Körper und Geschlecht

Körper und Geschlecht werden hier in der historischen Analyse Europas als Produkte soziokultureller Praktiken, als Orte gesellschaftlicher Ordnungsversuche und nicht zuletzt politischer Konflikte sichtbar gemacht. Geschlecht ist eine zentrale gesellschaftliche Strukturkategorie, die für die Analyse gegenwärtiger wie vergangener Machtverhältnisse unerlässlich ist. Die Aufgabe der Geschlechtergeschichte besteht darin, Männlichkeit, Weiblichkeit und andere Geschlechterkonzeptionen in ihrem historischen Kontext und Wandel aufzuzeigen. Damit verbunden ist die umfassende Historisierung des Körpers.

Wirtschaft und Umwelt

Europa begreift sich seit jeher als Wirtschaftsraum. Historisch betrachtet haben Handel, Migration und Finanztransaktion erheblich zur Europäisierung beigetragen – wenn man an den Aufstieg der mittelalterlichen Hanse, die europäischen Bankhäuser der frühen Neuzeit oder die schon früh einsetzende Arbeitsmigration denkt. Auch die Europäische Integration nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich vor allem im wirtschaftlichen Bereich entfaltet. Zugleich sind viele der aktuellen Probleme – Umweltverschmutzung, Arbeitslosigkeit oder Staatsverschuldung - nur noch auf der europäischen Ebene zu lösen. In der Rubrik „Wirtschaft und Umwelt“ werden nicht nur wirtschaftshistorische Themen im engeren Sinne behandelt, sondern auch die sich daraus ergebenden politischen und gesellschaftlichen Folgen in den Blick genommen. Dazu zählen die Formen der Selbstbeschreibung – etwa Max Webers Analyse des europäischen Kapitalismus – wie auch die spezifischen Strategien, die Europa zur Bewältigung wirtschaftlicher Krisen entwickelt hat.

Selbst- und Fremdbilder

Als geographischer Raum, als gedachte Ordnung oder politisch-kulturelles Konstrukt ist Europa ein fluides Gebilde, ein work in progress, eine relationale Kategorie, die man nur in ihren sich wandelnden Beziehungen zu anderen Konzepten, Einheiten und Räumen verstehen kann. Die Beiträge dieser Rubrik beziehen sich auf dieses wesentliche Charakteristikum aller Europabegriffe, indem sie die Relevanz von Vorstellungen, Wahrnehmungen, von Selbstbestimmungen und Fremdzuschreibungen für die Konstituierung von Identitäten und Ideen von Europa beleuchten. Dabei geht es um Klischees und Stereotypen, um affirmative und kritische Wertungen, um Abgrenzungen gegen andere, aber auch um innere Grenzziehungen und Blicke von außen, in denen sich Europa, ob als Erfahrungs- und Kommunikationsraum, als Gemeinschaftsbegriff oder politisches Projekt, in vielfältigen Bedeutungen konstituiert.

Krieg und Frieden

Die Geschichte Europas ist reich an Kriegen, die für die Bevölkerung der betroffenen europäischen Regionen oder Länder meist traumatische Ereignisse waren. Generationen an Europäerinnen und Europäer teilten die Erfahrung von Gewalt, Eroberung und Besetzung, von Flucht und Vertreibung, Hunger und Zerstörung und Krankheit und Tod. Trotz der Zerstörungen, die mit den Konflikten verbunden waren, bildeten die innereuropäischen, aber auch die außerhalb Europas, meist im kolonialen Rahmen geführten Kriege als wichtige Momente des Kulturtransfers. Drohende Auseinandersetzungen und Konkurrenzen europäischer Staaten waren darüber hinaus ein wichtiger „Verflechtungsfaktor“, der die Institutionalisierung der europäischen Nationalstaaten beeinflusste. Bei Friedensverhandlungen und -Kongressen versuchten europäische Akteure immer aufs Neue, oft mit zweifelhaftem Erfolg, die europäischen Machtverhältnisse auszubalancieren, um weitere Kriege zu vermeiden. Letztlich geht auch die Europäische Union auf Entwürfe und Ideen eines geeinten und dauerhaft befriedeten Europas nach den Weltkriegen zurück. Die Beiträge dieser Rubrik betrachten in diesem Sinne die vielfältigen Einflüsse, die Kriege und Friedensbemühungen auf die europäische Geschichte besaßen.

