Brille der polarisierten Rezeption seines „Fürsten“ zu sehen, also in schroffer Ablehnung eines Anti-Machiavel, in Anerkennung seines politikwissenschaftlichen Realismus oder in Seminaren für Manager. Aber die kritische Lektüre des Textes selbst, bei der wir den „Fürsten“ in seinen historischen Kontext einfügen, zeigt Niccolò Machiavelli nicht nur in anderem Licht. Vielmehr eröffnet sie dann auch die Möglichkeit des diachronen Vergleichs von gegenläufigen Entwicklungen, die wir einerseits der Vormoderne, andererseits der Postmoderne zuschreiben. [...]

Krieg zwischen Gewaltmonopol, Privatisierung und Kommerz. Niccolò Machiavelli oder die Rückkehr der Condottieri[1]

Von Heinrich Lang

I.

Niccolò Machiavelli gilt als kühl argumentierender Begründer politischer Rationalität, die zweckorientiert und ohne moralische Schranken operiert. Ein skrupellos nach Macht strebender Herrscher erscheint insofern als ideale Ausgeburt des Machiavellismus. Daher sind wir es gewohnt, Machiavelli durch die Brille der polarisierten Rezeption seines „Fürsten“ zu sehen, also in schroffer Ablehnung eines Anti-Machiavel, in Anerkennung seines politikwissenschaftlichen Realismus oder in Seminaren für Manager. Aber die kritische Lektüre des Textes selbst, bei der wir den „Fürsten“ in seinen historischen Kontext einfügen, zeigt Niccolò Machiavelli nicht nur in anderem Licht. Vielmehr eröffnet sie dann auch die Möglichkeit des diachronen Vergleichs von gegenläufigen Entwicklungen, die wir einerseits der Vormoderne, andererseits der Postmoderne zuschreiben.

Das Thema dieses Beitrags ist das 12. Kapitel des Principe Niccolò Machiavellis, worin der Politiker im erzwungenen Ruhestand die Kriegführung durch Söldnerkapitäne und ihre Kompanien beschreibt. Das Ziel dieser Analyse besteht in der Darstellung militärischer Außenpolitik und Gewaltausübung durch den Einsatz von condottieri an der Schwelle zur Neuzeit, um Machiavellis Argumente für die Gründe privatisierter Kriegführung und deren Verstaatlichung mit Prozessen der Entstaatlichung von Kriegsführung in der Gegenwart zu kontrastieren.

II.

Der Florentiner Niccolò Machiavelli verfasste sein „besonders einem neuen Fürsten [...] willkommen(es)“ Werk De principatibus 1513[2], nachdem er aufgrund des Regimewechsels in der Republik Florenz, der Rückkehr der Medici als Herrn der Stadt, seine Ämter verloren hatte. Der Fall der am Gottesstreiter Girolamo Savonarola ausgerichteten Regierung 1498 hatte den humanistisch geschulten Sohn eines Juristen an die Spitze der für die Verwaltung der Florentiner Provinzen zuständigen „zweiten“ Staatskanzlei gebracht: Seit dem Ende des Savonarola-Regiments übte Machiavelli seine Funktion aus, wurde schon bald zusätzlich mit den diplomatischen Korrespondenzen betraut und als Gesandter an den französischen Königshof, an die Kurie nach Rom und zu Kaiser Maximilian über die Alpen geschickt. Im Herbst 1502 und im folgenden Frühjahr verweilte er in der Romagna bei Cesare Borgia, von dessen machtpolitischen Fähigkeiten er sich nachhaltig beeindruckt zeigte. Der leibliche Sohn Rodrigo de Borjas, seit 1492 Papst Alexander VI., und in Mittelitalien als Feldherr-Fürst installierte Potentat sollte Machiavelli zum Modell des „neuen Fürsten“ gereichen.[3]

Die angestrebte Rückeroberung Pisas, das 1494 im Zuge der politischen Umwälzungen beim Einmarsch des französischen Königs Karl VIII. in Italien verloren wurde, war das prestigeträchtigste außenpolitische Vorhaben der Republik Florenz in der instabilen Phase der begonnen italienischen Kriege. Vom Gelingen dieses wegen des Seezuganges ökonomisch wichtigen Unterfangens hing jede Florentiner Regierung entscheidend ab. Die militärischen Auseinandersetzungen, die nach der Bestimmung des Patriziers Pier Soderini zum Staatsoberhaupt auf Lebenszeit 1502 abermals intensiviert wurden, drohten zu scheitern, weil sich der Einsatz namhafter Söldnerkapitäne wie Ercole Bentivoglio aus Bologna als untauglich erwies. Der Peruginer condottiero[4] Giampaolo Baglioni verließ 1505 das Dienstverhältnis mit Florenz und beschwor damit eine strategische Krise herauf.[5]

Pier Soderini griff in enger Zusammenarbeit mit seinem Staatskanzler die vom Savonarola-Anhänger und Staatssekretär Domenico Cecchi aufgebrachte Idee der milizia cittadina (= Bürgermiliz) auf. In Form von Hilfstruppen hatte die gente comandata (ein in der Landbevölkerung rekrutiertes Corps) bereits an vorherigen militärischen Operationen der Republik teilgenommen. Allerdings stieß das um dauerhafte Organisation und professionalisiertes Training erweiterte Anliegen bei weiten Teilen der politischen Führungsgruppe auf Opposition. Diese hatte ihrerseits Angst vor einer Armee aus bewaffneten Bauern des Umlandes, gleichzeitig befürchtete sie die Bildung einer Privatarmee Soderinis. Dennoch fand unter dem Eindruck des Versagens der Söldnerkapitäne im Krieg gegen Pisa am 15. Februar 1506 auf der Piazza vor dem Regierungspalast unter der Aufsicht Machiavellis, der mit der Rekrutierung der milizia beauftragt worden war, die erste, viel beachtete öffentliche Musterung statt.[6] Im Dezember 1506 dekretierte die Stadtregierung die Aufstellung der milizia. Der Gesetzestext stammte wesentlich aus der Feder Niccolò Machiavellis.[7] Es handelte sich um eine Art Reservistenarmee, die man im ländlichen Herrschaftsgebiet anwarb und deren Zahl Ende 1507 erst 5.000 Mann betrug (die geplante Sollstärke belief sich auf 10.000 Mann). Für die Schulung der vorwiegend aus Infanteristen bestehenden Kompanie gewann man den Spanier Don Michelotto (Don Michele di Don Giovanni de Corella aus Valencia), der vormals Kommandant unter Cesare Borgia gewesen war. Machiavelli fungierte als Kanzler des eigens eingerichteten Magistrats, den Nove ufficiali della ordinanza e della milizia.[8]

Das Schicksal der milizia war wechselhaft: Sie bildete als Bestandteil der Florentiner Armee bei der Belagerung Pisas 1507-9 das militärische Rückgrat der Aktionen, so dass Machiavelli, der wiederholt längere Zeit im Heerlager verbracht hatte, an den Verhandlungen zur Übergabe der Stadt im Frühjahr 1509 beteiligt wurde und Lob für seine Leistungen erntete. Im Sommer 1512 war Machiavelli mit der abermaligen Mobilisierung der milizia betraut, als ein Angriff der antifranzösischen Heiligen Liga auf die mit Frankreich verbündete Republik Florenz drohte. Das Söldnerheer des Vizekönigs Neapels und Frankreichfeindes, Ramón de Cardona, rieb die aufgrund divergierender Überlegungen zum Einsatz verstreuten toskanischen Streitkräfte ohne Probleme auf. Dem militärischen Scheitern der florentinischen Bündnispolitik folgte der Sturz Pier Soderinis, und mit ihm verlor Machiavelli seine politischen Funktionen, die er nicht wieder zurück erhalten sollte.

III.

Der „Fürst“ ist Niccolò Machiavellis erstes umfassenderes Werk nach seiner Verbannung ins Florentiner Umland. Die reflektierende Lektüre antiker Texte will ihn inspiriert haben, seine eigenen Erfahrungen und Einsichten schriftlich mitzuteilen. Schließlich widmete er das Buch nach einigen Korrekturen und der Umbenennung in Il principe dem gerade an die Schalthebel der Macht in Florenz gerückten Lorenzo de’ Medici – dem unglücklich agierenden Enkel Lorenzos des Prächtigen († 1492). Machiavelli erlebte die Drucklegung seines Fürstenratgebers (durch den Florentiner Bernardo di Giunta 1532) nicht mehr.[9]

Das 12. Kapitel des Principe „Von den Heeresarten und vom Söldnerwesen“ nimmt mit zwei weiteren Kapiteln zu militärischen Aspekten eine Art Scharnierfunktion ein zwischen einerseits den grundlegenden Erörterungen zu Fürstenherrschaften sowie der Frage, wie Fürsten an die Macht kommen respektive sich an ihr halten, und andererseits den Eigenschaften des regierenden Fürsten bzw. verschiedenen Herrschaftstechniken. Während das 13. Kapitel über die Hilfstruppen und gemischten Heere nur gedanklich an das vorhergehende anschließt und das 14. Kapitel die konkrete Bedeutung der militärischen Fähigkeiten für einen Fürsten bewertet, führt das hier diskutierte Stück in das Themenfeld militärischer Außenpolitik als spezielle Komponente fürstlichen Regierens ein.

Machiavelli wählt eine phänomenologische Darstellungsform, um Kriegführung durch Söldnerkapitäne zu charakterisieren. In drei Abschnitten legt er das Söldnerwesen dar: Zunächst kategorisiert er militärische Erscheinungsbilder und formuliert ein eigenes begriffliches Instrumentar. Dann exemplifiziert er an einigen Beispielen die Schlüsselfigur des condottiero. Schließlich erklärt er in einem systematischen Zugang die historischen Gründe für das Entstehen der Kriegführung durch Söldnerkapitäne und die Bedingungen des geschwächten italienischen Militärwesens in den Kriegen um 1500.

Machiavellis Ausgangspunkt ist das Axiom der kausalen Verschränkung der gesellschaftlich-staatlichen Verfasstheit (buone legge) mit gewalttätiger Außenpolitik (buone arme) als Fundamente staatlicher Existenz. Dabei räumt er der Qualität der Armee kritische Bedeutung gegenüber der Staatsverfassung ein, indem er die gute Konstitution eines Staates am guten Heer für erkennbar hält („[...] aber dort, wo ein gutes Heer ist, auch gute Gesetzte sein müssen [...]“). Markant ist Machiavellis Bestreben, Begriffen eine eigenwillige Semantik einzugeben: Er unterteilt in „eigene Bewaffnete“ (arme proprie), Söldner (arme mercenarie), Hilfstruppen (arme ausiliarie) und eine gemischte Form. Die eindeutige Bewertung dieser militärischen Systeme provoziert ein lineares Interpretationsmodell: Die Staaten hätten den Niedergang Italiens (la ruina di Italia), den Machiavelli seit dem Einmarsch des französischen Königs Karl VIII. 1494 klar vor Augen zu haben glaubt, selbst zu verantworten, weil sie ihr militärisches Agieren in Kriegsführung durch Söldnerheere transformiert hätten. Machiavelli charakterisiert Söldnertruppen in abfälligen Worten als „uneinig, herrschsüchtig, undiszipliniert und treulos“ – kurz: als schädlich.