Institutionalisierungsprozesse

Der europäische Integrationsprozess ist vor dem Hintergrund der beiden „europäischen“ Weltkriege im 20. Jahrhundert ein langfristiges Friedensprojekt und konkretisiert sich in vielfältigen kulturellen, politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verflechtungen vor allem über Aufbau und Entwicklung gemeinsamer Institutionen. Unter Institutionalisierungsprozessen werden gesellschaftlich anerkannte Mechanismen verstanden, die für wechselnde Akteure in wiederkehrenden Situationen erwartbare Abläufe, Zuständigkeiten bzw. Formen der Kooperation sicherstellen. Institutionen entstehen aus dem Bedürfnis nach Regelmäßigkeit, nach sozialer und kultureller Identität, Entlastung, Steuerung von Handlungsfeldern, Typisierung, Information, Ordnung und Stabilität, benötigen allerdings Akzeptanz und Habitualisierung. Ein wesentlicher Aspekt ist zudem die reflexive Institutionalisierung, wie sie in den Diskussionen über die Phänomene der De-Integration (Euro-Krise, Brexit) oder über Governance in Europa sichtbar wurde. Akzeptanz erwächst u.a. aus der Annäherung von Problemwahrnehmungen, von gesellschaftlichen Normen, von soziokulturellen Mustern und politischen Verfahren. Der europäische Integrationsprozess wurde stets auch vom Wirken nationaler und europäischer Interessengruppen und Parteien begleitet. Die Beiträge in dieser Rubrik behandeln unterschiedliche Facetten der Geschichte dieses europäischen Institutionalisierungsprozesses.

Wissenschaft und Bildung

Seit der Aufklärung ist – im Deutschen – mit den Begriffen Wissenschaft und Bildung ein Versprechen verbunden: Das Versprechen durch rationales Denken und systematisches methodisches Herangehen überkommene, althergebrachte soziale Strukturen und Denkmuster zu durchbrechen und damit zugleich eine tolerante, von Bürgerrechten und gesellschaftlichem Fortschritt getragene Zukunft schaffen zu können. Im Zuge dessen vollzog sich in weiten Teilen Europas eine breite Alphabetisierung durch die Einführung allgemeinbildender Schulen sowie eine geradezu alles umfassende Verwissenschaftlichung der sozialen und natürlichen Welt, die sich mit weitreichenden Deutungs- und Geltungsansprüchen verband – ein Wandel, der bis in die Gegenwart von fundamentalen medialen Umbrüchen begleitet werden sollte. Das so nur knapp evozierte Versprechen der Aufklärung fächerte sich zunehmend auf und erwies sich zugleich aber auch als ambivalent und konfliktbehaftet. So traten schon in der Aufklärung, und hier bereits in der Französischen Revolution, die Janusköpfigkeit, wenn nicht gar Gewalthaftigkeit allumfassender Rationalität und Rationalisierung scharf hervor, und bestimmten so auch das dynamische Werden von Staaten und Nationen und ihr politisches Agieren. Wissenschaft und Bildung erschienen hier zunächst oft national zurückgebunden zu sein, fungierten gleichsam als nationales Projekt. Gleichwohl avancierten sie auch zu einem Teil eines übergreifenden spezifisch europäischen Selbstverständnisses, das sich vor allem in der Abgrenzung gegenüber „Anderen“ entwickelte, die zunehmend sowohl innerhalb als auch außerhalb Europas identifiziert werden sollten. Gerade im Zuge kolonialer Landnahmen fungierten Wissenschaft und Bildung in der Europäischen Geschichte somit nicht unbedingt als emanzipatorische Kraft, im Gegenteil: schließlich entstand insbesondere in der Abgrenzung gegenüber den vermeintlich „Anderen“ eine genuin europäische Überlegenheitsgewissheit, die auch als Herrschaftsanspruch und –legitimation dienen sollte. Mit jenem facettenreichen europäischem Selbstverständnis, das sich in Rückgriff auf Wissenschaft und Bildung entwickelte, setzen sich die Beiträge dieser Rubrik auseinander.