Der Kern seiner Argumentation ist die Marktorientierung von Söldnerarmeen. Aus dem Finanzierungssystem der auf Söldner gestützten militärischen Politik resultiert die Abhängigkeit von ökonomischen Gesetzmäßigkeiten und Interessen sowie der eigenen Zahlungsfähigkeit. Die Schlüsselfigur des Söldnerwesens ist der Söldnerkapitän, dessen Typologie Machiavelli an abstrakten Begriffen entwickelt. Denn die charakteristische Motivation der condottieri bestünde im Streben nach eigener Größe (grandezza propria). Damit bezieht er sich auf die humanistisch-rhetorisch geprägte Umwertung des Kriegshandwerks zur Kriegskunst, die neben anderen Künsten ihren eigenen Rang einnimmt und die auf diese Weise die Glorifizierung der militärischen Karrieren ermöglichte.

Machiavelli schließt den ersten Abschnitt mit dem Verweis auf eine Strategie, durch die sich Fürsten und Republiken der Abhängigkeit von Söldnerkapitänen und ihren Söldnerkompanien entledigen könnten. Dabei entwirft er das Bild des Fürsten als autonomen und an Kampfhandlungen teilnehmenden Oberbefehlshaber (principe-capitano). An die Stadtrepubliken ergeht die Empfehlung, nur eigene Bürger als Befehlshaber und Waffentragende in den Krieg zu entsenden (mandare sua cittadini). Überdies immunisierten sich die Republiken mit der Selbstbewaffnung gegen die Usurpation des Staates durch Mitglieder der eigenen Elite. Diese Überlegungen wenden sich nicht nur gegen das Wiederaufleben des Medici-Regimes und artikulieren Machiavellis unbändige Skepsis gegenüber der politischen Führungsriege seiner Stadt, sondern verweisen auf die für Machiavelli wesentliche Verbindung ziviler mit militärischer Ordnung.[10]

Im zweiten Abschnitt fokussiert Niccolò Machiavelli historisch beispielhafte Fälle: Mit dem Verweis auf Philipp von Mazedonien, Francesco Sforza und seinen Vater Muzio Attendoli, John Hawkwood, Braccio da Montone und Paolo Vitelli zitiert er erfolgreiche, ebenso geachtete wie gefürchtete Heerführer, die durch Siege ihre Auftraggeber in prekäre Situationen manövrierten. Das szenographische Zentralelement bei der Schilderung der Kriegsführung durch Söldnerkapitäne ist die Erfahrung des Frontenwechsels eines siegreichen condottiero. In den Augen Machiavellis erscheint Francesco Sforza (1400-1466) als Musterbeispiel, weil er klug zwischen dem Visconti-Herzogtum von Mailand und der Seerepublik Venedig taktiert und schließlich selbst zum Herzog von Mailand aufstiegt. Daran anschließend vollzieht Machiavelli einen Perspektivwechsel zum Standpunkt des Auftraggebers, indem er seine historische Argumentationslinie mit Venedig exemplifiziert. Mit der Wendung auf das Festland habe die Serenissima bei ihrer Kriegführung das italienische Söldnerwesen adaptiert. Die „venezianischen“ Kriege, in die sich die Seerepublik nach 1507 verwickelt hatte, brachten die Lagunenstadt an den Rand des Untergangs, weil sie sich mit Söldnertruppen nicht effektiv zu verteidigen vermochte, so Machiavelli.[11]

Im letzten Abschnitt des 12. Kapitels setzt Machiavelli neu an und fasst den Aufstieg der condottieri systematisch zusammen: Das Fehlen einer bindungsfähigen Zentralmacht ließ in Italien die Herrschaft der Signorien vom Hochmittelalter an entstehen. Fortschreitende Professionalisierung des Kriegswesens auf der von Regionalmächten dominierten Apenninen-Halbinsel bedingte die Übertragung militärischer Außenpolitik in die Hände der Söldnerkapitäne, die zu Beginn des 15. Jahrhunderts zum entscheidenden Machtfaktor geworden waren. Allerdings hätte sich ihre taktisch und rechtlich ritualisierte Form des Kriegführens den Eroberungszügen der spanischen bzw. französischen Könige gegenüber als schwach erwiesen. Machiavelli führt ökonomische Zusammenhänge als strukturelle Ursache für diese Entwicklung, deren taktisches Symptom die Abwertung der Infanterie gewesen wäre, an: Er entwickelt hier den condottiero als Gewaltunternehmer. Ohne eigenen Staat (stato) mit dem Einkommen von Grund- und Boden hätten die Söldnerkapitäne nicht über die ökonomischen Ressourcen verfügt, um zahlenstarke Infanterieheere zu unterhalten. Durch die Anwerbung von Kavalleriekompanien als unternehmerischer Grundlage konnten sie auf agrarische Eigenwirtschaft verzichten und setzten ihre Reiterarmeen unter ökonomischem Primat ein. Die condottieri entwickelten durch die Teilhabe an symbolischem Kapital – die Integration in die gesellschaftliche Ehrenökonomie – ein Instrument zur Sinnstiftung für ihre Verhaltensmuster.[12]

Diese scharfsinnige genetisch-historische Begründungslogik spiegelt nicht nur den geschichtlichen Zusammenhang der Kriegführung vor ihrer umfassenden Verstaatlichung in stehende und kasernierte Heere, sondern sie liefert mit der Konzeption des Gewaltmarktes auch die theoretische Grundlage für die Analyse des globalen Systems von Krieg und Frieden zu Beginn des 21. Jahrhunderts, vor allem für die Staatszerfallskriege an Europas Rändern, in Afrika und in Teilen Asiens.[13] Machiavelli baut auf seinem Erklärungsmodell die Lösungsstrategie und deren einst angestrebte Umsetzung mit der Aufstellung der Florentiner milizia nach 1506 auf. Machiavellis Konzept der arme proprie zeigt sich in der Rekrutierung eigener Bürger, von Untertanen und nach Kompetenzen ausgewählter Generäle, um der Einsicht, die bewaffneten Männer der milizia müssten ohne ökonomische Eigeninteressen am Krieg teilnehmen und nur dem Ruhme der Gemeinschaft dienen, gerecht zu werden. Diese Überlegungen hatte Machiavelli in seinem Gesetzesentwurf für die milizia 1506 vorformuliert und rechtfertigte sie erneut im ersten Teil seines Buches „Über die Kriegskunst“. Die anti-elitäre Stoßrichtung der Wideraufwertung dieser im eigenen Staat verwurzelten Infanterie ist unerbittlich: Sie sieht eine politische und soziale Reform des Staates vor, wobei die machtpolitischen Instrumente der gesamten Bevölkerung des Gemeinwesens verliehen werden sollten.

Die grundlegende Bedeutung dieses Kapitels für die Lehre Niccolò Machiavellis zeigt sich in der axiomatischen Behandlung des Zusammenhangs von staatlicher Verfassung (Gesetzen) und der Organisation militärischer Außenpolitik als Ausweis der Konstitution eines Staates. Dies führt dazu, dass der ehemalige Staatskanzler Fürsten und Republiken gleichermaßen behandelt, wodurch das 12. Kapitel aus dem Rahmen des Fürstenratgebers fällt. Insbesondere der eingehende Verweis auf die Republik Venedig belegt dies und stellt zudem eine abwehrende Replik auf Reformdebatten, in denen die Florentiner die venezianische Verfassung als Modell diskutierten, dar.

IV.

Ob es die Sprengkraft dieses Kapitels war, die die Indexierung des Principe durch Papst Paul IV. Caraffa nach sich zog, darf bezweifelt werden. Im Zentrum der Anfeindungen standen die vermeintlich verruchten Prinzipien der Machtpolitik, gegen die sich insbesondere jesuitische Polemik im späteren 16. Jahrhundert wandte. Daher verhängte man 1559 ein Druckverbot, was die Rezeption des Traktates allerdings nicht verhinderte.[14] Vorher schon verfasste der Jurist Claudio Tolomei aus Siena 1536 den an Franz I. von Frankreich adressierten Traktat Discorso intorno alle cose della guerra, worin er etwa auf das 12. Kapitel des Principe Bezug nimmt, wenn er die Bemühungen Karls VIII. um militia propria lobt und diese Verfahrensweise dem aktuellen König empfiehlt. Allerdings rezipiert Tolomei vor allem Machiavellis analytische Methodik und würdigt wesentlich die Ordonnance Franz’ I. zur Einrichtung der légions als französische Infanterie.[15] Allerdings wird insgesamt innerhalb der Machiavelli-Rezeption die militärische Komponente des Prinicpe kaum eingehend debattiert oder um originelle Überlegungen bereichert.[16] Symptomatisch für die auf die Diskussion der Entkopplung von Macht und Moral beschränkte Wahrnehmung des „Fürsten“ ist der detaillierte Anti-Machiavel von Voltaire: In dieser zunächst unter dem Titel La Ligue von 1723 publizierte Schrift bewertet er das 12. Kapitel aus der Zentralperspektive des Staatsoberhauptes und knüpft den Einsatz von „Einheimischen“ im Krieg an die demographische, geographische sowie wirtschaftliche Konstitution eines Staates.[17]

Indes zeigt die unvoreingenommene Lektüre des „Fürsten“, wie sehr es sich um ein Buch handelt, das historische Prozesse reflektiert, politische Situationen und staatliche Strukturen analysiert. Insbesondere das hier vorgestellte 12. Kapitel verweist auf den Konnex von wirtschaftlichen Konjunkturen und Organisationsstrukturen militärischen Handelns. Johannes Burckhardt hat eine Theorie vorgeschlagen, mit der er die in der europäischen Geschichte dominierende Bellizität der Frühen Neuzeit zu erklären versucht. Burckhardt nimmt die Zentralperspektive staatlicher Entwicklung ein: Die fortwährenden Kriege in der italienischen Staatenwelt des 15. und 16. Jahrhunderts wie auch Zentraleuropas bis ins 18. Jahrhundert lassen sich somit als Phänomenologie von Staatsbildungskriegen begreifen. Die Genese staatlicher Institutionalisierung und das unausgereifte Staatensystem Europas hätten permanent Anlass zu gewaltsam ausgetragenen Konflikten gegeben.[18] Demgegenüber erklärt die vom Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler aufgegriffene Konzeption des Gewaltmarktes die ebenso dauerhaften wie schwelenden Kriege im frühneuzeitlichen Europa nicht nur mit einem Mangel an staatlichen Strukturen, sondern auch mit ökonomischen Zusammenhängen. Der Begriff des Gewaltmarktes stammt vom Ethnologen Georg Elwert, der die anhaltenden und unüberschaubaren gewaltsamen Konflikte in Westafrika verstehen wollte. Elwert führt die Low Intensity Wars auf die Vermarktung von Gewaltanwendung und die aufsaugende Integration leicht liquidierbarer Güter (zumeist Rohstoffe) in einen Wirtschaftskreislauf innerhalb eines „staatsfreien“ Vakuums zurück. Der Zyklus scheinbar permanenter gewaltsamer Auseinandersetzungen folgt dabei dem wirtschaftlichen Konjunkturverlauf dieses parasitären Marktgeschehens.[19] Münklers Absicht besteht darin, die Kriegsführung durch condottieri an den ‚Neuen Kriegen‘ des 21. Jahrhunderts zu spiegeln, um die diffuse Phänomenologie der Low Intensity Wars durch das Zurückweichen von Staatlichkeit anschaulich zu machen.