Europäische Kulturen

Die Beiträge in dieser Rubrik behandeln die Geschichte von Hoch-, Populär- und Massenkulturen in Europa. Das besondere Interesse gilt deren Rolle und Bedeutung 1) in Traditionalisierungs- und Modernisierungsstrategien, 2) in den Spannungen zwischen sozialen Gruppen, Klassen und sozio-kulturellen Milieus und 3) in Prozessen der Nationalisierung, Regionalisierung, Europäisierung und Globalisierung sozialer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Beziehungen. Das Spektrum der Themen und Ansätze reicht von der Geschichte der Künste über die Geschichte der Konsumkultur und materiellen Kultur bis zur Geschichte der Alltagskultur in industriellen, städtischen und ländlichen Gesellschaften. Untersucht werden kulturelle Akteure und Felder, Ausdrucksformen, Artefakte, Praktiken, Rituale, Institutionen (Regeln) und Organisationen sowie Prozesse der Herstellung, Vermittlung, Verbreitung, Rezeption und Nutzung kultureller Artefakte, Waren und Leistungen. (Für weitere Dimensionen des Kulturellen siehe u.a. die Rubriken Selbst- und Fremdbilder, Wissenschaft und Bildung, Körper und Geschlecht, Religion, Wirtschaft und Umwelt.)   

Diktatur und Demokratie

Das europäischer „Zeitalter der Extreme“ (E. Hobsbawm) war geprägt vom Durchbruch demokratischer Ordnungen auf der einen und von der harten Durchsetzungskraft von Diktaturen auf der anderen Seite. Im Zuge der Industrialisierung bildeten sich politische Bewegungen heraus, die die alte Macht von Adel und Monarchien in Frage stellten. Aus den gesellschaftlichen Krisen des Ersten Weltkriegs gingen diese Bewegungen scheinbar als Sieger hervor, kam es doch, von Russland ausgehend, in vielen Staaten zu Revolutionen. Doch gewannen in der Russischen Revolution die Bolschewiki die Oberhand, die die Sowjetunion und – nach dem Zweiten Weltkrieg – weite Teile Osteuropas unter ihre diktatorische Herrschaft brachten und den Gesellschaften dort ihre Ordnung aufzwangen. Auch in anderen europäischen Gesellschaften konnte die Demokratie zunächst keine Wurzeln schlagen: Hier, allen voran in Italien und in Deutschland, etablierten sich faschistische bzw. nationalsozialistische Diktaturen. Rassismus, politische Entrechtung und Verfolgung sowie schließlich der NS-Vernichtungskrieg waren die Folge. Während sich unter US-amerikanischem Einfluss das demokratische Ordnungsmodell in (West-)Europa nach 1945 durchsetzen konnte, blieben neben den sozialistischen Staaten in Ost-/Ostmitteleuropa auch autoritäre Regime im Süden des Kontinents bis in die 1970er Jahre bestehen. Hermetisch geschlossen waren die Grenzen zwischen Diktaturen und Demokratien indes nicht: Wirtschafts-, Kultur- und Sportkontakte, politische Verbindungen sowie die wechselseitige Wahrnehmung rissen immer wieder Löcher in den „Eisernen Vorhang“.

Europäische Gesellschaften

Die Beiträge in dieser Rubrik behandeln Prozesse der Vergesellschaftung in Europa anhand exemplarischer Dimensionen und Konflikte und auf unterschiedlichen Maßstabsebenen, d.h. auf der lokalen, regionalen, nationalen und grenzüberschreitenden europäischen Ebene. Schwerpunktthemen sind die Institutionalisierung und Organisation sozialer Beziehungen in staatlich verfassten Gesellschaften sowie grenzüberschreitenden Netzwerken. Konkret geht es um die Geschichte sozialer Positionen, Rollen, Lagen, Hierarchien und Ungleichheiten in der Arbeit und Freizeit, die Geschichte sozialer Bewegungen, Klassen, Schichten und sozio-kultureller Milieus sowie die Geschichte der Geselligkeit und des Vereinswesens, von Interessenverbänden und des Sozialstaats. (Für weitere Dimensionen des Sozialen siehe u.a. die Rubriken Institutionalisierung Europas, Verräumlichungen, Selbst- und Fremdbilder, Körper und Geschlecht, Wirtschaft und Umwelt.)   

Europa in der Welt

Die Beiträge in dieser Rubrik erhellen die vielfältigen Beziehungen, die Europäer und Europäerinnen (also in Europa lebende Menschen unterschiedlichster Herkünfte) mit Akteuren in anderen Weltgegenden unterhalten haben. Bei der vorgeblich fremden Welt handelt es sich die Konstruktion einer binären Opposition zwischen dem Europäischen und dem Nichteuropäischen. Dies schließt die Frage nach den Wirkungen und Projektionen ein, die von Europa ausgehen, aber der Schwerpunkt liegt auf dem Beitrag, den das Nichteuropäische an der europäischen Geschichte hat und wie es zu diesem Beitrag kam. Damit werden Interaktionen, kulturelle Transfers und Zirkulationen in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, die eine lange Tradition des konzeptionellen Eurozentrismus kritisch zu betrachten erlauben. Statt eines Denkens in Kreisen, deren innerer Europäisierung umfasst und deren äußerer als Globalisierung (mithin als von außen herangetragenen Zumutung) beschrieben wird, kommt es uns darauf an, die lange Geschichte einer engen Verflechtung dieser beiden Vorgänge sichtbar und am Quellenmaterial nachvollziehbar zu machen.