Beide Theorien zur Erklärung des unausgesetzten Kriegsgeschehens im Europa der Frühen Neuzeit sind in Machiavellis 12. Kapitel des Principe aufgehoben. Denn der ehemalige Florentiner Staatskanzler liefert ein wirtschaftlich-politisches Entwicklungsmodell für den Einsatz „privatisierter“ militärischer Mittel. Vor dessen Hintergrund bemüht er sich um eine politische Analyse der Kriegführung durch Gewaltunternehmer. Aber Machiavelli argumentiert auf breiterer Grundlage: Mit seinem Verweis auf die Motivation der condottieri, selbst Ruhm und Größe erwerben zu wollen, zeigt sich überdies die anthropologische Konditionierung von politischen Erklärungsmustern. Die bei Johannes Burckhardt sowie Herfried Münkler weitgehend ausgeblendete Bedeutung sozialen und symbolischen Kapitals charakterisiert im Sinne Machiavellis die Handlungslogik der beteiligten Söldnerkapitäne und Fürsten. Die Darstellung der eigenen Ehre und die Dynastiebildung auf der Grundlage von Reichtum sowie erworbenem Ruhm unterstreicht das motivierende Potential von Habitus und sozialer Geltung für Gewaltunternehmer, Söldnerkapitäne und Fürsten.

Mit Blick auf die global verstreuten Staatszerfallskriege des 21. Jahrhunderts zeigt sich die Deutungskraft dieses 12. Kapitel des „Fürsten“: Machiavellis Ansatz verfügt über den argumentativen Vorteil, von ökonomischen, demographischen, sozialen und kulturellen Strukturfaktoren ausgehen zu können, statt Defizite einer Modernisierungstendenz oder akephale gesellschaftliche Rahmenbedingungen unterstellen zu müssen. Damit gibt er Anlass, die Entwicklung der zunehmend privatisierten (dem Outsourcing ausgesetzten) Kriegsführung einem genetisch orientierten, komplexen Entwicklungsmodell zu unterwerfen.[20] Ob natürlich die von Machiavelli bevorzugte Form militärischer Außenpolitik einen Gewinn an Stabilität und Freiheit – welche Machiavelli selbst für die entscheidenden Prosperitätsbedingungen hält – erzeugt, kann bezweifelt werden.



[1] Essay zur Quelle: Machiavelli, Niccolò: Von den Heeresarten und vom Söldnerwesen (1513).

[2] Machiavelli, Niccolò, Historische Fragmente. Komödien. Briefe, hg.. von Floerke, Paul, München 1925: 21. Brief an Francesco Vettori vom 10. Dezember 1513.

[3] Inglese, Giorgio, Machiavelli, Niccolò, in: Dizionario Biografico degli Italiani 67 (2006), S. 81-97.

[4] Ein condottiero ist der Nehmer einer condotta („Dienstvertrag“), der mit einem eigenen Kontingent an Söldnern und / oder Reitern in den Dienst eines Auftraggebers trat und sich gegen eine entsprechende Besoldung für einen vereinbarten Zeitraum zu unterschiedlichen militärischen Leistungen verpflichtete.

[5] Najemy, John M., A History of Florence, 1200-1575, London 2006, S. 411ff.

[6] Dieser Eindruck beherrscht auch die Beratungsprotokolle der Sonderkommissionen für die Florentiner Stadtregierung, in denen sich Meinungstendenzen und Entscheidungsfindung der politischen Elite wiederspiegeln: Fachard, Denis (Hg.), Consulte e pratiche 1505-1512 (Université de Lausanne. Publications de la faculté des lettres; 29), Genf 1988, S. 64-71 (September / Oktober 1505); zur Musterung und der Einrichtung der milizia die Zeitgenossen: Cerretani, Bartolomeo, Ricordi, hg. von Berti, Giuliana, Florenz 1993, S. 118-120; Landucci, Luca, Diario Fiorentino dal 1450 al 1516, Florenz 1969, S. 273; Guicciardini, Francesco, Storie Fiorentine dal 1378 al 1508, hg. von Palmarocchi, Roberto, Bari 1931, S. 281f.

[7] Machiavelli, Niccolò, Provvisioni della repubblica di Firenze per istruire il magistrato de’ nove ufficiali dell’Ordinanza e Milizia fiorentina, dettate da Niccolò Machiavelli, in: Tutte le opere, hg. von Martelli, Mario, Florenz 1992, S. 40-47.

[8] Zur Errichtung der milizia bis zur Rückeroberung Pisas sowie Machiavellis persönliche Beteiligung: Hörnqvist, Mikael, Perché non si usa allegare i Romani: Machiavelli and the Florentine Militia of 1506, in: Renaissance Quarterly 55 (2002), S. 148-191, hier: S. 151-164.

[9] Buck, August, Machiavelli (Erträge der Forschung; 226), Darmstadt 1985; Skinner, Quentin, Machiavelli zur Einführung, 4. Aufl., Hamburg 2004, S. 34-74.

[10] Lukes, Timothy J., Martialing Machiavelli: Reassessing the Military Reflections, in: The Journal of Politics 66 (2004), S. 1089-1108; Mallett, Michael, The Theory and Practice of Warfare in Machiavelli's republic, in: Bock, Gisela; Skinner, Quentin; Viroli, Maurizio (Hgg.), Machiavelli and Republicanism, Cambridge 1990, S. 173-180, hier S. 179; Lang, Heinrich, Der „zivile“ Krieg. Ordnungskonzepte zwischen städtischer Gesellschaft und Söldnerführern im Italien der Renaissance, in: Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit 10 (2006), S. 220-240.

[11] Mallett, Michael; Hale, John, The Military Organisation of a Renaissance State. Venice c. 1400 to 1617, Cambridge 1984.

[12] Mallett, Michael, Mercenaries and their Masters. Warfare in Renaissance Italy, London 1974; Ders., I condottieri nelle guerre d’Italia, in: Del Treppo, Mario (Hg.), Condottieri e uomini d’arme nell’Italia del Rinascimento (Europa Mediterranea. Quaderni; 18), Neapel 2001, S. 347-360.

[13] Münkler, Herfried, Die neuen Kriege, Reinbek bei Hamburg 2002; Heinrich Lang, Rezension zu: Münkler, Herfried, Über den Krieg. Stationen der Kriegsgeschichte im Spiegel ihrer theoretischen Reflexion, Frankfurt am Main 2002. Bewertung der Ansätze Münklers aus Sicht der Geschichte der Frühen Neuzeit, in: Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit 7 (2003), S. 216-233.

[14] Bertelli, Sergio; Innocenti, Piero, Bibliografia Machiavelliana, Verona 1979, S. XXVIIIff; S. XLIff; S. 46ff.

[15] Zwierlein, Cornel, Discorso und Lex Dei. Die Entstehung neuer Denkrahmen im 16. Jahrhundert und die Wahrnehmung der französischen Religionskriege in Italien und Deutschland (Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; 74), Göttingen 2006, S. 143.

[16] Berger Waldenegg, Georg Christoph, Krieg und Expansion bei Machiavelli. Überlegungen zu einem vernachlässigten Kapitel seiner ‚politischen Theorie‘, in: Historische Zeitschrift 271 (2000), S. 1-55; Lukes, Martialing Machiavelli, S. 1089-1093.

[17] Anti-Machiavel, oder Versuch einer Critik über Nic. Machiavels Regierungskunst eines Fürsten. Nach des Herrn von Voltaire Ausgabe ins Deutsche übersetzt: wobey aber die verschiedenen Lesarten und Abweichungen der ersten Haagischen, und aller anderen Auflagen, angefüget worden, Frankfurt und Leipzig 1745, S.279-286.

[18] Burkhardt, Johannes, Die Friedlosigkeit der Frühen Neuzeit. Grundlegung einer Theorie der Bellizität, in: Zeitschrift für Historische Forschung 33 (1997), S. 509-574; Vgl. Reinhard, Wolfgang: Geschichte der Staatsgewalt. Eine vergleichende Verfassungsgeschichte Europas von den Anfängen bis zur Gegenwart. München 1999.

[19] Elwert, Georg, Gewaltmärkte. Beobachtungen zur Zweckrationalität der Gewalt, in: von Throta, Trutz (Hg.), Soziologie der Gewalt (Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderhefte), Opladen 1997, S. 86-101.

[20] Vgl. Wulf, Herbert, Internationalisierung und Privatisierung von Krieg und Frieden (BICC/DCAF Schriften zu Sicherheitssektor und Konversion; 11), Baden-Baden 2005.

Literaturhinweise:
  • Buck, August, Machiavelli (Erträge der Forschung; 226), Darmstadt 1985
  • Hörnqvist, Mikael, Perché non si usa allegare i Romani: Machiavelli and the Florentine Militia of 1506, in: Renaissance Quarterly 55 (2002), S. 148-191.
  • Inglese, Giorgio, Machiavelli, Niccolò, in: Dizionario Biografico degli Italiani 67 (2006), S. 81-97.
  • Lukes, Timothy J., Martialing Machiavelli: Reassessing the Military Reflections, in: The Journal of Politics 66 (2004), S. 1089-1108.
  • Mallett, Michael, The Theory and Practice of Warfare in Machiavelli’s republic, in: Bock, Gisela; Skinner, Quentin; Viroli, Maurizio (Hgg.), Machiavelli and Republicanism, Cambridge 1990, S. 173-180.
  • Skinner, Quentin, Machiavelli zur Einführung, 4. Aufl., Hamburg 2004.

Machiavelli, Niccolò: Von den Heeresarten und vom Söldnerwesen (1513)[1]

Nachdem ich im einzelnen alle Eigenschaften jener Fürstenherrschaften erörtert habe, über die zu sprechen ich mir eingangs vorgenommen hatte, und ein gut Teil der Gründe für ihr Wohlergehen und ihren Verfall dargestellt sowie die Mittel aufgewiesen habe, mit denen viele sie zu erwerben und zu behaupten suchten, bleibt mir nur noch übrig, im allgemeinen über Angriffs- und Verteidigungsmöglichkeiten zu sprechen, in die jede der vorgenannten Fürstenherrschaften geraten kann. Wir haben oben gesagt, daß ein Fürst gute Grundlagen haben muß; sonst geht er notwendig unter. Die hauptsächlichen Grundlagen, die alle Staaten brauchen – sowohl die neugegründeten wie die altererbten oder die aus diesem gemischten – sind gute Gesetze und ein gutes Heer. Und da es keine gute Gesetze geben kann, wo es kein gutes Heer gibt, aber dort, wo ein gutes Heer ist, auch gute Gesetze sein müssen, will ich die Erörterung der Gesetze übergehen und nur vom Heerwesen sprechen.