Verräumlichungen

Verräumlichungsprozesse prägen soziale Interaktionen. Grenzziehungen, Inklusion und Exklusion betonen ebenso die räumliche Dimension wie die Herausbildung von Enklaven, speziellen Zonen und Regionen. Nachdem die Geschichtswissenschaft lange Zeit ein besonderes Interesse für Territorialisierungen und die damit einhergehenden Staats- und Nationsbildungsprozesse hegte, widmet sie sich nunmehr verstärkt jenen Vorgängen, die einzelne Territorien transzendieren. Sie konzipiert diese als transnationale, transregionale und transkulturelle Prozesse, die häufig als Zeichen rezenter Globalisierung verstanden werden, aber bei näherem Hinsehen oftmals eine lange Geschichte aufweisen. Europäisierung, die in diesem Portal im Mittelpunkt steht, ist selbst eine sehr wirkmächtige Verräumlichung, der unser Interesse in dieser Rubrik ebenso wie der wachsenden Vielfalt weiterer solcher Prozesse gilt.

Erinnerungskulturen in Europa

Das Europäische an Europa sind Herrmann Heimpel zufolge seine historischen Nationen und entsprechend sind die Erinnerungskulturen des Halbkontinents primär national geprägt. Gemeinsam ist diesen nationalen Erinnerungskulturen das Spannungsfeld zwischen familiärem und privatem Gedächtnis einerseits und geschichtspolitischen Maximen und Initiativen staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure andererseits. Von nationenübergreifender Prägewirkung sind überdies in Ostmitteleuropa die Erinnerung an den Kommunismus sowjetischer Observanz, im westlichen und nördlichen Europa diejenige an die nationalsozialistische Besatzungspolitik. Hingegen keine transnationale Bindewirkung entfaltet das zahlreichen Nationalstaaten gemeinsame koloniale Erbe samt Erinnerung an Kolonialverbrechen. Hier wirkt das Gedenken an den osmanisch-türkischen Genozid an den Armeniern europaweit als Surrogat. Die auf eine EU-weite Erinnerungskultur zielenden Initiativen Brüssels wie etwa der Europäische Gedenktag an die Opfer von Nationalsozialismus und Stalinismus hat im Unterschied zum von den Vereinten Nationen initiierten Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts kaum Wirkung entfaltet.

Religionsgeschichte

Die vergesellschaftende Kraft der Religion steht im Zentrum des Interesses der Beiträge dieser Rubrik. Religion prägt Weltverständnisse und Alltagsvernunft. Sie schafft und kappt Verbindungen, schließt zusammen und grenzt ab. Religion tritt daher in ein spannungsreiches Verhältnis zu Ideen von „Nation“, „Volk“ oder „Europa“. Das Christentum mit seinem Missionsauftrag hat darüber hinaus das Verhältnis Europas zur Welt in der Neuzeit geprägt und langlebige Selbst- und Fremdbilder hervorgebracht. Von der religiösen Praxis, aber auch vom politischen und wissenschaftlichen Umgang mit Religion her beobachten die Autorinnen und Autoren die Bewegungen religiöser Akteure und Ideen im europäischen Raum und darüber hinaus, ihre Wandlungen und Wirkungen.

Recht

Die Beiträge in dieser Rubrik behandeln die Geschichte rechtlicher Formen, Verfahren und Praktiken sowie Begründungen in Europa von der Frühen Neuzeit bis heute. Sie analysieren Funktionen und Wirkungen von Recht in den inneren und äußeren Beziehungen europäischer Gesellschaften, Staaten und Rechtsräumen. Die Entwicklung des Rechts und des gesellschaftlichen Umgangs mit diesem wird anhand ausgewählter Probleme und exemplarischer Konflikte mit Hilfe vergleichender und transfergeschichtlicher Ansätze auf der regionalen, nationalen und übernationalen Maßstabsebene untersucht. Unter rechts- und europageschichtlichen Gesichtspunkten sind Fragen der Verbreitung, Homogenisierung, Ausdifferenzierung, Rezeption, Abgrenzung und Vermischung von Rechtskulturen (Systemen und Praktiken) von besonderem Interesse.