Ich behaupte also, daß das Herr, mit dem ein Fürst seinen Staat verteidigt, entweder aus seinen eigenen Leuten besteht oder aus Söldnern oder Hilfstruppen, oder aus den letzteren gemischt. Söldner und Hilfstruppen sind nutzlos und gefährlich. Wer nämlich seine Herrschaft auf Söldner stützt, wird niemals einen festen und sicheren Stand haben; denn sie sind uneinig, herrschsüchtig, undiszipliniert und treulos; mutig unter Freunden und feige vor dem Feind; ohne Furcht vor Gott und ohne Treue gegenüber den Menschen; du schiebst deinen Untergang nur so lange auf, wie du den Angriff aufschiebst; im Frieden wird du von ihnen ausgeplündert und im Krieg vom Feind. Die Ursache dafür ist, daß sie kein anderes Verlangen und keinen anderen Grund haben, der sie im Felde hielte, als das bißchen Sold, das nicht ausreicht, um sie für dich den Tod suchen zu lassen. Sie wollen zwar deine Soldaten sein, solange du keinen Krieg führst; wenn aber der Krieg kommt, möchten sie fliehen oder sich absetzen. Dies zu beweisen, dürfte kaum Mühe kosten, denn der jetzige Niedergang Italiens hat keine andere Ursache, als daß es sich viele Jahre lang auf Söldnerheere verlassen hat. Sie haben wohl dem einen oder anderen zu einigem Erfolg verholfen und schienen tapfer, solange sie gegeneinander antraten; als jedoch fremde Truppen kamen, zeigten sie, was sie tatsächlich wert waren; so konnte König Karl von Frankreich Italien mit einem Stück Kreide erobern. Und wenn einer gesagt hat, unsere Sünden seien daran schuld gewesen, so hat er die Wahrheit gesagt; bloß waren es nicht die Sünden, die er meinte, sondern diejenigen, welche ich aufgezählt habe; und da es die Sünden der Fürsten waren, haben diese auch die Strafe dafür erlitten.

Ich will noch deutlicher zeigen, welches Unheil diese Heeresart mit sich bringt. Die Führer der Söldnerheere sind entweder hervorragende Männer der Kriegskunst oder sie sind es nicht: wenn sie es sind, so kannst du ihnen nicht trauen, denn sie werden immer nach eigener Macht streben, indem sie dich, ihren Herrn, bezwingen oder andere gegen deine Absicht unterwerfen; ist ein Heerführer aber nicht tüchtig, so richtet er dich auf die übliche Weise zugrunde. Hielte man mir entgegen, daß jeder so handeln würde, der Truppen unter sich hat, ob Söldner oder nicht, so würde ich erwidern, wie Truppen entweder im Dienst eines Fürsten oder im Dienst einer Republik einzusetzen sind: der Fürst muß persönlich auftreten und die Stelle des Heerführers einnehmen; die Republik muß eigene Bürger entsenden; und wenn sie einen entsendet, der sich nicht als tüchtig erweist, muß sie ihn austauschen; ist er aber tüchtig, so muß sie ihm mit Gesetzen im Zaum halten, damit er seine Befugnisse nicht überschreitet. Auch weiß man aus Erfahrung, daß Fürsten als alleinige Befehlshaber und bewaffnete Republiken überragenden Erfolge erzielen, während die Söldnerheere immer nur Schaden anrichten; zudem gerät eine mit eigenem Heer ausgestattete Republik viel schwerer in die Gewalt eines ihrer Mitbürger als eine mit fremden Truppen ausgestattete Republik.

So waren Rom und Sparta viele Jahrhunderte lang bewaffnet und blieben frei. Und die Schweizer sind besonders wehrhaft und in höchstem Maße frei. Ein Beispiel für das antike Söldnerwesen liefern die Karthager; diese waren nach dem ersten Krieg gegen die Römer nahe daran, von ihren Söldnern überwältigt zu werden, obwohl sie zu deren Führern eigene Mitbürger ernannt hatten. Philipp von Mazedonien wurde von den Thebanern nach dem Tod des Epaminondas zum Führer ihrer Truppen bestellt, und nach dem Sieg raubte er ihnen die Freiheit. Die Mailänder nahmen, nachdem Herzog Philipp gestorben war, Francesco Sforza gegen die Venezianer in Sold; nachdem dieser die Feinde bei Caravaggio besiegt hatte, verbündete er sich mit ihnen, um die Mailänder, seine Herren, zu überwältigen. Sein Vater Sforza, der im Sold der Königin Johanna von Neapel stand, ließ diese auf einmal wehrlos zurück; um ihr Königreich nicht zu verlieren, war sie gezwungen, sich in die Obhut des Königs von Aragon zu begeben. Wenn hingegen die Venezianer und die Florentiner bisher ihre Herrschaft mit solchen Heeren ausgedehnt haben und ihre Feldherren sich dennoch nicht zu Fürsten aufgeworfen, sondern sie verteidigt haben, so halte ich dem entgegen, daß die Florentiner in diesem Fall vom Schicksal begünstigt worden sind; denn von den tüchtigen Feldherren, die sie Grund gehabt hatten zu fürchten, habe einige nicht gesiegt, andere sind auf Widerstand gestoßen und wieder andere haben ihren Ehrgeiz neuen Zielen zugewandt. Einer, der keinen Sieg erfochten hat, war Johann Aucut, dessen Treue man daher auch nicht erproben konnte; aber jeder wird zugeben, daß die Florentiner, wenn er gesiegt hätte, in seiner Gewalt gewesen wären. Sforza hatte immer die Truppen des Braccio zu Gegnern, so daß beide sich wechselseitig in Schach hielten. Francesco richtete seinen Ehrgeiz auf die Lombardei, Braccio auf den Kirchenstaat und das Königreich Neapel. Aber kommen wir zu den Begebenheiten, die sich erst vor kurzem zugetragen haben. Die Florentiner machten Paolo Vitelli zu ihrem Feldherrn, einen äußerst klugen Mann, der aus einfachen Verhältnissen zu besonders hohen Ansehen gelangt war. Wenn dieser Pisa bezwungen hätte, könnte niemand leugnen, daß die Florentiner ihn hätten behalten müssen; wäre er nämlich bei ihren Feinden in Sold getreten, so hätte es für sie keine Rettung mehr gegeben; hätten sie ihn aber behalten, so hätten sie ihn auch gehorchen müssen. Wenn man die Erfolge der Venezianer betrachtet, so bemerkt man, daß ihr Vorgehen sicher und glorreich war, solange sie selbst im Krieg gekämpft haben (dies war der Fall, bevor sie ihre Unternehmungen gegen das Festland richteten); damals schlugen sich ihre Edelleute und das bewaffnete Volk mit außergewöhnlicher Tapferkeit. Als sie aber begannen, auf dem Festland Krieg zu führen, gaben sie diese Tugend auf und folgten den italienischen Kriegsgewohnheiten. Zu Beginn ihrer Expansion auf dem Festland hatten sie aufgrund ihres geringen Besitzes dort und ihres hohen Ansehens nicht viel von ihren Söldnerführern zu befürchten; als sie sich aber weiter ausdehnten, was unter Carmagnola geschah, bekamen sie ihren Fehler zu spüren; wie sie nämlich einerseits seine außergewöhnliche Tüchtigkeit kannten – hatten sie unter seiner Führung den Herzog von Mailand besiegt –, so erfuhren sie andererseits, daß sein Kampfesmut nun abgekühlt war; daraus zogen sie den Schluß, weder mit ihm weiter siegen zu können, da er es nicht wollte, noch ihn entlassen zu können, um nicht wieder zu verlieren, was sie erobert hatten; so waren sie gezwungen, sich dadurch gegen ihn zu sichern, daß sie ihn umbrachten. Danach ernannten sie zu ihren Söldnerführern Bartolomeo von Bergamo, Ruberto von San Severino, den Grafen von Pitigliano und ähnliche mehr; bei diesen hatten sie nur Niederlagen und keine Siege zu fürchten, wie es dann bei Vailà geschah, wo sie an einem Tag all das verloren, was sie in achthundert Jahren unter so großen Mühen erobert hatten. Denn solche Truppen verdanken sich nur langsame, späte und kraftlose Eroberungen, aber plötzliche und außerordentliche Verluste. Da ich mit diesen Beispielen in Italien angelangt bin, das seit so vielen Jahren vom Söldnerwesen beherrscht wird, will ich meine Betrachtungen darüber von einem erhöhten Standpunkt aus anstellen, damit man seinen Ursprung und seine Entwicklung überblickt und dadurch um so bessere Abhilfe schaffen kann.

Ihr müßt euch also bewußt machen, daß Italien in vielerlei Staaten zerfiel, als in jüngerer Zeit die Herrschaft des Kaisers aus Italien verdrängt zu werden begann, und die weltliche Macht des Papstes dort größeres Ansehen gewann; denn viele wohlhabende Städte ergriffen die Waffen gegen ihren adligen Herrn, der sie zuvor, vom Kaiser begünstigt, unterdrückt hatte; und die Kirche unterstützte sie dabei, um ihrer weltlichen Macht zu Ansehen zu verhelfen; in vielen anderen Städten sind Bürger zu deren Fürsten geworden. Da somit Italien fast ganz in die Hände der Kirche und einiger Republiken übergegangen war und weder die Priester noch die Bürger mit der Kriegskunst vertraut waren, fingen sie an, Fremde in Sold zu nehmen. Der erste, der dieser Heeresart Ansehen verlieh, war Albergio von Cunio aus Romagna. Aus seiner Schule gingen unter anderen Braccio und Sforza hervor, die zu ihrer Zeit die Machtverhältnisse Italiens entschieden. Nach diesem kamen alle anderen, die bis in unsere Zeit solche Heere geführt haben. Und das Ergebnis all ihrer Tüchtigkeit war es schließlich, daß Italien von Karl durchquert, von Ludwig geplündert, von Ferdinand überwältigt und von den Schweizern entehrt worden ist. Ihre Vorgehensweise bestand zunächst darin, daß sie der Infanterie ihr Ansehen nahmen, um sich selbst Ansehen zu verschaffen. Sie taten dies, weil sie, ohne Grundherrschaft und allein von ihren Waffenhandwerk lebend, mit wenigen Infanteristen kein Ansehen hätten gewinnen, eine größere Anzahl aber nicht hätte ernähren können; darum beschränkten sie sich auf Reiter, mit denen sie auch bei leidlicher Zahl Unterhalt und Ansehen erlangten. Schließlich war es dahin gekommen, daß es in einem Heer von zwanzigtausend Mann nicht einmal zweitausend Infanteristen gab. Außerdem hatten sie allen Fleiß darauf verwandt, sich und ihren Soldaten Mühe und Furcht zu ersparen, indem sie im Kampf einander nicht töteten, sondern sich gegenseitig gefangennahmen und ohne Lösegeld wieder freiließen; nachts unternahmen sie als Belagerer keine Angriffe und als Belagerte keine Ausfälle; sie umgaben ihr Lager nicht mit Pfahl und Graben, und im Winter blieben sie nicht im Feld. All dies war nach ihren militärischen Regeln erlaubt und war von ihnen ersonnen worden, um – wie gesagt – sich den Mühen und Gefahren zu entziehen: so haben sie Italien in Knechtschaft und Schande gebracht.


[1] Machiavelli, Niccolò, Il Principe / Der Fürst. Italienisch / Deutsch, hg. und übersetzt von Rippel, Philipp, Stuttgart 1986, Kapitel XII, S. 92-103.


Für das Themenportal verfasst von

Heinrich Lang

( 2009 )
Zitation
Heinrich Lang, Krieg zwischen Gewaltmonopol, Privatisierung und Kommerz Niccolò Machiavelli oder die Rückkehr der Condottieri, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2009, <www.europa.clio-online.de/essay/id/fdae-1491>.
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